The Killer inside me (The Killer inside me, USA 2010)
Regie: Michael Winterbottom
Drehbuch: John Curran
LV: Jim Thompson: The Killer inside me, 1952 (Der Mörder in mir)
Texas, fünfziger Jahre: Sheriff Lou Ford ist allgemein beliebt – und ein eiskalter Killer.
Etwas zu werkgetreue und zu distanzierte, aber insgesamt sehenswerte Jim-Thompson-Verfilmung mit dem so furchtbar harmlos aussehendem, netten Casey Affleck als Bösewicht. Einen besseren Lou Ford hätten sie nicht finden können.
Drei Jugendliche bringen den Hund von Avery Ludlow um. Ludlow will, dass die Jugendlichen ihr Unrecht einsehen. Dafür legt er sich mit dem neureichen Daddy von zwei der Jugendlichen.
Grandioses Drama, das hemmungslos Western-Topoi plündert, und ernsthaft Fragen über Verantwortung, Gerechtigkeit und Menschlichkeit behandelt.
Oder: der beste Clint-Eastwood-Film des Jahres ohne Clint Eastwood.
Mit Brian Cox, Noel Fisher, Tom Sizemore, Kyle Gallner, Shiloh Fernandez, Kim Dickens, Robert Englund, Amanda Plummer, Delaney Williams
Wir haben Drogenkonsum, Diebstahl, Tote, einen Serienmörder – und trotzdem ist „Der Krake auf meinem Kopf“, der neue Roman von Jim Nisbet, nichts für den 08/15-Krimileser. Nicht weil der Roman besonders experimentell ist, so mit Zeitsprüngen und Perspektivenwechsel (obwohl es einen gibt), oder gegen Genreregeln verstößt. Am Ende ist das Verbrechen aufgeklärt und der Weg dorthin folgt schon, in groben Zügen, den bekannten Regeln und verstößt dabei doch in einer ganz lässigen Das-ist-mir-vollkommen-egal-Einstellung gegen die wichtigste: die Wer-ist-der-Täter-Spannung.
Denn Jim Nisbet, der auch die grandiosen Noirs „Dunkler Gefährte“ und „Tödliche Injektion“ schrieb, kümmert sich in „Der Krake auf meinem Kopf“ einfach nicht um die Tätersuche, weil er die Krimihandlung eher nebenbei erzählt, während er Curly Watkins, der die titelgebende Krake auf seinen Kopf tätowiert hat, aus seinem Leben als gut fünfzigjähriger Gitarrist am unteren Ende des amerikanischen Traums erzählen lässt.
Curly besucht Ivy Pruitt, Junkie mit sauberer Wohnung, Jazzdrummer und ein wandelndes Chaosgebiet. Als sie etwas Heroin geniesen wollen, stürmt die Polizei in Ivys Wohnung. Während Ivy noch im Gefängnis schmorrt, macht der für die Polizei unbescholtene Curly sich mit Lavinia Hahn, ihre gemeinsamen Freundin und Drogenkonsumentin, auf den Weg zu Stefan Stepnowski. Er hat bei Sal Kramer Schulden. Der Lohn für die kleine Geldbeschaffung würde Ivy aus dem Gefängnis holen und sie hätten noch etwas Geld für Drogen übrig.
Als sie den Musiker Stepnowski finden ist er tot. Erschossen und mit Bündel Geldscheine in seiner Hosentasche. Damit es nicht nach einem Raubmord aussieht, nimmt Curly ihm nicht alles ab.
In diesem Moment ist das Fundament für einen ordentlichen Krimi gelegt. Aber Nisbet interessiert sich nicht für die möglichen Konflikte der drei Junkies über die unverhoffte Beute oder um die Mörderjagd, was besonders deutlich wird, als Curly und Lavinia bei Musikinstrumentenhändler Kramer auf Lieutenant Garcia, Abteilung Tötungsdelikte, treffen. Anstatt sie irgendwie zu drangsalieren, erklärt er ihnen höflich und ausführlich, warum sie keine Mordverdächtigen sind.
Nisbet interessiert sich in seinem Noir viel mehr für den Alltag von Curly, Ivy und Lavinia, die das gefundene Geld, brüderlich geteilt, für den Drogenkonsum verwenden wollen, nach einem Missgeschick (es ging um Glasscherben und Kokain) einen Eipochierer besorgen müssen und über Seiten tiefsinnige Junkie-Dialoge führen, während im Hintergrund ein ausgesucht guter Jazz-Soundtrack läuft. Und das ist überhaupt nicht langweilig. Immerhin sind Curly, Ivy und Lavinia keine Dummköpfe.
Nach zwei Dritteln gibt es einen abrupten Perspektivwechsel, der den Roman in eine vollkommen neue Richtung lenkt.
„Der Krake auf meinem Kopf“ ist ein feiner, schwarzhumoriger Noir und ein interessantes Porträt von San Francisco und wie sich die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten veränderte.
George Gently – Der Unbestechliche: Adel verpflichtet(Großbritannien 2012, Regie: Gillies Mackinnon)
Drehbuch: Peter Flannery
LV: Charakter von Alan Hunter
Northumberland, 1968: In einem Auto, das im Fluss liegt, wird die Leiche einer jungen Musikerin gefunden. Von dem Fahrer fehlt jede Spur, aber der Wagen gehörte dem Adligen Hector Blackstone und sein Sohn James ist in der Vergangenheit mehrfach aufgefallen. Inspector George Gently und sein Kollege John Bacchus ermitteln.
Spannender Krimi, der dieses Mal ein Bild der Klassenkonflikte zwischen Bürgerlichen und gar nicht mehr so adligen Adligen um 68 zeichnet und als bitteres Familiendrama endet. Garniert mit einer ordentliche Portion zeitgenössischer Musik. Das ist dann doch meilenweit von „Inspector Barnaby“ entfernt.
mit Martin Shaw, Lee Ingleby, Robert Lloyd Pack, Geraldine Sommerville, James Norton, Ebony Buckle, Christopher Fairbank
Roland Klick – The Heart is a Hungry Hunter(Deutschland 2013, Regie: Sandra Prechtel)
Drehbuch: Sandra Prechtel
Spielfilmlange Doku über Roland Klick, der am 4. Juli 75 Jahre alt wurde. Er drehte „Bübchen“, „Deadlock“, „Supermarkt“ und die vergessene Johannes-Mario-Simmel-Verfilmung „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ (Hey, die könnte mal im Fernsehen laufen!). Er erhielt Preise, aber er passte mit seinen Genrevariationen nicht in die deutsche Filmwelt der siebziger Jahre zwischen dem Neuen Deutschen Film und dem „Schulmädchenreport“-Kommerzkino. Heute hat er Kultstatus.
