Der älteste Film, der heute im Fernsehen gezeigt wird:
HR, 00.10
Network (Network, USA 1976)
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Paddy Chayefsky
Buch zum Film: Sam Hedrin: Network, 1976 (Network)
Wegen sinkender Quoten soll eine Nachrichtensendung eingestellt werden. Ihr Sprecher Howard Beale kündigt, weil ihm damit seine Daseinsberechtigung genommen wird, in einer der folgenden Sendungen seinen Selbstmord an. Die Quoten steigen und Beale bekommt seine eigene Sendung. Dass damit eine für alle Beteiligten verhängnisvolle Spirale in Gang gesetzt wird, ahnen sie in diesem Moment nicht.
Bitterböse Mediensatire, die heute immer noch so aktuell (in gewissen Aspekten realistischer, in anderen nicht) wie damals ist.
Der Film war für zahlreiche Preise nominiert, erhielt vier Oscars (männliche und weibliche Hauptrolle, weibliche Nebenrolle und Drehbuch) und den Preis der Writers Guild of America (WGA).
mit Peter Finch, Faye Dunaway, William Holden, Robert Duvall, Wesley Addy, Ned Beatty, Ken Kercheval, Lance Henriksen (Miniauftritt als Anwalt), Tim Robbins (ungeannter Kurzauftritt als Mörder; sein Filmdebüt)
Blue Velvet – Verbotene Blicke (Blue Velvet, USA 1986)
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
Es beginnt mit einem Ohr. Das findet der Student Jeffrey Beaumont, der für einige Tage in seinen Heimatort, die beschauliche Kleinstadt Lumberton, zurückgekehrt ist, am helllichten Tag auf einer Wiese. Jeffrey will den Besitzer des Ohres finden und gerät in einen Alptraum von Sex und Gewalt.
Ein Höhepunkt im Schaffen von David Lynch – und ein Klassiker.
mit Kyle MacLachlan, Isabella Rossellini, Dennis Hopper, Laura Dern, Hope Lange, Dean Stockwell, George Dickerson, Priscilla Pointer, Brad Dourif, Jack Nance
Ein (un)möglicher Härtefall (Intolerable Cruelty, USA 2003)
Regie: Joel Coen, Ethan Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen, Robert Ramsey, Matthew Stone (nach einer Geschichte von Robert Ramsey, Matthew Stone und John Romano)
Ein skrupelloser und erfolgreicher Scheidungsanwalt verliebt sich in eine Heiratsschwindlerin.
Die Coen-Version einer Screwball-Comedy. Dank Clooney, Zeta-Jones und Thornton durchaus okay, aber nicht ihr bestes Werk. Danach drehten sie ein überflüssiges Remake von „The Ladykillers“.
Mit George Clooney, Chatherine Zeta-Jones, Geoffrey Rush, Cedric the Entertainer, Edward Herrmann, Paul Adelstein, Richard Jenkins, Billy Bob Thornton
LV: Patricia Highsmith: The Price of Salt, 1952 (Erstveröffentlichung unter dem Pseudonym Claire Morgan; Wiederveröffentlichung unter ihrem Namen als „Carol“, deutsche Titel „Salz und sein Preis“ und „Carol oder Salz und sein Preis“)
New York, 1950: zwei Frauen verlieben sich ineinander – und verstoßen damit gegen die gesellschaftlichen Konventionen.
Gelungene, sehr stilbewusste und sensible Patricia-Highsmith-Verfilmung, die kein Kriminalfilm (was man bei Highsmith ja erwartet), sondern eine tragische Liebesgeschichte ist.
„Ich habe Tränen gelacht, als ich das Drehbuch las – es war teuflisch und voller schrägem und absurdem Humor.“
Mark Rufallo
„Ich las es als Krimi, prall gefüllt mit Elementen von Horror und Märchen.“
Hanna Schygulla
Yorgos Lanthimos hat wieder zugeschlagen. Mit „Dogtooth“, „The Lobster“ und „The Killing of a Sacred Deer“ wurde der Grieche zum Kritiker- und Arthausliebling. Mit „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ wurde er auch beim breiteren Publikum bekannt. Mit seinem neuen Film setzt er seinen Weg konsequent fort. „Poor Things“ ist dabei sein freundlichster Film geworden.
In der wunderschön durchgeknallten, warmherzigen Steampunk-Frankenstein-Variante „Poor Things“ erzählt er die Geschichte von Bella Baxter (Emma Stone).
Sie ist das Ergebnis eines Experiments von Dr. Godwin ‚God‘ Baxter (Willem Dafoe), einem genialen Wissenschaftler, der von seinem Vater bei einem Experiment verunstaltet wurde. Er ist ein Geistesverwandter von Dr. Frankenstein und Bella ist sein ‚Monster‘. An ihr will er über den menschlichen Geist forschen. Dafür tauscht er, wie wir erst später erfahren, nach ihrem Suizid ihr totes Gehirn gegen das noch lebende Gehirn ihres noch nicht geborenen Babys. Nach der geglückten Operation beobachtet er, wie Bella laufen und sprechen lernt und die Welt innerhalb ihres Hauses erkundet. Dabei geht einiges zu Bruch und sie uriniert auf den Boden. Baxters Haushälterin Mrs. Prim (Vicky Pepperdine) räumt stoisch hinter ihr auf. Dr. Baxter versucht Bella mit väterlicher Geduld zu erziehen und er bringt ihr sprechen bei. Denn Bella ist ein Kind im Körper einer erwachsenen Frau. Diese Diskrepanz zwischen Körper und Geist, gepaart mit einem bestimmendem Temperament und einer kindlichen Sicht auf die Welt, sorgt für einige Lacher.
