Neu im Kino/Filmkritik: „Er ist wieder da“ und die Massen jubeln

Oktober 8, 2015

Der Adolf ist wieder da. Also, für alle, die ihm begegnen, ist er nicht der echte Adolf Hitler. Denn der ist ja seit 1945 tot. Heute, 2015, kann es sich daher nur um einen Spinner oder einen Komiker, der Method Acting auf die Spitze treibt, handeln. Allerdings, und das ist die ziemlich grandiose (wenn auch nicht neue) Prämisse von Timur Vermes‘ Bestseller und jetzt David Wnendts freier Verfilmung des Buches, ist dieser Adolf Hitler der echte Adolf Hitler, der plötzlich aus dem Nichts in Berlin auftaucht, sich über die Gegenwart wundert und, nachdem ein notleidender TV-Reporter ihn durch ganz Deutschland begleitete und filmte, schnell als Komiker durch die Sender gereicht wird. Ein großer Teil des Humors entsteht aus dem Aufeinandertreffen von Hitler, seinen Ansichten und der deutschen Gegenwart, die ganz anders ist als das Deutschland, das er kannte.
Dazu gibt es eine ziemlich gelungene Mediensatire über die Kämpfe in einem Sender und die Reaktionen auf der Straße und in TV-Shows auf Adolf Hitler. Seinen ersten Auftritt vor einem großen Publikum hat er mit einer improvisierten Rede über das Fernsehen in der fiktiven Privatsender-Show „Krass Alter“ mit Michael Kessler als Moderator. Danach tritt Hitler bei Frank Plasberg, Jörg Thadeusz und im Circus HalliGalli, im lockeren Gespräch mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, auf.
Und dann gibt es noch, während des gesamten Films, viele Begegnungen von Adolf Hitler auf der Straße mit ganz normalen Menschen. Sie wollen vor dem Brandenburger Tor ein Selfie mit ihm machen. Sie reagieren, wenn er seine Wäsche in einer Wäscherei abgibt, überhaupt nicht; – was auch an dem typischen Berliner Leben-und-leben-lassen-Einstellung liegt. Und sie stimmen Hitlers Ansichten zu. Teilweise ungefragt; – was aber niemand, der schon einmal mit ganz normalen Menschen sprach oder an einem Wahlkampfstand den Tiraden der Wähler lauschte, erstaunt. Diese dokumentarischen Teile, in denen Hitler-Darsteller Oliver Masucci in seiner Rolle improvisieren musste, verleihen der Satire dann auch eine realistische Grundierung, die auf den gesamten Film abfärbt. Denn auch in den anderen Teilen wirken die Dialoge immer natürlich und die Schauspieler stolpern nicht steif durch das Bild oder versuchen krampfhaft witzig zu sein. Am Ende ist kaum noch zu erkennen, was im Drehbuch stand und was improvisiert ist und dann radikal zusammengeschnitten wurde. So hatte Wnendt nachdem er im Sommer 2014 mit Masucci als Hitler und einem kleinen Team durch Deutschland gefahren war, 380 Stunden Filmmaterial, das für den Film auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurde.
Allerdings erzählt „Er ist wieder da“ auch nichts, was man nicht schon in anderen Satiren oder Mockumentaries, wie „Borat“ oder „Muxmäuschenstill“, gesehen hat. In der kleinen Independent-Produktion „Muxmäuschenstill“ brauchten Regisseur Markus Mittermaier und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg vor elf Jahren für ihre Bestandsaufnahme der deutschen Wirklichkeit keinen Hitler-Wiedergänger, sondern nur einen biederen jungen Mann im Anzug, der als selbsternannter Blockwart für Ideale und Verantwortungsbewusstsein auf die Straße ging und die Massen begeisterte.
Insgesamt ist „Er ist wieder da“, angesichts der vielen Fallen des Themas, ein überraschend gelungener Film, der allerdings mit zwei Stunden für eine satirische Mockumentary zu lang geraten ist. Zu oft plätschert Wnendts Film ziellos vor sich hin, indem er einfach die Ereignisse chronologisch und ohne dramaturgischen Fokus erfasst. Da hätte ich mir eine stärkere Zuspitzung gewünscht. Immerhin gibt Katja Riemann eine beängstigend glaubwürdige Mischung aus Eva Braun und Leni Riefenstahl ab und das Ende, wenn Hitler über seine Zukunft sinniert, während wir Bilder aus aktuellen Nachrichtensendungen sehen, ist eine eindeutige Warnung.

Er ist wieder da - Plakat

Er ist wieder da (Deutschland 2015)
Regie: David Wnendt
Drehbuch: David Wnendt, Mizzi Meyer
LV: Timur Vermes: Er ist wieder da, 2012
mit Oliver Masucci, Fabian Busch, Christoph Marria Herbst, Katja Riemann, Franziska Wulf, Lars Rudolph, Michael Kessler, Michael Ostrowski, Gudrun Ritter, Christoph Zrenner, Frank Plasberg, Jörg Thadeusz, Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf
Länge: 116 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Er ist wieder da“
Film-Zeit über „Er ist wieder da“
Moviepilot über „Er ist wieder da“
Wikipedia über „Er ist wieder da“
Perlentaucher über „Er ist wieder da“
Meine Besprechung von David Wnendts „Kriegerin“ (Deutschland 2012)
Meine Besprechung von David Wnendts „Feuchtgebiete“ (Deutschland 2013)


TV-Tipp für den 8. Oktober: Pina – tanzt, tanzt sonst sind wir verloren

Oktober 8, 2015

ZDF Kultur, 20.15

Pina – tanzt, tanzt sonst sind wir verloren (Deutschland 2010, Regie: Wim Wenders)

Drehbuch: Wim Wenders

Spielfilmlange poetisch-stimmungsvolle Liebeserklärung an die 2009 verstorbene Choreographin Pina Bausch. Im Zentrum stehen vier Inszenierungen der Künstlerin, die vom Wuppertaler Tanzensemble auch abseits der Theaterbühne präsentiert werden.

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Pina“

Wikipedia über „Pina“ und Pina Bausch

Homepage von Wim Wenders

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Wim Wenders in der Kriminalakte

–

Bonushinweis

Ab dem 15. Oktober ist Wim Wenders‘ neuer Film „Every Thing will be fine“ (mit James Franco, Rachel McAdams und Charlotte Gainsbourg als Blu-ray (auch in der 3D-Fassung) und DVD erhältlich.

Digital gibt es ihn schon seit dem 1. Oktober.

 


DVD-Kritik: Höre nicht auf „The Voices“!

