Am 28. Juli 1999 bricht Norman Franz, kurz vor seiner Auslieferung aus Portugal nach Deutschland, aus der Justizvollzugsanstalt Lissabon aus. Seitdem ist der vom BKA wegen fünffachem Mord gesuchte Deutsche auf der Flucht.
In ihrem spielfilmlangen Dokumentarfilm „Das Phantom – Auf der Jagd nach Norman Franz“ zeichnet Annika Blendl das verbrecherische Leben von Franz und seine Gefängnisausbrüche nach. Bei ihren Recherchen entdeckte sie auch neue Spuren und einen Brief von Franz. Sie vermutet, dass der Flüchtling sich jetzt im Süden Afrikas aufhält. Mehr sagt sie im Film, um Ermittlungen nicht zu gefährden, nicht. Ein früherer Bekannter hält es, so sagt er im Film, nicht für ausgeschlossen, dass Franz wieder im Ruhrgebiet lebt.
Dort beginnt in den frühen neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Dortmunder Norden seine Karriere als Verbrecher. Er gehört zu einer Bande, die Banken überfällt, Zigaretten schmuggelt, mit Waffen handelt und Kontakte zu Zuhältern hat. Sandra C. verliebt sich in ihn und heiratet ihn später. Für die Doku wurde sie ausführlich über mehrere Tage interviewt. Sie hat mit Franz einen Sohn, ist immer noch in ihn verliebt und will seine Taten nicht glauben.
Blendl hat sich auch mit Polizisten, Staatsanwälten, Journalisten und Verbrechern, die mit Franz mehr oder weniger engen Kontakt hatten, unterhalten. Mit den Opfern hat sie nicht gesprochen. Sowieso bleiben seine Taten eher diffus in ihrer Mischung aus Erzählungen, nachgestellten Szenen und Tatortfotos.
Der Rückblick auf Franz‘ frühen Jahre als skrupelloser Schwerverbrecher ist trotzdem der interessanteste und zu kurz geratene Teil des chronologisch erzählten Films. Die sich nach einer Verhaftung und einem Ausbruch aus der Justizvollzugsanstalt Hagen anschließende Flucht mit Sandra ist dann eine „Bonnie & Clyde“-Fluchtgeschichte. Er begeht weitere Morde und erbeutet dabei in Weimar und Halle genug Geld für ein auskömmliches Leben in Portugal in Albufeira. Dort werden er und seine Frau ama 24. Oktober 1998 verhaftet. Einige Monate später gelingt ihm die erneute Flucht aus einem Gefängnis.
Danach taucht Franz unter. Seitdem gibt es nur noch, teils wilde, Vermutungen über sein weiteres Leben. Denn dass er tot ist, glauben die im Film Interviewten nicht.
„Das Phantom – Auf der Jagd nach Norman Franz“ ist ein chronologisch erzählter, okayer Dokumentarfilm, der als Verbrecher- und Sittengemälde einer Verbrecherbande im Ruhrgebiet in den neunziger Jahren eine spannende Geschichtsstunde hätte werden können. So ist es nur die den Täter verherrlichende Geschichte eines skrupellosen Verbrechers, der inzwischen fast sein halbes Leben auf der Flucht verbrachte.
Das Phantom – Auf der Jagd nach Norman Franz(Deutschland 2024)
Regie: Annika Blendl
Drehbuch: Annika Blendl
Länge: 98 Minuten
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Verfügbarkeit: auf Sky und dem Streamingdienst WOW
Ist das Leben nicht schön? (It’s a wonderful Life, USA 1946)
Regie: Frank Capra
Drehbuch: Frances Goodrich, Albert Hackett, Frank Capra, Jo Swerling (zusätzliche Szenen), Michael Wilson (ungenannt) (nach einer Geschichte von Philip Van Doren Stern)
Am Heiligabend (also gestern, vor langer Zeit in einer anderen Welt) will sich der hochverschuldete Familienvater George Bailey (James Stewart) umbringen. Bevor er zur Tat schreitet, taucht Engel Clarence auf und schildert ihm, wie es ohne ihn in dem lauschigen Städtchen Bedford Falls aussähe.
Im Kino war der Film kein Erfolg. Dann lief er im Fernsehen so lange an den Weihnachtstagen bis er zu dem Weihnachtsfilm wurde. Regisseur Capra und Hauptdarsteller Stewart nannten den Film ihren Lieblingsfilm – und inzwischen ist er auch der Lieblingsfilm von vielen, vielen Menschen. So steht er in der IMDB-Top-250-Liste auf dem 21. Platz.
Mit James Stewart, Donna Reed, Lionel Barrymore, Henry Travers, Thomas Mitchell, Beulah Bondi, Ward Bond
mit Ennio Morricone, Clint Eastwood, Terrence Malick, Quentin Tarantino, Dario Argento, Wong Kar-Wai, Barry Levinson, Hans Zimmer, John Williams, Bruce Springsteen, Joan Baez, James Hetfield, Quincy Jones, Zucchero, Lina Wertmüller, Bernardo Bertolucci, Roland Joffé, Mychael Danna, Mike Patton, Oliver Stone, Marco Bellocchio, Phil Joanou, Enzo G. Castellari, Liliana Cavani, Paolo Taviani, Vittorio Taviani, Pat Metheny (und viele mehr)
Es ist wieder an der Zeit für die jährlichen Bestenlisten. Oft erstelle ich keine, weil ich mit dem Konzept einer Bestenliste meine Probleme habe. Trotzdem habe ich es dieses Jahr wieder gemacht und ihr glaubt nicht, wie lange ich Bücher und Filme hin und herschob und mich ärgerte, dass ich einige Bücher nicht gelesen habe, die sonst mit Sicherheit auf der Liste stünden, während ich Bücher las, die niemals auch nur eine Chance auf einen Platz auf der Bestenliste hatten. Naja, vorbei ist vorbei und ich muss mit den Büchern und Filmen arbeiten, die ich kenne.
