The International (The International, USA/Deutschland 2009)
Regie: Tom Tykwer
Drehbuch: Eric Warren Singer
Ein Interpol-Agent und eine New Yorker Staatsanwältin wollen eine mächtige Bank, die Krieg und Terror finanziert, zur Strecke bringen. Das ist natürlich nicht so einfach.
Eine Woche nachdem „The International“ 2009 die Berlinale eröffnete und dort auf ein geteiltes Echo stieß, lief Tom Tykwers neuer Film in den Kinos an. Für Berliner ist er wegen des exzessiven Berlin-Shooting natürlich ein Pflichtprogramm. Aber auch andere sollten einen Blick riskieren. Denn „The International“ ist ein grundsolider Politthriller, der weitgehend realistisch unterhält (jaja, die Schießerei im Guggenheim-Museum ist reinstes Kino. Oder glaubt wirklich irgendjemand, dass in der Realität in dem Museum minutenlang herumgeballert werden kann, ohne dass ein Polizist oder ein Sicherheitsbeamter auftaucht? Aber toll anzusehen ist sie trotzdem.).
„Es gibt doch zurzeit nicht gerade haufenweise starke Thriller mit überzeugendem Gegenwartsbezug, die trotzdem dynamisch und intensiv sind, und die nicht angestrengt aufklärerisch oder bieder moralisierend daherkommen. Energische und trotzdem nachdenkliche Filme, deren Actionsequenzen nicht so hysterisch und ermüdend wirken, sondern klug verteilt sind. So einen Film wollte ich machen, auch aus einem gewissen Frust heraus, dass es in den letzten Jahren nur ganz wenige Vorbilder gab, an denen man sich hätte orientieren können. (…) Unser Film ist auch eine Reminiszenz an die klassischen Polit-Thriller aus den Siebzigerjahren, wo die Idee eines geheimen Systems innerhalb der offiziellen Dienste sehr verbreitet war. (…) Dieses Element des Paranoia-Thrillers wollten wir aufnehmen und in die Gegenwart führen.“ (Tom Tykwer, Berliner Zeitung 31. Januar/1. Februar 2009)
Mit Clive Owen, Naomi Watts, Armin Müller-Stahl, Brian F. O’Byrne
Beide haben gesagt, dass das ihr letzter Film sei. Beide haben das in der Vergangenheit schon öfter gesagt. Aber dieses Mal könnte es stimmen. Immerhin ist Michael Caine neunzig Jahre alt. Ken Loach ist drei Jahre jünger.
Und wenn es so ist, würden beide sich mit einem gelungenem Film verabschieden. Kein revolutionäres Werk, sondern ein Alters- und Abschiedswerk, das noch einmal überzeugend zeigt, warum wir Michael Caine und Ken Loach seit Jahrzehnten lieben.
Michael Caine spielt in „In voller Blüte“ den 89-jährigen Weltkrieg-II-Veteran Bernard Jordan. Zusammen mit seiner Frau Rene (der am 15. Juni 2023 verstorbenen Glenda Jackson) lebt er in Hove bei Brighton in einem Altersheim. Als er sich entschließt, bei den Feierlichkeiten zum siebzigsten Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie teilzunehmen, sind die bei der organisierten Reise für Veteranen verfügbaren Plätze bereits ausgebucht. Deshalb macht er sich, mit den guten Wünschen seiner Frau, auf eigene Faust auf den Weg nach Frankreich.
Oliver Parker („Swimming with Men“) erzählt in seinem Feelgood-Drama mit viel Gefühl, etwas Witz, Rückblenden in Bernard und Renes Kriegserlebnisse und ihre frühen gemeinsamen Jahre, eine wahre Geschichte, die damals um die Welt ging. Wahrscheinlich weil 2014 Hashtags noch etwas Neues waren, wir uns damals immer noch über die Möglichkeiten einer weltweiten Kommunikation wunderten und #The GreatEscaper (so auch der Originaltitel des Films) ein schöner Hashtag ist. Und nachdem klar war, dass Bernard Jordan quicklebendig in Frankreich bei den D-Day-Feierlichkeiten eine gute Zeit hat, konnten alle sich an der Geschichte des alten Mannes, der aus dem Altersheim nach Frankreich flüchtete und sich dort amüsierte, erfreuen. Dass er nicht aus dem Heim flüchten musste, weil er es jederzeit verlassen konnte, und dass seine Frau wusste, wo er war, war da egal. Es ist eine dieser kleinen Geschichten, die in einer Tageszeitung zur Erbauung des Publikums auf der „Vermischtes“-Seite abgedruckt werden.
Die mehr oder weniger wahre Verfilmung folgt kurzweilig und vergnüglich den wahren, nicht sonderlich dramatischen Ereignissen. Außerdem, und das macht diesen Feelgood-Film wichtig und sehenswert, gibt er Michael Caine und Glenda Jackson noch einmal die Gelegenheit groß aufzuspielen. „In voller Blüte“ ist eine rundum gelungene Abschiedsvorstellung.
Ken Loach begibt sich in „The Old Oak“ mit seinem Stammautor Paul Laverty wieder in den Nordosten Englands. Dort spielten bereits ihre beiden vorherigen Filme „Ich, Daniel Blake“ (2016) und „Sorry we missed you“ (2019). Dieses Mal spielt die gewohnt nah an der Realität entlang erzählte, 2016 spielende Geschichte in einer kleinen Bergbaugemeinde, die ihre besten Jahre hinter sich hat. Bergbau und die Gemeinschaft der Arbeiter gibt es nur noch in Erzählungen der älteren Dorfbewohner. Die Jüngeren haben das Dorf verlassen oder sie sind arbeitslos und ohne Perspektive auf eine Arbeit. Aus London werden Flüchtlinge zu ihnen geschickt. Denn im Norden sind die Wohnungen, die angemietet werden müssen, billig. Und das Problem ist aus den Nachrichten und der damit verbundenen öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden.
Als ein Bus mit syrischen Flüchtlingen in dem in der Grafschaft Durham liegendem Dorf ankommt, protestieren einige der Dorfbewohner dagegen. TJ Ballantyne (Dave Turner), der Betreiber des örtlichen Pubs, versucht zu deeskalieren. Mit mäßigem Erfolg. Als einer der hasserfüllt herumbrüllenden Dörfler, der nicht fotografiert werden möchte, den Fotoapparat von Yara (Ebla Mari) beschädigt, fordert sie vehement eine Reparatur. Die zwanzigjährige Yara ist gerade in dem Bus mit ihrer Familie angekommen. Die Kamera hat sie von ihrem in Syrien inhaftiertem, wahrscheinlich toten Vater. In einem Flüchtlingslager lernte sie Englisch. Sie ist freundlich, aufgeschlossen, neugierig und beharrlich.