Zur kontinuierlichen Beobachtung von Bellas Entwicklung engagiert Baxter den Studenten Max McCandless (Ramy Youssef). Beide Männer beobachten Bella. Sie experimentieren mit ihr. Bringen ihr neue Dinge bei und sind ebenso begeistert wie erstaunt über ihre schnellen Lernfortschritte. Dabei entwickeln sie tiefere Gefühle für ihr Forschungsobjekt.
Als Bella älter wird, will sie nicht mehr im Haus bleiben. Sie will die Welt erkunden. Baxter erlaubt es.
Zusammen mit dem von sich überzeugten, besitzergreifenden Hallodri und Anwalt Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) begibt Bella sich auf eine große Reise, auf der sie vom impulsiven, keine Grenzen kennendem Kind (im Kopf) zur Grenzen kennenden, aber nicht notwendigerweise respektierenden Frau (im Kopf) wird.
Auf dieser, den größten Teil des Films einnehmenden Reise, die sie zuerst nach Lissabon, dann auf einen Ozeandampfer, nach Alexandria und Paris (wo sie in einem Bordell Reisegeld verdient) und wieder zurück nach London führt, begegnet sie der unabhängigen, sehr belesenen und klugen Martha von Kurtzroc (Hanna Schygulla), Marthas Begleiter Harry Astley (Jerrod Carmichael), der Bordellchefin Swiney (Kathryn Hunter) und ihrer revolutionär-sozialistisch gesinnten Arbeitskollegin Toinette (Suzy Bemba). Auf jeder Station dieser Reise lernt Bella eine neue Lektion über ihre von ihr schon in Baxters Haushalt entdeckten Sexualität, die Wirtschaft und die Strukturen der Gesellschaft.
Zurück in London begegnet sie dem Grund für ihren Suizid am Filmanfang. Diese Begegnung führt zu einem köstlich schrägen Finale, das die Verhältnisse auf märchenhafte Weise auf den Kopf stellt. So wie der Film bis dahin schon, höchst unterhaltsam, die Verhältnisse auf den Kopf stellte. Schlließlich spielt er in einer Welt, in der es Wesen gibt, die es nicht geben dürfte.
Lanthimos erzählt die vollständig im Studio gedrehte Geschichte in betont künstlichen Kulissen mit grandiosen Schauspielern, einer konstant mild desorientierenden Kamera und unzähligen visuellen Gags, die die erfundene Steampunk-Welt zu einer glaubwürdigen Welt werden lassen. Am Ende ist „Poor Things“ sein längster, zugänglichster und auch optimistischter und freundlichster Film. Die Schwarze Komödie ist ein großer, wenn auch etwas ausufernder, teils plakativer Spaß.
Nach dem Gewinn des Goldenen Löwen in Venedig gewann „Poor Things“ weitere Preise, wie den Golden Globe als beste Komödie und für die beste Hauptdarstellerin. In den kommenden Wochen dürfte die Komödie zahlreiche weitere Nominierungen und Preise erhalten. Gestern wurde „Poor Things“ für elf BAFTAs nominiert, unter anderem als bester Film, bestes adaptiertes Drehbuch, beste Hauptdarstellerin, beste Kamera, beste Musik und beste Spezialeffekte.
Und wenn am 23. Januar 2024 die Oscar-Nominierungen bekannt gegeben werden, dürfte Lanthimos neuer Film in mehreren Kategorien nominiert sein.
Poor Things (Poor Things, USA 2023)
Regie: Yorgos Lanthimos
Drehbuch: Tony McNamara
LV: Alasdair Gray: Poor Things: Episodes from the Early Life of Archibald McCandless M.D., Scottish Public Health Officer, 1992 (Arme Dinger: Episoden aus den frühen Jahren des schottischen Gesundheitsbeamten Dr. med Archibald McBandless)
mit Emma Stone, Mark Ruffalo, Willem Dafoe, Ramy Youssef, Jerrod Carmichael, Hanna Schygulla, Christopher Abbott, Suzy Bemba, Kathryn Hunter, Vicki Pepperdine, Margaret Qualley
Die erste Begegnung ist fantastisch. Der berühmte Funke springt sofort über zwischen Bea (Sydney Sweeney) und Ben (Glen Powell). Der Morgen danach ist ein Desaster. Zuerst schleicht Bea sich aus Bens Wohnung. Dann muss sie hören, wie Ben vor seinem besten Freund Pete (GaTa) über sie herzieht. Danach will Bea, die nur einen kleinen Teil des Gesprächs belauschte, nichts mehr von Ben wissen. Währenddessen fragt Ben sich, warum er nichts mehr von Bea hört.
Ein halbes Jahr später treffen sie sich wieder. In Sydney soll die Hochzeit von Beas Schwester und Petes Schwester stattfinden. In den Monaten seit ihrer ersten Begegnung ist aus dem frühmorgendlichem Missverständnis abgrundtiefer Hass geworden. Ihre gegenseitige Abneigung ist so groß, dass sie die Hochzeitsfeierlichkeiten gefährden könnten. Deshalb und weil sie offensichtlich füreinander bestimmt sind, versuchen das Brautpaar, deren Eltern und Beas und Bens Freunde sie zusammenzubringen.