Oktober 7, 2015

Zum Filmstart schrieb ich über den neuen Film der „Persepolis“-Regisseurin:
Der Trailer verrät eines: „The Voices“ ist kein „kann man sich ansehen“-Film. Er kann nur grandios sein. Unklar ist nur, ob er grandios grandios oder nur grandios gescheitert ist.
Denn Marjane Satrapis Film ist eine äußerst schwarzhumorige Komödie, die uns direkt in den Kopf von Norman Bates hineinversetzt. Wobei Norman Bates hier Jerry heißt, in einer Kleinstadt in Michigan in einer Fabrik für Sanitärbedarf als kleiner Arbeiter arbeitet, immer freundlich ist, sich, während die pinkfarbenen Gabelstapler ein Ballett auführen, sein Leben in den buntesten Bonbonfarben ausmalt, und seiner Psychotherapeutin treuherzig versichert, dass er selbstverständlich die von ihr verschriebenen Pillen nimmt, von seiner Schizophrenie geheilt ist, schon erste Freundschaften bei der Arbeit geschlossen hat, das Betriebsfest mitorganisieren darf und niemand etwas von seiner Vergangenheit weiß.
Das klingt doch sehr beruhigend und ziemlich normal; wenn er sich in seiner billigen Junggesellenwohnung nicht mit Bosco und Mr. Whiskers unterhalten würde. Bosco ist ein gutmütiger, sensibler und vernünftiger Hund. Mr. Whiskers eine sarkastische, komplett amoralische Katze, die mit ihren zynischen Sprüchen Jerry unverblümt als kleinen, feigen Wurm abkanzelt.
Diese Gespräche gingen ja noch, wenn nicht Jerrys erstes Quasi-Date mit der Firmenbuchhalterin Fiona grotesk aus dem Ruder laufen würde. Am Ende ist sie, verursacht durch einige Missverständnisse und einen dummen Zufall, tot. Jerry lagert ihren Kopf, der sich mit ihm unterhält, im Kühlschrank zwischen und das ist nicht der letzte weibliche Kopf, der in seinem Kühlschrank landet. Denn Fionas Kolleginnen sind neugierig und Jerry ist ja, in seiner Selbstwahrnehmung, so sympathisch als Junggeselle in einer blitzeblanken Wohnung, der Fiona gerne ihren Wunsch nach etwas Gesellschaft erfüllt.
Marjane Satrapi (Persepolis, Huhn mit Pflaumen) inszenierte die schwarze Komödie über einen scheinbar harmlosen Serienmörder über große Strecken im Stil einer Fünfziger-Jahre-Hollywood-Komödie oder eines Disney-Films, bis dann irgendwann die Wirklichkeit einbricht und wir Jerrys Wohnung (und die Welt) nicht mehr aus seiner subjektiven, sondern aus der objektiven Perspektive sehen.
Und Ryan Reynolds (The Nines, Buried, Safe House, Green Lantern und irgendwann demnächst Deadpool) spielt diesen Mörder mit einem veritablen Sprung in der Schüssel als höflichen Jungen von nebenan. So wie Anthony Perkins Norman Bates als höflichen, von seiner Mutter unterdrückten Jungen spielte. Jerry wird dagegen von einem Kater drangsaliert. Was ist schlimmer?
„The Voices“ ist ein grandioser Film. Jedenfalls wenn euch der Trailer und die Idee von sprechenden Tieren und Köpfen gefällt.

Das Bonusmaterial der DVD ist mit drei kurzen Featurettes, die es auch online gibt, erschreckend sparsam ausgefallen.
Immerhin gibt es, auch wenn es das inzwischen öfter gibt, eine Audiodeskription für Sehbehinderte.
Bosco würde sagen, wichtig sei schließlich der Film.
Mr. Wiskers…

The Voices - DVD-Cover

The Voices (The Voices, USA/Deutschland 2014)
Regie: Marjane Satrapi
Drehbuch: Michael R. Perry
mit Ryan Reynolds, Gemma Arterton, Anna Kendrick, Jacki Weaver, Ella Smith, Paul Chahidi, Stanley Townsend ,Adi Shankar, Sam Spruell
–
DVD
Ascot Elite
Bild: 2.39:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: 3 Featurettes, Originaltrailer, Deutscher Trailer, Teaser, Wendecover, Audiodeskription für Sehbehinderte
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

–

Hinweise
Englische  Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Voices“
Moviepilot über „The Voices“
Metacritic über „The Voices“
Rotten Tomatoes über „The Voices“
Wikipedia über „The Voices“

Meine Besprechung von Marjane Satrapis „The Voices“ (The Voices, USA/Deutschland 2014)


TV-Tipp für den 7. Oktober: Inspektor Jury: Mord im Nebel

Oktober 7, 2015

ZDF, 20.15
Inspektor Jury: Mord im Nebel (Deutschland/Irland 2015)
Regie: Florian Kern
Drehbuch: Günter Knarr
LV: Martha Grimes: Help the poor struggler, 1985 (Inspektor Jury lichtet den Nebel)
Inspektor Jury soll in einem typisch englischem Provinzkaff in der Grafschaft Dorset den Mord an einem Mädchen aufklären. Noch bevor er so richtig mit seinen Ermittlungen beginnen kann, wird ein Junge ermordet und der Scotland-Yard-Inspektor befürchtet, während er Motiv und Täter sucht, weitere Kindermorde.
Auch der zweite „Inspektor Jury“-Krimi ist eine hoffnungslos gescheiterte, unwitzige Krimikomödie die niemals den richtigen Ton findet und an die schlimmsten „Derrick“-Erinnerungen, abgeschmeckt mit schlechten Edgar-Wallace-Filmen und Heinz-Erhardt-Blödel-Tiefsinn. „Mord im Nebel“ ist sogar so absurd schlecht, dass man noch nicht einmal neugierig auf die für die Verfilmung veränderte Vorlage wird.
Eine Verschwendung von Geld, Talent und Zeit.
mit Fritz Karl, Götz Schubert, Arndt Schwering-Sohnrey, Katharina Thalbach, Cornelia Ivancan, Marc Ben Puch, Aaron Monaghan, Ayana Ledl
Wiederholung: Donnerstag, 8. Oktober, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

ZDF über „Inspektor Jury: Mord im Nebel“

Homepage von Martha Grimes

Krimi-Couch über Martha Grimes

Goldmann: Martha-Grimes-Special

Wikipedia über Martha Grimes (deutsch, englisch)

Berühmte Detektive über Richard Jury

 


„Batman“ und „Gotham Central“ – Superheld und normale Polizisten – und ein ordentlicher Ed-Brubaker-Nachschlag

Oktober 6, 2015

Gotham City ist Batmans Stadt und wenn wir sie besuchen, ist er normalerweise gerade damit beschäftigt, einige Bösewichter zu verkloppen.
In ihren „Batman“-Comics erzählen Autor Scott Snyder und Zeichner Greg Capullo seit 2011 die Geschichte von Bruce Wayne neu. In „Jahr Null – Die geheime Stadt“, dem vierten „Batman“-Sammelband nach dem Neustart, der vor allem die „Batman“-Hefte 21 bis 24 enthält, erzählen sie von Batmans erster Begegnung mit der Red-Hood-Gang, der es gelingt, ganz normale Bewohner von Gotham City zu Schwerverbrechern zu machen. Batman sucht den Kopf der Bande, was wegen ihrer Verkleidung gar nicht so einfach ist. Vor allem, weil Bruce Wayne an seinem Batman-tum zweifelt.
Das ist, wie die vorherigen Snyder/Capullo-“Batman“-Geschichten, ein feiner Comic, der sich überhaupt nicht mit der Frage beschäftigt, was die normalen Polizisten von Batman halten. Denn natürlich nimmt er ihnen immer wieder die Arbeit ab und sie stehen dumm rum. Im besten Fall dürfen sie den Verkehr umlenken und die Scherben aufkehren.
Ed Brubaker und Greg Rucka fragten sich vor fast fünfzehn Jahren, wie die ehrlichen Polizisten damit umgehen, dass Batman sie immer wieder als Deppen da stehen lässt. Also erfanden sie die Serie „Gotham Central“, die es immerhin auf vierzig Hefte brachte, die zwischen Dezember 2002 und April 2006 erschienen, mehrere Preise erhielt (unter anderem einen Eisner Award) und die bei den Kritikern beliebt, aber niemals ein Verkaufsschlager war. Dennoch basiert die in den USA erfolgreiche Serie „Gotham“ (ich glaube, bei uns läuft sie nicht so gut) auf der gleichen Prämisse.
Jetzt erschien der erste „Gotham Central“-Sammelband „In Erfüllung der Pflicht“ und er ist genau das, was man von Ed Brubaker und Greg Rucka erwarten kann: gut abgehangener Noir, der sich der bekannten Klischees bedient und sie gelungen in die Gegenwart und eine spannende Geschichte transportiert.
Eigentlich besteht der Sammelband aus zwei, lose miteinander verknüpften Geschichten. In „In Erfüllung der Pflicht“ tötet Mr. Freeze bei einem Routineeinsatz einen Polizisten. Seine Kollegen wollen ihn schnappen und herausfinden, was Mr. Freeze plant.
In „Motiv“ suchen sie den Mörder eines entführten Mädchens.
Im Mittelpunkt der beiden spannenden Geschichten steht dabei die Arbeit der Detectives, die einfach ihren Job machen wollen und sich ärgern, dass Batman sie immer dumm da stehen lässt. Ist ja auch nervig, wenn ein Superheld jede Nacht sein Ego ausführt und nach Lust und Laune Verbrecher vermöbelt.
Der zweite „Gotham Central“-Band ist für Ende Dezember angekündigt.

