TV-Tipp für den 17. August: George Gently – Der Unbestechliche: Chinas letzter Job

August 16, 2014

ZDF, 22.00

George Gently – Der Unbestechliche: Chinas letzter Job (Großbritannien 2011, Regie: Gillies Macckinnon)

Drehbuch: Peter Flannery

Erfinder: Peter Flannery

LV: Charakter von Alan Hunter

Nordengland, 1966: Als Inspector George Gently seinen dem Alkohol zugeneigten Informanten China (der ihm bei etlichen früheren Fällen half) zum letzten Mal sah, gab er ihm Geld und riet ihm, sein Leben in Ordnung zu bringen. Einige Monate später ist China tot. Gently sieht sich die Polizeiberichte an, stößt auf Widersprüche und in ein Wespennest von Jugend- und Polizeigewalt in der Provinz.

Nachdem „Tödliches Verlangen“ zu sehr den bekannten Rätselkrimipfade folgte, ist „Chinas letzter Job“ (wobei der Originaltitel „Goodbye China“ wesentlich melancholischer und zutreffender ist) wieder ein gewohnt guter George-Gently-Krimi, in dem der Umgang mit auffälligen Jugendlichen, das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, der Umgang mit Behinderten und der Umgang der Polizei mit gesellschaftlichen Problemen thematisiert werden in einer Gesellschaft, in der die Prügelstrafe noch existierte und Behinderte weggesperrt wurden. Auch George Gently steht am Ende vor einer schwierigen Entscheidung.

Ein fantastischer Krimi und eine schöne Abschiedsvorstellung für China.

mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Tony Rohr, Dean Lennox Kelly, Neil Pearson

Wiederholung: Montag, 18. August, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Fantastic Fiction: Bibliographie Alan Hunter

BBC über George Gently (Pressematerial zu „George Gently“)

ZDF über George Gently

Telegraph: Interview mit Martin Shaw und Lee Ingleby zu „George Gently“ (5. Juli 2008)

Wikipedia über “George Gently – Der Unbestechliche”(deutsch,englisch)

Meine Besprechung von „George Gently – Der Unbestechliche“ (Staffel 1)

Meine Besprechung von „George Gently – Der Unbestechliche“ (Staffel 2 und 3)


TV-Tipp für den 16. August: Liedestoll – Das Konzert

August 16, 2014

3sat, 22.35

Liedestoll – Das Konzert

Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager und Liedermacher Konstantin Wecker singen Wecker-Lieder, Jazz-Songs und Arien. Das hört sich doch nach einem echten Crossover an.


Neu im Kino/Filmkritik: Ken Loach besucht „Jimmy’s Hall“

August 14, 2014

Das war’s. „Jimmy’s Hall“ sei sein letzter Film. Der 1936 geborene Ken Loach will keinen weiteren Film mehr inszenieren und wer kann ihm das in seinem Alter verübeln? Aber schon jetzt, während ich diese Besprechung schreibe, merke ich, wie sehr uns in den nächsten Jahren seine Stimme fehlen wird. Denn „Jimmy’s Hall“ vereint wieder einmal und jetzt auch zum letzten Mal all seine Themen. Es ist eine Geschichte der kleinen Leute, ein Aufruf zum Selbstbewusstsein und Widerstand und ein sehr menschlicher Film, der das Herz auf dem rechten Fleck (was bei Loach „links“ heißt) hat. Es ist daher auch eine Gesellschaftsanalyse und dieses Mal wieder ein Beitrag zur Geschichtsschreibung. Es ist ein erbaulicher, Mut machender und zum Aktivismus aufrufender Film, der dabei nie den agitatorischen Ton einer Parteitags- oder Demonstrationsrede anstimmt.

Ken Loach erzählt, nach einem Drehbuch von Paul Laverty, mit dem er seit „Carla’s Song“ (1996) zusammenarbeitete, die Geschichte des 1886 geborenen Jimmy Gralton, der 1932 nach einem zehnjährigen Zwangsexil wegen revolutionärer Umtriebe aus den USA in seine irische Heimat, die Grafschaft Leitrim, zurückkehrt. Jetzt will der kämpferische Sozialist nur in Ruhe leben und sich um den Hof und seine Mutter kümmern.

Aber schon bald fragen ihn die Jugendlichen, ob er die „Pearse-Connolly Hall“ wieder aufbauen will. Diese Halle war ein Gemeindezentrum, in dem getanzt, gelacht, gelesen, unterrichtet und Sport getrieben wurde. Es war ein Ort, der den Menschen das gab, was die Kirche und der Staat ihnen nicht gaben.

Zehn Jahre später, bei seiner Rückkehr, hat sich daran, trotz der Kämpfe der vergangenen Jahre, nichts geändert. Schnell liegt Jimmy Gralton, nach dem Wiederaufbau der Halle, wieder im Clinch mit den Landbesitzern und den Geistlichen, die bei jeder Predigt gegen die unmoralischen und unchristlichen Umtriebe in der Pearse-Connolly Hall wettern und von der Kanzel die Namen der Besucher der Tanzhalle verkünden. Neu sind nur die Jazz-Schallplatten und Tänze, die Gralton aus den USA mitbrachte.

James ‚Jimmy‘ Gralton gab es wirklich. Er war am 13. August 1933 ohne einen Prozess als illegaler Einwanderer aus seiner Heimat ausgewiesen worden. Das ging, weil er auch einen US-amerikanischen Pass hatte und die Machthaber sich so elegant eines Problems entledigen konnten. Anschließend wurden auch die Akten zu dem Vorgang vernichtet.

„Jimmy’s Hall“ nimmt sich, auch weil es nur wenige Dokumente über Gralton gibt, Freiheiten. So ist die Liebesgeschichte historisch nicht verbürgt und Gralton gründete gleich nach seiner Ankunft eine Revolutionäre Arbeitsgruppe, die Teil eines Netzwerkes war, aus dem eine neue kommunistische Partei entstand. Der Wiederaufbau der Pearse-Connolly Hall ging dann allerdings, wie auch im Film, auf Bitten der örtlichen Jugendlichen zurück, die nicht mehr auf der Straße tanzen wollten.

Loachs Film ist daher kein Biopic, sondern eine Geschichte, die auch in einem Pub oder einer Tanzhalle bei einigen Pint Bier erzählt werden könnte mit klar konturierten Charakteren und Konflikten (wobei Loach sich auf den Konflikt zwischen Gralton und der katholischen Kirche konzentriert), ohne didaktische Dialoge und erhobenen Zeigefinger, aber mit Herz, Witz und einem aufbauendem Ende. Dabei spitzen Laverty und Loach die Konflikte im teilweise arg betulich vor sich hin plätscherndem Film nicht so zu, wie es möglich wäre. Denn mit der Tanzhalle legte Gralton sich mit allen mächtigen Gruppen in der Gegend, wozu auch die IRA gehörte, an.

„Jimmy’s Hall“ ist sicher nicht Ken Loachs bester Film, aber es ist ein würdiger Abschluss eines Lebenswerkes, der gerade dadurch in einem milderen Licht erscheint. Denn wer erzählt künftig Ken-Loach-Geschichten im Kino?

Jimmys Hall - Plakat

Jimmy’s Hall (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

mit Barry Ward, Simone Kirby, Jim Norton, Aisling Franciosi, Aileen Henry, Francis Magee, Andrew Scott, Brian F. O’Byrne

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film 

Film-Zeit über „Jimmy’s Hall“

Moviepilot über „Jimmy’s Hall“

Metacritic über „Jimmy’s Hall“

Rotten Tomatoes über „Jimmy’s Hall“

Wikipedia über „Jimmy’s Hall“

–

Ken Loach über „Jimmy’s Hall“

Die Pressekonferenz in Cannes

und, als Zugabe, eine Podiumsrunde mit Ken Loach und Paul Laverty am 14. Februar 2014 während der diesjährigen Berlinale, mit deutscher Übersetzung


Neu im Kino/Filmkritik: „Dido Elizabeth Belle“ sucht ihren Platz in der Gesellschaft

August 14, 2014

Der Film endet mit einem Gemälde, auf dem zwei junge Frauen uns, in einem Garten stehend, anlächeln. Die eine ist schwarz, die andere weiß. Heute ist das nichts besonderes, aber als das Bild gemalt wurde, waren weiße Frauen die Hausherrinen und schwarze Frauen bestenfalls unsichtbare Angestellte im Haushalt. Auf einem Gemälde durften sie höchstens die Hausherrin knieend anbeten. In dem Gemälde stehen sie nebeneinander. „Dido Elizabeth Belle“ erzählt auch die Geschichte von diesem Bild, das Drehbuchautorin Misan Sagay und Regisseurin Amma Asante zu ihrem Film inspirierte.