In dem Moment könnte aus den Pöbeleien eine Schlägerei werden. Deshalb erklärt TJ sich bereit, den Schaden zu beheben.
Schon in diesem Moment, wenn TJ den Neuankömmlingen gegen die aufgebrachten Einheimischen hilft, wissen wir eigentlich schon, wie es weitergehen wird. Denn TJ ist ein hilfsbereiter Mensch, der andere Menschen akzeptiert und, auch wenn er sich unwohl dabei fühlt, hilft. Als Pub-Betreiber, der auf jeden Kunden angewiesen ist, hält er sich aus politischen Diskussionen heraus.
Wenn er Yara einige Minuten später das seit zwanzig Jahren nicht mehr benutzte Hinterzimmer seines Pubs zeigt, sie die eindrucksvollen SW-Fotografien vom Bergarbeiterstreik aus den frühen achtziger Jahren betrachtet und er ihr versichert, dass das Zimmer nur noch eine Rumpelkammer sei, die man nicht mehr benutzten könne, wissen wir, was bis zum Abspann passieren wird. Denn selbstverständlich wird die Rumpelkammer wieder zum Zentrum der Gemeinschaft – und vorne im Pub diskutieren die Einheimischen über ihren Umgang mit den Neuankömmlingen.
Diese Vorhersehbarkeit der Geschichte ist allerdings kein Problem. Ken Loach erzählt die aufbauende Geschichte über das Entstehen einer neuen Gemeinschaft mit einem genauen Blick für die Details und mit der ruhigen Souveränität eines Meisters, der sein Metier beherrscht und der immer noch auf der Seite des kleinen Mannes (und der Arbeiterklasse) steht, ihnen eine Stimme verleiht und für sie kämpft.
Diese wichtige Aufgabe muss künftig jemand anderes übernehmen. Freiwillige vor!
In voller Blüte (The Great Escaper, Großbritannien/USA 2023)
Regie: Oliver Parker
Drehbuch: William Ivory
mit Michael Caine, Glenda Jackson, John Standing, Wolf Kahler, Carlyss Peer, Laura Marcus, Danielle Vitalis, Will Fletcher
Für ein paar Dollar mehr (Per qualche dollari i piu,, Italien/Deutschland/Spanien 1965 [restaurierte Fassung 2003])
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Sergio Leone, Luciano Vincenzoni
Musik: Ennio Morricone
Zwei miteinander konkurrierende Kopfgeldjäger wollen das auf einen Bankräuber ausgesetzte Kopfgeld kassieren. Dafür infiltrieren sie seine Bande und ein ziemlich blutiges Spiel mit viel Betrug, Verrat und coolen Sprüchen beginnt.
Nach dem Erfolg von „Für eine Handvoll Dollar“ hatte Sergio Leone ein paar Dollar mehr zur Verfügung, die er für seinen nächsten stilbildenden Western-Klassiker investierte.
mit Clint Eastwood, Lee Van Cleef, Gian Maria Volonté, Klaus Kinski, Josef Egger, Kurt Zips, Rosemarie Dexter
In Paris gerät Sam (Nassim Lyès) nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft in Schwierigkeiten. Er wird von alten Kumpels, mit denen er nichts mehr zu tun haben will, durch die Straßen gejagt. Er flüchtet auf eine Baustelle, kämpft mit einem seiner Verfolger. Dieser stürzt unglücklich über eine Holzbrüstung und stirbt. Sam, der nicht wieder ins Gefängnis will, flüchtet ans andere Ende der Welt.
Fünf Jahre später hat er sich in Thailand ein Leben aufgebaut, das jeden Bewährungshelfer begeistern würde: er ist mit Mia (Loryn Mounay) verheiratet. Sie haben eine Tochter. Er arbeitet als Hotelpage. Sie als Barkeeperin. Und sie haben einen Traum: am Strand wollen sie eine Bar eröffnen.
Als es beim Kauf des Grundstücks Probleme gibt, erhält Sam eines dieser Angebote, das er unbedingt ablehnen sollte. Der lokale Gangsterboss Narong (Olivier Gourmet) bittet ihn, einmal für ihn Drogen zu schmuggeln. Danach gehöre ihm das Grundstück.
Aber die Sache geht schief. Sam flüchtet vor der Polizei. Narong tötet Sams Frau und entführt Sams Tochter Dara.
Sam macht sich auf den Weg nach Bangkok. In der Großstadt lebt Narong. Außerdem soll er dort Dara verstecken. In Bangkok mordet Sam sich im schönsten John-Wick-Style, allerdings weniger stylisch und deutlich brutaler, durch die Gangsterhierarchie nach oben.
Am Ende meint der Bösewicht, angesichts der vielen Toten: „Es ist alles außer Kontrolle geraten.“
Das könnte auch das Motto für Xavier Gens neuen Film sein. Denn Sams Rachefeldzug gerät blutig außer Kontrolle. Zu unserem Vergnügen. „Farang“, der seine deutsche Premiere auf dem Fantasy-Filmfest hatte, ist ein altmodischer harter Action-Thriller in dem ein weißer Mann sich durch ein asiatisches Land kloppt und mordet. Das erinnert an die Actionfilme der sechziger und siebziger Jahre, als öfter Geschichten von in Asien lebenden Europäern oder US-Amerikanern erzählt wurden, und ihren B-Picture-Nachklapp in den achtziger Jahren. Gens erzählt in seinem gelungenem Thriller-Update eine einfache, sattsam bekannte Geschichte ohne nennenswerte Überraschungen zügig, mit wenigen Dialogen und viel gut inszenierter Action.
Sicher, einen Preis für filmische Innovation wird „Farang“ nicht gewinnen. Aber wer mal wieder Lust auf das Ansehen eines harten, gut inszenierten Oldschool-Actionthrillers im Kino hat, der wird hier gut bedient.
Ach ja: Xavier Gens „Farang“ hat nichts mit D. B. Blettenbergs Romanfigur Farang zu tun. Farang ist nur das in Thailand übliche, oft als Schimpfwort verwendete Wort für einen hellhäutigen, weißen Ausländer.