A propos Ed Brubaker: Von ihm sind auch noch einige neuere Werke, die schon vor einiger Zeit erschienen sind und die ich bislang nicht abfeierte, erhältlich. Es sind die Bände 2 und 3 seiner grandiosen Noir-Serie „Fatale“, gezeichnet von seinem Buddy Sean Phillips. Und der Abschluss seiner „Captain America“-Geschichte „Der Tod von Captain America“.
Der zweite „Fatale“-Sammelband „Hollywood Babylon“ spielt vor allem in den Siebzigern und bietet all das, was wir spätestens seit James Ellroy mit Los Angeles assoziieren: Hollywood, perverse Sexfilme und ein Satanistenkult.
Im sommerlichen Los Angeles von 1978 stolpert Miles, ein erfolgloser Schauspieler bei einer Party, die von der Method-Kirche organisiert wird, mitten in einen Tatort. Suzy hat Bruder Stane erschlagen und bevor die Sekte sie umbringt, flüchten sie in die benachbarte Villa der zurückgezogen lebenden Miss Josephine. Sie ist, wie wir aus dem ersten „Fatale“-Band wissen, ein Vampir, der von dem Sektenführer gesucht wird. Und dann geht es noch um ein äußerst wertvolles Buch.
Der dritte „Fatale“-Sammelband „Westlich der Hölle“ besteht aus vier Geschichten, die 1936 in Texas (Der Fall Alfred Ravenscroft), 1286 in Frankreich (Eine schöne Art zu Sterben), 1883 in Colorado (Auf dunklen Pfaden) und 1943 in den südlichen Karpaten (Nur einen flüchtigen Blick entfernt) spielen. Es sind schöne Variationen bekannter Topoi zwischen Hexenverfolgung, Wilder Westen und Weltkrieg-II-Abenteuer, die auch einige weitere Hintergründe über die Femme Fatale im Wandel der Jahrhunderte verraten.
Eigentlich müsste Panini langsam weitere „Fatale“-Bücher veröffentlichen. Denn in den USA schrieben Ed Brubaker und Sean Phillips seitdem emsig weitere Geschichten.
Die dreiteilige Geschichte „Der Tod von Captain America“ ist eine der frühen „Captain America“-Geschichten von Ed Brubaker. Er schrie von 2005 bis 2012 Geschichten mit Captain America, der inzwischen ja durch die Verfilmungen auch bei uns allgemein bekannt ist.
Nach dem Tod von „Captain America“ Steve Rogers versinkt Amerika immer mehr im Chaos. Sein Freund und Kriegskamerad Bucky Barnes wird inzwischen in der Zentrale von Red Skull, dem großen Bösewicht, einer Gehirnwäsche unterzogen. Bucky, auch bekannt als KGB-Killer Wintersoldat (jaja, ist auf den ersten Blick alles etwas verwirrend), kommt frei und er will sich an den Mördern seines Freundes rächen. In dem Moment ahnt er noch nicht, dass alles ein Komplott ist und er die Arbeit des Bösewichts, der die Macht über die USA erlangen will, erledigen soll.
„Der Tod von Captan America“ ist mit seinen vielen Komplotten und Seitenwechsel ein spannender Thriller, in dem wir auf viele alte Bekannte (auch bekannt aus den Filmen) stoßen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass Brubaker hier eine Auftragsarbeit verrichtet, bei der er sich innerhalb bestimmter Regeln bewegen und verschiedene Rücksichten nehmen muss. Obwohl natürlich das Umbringen von Captain America, dem Helden der Serie, ein ziemlich rücksichtsloser Akt ist.
Und dann den Wintersoldaten zum Captain-America-Nachfolger aufzubauen; – das hat schon etwas.

Snyder - Batman - Jahr Null - Die geheime Stadt - 2Brubaker - Rucka - Gotham Central 1 - 2

Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Jahr Null – Die geheime Stadt (Band 4)
(übersetzt von Steve Kups)
Panini, 2015
172 Seiten
16,99 Euro
–
Originalausgabe
Bright New Yesterday (Batman 0)
DC Comics, November 2012
Zero Year – Secret City: Part 1 – 3; Zero Year – Dark City: Part 1 (Batman # 21 – 24)
DC Comics, August – Dezember 2013
–
Ed Brubaker/Greg Rucka: Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)
(übersetzt von Christian Heiss)
Panini, 2015
124 Seiten
14,99 Euro
–
Originalausgabe
Gotham Central # 1 – 5
DC Comics 2003
–

Brubaker - Fatale 2 - 2Brubaker - Fatale 3 - 2
Ed Brubaker/Sean Phillips: Fatale: Hollywood Babylon (Band 2)
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2013
140 Seiten
16,95 Euro
–
Originalausgabe
Fatale # 6 – 10
Image, Juni – November 2012
–
Ed Brubaker/Sean Phillips: Fatale: Westlich der Hölle (Band 3)
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2014
104 Seiten
16,99 Euro
–
Originalausgabe
Fatale # 11 – 15
Image, Januar 2013 – Mai 2013
–

Brubaker - Der Tod von Captain America 2 - 2Brubaker - Der Tod von Captain America 3 - 2
Ed Brubaker/Steve Epting/Butch Guice/Mike Perkins: Der Tod von Captain America (Band 2)
(übersetzt von Reinhard Schweizer)
Panini, 2014
144 Seiten
14,99 Euro
–
Originalausgabe
Captain America: The Burden of Dreams, Part 1 – 6 (# 31 – 36)
Marvel, Dezember 2007 – Mai 2008
–
Ed Brubaker/Steve Epting/Roberte De La Torre/Luke Ross: Der Tod von Captain America (Band 3)
(übersetzt von Reinhard Schweizer)
Panini, 2014
148 Seiten
14,99 Euro
–
Originalausgabe
Captain America: The Man who bought America, Part 1 – 6 (# 37 – 42)
Marvel, Juni 2008 – November 2008
–

Hinweise

Meine Besprechung von Scott Snyder/Stephen King/Rafael Albuquerques (Zeichner) „American Vampire – Band 1“ (American Vampire, Vol. 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Mateus Santoloucos “American Vampire – Band 2″ (American Vampire, Vol. 6 – 11, 2010/2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Danijel Zezeljs “American Vampire – Band 3″ (American Vampire, Vol. 12 – 18, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Sean Murphys “American Vampire – Das Überleben des Stärkeren, Band 4″ (American Vampire: The Survival of the Fittest, 2011)

“A Criminal Blog” (über “Criminal”)

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 6 – Unschuld“ (Criminal: The Last of the Innocent, Vol. 1 – 4, 2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner) „Incognito 2: Schlechter Einfluss“ (Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5, 2010/2011)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips‘ „Fatale: Den Tod im Nacken (Band 1)“ (Fatale # 1 – 5, 2012)

Ed Brubaker in der Kriminalakte

Comic Book Resources: Interview mit Ed Brubaker über „Fatale“ (8. Mai 2012)

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Greg Rucka in der Kriminalakte