Die Geschichte der beiden Porträtierten Dido Elizabeth Belle (1761 – 1804) und ihrer Halbcousine Elizabeth Murray (1760 – 1825) beginnt als Sir John Lindsay, Admiral der königlichen britischen Marine, die junge Dido aus den Slums im Hafenviertel von Bristol holt. Das Kind ist seine Tochter und als Vater wird er sich um sie und ihr finanzielles Wohlbefinden kümmern. Vor einer längeren Schiffsreise bringt er sie in das Haus von Lord Mansfield. Sie soll bei seiner Familie auf dem damals ländlich gelegenem Kenwood House bei London leben.

Lindsay stirbt auf der Reise. Die Mansfield erziehen Dido wie ihre eigene Tochter in einem erstaunlich vorurteilsfreiem Haushalt, wovon auch das 1779 entstandene Gemälde zeugt. Kenwood House war ein Kokon, in dem Dido und Elizabeth lebten und ausgebildet wurden.

Erst als Erwachsene, als Dido verheiratet werden soll, bemerkt sie wirklich, in welcher Gesellschaft sie lebt und wie ungewöhnlich ihre Hautfarbe ist. Jedenfalls in dieser Gesellschaftsschicht. Sie könnte damals die einzige gemischtrassige Dame der adligen Gesellschaft im gewesen sein. Die meisten Schwarzen waren damals Sklaven.

Ähnlich wie Steve McQueens etwas später in den USA spielendes Drama „12 Years a Slave“ thematisiert Amma Asantes Film die Sklaverei. Aber während McQueen ein formal strenges und auch ungemütliches Drama inszenierte, geht Asante einen anderen Weg. Sie nimmt die bekannte und beliebte Jane-Austen-Welt der Schönen und Reichen, die prächtigen Paläste und Kostüme und erzählt innerhalb dieser Welt von einem Mischlingskind, das um seinen Platz in dieser Gesellschaft kämpft. Sie muss sich zwischen einer Vernunftheirat und einer Liebesheirat mit einem aufstrebendem, idealistischen Pfarrerssohn und Rechtsgelehrten, der öfters im Kenwood House war, entscheiden. Asante zeigt, wie sehr Hochzeiten damals wirtschaftliche Vereinbarungen waren, die nichts mit Liebe zu tun hatten, weshalb Didos großes Erbe sie zu einer begehrenswerten Frau und ihre arme, ebenfalls gutaussehende Halbcousine zu einem hässlichen Entlein macht.

Neben den eher konfliktfreien Liebesbanden steht der Gerichtsprozess über den Tod von 142 afrikanischen Sklaven 1781 auf dem Sklavenschiff „Zong“, der Didos Bewusstsein für ihre Lage und die Sklaverei schärft, im Zentrum des Films.

Lord Mansfield war damals der oberste Richter Englands. Er musste 1783 in dem aufsehenerregenden und umstrittenen Prozess das Urteil sprechen. Die Sklaven waren während der Schiffspassage über Bord geworfen worden. Die Versicherung weigerte sich, die fälligen zwanzig Pfund pro toten Sklaven, die damals einfach eine versicherungsfähige Fracht waren, zu bezahlen, weil die Reederei die Sklaven niemals bis zum Ziel befördern wollte. Die Reederei zog vor Gericht. Die Gegner der Sklaverei versuchten den Prozess um ein Wirtschaftsverbrechen in einen Prozess gegen die Sklaverei umzuwidmen.

Wenn man „Dido Elizabeth Belle“ aus dieser Jane-Austen-Perspektive betrachtet, entfaltet das brave, auf Tatsachen basierende, gut gespielte Historiendrama mit einer aus heutiger Sicht eher passiven Protagonistin, ständigen und nach dem zweiten Mal ermüdenden Wiederholungen der ökonomischen Dimension von Hochzeiten (was dann fast wie Überlegungen für Firmenfusionen klingt) und dem vorhersehbaren Gerichtsverfahren (jedenfalls in punkto Versicherungsbetrug) ungeahnte Qualitäten. Denn in einer rosarot-kitschigen Friede-Freude-Eierkuchenwelt geht es plötzlich um Menschen und wirkliche Probleme, die ein Publikum, das sich nur an schönen Menschen, die in schöner Landschaft schöne Dinge tun, erfreuen will, zum Nachdenken anregt.

Dido Elizabeth Belle - Poster

 

Dido Elizabeth Belle (Belle, Großbritannien 2013)

Regie: Amma Asante

Drehbuch: Misan Sagay

mit Gugu Mbatha-Raw, Tom Wilkinson, Emily Watson, Sam Reid, Sarah Gadon, Miranda Richardson, Penelope Wilton, Tom Felton, James Norton, Matthew Goode

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

–

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Dido Elizabeth Belle“

Moviepilot über „Dido Elizabeth Belle“

Metacritic über „Dido Elizabeth Belle“

Rotten Tomatoes über „Dido Elizabeth Belle“

Wikipedia über „Dido Elizabeth Belle“ und Dido Elizabeth Belle 

 


TV-Tipp für den 15. August: Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod

August 14, 2014

Eins Festival, 23.15

Leaving Las Vegas – Liebe bis in den Tod (USA 1995, Regie: Mike Figgis)

Drehbuch: Mike Figgis

LV: John O’Brien: Leaving Las Vegas, 1990 (Leaving Las Vegas)

Ben ist Drehbuchautor und Trinker. Er macht sich auf den Weg nach Las Vegas, um sich dort zu Tode zu trinken. Da trifft er Sera, eine Hure, die seine Begleiterin auf seinem Trip in den Tod wird.

Beeindruckendes Trinkerdrama, das nach einem autobiographischem Roman entstand und für das Nicolas Cage unter anderem einen Oscar als bester Darsteller erhielt. Im Nachhinein beendete „Leaving Las Vegas“ die Phase in Cages Leben, in der er ein ernstzunehmender Schauspieler war. Danach trat er in „The Rock“, „Con Air“ und „Face/Off – Im Körper meines Feindes“ (der im Vergleich zu den beiden vorherigen Filmen ein tiefsinniges Drama ist) auf und es wurde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch viel schlimmer. Ich sage nur „Ghost Rider“.

mit Nicolas Cage, Elizabeth Shue, Julian Sands, Emily Procter, Valeria Golino, Mike Figgis, R. Lee Ermey, Mariska Hargitay, Danny Huston, Bob Rafelson, Xander Berkeley, Lou Rawls, Julian Lennon

Hinweise

Drehbuch “Leaving Las Vegas” von Mike Figgis (Shooting Script September 1994)

Rotten Tomatoes über „Leaving Las Vegas“

Wikipedia über „Leaving Las Vegas“ (deutsch, englisch)

Filmcritic: Interview mit Mike Figgis (18. Februar 1996)

The Hollywood Interview mit Mike Figgis (ursprünglich erschienen in Venice Magazine Juni 1999)


Neu im Kino/Filmkritik: Der düster-dunkle Anti-Thriller „Night Moves“

August 14, 2014

Leichte Koste ist „Night Moves“ definitiv nicht und gerade zwischen den vielen schreiend bunten Blockbustern und Feelgood-Movies fällt Kelly Reichardts neuer Film, nach dem Anti-Western „Meek’s Cutoff“, wie ein verschrummelter Bio-Apfel in einem prächtig hergerichteten Buffet auf. Denn in ihrem Film wird kaum geredet, die Farben sind fahl, die Bilder meistens sehr dunkel und schon von der ersten Sekunde schwebt ein Hauch von Fatalismus und Verzweiflung über dem Film. In dem Moment stehen Josh Stamos (Jesse Eisenberg) und Dena Brauer (Dakota Fanning) auf einem Staudamm irgendwo in South Oregon. Es ist nicht unbedingt, die Gegend, die man sich für seinen nächsten Sommerurlaub aussucht. Beide haben ein ökologisches Bewusstsein und sie haben einen Plan; – wobei es lange unklar ist, warum sie das Motorboot „Night Moves“ (nicht benannt nach dem Klassiker von Arthur Penn) kaufen und sich im Wald mit Harmon (Peter Sarsgaard) treffen, der überhaupt nicht von Denas Anwesenheit begeistert ist. Er kennt sie nicht und Josh hat ihm nichts über sie gesagt.

