Diese Woche stellte Jake Lamar in Berlin in der Buchhandlung InterKontinental seinen neuen Kriminalroman „Viper’s Dream“ vor. In dem grandiosen Noir-Jazz-Gangsterroman muss Clyde ‚Viper‘ Morton 1961 innerhalb der nächsten drei Stunden seine Heimatstadt New York verlassen. Der Schwarze hat gerade einen Menschen ermordet. Es ist der erste Mord, den er bereut. Im Cathouse der Baroness Pannonica de Koenigswarter, einer Rothschild-Erbin und über Jahrzehnte wichtige Jazz-Mentorin, plant er, umgeben von bekannten Jazzmusikern, seine Flucht. Da stellt sie ihm die Frage, die sie in ihrem Leben,
hunderten von Jazzmusikern stellte: „Wenn du drei Wünsche frei hättest, die sofort in Erfüllung gingen, welche wären das?“
In dem Moment beginnt Clyde Morton über sein Leben nachzudenken – und Jake Lamar schreibt auf, wie Morton 1936 von Alabama nach New York kommt, in Harlem Musiker werden will und ein Verbrecher wird. Mr. O nimmt ihn in seine Organisation auf. Viper wird zum gut verdienenden Drogenhändler.
„Viper’s Dream“ ist eine fulminante, sehr dicht und schnörkellos geschriebene Biographie eines Gangsters, die unmittelbar mit dem Wandel des Verbrechens und der Jazzmusik von den dreißiger bis zu den sechziger Jahren in New York und den USA verknüpft ist. Der Krimi erhielt letztes Jahr den CWA Historical Dagger Award. Dieses Jahr war er von den Mystery Writers of Japan als bester ins Japanische übersetzter Kriminalroman nominiert.
Letztes Jahr erschien, ebenfalls in der Edition Nautilus, als erste Übersetzung eines seiner Romane ins Deutsche, „Das schwarze Chamäleon“. Über den mit dem Deutsche Krimipreis ausgezeichneten Roman schreibt Krimiautor Robert Brack, der den Roman übersetzte, im Nachwort: „ein perfekt konstruierter klassischer Whodunnit, außerdem ein satirischer Campus- und vielschichtiger amerikanischer Gesellschaftsroman, der schon 2001 komplexe Fragen von Race, Gender und Identity Politics mit beeindruckender erzählerischer Virtuosität behandelte.“
Während der Lesung sprach der in der Bronx aufgewachsene, seit 1993 in Paris lebende Autor auch über seine anderen Romane, wie seine Bücher entstehen, von ihm bewunderte Kollegen und Romane und den Jazz.
Watching you – Die Welt von Palantir und Alex Karp (Deutschland 2024)
Regie: Klaus Stern
Drehbuch: Klaus Stern
Spielfilmlange Doku über Alex Karp, den Gründer der US-amerikanischen Firma Palantir. Aktuell diskutieren deutsche Sicherheitsbehörden über einen Einsatz der US-Überwachungssoftware. Aber anstatt sich mit der von Polizei und Geheimdiensten eingesetzten, von Datenschützern kritisierten Überwachungssoftware auseinanderzusetzten, konzentriert „Watching you“ sich auf Alex Karp, der als etwas schrulligen und interviewscheuer Unternehmer porträtiert.
In seinem letzten Film erzählt Konrad Wolf (20. Oktober 1925, Hechingen, Hohenzollernsche Lande – 7. März 1982, Ost-Berlin) die Geschichte der ehemaligen Arbeiterin Ingrid ‚Sunny‘ Sommer (Renate Krößner). Als Sängerin der „Tornados“ tingelt sie durch die DDR-Provinz und versucht, ihr Leben in den Griff zu bekommen.
mit Renate Krößner, Alexander Lang, Heide Kipp, Dieter Montag, Klaus Brasch
Am 13. Dezember wird im winterlich verschneiten Prag im Garten einer Zwischenkriegsvilla eine Frauenleiche gefunden. Während Kriminalrat Marián Holina vom Dezernat für Tötungsdelikte noch rätselt, wer die Tote ist und wer sie vor einigen Tagen ermordete, haben wir Leser von Iva Procházkovás Kriminalroman „Die Spur der Kälte“ bereits eine ziemlich gute, sich später bestätigende Idee über ihre Identität. Es handelt sich um die 22-jährige Tran Chau Anh, eine Vietnamesin mit tschechischer Staatsbürgerschaft. Sie studierte Jura, lebte in einer Wohngemeinschaft und, obwohl ihre geschiedenen Eltern vermögend sind, arbeitete sie als Pflegeassistentin von Andrej und Tamara Knotek und kellnerte in einer ‚Oben-Unten-Ohne‘-Bar. Einer der Kunden des Lokals könnte sie ermordet haben.
