Ein versoffener Sheriff, ein behinderter Gunfighter und ein junger Messerwerfer legen sich mit der Bande eines skrupellosen Viehbarons an. Ihre Chancen den Kampf zu überlegen tendieren gegen Null.
Als Howard Hawks „Rio Bravo“ drehte, hatten sie beim Dreh viele gute Ideen, die allerdings nicht in diesen Film passten. Mit Leigh Brackett schrieb er dann, mit diesen Ideen, „El Dorado“; einen weiteren Western-Klassiker. Der dieses Mal sogar sehr witzig ist.
„‘El Dorado’ ist ein Film gegen ‘Rio Bravo’, wie ‘Rio Bravo’ ein Film gegen ‘High Noon’ war. (…) [‚El Dorado‘ ist] die radikale Entglorifizierung des Westernhelden.“ (Enno Patalas, Filmkritik 10/1967)
mit John Wayne, Robert Mitchum, James Caan, Charlene Holt, Michele Carey, Arthur Hunnicutt, R. G. Armstrong, Edward Asner
Die Menschen haben ferne Planeten und fremde Welten besiedelt – unter den misstrauischen Augen der Aliens und unter dem Schutz der Kolonialen Union. Wenn diese nun wie geplant aufgelöst wird, wären die menschlichen Kolonien den feindlich gesinnten Aliens hilflos ausgeliefert. Ausgerechnet in dieser prekären Lage taucht ein neuer Feind auf, der Menschen und Aliens gegeneinander ausspielt. Für Lieutenant Harry Wilson beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn sollte er nicht herausfinden, wer hinter dem intergalaktischen Intrigenspiel steckt, sind Menschen und Aliens gleichermaßen dem Untergang geweiht …
Dieser Teasertext für John Scalzis neuestem Science-Fiction-Roman „Galaktische Mission“ ist einerseits hundertprozentig zutreffend, andererseits hundertprozentig irreführend.
Denn das Buch besteht aus vier Novellen, die in den USA zuerst einzeln innerhalb eines Monats erschienen und kurz darauf in „Galaktische Mission“ (The End of all Things) zusammengefasst wurden. Deshalb können die Novellen, obwohl sie aufeinander aufbauen, auch unabhängig voneinander gelesen werden. Das liegt daran, dass Scalzi jede Geschichte von einem anderen Ich-Erzähler erzählen lässt und sie, auch wenn sie chronologisch hintereinander spielen, vollkommen verschiedene Aspekte der titelgebenden „Galaktischen Mission“ betrachten und damit dem Roman einen sehr eigenen Touch geben.
In „Das Leben des Geistes“ erzählt Rafe Daquin wie er Pilot eines Handelsschiffes war, das mit Staatssekretär Ocampo als Passagier in die Hände der Rraey fiel. Die Rraey sind eine Alienrasse, die auch den leisesten Widerspruch mit einem Kopfschuss beantworten. Sie gehören zum Equilibrium. So nennt sich eine geheimnisvolle Organisation, die die Koloniale Union gegen die Erde und gegen die Konklave, einem Zusammenschluss hunderter Alienzivilisationen, ausspielen will. Dafür soll Rafe, der von den Rraey entleibt und zu einem Gehirn in einem Tank wurde, als Gehirn das Frachtschiff an einen unbekannten Ort fliegen. Rafe versucht das zu verhindern.
In „Das ausgehöhlte Bündnis“ erzählt Hafte Sorvalh, die engste Beraterin von General Tarsem Gau, dem Anführer der Konklave, von den Vorbereitungen für ein Treffen mit der Kolonialen Union und der Erde, in der über verschiedene Angriffe gegen sie gesprochen werden soll. Gleichzeitig versucht sie die Position von Gau zu festigen. Nach dem von ihm geleiteten Aufbau der Konklave ist jetzt seine Position gefährdet.
In „Was Bestand haben kann“ geht es auf ein Raumschiff der Kolonialen Verteidigungsarmee und Lieutenant Heather Lee erzählt von ihren gefährlichen Einsätzen, in denen sie nur noch verschiedene Formen von Aufstand gegen die Koloniale Union niederschlagen müssen.
In „Siegen oder Untergehen“ betritt dann endlich der schon auf dem Buchcover erwähnte Lieutenant Harry Wilson, der vorher ein-, zweimal durchs Bild huschte, die Bühne. Er versucht den drohenden Untergang der Kolonialen Union zu verhindern und er hat dabei einen Plan, für den die Koloniale Union, die Konklave und die Erde miteinander kooperieren müssen. Es gibt nur ein Problem: sie alle sind in herzliche Feindschaft und Misstrauen miteinander verbunden.
Am Ende von „Galaktische Mission“, und hier stimmt dann der inflationär gebrauchte Satz, dass am Ende der Geschichte nichts mehr ist, wie es vorher war, endlich einmal.
Stilistisch unterscheiden sich die vier Geschichten erheblich. Während in der zweiten und vierten Geschichte die Politik und damit Verhandlungen zwischen den verschiedenen Koalitionen und Gruppen im Mittelpunkt stehen, ist die Dritte eher klassische Military-SF und die Erste erzählt vor allem die tragische Geschichte eines Mann, der zu einem Gehirn im Tank wird. Sie ist die – und Scalzi ist für seinen Humor bekannt – witzigste Geschichte des Buches. Auch bei „Was Bestand haben kann“ kann gelacht werden, wenn die Soldaten sich über den Essensplan und Musik austauschen und ihre Missionen ausführen.
So ist „Galaktische Mission“ weniger ein Roman im klassischen Sinn, sondern vier Geschichten, die sich einem Ereignis aus verschiedenen Perspektiven nähern. Damit hat John Scalzi eine interessante Lösung für seine Geschichte gefunden.
Angehängt hat Scalzi eine frühere Version von „Das Leben des Geistes“, in der er die Geschichte traditioneller beginnt.
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John Scalzi: Galaktische Mission
(übersetzt von Bernhard Kempen)
Heyne, 2016
496 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
The End of all Things
Tor, 2015
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Parallel zu „Galaktische Mission“ veröffentlichte Heyne John Scalzis erste drei Romane über die Koloniale Union in einem Sammelband und betitelte das gut tausendseitige Buch etwas unglücklich mit „Krieg der Klone – Die Trilogie“ (auf dem Buchrücken fehlt dann „Die Trilogie“). Der Sammelband enthält die auch einzeln erhältlichen Romane „Krieg der Klone“ (Old Man’s War, 2005), „Geisterbrigaden“ (The Ghost Brigades, 2006) und „Die letzte Kolonie“ (The last Colony, 2007).