Die zwanzig besten Spielfilme des Jahres, die 2024 in Deutschland im Kino anliefen (ab Platz vier in keiner bestimmten Reihenfolge)
The Substance (The Substance, Großbritannien/USA 2024, Regie: Coralie Fargeat)
The Zone of Interest (The Zone of Interest, Großbritannien/Polen/USA 2023, Regie: Jonathan Glazer)
Poor Things (Poor Things, USA 2023, Regie: Yorgos Lanthimos)
Die Ermittlung (Deutschland 2024, Regie: RP Kahl) (die überzeugende Bebilderung eines vierstündigen Theaterstücks von 1965, das heute immer noch wichtig ist)
Immaculate (Immaculate, USA/Italien 2024, Regie: Michael Mohan) (Nonnenhorror mit Sydney Sweeney; sie überzeugt auch in „Reality“)
Late Night with the Devil (Late Night with the Devil, Australien/USA/Vereinigte Arabische Emirate 2023, Regie: Cameron Cairnes, Colin Cairnes)
Robot Dreams (Robot Dreams, Spanien/Frankreich 2023, Regie: Pablo Berger)
Problemista (Problemista, USA 2023, Regie: Julio Torres)
Insgesamt war es kein schlechtes Kinojahr. Das zeigt auch ein Blick auf die mindestens zehn Film, die es nicht auf diese Liste schafften, die ursprünglich eine Liste mit den zehn besten Filmen des Jahres sein sollte.
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Die (mehr oder weniger) zehn größten filmischen Enttäuschungen des Jahres
– Eigentlich alle Superheldenfilme (wie „Deadpool & Wolverine“, „Madame Web“ [noch ein Film mit Madame Sweeney], „Kraven the Hunter“,…) (vor einigen Jahren freute ich mich auf neue Superheldenfilme. Inzwischen ist es anders. Nicht weil ich älter wurde [Ja, auch.], sondern weil die Filme oft ein überragend lieblos und ambitionslos zusammengestellter Kladderadatsch sind. Dabei ist jedes Mal genug Geld und Talent für einen mindestens passablen Film vorhanden.)
außerdem (in keiner besonderen Reihenfolge):
The Crow (The Crow, Großbritannien/Frankreich/USA/Deutschland 2024, Regie: Rupert Sanders) (ein freies Remake, das die Welt nicht braucht; oder, anders gesagt: man muss das Original nicht kennen, um zu wissen, dass diese Neuinterpretatiion ein schlechter Film ist)
Argylle (Argylle, USA 2024, Regie: Matthew Vaughn) (keine Bond-Parodie, sondern ein Desaster, das auch Sam Rockwell nicht retten kann)
The Apprentice – The Trump Story (The Apprentice, USA 2024, Regie: Alli Abbasi) (nichts was über einen schlechten SNL-Sketch hinausgeht und deutlich weniger informativ als eine gute Zeitungsreportage. )
Civil War (Civil War, USA 2024, Regie: Alex Garland) (technisch gut gemacht, aber mehr verpasste Chancen als ein Schweizer Käse Löcher hat)
Kinds of Kindness (Kinds of Kindness, USA 2024, Regie: Yorgos Lanthimos) (auch nach zweimaligem Sehen: nur Leftovers aus dem vorherigen Film)
Godzilla x Kong: The New Empire (Godzilla x Kong: The New Empire, USA 2024, Regie: Adam Wingard) (Wo ist Roland Emmerich, wenn wir ihn brauchen?)
Back to Black (Back to Black, Großbritannien 2024, Regie: Sam Taylor-Johnson) (nach diesem Amy-Winehouse-Biopic erscheint Reinaldo Marcus Greens „Bob Marley: One Love“ [Bob Marley: One Love, USA 2024] in einem deutlich positiveren Licht)
The Fall Guy (The Fall Guy, USA 2024, Regie: David Leitch) (Konfuser Langweiler. Ähnlickeiten mit der TV-Serie sind zufällig.)
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Solitär
Megalopolis (Megalopolis, USA 2024, Regie: Francis Ford Coppola) (was für ein Werk! Gleichzeitig sehenswert und gescheitert, aber nicht sehenswert gescheitert. Nachdem Coppola in den letzten Jahren seine früheren Filme in mehr oder weniger überarbeiteter Form wieder in die Kinos brachte, verwirklicht er hier, ohne auf irgendjemand und irgendetwas Rücksicht zu nehmen, sein über Jahrzehnte verfolgtes Traumprojekt um. Wenn nur das Ergebnis mehr als ein Bilderbogen mit den Nebenfiguren eines in Gotham spielenden Batman-Films ohne Batman wäre.)
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Ehrenwerte Nennung
Caligula – The Ultimate Cut (Caligula – The Ultimate Cut, USA 2023, Regie: Tinto Brass, Rekonstruktion: Thomas Negovan) (aus dem Material kann man wahrscheinlich keinen guten Film machen, aber dieser Cut dürfte die beste Fassung des Skandalfilms sein. Außerdem durfte ich diesen dreistündigen kruden Mix aus Größenwahnsinn, Sex und Gewalt auf einer verdammt großen Leinwand sehen. Ja, solche Filme werden heute nicht mehr gemacht.)
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Die zehn besten Bücher des Jahres, die erstmals dieses (oder letztes) Jahr in Deutschland erschienen; wieder in keiner besonderen Reihenfolge:
Don Winslow: City in Ruins (City of Ruins, 2024) (Abschuss einer grandiosen Trilogie, die chronologisch gelesen werden sollte, und, so Don Winslow, sein letzter Roman)
Anthony J. Quinn: Frau ohne Ausweg (Border Angels, 2013) (und danach geht es mit seinen weiteren an der irisch/nordirischen Grenze spielenden Polizeiromanen mit Detective Celcius Daly weiter; zwei sind bereits übersetzt)
Ken Bruen: Scharfe Munition (Ammunition, 2007) (und nach der Saga um Detective Sergeant Brant geht es weiter mit einem der vielen nicht übersetzten Krimis mit Galway-Privatdetektiv Jack Taylor)
Ross Thomas: Die Narren sind auf unserer Seite (The Fools in Town are on our side, 1970; erste vollständige Übersetzung; die Übersetzung von 1972 ist radikal gekürzt; für den Einstieg in die Welt von Ross Thomas empfehle ich allerdings einen seiner kürzeren Romane)
Martin Amis: Intererssengebiet (The Zone of Interest, 2014) (wegen der sehr freien Verfilmung „The Zone of Interest“ habe ich den Roman gelesen und, nun, er gehört zu Amis‘ besten Werken)
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Wenn ich mir jetzt meine Listen selbstkritisch ansehe, gebe ich ein Versprechen: Nächstes Jahr wird vor allem die Bücherliste weiblicher.