Gemeinsam wollen sie mit dem Boot, das sie mit explosiven Düngermischung präparieren, einen Staudamm in die Luft jagen.

In der ersten Stunde, in der die Vorbereitungen des Trios und der Anschlag (den wir nicht sehen) gezeigt werden, herrscht eine atemlose Thrillerspannung, die in der zweiten Stunde nicht durchgehalten wird. Dann zeigt Reichardts die Rückkehr der drei Feierabend-Terroristen, über die wir fast nichts erfahren, in ihren Alltag und wie das Bündnis zerbricht, weil bei dem Anschlag auch ein unterhalb des Staudamms campierender Mann getötet wurde und damit aus dem politischen Fanal etwas anderes wurde. Wobei wir nicht wirklich erfahren, warum Josh, Dena und Harmon den Anschlag verübten und warum Josh und Dena von Jugendlichen mit Öko-Bewusstsein zu Terroristen wurden. Denn während des gesamten Films sehen wir sie nicht einmal bei einer politischen Handlung, wie beispeilsweise bei einer Demonstration oder einer Diskussion. Über den Anschlag diskutieren sie auch nicht untereinander, weil sie das bereits vor längerem getan haben und nach dem Anschlag können sie mit anderen nicht darüber reden. Stattdessen wird viel geschwiegen.

Wir sehen auch nicht, wie der Staudamm zerstört wird (in dem Moment befinden wir uns mit dem Trio auf der Flucht vom Tatort), welche Zerstörung sie an der Umwelt anrichten und die Ermittlungen der Polizei finden ebenfalls vollkommen im Off statt, weshalb nach der Tat für Josh, Dena und Harmon nur eine abstrakte Entdeckungsgefahr besteht, die auch nicht dadurch größer wird, dass Dena sich der Polizei stellen will. Denn das Hören wir nur von Harmon, der das gegenüber Josh behauptet, damit Josh sich um seine Freundin kümmert.

„Night Moves“ ist ein ziemlich düsteres, pessimistisches, minimalistisches Drama mit eher unsympathischen, introvertierten und schweigsamen Charakteren das aufgeschlossene Zuschauer verlangt, die gerne die Lücken ausfüllen.

Night Moves - Plakat - 4

 

Night Moves (Night Moves, USA 2013)

Regie: Kelly Reichardt

Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt

mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, Alia Shawkat, Logan Miller, Kai Lennox, Katherine Waterston, James Le Gros

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Night Moves“

Moviepilot über „Night Moves“

Metacritic über „Night Moves“

Rotten Tomatoes über „Night Moves“

Wikipedia über „Night Moves“ 

–

Kelly Reichardt spricht bei der Film Society des Lincoln Centers über ihren Film

Andrew Klevan (Universität Oxford) unterhält sich mit Kelly Reichardt (Mai 2014)

Und ein kurzes Q&A mit Kelly Reichardt, Jesse Eisenberg und Dakota Fanning auf dem Toronto Film Festival


Neu im Kino/Filmkritik: „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ oder Die Suche nach tiefschürenden Erkenntnissen

August 14, 2014

Hector ist ein erfolgreicher Psychiater in London, glücklich verheiratet und in einer ausgewachsenen Sinnkrise. Denn er glaubt, dass er seine Patienten nicht wirklich glücklich macht. Aber was ist „Glück“? Um das Herauszufinden, macht sich Hector auf den Weg um den Globus. Seine Gattin lässt er in London zurück. Seine Erkenntnisse notiert er in einer Kladde. Gerne mit einer niedlichen Zeichnung.

Na, das ist doch eine hübsche Idee, die schon als Roman ein Bestseller war und als Feelgood-Movie nur dann funktioniert, wenn man keine Fragen stellt, sich naiver als ein Fünfjähriger gibt und sich nicht an den Klischees und Kalendersprüchen stört, die noch nicht einmal ein vulgärphilosophisches Niveau erreichen. Denn Hectors ekletische Erkenntnisse über das Glück passen auf alles und nichts, regen höchstens zum zustimmenden Nicken, aber nie zum Nachdenken, geschweige denn zum Widerspruch oder zu einer Diskussion über den Begriff „Glück“ ein.

Und die Erlebnisse, die der für einen erfolgreichen Psychiater arg naive Hector hat und die ihn zu Glückskeks-Erkenntnissen wie „Unglück vermeiden ist nicht der Weg zum Glück“ oder „Glück ist, wenn man sich rundum lebendig fühlt“ führen, sind keine netten kleine Episoden, sondern eine einzige Klischeeparade, die man sich aus banalen Komödien der fünfziger und sechziger Jahre zusammensuchte und die wohlig vertraut, aber doch ziemlich antiquiert sind.

So trifft der vollkommen lebensuntüchtig wirkende Hector (Simon Pegg, liebenswert) auf dem Flug nach Shanghai Edward, einen Investmentbanker, der nur ans Geldverdienen denkt und Hector (was im wirklichen Leben nie passiert) großmütig durch das pulsierende Nachtleben führt. In der Nacht bandelt Hector mit Ying Li an, verliebt sich sofort in diese junge, überaus willige Schönheit und muss am nächsten Tag – Überraschung! – feststellen, dass sie eine Prostituierte ist. Seine Erkenntnis aus diesem Erlebnis: „Manchmal bedeutet Glück, etwas nicht zu wissen.“

Dann wandert Hector zu tibetanischen Mönchen, die den Errungenschaften der Moderne nicht abgeneigt sind. In Südafrika trifft er einem befreundeten Arzt, der jetzt Bedürftigen hilft und mit seinem Freund zusammen lebt. Unser Hans im Glück gerät in typisch afrikanische Kriegswirren und er befreundet sich mit einem gefürchteten kolumbianischen Drogenhändler. Auf seiner letzten Reisestation, in Los Angeles, trifft Hector seine großer Liebe wieder, zu der er seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hatte und die jetzt eine glücklich verheiratete Mutter ist.

Aber diese Ortswechsel führen nie zu tieferen Erkenntnissen oder einer sich auf ein bestimmtes Ende hin bewegenden Geschichte. Sie sind nur die weitgehend austauschbare Kulisse für die Auftritte bekannter Schauspieler wie Veronica Ferres (im Original mit einem schönen deutsch-englischem Sprachmischmasch), Stellan Skarsgard, Jean Reno, Toni Colette und Christopher Plummer.

Man kann dem Film nicht wirklich böse sein, weil er so harmlos, nett und gefällig wie ein Heinz-Erhardt-Film ist. Aber gerade diese durchaus gut präsentierte durchgehende Ambitionslosigkeit verärgert auch. Immerhin drehte Regisseur Peter Chelsom unter anderem „Hear my Song“ und „Funny Bones“.

Dagegen ist „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ nur das filmische Äquivalent zu einem Buch, das man jemand schenkt, den man nicht kennt.

Mein Tipp: Besser noch einmal Ben Stillers fantastisches „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ über dessen Suche nach der Essenz des Lebens ansehen.

