Colin Crouch vermisst „Die bezifferte Welt“

April 19, 2017

Colin Crouch, Autor von „Postdemokratie“, setzt in seinem neuesten Buch „Die bezifferte Welt – Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht“ seine Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus fort. Und weil die sehr lesenswerte Studie im Original 2015, also vor der Wahl von Donald Trump, der Brexit-Abstimmung und der Entdeckung des VW-Abgasskandals, erschien, hat sie auch etwas von einer Zeitkapsel. Denn Crouch, inzwischen emeritierter Professor der Warwick Business School, nennt ältere Beispiele, wie die durch die Deepwater Horizon verursachte Ölkatastrophe (siehe auch den sehr sehenswerten Spielfilm darüber), und viele, sehr viele Beispiele aus Großbritannien, wo die Ökonomisierung der Politik schon weiter vorangeschritten ist als bei uns in Deutschland. Die Folgen sind dort auch offensichtlicher.

Die Logik der Finanzmärkte, bzw. die ökonomische Logik, die Colin Crouch in dem Buch thematisiert, sieht die Welt als einen transparenten Markt, auf dem Anbieter und Nachfrager sich treffen, miteinander handeln und den richtigen Preis für das Handelsgut finden. Der so ausgehandelte Kaufpreis ist dann auch genau der Preis, den das Produkt wert ist und der in einer Zahl alle Informationen über das Produkt beinhaltet. Bei einem einfachen Produkt, wie einer Kiste Äpfel, ist das kein Problem.

Bei einem komplexen Produkt ist das anders. In dem Preis werden dann verschiedene Dinge miteinander vermischt, die dann so nicht zusammengehören und es ist auf den ersten Blick unklar, wie welche Teile gewichtet wurden. Das beginnt schon bei einer Versicherung (Welche Riester-Rente brauche ich?) geht über Krankenhaus- und Universitätsrankings (Was ist wichtiger: die Forschungspreise, die Bibliothek, das Betreuungsverhältnis oder das außeruniversitäre Nachtleben?) hin zu originären staatlichen Leistungen, die sich eigentlich einer marktförmigen Ökonomisierung entziehen.

Gerade die sich aus diesem ökonomischen Denken entwickelnde Bedrohung des Wissens wurde bislang kaum beachtet, weil sie schleichend vonstatten geht, indem Leistungen immer stärker in standardisierten Verfahren verglichen werden. Diese Zahlen dienen dann dazu, bestimmte Verwaltungsteile, wie Schulen, Ämter und Polizeiabschnitte zu bewerten und sie finanziell zu belohnen oder bestrafen. Hinter den Kennziffern verschwindet dann die Begründung, warum eine Schule besonders schlecht abschneidet. Das kann an den schlechten Lehrern, den problematischen Schülern oder etwas anderem liegen. Die Institutionen verwenden dann, wie Crouch an zahlreichen Beispielen zeigt, mehr Zeit darauf, die Zahlen zu verbessern als ihre tatsächliche Leistung zu verbessern. Teilweise mit sehr viel Energie und Ideenreichtum.

Und, weil zunehmend staatliche Aufgaben privatisiert werden, werden die Aufträge nicht mehr an die beste Firma, sondern an die Firma, die am besten einen den Vergaberichtlinien entsprechenden Antrag schreiben kann, vergeben. Einige dieser Firmen sind inzwischen so groß, dass die Regierung sie nicht mehr pleitegehen lassen kann. Auch wenn ihre Leistungen schlecht sind und sie am Ende mehr Kosten als wenn der Staat die Leistung selbst erbracht hätte.

Für all das nennt Crouch zahlreiche, eindrucksvolle Beispiele, die seine These, dass der Neoliberalismus das Wissen bedrohe.