Das Buch liegt zwar etwas schwer in der Hand und es passt auch nur in XXL-Hosentaschen, aber lesenswert ist es trotzdem.
Die einfache Story des Neo-Noirs: Ein Polizist will einen Fluchtwagenfahrer schnappen. Dabei scheut er auch nicht vor illegalen Methoden zurück.
„The Driver is the ultimate urban thriller.“ (Philip French, Radio Times)
Hill lässt seine existenzialistische Geschichte hauptsächlich im nächtlichen Los Angeles spielen, die Charaktere haben keine Namen, reden wenig und die Action-Szenen (natürlich vor allem in zu schnell fahrenden Autos) beanspruchen einen großen Teil von Walter Hills zweitem Film. Nach „Driver“, „Die Warriors“, „Long Riders“ und „Die letzten Amerikaner“ wurde er als wichtigster Action-Regisseur der achtziger Jahre gehandelt. Und dann kam „Nur 48 Stunden“.
Mit Ryan O’Neal, Bruce Dern, Isabelle Adjani, Ronee Blakley
Australien, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs: der Kriegsveteran Tom Sherbourne (Michael Fassbender) nimmt eine Stelle als Leuchtturmwärter auf Janus Rock an. Er genießt die Einsamkeit, verliebt sich in Isabel Graysmark (Alicia Vikander) und heiratet sie. Sie zieht zu ihm auf die Insel, hat mehrere Fehlgeburten, eine, sehr symbolisch, in einer sturmumtosten Nacht, und – inzwischen läuft der Film schon eine Stunde – eines Tages wird ein Boot mit einem Toten und einem Baby an die Insel gespült. Tom will das Ereignis melden. Isabel überzeugt ihn, das Baby als ihr Kind auszugeben.
Jahre später, ihre Tochter ist inzwischen ein lebenslustiges Kind, entdeckt Tom, dass Hannah Roeennfeldt, die Mutter des Kindes (Rachel Weisz), auf dem Festland lebt und immer noch um ihr Kind trauert.
Bis es soweit ist, läuft „The Light between Oceans“ schon über neunzig Minuten und all das wird auch im offiziellen Kurzinhalt verraten. Im Trailer wird noch mehr verraten. Das wäre kein Problem. Ein langes Vorspiel kann die Vorbereitung für ein großes Finale sein. Dafür müssen die Ereignisse, die dorthin führen, nur interessant genug sein. Auch bei Derek Cianfrances Bestsellerverfilmung sind die emotionalen Konflikte und Trauma, mit denen Tom und Isabel und später Hannah sich auseinandersetzen müssen, groß genug, um locker ein halbes Dutzend Filme zu füllen.
Allerdings können wir sie in diesem Film nur intellektuell erfassen, während Michael Fassbender unbewegt aufs Meer blickt und die Treppe zum Leuchtturm hinauf- und hinabschreitet. Mal schneller, mal langsamer, mal mit aufgehender, mal mit untergehender Sonne. Das sieht zwar schön aus, wie alles in dem Film schön aussieht mit schönen Menschen in einer schönen Landschaft, aber es berührt emotional nicht. Es interessiert nicht. Das Drama, die Gefühle, die Sehnsüchte, die Ängste und Gewissenskonflikte entfalten sich sich nur im Kopf des Zuschauers, der sich dann auch noch sagen muss, ob er jetzt betroffen sein soll. Oder nicht.
Und wir erfahren über die Charaktere auch nicht mehr als nötig. So wissen wir über Tom nur, dass er Kriegsveteran ist. Über seine Kriegserlebnisse schweigt er sich aus. Auch ob sie ihn irgendwie berührten. Über sein früheres Leben erfahren wir auch nichts. Er könnte also schon immer ein introvertierter, verantwortungsbewusster, etwas steifer Einzelgänger gewesen sein. Auch über Isabel und Hannah erfahren wir nicht viel mehr. Das ist, weil wirklich nicht alles psychologisiert werden muss und nicht alles mit irgendwelchen Kindheitserlebnissen erklärt werden muss, nicht schlecht. So erfahren wir alles, was wir über Tom, Isabel und Hannah wissen müssen, aus ihren Taten.
Dummerweise tun sie während der gesamten Geschichte erschreckend wenig und zwischen den wichtigen Ereignissen – Heirat, Aufnahme des Findelkindes, zufällige Entdeckung der echten Mutter, die Entscheidung, ob die Mutter über den Aufenthaltsort ihres Kindes informiert werden soll und die Folgen dieser Entscheidung –, die ungefähr im Halbstundentakt passieren, passiert auch nichts, was wir nicht schon nach zwei Minuten wissen. Derek Cianfrance dehnt das dann auf halbe Stunden. Sein neuer Film, nach „Blue Valentine“ und „The Place beyond the Pines“, ist das filmische Äquivalent zum elend langen, schweigsamen Warten auf den nächsten Gang in einem Nobelrestaurant.
„The Light between Oceans“ ist langweiliger, todernster, tieftrauriger, von seiner eigenen Bedeutsamkeit eingenommener Kitsch mit einem entsprechend kitschigem Ende, das auch Nicholas Sparks so hinbekommen hätte. Wobei die Sparks-Verfilmungen nie behaupten, wirklich gute und wichtige Filme zu sein, und so einen gewissen Unterhaltungswert haben, den ich hier nie entdeckte.
The Light between Oceans (The Light between Oceans, USA 2016)
Regie: Derek Cianfrance
Drehbuch: Derek Cianfrance
LV: M. L. Stedman: The Light between Oceans, 2012 (Das Licht zwischen den Meeren)
mit Michael Fassbender, Alicia Vikander, Rachel Weisz, Bryan Brown, Jack Thompson, Leon Ford
Das wird einfach werden, denken sich Rocky, Alex und Money. Die drei Jung-Erwachsenen brechen schon seit einiger Zeit in Häuser ein und klauen Wertgegenstände. Geld stehlen sie nicht, weil das, wenn sie geschnappt werden, vor Gericht, ihre Strafe erhöhen würde.
Da erzählt Money ihnen von einem blinden Golfkriegs-Veteran, der in Detroit in einer inzwischen menschenverlassenen Gegend lebt. Nach dem Tod seines Kindes bei einem Autounfall erhielt er eine fürstliche Entschädigung, die irgendwo in seinem Haus ist. Mit den 300.000 Dollar könnten die drei Einbrecher ihr bisheriges Leben und Detroit hinter sich lassen.