Hectors Reise - Plakat

 

Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück (Hector and the Search for Happiness, Kanada/Deutschland 2014)

Regie: Peter Chelsom

Drehbuch: Maria von Heland, Peter Chelsom, Tinker Lindsay

LV: Francois Lelord: Le voyage d’Hector ou la recherche du bonheur, 2002 (Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück)

mit Simon Pegg, Toni Collette, Rosamund Pike, Stellan Skarsgard, Jean Reno, Veronica Ferres, Christopher Plummer, Ming Zhao, Barry Atsma

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre (keine Ahnung warum es keine FSK-6 wurde)

–

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hectors Reise“

Moviepilot über „Hectors Reise“

Metacritic über „Hectors Reise“

Rotten Tomatoes über „Hectors Reise“

Wikipedia über „Hectors Reise“ 

Perlentaucher über den Roman „Hectors Reise“

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Lucy“ terminiert alle

August 14, 2014

Endlich! Nach einigen eher vernachlässigbaren Ausflügen in andere Genres kehrt Luc Besson zum Actionfilm zurück. Mit einer Frau als Protagonistin. Das weckt sofort wohlige Erinnerungen an „Nikita“. Aber auch „Subway“, „Leon, der Profi“, „Das fünfte Element“ und „Johanna von Orleans“ sind nicht weit. Immerhin hatte Besson nie Probleme mit starken Frauen.

Aber beim Drehbuch, das er im Alleingang schrieb, beschränkte er sich auf die Qualität seiner Drehbücher der letzten Jahre, die normalerweise auf einen feuchten Bierdeckel passen.

Deshalb ist „Lucy“ mit Scarlett Johansson als Heldin im Terminator-Modus eine bestenfalls halbgare bis idiotische Angelegenheit. Nach dem flotten Anfang wird der Film nämlich ziemlich schnell ärgerlich unglaubwürdig und mündet in Paris in ein Finale, bei dem Besson wohl vollkommen die Lust an seiner Idee verloren hat. Stattdessen stellt er mit einer Scheißegal-Haltung die Plotlöcher, Unglaubwürdigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten innerhalb der eh schon kruden Geschichte aus und hofft, dass die Zuschauer dank der gut inszenierten Action und der Anwesenheit von „The World’s Sexiest Body“ Scarlett Johansson aufhören nachzudenken. Nun, es funktioniert nach dem ersten Drittel nur bedingt und gegen Ende überhaupt nicht mehr.

Dabei ist die Ausgangsfrage „Was wäre, wenn du anstatt zehn Prozent deiner Gehirnkapazität hundert Prozent nutzen könntest?“ eine interessante Science-Fiction-Frage. Zuletzt vergrößerte Johnny Depp in dem interessant gescheiterten Science-Fiction-Film „Transcendence“ sein Gehirn, indem er es vor seinem Tod in einen Computer kopierte und größenwahnsinnige Machtphantasien entwickelte. Besson geht allerdings nicht den Weg des intellektuellen Science-Fiction-Films, sondern des Action-Thriller mit leichter Science-Fiction-Beilage.

Der Anfang von „Lucy“ ist furios. Bester Besson. Lucy steht mit ihrer halbseidenen Urlaubsbekanntschaft vor einem Nobelhotel in Taipeh. Er versucht sie zu überzeugen, dass sie für ihn einen Koffer im Hotel abgeben soll. Während des Gesprächs sehen wir kurze Rückblenden zu gemeinsamen Partynächten und kommentierende Bilder aus dem Tierreich. Die Bilder sind Lucys Gedanken zu dem Spruch ihres Freundes, dass ihr nichts geschehen werde: eine Meute Raubtiere, die sich ihrer Beute nähern. Und die nette Lucy sieht sich nicht als das Raubtier.

Nachdem ihr Freund sie an den Aktenkoffer kettet, tut sie es doch. Als sie in der Lobby steht, wird ihr Freund erschossen. Sie wird von einer Gruppe Bodyguards abgeholt und in ein Hotelzimmer gebracht, wo sie in eine höchst seltsame Verhandlung mit dem Gangster Mr. Jang (Choi Min-sik) verwickelt wird. Er hat gerade in einem Nebenzimmer jemanden sehr blutig umgebracht. Er kann kein Englisch, weshalb ein Übersetzer per Telefon übersetzt, dass sie den Koffer öffnen soll, nachdem Mr. Jang und seine Bodyguards in Deckung gehen. In dem Koffer ist dann doch keine Bombe, sondern die erwarteten Päckchen mit blauem Granulat. Zur Qualitätskontrolle werden sie an einem Junkie ausprobiert, der von der synthetischen Droge auf einen höllischen Trip kommt, ehe er stirbt. Mr. Jang ist zufrieden und Lucy, die jetzt auch mit etwas Blut besudelt ist, erfährt, dass sie zu einer kleinen Gruppe Auserwählter gehört, die diese Drogen nach Europa bringen sollen.

Als sie später in einer Gefängniszelle wach wird, bemerkt sie eine Wunde im Bauchbereich und wehrt sich gegen einen Wärter, der sie vergewaltigen will. Er schlägt sie, die Droge, die sie päckchenweise in ihrem Bauch hatte, gelangt in ihren Körper. Aber sie stirbt nicht. Ihr Körper nimmt die Droge an. Ihre Gehirnleistung verbessert sich rapide, während ihre Lebenserwartung genauso rapide sinkt. Die der Bösewichter ebenfalls.

Und ungefähr hier, nach dem ersten Drittel, wird „Lucy“ zu einem beliebigen Thriller, der zunehmend spannungsfrei verschiedene bekannte Szenen und Handlungsabläufe sinnfrei zusammenkloppt. Lucy begibt sich auf einen Rachefeldzug. Sie sucht die Männer, die ihr das antaten. Dabei tötet sie jeden, der sich ihr in den Weg stellt. Manchmal mit, manchmal ohne die Superkräfte, mit denen sie ihre nähere und weitere Umwelt beeinflussen kann. Sie darf Super-Schnell durch Paris fahren, weil zu einem Luc-Besson-Film halt eine Autoverfolgungsjagd gehört. Gerne in der Stadt mit dem Eiffelturm. Und natürlich gibt es einige Ballereien und Kloppereien.

Gleichzeitig will sie herausfinden, was mit ihr geschieht, weshalb sie den gerade in Paris dozierenden Professor Norman kontaktiert. Dieser kluge Wissenschaftler wird von Morgan Freeman gespielt, der auch in „Transcendence“ dabei war. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten zwischen „Transcendence“ und der  an der US-Kinokasse erfolgreichen pseudo-philosophischen Action-Klamotte „Lucy“ auch auf.

Lucy - Plakat

 

Lucy (Lucy, Frankreich 2014)

Regie: Luc Besson

Drehbuch: Luc Besson

mit Scarlett Johansson, Morgan Freeman, Amr Waked, Choi Min-sik

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

–

Hinweise

 

Englische Homepage zum Film 

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Lucy“

Moviepilot über „Lucy“

Metacritic über „Lucy“

Rotten Tomatoes über „Lucy“

Wikipedia über „Lucy“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Luc Bessons „The Lady – Ein geteiltes Herz“ (The Lady, Frankreich/Großbritannien 2011)


TV-Tipp für den 14. August: Lachsfischen im Jemen

August 14, 2014

ZDF, 22.55

Lachsfischen im Jemen (Salmon Fishing in the Yemen, Großbritannien 2011)

Regie: Lasse Hallström

Drehbuch: Simon Beaufoy

LV: Paul Torday: Salmon Fishing in the Yemen, 2006 (Lachsfischen im Jemen)

Dr. Alfred Jones, Lachsexperte und Angestellter des englischen Fischereiministeriums, hält die Idee des Scheichs, Lachse im Jemen heimisch zu machen, für absolut hirnverbrannt. Aber viel Geld und der eiserne Wille der Politik, eine dringend benötige positive anglo-amerikanische Geschichte zu produzieren, zwingen Jones dazu, sich dem idiotischen Projekt zu widmen. Außerdem ist der Scheich sehr sympathisch und die Projektleiterin äußerst liebenswert.

„Lachsfischen im Jemen“ ist ein herrliches Feelgood-Movie mit einem ordentlichen Schuss politischer Satire.