Der Pakt der Wölfe(Le Pacte des loups, Frankreich 2001)
Regie: Christophe Gans
Drehbuch: Stéphane Cabel, Christophe Gans
1766: Im Auftrag des Königs soll Grégoire de Fronsac in der südfranzösischen Provinz eine Frauen und Kinder tötende Bestie zur Strecke bringen. Die abergläubischen Einheimischen glauben, dass es sich um einen Wolf handelt. De Fronsac glaubt das nicht.
In jeder Beziehung herrlich freidrehender Fantasythriller. Ein großartiger, abstrus-absurder Spaß.
Zwei glorreiche Halunken (Il buono, il butto, il cattivo, Italien 1966)
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Agenore Incrocci, Furio Scarpelli, Luciano Vincenzoni, Sergio Leone (nach einer Geschichte von Luciano Vincenzoni und Sergio Leone)
Musik: Ennio Morricone (Wer sonst?)
Klassiker und glorreicher Abschluss von Sergio Leones Dollar-Trilogie. Wieder mit Clint Eastwood in, in diesem Fall, einer Hauptrolle.
Während des US-Bürgerkriegs suchen drei Halunken, mehr gegen- als miteinander, einen Goldschatz.
Mit Clint Eastwood, Lee Van Cleef, Eli Wallach, Aldo Giuffre, Luigi Pistilli, Rada Rassimov, Enzo Petito, Claudio Scarchilli, John Bartho, Livio Lorenzon
Während seiner Abiturprüfung in einer Schule in Budapest beantwortet Abel keine Frage der Prüfer. Warum er das tut, ist unklar. Fast schon verzweifelt fragt ihn sein Geschichtslehrer Jakab nach der Anstecknadel mit dem ungarischen Nationalwappen, die Abel trägt. Auch diese Frage beantwortet Abel nicht.
Als Abels konservativ-nationalistischer Vater und Viktor-Orbán-Anhänger von der Frage des Lehrers erfährt und dass sein Sohn bei der Prüfung durchgefallen ist, ist für ihn klar, dass sein Sohn wegen der Anstecknadel durchgefallen ist. Früher wurde die Anstecknadel am Jahrestag des Unabhängigkeitskrieges von 1848 getragen. Heute ist sie ein Symbol der Nationalisten und das Tragen ist ein Bekenntnis zur Nation. Das Nicht-Tragen bedeutet das Gegenteil.
Nachdem eine junge Journalistin über Abels Prüfung berichtet, wird daraus ein landesweiter Skandal, der von Linken und Nationalisten befeuert wird.
Währenddessen schwärmt Abel für seine beste Freundin Janka und er fährt auf dem Fahrrad durch die Stadt.
In „Eine Erklärung für alles“ seziert Gábor Reisz aus verschiedenen Perspektiven die aktuelle Stimmungslage in seinem Land. Aus einem kleinem Ereignis – einer Prüfung, die der Prüfling zu Recht nicht bestanden hat – wird ein die Nation spaltender Skandal, weil die Menschen nicht offen miteinander reden. Sie kennen bereits die Antwort. Entsprechend schnell wird aus einem Gespräch zwischen Abels Vater und seinem Lehrer ein gegenseitiges Anschreien, bei dem jeder nur seine eigene Position bekräftigt.
Reisz erzählt diesen eskalierenden Konflikt mit den Mitteln des Arthaus-Kinos. Die Motive der Figuren bleiben teils im Dunkeln und sind teils so offensichtlich, dass sie nicht weiter erklärt werden müssen. Es gibt lange Szenen, in denen wenig passiert. Über mehrere Minuten verfolgt die Kamera verfolgt den durch die Stadt fahrenden Abel. In den Momenten wird „Eine Erklärung für alles“ zu einer wahren Geduldprobe.
Eine Erklärung für alles (Magyarázat mindenre, Ungarn/Slowakei 2023)
Regie: Gábor Reisz
Drehbuch: Gábor Reisz, Éva Schulze
mit Gáspár Adonyi-Walsh, István Znamenák, András Rusznák, Rebeka Hatházi, Eliza Sodró, Lilla Kizlinger, Krisztina Urbanovits
Am 3. September 1939 empfängt Dr. Sigmund Freud, wenige Tage vor seinem Tod, in seinem Haus in London einen Gast von der University of Oxford. In seinem jetzt verfilmten Theaterstück sagt Mark St. Germain, dass C. S. Lewis dieser Gast war. Mit dieser Idee ist die Basis für ein fulminantes Streitgespräch gelegt.
Denn Freud ist Atheist. Der Begründer der Psychoanalyse lehnt Religion als bloßen Aberglaube ab. Lewis ist ein Laientheologe, der als Erwachsener das Christentum für sich wieder entdeckte und ein glühender Verfechter des Glaubens wurde. Lewis war außerdem mit „Der Herr der Ringe“ J. R. R. Tolkien befreundet und schrieb die Fantasy-Serie „Die Chroniken von Narnia“.
Unterschiedlicher könnten die Ansichten zwischen den beiden Männern nicht sein und entsprechend schnell sollte ein erkenntnisreicher und zum Nachdenken anregender Disput zwischen den beiden Gelehrten entstehen.