Mitten in der Nacht (weil in solchen Filmen Einbrüche immer nach Einbruch der Dunkelheit durchgeführt werden) betäuben sie den Rottweiler des Blinden, brechen ein und beginnen das Haus zu durchsuchen.
Als der Blinde durch ein von ihnen verursachtes Geräusch erwacht, müssen sie plötzlich um ihr Leben kämpfen. Denn der Blinde verteidigt sein Haus, in dem er sich perfekt auskennt, gnadenlos. Außerdem hat er in seinem Keller etwas versteckt, was niemand entdecken darf.
„Don’t Breathe“, der zweite Spielfilm von Fede Alvarez, dem Regisseur des angemessen unappetitlichem „Evil Dead“-Remakes, ist in den USA ein Überraschungserfolg. Bereits in der zweiten Woche ist er auf dem ersten Platz der Kinocharts, seine Kosten hat er damit längst eingespielt und die Kritiken sind überaus gut. Dabei ist „Don’t Breathe“ ein klassisches B-Picture, das seine Geschichte in unter neunzig Minuten mit bekannten Genre-Versatzstücken, die neu angeordnet werden, ohne Subplots und ohne eine pompös aufgeblasene gesellschaftliche Botschaft erzählt.
Und das ist gut so.
Jedenfalls wenn man einen kleinen, spannenden Thriller sehen will, in dem Alvarez immer wieder nervenzerfetzende Suspense-Szenen gelingen. Vor allem wenn die unbewaffneten Einbrecher und ihr bewaffnetes Opfer sich schweigend in einem dunklen Zimmer gegenüber stehen. Dazwischen versuchen die Einbrecher zu flüchten und, wie es sich für das Genre gehört, beweisen eine überragendes Talent, Verletzungen und Stürze zu überleben. Aber da hilft wahrscheinlich die Todesangst.
Die vier Hauptcharaktere haben dabei genug Eigenschaften, um als spartanisch gezeichnete, zwischen Gut und Böse stehende, dreidimensionale Charaktere zu überzeugen.
Und Stephen Lang („Avatar“) als blinder, sehr schweigsamer Mann ist furchterregender als irgendwelche computergenerierten Monster, die mindestens eine Großstadt vernichten müssen, um Angst und Schrecken zu verbreiten.
Don’t Breathe (Don’t Breathe, USA 2016)
Regie: Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues
mit Stephen Lang, Jane Levy, Dylan Minnette, Daniel Zovatto, Emma Bercovici, Franciska Töröcsik
Mutproben. Früher musste man sie tun, um Teil einer Clique zu werden. Heute, so erfahren wir in „Nerve“, sagt einem nicht mehr der Anführer einer Clique, sondern ein anonymes Computerprogramm, was man tun soll und ein weltweites Publikum sieht zu. Dabei teilen sich die Teilnehmer von „Nerve“ in Watcher und Player. Nur die Player sind cool. Und die Mutproben sind von kindisch – sein Hinterteil entblößen, einen Fremden küssen – über sehr gefährlich bis tödlich.
Und alle an der Schule reden über das illegale Online-Spiel, das die Player auch zu Straftaten animiert, das anscheinend jeder kennt und das die Polizei, auch nach mehreren tödlichen Unfällen, nicht interessiert. Dass das, höflich gesagt, etwas abstrus ist, interessiert die Macher nicht weiter.
Vee (Emma Roberts), die in Staten Island kurz vor ihrem Highschool-Abschluss steht, hat eigentlich kein Interesse an dem kindischen Spiel. Aber nachdem ihre beste Freundin (also Beste Schulfreundin) sie vor ihrem Schwarm bloßstellt, entschließt sie sich, bei „Nerve“ mitzuspielen und so endlich cool zu werden. Dafür muss sie dem Spiel nur den Zugriff auf alle ihre Apps und persönlichen Daten gewähren.
Als erste Mutprobe, im Spiel Challenge genannt, soll sie einen Fremden küssen. Wenn sie es tut, wird Geld auf ihr Konto eingezahlt. In einem Diner entdeckt sie Ian (Dave Franco) und küsst ihn. Das für die Challenge versprochene Geld wird auf ihr Bankkonto gezahlt und „Nerve“ fordert sie zu weiteren Mutproben auf, mit denen sie noch mehr Geld verdienen kann.
Dafür soll sie sich mit Ian, der ebenfalls „Nerve“-Spieler ist, zusammen tun. Denn den „Nerve“-Zuschauern, die mit ihrer Stimme das Spiel beeinflussen können, gefällt das Paar. Sie sollen nach Manhattan fahren. Dort werden die Mutproben immer gefährlicher. Teilweise erfordern sie eine umfangreiche Planung und sie werden für das Netz immer aus verschiedenen Blickwinkeln dokumentiert. Weil das so im Drehbuch steht, funktioniert das auch alles problemlos.
Als Vee aussteigen will, erfährt sie, dass das nicht geht.
Aber zum Glück hat sie einen nerdigen Schulfreund, eine taffe Mutter und Ian hat ihr auch nicht alles über sich verraten.
„Nerve“ basiert auf Jeanne Ryans Jugendbuch „Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen“ und der deutsche Titel gibt natürlich einen Hinweis auf das Spielende. Der Film von Henry Joost und Ariel Schulman, die den dritten und vierten „Paranormal Activity“-Film inszenierten, richtet sich dann auch primär an ein jugendliches Publikum, für die Juliette Lewis, die unberechenbare Femme Fatale aus „Kap der Angst“, „Natural Born Killers“, „Strange Days“ und „From Dusk till Dawn“, schon eine alte Frau ist, die problemlos Vees Mutter spielen kann.
Die werden dann wahrscheinlich „Nerve“ nicht mit den zahlreichen besseren und kapitalismuskritischeren und auch brutaleren Filmen vergleichen, in denen einer pervertierten, sensationslüsternen Gesellschaft, die eine Menschenjagd, Mord und Totschlag als Spiel begreifen, ein Spiegel vorgehalten wird. Zum Beispiel „Das zehnte Opfer“ (Italien 1965), „Das Millionenspiel“ (Deutschland 1970), „Kopfjagd – Preis der Angst“ (Frankreich 1983) und „Running Man“ (USA 1987), in denen die Menschenjagd als Spiel im Fernsehen übertragen wurde. In „Nerve“ wird das Spiel im Internet übertragen, die Zuschauer können mehr oder weniger stark mitbestimmen und es gibt keinen Moderator mehr. Es gibt auch keine Person mehr, die man zur Verantwortung ziehen kann. Das Spiel „Nerve“ wird von anonymen Kräften programmiert und durchgeführt. Der Gegner erhält nie ein Gesicht. Stattdessen ist er überall und nirgends – und er kann, außer wir sagen, dass „die Gesellschaft“ oder „alle ‚Nerve‘-Spieler“ verantwortlich sind, nicht zur Verantwortung gezogen werden. Entsprechend schwach fällt dann auch der große moralische Appell am Filmende aus.