Ein anderes, noch besseres Motiv ergibt sich aus ihrer Arbeit als Assistentin. Nach einem schweren Unfall, bei dem der Ingenieur Andrej sich am Kopf verletzte, wurde er wieder zum Kind, das mehr oder weniger ständig beaufsichtigt werden muss. Anh erledigt diese Aufgabe an einigen Stunden in der Woche. Inclusive, und ohne dass Tamara es erfährt, kleineren sexuellen Gefälligkeiten. Er gibt ihr immer wieder Geld. Und vergisst es anschließend. Neben Anh hilft die junge Physiotherapeutin Doubravka Andrej.
Es ist eines dieser Pflegenetzwerk, in dem viele Menschen viele intime Details aus dem Leben der anderen wissen. Beispielsweise, dass die Knoteks bei der letzten Ziehung des Eurojackpots den Hauptgewinn gewonnen haben. Dummerweise ist der Wettschein, der jetzt 45 Millionen Euro wert ist, unauffindbar.
Im folgenden konzentriert Procházková sich nicht auf die polizelichen Ermittlungen. Sie entfaltet ein ausuferndes Bild, in dem sie von den vielen Verdächtigen, ihrem noch größerem Umfeld und ihrem Leben nach der Entdeckung von Anhs Leiche erzählt. Der Leser, der versucht bei der Mördersuche mitzurätseln, wird dabei genötigt, immer mehr potentiell Verdächtige aus der Liste der möglichen Täter zu streichen. Vor allem, weil sie immer noch den Lottoschein suchen. Oder keine sichtbaren Wunden haben. Denn Anh wehrte sich.
„Die Spur der Kälte“ ist also kein Rätselkrimi. Er ist auch kein Polizeiroman, der sich auf die Arbeit der Polizei konzentriert. Er ist ein Mini-Mini-Gesellschaftsporträt, das den Fokus auf verschiedene Menschen lenkt, die von einem Mord betroffen sind und von denen einer der Mörder sein könnte. Procházková erzählt dies sehr kleinteilig in einem angenehm Tonfall, der sich an klassischen Erzähltugenden orientiert. Außerdem erfahren wir einiges über die kriminalliterarisch wenig erkundete tschechische Hauptstadt, die sich in diesem Fall und mit diesen Verdächtigen und ihren Problemen kaum von einer anderen westlichen Metropole unterscheidet. Besonders spannend ist das dann nicht. Die Auflösung, in der der Mörder uns in seinen Gedanken den Tathergang schildert, gerät eher unbeholfen.
Iva Procházková wurde 1953 in Olmütz, Tschechoslowakei, geboren. Sie lebte viele Jahre in Österreich und Deutschland. Seit 2001 lebt sie in Prag. Neben den Romanen für Erwachsene schrieb sie Drehbücher und Kinder- und Jugendbücher. Für diese erhielt sie, unter anderem, den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Österreichischen Jugendbuchpreis und den Luchs des Jahres.
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Iva Procházková: Die Spur der Kälte – Ein neuer Fall von Kommisaar Holina
(übersetzt von Mirko Kraetsch)
braumüller, 2025
432 Seiten
22 Euro
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Originalausgabe
Dívky nalehko
Paseka, Prag 2016
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Außerdem von Iva Procházková erhältlich
Iva Procházková: Der Mann am Grund – Der erste Fall von Kommissar Holina
Drehbuch: Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner, Kurth Barthel
LV: Christa Wolf: Der geteilte Himmel, 1963
Zum Geburtstag von Konrad Wolf (20. Oktober 1925, Hechingen, Hohenzollernsche Lande – 7. März 1982, Ost-Berlin) präsentiert Arte einer seiner besten Filme (es gibt ja noch „Ich war neunzehn“ und „Solo Sunny“) und gleichzeitig einen Klassiker des DDR-Kinos.