Das führt zu einigen peinlichen Situationen. Und etwas Spaß. Denn Bea und Ben haben die Absichten der anderen schnell durchschaut. Trotzdem spielen sie für die anderen ein heftig verliebtes, hemmungslos turtelndes Paar. Am Anfang ist das für sie der einfachste Weg, unbeschadet durch das Wochenende und die Anforderungen und Wünsche der anderen, wozu auch frühere Liebschaften von Bea und Ben gehören, zu kommen. Gleichzeitig ahnen alle anderen, dass Bea und Ben das Liebespaar nur spielen. Aber sie sind überzeugt, dass Bea und Ben ein Liebespaar werden. Denn was sich liebt das neckt sich.
Dieser von William Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ (Much Ado About Nothing) inspirierte Liebesreigen schöner Menschen ohne finanzielle Probleme findet vor sonniger Postkartenkulisse statt. Es gibt etwas Herzschmerz, etwas Comedy, gut aufgelegte Schauspieler und für US-amerikanische RomCom-Verhältnisse erstaunlich viel nackte Haut. In den notorisch prüden USA gab es für diese jugendgefährdenden Momente ein R-Rating. Bei uns ist der Liebesfilm ab 0 Jahre freigegeben. Und das ist eine überraschend niedrige, aber vollkommen okaye Freigabe.
Regisseur Will Gluck, der vorher die beiden „Peter Hase“-Filme inszenierte, inszenierte seinen neuen Film ziemlich straff entlang des von ihm und Ilana Wolpert geschriebenen Drehbuchs. Das verschont uns vor länglichen Improvisationen des Ensembles, die die Geschichte für nichts und wieder nichts verlangsamen.
In der mild selbstironischen RomCom „Wo die Lüge hinfällt“ vergeht die Zeit ziemlich schnell und angenehm. Das liegt vor allem an den beiden gut aussehenden, überaus sympathischen Hauptdarsteller, die prächtig miteinander harmonisieren. Die Konventionen des Genres werden erfüllt und es gibt ein, zwei kleine Neuerungen, wie dass hier zwei Frauen heiraten oder die Eltern Joints rauchen.
RomCom-Fans sollte „Wo die Lüge hinfällt“ gefallen. Und wer danach in Sydney Sweeney verknallt ist, kann sie in den kommenden Wochen in zwei gänzlich anderen Filmen bewundern.
Am 8. Februar startet das sehenswerte, auf einem wahren Fall basierende, minimalistische Drama „Reality“. Sidney Sweeney spielt überzeugend die titelgebende Whistleblowerin Reality Winner.
Eine Woche später, am 14. Februar, startet „Madame Web“, ein Marvel-Film und der vierte Film in Sony’s Spider-Man Universe. In dem Superheldenfilm spielt Sweeney Spider-Woman Julia Carpenter.
Wo die Lüge hinfällt (Anyone but You, USA 2023)
Regie: Will Gluck
Drehbuch: Will Gluck, Ilana Wolpert
mit Sydney Sweeney, Glen Powell, Alexandra Shipp, GaTa, Hadley Robinson, Michelle Hurd, Dermot Mulroney, Darren Barnet, Rachel Griffiths, Bryan Brown, Charlee Fraser, Joe Davidson
Ein Gauner & Gentleman (The old man & the gun, USA 2018)
Regie: David Lowery
Drehbuch: David Lowery
LV: David Grann: The Old Man and the Gun (Reportage, The New Yorker, 27. Januar 2003)
Wunderschön entspannte Schnurre über den Berufsverbrecher Forrest Tucker (Robert Redford), der 1981 nach eine Banküberfall Jewel (Sissy Spacek) trifft. Er beginnt mit der nichtsahnenden Witwe eine Beziehung, während er mit seinen Kumpels schon den nächsten Banküberfall plant.
David Lowery erzählt seine äußerst gelungene Mischung aus Liebes- und Gangsterfilm mit viel Retro-Charme als nostalgische, tiefenentspannte Abschiedsvorstellung, die noch einmal die gute alte Zeit feiert, als schlitzohrige Berufsverbrecher auch Gentleman sein konnten. Ein Film für große und kleine Lagerfeuer.
Nach seiner Premiere im September 2023 bei den Filmfestspielen von Venedig waren die Kritiken für „The Palace“ vernichtend. Auf Rotten Tomatoes gehört der neue Film von Roman Polanski zu den wenigen Filmen, die einen Frischegrad von null Prozent haben. Ein solcher Frischegrad, der sich aus der Zusammenfassung verschiedener Kritiken zu einem Film ergibt, ist normalerweise filmischen Vollkatastrophen vorbehalten. Es sind Filme bei denen nichts stimmt.
So schlecht ist „The Palace“ nicht. Es ist auch kein guter Film, sondern eine seltsam aus der Zeit gefallene, teilprominent besetzte Komödie, die sich an der satirisch-klamaukigen Kapitalismuskritik der sechziger und siebziger Jahre orientiert.