Cover der Woche

Oktober 6, 2015

Freeman - Laster und Tugend


TV-Tipp für den 6. Oktober: Union fürs Leben

Oktober 6, 2015

RBB, 22.45
Union fürs Leben (Deutschland 2014)
Regie: Frank Marten Pfeiffer, Rouven Rech
Drehbuch: Frank Marten Pfeiffer, Rouven Rech
Äußerst sympathischer Film für Union-Fans, Fußballfans und Nicht-Fußballfans, der anhand der Porträts einiger Fans des kultigen Vereins „1. FC Union Berlin“ etwas über seine bewegte Geschichte (in der DDR war er ein Systemgegner-Verein, heute ist er der sympathische Underdog), seine alle Altersstufen und sozialen Schichten überschreitenden Fans und ihr großes Zusammengehörigkeitsgefühl mit dem Verein schildert; – wobei das natürlich Punkte sind, die für eigentlich jeden Fußballverein zutreffen. Auch ohne alljährliches Adventssingen.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Chris Lopatta, Mario Czaja, Christopher Quiring, Stefan Schützler, Alexander Grambow

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Union fürs Leben“
Moviepilot über „Union fürs Leben“


„Blood & Bone“, Mord & Totschlag

Oktober 5, 2015

Peterson - Blood & Bone - 2

Mark Petersons zweiter Kriminalroman mit Detective Sergeant Minter ist wie ein deutscher TV-Krimi. Und das ist kein Lob. Denn nach dem Mord in den ersten Minuten, beziehungsweise auf den ersten Seiten, gibt es Szenen über Szenen, von denen keine die Handlung erkennbar voranbringt, die aber die Zeit zwischen Mord und Aufklärung so lange füllen, bis in den letzten Minuten der Kommissar den Mörder überführt, weil die neunzig Minuten gleich um sind. Als Kritiker kann man jetzt gerade die Prämisse erwähnen („Eine verstümmelte Frauenleiche wird am Bahnhof in einem Koffer gefunden. Die Polizei ermittelt.“) oder fast die gesamte Handlung verraten, weil man erklärt, wie die einzelnen Szenen und Subplots miteinander oder eben nicht miteinander zusammen hängen.
Ein Beispiel gefällig? In Mark Petersons „Blood & Bone“ erfahren wir viel über die Frühstücksmoderatorin Abi Martin, ihre Sendung, ihre geplanten Verhandlungen über eine Vertragsverlängerung, später über ihren Freund und, noch später, über ihr Verhältnis zu ihrer dreizehnjährigen Tochter. Warum das irgendwie für die Mordermittlung von Minter und seinem Vorgesetzten DCI Tom Beckett, die herausfinden wollen, warum jemand in Brighton junge Frauen ermordet und verstümmelt, wichtig sein kann, erfahren wir nicht. Wir erahnen es noch nicht einmal. Peterson füllt hier einfach nur Seiten mit Banalitäten, die klassisches „Seiten, die der Leser überblättert“-Material sind. Auf Seite 159 verschwindet dann Morgans Tochter (sagt jedenfalls ihr Freund am Telefon) und endlich ergibt dieser Subplot, auch wenn die Ermittlungen der Polizei erst langsam anlaufen, einen Sinn.
Der geübte Krimileser vermutet natürlich einen Zusammenhang zwischen den Morden und der verschwundenen Dreizehnjährigen. Er plottet schon einmal weiter, während eine andere Polizeieinheit durch die normale Ermittlungsroutine bei einem verschwundenen Teenager geht, die mit dem Mordfall nichts zu tun hat, aber weitere Seiten füllt. Ach ja: bevor Vicky Reynolds, die Opferberaterin der Polizei, zu diesem Einsatz gerufen wird, trifft sie sich mit ihrer Mutter für ein Mutter-Tochter-Gespräch. Mit den Kriminalfällen hat das nichts zu tun. Es ist nur die klassische Szene, in der wir erfahren, was der Ermittler vor seiner Arbeit getan hat und die uninteressantes Füllmaterial ist.
In dem Moment haben wir schon über die Hälfte des Romans gelesen, aber in der Hauptgeschichte gibt es bislang außer mehreren Leichen, über die wir nichts wissen, und einem paranoid-schizophrenem Verdächtigen, der es aufgrund seiner Krankheit nicht gewesen sein kann, keinen Verdächtigen und auch keinen Ermittlungsansatz. Kurz: die Polizei stochert im Nebel, während wir schon dank der Rückblenden, die 1992 in Oxford beginnen, ahnen, dass Martin Blackthorn, ein Biochemie-Student, und John Slade, ein empathiefreier Zehnjähriger, wohl irgendetwas mit den Morden zu tun haben. Und, ja, sie haben etwas damit zu tun. Was von dem in der zweiten Hälfte des 350-seitigen Buches in epischer Langatmigkeit ausgebreiteten Entführungsfall nicht behauptet werden kann.
Die Serienmorde und deren Auflösung interessieren Peterson in der zweiten Romanhälfte nicht mehr sonderlich. So lässt er die Mordermittlungen mal schlappe fünfzig Seiten links liegen und, nachdem eine weiter Frauenleiche gefunden wird, beschäftigt er sich, nach drei Seiten, wieder, fünfzehn Seiten, mit irgendwelchen Ermittlungen über die Herkunft von Martins Tochter. Denn vielleicht hat ihr spurloses Verschwinden etwas mit ihrem wahren Vater, einem anonymen Samenspender, zu tun.
Wer jetzt glaubt, dass Mark Peterson die verschiedenen Handlungsstränge zu einer überraschenden Lösung zusammenführen wird, wird enttäuscht. Das Privatleben der Ermittler wird ja sowieso nur ausgebreitet, um im nächsten Roman weiter erzählt zu werden. Ein weiterer Subplot mit einem korrupten Kollegen von Minter hätte man, wie die gesamte Entführungsgeschichte streichen können. Immerhin ist die Jagd noch einem Serienmörder, der der Polizei täglich eine neue Leiche präsentiert, eigentlich romanfüllend.
Die wenigen Verbindungen zwischen den einzelnen Plots sind eher zufällig und gewollt; auch wenn man „Blood & Bone“ als typischen Polizeiroman mit mehreren, parallelen Fällen betrachtet. Das ist er, dank der konsequenten Missachtung der Polizeiarbeit, ebenfalls nicht. Das Ende ist dann holterdipolter und weil die Täter mit ihrer Überführung auch gleich das Zeitliche segnen, erfahren wir nichts Wesentliches über ihre Motive.
–
Mark Peterson: Blood & Bone
(übersetzt von Karen Witthuhn)
rororo, 2015
352 Seiten
10,99 Euro
–
Originalausgabe
A Place of Blood and Bone
Orion Books, 2013


TV-Tipp für den 5. Oktober: Eine merkwürdige Karriere

Oktober 4, 2015

Arte, 20.15
Eine merkwürdige Karriere (Frankreich 1981, Regie: Pierrre Granier-Deferre)
Drehbuch: Christopher Frank, Pierre Granier-Deferre, Jean-Marc Roberts
LV: Jean-Marc Roberts: Affaires Etrangères, 1979
Ein glücklich verheirateter Angestellter, der gar nicht an die große Karriere denkt, erliegt den Verführungskünsten seines neuen Chefs.
„Eine Studie über Abhängigkeit, von dem Routinier Granier-Deferre überraschend subtil inszeniert.“ (Fischer Film Almanach 1984)
„Ein zurückhaltend und kühl inszeniertes, hervorragend gespieltes Drama um die Beeinflußbarkeit menschlichen Verhaltens, um Anpassung und Selbstaufgabe, sowie die Verführbarkeit durch die Aussicht auf Karriere und Macht.“ (Lexikon des internationalen Films)
Ein extrem selten gezeigtes, erschreckend aktuelles Drama.
mit Michel Piccoli, Gérard Lanvin, Nathalie Baye, Jean-Pierre Kalfon, Jean Francois Balmer
auch bekannt als „Eine unglaubliche Karriere“ (Kinotitel) und „Eine merkwürdige Geschichte“ (Titel der ZDF-Synchronisation von 1986)
Wiederholung: Montag, 12. Oktober, 13.45 Uhr
Hinweise
Arte über „Eine merkwürdige Karriere“
AlloCine über „Eine merkwürdige Karriere“
Wikipedia über „Eine merkwürdige Karriere“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 4. Oktober: Kommissar Beck: Mord in Zimmer 302