Sein letzter deutscher Film war 1992 „Schluckauf“. Danach drehte er unter einem bislang nicht enthülltem Pseudonym mehrere Filme für das US-Fernsehen.
3sat zeigt am Sonntag um Mitternacht „Deadlock“ und danach, um 01.30 Uhr „White Star“
Mit Roland Klick, Otto Sander, Hark Bohm, David Hess, Eva Mattes, Jost Vacano
„Göttliche Lage“ – was für ein Filmtitel, der sofort Assoziationen weckt und dann ist die Dokumentation nur eine nette Chronik, die genau die Zuspitzungen und Konflikte vermissen lässt, die ich erwartet hätte und die es in Berlin mit Sicherheit gegeben hätte. Denn Ulrike Franke und Michael Loeken zeigen in einer Langzeitbeobachtung, wie in Dortmund-Hörde auf dem Gelände einer Zeche ein Nobelwohngebiet mit künstlichem See errichtet wird, das unbestritten die Lebensqualität verbessert, aber auch zu einer massiven Gentrifizierung führen wird. Denn die Mieten in den Wohnungen um die stillgelelgte Zeche des Stahlwerkes Phoenix-Ost sind niedrig. Die Mieter leben eher von Hartz IV als von Chefarztgehältern. Sehenswürdigkeiten gibt es keine. Das Viertel ist ziemlich heruntergekommen und von der Welt vergessen. Da wird das Projekt auch im Umfeld zu steigenden Mieten führen.
Gegen solche Bauprojekte gibt es in Berlin, zum Beispiel in Kreuzberg, massive Proteste, die es teilweise in die „Tagesschau“ schaffen, wie der legendäre Besuch von „Looking for Freedom“-Sänger David Hasselhoff an der East Side Gallery (einem Teil der Berliner Mauer), die ein Investor zugunsten von Wohnungen für solvente Mieter abreißen wollte.
In Dortmund-Hörde scheint es, wie „Göttliche Lage“ zeigt, dagegen keine Proteste und keine nennenswerten Konflikte gegeben zu haben. Einige Anwohner sind skeptisch, einige befürchten steigende Mieten, aber die meisten denken, dass das halt der Lauf der Dinge ist. Es gibt nur einige kleinere Konflikte mit Gänsen, die sich – entgegen der Planung – in dem künstlich errichteten Phoenix-See ansiedeln. Die Phoenix See Entwicklungsgesellschaft würde gerne etwas dagegen tun, aber die Belange des Naturschutzes stehen dem entgegen. Und nachdem die Siedlung errichtet ist, gibt es kleinere Probleme mit ortsansässigen Jugendlichen, die – verständlich – halt gerne am See sitzen und ein Bier trinken. Aber dafür gibt es den Wachschutz und eine schon fast satirisch anmutende Liste von Verboten, die alle, fein säuberlich, auf einem Schild den Besuchern verkündet werden.
Diese wenigen, kleinen Konflikte trüben allerdings nicht das entstehende Bild eines rundum positiv aufgenommenen und akzeptierten 300-Millionen-Euro-Bauprojektes, das schnell und problemlos vollendet wurde.
Der Film selbst wirkt daher einfach nur wie eine Mischung aus Hofberichterstattung (ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass alles so harmonisch und problemlos ablief) und langer TV-Reportage für den WDR.
Göttliche Lage (Deutschland 2014)
Regie: Ulrike Franke, Michael Loeken
Drehbuch: Ulrike Franke, Michael Loeken
mit Ursula Klischan, Heinz Hüppe, Ludger Schürholz, Frank A. Kirsch, Willi Garth, Joachim Wegner
Der 1989 geborene Kanadier Xavier Dolan ist so etwas wie ein Wunderkind und ein Kritikerliebling. Innerhalb weniger Jahre schrieb und inszenierte er fünf Spielfilme. Sein vierter Film, „Sag nicht, wer du bist!“, ist jetzt bei uns angelaufen und, im Gegensatz zu seinen anderen Filmen, verarbeitete er hier eine fremde Vorlage. Nämlich ein Theaterstück von Michel Marc Bouchard. Die meisten Kritiker sind wieder begeistert und vergleichen das Werk mit Hitchcock und Highsmith, wobei ich den Hitchcock-Vergleich nicht nachvollziehen kann. Highsmith schon eher. Immerhin stehen zwei Männer im Mittelpunkt.
Der Film beginnt mit Tom (Xavier Dolan), der in die tiefste kanadische Provinz zur Beerdigung seines Freundes Guillaume fährt. Allerdings wird er auf dem einsamen Hof nicht erwartet. Guillaumes älterer Bruder Francis (Pierre-Yves Cardinal), ein nicht verheirateter Macho vor dem Herrn, macht ihm schnell und handgreiflich klar, dass Tom nicht sagen soll, dass sein jüngerer Bruder schwul war. Vor allem die Mutter Agathe (Lise Roy) darf es nicht erfahren. Also verleugnet Tom seine Liebesbeziehung. Stattdessen sagt er Agathe, sie seien Arbeitskollegen und Guillaumes Freundin habe leider nicht kommen können.
Tom bleibt dann länger auf der Farm. Er beginnt eine seltsame Beziehung mit Francis, bei der in der Schwebe gehalten wird, ob Francis mit Tom spielt und ob der sensible Tom wirklich „verliebt“ in den gewalttätigen Macho mit Stallgeruch ist.