Polanski schildert die Ereignisse einer Silvesternacht in einem in den verschneiten Alpen liegendem Nobelhotel. Hansueli Kopf (Oliver Masucci) schwört am Filmanfang seine Angestellten auf eine anstrengende Nacht ein, in der alles perfekt sein soll und jeder Wunsch der vermögenden, aus der ganzen Welt angereisten Gäste erfüllt wird. Diese haben alle ihre Marotten, Phobien und Extrawünsche, die sie nur ausleben können, weil sie andere Menschen gut bezahlen, diese zu tolerieren.
Die sich daraus entwickelnde, am 31. Dezember 1999 spielende Filmgeschichte ist eine Nummernrevue, die sich weitgehend in einer Aneinanderreihung von Witzen und absurden Situationen erschöpft. Einige sind witziger, andere nicht. Die Gäste sind allesamt grotest überzeichnete Millionäre und Schein-Millionäre, die ihre Eitelkeiten pflegen. Gespielt werden diese Knallchargen unter anderem von John Cleese, Mickey Rourke, Fanny Ardant und Joaquim De Almeida.
Präsentiert wird dieser Klamauk im Stil der vor fünfzig Jahren in satirisch gemeinten Filmen angesagten Kapitalismuskritik, in der die finanzielle Oberschicht als ein Haufen geld- und sexgieriger Idioten, Schnorrer und Kleingeister demaskiert wird. Das war schon damals eher nervig als witzig.
Mit der misslungenen erotischen Farce „Was?“ (What?, 1972) inszenierte Roman Polanski in der Villa von Carlo Ponti, der „Was?“ produzierte, eine solche, zu Recht vergessene Komödie.
„The Palace“ drehte Polanski – auch wenn der Film immer wie in einem Studio gedreht wirkt – im Palace Hotel in Gstaad in der Schweiz. Polanski besucht das Hotel seit fast fünfzig Jahren. Die Idee für den Film hatten, laut Presseheft, er und Andrea Scherz, Besitzerin und Geschäftsführerin des Hotels, bei einem Kaffee. Bei diesem Gespräch haben sie sich wahrscheinlich über verschiedene Hotelgäste, ihre Marotten und unglaubliche Ereignisse, die sich im Hotel in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ereigneten, amüsiert. Aus einer solchen Sammlung von Anekdoten ergibt sich aber nur ein Haufen Material. Eine Geschichte ist das nicht. Es wird auch nicht zu einer Geschichte, wenn einige Figuren öfter auftauchen und sich aufeinanderfolgende Ereignisse geschildert werden. Es bleiben beliebig austauschbare Sketche.
Das Drehbuch schrieb Polanski dann mit Jerzy Skolimowski und Ewa Piaskowa. Sie ist Skolimowskis Frau und seine langjährige Schreibpartnerin (zuletzt „Eo“). Polanski und Skolimowski kennen sich seit den späten fünfziger Jahren. In Polen besuchten sie die renommierte Filmhochschule in Łódź. Skolimowski ist einer der Drehbuchautoren von Polanskis Spielfilmdebüt „Das Messer im Wasser“ (Nóż w wodzie, 1962). Das auf einem Segelboot sich innerhalb von 24 Stunden abspielende Drei-Personen-Psychodrama war der Beginn von Polanskis internationaler Karriere.
„The Palace“ knüpft mit der Beschränkung auf einen Handlungsort und eine begrenzte Handlungszeit von deutlich weniger als 24 Stunden an „Das Messer im Wasser“ an. Dass die Gäste des Hotels alle auf ein Ereignis warten, knüpft an Polanskis absurde Komödie „Wenn Katelbach kommt…“ (Cul-de-sac, 1966) an. Wobei der Katelbach von „The Palace“ das Silvesterfeuerwerk und die Angst vor dem Millennium-Bug sind. Damals wurde ein riesiger Computercrash befürchtet, weil in Programmen nur die letzten beiden Ziffern der Jahreszahlen enthalten waren.
Trotz dieser durchaus vorhandenen Verbindungen zu seinen früheren Filmen und dass am Ende des Films die Figuren, außer wenn sie gestorben sind, wieder an dem Punkt stehen, an dem sie am Anfang standen, machen aus „The Palace“ trotzdem keines dieser Alterswerke, in denen ein Künstler noch einmal sein Werk und seine Themen Revue passieren lässt. Polanskis jüngste Schwarze Komödie ist ein Scherz, der nicht witzig ist.
„The Palace“ ist in jedem Fall einer, vielleicht sogar der überflüssigste Film von Roman Polanski. Denn das was in dieser Farce als Gesellschaftskritik verkauft wird, ist oberflächlich und genügt sich in der Aneinanderreihung von altbekannten Plattheiten, in der alle Figuren grotesk und eindimensional lächerlich sind.
The Palace (The Palace, Italien/Polen/Schweiz/Frankreich 2023)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Ewa Piaskowska, Jerzy Skolimowski, Roman Polanski
mit Oliver Masucci, Fanny Ardant, John Cleese, Bronwyn James, Joaquim De Almeida, Mickey Rourke, Luca Barbareschi, Milan Peschel, Fortunato Cerlino
Bis wir tot sind oder frei(Schweiz/Deutschland 2020)
Regie: Oliver Rihs
Drehbuch: Dave Tucker, Oliver Rihs, Ivan Madeo, Norbert Maass, Oliver Keidel
TV-Premiere. In den achtziger Jahren ist der Unternehmersohn Walter Stürm in der Schweiz bekannt als Berufsverbrecher und Ausbrecherkönig. Mit seiner neuen Anwältin, Barbara Hug vom Zürcher Anwaltskollektiv, wird er auch zu einer Symbolfigur und Held der linken Szene.