Farang – Schatten der Unterwelt(Farang, Frankreich 2023)
Regie: Xavier Gens
Drehbuch: Magali Rossitto, Xavier Gens, Guillaume Lemans (Zusammenarbeit), Stéphane Cabel (Zusammenarbeit) (nach einer Originalidee von Xaxier Gens)
mit Nassim Lyès, Loryn Nounay, Oliver Gourment, Chananticha ‚Tang-Kwa‘, Vithaya Pansringarm, Sahajak Boonthanakit
Die Eckpunkte aus dem Leben von Napoleon Bonaparte dürften aus dem Schulunterricht bekannt sein: Geburt am 15. August 1769 auf Korsika, Militärdienst, Aufstieg mit erfolgreichen Feldzügen und Schlachten zum General und Kaiser der Franzosen, Erlass des Code Civil, ein gescheiterter Russlandfeldzug (Wer hätte auch ahnen können, dass russische Winter eiskalt sind und dass die Moskauer ihre Stadt verlassen, bis Napoleon sich frustriert zurückzieht?), Verbannung nach Elba, Rückkehr nach Paris für hundert Tage, Niederlage in Waterloo (Seitdem steht der Name des Dorfes für grandios-überwältigende finale Niederlagen.) und anschließénde Verbannung nach St. Helena. Dort stirbt er am 5. Mai 1821.
Sein kurzes Leben spielt sich vor dem Hintergrund der Französischen Revolution und ihrer Nachwirren ab.
Das ist alles, wie gesagt, Schulwissen.
Weniger bekannt über Napoleon ist, dass der Feldherr mit Joséphine de Beauharnais verheiratet war. Als er sie kennen lernt, ist sie eine Witwe mit zwei Kindern. Und sechs Jahre älter als er. Außerdem ist sie politisch gut vernetzt. Sie heiraten 1796 und sie fördert seinen politischen Aufstieg.
Jetzt verfilmte Ridley Scott dieses Leben als Epos, das brav den Konventionen eines Biopics folgt. Chronologisch wird eine Lebensstation nach der nächsten Station abgehandelt. Die Politik wird, wenn es nicht anders geht, gestreift. Aber dafür interessiert Scott sich nicht. Er interessiert sich für die von Napoleon geführten Schlachten und für seine Beziehung zu Joséphine. Alles andere ist Beiwerk
Darau ergibt sich ein stetiger Wechsel aus intimen Szenen und epischen Schlachtengemälden. Aber für Kampfstrategien und das Verhältnis zwischen Napoleon und seinen Soldaten interessiert Scott sich nicht. Viel lieber zeigt er die Schlachten als ein Aufeinandertreffen verfeindeter, sich gegenseitig tötender Soldaten.
Und damit kämen wir zum ersten Punkt, in dem „Napoleon“ sich von anderen Biopics über Feldherren unterscheidet. Scott zeigt drastisch, was eine Kanonenkugel, ein Schwerthieb, eine Kugel bei dem Opfer anrichtet. Blut und Gedärme von Menschen und Pferden spritzen über die Leinwand. Die Schlachten sind Massaker, bei denen die Seite gewinnt, die mehr Männer zum Sterben auf das Schlachtfeld schicken kann. Jedes Mal starben, wie auch eine Texttafel am Filmende verrät, bei den im Film gezeigten Schlachten zehntausende junger Männer.
Der zweite Punkt, der „Napoleon“ von anderen Biopics unterscheidet, ist die Präsentation der Beziehung zwischen Napoleon und Joséphine. Von Anfang an ist es eine schräge, toxische Beziehung, in der sie sich lieben, aber nicht miteinander leben können. Eine seltsamere große Liebe wurde wahrscheinlich noch nie gezeigt. Gleichzeitig hat, auch wenn Scott sich für diesen Aspekt weniger interessiert, ihre Beziehung auch immer etwas von einer Zweckehe. Er interessiert sich eher für die sexuelle, triebgesteuerte Seite der Beziehung.
Der Rest des über zweieinhalbstündigen Films ist konventionelles Biopic-Kino mit Schauwerten und einer immer wieder erstaunlich sprunghaften Erzählweise. So brechen die Schlachten immer wieder mitten im größten Getümmel ab. Die Folgen, also die Felder mit Toten und Verletzten, zeigt Scott nie.
In der von Scott bereits angekündigten deutlich über vierstündigen Langfassung des Films dürfte sich das nicht ändern. Denn er will nicht mehr über Napoleon (Joaquin Phoenix) und seine Verdienste als Feldherr und Politiker erzählen. Er will mehr über Joséphine de Beauharnais (Vanessa Kirby) erzählen. Damit dürfte „Napoleon“ endgültig nicht mehr, wie der Kinofilm, ‚Napoleon & Joséphine‘, sondern „Joséphine & Napoleon‘ sein.
Napoleon (Napoleon, USA 2023)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: David Scarpa
mit Joaquin Phoenix, Vanessa Kirby, Ludivine Sagnier, Tahar Rahim, Ian McNeice, John Hollingworth, Ben Miles, Rupert Everett, Paul Rhys
Drehbuch: Alex Ross Perry, Tom McCarthy, Allison Schroeder (nach einer Geschichte von Greg Brooker und Mark Steven Johnson, basierend auf den Charakteren von A. A. Milne und dem Illustrator E. H. Shepard)
Christopher Robin ist kein Kind mehr. Er lebt in London, ist verheiratet, Vater einer neunjährigen Tochter und Effizienzmanager bei Winslow Luggage. Für ihn steht die Arbeit an erster Stelle. Da taucht Winnie Puuh, sein schluffiger Freund aus unschuldig-entspannten Kindheitstagen, wieder auf und entführt ihn in den Hundertmorgenwald.
TV-Premiere (keine Ahnung, warum das so lange gedauert hat). Netter, naiver, niemals wirklich packender Abenteuerfilm, der seine witzigen Momente hat (vor allem wenn Winnie Puuh mal wieder hungrig ist) und der eine begrüßenswerte Botschaft hat. Nur für welches Publikum?
JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy (JFK Revisited: Through the Looking Glass, USA 2021)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: James DiEugenio
TV-Premiere. Heute vor (Uh, wurde er damals wirklich erschossen?); – also am 22. November 1963 wurde in Dallas der damalige US-Präsident John F. Kennedy erschossen. Und weil es nicht sein kann, dass ein Einzeltäter der Täter ist, ranken sich seitdem etliche (Verschwörungs)theorien um seinen Tod. Einige beleuchtete Oliver Stone bereits 1991 in seinem Spielfilm „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ (der läuft zeitgleich und um 02.50 Uhr auf Kabel Eins). Dreißig Jahre später und einige geöffnete Akten später nimmt Olliver Stone sich wieder der Sache an. Dieses Mal in einem Dokumentarfilm, mit Ausschnitten aus seinem Spielfilm und, jedenfalls im Orignal, Donald Sutherland als Erzähler. Der hat in Stones JFK-Spielfilm eine wichtige Rolle.