Aber für dieses Streitgespräch interessiert sich Matthew Brown in seinem mit Sir Anthony Hopkins als Freud und Matthew Goode als Lewis hochkarätig besetztem Drama „Freud – Jenseits des Glaubens“ nicht. Anstatt sich über ihre fundamental unterschiedlichen Ansichten über Glaube, Aberglaube, Atheismus, Gott und die Welt zu streiten, tauschen sie belanglose Höflichkeiten aus und schlürfen Tee.
Dazwischen, davor und danach erzählt Brown viel über Freuds Tochter Anna Freud (Liv Lisa Fries), die sich aufopfernd um ihren fordernden und undankbaren Vater kümmert. Gleichzeitig arbeitet sie als Pschychoanalytikerin für Kinder und ist verliebt. In eine Frau. Diese Liebe verstößt gegen alle Prinzipien ihres Vaters. Also verbirgt sie sie vor ihm. Während des Films hadert sie, wenn sie wieder einmal ihre Arbeit unterbrechen muss, um etwas für ihren Vater zu besorgen, mit ihrem Leben.
Ihre Geschichte könnte das Material für einen spannenden Film sein. In „Freud – Jenseits des Glaubens“ stört sie nur die Hauptgeschichte, das Gespräch zwischen Freud und Lewis.
„Freud – Jenseits des Glaubens“ ist überaus gediegen inszeniertes langweiliges Schauspielerkino, das sich auf Nebenschauplätzen und in Rückblenden verliert, anstatt dem intellektuellen Schlagabtausch von zwei Menschen über eine wichtige Frage zu vertrauen.
Wer im Kino eine Lehrstunde über Atheismus und den Glauben an Gott erleben möchte, wartet besser noch einige Tage bis „Heretic“ bei uns am 26. Dezember anläuft. In dem Horrorfilm lädt Hugh Grant zwei junge Missionarinnen in sein Haus ein und unterhält sich mit ihnen über ihren Glauben an Gott, andere Religionen und den Atheismus. Das ist bis zum dritten Akt, ein intellektuelles Vergnügen.
Freud – Jenseits des Glaubens (Freud’s Last Session, Großbritannien/Irland/USA 2023)
Regie: Matthew Brown
Drehbuch: Mark St. Germain, Matthew Brown
LV: Mark St. Germain: Freud’s Last Session, 2009 (Theaterstück)
mit Anthony Hopkins, Matthew Goode, Liv Lisa Fries, Jodi Balfour, Jeremey Northam, Orla Brady, Stephen Campbell (als J. R. R. Tolkien)
Disney nennt seinen neuesten Film zutreffend ein Prequel und ein Sequel zu „Der König der Löwen“. Denn der Affe Rafiki erzählt Kiara, der Tochter von Simba und Nala, eine Geschichte über Simbas Vater Mufasa.
Als kleiner Löwe fällt Mufasa in einen reißenden Strom, der ihn aus seiner Heimat in ein weit weit entferntes fremdes Land treibt. Dort lernt er neue Freunde kennen. Mit ihnen macht er sich, verfolgt von Kiros, dem Anführer einer mordgierigen Gruppe weißer Löwen, auf den Weg zurück in seine Heimat und zu seiner Familie. Falls sie die Reise überleben. Rafiki erzählt das, teils farbig ausgemalt, der zunehmend gefesselt der Geschichte lauschenden Kiara, die die Ereignisse immer wieder kommentiert.
Barry Jenkins inszenierte diese herzige und vorhersehbare Reisegeschichte, bei der Fans von „Der König der Löwen“ vielen alten Bekannten wieder begegnen, fotorealistisch und damit an Jon Favreaus überaus erfolgreichen „Der König der Löwen“-Film von 2019 anknüpfend. Der in Favreaus Film sehr explizit dargestellte Kreis des Lebens als ein Kreislauf von fressen und gefressen werden, wird dieses Mal nur angesprochen. Dafür gibt es einige, bis auf das fehlenden Blut, sehr realistisch gezeigte Kämpfe zwischen Tieren. Schließlich sind Löwen Raubtiere. Für kleine Kinder könnte das zu grausam sein. Und es gibt einige in dieser Länge unnötige, aufgrund der verschiedenen Sprecher politisch irrlichternde Statements über Gemeinschaft und den Umgang mit Fremden. Zugegeben, die größten Grausamkeiten und die reaktionärsten Statements werden von den Bösewichtern des Films verübt. Aber auch die Guten sind nicht frei davon. Hier bleibt, wie in „Der König der Löwen“ ein ungutes Gefühl über die im Film verfochtene Weltsicht.
Die Effekte und Animationen sind überaus realistisch. Sie zeigen, wie gut Computeranimationen sein können. Die von Lin-Manuel Miranda geschriebenen sieben neuen Songs sind gelungen. Die afrikanischen Rhythmen und die fröhlichen Chöre gehen ins Ohr und laden zum Mitsingen ein.
Insgesamt ist „Mufasa: Der König der Löwen“ das, was man von einem Disney-Weihnachtsfilm für die ganze Familie erwartet.
Barry Jenkins erledigt die Aufgabe, für die er angestellt wurde, ausgezeichnet. Mit seinen vorherigen Kinofilmen „Moonlight“ (Moonlight, USA 2016) und „Beale Street“ (If Beale Street could talk, USA 2018) hat „Mufasa: Der König der Löwen“ nichts zu tun.