Seltsam beschreibt den gesamten Film ziemlich gut. Denn auch die Mutter verhält sich seltsam. Als sie Tom zum ersten Mal in ihrer Wohnung trifft, verhält sie sich gegenüber dem fremden Mann so, als sei er ein zufällig vorbeischauender Nachbar, dem man halt einfach etwas zu Essen anbietet. Auch später wirkt sie immer so, als ob sie schauspielere, als ob sie wisse, dass Tom der Freund ihres toten Sohnes war und als ob sie wisse, dass Francis auch mindestens latent homosexuell ist, was immerhin erklären würde, weshalb er keine Ehefrau hat, die ihm auf dem Hof hilft.
Diese Familie lebt seltsam getrennt von der restlichen Welt und den Dorfbewohnern, was auch daran liegen kann, dass sie Angst vor dem gewalttätigen Francis haben.
Auch Tom verhält sich seltsam. Denn er nimmt von seinem Job in Montreal eine längere Auszeit, quartiert sich auf der Farm ein und bleibt ohne einen ersichtlichen Grund dort. Denn seine, uhm, „Liebe“ zu Francis wirkt nie glaubhaft. Genauso wie ich keinen Konflikt des Films glaubte und keinen Charakter in seinem Verhalten nachvollziehbar fand. Denn Tom hätte jederzeit die Farm verlassen können. Ebenso Francis. Und Agathe, die nie besonders religiös oder konservativ wirkte, hätte man sicher auch sagen können, dass ihr Sohn homosexuell ist.
Daher war auch nie klar, wo die mehr oder weniger ausgesprochenen (Schein-)Konflikte zwischen den drei Menschen, die sich selbst über ihre Gefühle nie ganz klar waren, hinführen sollten. Letztendlich mäandert „Sag nicht, wer du bist!“ so vor sich hin, bis Tom das tut, was ich schon nach der ersten Nacht auf der Farm getan hätte.
Am Ende fühlt „Sag nicht, wer du bist!“ sich länger an als Dolans gut doppelt so langer vorheriger Film „Laurence Anyways“.
Sein neuester Film „Mommy“, der dieses Jahr in Cannes Premiere hatte und den Preis der Jury erhielt, startet, nach Vorführungen bei den Filmfesten in Hamburg und Leipzig im September, am 13. November in unseren Kinos.
Sag nicht, wer du bist! (Tom à la ferme/Tom at the Farm, Kanada/Frankreich 2013)
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan, Michel Marc Bouchard
LV: Michel Marc Bouchard: Tom at the Farm (Theaterstück)
mit Xavier Dolan, Pierre-Yves Cardinal, Lise Roy, Évelyne Brochu, Manuel Tadros, Jacques Lavallée, Anne Caron
Nachbarn. Man muss sich halt irgendwie mit ihnen arrangieren. Aber Madame Mallory fällt das bei den neuen Nachbarn sichtbar schwer. Sie betreibt im südfranzösischen Städtchen Saint-Antonin-Noble-Val seit Jahrzehnten das ländlich gelegene Edelrestaurant „Le Saule Pleureur“. Einen Michelin-Stern hat sie. Einen zweiten will sie seit Jahren für ihren Tempel der französischen Eßkunst bekommen.
Da zieht in das gegenüberliegende Haus, eine Ruine, die mal ein Restaurant war, eine indische Familie ein. Die Kadams mussten aus Mumbai fliehen. Dort betrieben sie ein erfolgreiches und gutes Restaurant. Sie waren in England. Aber die Lebensmittel gefielen ihnen nicht. Jetzt fahren sie durch Europa auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich niederlassen können. Nachdem an ihrem Auto die Bremsen versagen, müssen sie notgedrungen in Saint-Antonin-Noble-Val pausieren. Als sie bei Marguerite essen, ist das Familienoberhaupt begeistert. Diese Lebensmittel haben, wie die indischen, eine Seele.
Kurz darauf entdeckt er ein altes, zum Verkauf stehendes baufälliges Haus und er sieht in ihm sofort den Ort, an den sie das Schicksal geführt hat. Hier werden sie ihr Restaurant eröffnen und die Franzosen für die indische Küche begeistern. Sein Sohn Hassan, selbst ein begeisterter Koch, hält die Idee für wahnsinnig. Immerhin ist doch bekannt, was die Franzosen essen und was sie von nicht-französischer Küche halten.
Dennoch setzt Papa seinen Willen durch. Sie renovieren das Haus, was Madame Mallory überhaupt nicht gefällt und was sie mit zahlreichen kleinen Sticheleien und Beschwerden beim Bürgermeister zu verhindern versucht. Trotzdem gelingt es den Kadams, die „Maison Mumbai“ zu eröffnen und der Kleinkrieg zwischen den beiden Restaurantchefs und ihren gegensätzlichen Philosophien, vor allem hinsichtlich des richtigen Essens, eskaliert.
Zwischen ihnen steht Hassan, der nicht nur ein begeisterter, sondern auch ein begnadeter Koch ist, der auch die Geheimnisse der französischen Küche kennenlernen will. Was am Besten in der auf der anderen Straßenseite liegenden „Le Saule Pleureur“ gehen würde.
Außerdem ist er in Marguerite, Madame Mallorys Sous-Chefin, verliebt, die aber glaubt, dass Köche sich nicht ineinander verlieben sollten.
Und weil „Madame Mallory und der Duft von Curry“ ein romantisches Feelgood-Movie ist, ist auch schon von den ersten Minuten an klar, wie der Film enden wird. Auch der Weg dorthin ist ziemlich offensichtlich, aber dank der guten Besetzung – Helen Mirren als Madame Mallory, Om Puri als Papa, Manish Dayal als Hassan und Charlotte Le Bon als Marguerite -, dem feinen, wohldosiert mit Humor gewürztem Drehbuch von Steven Knight (u. a. „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“ und „No Turning Back – Locke“) und der gewohnt feinfühligen Regie von Lasse Hallström, der für solche Feelgood-Movies bekannt und beliebt ist, ist dieser Zusammenprall unterschiedlicher Welten ein Vergnügen. Denn natürlich bedeutet der kurze Weg über die Straße, von einem Haus zu einem anderen Haus, auch den Weg in eine andere Welt und er zeigt, wie die Verständigung zwischen verschiedenen Weltvorstellungen und Kulturen gelingen kann. Durch gegenseitigen Respekt, Anerkennung von Fähigkeiten, Neugierde und Toleranz.