Für Kennedy-Verschwörungstheoretiker ist „JFK Revisited – Die Wahrheit über den Mord an John F. Kennedy“ eine sie bestätigende Goldgrube. Für alle anderen ist „JFK Revisited“ ein enttäuschendes Pamphlet, das nur „John F. Kennedy – Tatort Dallas“ aufwärmt.
Ein Mann, den sie Pferd nannten(A man called horse, USA 1970)
Regie: Elliot Silverstein
Drehbuch: Jack DeWitt
LV: Dorothy M. Johnson: A man called horse, 1950 (Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in Collier’s, Nachdruck 1953 in dem Sammelband „Indian Country“)
Ein englischer Aristokrat wird von Sioux gefangen genommen. Mit der Zeit erwirbt er sich den Respekt der Indianer.
Enorm erfolgreicher Western, der damals als erster authentischer Indianerfilm beworben wurde. Es gab Input von Experten und im Film wird fast nur Sioux gesprochen (jedenfalls in der Originalfassung), trotzdem warfen die Sioux ihm zahlreiche Verfälschungen und Fehler vor.
mit Richard Harris, Judith Anderson, Jean Gascon, Manu Tupou, Corinna Tsopei
1858 nehmen Soldaten in Bologna den siebenjährigen Edgardo Mortara in ihre Obhut. Sie handeln im Auftrag von Papst Pius IX. Damals war Bologna ein Kirchenstaat. Es galten die Regeln der Römischen Inquisition. Deshalb konnte der Papst ihnen befehlen, den Jungen aus seiner jüdischen Familie zu nehmen. Edgardo wurde nämlich, wie seine Eltern später erfahren, als Säugling von seiner Amme heimlich getauft. Nach dem damals in Bologna gültigem Gesetz, hatte die katholische Kirche das Recht (und die Pflicht) getaufte Kinder katholisch zu erziehen.
Denn: ein Katholik ist ein Katholik. Von der Taufe bis zu seinem Tod. Und ein Katholik darf unter keinen Umständen von Mitglieder einer anderen Glaubensgemeinschaft, in diesem Fall Juden. erzogen werden.
Marco Bellocchios neuer Film „Die Bologna-Entführung – Geraubt im Namen des Papstes“ erzählt eine wahre Geschichte. Nach seinem grandiosen Drama „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Mafia“ ist sein neuester Spielfilm ein höchstens zu zwei Dritteln gelungener Film. Bellocchio zeichnet zunächst ein überzeugendes Bild der jüdischen Gemeinschaft von Bologna. Packend zeigt er, wie die Mortaras um ihr von der Kirche geraubtes Kind kämpfen. Zur gleichen Zeit erhält Edgardo, ohne dass seine Eltern davon wissen, in Rom in einem Katechumenenhaus eine streng katholische Erziehung. Es ist eine Indoktrination.
Schnell bewegt der Fall eine weltweite Öffentlichkeit. In Italien läuft, weil die Kirche sich weigert, Edgardo zurückzugeben, alles auf ein Gerichtsverfahren hinaus. Ein Richter muss entscheiden, ob es rechtens ist, wenn ein Kind aufgrund einer bestenfalls zweifelhaften Behauptung einer Amme von seinen Eltern getrennt wird. In diesen Momenten geht es auch um die Macht der katholischen Kirche, das Judentum, den Umgang von Glaubensgemeinschaften miteinander, die Pflichten und Rechte von Eltern und selbstverständlich um Politik.
Aber Bellocchio beendet seinen Film nicht mit dem Urteilsspruch. Sondern er erzählt die Geschichte von Edgardo weiter, Allerdings ohne zu wissen, was er ab diesem Moment erzählen will. Kryptisch wird auf politische Kämpfe und die Nachwirkungen des Urteils eingegangen und es gibt seltsame Begegnungen von Edgardo mit seiner Familie. So will er seine im Totenbett liegende Mutter noch schnell taufen.
Das I-Tüpfelchen dieser Orientierungslosigkeit steht im Abspann. In ihm wird auf Edgardos weiteres Leben eingegangen. Edgardo wude 1873 mit einer Dispens des Papstes zum Priester geweiht und war danach in Europa und Amerika in der Judenmission tätig. Er starb 1940 in Lüttich in einem Kloster. In dem Moment scheint Bellocchio uns sagen zu wollen, dass Edgardo Mortara zwar aus seiner ihn liebenden, gut erziehenden und finanziell auskömmlich gestellten Familien (also sozusagen der beste aller Familien) geraubt wurde, aber er dank seiner darauf folgenden katholischen Erziehung zu einem überzeugten Katholiken wurde, der sein Leben in den Dienst des Glaubens stellte. Was hätte der Kirche besseres passieren können? Und in welcher anderen Welt hätte Edgardo ein besseres Leben haben können?
Wer also, wieder einmal (wie beispielsweise bei „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ oder „Elvis“), das Kino mitten im Film verlässt, kann einen sehenswerten Film sehen. Wer bis zum Ende bleibt, sieht einen schlechten Film. In diesem Fall sieht er auch einen Film, der mit zunehmender Laufzeit das vorher gezeigte negiert, ohne dass eine überzeugende andere Erzählung entsteht.
Die Bologna-Entführung – Geraubt im Namen des Papstes (Rapito, Italien/Frankreich/Deutschland 2023)
Regie: Marco Bellocchio
Drehbuch: Marco Bellocchio, Susanna Nicciarelli, Daniela Ceselli
mit Paolo Pierobon, Fausto Russo Alesi, Barbara Ronchi, Enea Sala, Leonardo Maltese, Filippo Timi, Francesco Giufuni
Die zwanzigjährige Studentin Margot arbeitet in einem Arthouse-Kino (Einschub: für sie ist das irgendein Job. Für Filme interessiert sie sich nicht.). Dort lernt sie den Mitt-Dreißiger Robert kennen. Nach einigen Gesprächen treffen sie sich zu einem Date, aus dem mehr wird. Gleichzeitig ist sie immer wieder von seinem Verhalten irritiert. So eloquent seine Textnachrichten sind, so unbeholfen ist er, wenn sie sich treffen.