Oktober 4, 2015

ZDF, 22.00
Kommissar Beck: Mord in Zimmer 302 (Schweden/Deutschland 2015, Regie: Mårten Klingberg)
Drehbuch: Mikael Syrén
Erfinder: Jörgen Bergmark
LV: Charaktere von Maj Sjöwall und Per Wahlöö
Im Hotelzimmer 302 wird die 18-jährige Denise tot aufgefunden. Kommissar Martin Beck (Peter Haber, sehr gealtert), Gunvald Larsson (Mikael Persbrandt) und ihr Team suchen den Mörder unter den zahlreichen verdächtigen.
„Mord in Zimmer 302“ ist der erste von vier neuen „Kommissar Beck“-Fällen, die das ZDF an den kommenden Sonntagen zeigt.
Der Auftakt hält, nach einer sechsjährigen Pause, das Niveau der früheren Fälle und ist ein unaufgeregter, angenehmen altmodischer Whodunit, bei dem die realistisch geschilderten Ermittlungsarbeiten im Vordergrund stehen. Und es ist schön, endlich einmal Verhörszenen zu sehen, in denen die Polizisten nicht als brüllende Derwische durch den Raum toben, sondern ruhig ihre Fragen stellen. Halt wie es sich für gehört, wobei Beck und Larsson fast schon zu ruhig sind.
Mit Peter Haber, Mikael Persbrandt, Ingvar Hirdwall, Rebecka Hemse, Måns Nathanaelson, Anna Asp, Elmira Arikan, Jonas Karlsson, Åsa Karlin, Anu Sinisalo, Sofia Zouagui, Niklas Hjulström, Rikard Björk, Filip Berg, Mikaela Ardai Jennefors
Wiederholung: Montag, 5. Oktober, 00.50 Uhr (Taggenau)
Hinweise
ZDF über „Kommissar Beck“
Wikipedia über „Kommissar Beck“, Maj Sjöwall, Per Wahlöö und ihre Romane


Buch- und TV-Tipp für den 3. Oktober: B-Movie – Das wilde West-Berlin der 80er Jahre (aka B-Movie – Lust & Sound in West-Berlin)

Oktober 2, 2015

Arte, 21.50
B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Mark Reeder kommt 1979 von Manchester nach Berlin, der Stadt seiner Träume. Er stürzt sich in das Nachtleben und begegnet dort einer pulsierenden Szene von Künstlern und Spinnern. In „B-Movie“ blickt er äußerst kurzweilig auf die Zeit zwischen 1979 und 1989 zurück.
Dabei gelang es ihm und den Filmemachern Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange eine unglaubliche Menge auch obskurer zeitgenössischer Film- und Tonaufnahmen zu beschaffen, die sie zu einer ebenso wilden, wie kurzweiligen und, dank Reeders selbstironischem Humor und nimmermüder Begeisterung, ämusanten und informativen Collage über ein pophistorisch noch nicht aufgearbeitetes Jahrzehnt zusammenstellten.
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit
Wiederholung: Sonntag, 11. Oktober, 01.40 Uhr (Taggenau!)
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Das Buch zum Film

Reeder - B Book - 250
Druckfrisch – und daher auch nur begeistert durchgeblättert:
Pünktlich zur TV-Ausstrahlung, DVD/Blu-ray- und Doppel-LP/CD-Veröffentlichung erschien auch das „B-Book – Lust und Sound in West-Berlin“. In dem großformatigen Bildband (mit hundert ebenso seltenen, wie erhellenden Aufnahmen) erzählt Reeder von seinem ersten Jahrzehnt in Berlin. Anscheinend handelt es sich dabei, mit kleineren Ergänzungen, um den kurzweiligen und äußerst informativen Filmkommentar, der in deutsch und englisch abgedruckt ist.
Und dann die Bilder! Neben den bekannten Gesichtern von/mit Nena, Nina Hagen, Inga Humpe, den Ärzten, den Einstürzenden Neubauten, und Underground-Stars gibt es Bilder von dem damaligen, herrlich abgeranzten Berlin, das es heute nicht mehr gibt.
Da wünscht man sich eine Zeitmaschine.
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Mark Reeder: B-Book – Lust und Sound in West-Berlin
Edel, 2015
224 Seiten
39,95 Euro
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Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jörg A. Hoppe/Klaus Maeck/Heiko Langes „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Wuff! „Max“ ist ein toller Army-Hund

Oktober 2, 2015

Fans von Actionfilmen, die auch den Abspann lesen, werden bei „Max“ zwei interessante Namen finden: Boaz Yakin und Sheldon Lettich. Yakin hat „The Rookie“ und „Die Unfassbaren – Now you see me“ geschrieben und, nach seinem Drehbuch, „Safe – Todsicher“ inszeniert, Lettich hat „Bloodsport“ und „Rambo III“ geschrieben und, nach seinem Drehbuch, „Geballte Ladung“ inszeniert. Gut, das sind nicht die unumstrittenen Meisterwerke des Genres, aber sie machen schon neugierig auf „Max“. Yakin inszenierte den Film nach einem gemeinsam mit Lettich geschriebenem Drehbuch, das auf wahren Ereignissen basieren soll. Aber das wird inzwischen ja bei jedem zweiten Film gesagt. Die anderen sind von Marvel.
Jedenfalls ist der titelgebende „Max“ ein Malinois, ein belgischer Schäferhund, der als Militärhund in Afghanistan Sprengstoff suchte. Bei einem Kampfeinsatz stirbt sein Hundeführer Kyle Wincott und damit seine Bezugsperson. Zurück in den USA nimmt Kyles Vater Ray, selbst ein verwundeter Kriegsveteran, den kriegstraumatisierten Hund auf. Denn er sei ein Teil der Familie und die Wincotts würden auf ihre Familie aufpassen. Kyles pubertierender Bruder Justin, der von Max akzeptiert wird, soll sich um Max kümmern. Widerwillig übernimmt Justin die Aufgabe, die dank der schönen Carmen, die viel von Hunden versteht, plötzlich eine höchst attraktive Seite hat.
Als Tyler Harne, Kyles bester Freund und Kampfgefährte, bei den Wincotts auftaucht, wird er vom Familienoberhaupt sofort in die Familie aufgenommen. Nur Max reagiert agressiv. Und natürlich hat er, wie Justin schnell erfährt, den richtigen Riecher.
„Max“ ist ein Jugendfilm, der tief im Revier von „Lassie“ wildert, und ihn mit einer pathetisch konservativen Moral abschmeckt, in der Familie, Militär und Staat ungebrochen hochgehalten werden. Dieser hier auch christlich geprägte Konservatismus aus einer vergangenen Zeit war schon in „American Sniper“ befremdlich. In einem Jugendfilm, auch wenn er einen ethnisch bunt gemischten Cast hat und Ray Wincott kein Rassist ist, wirkt er noch befremdlicher. Er zeigt aber auch, wer heute zur US-Armee geht. Yakin vertieft allerdings die Frage, was dieser Konservatismus mit einer Post-9/11-Militärlaufbahn zu tun hat, nicht. Ebenso umschifft er alle anderen möglichen Tiefen seiner Geschichte zugunsten einer banalen Abenteuergeschichte, die auch gut in einem „Fünf Freunde“-Film aufgehoben wäre.
Wenn man darüber hinwegsehen kann, ist „Max“ ein vorherhsehbarer, aber gut gemeinter, durchaus unterhaltsamer und auch durchaus sympathischer Film für pubertierende Hundeliebhaber, die nicht schon wieder einen „Lassie“-Film sehen wollen.