Mufasa: Der König der Löwen(Mufasa: The Lion King, USA 2024)
Regie: Barry Jenkins
Drehbuch: Jeff Nathanson (basierend auf von Linda Woolverton, Irene Mecchi und Jonathan Roberts erfundenen Figuren)
Songs: Lin-Manuel Miranda
Musik: Dave Metzger
mit (im Original den Stimmen von) Aaron Pierre, Kelvin Harrison Jr., Mads Mikkelsen, Seth Rogen, Billy Eichner, Thandiwe Newton, Donald Glover, Beyoncé Knowles-Carter, Kagiso Lediga, Blue Ivy Carter, John Kani
Oliver Twist (Oliver Twist, Frankreich/Großbritannien/Tschechien 2005)
Regie: Roman Polański
Drehbuch: Ronald Harwood
LV: Charles Dickens: Oliver Twist or, The Parish Boy’s Progress, 1837 – 1839 (Fortsetzungsroman) (Oliver Twist)
Roman Polanskis düstere Version von Charles Dickens‘ mehrfach verfilmtem Roman „Olilver Twist“. Erzählt wird die Geschichte des Waisenjungen Oliver Twist, der als Zehnjähriger im viktorianischen London Fagin trifft. Fagin macht ihn zum Taschendieb.
mit Barney Clark, Ben Kingsley, Jamie Foreman, Harry Eden, Leanne Rowe, Mark Strong, Edward Hardwicke
LV: Jeffery Deaver: The bone collector, 1997 (Die Assistentin, Der Knochenjäger)
Der fast vollständig gelähmte Superdetektiv Lincoln Rhyme sucht mit seinem Assistenten, der Streifenpolizistin Amelia Donaghy, einen Serienkiller.
Nach all den grandiosen Serienkiller-Filmen der neunziger Jahre ist der Whodunit „Der Knochenjäger“ ziemlich langweilige Kost. Der Roman ist eine andere Angelegenheit.
Beginn eines langen Denzel-Washington-Abends, der am 28. Dezember einen runden Geburtstag feiert. Anschließend, um 22.35 Uhr zeigt Kabel Eins „Die Denzel Washington Story“ (Deutschland 2024). Um 23.50 Uhr den Thriller „Mann unter Feuer“ und um 02.35 Uhr das Drama „Philadelphia“.
Mit Denzel Washington, Angelina Jolie, Ed O´Neill, Michael Rooker, Queen Latifah, Luis Guzman
Utopische Literatur aus Deutschland? Es gibt sie und es gab sie schon immer. Im Filmbereich wären „Metropolis“, „Frau im Mond“ und die „Dr. Mabuse“-Filme zu nennen. Später gab es Rainer Werner Fassbinders „Welt am Draht“, ungefähr alle Filme von Rainer Erler, zu denen er auch manchmal Bücher veröffentlichte, das in Deutschland entstandene Frühwerk von Roland Emmerich, wie „Das Arche-Noah-Prinzip“, und Tim Fehlbaums „Hell“ und „Tides“. Um nur einige sehenswerte Filme zu nennen.
Seit 1961 gibt es die Heftromane und Romane mit „Perry Rhodan“.
Und es gibt Romanautoren wie Kurd Laßwitz (nach dem Deutschlands wichtigster Science-Fiction-Preis benannt ist), Hans Dominik (dessen Bücher über Jahrzehnte in fast jedem Bücherhaushalt zu finden waren und in der Stadtbücherei gerne ausgeliehen wurden), Wolfgang Jeschke (dessen Tätigkeit als langjähriger Herausgeber des Heyne-Science-Fiction-Programms nicht überschätzt werden kann), Carl Amery und jüngere Autoren wie Andreas Eschbach und Dietmar Dath. Sie alle zeigen, dass es Science-Fiction aus Deutschland gibt.
Auch Frank Schätzings „Der Schwarm“ und Marc-Uwe Klings beiden „QualityLand“-Romane sind eindeutig Science-Fiction-Romane, die als Bestseller nicht unbedingt als Science-Fiction-Roman rezipiert wurden.
Mit seinem ersten Buch, der Novelle „Die letzte Prüfung“, die erstmals 1994 erschien, und dem Roman „RUA 17“ reiht Volker Kaminski sich in diese ehrwürdige Reihe ein. Beim Lesen von „RUA 17“ fragte ich mich, warum der Roman nicht bei einem großen Verlag, wie Heyne oder Bastei-Lübbe, sondern bei einem kleinen Verlag, nämlich dem Independent-Verlag PalmArtPress, erschien. Für die Qualität des Romans ist es egal. Für den Verkauf eher nicht.
„RUA 17“ beginnt wie eine klassische Dystopie. In der Zukunft helfen humanoide Roboter, Assistenten genannt, Menschen. In dem Altstadtviertel RUA 17 helfen sie älteren Menschen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten, pflegen sie und überwachen sie. Dort leben die Menschen in Wohngemeinschaften. Immer wieder nehmen die Assistenten Mitglieder der Gemeinschaft mit. Einige verschwinden nicht ganz freiwillig. Wenig später bringen sie andere ältere Menschen in die Wohngemeinschaften. Die Erinnerung an die Verschwundenen verblasst so schnell, dass Meister, ein Bewohner von Haus 1021 und ehemaliger Lateinlehrer, neugierig wird. Er fragt sich, warum seine Mitbewohner verschwinden und was mit ihnen geschieht. Bäumer, so sein richtiger Name, notiert sich, was ihm wichtig erscheint.
Außerdem unterrichtet er jede Woche einige Stunden die in der noblen Westrandsiedlung wohnde Schülerin Daria. Ihr Vater Mikael Grandin ist Mathematiker und Theoretiker der Künstlichen Intelligenz. Sie hat keine Lust am Schulunterricht. Meister wurde von Grandin engagiert, um das zu ändern. Gemeinsam beginnen Meister und die sich im Teenageralter befindende Computerexpertin Daria nach der Wahrheit zu suchen.
Und wie in jeder ordentlichen Dystopie mögen die Mächtigen es nicht, wenn Menschen beginnen, gegen die Regeln des Systems zu verstoßen und an ihm zu zweifeln.
In „RUA 17“ spricht Kaminski, wenn Meister und Daria beginnen, die Dystopie zu erkunden, auch aktuelle Probleme, wie den Umgang mit alten Menschen, und Möglichkeiten und Grenzen von Künstlicher Intelligenz und computergenerierten Fantasiewelten an. Genau deswegen könnte sich die ganze Geschichte auch in Meisters Kopf abpielen. Dann wäre „RUA 17“ keine „Brave New World“-Dystopie, sondern der Blick in den Kopf eines zunehmend dementen Mannes. Oder in die „Matrix“, wo Maschinen sich um das Wohlbefinden der Menschen kümmern.