Wie es dazu kam, schildert Oliver Rihs, mit viel Zeitkolorit, in seinem gelungenen, auf wahren Ereignissen basierendem Drama. Hoffentlich zeigt Arte nicht die hochdeutsche Synchronisation sondern die Originalfassung.
Für alle, die das erfolgreiche Computerspiel nicht kennen und die die vor einigen Wochen im Kino gelaufene, anscheinend ziemlich schlechte Verfilmung des Spiels nicht gesehen haben, ist hier vielleicht etwas Kontext wichtig.
„Five Nights at Freddy’s“ ist ein seit fast zehn Jahren bestehendes, beliebtes, von Scott Cawthon erfundenes Survival-Horror-Game. Der Spieler muss als Angestellter in der titelgebenden Freddy Fazbear’s Pizzeria fünf Nachtschichten überleben. Bekannt wurde die Franchise-Pizzeriakette durch die von dem Erfinder William Afton und seinem Unternehmen Fazbear Entertainment erschaffenen Animatronics. Das waren, salopp gesagt, ursprünglich Roboter, die die Gäste bedienten, unterhielten und verwöhnten. Später waren sie von bösen Geistern bessessene mordgierig Wesen. In bislang sechs Spielen wurde die Mythologie weiter ausgebaut.
Neben den Spielen gibt es auch Bücher, Comics und den bereits erwähnten Spielfilm, der im Herbst 2023 so erfolgreich im Kino lief, dass schon jetzt die Fortsetzungen beschlossen sind.
Vor wenigen Tagen erschien das Buch „Five Nights at Freddy’s: Tales from the Pizzaplex 1 – Lallys Spiel (Band 10)“ auf Deutsch. In den USA sind bereits sieben weitere „Pizzaplex“-Bücher und insgesamt 23 „Tales from the Pizzaplex“-Bücher erschienen. Diese Geschichten sind nicht Teil des Kanons. Sie verstehen sich als Ergänzungen zu den Spielen.
„Lallys Spiel“, der erste Band der „Pizzaplex“-Bücher, besteht aus drei Novellen von jeweils ungefähr neunzig Seiten.
In der ersten Geschichte „Der Schutzengel“ geht es um die junge, anscheinend aus dem Nichts gekommen, extrem introvertierte Jessica. Sie geht zur Schule und arbeitet nachts in der Kinderstation eines Krankenhauses. Immer wenn sie Dienst hat, genesen einige der Kinder überraschend. Doch nichts geschieht ohne Nebenwirkungen.
In der zweiten Geschichte „Lallys Spiel“ ziehen Cade und Selena, die sich gerade verlobt haben, zusammen. Für ihre Freunde sind sie das perfekte Paar. Beim Einzug in ihr gemeinsames Haus bemerkt Jessica eine altmodische Truhe, deren Inhalt für Cade sehr wichtig ist. Aber er will ihr nicht verraten, was in der Truhe ist.
Neugierig öffnet Selena die Truhe und fortan werden sie von Lally heimgesucht. Lally war in Freddy’s Pizzaplex der Roboter, der sich vor allem um die Kinder kümmerte, die keine Spielkameraden hatten. Sie war Cades beste Freundin.
Anscheinend ist Lally jetzt überall und nirgends in ihrem Haus. Und sie ist keine nette Spielkameradin.
In der dritten Geschichte „Bauarbeiten“ besucht Maya zu ihrem sechzehnten Geburtstag mit ihren Freunden das neue Freddy Fazbears Mega Pizzaplex. Die aufsehenerregenste Neuerung ist ein Virtual-Reality-Modus, in dem man zum Mittelpunkt einer Mega-Geburtstagsfeier wird. Es ist, als würden einen Tausende kennen und lieben und als wären sie alle nur zu deiner Geburtstagsfeier gekommen. Während ihrer Feier betritt Maya einen Teil des Pizzaplex, der als Baustelle deklariert ist. Obwohl er nicht wie eine Baustelle aussieht.
Kurz darauf sterben in ihrer Welt immer mehr Menschen an einem hundertprozentig tödlichen Krebs und überall tauchen mit Glibber gefüllte Puppen-Babys auf. Sie verhalten sich nicht aggressiv. Sie sind einfach nur so da.
In „Bauarbeiten“ spielt die titelgebende Pizzeria auf den ersten Seiten eine größere Rolle. Aber auch in dieser Geschicihte ist der Zusammenhang zwischen dem Spiel und der Geschichte sehr lose. Eigentlich erschöpft er sich in der Nennung des Namens und einigen damit zusammenhängenden Erklärungen. Das sollte die drei Geschichten auch für Nicht-Kenner des Spiels genießbar machen als Horrorgeschichten über seltsame Puppen, nicht-menschliche Menschen und seltsame Ereignisse. Aber so richtig überzeugen tut keine Geschichte. Die Pointen sind zu absehbar, der Weg dahin ist zu gradlinig, die Sprache ist zu austauschbar. Gerade bei der letzten Geschichte fehlt der schwarze Humor, der dem Alptraum die richtige Würze verliehen hätte. Dabei hätte aus jeder dieser Ideen, in den richtigen Händen, eine kleine, fiese Horrorgeschichte werden können.