„Nerve“ hat eine interessante Prämisse, sympathische Schauspieler, einen schönen Look und eine oft wie ein Musikstück fließenden Rhythmus, der mehr auf Optik, als auf Logik achtet. Das sabotiert dann auch die kritisch und aufrüttelnd gemeinte Botschaft am Ende des Films. Joost/Schulmans Oberflächenkino ist Eskapismus, abgeschmeckt mit etwas milder Gesellschaftskritik und einem Appell an die individuelle Moral, die letztendlich niemandem weh tut.
Aber vielleicht ist „Nerve“ für das jugendliche Zielpublikum ein Anstoß, über das eigene Medienverhalten nachzudenken. Nach einer Runde „Pokémon Go“.
Nerve (Nerve, USA 2016)
Regie: Henry Joost, Ariel Schulman
Drehbuch: Jessica Sharzer
LV: Jeanne Ryan: Nerve, 2012 (Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen; Nerve – Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen)
mit Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Miles Heizer, Colson Baker
Drehbuch: Rob Thomas, Diane Ruggiero (nach einer Geschichte von Rob Thomas)
Veronica Mars kehrt nach Neptune, Kalifornien, zurück. Nicht wegen des zehnjährigen Klassentreffens, sondern um ihrer Highschoolliebe zu helfen. Logan soll seine Freundin ermordet haben. Veronica, die kurz vor einer Karriere als Anwältin in einer großen Kanzlei in New York steht, beginnt wieder, während sie ihre alten Freunde trifft, als Privatdetektivin zu arbeiten.
„Veronica Mars“ ist die Spielfilm-Fortsetzung der gleichnamigen TV-Serie, die vor allem als Fan-Service funktioniert und eben deshalb kurzweilig unterhält.
mit Kristen Bell, Jason Dohring, Krysten Ritter, Ryan Hansen, Francis Capra, Percy Daggs III, Chris Lowell, Tina Majorino, Enrico Colantoni, Sam Huntington, Jerry O’Connell, Jamie Lee Curtis, James Franco
Das jährliche Fantasy-Filmfest hat Berlin schon vor einigen Tagen verlassen und in meinem virtuellen Notizblock stehen noch die Notizen über zwei Filme, die Tiberius Film demnächst auf DVD veröffentlichen wird.
Beginnen wir mit „Carnage Park“, dem neuen Film von Mickey Keating („POD – Es ist hier…“). Der Film spielt 1978 in Kalifornien in einem einsamen Landstrich. Während eines schief gehenden Banküberfalls nehmen die beiden Räuber die Kundin Vivian als Geisel. Der eine Räuber wird schon während des Überfalls angeschossen und stirbt kurz darauf im Fluchtwagen. Der zweite Räuber wird kurz darauf von Wyatt Moss ermordet. Der betont bieder wirkende Vietnam-Veteran ist ziemlich durchgeknallt. Er lebt allein auf einem riesigen, abgelegenem Wüsten-Grundstück, auf dem sich die Leichen stapeln. Denn er hat ein Hobby: Menschen wie Wild jagen und mit seinem Gewehr erschießen. Jetzt will er Vivian jagen. Aber sie ist nicht so hilflos wie seine vorherigen Opfer.
Mickey Keating lässt seine Geschichte, die auf einem wahren Fall beruhen soll, der für den Film anonymisiert wurde, in den Siebzigern spielen und sie ist deutlich von dem damaligen Horrorfilm inspiriert. So kann, um nur einen Film zu nennen, die Ausstattung und die Musik niemals ihre Inspiration durch „Blutgericht in Texas“ (The Texas Chainsaw Massacre) verleugnen. Exploitation- und Horrorfilmfans können die Liste mit den üblichen Verdächtigen ergänzen.
Die eigentlich einfache Geschichte leidet allerdings unter ihrem Tarantino-Einfluss und den damit verbundenen Zeitsprüngen, die den Erzählfluss immer wieder unnötig unterbrechen und hier eher nerven. Das gleiche gilt für die entsättigten Farben, die dem Film das kränklich-blasses Aussehen einer abgenudelten Filmkopie verleihen.
Und im dritten Akt, wenn Vivian in der prallen Sonne schon ihren Teil an Laufen und Schreien erledigt hat, verliert der Film dann, durch einen ungeschickten Spannungsaufbau, merklich an Tempo.
„Carnage Park“ überzeugt vor allem als Stilübung im Grindhouse-Stil.
Kyle Rankin inszenierte 2009 den Horrorfilm „Infestation“, eine spaßige Mutierte-Käfer-Angelegenheit, die damals auch auf dem Fantasy-Filmfest lief. „Night of the Living Deb“ will eine Zombiekomödie sein.
Die schüchterne Deb, die ihre Schüchternheit mit unpassenden Witzen und exaltiertem Gehabe kaschiert, verbringt nach einem Gespräch in einer Bar die Nacht mit dem überaus gutaussehendem Frauenschwarm Ryan. Am nächsten Tag entdecken sie, dass in der Nacht Zombies die Stadt übernommen haben. Nach einigem Kuddelmuddel will Deb Ryan zu seinem Vater, dem das privatisierte Wasserwerk gehört, bringen und dann die Stadt verlassen. Doch dann gibt es weiteren Kuddelmuddel mit Zombies, Ryans Familie und seiner künftigen Ehefrau. Währenddessen verlieben sich Deb und Ryan ineinander.
Die alljährliche Fantasy-Filmfest-Zombiekomödie ist dieses Mal eine laue Angelegenheit, die sich als Abschluss einer langen Videofilmnacht empfiehlt. Das Drehbuch ist unausgegoren. Die Story holpert von Szene zu Szene, ohne auch nur irgendwie auf die Logik zu achten und, wie es sich für ein schlechtes B-Picture (oder eher schon Z-Movie in der Ed-Wood-Tradition) gehört, mit viel zu langen Szenen, in denen die Schauspieler endlos über Gott und die Welt und ihre Befindlichkeiten reden, anstatt sich mit den nahenden Zombies zu beschäftigen. Die Schauspieler chargieren. Das alles ist wohl witzig gemeint, aber wenn man es nüchtern ansieht, nervt es vor allem.