In jedem Fall ist „RUA 17“ eine spannende Lektüre, die sich schnell zu einer ziemlich komplexen, aber immer nachvollziehbar erzählten Geschichte über Menschen und die Gefahren und auch Chancen von Künstlicher Intelligenz entwickelt. Kaminskis Dystopie könnte, weil sie nicht auf einen Konflikt und ein klares Ende fixiert ist, die Vorlage für eine sich über mehrere Staffeln erstreckende TV/Streamingserie oder ein Computerspiel sein. In dem Spiel könnten die Spieler dann über einen langen Zeitraum die Welt erkunden.
Die ungefähr hundertseitige ‚Endzeitnovelle‘ „Die letzte Prüfung“ erschien 1994 im Verlag Klaus Wagenbach und wurde für die aktuelle Ausgabe von Volker Kaminski etwas überarbeitet. Die Geschichte spielt in einer zeitlich nicht genau verorteten zukünftigen Welt, in der die Erde seit Jahrzehnten bis zum afrikanischen Kontinent vereist ist. Tripolis ist die mythische utopische Stadt, die das Ziel einer gefährlichen Reise und damit verbundenen Prüfungen ist. Teds neuer Prüfling ist Falt. Und dieser Prüfling ist für den alten Prüfer eine wirkliche Herausforderung.
Im Gegensatz zu „RUA 17“ ist in „Die letzte Prüfung“ die Welt in der die Geschichte spielt, nur sparsam gezeichnet. Sie beschränkt sich auf das von Ted und Falt benutzte Fahrzeug und die unwirtliche Welt, die sie durchfahren. Die Geschichte selbst ist eine spannende Science-Fiction-Abenteuergeschichte mit einem etwas abruptem Ende. „Die letzte Prüfung“ ist die ideale Lektüre für einen halblangen Abend.
Prinzessin Diana besucht zu Weihnachten 1991, als ihre Ehe mit Charles bereits kriselt, den königlichen Landsitz in Norfolk, trifft die gesamte Königsfamilie und leidet unter dem routiniert gnadenlos durchgezogenem Protokoll.
Gandioses und grandios durchgeknalltes Biopic, das sich wenig für Fakten und noch weniger für Edelkitsch-Seligkeit interessiert, sondern das Leben am Hof als Horrorfilm, Unterabteilung Psychohorror, zeigt.
mit Kristen Stewart, Timothy Spall, Sally Hawkins, Kack Farthing, Sean Harris, Stella Gonet, Jack Nielen, Freddie Spry, Jack Farthing, Sean Harris, Stella Gonet, Richard Sammel, Elizabeth Berrington, Lore Stefanek, Amy Manson
Über den Dächern von Nizza (To catch a Thief, USA 1955)
Regie.: Alfred Hitchcock
Drehbuch: John Michael Hayes
LV: David Dodge: To catch a thief, 1952
John Robie hat sich zur Ruhe gesetzt. Als ein anderer Einbrecher Robies Stil nachahmt, will er im wohlverstandenen Eigeninteresse den Nachahmer fangen.
Lockere Krimikomödie von Hitchcock, die zur Blaupause für künftige kultivierte Thriller-Romanzen werden sollte. Hitchcock war besonders an dem Aspekt der fetischistischen Liebe (To catch a thief) interessiert und pfiff – wie so oft – auf die Logik.
Mit Cary Grant, Grace Kelly (die danach den Fürst von Monaco heiratete), Charles Vanel, Jessie Royce Landis, Brigitte Auber, René Blancard
183 Jahre vor den Ereignissen der allseits bekannten „Der Herr der Ringe“-Filmtrilogie, also so lange vor den in „Der Herr der Ringe“ geschilderten Kämpfen und Intrigen, dass keinerlei Wissen darüber nötig ist, fand die titelgebende Schlacht der Rohirrim statt.
In einem Faustkampf tötet Helm Hammerhand, der König von Rohan, den Fürst der Dunländer. Sein Sohn Wulf sinnt auf Rache. Ein erbarmungslos geführter und für beide Seite verlustreicher Krieg zwischen den beiden Häusern beginnt. Irgendwann sind die Dunländer gezwungen, sich in der alten, uneinnehmbaren Festung Homburg, die später Helms Klamm heißt, zu verschanzen.
In dem Kampf zwischen den beiden Fürstenhäusern hat Helms Tochter Héra eine entscheidende Rolle
„Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim“ ist ein recht flott erzählter, aber mit deutlich über zwei Stunden auch zu lang geratener Mittelalterfilm, in dem sich verschiedene, sehr nordisch aussehende Herrscherhäuser bekriegen. Erzählerisch bewegt sich alles, auch wenn dieses Mal eine Frau eines der Heere anführt, in den gewohnten Bahnen.
Für „Herr der Ringe“-Fans gibt es natürlich einige Easter Eggs.
Regisseur Kenji Kamiyama inszeniete auch mehrere Episoden derTV-Serien „Blade Runner: Black Lotus“ und „Ghost in the Shell – Stand Alone Complex“.
Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim (The Lord of the Rings: The War of the Rohirrim, USA/Japan/Neuseeland 2024)
Regie: Kenji Kamiyama
Drehbuch: Jeffrey Addiss, Will Matthews, Phoebe Gittins, Arty Papageorgiou (nach einer Geschichte von Jeffrey Addiss, Will Matthews und Philippa Boyens, basierend auf Figuren von J. R. R. Tolkien)
mit (im Original den Stimmen von) Brian Cox, Gaia Wise, Luke Pasqualino, Miranda Otto, Lorraine Ashbourne, Yazdan Qafouri, Benjamin Wainwright, Laurence Ubong Williams
Wer zu faul ist, sich aus den monatlichen Krimibestenlisten seinen Weihnachtswunschlesezettel herauszudestillieren, kann die Jahreskrimibestenliste nehmen. Auf ihr wurde, präsentiert von Deutschlandfunk Kultur, diese Arbeit bereits erledigt:
1) Lavie Tidhar: Maror
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Suhrkamp, 639 Seiten, 22 Euro
2) Megan Abbott: Wage es nur!