Allerdings sollte man sich den kurzweiligen Feelgood-Film gut gesättigt ansehen. Denn die Kocherei und die vielen, liebevoll präsentierten Gerichte, vor allem natürlich die üppigen indischen Gerichte, die die Tische biegen und herzhaft gegessen werden, machen hungrig und dann würde „Madame Mallory und der Duft von Curry“ zu einem Magenknurren verursachendem Feelbad-Movie werden.
Madame Mallory und der Duft von Curry (The Hundred-Foot Journey, USA 2014)
Regie: Lasse Hallström
Drehbuch: Steven Knight
LV: Richard C. Morais: The Hundred-Foot Journey, 2010 (Madame Mallory und der kleine indische Küchenchef; Madame Mallory und der Geschmack von Curry)
mit Helen Mirren, Om Puri, Manisch Dayal, Charlotte Le Bon, Farzana Dua Elahe, Amit Shah, Aria Pandya, Dillon Mitra, Michel Blanc
Die Pubertät ist die Hölle und in einem Fischerdorf auf Jütland, auf dem die Freizeitgestaltung zwischen Abhängen an der Bushaltestelle (falls es eine gibt) und abendlichem Fernsehprogramm schwankt, ist es noch eine Spur schlimmer. Denn wer sich nicht anpasst, ist in so einem Dorf schnell der Außenseiter. Die schüchterne Marie (Debütantin Sonia Suhl) bekommt das zu spüren. In einer Fischfabrik wird sie zuerst einem unappetitlichem Begrüßungsrituale unterzogen und ein Kollege stichelt sie. Immer genug, damit sie sich unwohl fühlt, aber nie genug, um zum Chef zu gehen. Ihre Mutter sitzt gelähmt in einem Rollstuhl, liebevoll gepflegt von ihrem Vater (Lars Mikkelsen). Warum sie gelähmt ist, erfährt Marie nicht.
Da spürt sie, wie sich ihr Körper verändert. Der Hausarzt verschreibt ihr gegen diese Veränderungen eine Medizin.
Jonas Alexander Arnby führt in seinem Debütfilm „When Animals dream“ den Horrorfilm von CGI-Spektakeln und Blutbädern wieder zu seinen Ursprüngen zurück, indem er eine Geschichte über verdrängte Sexualität erzählt. Im Film verwandelt Marie sich in einen Werwolf. Wie ihre Mutter. Diese Transformation ist auch eine Metapher für die Verwandlung vom Kind zur Frau – und sie steht auch für Maries Emanzipation von der Dorfgemeinschaft, einer in sich verschworenen Gruppe, die wissend schweigt, und keine Fremden und keine Abweichler duldet.
Das ist durchaus faszinierend. Vor allem weil Arnby die Geschichte angenehm ruhig und mit vielen Andeutungen inszeniert. Allerdings erzählt er diese etwas andere Coming-of-Age-Geschichte für meinen Geschmack etwas zu minimalistisch und zu langsam. Denn während die schweigsamen Dorfbewohner wissen, was geschah, erfährt Marie es nicht von ihnen. Sie scheinen auch zu wissen, was mit Marie geschehen wird und sie sind bereit, etwas dagegen zu unternehmen.
So bleibt der Film, der keine Erklärungen gibt, was vor allem gegen Ende stört, sehr offen für verschiedene Interpretationen.
When Animals dream (Når dyrene drømmer, Dänemark 2014)
Regie: Jonas Alexander Arnby
Drehbuch: Rasmus Birch
mit Sonia Suhl, Lars Mikkelsen, Sonja Richter, Jakob Oftebro, Mads Riisom, Gustav Dyekjaer Giese
Katastrophenfilme, die nächste Runde. Dieses Mal mit „Storm Hunters“ (das im Original „Into the Storm“ heißt) und einer Innovation: Found Footage. Jedenfalls teilweise und wieder einmal soll Found Footage ein schlechtes Drehbuch verschleiern. Denn auch im Katastrophenfilm-Genre, das schon immer auf Schauwerte und nie auf ein ausgefeiltes Drehbuch setzte, ist „Storm Hunters“ nur eine Abfolge lieblos präsentierter Klischees und sattsam bekannter Situationen.
Im Mittelpunkt steht Pete Moore (Matt Walsh), ein professioneller Jäger von Tornados. Mit einem kleinem Team und der Wissenschaftlerin Allison Stone (Sarah Wayne Callies), die ihnen sagen soll, wo der nächste Wirbelsturm zuschlägt, ist er in den USA unterwegs ist. Er will Bilder machen, die die Welt noch nicht gesehen hat. Die stellt er dann online und irgendwie verdient er damit genug Geld, um sein Team und das von ihm entwickelte ideale Auto, um in das Auge des Sturms vorzustoßen, zu bezahlen. Das Fahrzeug sieht wie ein umgebauter Panzer aus und würde auch in den nächsten „Mad Max“-Film passen.
Jetzt fahren die Sturmjäger in Richtung Silverton, wo, so Allison, ein wirklich schlimmer Sturm zuschlagen soll. Sozusagen die Mutter aller Stürme: groß, unberechenbar und katastrophal. In dieser All-American-Kleinstadt wird an der örtlichen Schule gerade pompös ein Schulabschluss gefeiert. Trey (Nathan Kress), nimmt die Veranstaltung auf, weil sein älterer Bruder Donnie (Max Deacon) mit der High-School-Schönheit Kaitlyn (Alycia Debnam-Carey) verschwand. Er will ihr bei ihrem Videoprojekt helfen. Sie gehen zu einer alten Papierfabrik, wo der Tornado zuschlägt und sie in einem Kanal begräbt. Sie können nicht raus aus der Falle, das Wasser steigt, die Verzweiflung der Teenager ebenso, aber das Handy funktioniert noch. Mit ihm kann Donnie seinen Vater, den alleinerziehenden Stellvertretenden Schuldirektor Gary Fuller (Richard Armitage) anrufen. Er macht sich auf den Weg zu seinem Sohn, trifft die Storm Hunters und gemeinsam beginnen sie Menschen zu retten, während sie auch Bilder von dem Tornado machen.