Kommenden Donnerstag läuft Lasse Hallströms neuer Film „Madame Mallory und der Duft von Curry“ mit der großartigen Helen Mirren an. Wieder ein herrliches Feelgood-Movie.

mit Ewan McGregor, Emily Blunt, Kristin Scott Thomas, Amr Waked, Catherine Steadman, Tom Mison, Rachael Stirling, Tom Beard

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Lachsfischen im Jemen“

Rotten Tomatoes über „Lachsfischen im Jemen“

Wikipedia über „Lachsfischen im Jemen“

Meine Besprechung von Lasse Hallströms „Lachsfischen im Jemen“ (Salmon Fishing in the Yemen, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Lasse Hallströms Lars-Kepler-Verfilmung „Der Hypnotiseur“ (Hypnotisören, Schweden 2012)

 Meine Besprechung von Lasse Hallströms „Safe Haven – Wie ein Licht in der Nacht“ (Safe Haven, USA 2012)


Veronica Mars glaubt „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“

August 12, 2014

Spring Break ist eine für uns esoterische Sitte von US-Studenten, die sich tagelang in Massen betrinken und die Bewohner ihrer Reiseziele mit den üblichen Ausfällen von erhöhtem Drogengebrauch nerven. Aber für die lokale Wirtschaft ist der Spring Break ein gutes Geschäft.

Ein vermisster Teenager ist dagegen sehr schlecht für das Geschäft und weil Dan Lamb, der Sheriff von Neptune, Kalifornien, eine von den lokalen Honoratioren eingesetzte Null ist, beauftragt Petra Landros, Ex-Unterwäschemodell, Nobelhotelbesitzerin und Vorsitzende der Handelskammer von Neptune, Veronica Mars, ebenfalls die während des Spring Breaks verschwundene achtzehnjährige Hayley Dewalt zu suchen.

Veronica Mars erblickte 2004 in der gleichnamigen, von Rob Thomas erfundenen TV-Serie das Licht der Welt. Damals war sie eine 17-jährige Schülerin, die den Tod ihrer besten Freundin aufklären wollte und nebenbei ihrem Vater in der Detektei half. Die Serie, eine gelungene und witzige Verbindung von Highschool-Drama und Hardboiled-Privatdetektiv-Serie mit zahlreichen Anspielungen für den Genre-Junkie, wurde drei Jahre lang ausgestrahlt und hatte viele treue Fans, die später auch den Spielfilm „Veronica Mars“ mit einem Rekord-Crowfunding-Ergebnis ermöglichten.

Mit „Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ erschien jetzt der erste Roman mit Veronica Mars, der zeitlich einige Wochen nach dem Spielfilm spielt und auch für Fans von Privatdetektiv-Romanen eine gelungene Lektüre ist. Dabei hat Veronica, wie die Fans der Serie wissen, für einen Hardboiled-Detektiv erstaunlich viele Freunde und Helfer und eine gute Beziehung zu ihrem Vater, bei dem sie inzwischen wieder lebt. Außerdem ist sie gar nicht so hartgesotten, trink- und schlagfreudig wie ihre zahlreichen männlichen und weiblichen Vorgänger. Sie hat noch nicht einmal eine Waffe. Obwohl ihr Vater Keith Mars ihr in dem Roman einen Revolver schenkt und sie zum Schießtraining schickt. Wenn sie nach ihrem Studium schon Privatdetektivin sein will, so der väterliche Befehl, muss sie auch eine Schusswaffe haben und mit ihr umgehen können.

Veronicas Ermittlungen in dem Fall des vermissten Teenagers führen sie zu einer Nobelvilla, in der täglich eine gut organisierte Spring-Break-Party stattfindet, unter anderem mit kostenlosen Drogen, bewaffneten Bodyguards, die alle kontrollieren, und einem unbekannten Organisator. Auf dieser Party wurde Hayley vor einigen Tagen zuletzt gesehen. Auf ihrer Facebook-Seite postete sie ein Bild, das sie, wie Veronica auf der Party erfährt, mit Rico Gutiérrez Ortega in einer eindeutigen Pose zeigt. Er ist einer der beiden Organisatoren der Partys, die am Hearst College studieren und künftige Erben eines mexikanischen Drogenkartells sind.

Da verschwindet ein zweites Mädchen: Aurora Scott, die sechzehnjährige, am Hearst College studierende Stieftochter von Veronicas Mutter Lianne. Die Alkoholikerin verließ sie vor elf Jahren. Seitdem hatten sie keinen Kontakt mehr zueinander. Jetzt ist Lianne scheinbar glücklich mit einem ebenfalls trockenen Alkoholiker verheiratet.

Aurora wurde zuletzt von Veronica auf der Party von Ortega und Eduardo Gutiérrez Costillo gesehen.

„Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ (wobei mir der Retro-Originaltitel „The Thousand Dollar Tan Line“ besser gefällt) ist die von Rob Thomas und Jennifer Graham (die wahrscheinlich die gesamte Schreibarbeit übernahm) geschriebene spannende Fortführung der vertrauten „Veronica Mars“-Serienwelt in Buchform, bei der die bekannten Charaktere aus der Serie gleich im Dutzend auftreten, was den Fan erfreut, den Neuling wegen der vielen Charaktere etwas verwirrt. Immerhin sind hier mehr Charaktere dabei, als andere Detektive in ihrem gesamten Leben treffen.

Der Fall selbst ist sauber geplottet mit etlichen Überraschungen bei der Aufklärung und, verglichen mit den vielen blutgetränkten Serienkillerthrillern, angenehm unblutig und realistisch. Lange Zeit ist sogar unklar, ob die vermissten Teenager tot sind.

Es gibt, wie schon in der TV-Serie und dem Film, ein bitterböses Porträt einer Dashiell Hammettschen „Red Harvest“-Stadt und sobald wir mehr über Hayley und Aurora erfahren, gibt es, wie bei Ross Macdonalds ebenfalls in Kalifornien ermittelnden Privatdetektiv Lew Archer, einen Blick in verkorkste Familien und ihre Vergangenheit. Das bewegt sich immer gelungen und kurzweilig in den vertrauten Hardboiled-Privatdetektivkrimipfaden, wobei Veronica gar nicht so hartgesotten wie der Continental Op, Sam Spade, Philip Marlowe oder Lew Archer ist.

Der zweite „Veronica Mars“-Roman „Mr. Kiss and Tell“ (wieder ein schöner Originaltitel) erscheint in den USA am 28. Oktober. Wenn die Verkaufszahlen gut sind, wird es sicher weitere Romane mit der smarten Privatdetektivin gegen – und das ist gut so.

Thomas - Veronica Mars - 4

Rob Thomas/Jennifer Graham: Veronica Mars: Zwei Vermisste sind zwei zu viel

(übersetzt von Silvia Kinkel)

script 5, 2014

336 Seiten

14,95 Euro

–

Originalausgabe

Veronica Mars: The Thousand Dollar Tan Line

Alloy Entertainment, 2014

–

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Veronica Mars“

Moviepilot über „Veronica Mars“

Metacritic über „Veronica Mars“

Rotten Tomatoes über „Veronica Mars“

Wikipedia über „Veronica Mars“

Thrilling Detective über Veronica Mars

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014)

Meine Besprechung von Rob Thomas‘ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014) (DVD-Besprechung)


TV-Tipp für den 13. August: Zerrissene Umarmungen

August 12, 2014

Eins Plus, 22.15

Zerrissene Umarmungen (Spanien 2009, Regie: Pedro Almodóvar)

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Die Erinnerungen eines erblindeten Drehbuchautoren an eine nicht fertig gestellte Komödie, seine große Liebe und einen für sie tödlichen Autounfall dienen Almodóvar als Ausgangspunkt für einen Film im Film im Film – und wir Zuschauer sind nie verwirrt, sondern verzaubert, wenn flugs und zitatreich die Zeitebenen und Genres gewechselt werden.