„Cat Person“, der dritte Spielfilm von Susanna Fogel, ist ein kleines schwarzhumoriges Drama über Missverständnisse und den aktuellen Stand im Kampf der Geschlechter in den USA. Mit einigen Szenen, die sich in Margots blühender Fantasie abspielen. Sie fragt sich nämlich, ob der schüchterne ältere Junge nicht vielleicht ein Serienkiller ist. Roberts fundamental andere Sicht der Ereignisse und seiner Motive wird uns auch gezeigt. Und so kann nach dem Film, wie schon vor sechs Jahren über Kristen Roupenians gleichnamige Kurzgeschichte, vorzüglich über Paarbeziehungen diskutiert werden.
Im Westen nichts Neues (All quiet on the western front, USA 1930)
Regie: Lewis Milestone
Drehbuch: Del Andrews, Maxwell Anderson, George Abbott, Lewis Milestone
LV: Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, 1928
Deutschland, 1915: Paul Bäumer und seine Mitschüler melden sich, angestiftet von einer Kampfrede ihres Lehrers, begeistert zum Fronteinsatz. Schon während der Ausbildung werden ihnen die Träume über das heldenhafte Soldatenleben ausgetrieben. Dann kommen sie an die Westfront – als Kanonenfutter.
Klassiker des Antikriegsfilm, der den Oscar als bester Film des Jahres erhielt und der mich, als ich ihn als Teenager sah, wirklich beeindruckte. Denn er war (und ist) wirkungsvoller und brutaler als viele neuere Filme.
Ebenfalls beeindruckend ist die Zensurgeschichte. Denn schon kurz nach der Uraufführung wurde der Film beschnitten. In Deutschland wurde nur eine gekürzte Version gezeigt, die dennoch sofort das Hassobjekt der Nazis wurde. Die SA störte Aufführungen des antideutschen Films und schon wenige Tage nach seiner deutschen Premiere war er verboten. In „Skandalfilme“ zeichnet Stefan Volk diese Geschichte genau nach.
Während der Ming-Dynastie treffen in der Herberge zum Drachentor mehrere verfeindete Gruppen aufeinander. Auf der einen Seite sind Gefolgsleute des von Obereunuch Zhao hingerichten Generals Yu. Sie wollen Yus Kinder auf dem Weg ins Exil beschützen. Auf der anderen Seite sind Zhaos Gefolgsleute, die Yus Kinder töten sollen.
Die Prämisse und die von Mißtrauen geprägte Atmosphäre in der einsam gelegenen Herberge erinnern an Quentin Tarantinos Schneewestern „The Hateful 8“. Nur dass King Hus „Dragon Inn“ schon Jahrzehnte vor Tarantinos Western entstand. „Dragon inn“ ist das Original und Quentin Tarantino verarbeitete etliche Elemente von King Hus Film in seinem Werk.
„Dragon Inn“ war 1967 in Korea, Taiwan, den Philippinen und Hongkong ein gigantischer Kinohit und, rückblickend, der Film, der das Wuxia-Genre definierte. Seitdem versteht man unter Wuxia-Filmen in der Vergangenheit oder in Fantasielandschaften (wobei das eine das andere nicht ausschließt) spielende Geschichten von tapferen Kämpfern, die alle im Raum befindenden Gegenstände zu einer tödlichen Waffe verwandeln können und die sich scheinbar schwerelos bewegen. Immer sind sie überragende Faust- und Schwertkämpfer. Entsprechend beeindruckend sind die epischen Kampfszenen.
Neuere populäre Wuxia-Filme sind Zhang Yimous „Hero“ und „House of Flying Daggers“ und Ang Lees „Tiger and Dragon“/“Crouching Tiger, Hidden Dragon“.
Seine deutsche Premiere hatte „Dragon Inn“ 1989 im ZDF als „Die Herberge zum Drachentor“.
Jetzt bringt Rapid Eye Movies Hus Martial-Arts Film im Rahmen ihrer uneingeschränkt lobenswerten monatlichen „Zeitlos“-Reihe in der vom Taiwan Film Institut restaurierten 4K-Fassung erstmals regulär in die Kinos. Die vielen Landschaftsaufnahmen, die auch gut in einen Western oder epischen Fantasy-Film passen würden, sind für die große Leinwand komponiert. Die Kämpfe sind heute immer noch beeindruckend.
Nächsten Monat, ab dem 21. Dezember, zeigt Rapid Eye Movies in der „Zeitlos“-Reihe King Hus nächsten Film, den auch hier bekannten Klassiker „A Touch of Zen“.
Dragon Inn (Dragon Inn/Lung Men K’I Chan, Taiwan 1967)
Regie: King Hu
Drehbuch: King Hu
mit Lingfeng Shangguan, Chun Shih, Ying Bai, Feng Hsu
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
auch bekannt als „Die Herberge zum Drachentor“ (TV-Titel)
LV: Delacorta (Pseudonym von Daniel Odier): Diva, 1979 (Diva)
Postbote Jules besitzt zwei Tonbänder, für die einige Menschen morden. Auf dem einen Tonband ist der von ihm heimlich aufgenommene Mitschnitt eines Konzerts einer von ihm verehrten Operndiva, die keine Aufnahmen von ihrem Gesang will. Auf dem anderen Tonband ist das Geständnis eines Callgirls, das einige ihrer Kunden belastet.
Beinix bildgewaltiger, zitatenreicher Debütfilm war in den USA ein Überraschungserfolg und wurde danach auch in Europa zu einem Kultfilm.
„‚Diva‘ ist ein ganz und gar modischer Film für ein Großstadtpublikum. (…) Elegant zwischen Kitsch und Kunstfertigkeit balancierend, macht der Film im Kino großen Spaß.“ (Fischer Film Almanach 1984)
„‚Diva‘ ist ein aufregendes Werk, eine Mischung aus Märchen, Romanze und Thriller: Oper, Pop und schräge Typen in einem höchst stilisierten Kriminalfilm.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms)
Mit Frédéric Andrei, Wilhelmenia Wiggins Fernandez, Roland Bertin, Richard Bohringer, Gérard Darmon
Als 2007 die blutigen B-Pictures „Planet Terror“ und „Death Proof – Todsicher“ als Grindhouse-Double-Feature in die Kinos kamen, gab es zwischen den Filmen einige Trailer für kommende Filme. Es waren Fake-Trailer, die auf echte und scheinbar echte Exploitation-Filme anspielten – und in einigen Fällen die, uh, Inspiration für echte Spielfilme, wie „Machete“, waren.