Aus dem Englischen von Karen Gerwig
Pulp Master, 342 Seiten, 16 Euro
3) Tana French: Feuerjagd
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Aus dem Englischen von Gisbert Haefs und Julian Haefs
Alexander, 580 Seiten, 20 Euro
8) Liz Nugent: Seltsame Sally Diamond
Aus dem Englischen von Kathrin Razum
Steidl, 391 Seiten, 26 Euro
9) Pascal Garnier: Zu nah am Abgrund
Aus dem Französischen von Felix Mayer
Septime, 144 Seiten, 20 Euro
10) Christoffer Carlsson: Wenn die Nacht endet
Aus dem Schwedischen von Ulla Ackermann
Kindler, 461 Seiten, 24 Euro
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Auf diese Liste können nur Krimis kommen, die bereits auf einer der monatlichen Krimibestenlisten waren.
„Maror“ sollte ich endlich mal aus der Gefangenschaft des Zu-Lesen-Stapels befreien.
Ansonsten für die Statistikfans einige Beobachtungen, die nichts über die Qualität der Werke aussagen:
Es ist kein deutscher Krimi auf der Liste.
Sieben Krimis wurden aus dem Englischen übersetzt, zwei aus dem Französischen und einer aus dem Schwedischen.
Sechs, wenn ich mich nicht verzählt habe, wurden von Frauen geschrieben.
Von Megan Abbott erschien jetzt „Hüte dich vor der Frau“ (Beware the Woman, 2023). D. h. ich werde ihren neuen Schauerroman zusammen mit ihren anderen bei pulp master erschienenen Noirs besprechen. Das ist jedenfalls mein Plan.
E. T. – Der Außerirdische(E. T. – The Extreterrestrial, USA 1982)
Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Melissa Mathison
Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände strandet der knuddelige Außerirdische E. T. in einer kalifornischen Kleinstadt. Der junge Elliott und seine Freunde wollen ihm helfen, während die Erwachsenen den Außerirdische jagen.
Der heute immer noch gern gesehene Science-Fiction-Film (?, Kinderfilm?) war ein weltweiter Kassenhit. Es ist einer der wenigen SF-Filme, in denen der Außerirdische keine Bedrohung, sondern eine kindliche, verlorene, gutmütige Seele ist, die nur nach Hause will.
Variety schrieb: „’E. T. – Der Außerirdische‘ ist vielleicht der beste Disney-Film, den Disney nie gedreht hat.“
„Für mich ist E. T. der emotionalste Film, den ich gemacht habe. Und das ist kein Zufall. Er drückt aus, was ich selbst tief im Inneren gefühlt habe. (…) E. T. stellt für mich die Quintessenz meiner Kindheit dar und zugleich ihr Ende.“ (Steven Spielberg)
mit Henry Thomas, Drew Barrymore, Dee Wallace, Peter Coyote, Robert McNaughton
Die Kritiken sind euphorisch. Die Fans vom Musical sind begeistert. Bei der Vorführung, die ich besuchte, gab es nach den bekannten Songs Szenenapplaus. Inzwischen werden der Film und Regisseur Jon M. Chu für alle möglichen Preise gehandelt. Zweifellos wird der Film sein Publikum finden.
Ich bin dagegen mehr als minderbegeistert.
Doch beginnen wir zuerst mit einigen Fakten. Chus „Wicked“ basiert auf dem erfolgreichen gleichnamigem Muscial. Das Stück wird seit 2003 ununterbrochen am Broadway vor vollen Häusern gespielt. Mehrere Tourneen und Produktionen in anderen Städten und Ländern in festen Häusern folgten. Die deutschsprachige Erstaufführung war 2007 in Stuttgart. Michael Kunze schrieb die deutschen Liedtexte. Das Musical basiert auf Gregory Maguires Roman „Wicked – Die Hexen von Oz“ von 1995. Er erzählt die Vorgeschichte zu dem 1939er Musicalklassiker „Der Zauberer von Oz“, der auf L. Frank Baums gleichnamigem Kinderbuch von 1900 basiert.
Maguire erzählt ‚Die wahre Geschichte der Bösen Hexe des Westen‘ (Buchuntertitel). Er erzählt auf über fünfhundert Seiten, wie und warum sie böse würde. In seinem Buch, das für Erwachsene geschrieben wurde, geht es neben der Frage, warum Menschen böse werden, auch um Terrorismus und Propaganda. Dabei unterzieht er Baums Kinderbuch und Victor Flemings Verfilmung einer umfassenden Neubetrachtung.
Schon für das Musical wurden diese erwachsenen Themen eher ignoriert zugunsten einer bunten Erinnerung an den Film „Der Zauberer von Oz“ und seinem popkulturellem Einfluss.
„In the Heights: Rhythm of New York“-Regisseur Chu verfilmte jetzt das Musical und, dank vieler Songs, epischer Laufzeit. Schon vor dem Start der Dreharbeiten wussten sie, dass das Stück zu lang für einen Spielfilm von halbwegs normaler Länge ist. Also wurde beschlossen, den Film in zwei Teile zu teilen. Der erste Teil endet nach ungefähr 150 Minuten (mit dem Abspann sind es 161 Minuten) an dem Punkt der Geschichte, an dem im Theater die Pause beginnt. Der zweite Teil kommt, so ist es im Moment geplant, Ende November 2025 in die Kinos.
Für die Fans des Musicals gibt es im Kino also eine Extended Version des Stücks mit den bekannten Songs, größeren Schauwerten, viel CGI, Bonbonfarben und auch einigen neuen Figuren und Handlungsorten.