Halle an der Saale, 1961: Kurz vor dem Mauerbau flüchtet der Chemiker Manfred in den Westen. Seine Geliebte, die Studentin Rita, besucht ihn und fragt sich dabei, ob sie ebenfalls aus der DDR flüchten soll.
Das Lexikon des internationalen Films urteilt: „Ein inhaltlich und stilistisch außergewöhnlicher DEFA-Film.“
mit Renate Blume, Eberhard Esche, Hans Hardt-Hardtloff, Hilmar Thate, Martin Flörchinger, Erika Pelikowsky, Günter Grabbert
Kopfgeldjäger Howard Kemp (James Stewart) sucht den Mörder Ben Vandergoat (Robert Ryan). Die Probleme beginnen, nachdem er ihn gefangen hat und er ihn, begleitet von einigen Weggefährten, der Justiz übergeben möchte.
Western-Klassiker
mit James Stewart, Janet Leigh, Robert Ryan, Ralph Meeker, Millard Mitchell
Drehbuch: Will Merrick, Nick Johnson (basierend auf einer Geschichte von Sev Ohanian und Aneesh Chaganty)
Via Computer sucht die 18-jährige June von Los Angeles aus ihre während eines Wochenendtrips in Cartagena, Kolumbien, mit ihrem neuen Freund spurlos verschwundene Mutter.
TV-Premiere zu einer unmöglichen Uhrzeit (nach dem aktuellen Sportstudio [wie jeden Samstagabend] und zwei bereits mehrfach gezeigten Thrillern). Denn dieser Desktop-Thriller ist ziemlich gelungen.
„Missing“ ist ein überaus spannender, wendungsreicher und entsprechend kurzweiliger Spaß für den immer nach spannender Unterhaltung süchtigen Thrillerfan.
Die Klapperschlange (Escape from New York, USA 1981)
Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter, Nick Castle
USA, 1997: Manhattan wurde zum Gefängnis umfunktioniert, in dem Verbrecher den Ton angeben. Durch einen dummen Zufall muss das Flugzeug des US-Präsidenten in Manhattan notlanden. Da hat der Polizeichef eine geniale Idee: Er bietet dem rauhbeinigen Knacki Snake Plissken die Freiheit an, wenn er den US-Präsidenten lebendig aus Manhattan herausholt. Zur Motivationsförderung lässt er Plissken zwei Sprengkapseln implantiert.
Ein schön zynischer, dystpischer SF-Klassiker und ein John-Carpenter-Klassiker.
„einer der spannendsten Filme der letzten Jahre, sorgfältig inszeniert, wenn auch recht gewalttätig.“ (Fischer Film Almanach 1982)
mit Kurt Russell, Lee Van Cleef, Ernest Borgnine, Donald Pleasence, Isaac Hayes, Harry Dean Stanton, Adrienne Barbeau, Tom Atkins
James Blaine ‚J. B.‘ Mooney (Josh O’Connor) ist keiner dieser Filmdiebe, der beim Einbruch in einen hoch gesicherten Safe eine komplizierte Alarmanlage ausschaltet und mit einer Millionenbeute verschwindet. Er ist auch keiner dieser Diebe, der mit großem Auftritt und breitem Lachen die Schönen und Reichen bestiehlt. Er ist auch kein Profi wie Richard Starks Parker, der eiskalt seine Raubzüge plant und durchführt. Mooney ist ein kleiner Fisch im Verbrecher-Haifischbecken. Er ist ein arbeitsloser, verheirateter Tischler und Vater, der sich regelmäßig mit seinen gutbürgerlichen Eltern trifft. „Er ist klug genug, um sich in Schwierigkeiten zu bringen, aber nicht klug genug, um aus den Schwierigkeiten wieder herauszukommen“ (Presseheft). Während er als unauffälliger Kunstliebhaber durch ein geöffnetes Museum streift, klaut er kleine Figuren aus der Ausstellung. Er passt auf, dass seine Diebstähle nicht bemerkt werden. Er arbeitet allein.