So ist jede Geschichte nur ‚meh‘.
Aber vielleicht sehen das die Fans des Spiels, die jede Anspielung erkennen, anders.
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Scott Cawthon/Kelly Parra/Andrea Waggener: Five Nights at Freddy’s: Tales from the Pizzaplex #1 – Lallys Spiel (Band 10)
(übersetzt von Andreas Kasprzak)
Panini Books, 2023
288 Seiten
15 Euro
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Originalausgabe
Five Nights at Freddy’s: Tales from the Pizzaplex #1 – Lally’s Game
In Köln wird ein Obdachloser mit Frostschutzmittel vergiftet. Die Kommissare Ballauf und Schenk ermitteln im Milieu.
Sehr unterhaltsamer Kölner-Tatort, der erfrischend undidaktisch (Wir reden vom Kölner Tatort) daherkommt und Udo Kier als Penner ist auch die halbe Miete.
mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Joe Bausch, Udo Kier, Christian M. Goebel, Michael Schenk, Catherine Flemming, Peter Millowitsch
Brügge sehen…und sterben? (In Bruges, Belgien/Großbritannien 2008)
Regie: Martin McDonagh
Drehbuch: Martin McDonagh
Die Profikiller Ray und sein väterlicher Freund Ken sollen nach einem leicht missglückten Mord an einem Priester für einige Tage in Brügge untertauchen. Schnell verwandeln sie die friedliche Stadt in eine Kampfzone. Denn: „Shoot first. Sightsee later.“
Grandiose, mit dem Edgar ausgezeichnete schwarze Komödie
Mit Colin Farrell, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes, Clémence Poésy, Zeljko Ivanek, Ciarán Hinds
Drehbuch: John W. Richardson, Chris Roach, Ryan Engle (nach einer Geschichte von John W. Richardson und Chris Roach)
Während eines Transatlantikflugs erhält Air Marschal Bill Marks (Liam Neeson) eine Erpresser-SMS: der Erpresser droht, bis 150 Millionen Dollar auf sein Konto überwiesen sind, alle zwanzig Minuten eine Passagier zu ermorden. Und schon stirbt der erste Passagier. Während Marks den sich an Bord befindenden Täter sucht, legt dieser Spuren aus, die Marks zum Täter machen.
Spannender Thriller; wie alle Collet-Serra/Neeson-Filme.
LV: Marie Brenner: American Nightmare: The Ballad of Richard Jewell (Vanity Fair, Februar 1997), Kent Alexander, Kevin Salwen: The Suspect, 2019
Atlanta, 27. Juli 1996, Olympische Spiele: während eines Konzerts entdeckt der Sicherheitsmitarbeiter Richard Jewell einen verdächtigen Gegenstand. Sofort evakuiert er den Platz und rettet so, bevor die Bombe explodiert, viele Leben. Er wird als Held gefeiert. Und kurz darauf verdächtigt, die Bombe platziert zu haben, um sich als Helden zu inszenieren. Was stimmt?
TV-Premiere. Starkes, auf einem wahren Fall basierendes Drama.
Beginnen wir den Überblick über die aktuellen Filmstarts (abgesehen von dem Imkerfilm) mit einem Remake, gehen dann in die Zukunft und reisen über Deutschland nach Australien.
Zehn Jahre nach ihrem letzten Film kehrt Catherine Breillat mit „Im letzten Sommer“ in die Kinos zurück. Sie erzählt die Liebesgeschichte zwischen der ungefähr fünfzigjährigen erfolgreichen Anwältin Anne (Léa Drucker) und dem siebzehnjährigen Théo (Samuel Kircher, Debüt). Théo ist der Sohn ihres Mannes aus erster Ehe. Sie gehören zur Bourgeoisie, haben zwei Mädchen adoptiert und leben ein glückliches und sorgloses Leben. Mit ihrer Affäre setzt Anne das alles aufs Spiel.
„Im letzten Sommer“ ist das französische Eins-zu-eins-Remake von May el-Toukhys „Königin“ (Dronningen, Dänemark/Schweden 2019). Wie bei anderen aktuellen Remakes sind die Änderungen so gering, dass es zu einer Frage des persönlichen Geschmacks wird, welche Fassung einem besser gefällt. Und welche Schauspieler man für attraktiver hält. Also Trine Dyrholm im Original als Verführerin oder Léa Drucker. Gustav Lindh im Original als verführten und verführenden Teenager oder Samuel Kircher, der stark an Timothée Chalamet erinnert.
Größere Änderungen gibt es im dritten Akt. Sie ändern aber nichts daran, dass das Remake so nah am Original ist, dass niemand, der das Original kennt, sich das Remake ansehen muss. Es ist, als ob man einen Film, zugegebenen einen guten Film, der interessante moralische Fragen aufwirft und keine seiner Figuren verurteilt, zum zweiten Mal sieht.
Samuel Kircher erhielt die Rolle auf Empfehlung seines Bruders Paul. Der war ursprünglich für die Rolle des Siebzehnjährigen vorgesehen, aber veränderte Drehpläne verhinderten das. Er spielt jetzt in „Animalia“ eine Hauptrolle.