Max - Plakat

Max (Max, USA 2015)
Regie: Boaz Yakin
Drehbuch: Boaz Yakin, Sheldon Lettich
mit Thomas Haden Church, Josh Wiggins, Luke Kleintank, Lauren Graham, Robbie Amell, Mia Xitlali, Dejon LaQuake, Jay Hernandez, Owen Harn
Länge: 111 Minuten
FSK: ?
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Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Max“
Moviepilot über „Max“
Metacritic über „Max“
Rotten Tomatoes über „Max“
Wikipedia über „Max“
Meine Besprechung von Boaz Yakins „Safe – Todsicher“ (Safe, USA 2012) (und der DVD)


Neu im Kino/Filmkritik: „Alles steht Kopf“ in dem neuen Pixar-Film

Oktober 2, 2015

Lange hat es gedauert, bis der neue Pixar-Film „Alles steht Kopf“ bei uns anläuft. Der US-Kinostart war nämlich schon am 19. Juni und alle loben einhellig den Trickfilm, der für Erwachsene eine etwas zu episodische und vorhersehbare Geschichte erzählt. Aber der Film ist ja für Kinder gemacht. Erwachsene dürfen ihn sich auch ansehen und sie werden erstaunt sein, was die Macher dem Publikum zumuten. Denn die Geschichte dient nur dazu, ein gutes Dutzend psychologischer, soziologischer und philosophischer Theorien und Erkenntnisse über unseren Verstand und wie er funktioniert zu präsentieren, ohne sie besonders zu vereinfachen.
Pete Docter („Die Monster AG“, „Oben“) und Co-Regisseur Ronnie del Carmen, der ebenfalls schon lange bei Pixar ist, vertrauen einfach darauf, dass ihre Zuschauer es verstehen werden. Dafür lassen sie die Geschichte vor allem im Kopf der elfjährigen Riley spielen. Sie ist gerade mit ihren Eltern aus dem ländlichen Minnesota in die Großstadt gezogen. Die Wohnung in San Francisco ist eine Bruchbude. In der Schule kennt sie niemanden und eigentlich will sie nur zurück zu ihren Freunden.
In diesem Moment verlagert sich die Geschichte in ihren Kopf und wir sehen, wie ihre Emotionen und Handlungen gesteuert werden und wozu Erinnerungen da sind. Für die verschiedenen Emotionen – Freude, Angst, Wut, Ekel und Kummer – wurden Personen erfunden, die diese Eigenschaften in Reinkultur verkörpern. So ist ‚Wut‘ immer wütend, ‚Freude‘ immer fröhlich, ‚Angst‘ ängstlich. Vor jeder Handlung von Riley streiten sie untereinander. Die Filmemacher zeigen also, welche Prozesse in unserem Gehirn ablaufen, bevor wir irgendetwas tun und wie die verschiedenen Emotionen unsere Handlungen beeinflussen. Sie zeigen auch, was passiert, wenn plötzlich bestimmte Emotionen fehlen. Denn durch ein dummes Missgeschick von Kummer (die sich für vollkommen überflüssig hält und entsprechend lust- und antriebslos durch den Film schlurft) wird eine Veränderung bei den Kernerinnerungen hervorgerufen. Die Kernerinnerungen sind die für unsere Persönlichkeit besonders prägenden Erinnerungen. Wenn sie verschwinden, würde auch Rileys Persönlichkeit verschwinden. Freude will das verhindern. Aber es kommt noch schlimmer. Sie und Kummer werden vom Hauptquartier, wo die fünf Emotionen gemeinsam Entscheidungen treffen, in das Röhrensystem in Richtung Langzeitgedächtnis gesaugt. Von dort versuchen sie den Weg zurück zu finden und Rileys Kernerinnerungen zu schützen. Auf ihrem Weg besuchen sie verschiedene Teile von Rileys Verstand. Unter anderem treffen sie Bing Bong, einen schon lange vergessenen imaginären Freund von Riley aus Kindertagen, das Fantasieland und das Abstrakte Denken.
Währenddessen versuchen die im Hauptquartier verbliebenen Emotionen Wut, Ekel und Angst Rileys Leben zu steuern, was für Probleme sorgt.
„Alles steht Kopf“ zeigt, wie unser Verstand arbeitet. Das ist natürlich äußerst kurzweilig präsentiert und, wenn man den neuesten Pixar-Film mit anderen Filmen vergleicht, die explizit für ein jüngeres Publikum gemacht sind (wobei auch Erwachsene sich „Alles steht Kopf“ ohne einen einzigen Fremdschäm-Anfall ansehen können), kann man den Film kaum genug loben.

Alles steht Kopf - Plakat

Alles steht Kopf (Inside Out, USA 2015)
Regie: Pete Docter, Ronnie del Carmen
Drehbuch: Pete Docter, Meg LeFauve, Josh Cooley (nach einer Idee von Pete Docter und Ronnie del Carmen)
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
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Hinweise
Englische Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Alles steht Kopf“
Moviepilot über „Alles steht Kopf“
Metacritic über „Alles steht Kopf“
Rotten Tomatoes über „Alles steht Kopf“
Wikipedia über „Alles steht Kopf“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „A Royal Night – Ein königliches Vergnügen“ für die Queen

Oktober 2, 2015

Natürlich basiert „A Royal Night – Ein königliches Vergnügen“ auf einer wahren Begebenheit, die für den Film, weil man von dieser wahren Begebenheit eigentlich nichts weiß, kräftig ausgeschmückt wurde bis von der wahren Begebenheit nur noch die Inspiration für einen Film blieb, der auch ohne die wahre Begebenheit funktioniert. Also: am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation und der entsprechenden Siegesfeiern, verließen Prinzessin Elizabeth (seit Jahrzehnten bekannt als Königin Elizabeth II) und Prinzessin Margaret, damals neunzehn und vierzehn Jahre alt, den Buckingham Palast. Sie gingen, begleitet von einem kleinen Hofstaat, zu einem Tanz in das Hotel Ritz und waren kurz nach Mitternacht wieder zu hause.
In „A Royal Night – Ein königliches Vergnügen“ verlassen die supervernünftige Elizabeth (Sarah Gadon) und die hemmungslos vergnügungssüchtige Margaret (Bel Powley) durch einige dumme Zufälligkeiten das Ritz. Elizabeth sucht nun, mitten in Londons feiernden Massen ihre jüngere Schwester. Dabei trifft sie auf den Soldaten Jack (Jack Reynor), der Elizabeth selbstlos hilft. Denn sie hat kein Geld und sie kennt sich in London nicht aus. Vor allem nicht im London der kleinen Leute. Jack erkennt die künftige Königin nicht.
Julian Jarrold, der neben historischen Filmen, wie „Wiedersehen mit Brideshead“, „Geliebte Jane“ und „Great Expectations“, auch die grandiose David-Peace-Verfilmung „Red Riding: Yorkshire Killer 1974“ inszenierte, orientiert sich in seinem neuen Film an den Screwball-Komödien der fünfziger Jahre und selbstverständlich war „Ein Herz und eine Krone“ (Roman Holiday, USA 1953) eine der Inspirationen für „A Royal Night“, der ein rundum harmloser und geschmackvoller Spaß für queentreue Royalisten ist.
Das hat durchaus gelungene Momente, aber letztendlich handelt es sich um eine unbedeutende historische Episode, die höchstens weiter zur Legendenbildung beiträgt. Denn Prinzessin Elizabeth taumelt als besorgte und überragend vernünftige große Schwester, ohne sich jemals von der Feierlaune anstecken zu lassen, durch die Stadt und alle Menschen sind in diesem Kulissenlondon furchtbar nett.