Aber nach dem vierten Bier und wenn man nicht schon wieder „Shaun of the Dead“ oder „Warm Bodies“ sehen will, kann „Night of the Living Deb“ eine Funktion erfüllen.
Carnage Park (USA 2016)
Regie:Mickey Keating
Drehbuch: Michael Keating
mit Ashley Bell, Pat Healy, Darby Stanchfield, Larry Fessenden, James Landry Hébert, Michael Villar
Der Baader Meinhof Komplex (Deutschland 2008, Regie: Uli Edel)
Drehbuch: Bernd Eichinger
LV: Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, 1985 (danach mehrere überarbeitete Neuausgaben)
Buch zum Film: Katja Eichinger: Der Baader Meinhof Komplex – Das Buch zum Film, 2008
Von der Länge her epische, vom Tempo her hektische Verfilmung der Geschichte der RAF von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende. Da stimmt die Ausstattung, aber für die Vertiefung der einzelnen Charaktere bleibt wenig Zeit.
Mit Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Simon Licht, Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Nadja Uhl, Hannah Herzsprung, Niels-Bruno Schmidt, Stipe Erceg, Daniel Lommatzsch, Volker Bruch, Bernd Stegemann, Tom Schilling, Katharina Wackernagel, Anna Thalbach, Jasmin Tabatabai, Hans Werner Meyer
WDR, 22.10 Liebe(Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise. Warum ich den Film so gut finde, obwohl er nicht unproblematisch ist, habe ich hier erklärt.
mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco
Im Schatten des Zweifels (USA 1943, Regie: Alfred Hitchcock)
Drehbuch: Thornton Wilder, Alma Reville, Sally Benson (nach einer Story von Gordon McDonnell)
Die junge Charlie ist begeistert: Ihr Lieblingsonkel kommt zu Besuch in die verschlafene Kleinstadt. Aber dann fragt sie sich, ob ihr Onkel ein mehrfacher Frauenmörder ist.
Suspense – und das gelungene Porträt einer US-amerikanischen Kleinstadt. Einer von Hitchcocks Lieblingsfilmen.
mit Joseph Cotten, Teresa Wright, MacDonald Carey, Patricia Collins, Hume Cronyn
Quasi-dokumentarisches, heute immer noch relevantes Politdrama über den Wahlkampf des jungen, idealistischen Anwalts Bill McKay, der für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien kandidiert.
„‚The Candidate‘ wurde ein sehr realistischer Film. Redford hatte monatelang recherchiert, der Regisseur hatte selbst einmal an einer Kampagne teilgenommen und wusste über die Hintergründe Bescheid, und Experten wie Jeremy Larner, der Reden für Humphrey geschrieben hatte, wurden als Berater verpflichtet. Der Film wurde so lebensnah, dass einige Kritiker sogar vermuteten, er basiere auf der Kampagne eines echten Kandidaten.“ (Thomas Jeier: Robert Redford)
Neuseeland, die Ostküste in den frühen sechziger Jahre: Tamihana Mahana herrscht mit eiserner Hand über seine große Familie, einen traditionellen Maori-Clan, der mit Schafen sein Geld verdient. Seit Ewigkeiten sind die Mahanas mit dem Poeta-Clan verfeindet.
Diese Feindschaft zeigt Lee Tamahoris in den ersten Minuten seines neuen Films „Mahana – Eine Maori-Saga“ in einem rasanten, gefährlichen und auch leicht-humoristisch-absurden Autorennen. Auf dem Weg zu einer Beerdigung versucht jeder Clan so schnell wie möglich zu einer Brücke und damit als erster zur Beerdigung zu kommen. Die Mahanas gewinnen das Rennen und Tamihana Mahana kann mit den Erben des Verstorbenen über einen neuen, wirtschaftlich bedeutenden Scher-Vertrag für Schafe verhandeln.
Diese ersten Minuten von „Mahana“, die ihr kurzes Vorspiel in dem Einsteigen der Mahanas in ihre Autos und der Tadel des Oberhaupts über eine kurze Verspätung haben, präsentieren elegant die wichtigsten Charaktere, reißen schon einmal die wichtigsten Konflikte des Films an und bereiten auf die kommende Geschichte vor.
Im Mittelpunkt steht der vierzehnjährige Simeon. Seine Talente liegen weniger in der praktischen Arbeit. Er hinterfragt Dinge und er widerspricht Großvater Tamihana, der das nicht gewohnt ist und auch nicht duldet. Dass Simeon sich dann auch noch in seine schöne Klassenkameradin Poppy Poeta verguckt, trägt nicht zum Frieden im Mahana-Clan bei.
Während eines Abendessens, bei dem, wie üblich, der gesamte Clan anwesend ist (für den Film wurde er verkleinert), kommt es zum Eklat zwischen Tamihana und Simeon, der auf seiner eigenen Meinung beharrt. Tamihana verbannt Simeons Familie aus seinem Haus und enterbt sie.
Zum Glück schenkt Tamihanas Frau Ramona ihnen ihr Land und ihr altes Haus. Die mittellose Familie zieht in die Bruchbude ein – und neben dem Streit zwischen dem Mahana- und Poeta-Clan gibt es jetzt auch Streit im Mahana-Clan.
Mit „Mahana – Eine Maori-Saga“ kehrt „James Bond: Stirb an einem anderen Tag“-Regisseur Lee Tamahori nach über zwanzig Jahren wieder zurück nach Neuseeland und er knüpft an sein weltweit erfolgreiches Kinodebüt „Die letzte Kriegerin“ (Once were Warriors) an. Damals erzählte er vom Leben der Maori in der Gegenwart in der Stadt und wie der Traum von der Flucht aus der Enge familiärer Clan-Strukturen fehlschlug. Jetzt erzählt er quasi die Vorgeschichte. Durch die Brille eigener Erlebnisse und Erinnerungen. Denn Tamahori ist Maori. Wie Witi Ihimaera, der Autor der Vorlage für diesen Film. Er schrieb auch die Romanvorlagen für „Whale Rider“ und „White Lies“.