Beides soll sich jetzt ändern. Er will aus dem kleinen örtlichen Kunstmuseum „Framingham Museum of Art“ mehrere abstrakte Gemälde des von ihm bewunderten Künstlers Arthur Dove stehlen. Dafür ist er auf Helfer angewiesen.
Kelly Reichardt schildert in ihrem neuen, 1970 in Framingham, Massachusetts, einer ruhigen Gemeinde zwischen Worcester und Boston, spielendem Film „The Mastermind“ akribisch Mooneys familiäres Umfeld, seine präzisen Planungen, ihre gemeinsame Vorbereitung des großen Coups und den sich anders als geplant entwickelnden Diebstahl. In diesen Momenten knüpft Reichardt gelungen an das New-Hollywood-Kino und damalige Gangsterfilme an.
Auch die Zeit nach dem erfolgreichen Diebstahl, wenn die Amateurverbrecher mit der Beute entkommen wollen, ist spannend. Aber wie in „Night Moves“, ihrem Thriller über eine Gruppe Öko-Terroristen, die sich nach der Sprengung eines Staudamms trennen und an verschiedenen Orten untertauchen, schlägt die vorherige Spannung, aus den gleichen Gründen, in eine zunehmend langweilige Abfolge zufälliger Episoden um.
Bis dahin ist „The Mastermind“, musikalisch unterlegt mit einem wunderschön experimentell-jazzigem Soundtrack von Rob Mazurek (Chicago Underground), ein sich auf Details und seine Figuren konzentrierender, minimalistischer, unterkühlter und auch realistischer Heist-Thriller, der in einer Zeit spielt, als auch wertvolle Gemälde in öffentlichen Ausstellungen kaum gesichert waren.
Ohne die Schwächen in der zweiten Hälfte, vor allem im dritten Akt, wäre „The Mastermind“ ein perfekter Film für den Cineasten, New-Hollywood-Fan und Fan von Siebziger-Jahre-Gangsterfilmen. So reiht sich Reichardts gewohnt ruhig erzählter Film in die dieses Jahr erstaunlich umfangreiche Reihe der Filme ein, die eine überzeugende, teils sogar grandiose erste Hälfte haben und an einem bestimmten Punkt in der zweiten Hälfte ihren Plot eigentlich erzählt haben oder vollständig verlieren und in jedem Fall zunehmend langweilen.
The Mastermind (The Mastermind, USA 2025)
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Kelly Reichardt
mit Josh O’Connor, Alana Haim, Sterling Thompson, Jasper Thompson, Hope Davis, Bill Camp, John Magaro, Gaby Hoffmann, Eli Gelb
Im ersten Moment, wenn der Schutzengel Gabriel traurig und gelangweilt von seinem Alltag auf seine Stadt blickt, denken wir Cineasten und in Berlin lebenden Menschen sofort an Wim Wenders, der in „Der Himmel über Berlin“ Engel durch die damals noch geteilte deutsche Hauptstadt streifen ließ.
Dieser Eindruck, nämlich dass „Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ Wenders‘ Klassiker schamlos kopiert, verflüchtigt sich schnell. Gabriel, kongenial von Keanu Reeves gespielt, ist ein Schutzengel auf einer der untersten Hierarchiestufen. Er soll Menschen, die im Verkehr auf ihr Handy starren, vor Unfällen bewahren. Das geschieht durch eine sanfte Berührung.
Als er Arj (Aziz Ansari) trifft, möchte er ihm helfen. Arj hat das College abgeschlossen. Er möchte Film-Cutter werden. Im Moment schlägt er sich mit mehreren Jobs mehr schlecht als recht durchs Leben. Er schläft in seinem Auto und er ist, wenig überraschend, unzufrieden mit seinem Leben.
Eines Tages beauftragt ihn Selfmade-Millionär Jeff (Seth Rogen) via eines Gelegenheitsjobs-Portals mit dem Entrümpeln seiner Garage. Jeff findet Arj sympathisch und stellt ihn ein. Er gibt sich kumpelhaft. Aber nach einer kleinen Verfehlung entlässt er Arj sofort.