Im letzten Sommer (L’été dernier, Frankreich 2023)
Regie: Catherine Breillat
Drehbuch: Catherine Breillat, Pascal Bonitzer (Mithilfe) (basierend auf dem Drehbuch zu „Königin“ [Dronningen] von May el-Toukhy und Maren Louise Käehne)
mit Léa Drucker, Samuel Kircher, Olivier Rabourdin, Clotilde Courau, Serena Hu, Angela Chen
„Animalia“ hatte seine Premiere in Cannes beim Filmfestival. In Deutschland lief Thomas Cailleys neuer Film beim letzten Fantasy Filmfest als Centerpiece. Und damit dürfte klar sein, in welche Richtung der Film geht.
In der nahen Zukunft verwandeln einige Menschen sich langsam in Tiere. Zuerst sind die Veränderungen kaum zu bemerken. Später wird aus einem Arm ein Flügel und das Sprechvermögen nimmt ab. WiesoWeshalbWarum es zu diesen Mutationen kommt, ist unklar. Aber es kann jeden treffen und der Umgang mit diesen mutierten Menschen ist schwierig. Das spüren auch der sechzehnjährige Emile (Paul Kircher) und sein Vater Francois (Roman Duris). Denn Emiles Mutter verwandelt sich in ein Tier und soll ein ein extra für die mutierten errichtetes Zentrum gebracht werden. Dort soll sie geheilt werden. Francois will in ihrer Nähe bleiben. Deshalb zieht er mit seinem Sohn um in die Provinz. Auf dem Weg zum Zentrum verunglückt der Transporter und die Passagiere flüchten in den Wald.
Während die Polizei die Flüchtlinge sucht, versuchen Francois und Emile sich in ihrem neuen Wohnort einzurichten. Francois will, während er zunehmend verzweifelt in den Wäldern seine Frau sucht, als liebender Vater und Ehemann das Richtige tun. Emilie sucht und findet neue Freunde. Da bemerkt Emilie Veränderungen bei sich. Auch er wird zu einem Tier mutieren.
„Animalia“ ist ein atmosphärischer Hybrid aus Science-Fiction-, Horror- und Coming-of-Age-Film, der aus einem Minimum an Erklärungen das Maximum herausholt. Er konzentriert sich dabei auf die Vater-Sohn-Geschichte und wie sie, einzeln und gemeinsam, versuchen, mit den Veränderungen umzugehen.
Animalia(Le règne animal, Frankreich 2023)
Regie: Thomas Cailley
Drehbuch: Thomas Cailley, Pauline Munier
mit Romain Duris, Paul Kircher, Adèle Exarchopoulos, Tom Mercier, Billie Blain, Xavier Aubert, Saadia Bentaïeb, Gabriel Caballero
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre (mit Eltern ab 6 Jahren erlaubt [Uhuh])
Bleiben wir in der Zukunft und wenden uns dem Probelm der Schwangerschaft zu. Obwohl das, wenn wir uns Sophie Barthes „Baby to go“ ansehen, kein Problem mehr ist. Rachel (Emilia Clarke) und Alvy (Chiwetel Ejiofor) leben in New York in einer luxuriösen und hochmodernen Wohnung. Es ist ein Biologe, der an das Natürliche glaubt und möglichst viel von der Natur bewahren möchte. Sie ist eine aufstrebende Managerin in einem Tech-Unternehmen. Sie möchte ein Kind und ist erfreut, als sie einen der wenigen Plätze in einer Geburtsklinik bekommt. Dort könnte sie, mit einem künstlichem Brutkasten, Pod genannt, ein Kind bekommen ohne auf ihre Arbeit verzichten zu müssen. Den Pod könnte sie wie eine Babybauch-Attrappe umschnallen, sich dann wie eine normale schwangere Frau fühlen und eine innige Beziehung zu ihrem Baby aufbauen. Begleitet würde sie bei ihrer Schwangerschaft von der Künstlichen Intelligenz der Firma, die sie so anleiten würde, dass ihre Schwangerschaft für ihr Kind optimal verläuft. Auch Alvy könnte den Pod tragen und so schon vor der Geburt eine Verbindung zu seinem Kind aufbauen.
Aber Alvy würde eine natürliche Schwangerschaft bevorzugen.
Barthes‘ Idee mit den Pods für künstliche und glückliche Schwangerschaften ist bestehend. Den daraus entstehenden Konflikt zwischen künstlicher und natürlicher Schwangerschaft formuliert sie schön aus. Sie entwirft dabei, immer mild satirisch überspitzt, eine durchaus glaubwürdige Zukunft. Aber nach einem guten Auftakt wird der Film im zweiten Akt, wenn Alvy der künstlichen Schwangerschaft zustimmt, immer zäher bis hin zu einem schwachen Ende. Und so fühlt sich diese Science-Fiction-Satire trotz guter Ideen, guter Inszenierung, guten Schauspielern und liebevoller Ausstattung fast schon wie eine Zeitverschwendung an.
Baby to go(The Pod Generation, Großbritannien 2023)
Regie: Sophie Barthes
Drehbuch: Sophie Barthes
mit Emilia Clarke, Chiwetel Ejiofor, Vinette Robinson, Rosalie Craig, Jean-Marc Barr, Jelle De Beule
Siebzehn Jahre nach „4 Minuten“ erzählt Chris Kraus die Geschichte von Jenny von Loeben (Hannah Herzsprung) weiter. Die begnadete Pianistin saß fünfzehn Jahre für einen Mord, den sie nicht begangen hat, im Gefängnis. Ihr damaliger Freund war der Täter.