„Mahana“ ist ein bittersüßer Film, der geduldig sein reichhaltiges Personal entfaltet und einen guten Eindruck von dem damaligen Leben in Neuseeland in der Provinz in festgefügten Familienstrukturen vermittelt. Es ist aber auch ein Film, der letztendlich keinen zentralen Konflikt, sondern viele kleine und große, mehr oder weniger wichtige Konflikte hat und wie ein Puzzle Erinnerungen zusammenfügt. Das funktioniert in einem Roman dann besser als in einem Film.
Tamahori inszeniertes dieses Puzzle kleiner Episoden wie ein großes, archaisches Hollywooddrama, wie beispielsweise „Giganten“, oder einen klassischen Western, in dem Söhne sich gegen ihre patriarchalischen Väter auflehnen. Die Western-Inspiration, die eigentlich in jedem Bild und jedem Konflikt erkennbar ist, wird besonders deutlich, wenn Simeon sich mit Poppy in einem Kinobesuch „Zähl bis drei und bete“ (3:10 to Yuma, USA 1956) ansieht und ein Mitglied des Poeta-Clans auf einem Pferd die Vorstellung des Westerns unterbricht. Diese Episode, die wie eine für den Film erfundene Episode wirkt, ist in Ihimaeras Roman nicht zu finden. Sie basiert auf einem wahren Erlebnis von Lee Tamhori, der seinen Film als eine Hommage an den Western versteht.
„Mahana“ ist ein guter und in jeder Beziehung sehenswerter Film, der ein noch besserer Film hätte werden können.
Mahana – Eine Maori-Saga (Mahana, Neuseeland/Australien 2016)
Regie: Lee Tamahori
Drehbuch: John Collee
LV: Witi Ihimaera: Bulibasha: King of the Gypsies, 1994
mit Temuera Morrison, Akuhata Keefe, Nancy Brunning, Jim Moriarty, Regan Taylor, Maria Walker, Yvonne Porter
Buch zum Film: Lee Hays: Once Upon a Time in America, 1984 (Es war einmal in Amerika)
Kamera: Tonino Delli Colli
Musik: Ennio Morricone
Ein grandioses Gangsterdrama: die Geschichte von Freundschaft und Verrat – erzählt in wunderschönen Bildern und in einer komplexen Struktur, die lose auf dem autobiographischen Buch von Harry Grey basiert. Leone meinte, im Drehbuch seien nur zehn bis zwanzig Prozent des Buches geblieben.
Mit Robert de Niro, James Woods, Joe Pesci, Treat Williams, Burt Young, Elizabeth McGovern
Antiquarischer Buchtipp: Zum Filmstart erschien im Bastei-Lübbe-Verlag das Buch zum Film mit Hays’ Roman, vielen Filmbildern (SW und Farbe), einem Sergio-Leone-Porträt von Andreas Kern und einem Text von Leone über den Film. So machen „Bücher zum Film“ Spaß.
Ich könnte meine Besprechung von „Zero Days“ natürlich mit einem aktuellen Aufhänger beginnen. Zum Beispiel ExtraBacon, eine NSA-Software um in fremde Infrastrukturen einzudringen, die Mitte August von einer anonymen Hackergruppe veröffentlicht wurde. Oder Pegasus, eine Spionagesoftware für iPhones ab dem vor drei Jahren eingeführten iOS 7, die umfangreich Daten abgreifen und Anrufe mitschneiden kann und vermutlich von einer israelischen Firma, die einem US-Finanzinvestor gehört, programmiert wurde. Oder dem aktuellen Bericht der Berliner Datenschutzbeauftragten über den Einsatz der Stillen SMS, die in der Hauptstadt bedenkenlos angewandt wird.
Vor ein, zwei Wochen hätte ich die aktuellen Pläne der CDU-Innenminister in ihrer „Berliner Erklärung“ oder die neuen Überwachungsphantasien von Innenminister Thomas de Maizière genannt.
Aber das alles wäre nur ein billiger, mehr oder weniger forcierter Aufhänger für Alex Gibneys neuen Dokumentarfilm „Zero Days“ in dem er die Geschichte von Stuxnet, soweit sie bekannt ist, nacherzählt. Stuxnet ist ein Computerwurm, der sich eigenständig und unkontrolliert verbreitet und seine Spuren verwischt. Für die genaueren Details lest euch zum Einstieg den Wikipedia-Artikel durch und sucht dann die entsprechenden Expertenseiten auf. Die können das alles viel besser als ich erklären.
Zuerst entdeckt wurde Stuxnet im Juni 2010 in iranischen Anlagen. Kurz darauf auch in anderen Ländern, aber der Iran blieb das Hauptangriffsziel. Vor allem sein Atomprogramm. Unter anderem in die streng gesicherte, 21 Meter unter der Erde befinde Nuklearanlage in Natans, die wahrscheinlich das Ziel der Attacke war.
Es war die erste große Cyberattacke, die weltweit durch die Medien ging. Der Computerwurm war erstaunlich professionell programmiert und schnell gerieten US-amerikanische und israelische Geheimdienste in den Verdacht, Stuxnet programmiert zu haben, um das iranische Atomprogramm anzugreifen. Aber niemand redete darüber.
Dokumentarfilmer Alex Gibney drehte jetzt mit „Zero Days“ seine Dokumentation über Stuxnet, die weit über den Einzelfall hinausgeht. Programmierer sagen ‚zero days‘ zu vom Hersteller unentdeckte Sicherheitslücken, die von Angreifern ausgenutzt werden können, ohne dass der Hersteller Zeit für Gegenmaßnahmen hat. Gibney benutzt dieses Fachwort auch als Metapher für unseren Umgang mit staatlich programmierten Computerwürmern. Das Militär und Geheimdienste starteten den Angriff, die Gesellschaft hat noch keine Zeit gehabt, über Gegenmaßnahmen zu diskutieren.
Gibney rekonstruiert zuerst die Geschichte von Stuxnet, soweit sie bekannt ist und soweit seine Gesprächspartner darüber reden wollten. Oft sagten sie auch lächelnd: „Kein Kommentar.“ Dabei begibt er sich bei der Rekonstruktion des Angriffs und der weltpolitischen Gemengegelage im Nahen Osten so tief in das Geflecht der internationalen Politik, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Das sollte allerdings nicht als Aufgabe in einfache Verschwörungstheorien, sondern als Ansporn für eine zweite Sichtung des Films oder zur vertiefenden Lektüre benutzt werden. Dann klärt sich das Bild auf. Nicht vollständig, weil Gibney hier, wie auch in anderen Filmen, bei notorisch schweigsamen Institutionen nur einen eingeschränkten Zugriff auf Informationen hatte und einiges nur plausible Vermutungen sind.