Bei „Thanksgiving“, einem weiteren Fake-Trailer des Grindhouse-Double-Features, dauerte es sechzehn Jahre. Deshalb ist der jetzt, wenige Tage vor Thanksgiving, gestartete Horrorfilm „Thanksgiving“ nicht der Film zum Trailer, sondern eine Art Reboot. Im Presseheft erklärt Eli Roth das so: „We began with the working premise that Thanksgiving 1980 was the film the Grindhouse trailer was made from, and it was so shocking that every print was destroyed, and the only element that survived was the one trailer. The new film we were making would be the reboot of that movie, starting again from scratch, but cherry picking elements we knew would work in the story we were telling today.”
Ausgehend von dieser Idee einer Neuimagination eines verschollenen Films wurde die Geschichte in die Gegenwart verlegt. Es gibt Überwachungskameras und Smartphones, die wichtig für die Filmgeschichte sind. Der Cast ist sicher ethnisch gemischter als in einem 1980er-Slasherfilm. Und damals, also 1980, hätte der diesjährige „Sexiest Man Alive“ höchstens als Teenager spielen können.
„Thanksgiving“ beginnt mit einem Thanksgiving-Black-Friday, bei dem in Plymouth, Massachusetts der „RightMaRT“ von den kaufwütigen Kunden verwüstet wird und mehrere Menschen einen qualvollen Tod sterben.
Ein Jahr später plant der Chef des „RightMaRT“ trotzdem einen weiteren Black-Friday-Verkaufsabend. Auch als ein als ‚John Carver‘ maskierter Killer duch die Kleinstadt zieht und Menschen bestialisch zweiteilt, köpft, kocht und noch auf einige andere Arten umbringt, sollen die örtlichen Thanksgiving-Festivitäten und der verkaufsoffene Abend nicht abgesagt werden.
Anscheinend hat der Killer es bei seiner Mordserie auf die Menschen abgesehen, die irgendetwas mit dem Thanksgiving-Massaker zu tun hatten. Dazu gehören auch – wie es sich für einen zünftigen Slasher-Film gehört – etliche Jugendliche. In diesem Fall sind es die Tochter des Einzelhändlers und ihre Clique, die schon vor der Öffnung durch den Hintereingang in den Laden gelangten. Wobei auch einer der Jugendlichen sich hinter der ‚John Carver‘-Maske verstecken könnte.
Während der Killer sich durch die Kleinstadt mordet, versucht Sheriff Newton (Patrick Dempsey, der „Sexiest Man Alive“) ihn zu schnappen.Hauptsächlich sind er und seine Männer mit dem Einsammeln der Leichenteile beschäftigt.
Die Story hält genau das, was der Fake-Trailer und der originale Tralier versprechen. „Thanksgiving“ ist ein blutiges und schwarzhumoriges Slasher-Fest, bei dem das Blut spritzt und die Gedärme, gut sichtbar, aus den mit der Axt geöffneten Körpern hervorquellen. „Hostel“-Regisseur Eli Roth hat beim Austoben in seinem Horror-Kinderzimmer erkennbar seinen Spaß. „We came of age in the early 80s, the golden era of the holiday slasher movie. ‚Black Christmas‘, ‚Halloween‘, ‚My Bloody Valentine‘, ‚April Fool’s Day‘, ‚New Year’s Evil’… When we saw ‚Silent Night, Deadly Night‘, we cheered the mayhem while the Santa Claus killer yelled, ‘PUNISH!’”
Jetzt kann eine neue Generation von Horrorfans kreischen, wenn eine Frau in eine Mülltonne springt und dabei in der Höhe ihres Bauchnabels in zwei Teile geteilt wird. Oder wenn der maskierte Killer das Programm eines Umzugs ändert. Roth zeigt das immer mit viel Liebe zum groteskem Detail und einer ordentlichen Portion Schwarzen Humors.
Nachdem seine letzten Kinofilme, unter anderem die Gurke „Death Wish“ und der Kinderfilm „Das Haus der geheimnisvollen Uhren“ enttäuschten, kehrt Roth mit seinem neuen Film zu seinen Wurzeln zurück. Dabei beginnt er furios mit einer Black-Friday-Einkaufstour, die mühelos als eine satirisch hemmungslos überspitzte Kapitalsmuskritik gesehen werden kann. Und die Melissa McCarthys legendäre SNL-Supermarket-Spree in den Schatten stellt:
Wer also Lust auf einen zünftigen 80er-Jahre-Slasher mit vielen blutigen Morden und schwarzem Humor hat, wird mit diesem Slasher-Film eine vergnügliche Zeit haben. Alle anderen, also die Feinfühligen, Schreckhaften und Zartbesaiteten, nicht. Die werden nach spätestens fünf Minuten den Kinosaal verlassen.
Thanksgiving (Thanksgiving, USA 2023)
Regie: Eli Roth
Drehbuch: Eli Roth, Jeff Rendell
mit Patrick Dempsey, Addison Rae, Milo Manheim, Jalen Thomas Brooks, Nell Verlaque, Rick Hoffman, Gina Gershon
Drehbuch: David O. Selznick, Alma Reville (Adaption), Ben Hecht (ungenannt), James Bridie (ungenannt)
LV: Robert Hichens: The Paradine case, 1933 (Wege im Zwielicht)
Der verheiratete Staranwalt Keane soll die des Mordes angeklagte Mrs. Paradin verteidigen. Er verliebt sich in die Angeklagte und möchte ihre Unschuld beweisen. Aber die Beweise für ihre Schuld sind eindeutig.
„Der Fall Paradin“ war ein Lieblinsprojekt von David O. Selznick. Hitchcock hielt nie besonders viel von dem Stoff, aber er drehte den Film, um seinen Vertrag mit Selznick zu erfüllen. Selznick begann die Dreharbeiten ohne ein vollständiges Drehbuch, mischte sich immer wieder in die Drehbarbeiten ein (er gab Hitchcock täglich die zu drehenden Seiten), es wurde endlos unnützes Material gedreht, die Drehbarbeiten dauerten 92 Tage, die Kosten explodierten. Mit vier Millionen Dollar, so Donald Spoto in seiner Hitchcock-Biografie, kostete „Der Fall Paradin“ etwas mehr als Selznicks Epos „Vom Winde verweht“. Das kostete 3,9 Millionen Dollar; die allerdings auch im Film zu sehen sind. Eine erste Fassung von „Der Fall Paradin“ war fast drei Stunden. Für die Kinoauswertung wurde dann eine Stunde herausgekürzt. Dennoch ist „Der Fall Paradin“ immer noch ein dröger, langatmiger Gerichtsfilm. Halt zu viel Selznick und zu wenig Hitchcock.