In diesem Moment beschließt Gabriel, einzugreifen. Schon lange will er etwas Gutes tun; etwas, das das Leben eines Menschen entscheidend zum Besseren beeinflusst. Er vertauscht die Körper von Arj und Jeff. Er hofft, Arj so zu überzeugen, dass Geld allein nicht glücklich macht und dass sein Leben am unteren Rand des Existenzminimums gar nicht so schlimm ist.
Arj sieht das allerdings anders. Er genießt seinen plötzlichen Reichtum und will dieses Leben unbedingt weiterführen.
Währenddessen beauftragte Gabriels Chefin ihren übereifrigen Engel, das von ihm verursachte Chaos wieder rückgängig zu machen. Und degradiert ihn zum Menschen. Zusammen mit Jeff, der möglichst schnell wieder in sein altes Leben zurück will, versucht Gabriel Arj zu überzeugen, wieder in sein altes Leben zurückzukehren.
„Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel“ ist das Spielfilmdebüt von Aziz Ansari, der auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm. Bekannt ist Stand-up-Komiker Ansari als Schauspieler aus den Serien „Parks and Recreation“ und „Master of None“.
Der Film selbst ist eine wunderschön entspannt erzählte und gespielte, leicht sozialkritische Komödie mit einem erstaunlich präzisen und nüchternen Blick auf den US-amerikanischen Kapitalismus. Die Stimmung ist durchgehend sehr freundlich. Die Botschaft zutiefst humanistisch, das Positive sehend und an das Gute glaubend. „Good Fortune“ ist einer dieser kleinen Filme, denen man unbedingt eine Chance geben sollte. Auch wenn er auf den ersten Blick wie ein verzichtbarer Direct-to-DVD/Streaming/Nachmittags-TV-Film aussieht.
Die humorvoll-ernste Geschichte dieses sympathisch tölpelhaften Schutzengels und seiner sich zunehmend schwierig gestaltenden Mission könnte sogar zu einem kleinen Sleeper-Hit werden, den man sich gerne immer wieder ansieht. Die Komödie könnte auch die Inspiration für eine Feelgood-TV-Serie werden, in der die Engel, die wir im Film während ihrer Treffen kennen lernen, jede Woche in Los Angeles Seelen retten müssen.
Good Fortune – Ein ganz spezieller Schutzengel (Good Fortune, USA 2025)
Regie: Aziz Ansari
Drehbuch: Aziz Ansari
mit Keanu Reeves, Seth Rogen, Aziz Ansari, Sandra Oh, Keke Palmer
Hat er oder lügt sie? Sicher, auf der Party war er etwas breitbeinig-machohaft. Aber Maggie Resnick (Ayo Edebiri) stahl auf dieser Party aus dem Badezimmer ihrer gastgebenden Yale-Professorin Alma Imhoff (Julia Roberts) einen Zeitungsbericht, den wahrscheinlich die Hausherrin dort, mit einigen Bildern, sorgfältig versteckt hatte. Außerdem ist Maggies Dissertation, die sie gerade schreibt und über die sie nicht reden möchte, ein dreistes Plagiat. Hank Gibson (Andrew Garfield) wusste davon und sagte es ihr. Aber als Schwarze Studentin gehört sie zu einer förderungswürdigen Minderheit; – auch wenn die Frage der Hautfarbe im folgenden unwichtiger als die auch nur gestreifte Frage des Vermögens ihrer Adoptiveltern ist, die großzügige Spender sind.
Dummerweise hat sie sich, so sagt Maggie, nach der Vergewaltigung gewaschen und dabei alle Beweise für Hanks Tat vernichtet. Und sie ist nicht zur Polizei, sondern zu Alma gegangen.
Diese steht kurz vor einer heiß ersehnten lebenslangen Anstellung an der Universität. Ihr einziger aussichtsreicher Konkurrent für die Stelle ist Hank.