Für das „Lexikon des internationalen Films“ gehört „Zerrissene Umarmungen“ „zum Anrührendsten und Schönsten, was das europäische Kino aktuell zu bieten hat“.

mit Penélope Cruz, Lluís Homar, Blanca Portillo, José Luis Gómez, Rubén Ochandiano, Tamar Novas

Wiederholung: Donnerstag, 14. August, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Zerrissene Umarmungen“

Rotten Tomatoes über „Zerrissene Umarmungen“

Wikipedia über „Zerrissene Umarmungen“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Zerrisse Umarmungen“

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)


Cover der Woche

August 12, 2014

McBain - Kings Lösegeld


TV-Tipp für den 12. August: The Beatles – A Hard Day’s Night

August 11, 2014

BR, 22.00

The Beatles – A Hard Day’s Night (Großbritannien 1964, Regie: Richard Lester)

Drehbuch: Alun Owen

Yeah! Yeah! Yeah! Heute gibt es einen stilprägenden Musikfilmklassiker mit und über die Beatles im Mockumentary-Stil, den Richard Lester quasi im Alleingang erfand und der heute immer noch frisch wirkt.

Über die Musik muss ich wohl nichts sagen.

Der BR zeigt die brandneue restaurierte Fassung, allerdings in der deutschen Synchronisation.

mit John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Ringo Starr, Wilfrid Brambell, Anna Quayle, Norman Rossington

Hinweise

Rotten Tomatoes über „A Hard Day’s Night“

Wikipedia über „A Hard Day’s Night“ (deutsch, englisch) und die Beatles (deutsch,englisch)

Meine Besprechung von Richard Lesters „A Hard Day’s Night“ (A Hard Day’s Night, Großbritannien 1964)


Im Verhörzimmer: Wolfgang Schweiger erklärt das „Duell am Chiemsee“ – und einige andere Dinge

August 11, 2014
Wolfgang Schweiger (Bild: Pendragon)

Wolfgang Schweiger (Bild: Marietta Heel)

 

Die Veröffentlichung von „Duell am Chiemsee“, der sechste Fall der am Chiemsee ermittelnden Kommissare Andreas Gruber und Ulrike Bischoff, war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Wolfgang Schweiger, den Autor der Chiemgau-Krimis, in eines unserer Verhörzimmer zu bitten.

Wolfgang Schweiger veröffentlichte zwischen 1984 und 1994 elf Romane, die vor allem im Bereich Noir, Hardboiled und Gangsterkrimi angesiedelt waren, und das Sachbuch „Der Polizeifilm“. 1999 gab es mit „Kein Job für eine Dame“ einen einmaligen Nachschlag. Erst 2008 veröffentlichte er mit „Der höchste Preis“ einen weiteren Roman. Seitdem erschienen fünf weitere Kriminalromane. Immer mit den Kommissaren Gruber und Bischoff.

In seinem neuesten Kriminalroman „Duell am Chiemsee“ wird der Ex-Kriminelle und Schauspieler Frank Janek von einem alten Komplizen und Freund erpresst, einen Drogenhändler zu überfallen. Eine einfache Sache, die mit mehreren Toten endet. Gruber und Bischoff beginnen mit den Ermittlungen – und Janek wird unweigerlich immer tiefer in den kriminellen Sog, dem er anscheinend schon vor Jahren entkommen war, gezogen.

„Duell am Chiemsee“ ist ein spannender Gangsterkrimi unter der Tarnkappe eines Regiokrimis mit den ermittelnden Polizisten als Zaungäste in einem blutigen und leichengesättigten Drama.

–

Was war die Ausgangsidee für „Duell am Chiemsee“?

Schon Schiller schrieb, in jedem von uns stecke ein Borgia. Das wollte ich auf die Hauptfigur übertragen, einen solide gewordenen Ex-Gangster, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Die Herausforderung dabei war für mich, diesen Mann als halbwegs positive Figur zu erhalten, obwohl er bedenkenlos tötet, wenn er es für nötig hält.

–

Wie sähe Ihre Wunschbesetzung für eine Verfilmung des Romans aus, wenn Sie vollkommen freie Hand hätten und auch Tote mitspielen dürften?

– Ray Winstone (Gruber),

– Julia Koschitz (Bischoff)

– Josh Brolin (Janek)

– Thomas Kretschmann (Bosch)

– Christoph Waltz (Friesinger)

–

Ihre frühen Romane waren alle Einzelromane. Mit den Gruber-Bischoff-Polizeiromanen schreiben Sie inzwischen eine Serie, die auch noch in einer erkennbaren Ferienregion spielt. Wo sehen Sie die Unterschiede einer Serie gegenüber Einzelromanen und wie vermeiden Sie die Fallen des Regiokrimis?

Eine (Polizei)Serie engt zunächst ein, weil vorhersehbar ist, dass die Ermittler sich zu helfen wissen und am Ende die Gewinner sind.

Andererseits kann ich die Figuren der Ermittler im Verlauf der Serie weiter entwickeln und dem Leser so vertraut machen, dass er sie wie gute Bekannte empfindet, die er im besten Fall einmal im Jahr trifft.

Bei Einzelromanen muss man stets auf neue um die Aufmerksamkeit der Leser kämpfen.

Für meinen Geschmack wird im Regiokrimi häufig zu viel Wert auf Lokalkolorit gelegt zu Lasten der Handlung. Vor allem, wenn die Krimis in (Ober)Bayern spielen und Gaudi und Klischees die Oberhand gewinnen. Auch den Gebrauch von Dialekt in diesen Krimis kann ich nichts abgewinnen. Das ist mühsam für den Leser und bringt atmosphärisch gar nichts.

–

Sie haben früher auch Drehbücher für „Der Fahnder“ und „Soko 5113“ geschrieben. Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit an einem Drehbuch von der Arbeit an einem Roman?

Rein technisch gesehen ist die Arbeit an einem Drehbuch um Vieles einfacher, da alles über den Dialog und die Handlung läuft, komplizierte Beschreibungen aller Art (Sonnenuntergänge, die Gedankenwelt eines Serienkillers etc) entfallen.

Andererseits muss man, schreibt man z. B. für eine Krimiserie, alle möglichen Vorgaben beachten („unsere Hauptfigur macht so etwas nicht!“) und ständig darauf achten, ob diese oder jene Szene auch finanzierbar (und aus Sicht der TV-Sender moralisch vertretbar) ist.

Bei einem Roman hingegen habe ich alle Freiheiten, kann meine Geschichte überall und zu jeder Zeit spielen lassen. Am Ende ist nicht irgendein Produzent, Redakteur oder Regisseur die letzte Instanz, sondern ich selbst (in Absprache mit dem Verleger).

–

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Der Schreib- oder besser gesagt Herstellungsprozess bei meinen jährlichen Gruber/Bischoff Krimis sieht so aus, dass ich bald nach Erscheinen des letzten Buches anfange, auf ausgedehnten Spaziergängen nach einer neuen Grundidee zu suchen. Ist die gefunden, skizziere ich auf ein paar Seiten das vorläufige Handlungsgerüst und die wichtigsten Figuren, gefolgt von einer Kapiteleinteilung.

Für mich ist ganz wichtig, dabei, dass ich das Ende der Geschichte kenne. Erst dann fange ich an zu schreiben, meist vormittags zwischen acht und zwölf.

Ist nach sechs bis acht Wochen eine erste durchgeschriebene Fassung fertig, geht sie an den Verlag, damit der Verleger weiß, was auf ihn zukommt und er seine Anmerkungen und Änderungsvorschläge dazu machen kann. Und da Schreiben Überarbeiten heißt, dauert es dann bis zur 4. oder 5. Fassung, bis ich zufrieden bin.

Die Recherche gestaltet sich manchmal recht skurril: Als ich für meinen zweiten Gruber/Bischoff-Roman einen Blick in die JVA Traunstein werfen wollte, wurde mir dies aus Datenschutzgründen verweigert und der zuständige Herr meinte allen Ernstes, ich solle es doch wie der Karl May halten, der die Schauplätze seiner Geschichten ja auch nicht gekannt habe.