Allerdings verliert auch Gibney sich selbst etwas in diesem durchaus faszinierendem Geflecht der internationalen Politik, der Zusammenarbeit der Geheimdienste und unterschiedlicher Interessen. Erst am Ende wird deutlich, dass es Gibney weniger um Stuxnet, sondern um den durch den Wurm eingeleiteten Paradigmenwechsel bei zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen geht. In der Öffentlichkeit wird nicht über die Gefahren des Cyberkriegs für sensible Infrastrukturen und wie Staaten sich dagegen wehren können, gesprochen., Die dafür verantwortlichen Personen schweigen. Computerviren und -würmer wie Stuxnet werden im Geheimen entwickelt. Die Urheber eines Angriffs sind oft nicht ermittelbar.
Dieses Schweigen wird im Film von einer Geheimagentin, deren Gesicht kaum verfremdet wurde, gebrochen. Sie ist, wie erst am Ende des Films enthüllt wird, eine Komposition aus mehreren NSA- und CIA-Informanten, die nur unter der Zusicherung strikter Anonymität mit Gibney sprachen. Dieser Kunstgriff, der nötig war, ist allerdings auch ein Schwachpunkt des Films. Denn während der ganzen Zeit hören sich ihre Aussagen wie ein abgelesenes Script an und sie sind auch nie so überprüfbar, wie man es als Journalist (oder Forscher) gerne hätte. Es sind Aussagen aus der Schattenwelt der Geheimdienste, die aber eine Besorgnis über die nicht stattfindende öffentliche Diskussion über diese neue Form des Krieges artikulieren.
Wie in seinem mit dem Oscar ausgezeichnetem Film „Taxi zur Hölle“, in dem es um Folter im Rahmen des „war on terror“ geht, will eine Diskussion über das Thema des Films anstoßen. Dafür liefert er unaufgeregt Fakten und er fordert am Ende von „Zero Days“ eine weltweite Ächtung solcher Waffen. Wie es auch mit A-, B- und C-Waffen gemacht wurde.
Denn nach seinen Recherchen ist Stuxnet eine Gemeinschaftsentwicklung von amerikanischen und israelischen Geheimdiensten, die anschließend jeder Dienst selbstständig anpassen kann. Der Mossad programmierte dann eine aggressivere Version des Wurms, setzte ihn gegen den Iran ein und dann verbreitete er sich über den gesamten Globus. Stuxnet ist also ein vollkommen aus dem Ruder gelaufenes Geheimprojekt, bei dem niemand sich Gedanken über die möglichen Folgen machte.
Zero Days (Zero Days, USA 2016)
Regie: Alex Gibney
Drehbuch: Alex Gibney
mit Colonel Gary D. Brown, Erich Chien, Richard A. Clarke, General Michael Hayden, Olli Heinonen, Chris Inglis, Vitaly Kamluk, Eugene Kaspersky, Emad Kiyaei, Ralph Langner, Rolf Mowatt-Larssen, Seán Paul McGurk, Yossi Melman, Liam O’Murchu
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Läuft in einigen Kinos (hier in Berlin in 2 Kinos) und ist ab dem 6. September digital erhältlich.
LV: Richard Matheson: Duel (Kurzgeschichte, Playboy, April 1971)
Auf einem Highway irgendwo im Nirgendwo überholt Handelsvertreter David Mann einen Truck. Der König der Landstraße beginnt Mann zu verfolgen.
Steven Spielbergs erster Kinofilm. Naja, fast. Denn „Duell“ war zuerst ein in zwei Wochen gedrehter ABC-TV-Film (es werden mal 12, mal 13, mal 16 Drehtage genannt, wobei anscheinend nur 10 Drehtage geplant waren), der für die Kinoauswertung um einige Szenen erweitert wurde.
„Duell“ ist ein kleiner, knackiger Highway-Thriller, bei dem die Geschichte auf das Gerüst reduziert wurde. Mit einer guten Idee und einem guten Drehbuch, beides von Richard Matheson.
„Offen gesagt ist der Film voll technischer Spielereien und logischer Brüche. Aber am Ende der neunzig Minuten scheint kaum Zeit vergangen.“ (Fob, Variety)
mit Dennis Weaver, Eddie Firestone, Charles Seel, Lucille Benson
Die Blaupause für jede neue Verfilmung von General Lew Wallaces Roman „Ben Hur: Eine Erzählung aus der Zeit Christi“ ist das gut vierstündige Epos von 1959 mit Charlton Heston als Judah Ben Hur. Aus heutiger Sicht ist der mit elf Oscars ausgezeichnete Film, unter anderem als Bester Film des Jahres, erstaunlich holprig und oft langatmig erzählt. Und mit so viel Pathos getränkt, dass wir den Film inzwischen nur noch durch die Brille von „Das Leben des Brian“ sehen können. Berühmt ist das heute wahrscheinlich kaum noch gesehene Epos wegen des entsprechend epischen Wagenrennens, das es schon in de Stummfilmverfilmung des Romans gab.
Das Wagenrennen gibt es auch in Timur Bekmanbetovs flüssiger erzähltem Remake. Er beginnt sogar damit – und springt dann gut zehn Jahre zurück in die Vergangenheit. Damals waren Judah Ben Hur (Jack Huston) und Messala Severus (Toby Kebbell) beste Freunde und Brüder. Messala verlässt Judäa, um als römischer Soldat zu Ruhm und Ehre zu gelangen.
Nach Jahren kehrt er zurück nach Judäa, das er befrieden will. Also von den aufständischen Juden, die gegen die römische Besatzung kämpfen, bereinigen will. Ben Hur, der sich eigentlich aus der Politik heraushält, will seine jüdischen Brüder nicht verraten und in den Tod schicken. Damit beginnt der Konflikt zwischen Ben Hur und Messala.
Als bei der Ankunft des neuen Statthalters in Jerusalem ein Aufständischer von Ben Hurs Anwesen einen Pfeil auf ihn abschießt (das ist eine der zahlreichen Änderungen zu William Wylers Film), verhaftet Messala Ben Hur und seine Familie. Ben Hur wird Galeerensklave. Die allesamt überaus ansehnlichen Frauen des Patrizierhauses Ben Hur wandern in den Kerker.
Nach Jahren, wenige Tage vor dem Tod von Jesus (der hier auch mehrmals auftritt) kehrt Ben Hur zurück. Er will sich an Messala rächen. Während eines Wagenrennens.