Als unwitzigen Comic-Relief dürfen zwei Suffköpfe der Marke „Jackass für Arme“ auftreten.
Die Story dient natürlich nur dazu, die Charaktere möglichst schnell zu den Orten zu bringen, an denen der Tornado zuschlägt. Manchmal, wenn der Sturm gerade die halbe Stadt vernichtet und sie in eine Kirche flüchten, die respektvoll von dem Sturm umgegangen wird, blitzt sogar subtiler Humor auf.
Aber während in früheren Katastrophenfilmen, wie zum Beispiel „Erdbeben“, einige Charaktere überraschende Wandlungen durchmachen durften, bleiben in „Storm Hunters“ alle Charaktere eindimensionale Abziehbilder, die nie auch nur einen Hauch Interesse wecken. Vor allem die Sturmjäger sind einfach nur eine Gruppe abenteuerlustiger Männer ohne soziale Verbindungen, die die Stürme nur wegen des Geldes jagen. Deshalb ist uns auch egal, wenn einer stirbt; – womit ich jetzt nicht gesagt habe, dass einer der Protagonisten stirbt.
Die Tricks sind dagegen gut. In der Luft kollidierende führerlose Jumbos sehen schon beeindruckend aus. Eine Windhose die mal schnell eine halbe Straße samt Gebäude abdeckt, ist auch nicht schlecht. Und die Bilder der zerstörten Stadt Silverton sind ziemlich realistisch geraten. Da scheint dann auch die Hauptenergie der Macher hineingeflossen zu sein.
Aber für einen Film, auch wenn er nur neunzig Minuten dauert, ist das zu wenig.
Storm Hunters (Into the Storm, USA 2014)
Regie: Steven Quale
Drehbuch: John Swetnam
mit Richard Armitage, Sarah Wayne Callies, Matt Walsh, Alycia Debnam-Carey, Arlen Escarpeta, Max Deacon, Nathan Kress, Jeremy Sumpter, Lee Whittaker, Kyle Davis, Jon Reep, Scott Lawrence
In den USA wird derzeit über das maue Einspielergebnis von „The Expendables 3“ diskutiert, weil der Film vor dem Kinostart bereits im Netz in guter Qualität verfügbar war und deshalb so wenige Menschen den Film im Kino ansahen. Immerhin wurde der Film in den USA für eine PG-13-Freigabe verharmlost und damit das potentielle Publikum enorm vergrößert. Das war der Plan.
Aber die Fans der ersten beiden nicht jugendfreien „Expendables“-Filme waren deshalb schon lange vor dem Kinostart verkrätzt. Denn der Charme der ersten beiden „Expendables“-Filme bestand gerade in seiner ungehemmten Glorifizierung der Achtziger-Jahre-Action-Filme mit den von damals bekannten Schauspielern. Sie zeigten noch einmal einfache handgemachte Action.
Für die PG-13-Freigabe wurde in der Originalfassung vor allem auf Schimpfworte, vor allem das immer einsetzbare „Fuck“, verzichtet. Wegen diesem Wort hatten auch „The King’s Speech“ und „Der Ghostwriter“ in den USA Probleme mit der Freigabe. „The King’s Speech“ wurde um einige Schimpfworte gekürzt. Bei „Der Ghostwriter“ führte das zu einer liebevoll erstellten US-Version, die mir sogar besser gefällt, weil es auch im englischen viele schöne Schimpfworte gibt, die nicht mit „f“ anfangen und „k“ enden.
In einem zweiten Schritt wurde dann auf jegliches spritzende Blut verzichtet. Ich habe nicht nachgezählt, aber mehr als drei Blutspritzer habe ich nicht gesehen. Die Action besteht sowieso hauptsächlich auf endlosen Endlosballereien, erledigt von Männern in schwarzen Anzügen. Da sieht man Blut und Einschusslöcher sowieso nicht.
Bei dem Gejammer über das schlechte Einspielergebnis – es reichte immerhin für den vierten Platz – wurde vergessen, dass nicht nur die Kritiker nicht begeistert waren, sondern auch die Begeisterung der Fans sich, wie ein Blick Richtung IMDB und Rotten Tomatoes, in überschaubaren Grenzen hält.
Und sie haben recht: „The Expendables 3“ ist ein überlanger, zugequasselter Action-Film. Der Film dauert epische 127 Minuten, während die beiden Vorgänger ihre Geschichte in hundert Minuten erzählten; also ungefähr der 80er-Jahre-Actionfilm-Länge, was auch für diesen Film eine deutlich bessere Laufzeit gewesen wäre.
Die Story ist noch vernachlässigbarer als in den ersten beiden Filmen. Es beginnt mit einer pompösenen Gefangenenbefreiung von Doctor Death (Wesley Snipes), bei der die „Expendables“-Söldner angführt von Barney Ross (Sylvester Stallone) und Lee Christmas (Jason Statham) einen fahrenden Zug entern, die Wachen töten (meisten erschießen), Doctor Death befreien und schließlich den Zug mit großem Wumm in den Zielbahnhof, ein einsam gelegenes Gefängnis, fahren lassen. Das Gebäude geht in die Luft. Die Bösewichter sind tot. Die Mission ist erfüllt.
Schon bei dieser Action-Szene fällt auf, dass Regisseur Patrick Hughes (Red Hill) so viele Schnitte setzt, dass man nicht mehr richtig nachverfolgen kann, wer was macht. Die weiteren Actionszenen, vor allem in einem Hafen und in einer stillgelegten Fabrik, sind ebenfalls reine Schnittgewitter, die mit Schnitten, Wackelkamera und Nahaufnahmen mal wieder nur ein Gefühl von der Action vermitteln, aber niemals zeigen, was die Stuntmänner wirklich leisten und wie fit die Schauspieler sind. Genau deshalb enttäuscht dann auch das große Action-Finale: es wird endlos geballert, Bomben gehen hoch, Raketen werden abgeschossen und Patrick Hughes schneidet atemlos zwischen den verschiedene Schauplätzen und ungefähr einem halben Dutzen gleichzeitig stattfindender Kämpfe gegen gesichtslose Bösewichter, vulgo „Expendables“-Kanonenfutter, hin und her. Das ist so laut wie langweilig.