P. S.: In der deutschen Fassung wurde aus ‚Paradine‘ ‚Paradin‘.
Mit Gregory Peck, Ann Todd, Charles Laughton, Ethel Barrymore, Louis Jordan, Alida Valli, Leo G. Carroll
Bislang kennnen wir Präsident Coriolanus Snow nur als alten Mann, der die Hunger Games verantwortet. In jedem Jahr kämpfen in diesen Spielen, zum Vergnügen der sensationshungrigen Masse, zufällig ausgewählte Jugendliche aus den zwölf Distrikten gegeneinander und bringen sich um. Katniss Everdeen aus dem zwölften Distrikt wird bei den 74. Hunger Games zum Star. In den folgenden Jahren bedroht sie die Herrschaft von Snow und beendet sie letztendlich.
Die drei „Die Tribute von Panem“-Young-Adult-Romane von Suzanne Collins, – „Tödliche Spiele“, „Gefährliche Liebe“ und „Flammender Zorn“ -, waren Bestseller. Die vier Filme – der letzte Teil der Trilogie wurde auf zwei Filme aufgeteilt – waren Hits. Und Katniss-Darstellerin Jennifer Lawrence ein Star.
Danach schrieb Suzanne Collins das Prequel „Die Tribute von Panem X – Das Lied von Vogel und Schlange“. Das Bestseller wurde jetzt von dem bewährten Team am bewährten Ort verfilmt. Ein großer Teil des Young-Adult-Actionfilms wurde im Studio Babelsberg und in Berlin an auch für Nicht-Einheimische erkennbaren Orten gedreht. Regisseur Francis Lawrence und Kameramann Jo Willems waren in die vorherigen drei „Die Tribute von Panem“-Filme als Regisseur und Kameramann dabei. Die Musik ist wieder von James Newton Howard und produziert wurde der Film, unter anderem, von Nina Jacobson. Newton und Jacobson sind seit dem ersten „Die Tribute von Panem“-Film dabei. Editor Mark Yoshikawa ist zum zweiten Mal dabei. Damit ist hinter der Kamera in jeder Beziehung für Kontinuität gesorgt. Die Hauptdarsteller wurden, aus nachvollziehbaren Gründen, ausgetauscht.
„Tie Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ spielt vierundsechzig Jahre vor dem ersten „Die Tribute von Panem“-Film. Coriolanus Snow (Tom Blyth) ist ein junger Mann, der sich eine große Karriere erhofft. Der Achtzehnjährige ist intelligent, ehrgeizig und sieht gut aus. Nur mit den Finanzen und dem damit verbundenem gesellschaftlichem Ansehen hapert es. Er hofft, als Mentor für einen „Hunger Games“-Spieler, einen weiteren wichtigen Karriereschritt zu absolvieren.
Allerdings wurden bei den jetzt stattfindenden zehnten Hunger Games plötzlich die Regeln geändert. Er passt sich an und versucht sie weiter zu seinen Gunsten zu ändern. Und er muss Lucy Gray Baird (Rachel Zegler) zum Sieg führen. Lucy kommt aus dem verarmten zwölften Distrikt. Sie ist eine begnadete Sängerin und sehr eigensinnig. Schnell erkennt sie, dass sie das in einer Gladioatorenarena stattfindende Töten-oder-getötet-werden-Spiel nur überleben kann, wenn sie mit Coriolanus zusammen arbeitet.
Mit 157 Minuten ist „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ der längste Film der Reihe. Das Prequel ist ein gelungener Blick in die Vergangenheit von Panem, das allerdings an seiner Länge von gut drei Stunden und den schon immer ärgerlichen Konventionen von Young-Adult-Dystopien leidet.
Die Welt von Panem ist eine Retro-Dystopie, die hier wie ein leicht upgedateter Mix aus George Orwells „1984“, Drittem Reich und Kalter-Krieg-Ostblock aussieht. Die Gesellschaft ist in eine prosperierende Hauptstadt und ländliche, teils verarmte Distrikte unterteilt. Die Gesellschaft ist, soweit erkennbar, eine Ständegesellschaft. In ihnen wird mit strenger Hand und einer gnadenlosen Auswahl regiert. Es ist eine Welt, in der niemand leben möchte. Die Hauptfiguren sind junge Erwachsene, die um ihr überleben kämpfen müssen. Dabei sind in „The Ballad of Songbirds & Snakes“ die Spiele noch sehr einfach gehalten. In einer Arena müssen sie sich umbringen. Gewonnen hat, wer überlebt.
Alles in dieser Young-Adult-Dystopie ist auf ein Teenager-Publikum zugeschnitten. Dementsprechend ist alles immer eine Spur zu plakativ und naiv.
Ein weiteres Problem ist die Länge. Anstatt den sechshundertseitigen Roman radikal für die Verflmung zu überarbeiten (was wahrscheinlich bei den Fans für entsetzte Aufschreie sorgen würde) oder ihn in zwei Filmen zu verfilmen, wurde er jetzt als Ganzes verfilmt. Und das war keine gute Entscheidung. Nach dem Ende des zehnten Hunger Games und damit nach gut zwei Stunden Filmzeit, hätten die Macher den Film, mit einem kleinen Cliffhanger, gut beenden können. Das wäre ein guter Young-Adult-Actionfilm mit einer stringenten Spannungskurve geworden.
Aber sie erzählen im dritten Teil des Films (der deutlich länger als ein normaler dritter Filmakt ist), ohne einen eindeutigen erzählerischen Fokus, die Geschichte von Coriolanus und Lucy Gray, die jetzt im Wald und am See endgültig zum Liebespaar werden, weiter. Entsprechend zäh und auch uninteressant gestaltet sich dieser dritte Teil. Immerhin erfahren wir in diesen Minuten mehr über das Leben im zwölften Distrikt.
„Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ ist ein guter zweistündiger Young-Adult-Film mit einem überlangem Epilog, der einem die ganze Lust am Film nimmt.
Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes(The Hunger Games: The Ballad of Songbirds and Snakes, USA 2023)
Regie: Francis Lawrence
Drehbuch: Michael Lesslie, Michael Arndt
LV: Suzanne Collins: The Ballad of Songbirds and Snakes – A Hunger Game Novel, 2020 (Die Tribute von Panem X – Das Lied von Vogel und Schlange)
mit Tom Blyth, Rachel Zegler, Hunter Schafer, Jason Schwartzman, Peter Dinklage, Viola Davis, Josh Andrés Rivera, Hunter Schafer, Fionnula Flanagan
Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli
LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)
Rom, November 2011: der konservative Abgeordnete Malgradi (laut Roman „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) will für Roms Mafiapaten ein Gesetz durchbringen, das ihm ein großes Bauprojekt in Ostia ermöglicht. Dummerweise hat der Politiker gerade Probleme mit einer Prostituierten, die starb, während er in einem Hotelzimmer Sex mit ihr hatte.
Ein großartiges Sittenporträt der italienischen Gesellschaft, ein Gangsterthriller und ein Polit-Thriller in schönster italienischer Tradition.
Wie liest sich Frank Millers „Sin City“ heute, ungefähr dreißig Jahre nachdem die Geschichten erstmals veröffentlicht und abgefeiert wurden? Sie machten Frank Miller über die Comicszene hinaus bekannt. Dort hatte er nach seiner bahnbrechenden „Batman“-Neuinterpretation „The Dark Knight returns“ bereits einen guten Ruf. Aber damals waren Comics in der öffentlichen Wahrnehmung, vor allem Superheldencomics, noch Kinderkram.
2005 verfilmten Robert Rodriguez und Frank Miller kongenial einige „Sin City“-Geschichten. „Sin City“ begeisterte die Kritiker und das Publikum. Spätestens in dem Moment war Frank Miller allgemein bekannt und, vor allem bei Noir- und Hardboiled-Fans, beliebt.
In den vergangenen Jahren lösten einige von Frank Millers öffentlichen Äußerungen und seine Werke auch bei devoten Fans ein ungläubiges Stirnrunzeln aus; verbunden mit der Frage, ob man das nicht schon alles viel früher hätte wissen können.
Mit der Cross-Cult-Neuausgabe der „Sin City“-Comics kann das jetzt überprüft werden. In den jetzt erschienenen ersten drei „Sin City“-Bänden (die nächsten vier Bände erscheinen demnächst) wurde auf das Bonusmaterial früherer Ausgaben verzichtet. Dafür ist das Format der gebundenen Ausgabe etwas größer als bei früheren Ausgaben geraten. Es kann also noch mehr in den Bildern versunken werden.
„Sin City“ ist eine gelungene Revitalisierung von Noir und Pulp, übertragen auf das Medium des Comics mit atemberaubenden und auch experimentellen SW-Panels. In den Geschichten geht es um Polizisten, korrupt und nicht korrupt, Verbrecher, Mörder, Verrückte und Femme Fatales. Den zweiten Band widmete Miller Mickey Spillane, dem Erfinder von Mike Hammer. Damals wurde Spillane immer noch als niederer Pulp-Autor betrachtet. Einer der Werke voller Sex und Gewalt, sozusagen die biblische Version von Hölle und Fegefeuer, für ein sensationsgieriges Millionenpublikum hinschluderte. Auch Millers Sin City ist ein Sündenpfuhl voller Gewalt, Sex und Gier.
In dem ersten Band „Stadt ohne Gnade“ wacht der an Wahnvorstellungen leidende Ex-GI Marv neben einer toten Frau, mit der vorher Sex hatte, auf. Er will sie rächen und mordet sich langsam zum Täter vor.
In dem zweiten Band „Eine Braut, für die man mordet“ (2014 von Miller und Rodriguez als „Sin City 2: A Dame to kill for“ verfilmt) wird der Privatdetektiv Dwight McCarthy, der für Scheidungsanwälte Seitensprünge dokumentiert, von seiner früheren großen Liebe Ava angerufen. Inzwischen ist die Femme Fatale mit dem einflussreichem Millionär Damien Lord verheiratet. Ava behauptet, in Lebensgefahr zu schweben. Wider besseres Wissen hilft Dwight ihr.
In dem dritten Band „Das große Sterben“ hilft Dwight den Frauen aus Old Town, dem Rotlichtviertel von Sin City. Sie drohen zwischen die Fronten von Polizei und organisiertem Verbrechen zu geraten. Am Ende der Nacht hat Sin City, wieder einmal, einige seiner Bewohner verloren.
Damals, als die „Sin City“-Geschichten erschienen, war die Verbindung aus Stil und Inhalt genial und traf auf den Zeitgeist. Aber ist das heute immer noch genial – oder nur noch von historischem Interesse?
„Stadt ohne Gnade“, „Eine Braut für die man mordet“ und „Das große Sterben“ spielen in einer stilisierten Parallelwelt. Millers hyperbrutale Geschichten spielen gelungen mit Hardboiled-Klischees. Ihre durchaus genreübliche (Un)moral ist nicht veraltet. Politik, politische Ideologien und die Tagespolitik spielen keine Rolle.
Beim Lesen fällt auf, dass die Welt von Sin City eine sehr weiße und heterosexuelle Welt ist. Es ist eine Welt, in der weiße Männer weiße Männer töten. Heute würde, neben dem ausführlich gezeigtem Sex zwischen Männern und Frauen, auch lesbischer und schwuler Sex gezeigt werden. Die Figuren wären diverser und sicher gäbe es mindestens eine Transgender-Figur.
Davon abgesehen die ersten drei „Sin City“-Geschichten in der aktuellen Black Edition immer noch eine extrem gelungene Hardboiled-Lektüre.
Frank Miller: Sin City: Stadt ohne Gnade (Band 1)
(übersetzt von Karlheinz Borchert)
Cross Cult, 2023
216 Seiten
25 Euro
–
Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 1: The Hard Goodbye
Dark Horse, 1991/1992
–
Frank Miller. Sin City: Eine Braut, für die man mordet (Band 2)
(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz, Lutz Göllner)
Cross Cult, 2023
216 Seiten
25 Euro
–
Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 2: A Dame to kill for
Dark Horse, 1993/1994
–
Frank Miller: Sin City: Das große Sterben (Band 3)
(übersetzt von Karlheinz Borchert, Paul Scholz, Andreas Mergenthaler)
Cross Cult, 2023
184 Seiten
25 Euro
–
Originalausgabe
Frank Miller’s Sin City Volume 3: The big fat Kill