Schon nach einigen Filmminuten sind wir in der schönsten US-amerikanischen universitären Geschlechterdiskussion, die in den folgenden über zwei Stunden episch ausgebreitet wird. Das ist der Stoff für einen potentiell spannenden, erhellenden und Diskussionen provozierenden Film. In diese Fall ist es die Prämisse für einen enttäuschenden Film, der noch enttäuschender ist, weil er von Luca Guadagnino ist, dem Regisseur von „I am Love“, „A Bigger Splash“, „Call Me by Your Name“, „Suspiria“, „Bones and All“, „Challengers – Rivalen“ und, zuletzt, „Queer“. Alles bildgewaltige Meisterwerke mit vielen Bildern, Szenen und Schauspielerleistungen, die im Gedächtnis bleiben. „After the Hunt“ ist, nicht nur im Vergleich zu diesen Filmen, ein viel zu lang geratener Film, der fest den TV-Bildschirm und ein bestenfalls milde aufmerksames Publikum im Blick hat.
Beginnen tut „After the Hunt“, sehr formbewusst und die Filmgeschichte kennend, mit seinen Texteinblendungen wie ein Woody-Allen-Film. Auch der Rest – der Bildaufbau, die sich unauffällig im Hintergrund haltende Kamera, das Milieu, die langen, intellektuell mit Anspielungen auf Literatur, Philosophie und Politik unterfütterten Dialoge und die Musik – könnten aus einem Woody-Allen-Film sein. Wobei die Musikauswahl bei Allen jazziger und älter ausgefallen wäre.
Die von Autorin Nora Garrett (ihr Debüt) erfundene Geschichte führt dann die verschiedenen Fährten und Verdachtsmomente, die sie in den ersten Minuten etabliert, nicht konsequent weiter. Der Kriminalfall, der das mehr als solide Gerüst für ein Porträt des akademischen Milieus, der Gesellschaft und ihrer Abhängigkeiten bietet, wird nicht weiter verfolgt. Es geht auch nicht in Richtung Satire oder Hochschulthriller, in dem jeder gegen jeden kämpft. Stattdessen verliert sich die Geschichte, die von den Machern als „fesselnder Thriller“ beworben wird, in mehr oder weniger interessanten, oft viel zu langen und bizarren Episoden, so hat Alma ein spärlich möbliertes Apartment gemietet. Ihr Mann Frederick, ein verständnisvoller und kluger Psychiater, wird von Michael Stuhlbarg unterkühlt in einer bizarren Performance zwischen zutiefst verständnisvollem Ehemann, alles wissendem, auf die Menschen herabschauendem Psychiater und kindischem Störenfried gespielt. Er ist eine permanent nervende, aus dem Film herausreißende künstliche Figur.
Enden tut das Drama mit einem Jahre später spielenden Epilog, der alles ungenehm harmonieselig zusammenfasst und einem die Restlust an einer Diskussion über den Film austreibt.
„After the Hunt“ ist mit großem Abstand Luca Guadagninos schlechtester Film. Dieses Made-for-TV-Campusdrama mit seinen uninteressanten Klischeefiguren, #MeToo-Klischeedialogen und nicht vorhandenen dramatischen Zuspitzungen hat nichts von dem, weshalb man sich seine Filme ansieht.
In seinem neuesten Film präsentiert er nur das überlange Imitat eines ganz schlechten Woody-Allen-Film. Denn mit knapp 140 Minuten ist Guadagninos Drama mindestens vierzig Minuten zu lang. Allen hätte das in seinen üblichen neunzig bis hundert Minuten besser erzählt.
P. S.: Die Musik ist von Trent Reznor und Atticus Ross, die letzte Woche als Nine Inch Nails „Tron: Ares“ vertonten.
After the Hunt(After the Hunt, USA 2025)
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: Nora Garrett
mit Julia Roberts, Ayo Edebiri, Andrew Garfield, Michael Stuhlbarg, Chloë Sevigny
LV: Robert Moore: A Time to Die: The Untold Story of the Kursk Tragedy, 2002 (aktualisierte Neuausgabe unter „Kursk“)
Angenehm unpathetische Rekonstruktion der Tragödie der „Kursk“. Im August 2000 explodiert in dem russischen U-Boot ein Torpedo. Die meisten Besatzungsmitglieder sterben sofort. 23 Männer überleben die Explosion und kämpfen anschließend um ihr Leben, während die Rettungsaktionen erschreckend langsam anlaufen und das russische Militär internationale Hilfe ablehnt.