In Somalia sollen sie, kurz nach Deaths Befreiung, im Hafen einen Waffendeal verhindern und Conrad Stonebanks (Mel Gibson), hm, ich glaube, in dem Moment noch töten. Bei dem Einsatz, der bombig schiefgeht, entdeckt Expendables-Chef Barney Ross, dass Stonebanks ein alter Kumpel und Gründungsmitglied der Expendables ist. Bis dahin glaubte Ross, dass er Stonebanks vor Jahren, als Stonebanks auf die schiefe Bahn geriet, tötete.
Jetzt will Ross den skrupellosen Stonebanks erledigen, aber CIA-Mann Max Drummer (Harrison Ford) sagt ihm, dass sie Stonebanks lebendig wollen, um ihn als Kriegsverbrecher anzuklagen (Yeah, etwas Suspension of Disbelief ist in dem Moment nötig).
Ross entlässt, weil Stonebanks ein so schlimmer Gegner ist, seine alten Expendables (auch hier ist etwas Suspension of Disbelief hilfreich) und heuert eine Gruppe neuer Expendables an, die dann sofort von Stonebanks gefangen genommen werden.
Also müssen wieder die alten Expendables ran und es kommt zu einer großen Schlacht in einem einsam gelegenem Fabrikgelände, das dem Erdboden gleich gemacht werden kann.
Zwischen den raren Action-Szenen, die eigentlich alles Baller-Szenen sind, gibt es dann, wieder einmal, viele Gespräche der Söldner über ihren Beruf und ihr Leben. Da sind die Rekrutierungen der neuen Expendables fast schon eine willkommene Entspannung.
Wie schon bei den ersten beiden „Expendables“-Filmen beruht ein großer Teil des Charmes der Filme auf der großen Starparade, die dieses Mal aus Sylvester Stallone, Jason Statham, Antonio Banderas, Jet Li, Wesley Snipes, Dolph Lundgren, Kelsey Grammer, Randy Couture, Mel Gibson, Harrison Ford, Arnold Schwarzenegger, Terry Crews, Kellan Lutz, Ronda Roosey, Glen Powell, Victor Ortiz und Robert Davi besteht. Dabei haben die meisten Auftritte ungefähr die Länge eines längeren Cameos und gerade die neuen Expendables (vulgo die Neuzugänge) bleiben vollkommen austauschbar. Auch die aus den vorherigen Filmen bekannten Stars, wie Jason Statham, Dolph Lundgren und Jet Li, kommen kaum über Cameo-Länge hinaus.
Antonio Banderas spielt einen hyperagilen, ewig plappernden und extrem begeisterten Söldner. Das ist anfangs als Comic-Relief witzig, wird aber mit der Zeit nervig. Wenn die Söldner sich durch ein Waldgebiet anschleichen und er dabei endlos plappert, dann ist wieder einmal viel Suspension of Disbelief gefragt.
Mel Gibson als meistens schweigsamer Bösewicht überzeugt; – aber in „Machete Kills“ konnte er ja schon für die Rolle als Bösewicht üben.
Am Ende von „The Expendables 3“ fühlt man sich wie einer der Söldner im Film: man hat die Schlacht überlebt, sie war größtenteils chaotisch und man ist nur froh, noch am Leben zu sein.
The Expendables 3 (The Expendables 3, USA 2014)
Regie: Patrick Hughes
Drehbuch: Sylvester Stallone, Creighton Rothenberger, Katrin Benedikt (nach einer Geschichte von Sylvester Stallone)
mit Sylvester Stallone, Jason Statham, Antonio Banderas, Jet Li, Wesley Snipes, Dolph Lundgren, Kelsey Grammer, Randy Couture, Mel Gibson, Harrison Ford, Arnold Schwarzenegger, Terry Crews, Kellan Lutz, Ronda Roosey, Glen Powell, Victor Ortiz, Robert Davi (für jeden eine Szene, einmal Ballern, einmal Abtreten)
Meister des Grauens – Thomas Gottschalk präsentiert Stephen King
Wenn es in den zwei Stunden (mit Werbung) nicht nur „Thomas Gottschalk präsentiert Stephen King“, sondern auch Interviews mit King und Weggefährten und Ausschnitte aus den Verfilmungen gibt, dann dürfte das mindestens eine okaye Sendung sein.
Im Anschluss läuft die grandiose King-Verfilmung „Misery“.
Wiederholung: Freitag, 22. August, 00.50 Uhr (Taggenau! – Und mit weniger Werbung.)
Francis Urquhart möchte man nicht zum Feind haben. Aber auch nicht wirklich zum Freund oder Geliebten. Denn Urquhart ist, als wir ihn in der BBC-TV-Serie „House of Cards“ zum ersten Mal sehen, Fraktionschef der Tories und nach dem Wahlsieg spekuliert er auf einen Ministerposten. Der neue Premierminister möchte ihn allerdings, weil er sich auf dem Posten bestens bewährt hat, weiter als Fraktionschef haben. Mit einem säuerlichem Lächeln nimmt er den Posten wieder an und sinnt auf Rache.
In der zweiten „House of Cards“-Staffel kämpft Urquhart gegen den neuen König (Michael Kitchen), der zwar nie Prinz Charles genannt wird, aber Prinz Charles war das offenkundige Vorbild für diesen TV-König mit politischen Ambitionen. Denn der König ist ein Schöngeist, der etwas für die Umwelt und die Menschen tun will, die unter den Folgen der neoliberalen Thatcher- und Urquhart-Politik leiden. Inzwischen ist Urquhart nämlich Premierminister und er hält absolut nichts von den königlichen Ideen. Also muss der beim Volk beliebte König beseitigt werden. Aber nicht die auch von Urquhart geschätzte und geliebte Monarchie.