Ich konnte mit den lahmen Popsongs nichts anfangen. Der CGI-Exzess störte mich. Jedes Bild im Film wurde bearbeitet. Vorgeschichten interessieren mich wenig. Meistens fügen sie der bekannten Geschichte und Figur nichts wesentliches bei. Und die Story funktioniert im Kino nicht. Da gibt es zu viele Lücken in der Erzählung, den Figuren und den Konflikten. Im Theater ist das anders.
Der Film beginnt mit der Nachricht, dass die Böse Hexe des Westens tot sei. Auf einem dörflichem Marktplatz wird Glinda (Ariana Grande) gebeten, zu erzählen, wie die Böse Hexe starb. Aber zuerst erzählt sie, wie sie sie kennen lernte und wie sie sich miteinander befreundeten.
Das erste Mal treffen sie sich an der Universität Glizz. Die aus einem reichen Haus stammende Blondine Glinda ist an der Schule die allseits beliebte, eine Gefolgschaft ihr treu ergebener Jungs und Mädels um sich scharende Diva. Sie ist gleichzeitig ehrgeizig, nur auf Äußerlichkeiten bedacht und strohdumm.
Sie reizt Elphaba Thropp (Cynthia Erivo) gleich wegen ihrer für alle schockierenden grünen Hautfarbe. Elphaba ist die einzige grünhäutige Person in Oz. Sie ist das Gegenteil von Glinda. Sie kümmert sich um ihre im Rollstuhl sitzende Schwester. Sie ist intelligent, wissbegierig und eher nicht auf die Anerkennung von anderen angewiesen. Manchmal aber doch. Als sie nach Glindas Provokationen wütend wird, erkennt Madame Akaber, die Dekanin der Zauberwissenschaft (Michelle Yeoh), sofort, dass Elphaba über unglaubliche Zauberkräfte verfügt. Sie nimmt sie als Zauberlehrling auf.
Trotz der anfänglichen Abneigung entwickelt sich zwischen Elphaba und Glinda, die sich ein Zimmer teilen müssen, so etwas wie eine Freundschaft/Hassliebe.
Gleichzeitig versuchen zunächst unbekannte Kräfte, einen Keil zwischen die Menschen und die ebenfalls intelligenten Tiere zu treiben. So leitet ein Ziegenbock die historische Fakultät der Universität Glizz.
Außerdem möchten Elphaba und Glinda, wie alle, unbedingt eine Audienz bei dem Zauberer von Oz haben. Diese und die Entdeckung, die Elphaba und Glinda dabei machen, bildet den Höhepunkt des Films und des ersten Akts.
Die im Mittelpunkt des Films stehende Beziehung zwischen Elphaba und Glinda wirkt nie glaubwürdig. Sie kann als eine Variante von Tina Feys fast zeitgleich zur Premiere des Musicals entstandenen Filmkomödie „Girls Club – Vorsicht bissig!“ (Mean Girls) verstanden werden. Später verarbeitete Fey die Geschichte zu einem Broadway-Musical, das 2024 verfilmt wurde. Bei ihr gestaltet sich die Beziehung zwischen dem Schulneuling und der Anführerin der rein auf Äußerlichkeiten setztenden Reichenclique viel glaubwürdiger.
In „Wicked“ springen die beiden Hauptfiguren, ohne nennenswerte Entwcklung, zwischen Freundschaft, Feindschaft und dem Wunsch nach Freundschaft hin und her. Und die nerdige Elphaba soll sich plötzlich für Äußerlichkeiten interessieren.
Hin und her geht es auch bei der Bild- und Zeichensprache. Jedes Bild ist auf maximalen Effekt hin komponiert. Einige erinnern an Victor Flemings Klassiker „Der Zauber von Oz“ (1939), der die Geschichte von „Wicked“ weiter erzählt. Einige sind offensichtlich nur für das Plakat, Poster und den Trailer gemacht worden.
In seiner Bildsprache schwankt Chu zwischen einer Wiederholung rassistischer Stereotype, die wir aus alten Filmen kennen, und einer revisionistischen Lesart dieser Bilder, die eine Sekunde später untergraben wird. Besonders verstörend ist dabei das Greenfacing der Schwarzen Hauptdarstellerin Cynthia Erivo. Es ist ein, in jeder Beziehung, lediglich ein Blackfacing mit einer anderen Farbe und einer Wiederholung altbekannter Klischees über Schwarze.
Bei dem von Jeff Goldblum gewohnt unterhaltsam gespieltem Zauberer von Oz setzt sich das fort. Er entspricht dem aus Hollywoods Goldener Ära bekanntem Klischee eines asiatischen Bösewichts.
Hier fügt Chu sich erstaunlich bruchlos in die Sprache des klassischen Hollywoodkinos ein. Dabei hätte er, wie Maguire in seinem Roman oder andere Regisseure in ihren Filmen, beispielsweise Spike Lee in seiner ätzenden Mediensatire „ It’s Showtime“ (Bamboozled, 2000), eben diese Bilder und Themen einer Neubetrachtung unterziehen können und müssen.
Wicked(Wicked, USA 2024)
Regie: Jon M. Chu
Drehbuch: Winnie Holzman, Dana Fox
LV: Stephen Schwartz/Winnie Holzman: Wicked, 2003 (Musical); Gregory Maguire: Wicked – The Life and Times of the Wicked Witch of the West, 1995 (Wicked – Die Hexen von Oz)
mit Ariana Grande, Cynthia Erivo, Jonathan Bailey, Ethan Slater, Bowen Yang, Marissa Bode, Peter Dinklage, Michelle Yeoh, Jeff Goldblum
Länge: 161 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
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Der Film wird im Kino in mehreren Fassungen gezeigt.
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Die Vorlage
Gregory Maguire: Wicked – Die Hexen von Oz
(übersetzt von Hans-Ulrich Möhring)
Hobbit Presse/Klett-Cotta 2024 (Filmausgabe)
544 Seiten
16 Euro
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Deutsche Erstausgabe
Hobbit Presse/Klett-Cotta 2008
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Originalausgabe
Wicked – The Life and Times of the Wicked Witch of the West