A Royal Night - Plakat

A Royal Night – Ein königliches Vergnügen (A Royal Night Out, Großbritannien 2015)
Regie: Julian Jarrold
Drehbuch: Trevor de Silva, Kevin Hood
mit Sarah Gadon, Bel Powley, Rupert Everett, Emily Watson, Jack Reynor, Jack Laskey, Jack Gordon
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A Royal Night“
Moviepilot über „A Royal Night“
Rotten Tomatoes über „A Royal Night“
Wikipedia über „A Royal Night“
Meine Besprechung von Julian Jarrolds „Red Riding: Yorkshire Killer 1974“ (Yorkshire Killer 1974, Großbritannien 2009)


TV-Tipp für den 2. Oktober: Banklady

Oktober 2, 2015

Arte, 20.15
Banklady (Deutschland 2013)
Regie: Christian Alvart
Drehbuch: Christoph Silber, Kai Hafemeister
Bonnie & Clyde in der deutschen Version.
Ein überraschend gelungener Gangsterfilm, der, mit viel Sixties-Flair, die vergessene Geschichte von Deutschlands erster Bankräuberin Gisela Werner erzählt.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Nadeshda Brennicke, Charly Hübner, Ken Duken, Andreas Schmidt, Hein Hoenig, Henny Reents, Niels Bruno Schmidt, Heinz Struck

Wiederholung: Sonntag, 4. Oktober, 09.20 Uhr

Hinweise
Film-Zeit über „Banklady“
Moviepilot über „Banklady“
Wikipedia über die echte Banklady Gisela Werler

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Banklady“ (Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Christian Alvarts „Halbe Brüder“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Der grandiose Drogenthriller „Sicario“

Oktober 1, 2015

Das, wofür Don Winslow zuletzt in „Das Kartell“ über achthundert Seiten und eine sich über ein Jahrzehnt mäandernde Geschichte brauchte, erzählt Denis Villeneuve in seinem hochspannenden Action-Thriller „Sicario“ innerhalb von zwei Stunden anhand einer auf den ersten Blick eher kleinen Episode im mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg.
Kate Macer (Emily Blunt), FBI-Expertin für Geiselbefreiungen, stößt bei einem Einsatz zufällig auf ein Kartellhaus. In den Wänden stapeln sich die Leichen. Eine Sprengfalle tötet mehrere ihrer Kollegen.
Danach erhält sie das Angebot, in dem Team von Matt Graver (Josh Brolin) mitzuarbeiten. Graver versichert ihr, dass sie mit seiner Hilfe gegen die Hintermänner, die für den Tod ihrer Kollegen verantwortlich sind, vorgehen kann. Sie könne das Drogenübel an der Wurzel packen. Macer ist einverstanden – und sie betritt eine Welt, in der die normalen Regeln der Polizeiarbeit nicht mehr gelten.
Ihren ersten Einblick in Gravers Welt erhält sie bei einer Gefangenenüberstellung von Juárez in die benachbarte USA. In dem Autokonvoi ist neben Graver und etlichen schwer bewaffneten Männern, die auf den ersten Blick mehr Erfahrung im Kampf in Kriegsgebieten als mit der regulären Polizeiarbeit haben, auch Alejandro (Benicio Del Toro), ein südamerikanischer Ex-Staatsanwalt mit dunkler Vergangenheit. Genau wie Graver sagt er ihr nur das Nötigste und es ist immer unklar, ob sie ihr die Wahrheit sagen, Wichtiges verschweigen oder sie einfach belügen.
Schockiert beobachtet sie bei der Rückfahrt in die USA, wie einige Drogen-Killer, während sie im Stau vor der Grenze stehen, sie überfallen wollen. Aber Gravers Männer sind schneller. Skrupellos töten sie am helllichten Tag auf offener Straße alle, die sie bedrohen oder ihre Mission gefährden könnten. Danach verlassen sie, entgegen allen Regeln der Polizeiarbeit, die von Macer bislang akribisch befolgt wurden, den Tatort.
Diese Überstellung des mexikanischen Gefangenen ist nur der erste Schritt auf Macers Weg in die Finsternis, in das Land der Wölfe, wie es mal halbpoetisch genannt wird. Denn Graver, der mal sagt, er arbeite für die CIA, und seine Männer kümmern sich, im Gegensatz zu Macer, herzlich wenig um Recht und Gesetz. Bei ihnen zählt nur die Effektivität bei ihrer Jagd nach einem Drogenboss.
Denis Villeneuve, zuletzt „Enemy“, zeigt wieder einmal, dass er keine Lust hat, den gleichen Film zweimal zu drehen. Dieses Mal inszenierte er einen knallharten Thriller, der eine kleine Episode aus dem schon seit Jahrzehnten andauernden, erfolglosen Drogenkrieg erzählt. Die nur auf den ersten Blick geradlinige und einfache Geschichte wird schnell zu einem breiten Panorama des Krieges an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, bei dem alle moralischen Gewissheiten verschwinden und der genau deshalb zum Nachdenken anregt.
Das macht „Sicario“ zum Action-Polit-Thriller für den denkenden Menschen, der sich über die gelungene Verknüpfung von grandiosen, hochspannenden Action-Szenen, auch dank der Kamera von Veteran Roger Deakins und der effektiven Musik von Jóhann Jóhannsson, treffender politischer Analyse, genauem Einblick in eine für uns fremde Welt und dem Aufwerfen vielfältiger moralischer Fragen freut. Denn in dem Film hat jeder gute Gründe für seine Taten. Ob wir am Ende in Macers oder Alejandros Welt leben wollen, müssen wir selbst beantworten. All das sichert „Sicario“ einen Platz in meiner Jahresbestenliste; – wenn ich dazu komme, eine solche zu erstellen.
„Sicario“ kann, auch weil Benicio Del Toro eine ähnliche Rolle spielt (jedenfalls können wir uns mit einigen kleineren gedanklichen Verrenkungen vorstellen, dass der „Traffic“-Polizist Javier Rodríguez heute Alejandro ist), als Fortsetzung von „Traffic – Macht des Kartells“ (USA 2000, Regie: Steven Soderbergh) gesehen werden. So wie Soderberghs Film vor fünfzehn Jahren eine Bestandsaufnahme des Scheiterns des US-amerikanischen „war on drugs“ war, ist „Sicario“ eine aktualisierte Bestandsaufnahme dieses inzwischen grandiosen Scheiterns, die zeigt, wie sehr sich, im Schatten des „wars on terror“, die Lage verschlimmerte und der Drogenkrieg jegliches Maß verlor.
Als Ergänzung zu „Sicario“ empfehle ich die ab 6. Oktober als VoD erhältliche (ansehbare?) und in einigen Kinos laufende Doku „Cartel Land“ von Matthew Heineman. Er porträtiert den Ex-Soldaten Tim ‚Nailer‘ Foley, Anführer einer Bürgerwehr gegen mexikanische Einwanderer und Drogenkuriere in Arizona, und Doktor José ‚El Doctor‘ Mireles, Anführer der Autodefensas, einer Gruppe Bürger, die sich im mexikanischen Bundesstaat Michoacan gegen die Macht der dortigen Drogenkartelle wehren. Mit einem überraschendem Ergebnis.

Sicario - Plakat

Sicario (Sicario, USA 2015)
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Taylor Sheridan
mit Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin, Victor Garber, Jon Bernthal, Daniel Kaluuya, Jeffrey Donovan, Raoul Trujillo, Julio Cedillo, Hank Rogerson, Bernardo P. Saracino, Maximiliano Hernández
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Amerikanische Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sicario“
Moviepilot über „Sicario“
Metacritic über „Sicario“
Rotten Tomatoes über „Sicario“
Wikipedia über „Sicario“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Enemy“ (Enemy, Kanada/Spanien 2013)

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Die Cannes-Pressekonferenz


Die KrimiZeit Bestenliste Oktober 2015

Oktober 1, 2015

Für die immer länger werdenden Nächte empfehlen die Herren der KrimiZeit (die niemals auf die tarnende Sonnenbrille verzichten):
1 (1) Friedrich Ani: Der namenlose Tag
2 (2) Dror Mishani: Die Möglichkeit eines Verbrechens
3 (-) William McIlvanney: Fremde Treue
4 (-) James Lee Burke: Glut und Asche
5 (-) Åke Edwardson: Marconipark
6 (-) Antonio Ortuño: Die Verbrannten
7 (4) Andreas Kollender: Kolbe
8 (10) Michael Robotham: Um Leben und Tod
9 (-) Seamus Smyth: Spielarten der Rache
10(–) Michael Fehr: Simeliberg
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In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat
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Einiges liegt auch auf meiner Zu-Lesen-Liste. Vor allem natürlich Seamus Smyth (Pulp Master!!!), William McIlvanney (der dritte Laidlaw-Roman), James Lee Burke (obwohl der so dick ist) und Friedrich Ani (immer noch).