In der dritten „House of Cards“-Staffel kämpft Urquhart um seine Wiederwahl. Dann wäre er länger als diese unterträgliche Frau Thatcher Premierminister. Vor seiner Wohnung wird, als ultimative Beleidigung, sogar ein Thatcher-Denkmal für die jüngst Verstorbene errichtet und er kann dagegen nichts tun. Außerdem wird er immer noch von seinen Erinnerungen an Mattie Storin (Susannah Harker) gequält. Er hatte zu der jungen, aufstrebenden Journalistin in der er ersten „House of Cards“-Staffel eine zunächst berufliche, später auch sexuelle Beziehung und er musste sie töten, weil er ihr einfach nicht mehr Vertrauen konnte. In den vergangenen Jahren hat er – unvorstellbar bei einem deutschen Politiker – noch einige weitere, für seinen Machterhalt notwendige Morde begangen.
Neuerdings plagen ihn, wegen eines Zypern-Friedensabkommens, auch Erinnerungen an seine Soldatenjahre auf der Insel. Wenn herauskommt, was er damals auf der Insel machte, wäre seine politische Karriere vorüber und die Nachwelt hätte ein wesentlich schlechteres Bild von dem Machiavellisten.
Das Ende dieser dritten und letzten „House of Cards“-Staffel, bei dem Urquharts Frau, die ihn all die Jahre unterstützte, eine wichtige Rolle spielt, toppt die vorherigen beiden Staffelenden um Längen. Ich würde es spontan in die Liste der gelungensten Serienenden aufnehmen.
„House of Cards“, das BBC-Original, nicht das US-Remake mit Kevin Spacey, entstand 1990 (Ein Kartenhaus [House of Cards]), 1993 (Um Kopf und Krone [To play the King]) und 1995 (Das letzte Kapitel [The final Cut]) und Ähnlichkeiten mit der aktuellen Politik sind gewollt. Insofern sind die drei Staffeln, jeweils bestehend aus vier, gut einstündigen Folgen und basierend auf Romanen vom Michael Dobbs, einem Torie-Politiker und Thatcher-Berater, auch eine Chronik des Niedergangs der konservativen Partei. 1997 kam die Labour Party an die Macht und Tony Blair wurde Premierminister.
Außerdem gibt die Serie einen sehr zynischen, aber auch sehr realistischen Einblick in das politische Geschäft, bei dem es immer um Macht und Ideen geht. So will Urquhart die Macht nicht nur um der Macht willen.
Im Mittelpunkt der Serie steht der von Ian Richardson grandios gespielte Francis Urquhart. Richardson war für seine Rolle jedes Mal für den Bafta als bester Schauspieler nominiert und für die erste „House of Cards“-Staffel erhielt er – verdient – den Preis. Er spielt den diabolischen Feingeist, Machtpolitiker und Konservativen Francis Urquhart, der sich in der Serie immer wieder erklärend an das Publikum wendet und mit seinen treffenden Bemerkungen und zynischen Sprüchen erfreut, mit erkennbarer Freude an den Untiefen dieses Mannes, der uns als sehr menschliches Monster erscheint.
Dass gegen ihn die anderen Schauspieler, die bei uns fast alle unbekannt sind, nicht verblassen, spricht für ihr Können und für das Drehbuch von Andrew Davies, das sich lustvoll durch die Hinterzimmer der königlichen Politik pflügt. Zu seinen anderen Arbeiten zählen auch die beiden „Bridget Jones“-Filme, die John-le-Carré-Verfilmung „Der Schneider von Panama“ und die Evelyn-Waugh-Verfilmung „Wiedersehen mit Brideshead“.
Die Musik ist von Jim Parker, der auch die Musik für „Inspector Barnaby“ schrieb.
Auch wenn die grandiose Serie in den frühen Neunzigern spielt und die Optik eher an die achtziger Jahre erinnert, ist sie, dank des gleichbleibend hohen Erzähltempos, nie veraltet oder altmodisch, sondern immer noch hochaktuell.
…aber ich kann das unmöglich kommentieren.
(Francis Urquhart)
House of Cards – Das Original (House of Cards, Großbritannien 1990)
Regie: Paul Seed
Drehbuch: Andrew Davies
LV: Michael Dobbs: House of Cards, 1989 (Ein Kartenhaus)
mit Ian Richardson, Susannah Harker, Miles Anderson, Alphonsia Emmanuel, Malcolm Tierney, Diane Fletcher, Colin Jeavons, David Lyon
–
DVD
Pandastorm
Bild: 1,33:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Audiokommentar
Länge: 224 Minuten (2 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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House of Cards – Um Kopf und Krone (To play the King, Großbritannien 1993)
Regie: Paul Seed
Drehbuch: Andrew Davies
LV: Michael Dobbs: To play the King, 1992 (Um Kopf und Krone – Intrigen aus dem Zentrum der Macht)
mit Ian Richardson, Michael Kitchen, Kitty Aldridge, Colin Jeavons, Diane Fletcher, Nicholas Farrell, Rowena King, Leonard Preston, Erika Hoffman, Nick Brimble
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DVD
Pandastorm
Bild: 1,33:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Audiokommentar
Länge: 215 Minuten (2 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre
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House of Cards – Das letzte Kapitel(The final Cut, Großbritannien 1995)
Regie: Mike Vardy
Drehbuch: Andrew Davies
LV: Michael Dobbs: The final Cut, 1995 (Schach dem König) (auf eigenen Wunsch im Vorspann ungenannt, weil ihm die Thatcher-Beerdigung am Anfang der Serie nicht gefiel)
mit Ian Richardson, Diane Fletcher, Paul Freeman, Isla Blair, Nickolas Grace, Glyn Grain, Nick Brimble, Dorothy Vernon, Andrew Seear
Die verrückten Reichen (Frankreich/Deutschland/Italien 1975, Regie: Claude Chabrol)
Drehbuch: Claude Chabrol, Norman Enfield
LV: Lucie Faure: Le Malheur fou, 1970
Ami-Autor William Brandeis und dessen Gattin Claire nehmen am oberflächlichen Gesellschaftleben teil und betrügen sich gegenseitig. Als sie auf Claire Wunsch in ein Landhaus ziehen, bröckelt der Schein.