mit Matthias Schoenaerts, Léa Seydoux, Peter Simonischek, August Diehl, Max von Sydow, Colin Firth, Bjarne Henriksen, Magnus Millang, Artemiy Spiridonov, Joel Basman, Matthias Schweighöfer, Pernilla August, Martin Brambach
Wer war Xaver, der X. genannt wird? Sein bester Freund Erich will für einen Nachruf, den er ihren gemeinsamen Bekannten zuschicken will, die wichtigsten Stationen im Leben seines Freundes zusammentragen. Sie lernten sich in den Achtzigern in Zürich während des Studiums kennen. Erich studierte BWL. X. alles andere, nach Lust und Laune, abseits des Lehrplans. Danach trafen sie sich, teils mit langen Unterbrechungen, immer wieder. Vor zwei Monaten wurde X. Leiche neben der Straße zum Flughafen von Bissau, der Hauptstadt voun Guinea-Bissau gefunden. Wahrscheinlich wurde der 49-jährige ermordet.
Aber wie seriös ist Erichs Erinnerung an X.? In der ersten Hälfte von David Signers „Das Ende der Maskeraden“ porträtiert er X. als um die Welt reisenden Abenteurer, Freigeist, Schlawiner und Künstler. Er hatte überall Freunde und sicher war er auch in halbseidene und gefährliche Geschäfte verwickelt. In jedem Fall erlebte er in seinem kurzen Leben mehr als ein halbes Dutzend Pulp-Helden.
In der zweiten Hällfte von „Das Ende der Maskeraden“ beginnt Signer dann, den Ich-Erzähler und dessen Behauptung von der tiefen, durch keinerlei Neid oder schlechte Gefühle getrübten Freundschaft zu demontieren. Die Polizei ermittelt gegen ihn. X. erscheint in einem anderen, deutlich unvorteilhafteren Licht.
„Das Ende der Maskeraden“ ist eine schnell gelesene, spannende Geschichte, mehr Kurzroman oder Novelle als klassischer Roman, über Erinnerungen, Freundschaft und den Lügen, die wir uns über unser Leben erzählen. Nach knapp hundertfünfzig Seiten ist alles anders als es auf den ersten Blick erschien.
Mehr will ich nicht verraten über das Leben und den Tod von X..
Drehbuch: Roland Kibee, James R. Webb (nach einer Story von Borden Chase)
1866 machen die beiden Glücksritter Trane und Erin Mexiko unsicher. Denn sie sind nicht politischen Ideologien, sondern grünen Scheinen treu.
Damals ein gewaltiger Erfolg an der Kasse, später eines der Vorbilder für den Spaghetti-Western und heute immer noch höchst unterhaltsam anzusehen, wie zwei Jungs mit einigen lässigen Sprüchen und Schüssen die mexikanische Revolution zur Operette degradieren.
Anschließend, um 21.45 Uhr, zeigt Arte, anscheinend als TV-Premiere, die 55-minütige Doku „Irresistible Gary Cooper“ (Frankreich 2019).
Mit Gary Cooper, Burt Lancaster, Denise Darcel, Cesar Romero, Ernest Borgnine, Charles Bronson (noch als Charles Buchinsky), Jack Elam
Screamers – Tödliche Schreie(Screamers, Kanada/USA/ Japan 1995)
Regie: Christian Duguay
Drehbuch: Dan O’Bannon, Miguel Tejada-Flores
LV: Philip K. Dick: Second Variety, 1953 (Variante 2; Kurzgeschichte)
Sirius 6 B, 2078: auf dem rohstoffreichen Planeten bekämpfen sich zwei mächtige Wirtschaftsblöcke. Die Allianz setzt gegen die Männer des New Economic Block die titelgebenden Screamers. Diese auf Menschen reagierende Killerroboter könnten sich weiterentwickelt haben. Sie könnten sogar wie Menschen aussehen. Allianz-Colonel Hendricksson gerät zwischen die Fronten.
Knackiges, hübsch paranoides B-Picture für den Genre-Junkie
mit Peter Weller, Roy Dupuis, Jennifer Rubin, Andy Lauer, Charles Edwin Powell
Cédric Jimenez liefert in „November“ eine packende Rekonstruktion der mehrtägigen Jagd der Anti-Terror-Einheit SDAT auf die Terroristen, die für die Anschläge auf das Bataclan und weitere Orte in Paris am 13. November 2015 verantwortlich waren.