TV-Tipp für den 1. Oktober: Finsterworld

Oktober 1, 2015

Arte, 23.15
Finsterworld (Deutschland 2013)
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
Perfekte Einstimmung auf die Feierlichkeiten zur Einheit. Denn Frauke Finsterwalder und Christian Kracht toben sich in ihrem Episodenfilm so richtig gemein in deutschen Befindlichkeiten (echten und falschen, alten und neuen) aus. Denn das „Finsterworld“-Deutschland ist ein aus der Zeit gefallenes Deutschland voller gestörter Charaktere, die sich auf die Nerven gehen und die sich letztendlich in ihrer Tristesse gut eingerichtet haben.
Das ist zwar nicht durchgehend gelungen, hat aber erfrischend wenig mit den gängigen deutschen Komödien zu tun; was schon einmal eine gute Sache ist.
mit Johannes Krisch, Michael Maertens, Margit Carstensen, Sandra Hüller, Ronald Zehrfeld, Corinna Harfouch, Bernhard Schütz, Christoph Bach, Carla Juri, Leonard Scheicher, Jakub Gierszal, Max Pellny, Markus Hering, Dieter Meier

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Finsterworld“
Moviepilot über „Finsterworld“
Wikipedia über „Finsterworld“
Die Zeit: Ijoma Mangold unterhält sich mit Christian Kracht über „Finsterworld“ (10. Oktober 2013)

Meine Besprechung von Frauke Finsterwalders „Finsterworld“ (Deutschland 2013)


Was sie schon immer über „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

September 30, 2015

Kettlitz - Edmond Hamilton - 2

Hardy Kettlitz, der Autor von „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“, lernte den Science-Fiction-Autor, wie viele Jugendliche Anfang der achtziger Jahre durch die japanische Zeichentrickserie „Captain Future“ kennen. In ihr kämpfen Curtis Newton, genannt Captain Future und ein echter Alleskönner (für die Jüngeren: „Iron Man“ Tony Stark, aber nicht so arrogant egozentrisch), und seine Vertrauten, das lebende, alles wissende Gehirn Professor Simon Wright, befreit von allen körperlichen Beschränkungen, Android Otho, der seine Gestalt verändern kann, Roboter Grag, der gerne ein Mensch wäre, und die wunderschöne, wunderschöne Joan Randall auf verschiedenen Planeten im Sonnensystem gegen Verbrecher. Durch die Serie erlebte Edmond Hamilton, der bereits 1977 verstorben war, eine Renaissance. Bastei-Lübbe veröffentlichte die „Captain Future“-Romane. Teilweise erstmals. Es gab Comics und etliche andere Merchandise-Artikel.
Dabei schrieb Hamilton (21. Oktober 1904 – 1. Februar 1977) nicht nur die „Captain Future“-Romane, sondern zahlreiche weitere Space Operas und Kurzgeschichten, die fast alle, mit einer weitgehenden Missachtung jeglicher wissenschaftlichen Plausibilität, zum Science-Fiction-Genre gehören. Das war und ist nicht Hohe Literatur, sondern Pulp, der allerdings Spaß macht und Jungs zu Leseratten macht.
In seiner lesenswerten Monographie stellt Kettlitz vor allem die Romane und Erzählungen von Hamilton, die auf Deutsch erschienen, kurz vor. Denn insgesamt schrieb Hamilton fast dreihundert Geschichten, die fast alle zuerst in einem der damals populären Magazine erschienen. Der Schwerpunkt von „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ liegt dabei mit insgesamt gut achtzig Seiten auf Hamiltons bekanntestem Helden, dem schon genannten Captain Future. Zwischen 1940 und 1944 erschienen siebzehn „Captain Future“-Romane in den gleichnamigen Heften. Hamilton schrieb fünfzehn (zwei als Brett Sterling). 1945 und 1946 erschienen in „Startling Stories“ drei weitere „Captain Future“-Geschichten, von denen Hamilton zwei schrieb. 1950 und 1951 schrieb Hamilton, ebenfalls in „Startling Stories“, sieben kürzere „Captain Future“-Erzählungen. Kettlitz stellt sie alle kurz vor. Es gibt außerdem die ersten beiden Kapitel des ersten „Captain Future“-Romans, die Hamilton auf Wunsch seines Verlegers überarbeitete. Der ursprüngliche Text erschien erstmals 1971 in „Pulp“.
Es gibt ein im Februar 1975 mit Hamilton geführtes Interview, in dem er einige interessante Einblicke in das Geschäftsgebaren der Pulp-Magazine gibt. Es gibt eine ausführliche Bibliographie, die allerdings bei den Golkonda-Ausgaben der „Captain Future“-Geschichten schwächelt. Das liegt auch daran, dass „Edmond Hamilton – Autor von Captain Future“ erstmals 2003 als „Edmond Hamilton – Weltenzerstörer und Autor von Captain Future“ (SF Personality 13) erschien und 2012 für eine erweiterte und ergänzte Neuausgabe im Shayol Verlag (dem Vorläufer von Golkonda) veröffentlicht wurde. Und es gibt ein erstmals im Oktober 2011 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschienenes Essay von Dietmar Dath über Edmond Hamilton und Captain Future.
„Edmond Hamilton“ ist ein gewohnt liebevoll gestaltetes und sehr informatives Buch, das vor allem zum Blättern einlädt und, wenigstens bei mir, den Wunsch weckte, wieder einen „Captain Future“-Roman, die ja dank Golkonda in schönen Ausgaben wieder erhältlich sind, oder eine andere naive Weltraumoper zu lesen.
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Hardy Kettlitz: Edmond Hamilton – Autor von Captain Future
Memoranda/Golkonda, 2015
208 Seiten
16,90 Euro
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Hinweise

Golkonda über Hardy Kettlitz

Meine Besprechung von Hardy Kettlitz‘ „Die Hugo-Awards 1953 – 1984“ (2015)

Wikipedia über Edmond Hamilton (deutsch, englisch) und Captain Future (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edmond Hamiltons “Captain Future: Die Herausforderung” (Captain Future’s Challenge, 1940)

Meine Besprechung von Edmond Hamiltons „Captain Future: Der Triumph“ (The Triumph of Captain Future, 1940)


TV-Tipp für den 30. September: Hotel Ruanda

September 29, 2015

Arte, 20.15
Hotel Ruanda (Südafrika/Großbritannien/Italien/Kanada 2004, Regie: Terry George)
Drehbuch: Keir Pearson, Terry George
Ruanda, 1994: Mitten während des Völkermordes der Hutu an den Tutsi versucht Paul Rusesabagina, Manager des in der Hauptstadt gelegenen 113-Zimmer Vier-Sterne-Luxushotels Les Milles Collines, den Hotelbetrieb aufrecht zu erhalten. Seine Gäste: Über 1200 Hutu und Tutsi, die um ihr Leben fürchten.
Starkes, auf wahren Ereignissen basierendes Drama.
„Ein überzeugender Film, dem der Balanceakt zwischen historischer Rekonstruktion und bewegender Erzählung souverän gelingt.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Don Cheadle, Sophie Okonedo, Nick Nolte, Joaquin Phoenix, Desmond Dube, David O’Hara
Wiederholung: Freitag, 2. Oktober, 00.40 Uhr (Taggenau!)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Hotel Ruanda“
Wikipedia über „Hotel Ruanda“ (deutsch, englisch)