–

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

– David Weddle „If They Move … Kill ’Em!“

Die beste Sam Peckinpah-Biografie und zugleich das interessanteste Filmbuch, das ich kenne.

– Philipp Blom „Böse Philosophen“

Aufklärung tut not.

– Stephen Hunter „Pale Horse Coming“

Pulp Fiction vom Feinsten. Hunter auf dem Höhepunkt. Leider hat er in den vergangenen Jahren furchtbar nachgelassen.

– Jörg Fauser „Rohstoff“

Ein Klassiker, immer wieder lesenswert.

– Robert Hültner „Tödliches Bayern“

Authentische Kriminalfälle aus Bayern und der Stoff, aus dem Regiokrimis geschnitzt sein sollten.

–

Schweiger - Duell am Chiemsee - 2

Wolfgang Schweiger: Duell am Chiemsee

Pendragon, 2014

264 Seiten

10,99 Euro

–

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)


Dominique Manotti träumt „Madoffs Traum“

August 11, 2014

Manotti - Madoffs Traum - 2

Erst vor wenigen Wochen feierte ich den neuen Roman „Ausbruch“ von Dominique Manotti ab und schon liegt ihr nächster Roman auf meinem Schreibtisch. Wobei Roman falsch ist. Der Verlag nennt das 64-seitige Werk eine „Novelle“, ich würde eher längere Kurzgeschichte (so ungefähr in der epischen Stephen-King-Kurzgeschichten-Länge) sagen und ein herkömmlicher Krimi mit Mord und Totschlag ist es auch nicht.

Es ist die an den Fakten entlang erzählte Lebensbeichte von Bernie Madoff, der wegen seiner Betrügereien zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt wurde und in Manottis Buch über sich sagt: „Ich bin kein Verbrecher. Ich bin einer der Gründerväter der neuen Ökonomie.“

Er erzählt, wie er in den Sechzigern als Börsenmakler begann, als 22-jähriger eine Wertpapierfirma gründete und in den folgenden Jahrzehnten zum Großverdiener aufstieg. Das begann in den Siebzigern mit dem Einsatz von Computern und der Gründung der NASDAQ: „wir Jungbörsianer [setzten] alles auf eine Karte und gründeten 1971 die weltweit erste voll computerisierte und voll automatisierte Börse, die NASDAQ. Gewagt, gewonnen. In weniger als zehn Jahren entwickelte sich die Nasdaq zur zweitgrößten amerikanischen Börse.“

Als er als Vierzigjähriger in den Achtzigern an den Ruhestand dachte, kam Ronald Reagan an die Macht und das Jahrzehnt der Gier brach aus, wie wir in Oliver Stones „Wall Street“ und Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (und der Verfilmung) sehen konnten.

So formulierte der Börsenmakler Ivan Boesky (eines der Vorbilder für „Wall Street“ Gordon Gekko) in einer legendären Rede an der Universität Kalifornien: „Gier ist eine Tugend. Lebensgier, Geldgier, Liebesgier, Wissbegier – Gier ist die Essenz des Fortschrittgeistes. Sie ist das, was die Welt in Bewegung versetzt. Sie ist der Motor für das Voranschreiten der Menschheit. Die Gier wird dieses schlecht geführte Unternehmen namens USA retten. Ich denke, dass Gier gesund ist. Sie haben das Recht, gierig zu sein und sich daher wohl in Ihrer Haut zu fühlen.“

Madoff und die anderen Börsianer waren begeistert. Hier formulierte einer eloquent, was er dachte. Auch wenn der Aufschwung der Börse, so Madoff, damals vor allem von Schrottanleihen befeuert wurde.

In den Neunzigern beteiligte Madoff sich auf Anregung von P. an einem Ponzi-System. Als der Betrug während der Finanzkrise aufflug, wurde Madoff als Betrüger auch bei uns bekannt. Immerhin betrog er in großer Dimension die Reichen, die über zwanzig Jahre klaglos die Dividende bezogen und rund um den Globus wohnten.

„Madoffs Traum“ ist keine überdrehte Satire wie zuletzt Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“, sondern eine fast schon nüchterne und sich objektiv gebende Annäherung an Madoff beziehungsweise den Typus des Finanzbankers und Börsenmaklers, der sich nicht als schlechten Menschen sieht und, so befürchtet Dominique Manotti in ihrer moralischen Erzählung „der Held Ihrer kommenden Jahre“ ist.

Ergänzend empfiehlt sich nach der Lektüre des schmalen, aber lesenswerten Buches das Ansehen von „Master of the Universe“. In der Doku erzählt der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss aus seinem Leben und wie er und seine Kollegen in den frühen Achtzigern die gemütliche deutsche Wirtschaft mit US-amerikanischen Methoden auf Vordermann brachten.

–

Dominique Manotti: Madoffs Traum

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2014

64 Seiten

8 Euro

–

Originalausgabe

La rêve de Madoff

Édtions Allia, Paris 2013

–

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch) und Bernie Madoff 

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)


TV-Tipp für den 11. August: Amigo – Bei Ankunft Tod

August 10, 2014

ZDF, 20.15

Amigo – Bei Ankunft Tod (Deutschland/Italien 2010, Regie: Lars Becker)

Drehbuch: Lars Becker

LV: Lars Becker: Amigo, 1991

Zwei BKA-Ermittler sollen in Neapel einen vor zwanzig Jahren untergetauchten RAFler verhaften. Die Verhaftung geht schief und der RAFler macht sich auf den Weg nach Hamburg. Dort will er den Mann, der ihn an die Polizei verriet, zur Strecke bringen.

Seltsam, seltsam, dass Lars Becker seinen zwanzig Jahre alten Krimi, bei dem das Zeitkolorit sehr wichtig war, erst 2010 verfilmt. Entsprechend aus der Zeit gefallen und anachronistisch wirkt “Amigo” dann auch über weite Strecken.

mit Tobias Moretti, Jürgen Prochnow, Florian David Fitz, Luca Ward, August Zirner, Ina Weisse, Uwe Ochsenknecht

Hinweise

Arte über “Amigo – Bei Ankunft Tod”

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Lars Becker

Lars Becker in der Kriminalakte

–

Und danach (also um 21.45 Uhr) umschalten zu Arte und dort „Der König von Bastoy/King of Devil’s Island“ ansehen.


TV-Tipp für den 10. August: George Gently – Der Unbestechliche: Tödliches Verlangen

August 9, 2014

ZDF, 22.00

George Gently – Der Unbestechliche: Tödliches Verlangen (Großbritannien 2011)

Regie: Nicholas Renton

Drehbuch: Stewart Harcourt, Peter Flannery

Erfinder: Peter Flannery

LV: Charakter von Alan Hunter

Chief Inspector George Gently ist zurück mit sechs Fällen, die heute und an den kommenden Sonntagen um 22.00 Uhr gezeigt werden. In England liefen die neunzigminütigen Filme bereits 2011 und 2012. Wann die vier dieses Jahr dort ausgestrahlten Episoden bei uns gezeigt werden, ist noch unklar. Aber bis dahin können wir mit diesen Fällen zurückkehren in den ländlichen Norden von England in die sechziger Jahre.

„Tödliches Verlangen“ (das im Original den schönen Titel „Gently Upside Down“ hat) spielt 1966 in Durham. Dort wird die Leiche einer Schülerin gefunden. Gently und sein deutlich jüngerer Kollege Detective Sergeant John Bacchus (mit „Beatles“-Frisur) suchen den Mörder an der Schule und im Umkreis der populären Musik-TV-Sendung „Upside Down“, in der Bands live vor tanzenden Teenagern spielen. Denn die Tote, die öfters in der Show war, war schwanger und sie hatte einen älteren Freund, den ihre Freundinnen nicht kannten.