Ein eher schwacher Chabrol, der ziemlich schnell aus dem Gedächtnis verschwindet. Trotz der zahlreichen parodistischen Elemente und Slapstick-Ästhetik.
Interessant ist „Die verrückten Reichen“ wegen des Aufwandes: große Besetzung bis in die Nebenrollen und reale Ausstattung (die Türen des Studioapartments sind aus massivem Holz). Das war wegen des kanadischen Filmfinanzierungssystem möglich.
Mit Bruce Dern, Stéphane Audran, Sydney Rome, Jean-Pierre Cassel, Ann Margaret, Maria Schell, Charles Aznavour, Curd Jürgens, Tomas Milan, Sybil Danning, Claude Chabrol (als Mann im Verlagsbüro)
Mord am Meer (Deutschland 2004, Regie: Matti Geschonneck)
Drehbuch: Thomas Kirchner
LV: Ulrich Woelk: Die letzte Vorstellung, 2002
Wer ermordete den Freund von Kommissar Glauberg? Und warum schickt das BKA eine Polizistin in die norddeutsche Provinz? Gemeinsam decken Glauberg und die hübsche BKAlerin RAF-, Stasi-, West- und Ost-Ängste auf.
Woelks Roman kam damals bei den Kritikern nicht gut an. Ganz im Gegensatz zu den Fernsehkritikern. Die mochten den Film des immer zuverlässigen Matti Geschonneck. Und beim Hamburger Filmfest 2004 erhielt „Mord am Meer“ den TV-Produzentenpreis.
„Mord am Meer“ ist ein insgesamt gelungener Film, der unter den Beschränkungen des 90-Minuten-TV-Formats (einige Minuten länger wäre besser gewesen), einem zuviel an verschiedenen angesprochenen Themen (hier wäre weniger mehr gewesen) und einer enttäuschenden Lösung leidet. Aber die schönen Berlin-Bilder und die guten Leistungen der Schauspieler, die teilweise nur eine Szene haben, trösten darüber hinweg.
Mit Heino Ferch, Nadja Uhl, Manfred Zapatka, Birge Schade, Ulrike Krumbiegel, Otto Mellies, Ellen Schwiers, Thomas Sarbacher, Markus Boysen
„Anklage: Mord – Im Namen der Wahrheit“, der im Original treffender „The Trails of Cate McCall“ heißt, ist ein prominent besetzter und überraschend gelungener Justizkrimi in dem Kate Beckinsale als Cate McCall versucht, ihren Alkoholismus in den Griff zu bekommen, wieder als Anwältin arbeiten zu dürfen, einen Mordprozess zu gewinnen und von ihrer fünfjährigen Tochter wieder als Mutter akzeptiert zu werden, während ihr Ehemann mit der Tochter von Kalifornien nach Seattle umziehen will.
Der Mordprozess ist zwar nur ein Haftprüfungsfall und sie muss den Fall als Pflichtverteidigerin übernehmen, aber immerhin könnte sie so wieder ohne Wenn und Aber als Anwältin zugelassen werden. Außerdem ist sie nach einem Gespräch und einem Blick in die Akten von der Unschuld der zu einer lebenslänglichen Haft verurteilten Frau überzeugt.
Als es zur Gerichtsverhandlung kommt, beginnt sie die von der Polizei manipulierten Beweise und Aussagen auseinanderzunehmen.
Zugegeben, das ist eine Menge Stoff für neunzig Minuten, aber Karen Moncrieff, die das Buch schrieb und Regie führte, gelingt es die vielen Verhandlungen der Cate McCall schlüssig miteinander zu verbinden, weil McCall sich in allen Verhandlungen beweisen muss und sie immer um ihre Selbstachtung kämpft. Als Mutter, als Ehefrau und als Anwältin.
Wie sich diese verschiedenen Plots beeinflussen und ergänzen, ist der interessante Aspekt des Films. Denn gerade die Gerichtsverhandlung läuft doch arg nach den bekannten Mustern ab und McCalls unbedingter Wille, nur Schuldige hinter Gitter zu bringen, ist dann doch arg naiv und überhöht. Vor allem weil sie früher anscheinend eine sehr gute Anwältin war. Da waren die „Anatomie eines Morders“ und der „Lincoln Lawyer“ schon einige Schritte weiter; – vor allem weil es am Ende von „Anklage: Mord“ eine Wendung im Gericht gibt, die so wohl nicht möglich ist. Jedenfalls nach dem, was ich von US-amerikanischen Gerichtsverfahren weiß.
„Anklage: Mord“ bewegt sich durchgehend auf dem Niveau eines guten TV-Films, der gut besetzt ist, fast nur in Innenräumen spielt, auf die Dialoge und Schauspieler baut und die Geschichte in jeder Beziehung altmodisch erzählt bis hin zum für mein Gefühl etwas zu positiven Ende.
Anklage: Mord – Im Namen der Wahrheit (The Trails of Cate McCall, USA 2013)
Regie: Karen Moncrieff
Drehbuch: Karen Moncrieff
mit Kate Beckinsale, Nick Nolte, James Cromwell, Clancy Brown, Taye Diggs, Isaiah Washington, Mark Pellegrino, Brendan Sexton III, David Lyons, Dale Dickey, Kathy Baker
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DVD
Koch Media
Bild: 2.35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
My Blueberry Nights (China/USA 2007, Regie: Wong Kar-wai)
Drehbuch: Wong Kar-wai, Lawrence Block (nach einer Geschichte von Wong Kar-wai)
Elizabeth hat Liebeskummer. In einem kleinen New Yorker Café schüttet sie dem Kellner ihr Herz aus. Der verliebt sich in sie, aber sie macht sich auf eine Reise durch die USA. Auf ihrem Selbstfindungstrip begegnet sie anderen einsamen Seelen.
Lawrence Block war zwar irgendwie am Drehbuch beteiligt, aber letztendlich ist es ein Wong-Kar-wai-Film geworden.
Mit Norah Jones, Jude Law, Rachel Weisz, David Strathairn, Natalie Portman