Inzwischen ist ihre Jugendliebe als Gimmiemore (Albrrecht Schuch) bekannt. Aus dem Punker wurde ein erfolgreicher Schlagersänger und er ist Jury-Mitglied einer quotenträchtigen TV-Talentshow, in dem behinderte Musiker gegeneinander antreten.
Die immer noch äußerst unberechenbare und aggressive Jenny will sich an ihm rächen. Zusammen mit einem aus Syrien geflüchteten Musiker, der dort seine Hand, aber nicht seine postivie Lebenseinstellung verlor, beteiligt sie sich an der Talentshow.
Die Story von „15 Jahre“ ist eine wüste Kolportage, die einfach alles in die Geschichte packt, was gerade aktuell ist, einen guten Film oder eine gute Szene abgeben könnte. Dass vieles dabei nicht besonders glaubwürdig und wahrscheinlich ist, nimmt Chris Kraus sehenden Auges in Kauf. Die Schauspieler – Hannah Herzsprung als beständig ausflippende und um sich schlagende Pianistin, Albrecht Schuch als Parodie eines aalglatten TV-Talentshow-Jurors mit atemberaubend schlecht sitzender Perücke – werfen sich lustvoll in die unwahrscheinliche Geschichte und Chris Kraus inszeniert das kraftvoll als Rachefantasie voller physisch und psychisch Versehrter. Das Ergebnis ist halb großartiges Kino, das weder kunstvolles Arthauskino noch banales Kommerzkino ist und nie langweilt.
15 Jahre (Deutschland 2023)
Regie: Chris Kraus
Drehbuch: Chris Kraus
mit Hannah Herzsprung, Hassan Akkouch, Albrecht Schuch, Christian Friedel, Adele Neuhauser, Stefanie Reinsperger, Katharina Schüttler, Désirée Nosbusch
Nach Australien geht es mit den beiden Rucksacktouristinnen Hanna (Julia Garner) und Liv (Jessica Henwick). Als sie in Sydney ihren letzten Cent verfeiert haben, nehmen sie einen Job als Bedienung in dem titelgebenden „The Royal Hotel“ an. Dieses Hotel liegt im australischen Outback in der Nähe einer abgelegenen Bergbausiedlung. Es ist ein heruntergekommener Schuppen, in dem billiger Alkohol an die prollige Kundschaft, – Einheimische, Bergarbeiter und Quartalssäufer -, verkauft wird. Billy (Hugo Weaving), der Besitzer der Kneipe, heuert immer wieder arbeitssuchende Rucksacktouritinnen an. Für einige Wochen arbeiten sie als billige Arbeitskräfte im „Royal Hotel“.
Kitty Green erzählt vor allem, wie Hanna und Liv in der Kneipe arbeiten und die Kunden kennen lernen. Dabei sind sie immer wieder verstört von der australischen Saufen-bis-zum-umfallen-Trinkkultur und dem sexistischen und primitiven Verhalten der Gäste.
Viel mehr passiert bis zum Ende nicht. Es gibt keine Charakterentwicklung und keine Story, sondern nur die intensive, aber nicht sonderlich in die Tiefe gehende Beschreibung einer Situation und eines Ortes. Denn über die Trinker erfahren wir nur das, was sie in der Kneipe tun. Und das erschöpft sich im trinken und reden. Ein Film wie die Lektüre einer Feldstudie.
Die Inspiration für Kitty Green war Peter Gleesons Dokumentarfilm „Hotel Coolgardie“, den sie ziemlich genau nachstellte.
The Royal Hotel(The Royal Hotel, USA 2023)
Regie: Kitty Green
Drehbuch: Kitty Green, Oscar Redding (inspiriert von dem Dokumentarfilm „Hotel Coolgardie“)
mit Julia Garner, Jessica Henwick, Toby Wallace, Hugo Weaving, Ursula Yovich, Daniel Henshall, James Frecheville, Herbert Nordrum
Drei Jahre nach dem Fall der Mauer sollen zwei Polizisten – ein Ossi und ein Wessi – in einer kleinen Gemeinde im östllichen Mecklenburg-Vorpommern zwei spurlos verschwundene Teenager-Schwestern finden. Bei ihren Ermittlungen erfahren sie, dass in den vergangenen Jahren mehrere Mädchen spurlos verschwanden.
Christian Alvarts in Ostdeutschland spielendes Eins-zu-eins-Remake von „Mörderland – La Isla Mínima“ (La Isla Mínima, Spanien 2014). Dabei ist Ostdeutschland nach dem Ende der DDR ein nie überzeugender Ersatz für das Post-Franco-Spanien. Da wäre mehr drin gewesen als ein durchschnittlicher, zu lang geratener Thriller.
Besser das kürzere, buntere und in seiner Gesellschaftsanalyse überzeugendere Original ansehen.
mit Felix Kramer, Trystan Pütter, Nora Waldstätten, Ben Hartmann, Ludwig Simon, Uwe Dag Berlin, Leonard Kunz, Michael Specht, Marc Limpach, Alva Schäfer, Nurit Hirschfeld, Alexander Radszun, Marius Marx