Er kommt dabei zu folgenden Erkenntnissen:

1.) Der Versuch, den öffentlichen Dienst nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten umzubauen, führt zu einer radikalen Beschneidung der Kenntnisse, Kompetenzen und Qualifikationen des dort beschäftigten Fachpersonals. (… – )

2.) Obgleich der Markt selbst eine hochelaborierte Form der Wissensproduktion darstellt, untergräbt er, wenn ihm keine Schranken gesetzt werden, andere Formen der Erkenntnisgewinnung. (…)

3.) Die klassische marktwirtschaftliche Theorie ging davon aus, dass sich die Mehrzahl der Marktteilnehmer moralisch integer verhält. Die gegenwärtig dominierende Rational-choice-Theorie prämiert hingegen Verhaltensweisen, die sich der Verfälschung und Verzerrung von Informationen und Wissen bedienen. (…)

4.) Eine marktwirtschaftliche Ökonomie zeichnet sich der ursprünglichen Idee nach dadurch aus, dass eine hohe Anzahl von Konsumenten und Produzenten am Markt teilnimmt. Der heute herrschende Neoliberalismus hingegen toleriert hohe Konzentrationen monopolartiger Marktmacht auf Anbieterseite. In manchen Fällen führt das so weit, dass einflussreiche Wirtschaftseliten den Zugang zu Informationen und Wissen kontrollieren und beides auf eine ihren Interessen förderliche Weise manipulieren können. (…)

5.) Um wirklich uneingeschränkt effizient am Markt agieren zu können, müssen wir uns in egozentrische und amoralische Rechenmaschinen verwandeln. Solange wir daneben auch noch andere Verhaltensweisen an den Tag legen, ist das nicht unbedingt problematisch. Wenn jedoch der Markt und analoge Systeme auf immer weitere Lebensbereiche übergreifen, wie es heute der Fall ist, schafft das einen Anreiz, alle unsere sonstigen Verhaltensweisen zu unterdrücken und uns in unserem alltäglichen Handeln vor allem am Vorbild derartiger Maschinen zu orientieren.“ (Seite 194 – 199)

Diese Entwicklungen machen aus Bürgern Kunden. Das Wissen, verstanden in einem umfassenden Sinn, und die damit verbundenen Kompetenzen im Umgang mit (komplexen) Informationen und Zusammenhängen verschwinden zunehmend zugunsten einfacher Lösungen. „Im Falle des Bürgers ist der Wissensbedarf zweifellos größer, da er mehr tun kann, als zwischen von anderen angebotenen Alternativen zu wählen. Darum ist die Bereitstellung zutreffender und umfassender Informationen in einer Demokratie so wichtig. Und deshalb ist die in diesem Buch dargestellte Verfälschung von Wissen eine ernste Gefahr für die Demokratie.“ (Seite 205)

Dass Colin Crouch mit „Die bezifferte Welt“ den Finger auf eine Wunde legt, zeigt unter anderem, um in Great Britain zu bleiben, die Brexit-Abstimmung. Vor der Abstimmung sagte der damalige Justizminister Michael Gove: „Die Leute haben genug von den ganzen Experten.“ Die Wähler stimmten ihm zu und stimmten für den Brexit.

Die Folgen dürfen wir jetzt in einem Echtzeit-Großexperiment sehen. Die Experten warnten schon damals vor einem Austritt aus der EU und sie haben seitdem ihre Meinung nicht geändert.

Colin Crouch: Die bezifferte Welt – Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht (Postdemokratie III)

(übersetzt von Frank Jakubzik)

Suhrkamp, 2017

256 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

The Knowledge Corrupters. Hidden Consequences of the Financial Takeover of Public Life

Polity Press, Cambridge, 2015

Hinweise

Wikipedia über Colin Crouch (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Die bezifferte Welt“


„Es klingelte an der Tür“ und Nero Wolfe öffnet nicht

April 5, 2017

Früher stolperte man in jeder Buchhandlung, auch der kleinsten, und jedem Antiquariat über die Nero-Wolfe-Romane von Rex Stout. Mit dem Tod von Rex Stout 1975 hörte die Wolfe-Begeisterung nicht auf. Es gab zwei, zugegeben kurzlebige, US-TV-Serien. Seit 1986 schreibt Robert Goldsborough neue Nero-Wolfe-Romane.