Wie in den vorherigen Fällen (die ich hier und hier ausführlich besprochen habe) sind die sechziger Jahre und die damaligen gesellschaftlichen Probleme essenziell für die Fälle. So ist „Tödliches Verlangen“ ohne die Auswirkungen der Swinging Sixties in der Provinz (mit viel Musik) und die Abhängigkeiten von Schülerinnen zu ihren Lehrern nicht denkbar. Davon abgesehen folgt diese Episode etwas zu sehr den vertrauten Rätselkrimipfaden.

mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Vincent Regan, Kate Bracken, Jade Byrne, Neil Morrissey, Sean Gilder

Wiederholung: Montag, 11. August, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Fantastic Fiction: Bibliographie Alan Hunter

BBC über George Gently (Pressematerial zu „George Gently“)

ZDF über George Gently

Telegraph: Interview mit Martin Shaw und Lee Ingleby zu „George Gently“ (5. Juli 2008)

Wikipedia über “George Gently – Der Unbestechliche” (deutsch,englisch)

Meine Besprechung von „George Gently – Der Unbestechliche“ (Staffel 1)

Meine Besprechung von „George Gently – Der Unbestechliche“ (Staffel 2 und 3)


„Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm“ – aber wie?

August 9, 2014

Leitner-Sorg-Sponsel HRSG Der Dokumentarfilm ist tot - 2

In den Kinos laufen immer mehr Dokumentarfilme. Im Fernsehen werden dagegen die spielfilmlangen Dokumentarfilme im Nachtprogramm und in Spartensendern versteckt (Wissen Sie, wo auf ihrer Fernbedienung ZDFinfo ist?). Auf YouTube und anderen, deutlich unbekannteren Plattformen gibt es beachtliche Dokumentarfilme mit unklaren Gewinnaussichten für die Macher. Wie steht es also um den Dokumentarfilm?

In ihrem Sammelband „Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm“ versuchen Matthias Leitner, Sebastian Sorg und Daniel Sponsel diese Frage für Deutschland zu beantworten und dank der Einzelbeiträge, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven dem Thema nähern, entsteht auch ein vielfältiges Bild.

Es gibt historische Überblicke, theoretische Annäherungen, Praxisberichte und Wissenswertes über die Finanzierung durch Crowdfunding, rechtliche Probleme und Gedanken zu Verbreitungsmöglichkeiten im Internet; soweit die Regisseure die Rechte an ihren Filmen haben.

Besonders interessant sind dabei die historischen Rückblicke („Der Dokumentarfilm – Die Kunst der Stunde“ von Daniel Sponsel und „Dokufiktion – Hybride Formen als Chance“ von Kay Hoffmann), die Einblicke in die Arbeit („Making of ‚Heimat‘ – Ein Werkstattbericht“ von Jörg Adolph und „Tanzende Zwerge. 3D und das Realismusproblem“ von Wim Wenders und Daniel Sponsel), Frédéric Jaegers „Neue kritische Praxis für neue Medien?“ und, wenn man sich für die finanzielle Seite interessiert, die fünf Texte, die sich mit der Finanzierung und Distribution beschäftigen.

Bei den theoretischen Texten, in denen versucht wird, aufzuzeigen, wie sich der Dokumentarfilm wirklich verändert und wo die wirklichen Potentiale dieser Veränderungen liegen, war mir dagegen der Punkt, der die neuen Dokumentarfilme von den alten Dokumentarfilmen unterscheidet, teils unklar und ich fragte mich immer wieder, ob eine Hinwendung zu einem nicht-linearem, einem gamifiziertem und einem Erzählen mit den Zuschauern wirklich ein Fortschritt ist oder ob nicht einfach durchaus begrüßenswerte Experimente mit gut klingenden Phrasen einen philosophischen und theoretischen Überbau bekommen, der in den Filmen nicht erkennbar ist. Es ist auch unklar, ob hier wirklich mit neuen Formen experimentiert wird, ob der Zuschauer wirklich zu neuen Erkenntnissen kommen kann oder ob die Macher einfach ihr Material nicht selbst sinnvoll ordnen wollen, auf jeden Gestaltungswillen verzichten und die Arbeit letztendlich dem Zuschauer überlassen.

Aber trotzdem sollte mehr experimentiert werden, sollte versucht werden, die Möglichkeiten der neuen Medien besser auszuschöpfen (wozu auch lange, ungeschnittene Interviews zählen können, wenn die Kamera nicht vom Gesagten ablenkt) und sich nicht nur auf animierte Diashows beschränken, wie das von Jaeger ausführlicher vorgestellte, mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete 2470media/taz-Gemeinschaftsprojekt „Berlinfolgen“, die eigentlich nur eine auch mich nicht sonderlich beeindruckende selbstablaufende Diashow mit Tonspur waren. Dass mehr möglich ist, zeigt die New York Times mit „1 in 8 Million“.

–

Wenn Ihr also gute Dokumentarfilme kennt, hinterlasst einen Kommentar. Immerhin gehöre ich zu den Schizophrenen, die zwar schon Wochen ungesehener Filme bei sich herumliegen haben, aber immer noch neugierig sind.

–

Matthias Leitner/Sebastian Sorg/Daniel Sponsel (Hrsg.): Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm – Über die Zukunft des dokumentarischen Arbeitens

Schüren, 2014

148 Seiten

16,90 Euro

–

Hinweise

Homepage zum Buch

DOK.forum (Filmfest mit und über Dokumentarfilme – der Urknall des Buches)

AG Dok (bzw. Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm – die Vereinigung deutscher Dokumentarfilmer)

Onlinefilm.org (Dokumentarfilme von deutschen Dokumentarfilmern)

realeyz (auch Spielfilme, solange sie nicht zu den Hollywood-Blockbustern gehören)


TV-Tipp für den 9. August: A Gang Story – Eine Frage der Ehre

August 9, 2014

Servus TV, 22.10

A Gang Story – Eine Frage der Ehre (Frankreich 2011, Regie: Olivier Marchal)

Drehbuch: Olivier Marchal, Edgar Marie

LV: Edmond Vidal

Momon Vidal, der schon seit Jahren ein bürgerliches Leben lebt, will seinen Kumpel Serge Suttel, die beide als „Bande von Lyon“ früher große Gangster waren, aus dem Gefängnis befreien – was gar nicht so einfach ist.

Französischer Gangsterkrimi, der bei uns nur auf DVD veröffentlicht wurde.

„Glaubwürdig und mit Verve gespielte, souverän in Rückblenden erzählte Gangster-Saga, die den epischen Atem französischer Genreklassiker atmet, dabei aber mit mehr zeitgenössischem Tempo und viel Action erzählt wird.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Gérard Lanvin, Tchéky Karyo, Daniel Duval, Dimitri Storoge, Patrick Catalifo

Hinweise

AlloCine über „A Gang Story – Eine Frage der Ehre“

Wikipedia über „A Gang Story – Eine Frage der Ehre“ (deutsch, französisch, englisch)

Meine Besprechung von Edgar Maries „Paris Countdown – Die Zeit läuft ab“ (Paris Countdown/Le jour Attendra, Frankreich 2013)


TV-Tipp für den 8. August: Du kannst anfangen zu beten

August 8, 2014

3sat, 22.35
Du kannst anfangen zu beten (Frankreich/Italien 1968, Regie: Jean Herman)
Drehbuch: Sébastien Japrisot, Jean Herman
LV/Buch zum Film: Sébastien Japrisot: Adieu l’Ami, 1968 (Weekend im Tresor)
Dino Barran (Alain Delon) und Franz Propp (Charles Bronson), zwei Veteranen des Algerienkrieges, die nichts voneinander wissen wollen, rauben notgedrungen an einem langen Wochenende in einem Bürohaus einen Safe aus.
Ein bei uns, trotz der Besetzung, fast unbekannter Klassiker des Caper-Films, in dem Blicke mehr als Worte sagen. Sowieso wird hier nicht besonders viel geredet, was bei den begnadeten Schweigern Alain Delon und Charles Bronson okay ist.
mit Alain Delon, Charles Bronson, Olga Georges-Picot, Bernard Fresson, Brigitte Fossey
auch bekannt als „Bei Bullen singen Freunde nicht“
Hinweise
Wikipedia über „Du kannst anfangen zu beten“ (deutsch, englisch) und  Sébastien Japrisot (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Sébastien Japrisot

Sébastien Japrisot in der Kriminalakte