Timur Bekmanbetov, der die Geschichte in zwei Stunden erzählt, beschreitet in seiner Verfilmung bis zum Ende durchaus eigene Wege, die mal mehr, mal weniger gelungen sind. So war es in Wylers Film ein herabfallender Ziegel, der Pontius Pilatus bei seinem Einzug in die Stadt verletzte. Es war ein Unfall. In Bekmanbetovs Film ist es ein von einem Aufständischen abgeschossener Pfeil. Es ist ein Attentat und Ben Hur deckt den Täter. Diese Änderung hätte die gesamte Geschichte auf jeder Ebene beeinflussen können. Aber sie bleibt letztendlich folgenlos.
Auch später gibt es immer wieder Unterschiede. So kommt Ben Hur in der aktuellen Version niemals nach Rom. Und das bei Wyler aus heutiger Sicht unerträgliche Pathos und der religiöse Kitsch sind bei Bekmanbetov nicht vorhanden. Es gibt bis auf einige kurze Auftritte von Jesus Christus und der Kreuzigung keine religiösen Symbolismen und wenig christliches Pathos. Daher erstaunt die in den USA gemachte Werbekampagne für die christlichen Filmbesucher, die aus kommerzieller Perspektive ein wichtiger Faktor sind und die eine, nun, sehr spezielle Art von Filmen lieben, in denen der rechte Glaube der einzige Qualitätsmaßstab ist.
Diese Änderungen verschieben dann Akzente in der Geschichte und den Motivationen der Charaktere und lassen Bekmanbetovs „Ben Hur“ zu einer durchaus eigenständigen Verfilmung werden. Allerdings keiner gelungen. So werden all die auf der Hand liegenden politischen Anspielungen nicht weiter ausgeführt. Der Konflikt zwischen Ben Hur und Messala erscheint forciert. Dabei entzündet sich der Konflikt an dem fehlgeschlagenem Anschlag auf Pontius Pilatus. Ben Hur, der den Täter beschützt, nennt seinem Freund nicht den Namen. Damit paktiert er mit den Aufständischen, vulgo Terroristen. Aber die in diesem Moment angelegte Frage nach den Formen des Widerstandes gegen ein Regime, werden nicht weiter verfolgt. Auch das Thema der Freundschaft wird nicht weiter verfolgt. So bleiben die immer wieder eingestreuten politischen und gesellschaftlichen Anspielungen in der Luft hängen.
Die Nebenfiguren sind schön aussehende Staffage und Morgan Freeman ist Morgan Freeman; mit einer „Battefield Earth“-Gedächtnisfrisur. Und, ja, das ist eine wenig subtile Anspielung auf das Niveau dieses bierernsten Sandalenfilms, der höchstens in einigen Momenten einen unfreiwilligen Humor verströmt.
Zum Schluss kommen wir, wie der Film, wieder zum Wagenrennen, das auch in dieser „Ben Hur“-Verfilmung das große Action-Set-Piece ist. Es ist lang, es ist blutig, es ist langweilig, weil die Action zwischen Schnitten und CGI-Effekten so konfus ist, dass man kurz nach dem Start den Überblick verliert. Da ist man von Timur Bekmanbetov, dem Regisseur von „Wächter der Nacht“, „Wächter des Tages“ und „Wanted“, aber auch „Abraham Lincoln, Vampirjäger“, besseres gewohnt.
Er sagt dazu: „Wir haben die Actionszenen so gefilmt, wie man das heute mit seinen privaten Handy-Kameras machen würde.“
John Ridley, der für „12 Years a Slave“ einen Oscar erhielt, wird wohl nur aufgrund irgendwelcher vertraglicher Verpflichtungen als einer der Drehbuchautoren genannt. Ridley ist der Autor von „12 Years a Slave“, „Three Kings“ (nur Story-Credit), „U-Turn“ und einiger leider nicht übersetzter Romane und der Erfinder der hochgelobten TV-Serie „American Crime“. In seinen Werken setzte er sich immer kritisch mit der US-amerikanischen Geschichte und oft auch der Geschichte der Afroamerikaner auseinander. Dass er ein so unpolitisches und in jeder Hinsicht unentschlossenes Drehbuch abliefert, will ich nicht glauben.
Ein sehr kurzes Featurette über den Dreh des Wagenrennens
Und hier Charlton Heston als Ben Hur in der Arena. Die beiden Ausschnitte vermitteln einen guten Eindruck von der Szene. Eine komplette Version habe ich nicht gefunden.
US-Zoten, nächste Runde. Dieses Mal nennt sich das Werk „Mike and Dave need Wedding Dates“.
Mike und Dave sind Brüder und dieses Mal möchte ihr Vater, dass sie die Hochzeit ihrer Schwester nicht in das übliche Chaos verwandeln. Sie sollen also Anstandsdamen mitbringen.
Mike und Dave wollen zuerst nicht, weil sie doch für gute Stimmung sorgen.
Ihre während des Gesprächs neben ihrem Vater sitzende Schwester sagt: „Bitte!“
Mike und Dave sagen: „Für dich tun wir alles. Wir wollen doch, dass du glücklich bist.“
Und damit könnte der Film nach fünf Minuten zu Ende sein. Denn in den folgenden neunzig Minuten wird eben dieses Gespräch mit viel Leerlauf und dem untauglichen Versuch, auch ernste Themen anzusprechen, auf Spielfilmlänge ausgewalzt.
Aus europäischer Sicht gibt es immerhin zwei bemerkenswerte Punkte.
Erstens wird dieses Mal auf den zu US-Vulgärhumorzoten gehörenden Gag mit den an verschiedenen peinlichen Orten aufgemalten Penissen, die oft panisch abgerubbelt werden, verzichtet. Das muss man wohl Fortschritt nennen.
Zweitens sehen wir nackte Frauen. Von hinten und von vorne. Ausgiebig können wir ihre Hintern und Brüste bewundern. Für eine US-Zote ist das ein gewaltiger Fortschritt.
Für uns Europäer ist es nichts, was uns irgendwie aufregt.
Mike and Dave need Wedding Dates (Mike and Dave need Wedding Dates, USA 2016)
Regie: Jake Szymanski
Drehbuch: Andrew Jay Cohen, Brendan O’Brien
mit Zac Efron, Anna Kendrick, Adam Devine, Aubrey Plaza, Sugar Lyn Beard, Alice Wetterlund, Mary Holland, Stephanie Faracy, Stephen Root