Und seit 1979 gibt es den Nero Wolfe Award (bzw. Nero Award), der von The Wolfe Pack im Gedenken und im Geist von Nero Wolfe (wem sonst?) verliehen wird.

Dabei wirkt Rex Stouts Nero Wolfe wie die Parodie auf den aus englischen Landhauskrimis bekannten genialen Ermittler. Nero Wolfe ist dick, unbeweglich, er verlässt aus beruflichen Gründen niemals sein Brownstone in der West 35th Street. Er züchtet Orchideen und lässt sich von Fritz fürstlich bekochen. Gut dotierte Aufträge übernimmt er nur, um seinen Lebensstandard zu sichern. Die Laufarbeit erledigt dann sein Assistent Archie Goodwin, der die Geschichten in der ersten Person erzählt. Er entspricht schon eher dem bekannten Bild des Hardboiled-PI.

Ihren ersten Auftritt hatten Nero Wolfe und Archie Goodwin 1934 in „Fer-de-Lance“ (Die Lanzenschlange). Bis 1975 veröffentlichte Stout 33 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten und Novellen mit ihnen.

Es klingelte an der Tür“, der jetzt in einer von Conny Lösch neu übersetzten Ausgabe bei Klett-Cotta erschienen ist, ist einer der späten Wolfe-Romane. Er erschien im Original 1965. Die deutsche Übersetzung von Brigitte Weitbrecht erschien kurz darauf als „Per Adresse Mörder X“.

Die vermögende Rachel Bruner verschickte zehntausend Exemplare des FBI-kritischen Enthüllungsbuches „Das unbekannte FBI“ an Angehörige des Kabinetts, Senatoren, Staatsgouverneure, Polizeipräsidenten, Staatsanwälte, Firmenchefs und Zeitungsherausgeber.

Seitdem wird sie und ihre Familie verfolgt. Ihre Telefone werden abgehört. Sie glaubt vom FBI. Und sie möchte, dass das FBI aufhört, sie zu beobachten. Also beauftragt sie Nero Wolfe für ein mehr als erkleckliches Honorar, das zu tun.

Wolfe übernimmt den ziemlich unmöglichen Auftrag und er hat auch eine Idee, wie er, ein kleiner Privatdetektiv, das mächtige FBI besiegen kann. Damals war J. Edgar Hoover der unangefochtene FBI-Chef, der in den Jahrzehnten, in denen er das Amt inne hatte, einen Staat neben dem Staat errichtete. Er war damals von allen respektiert und gefürchtet. Seine FBI-Agenten waren, so das für die Öffentlichkeit gepflegte Bild, tadellose Agenten, die niemals gegen ein Gesetz verstoßen würden.

Anstatt das FBI direkt anzugreifen, beginnen Nero Wolfe und Archie Goodwin in einem anderen Mordfall zu ermitteln, bei dem die Polizei nicht weiterkommt. Ihr langjähriger Freund/Feind Inspector Cramer vom Morddezernat Süd glaubt, dass drei FBI-Agenten den Journalisten Moris Althaus ermordeten und seine Recherchen für einen Artikel über das FBI mitgenommen haben. Er kann es allerdings nicht beweisen.

Goodwin beginnt sich umzuhören. Er und Wolfe haben auch schnell eine Idee, wer der Täter sein könnte. Wenn Althaus nicht vom FBI ermordet wurde.

Es klingelte an der Tür“ gehört nicht zu den besten Nero-Wolfe-Romanen. Er hat auch erstaunlich viel Patina angesetzt, was vor allem an der aus heutiger Sicht unglaubwürdigen Prämisse liegt. Es klingt einfach unglaubwürdig, dass J. Edgar Hoover die Beobachtung einer harmlosen Bücherversenderin und ihrer Verwandtschaft befiehlt. Dabei stand „Es klingelte an der Tür“ auf der Liste der dem FBI nicht genehmen Schriften (heute ziemlich unvorstellbar), Rex Stouts Schwester wurde von FBI-Agenten über ihre politischen und religiösen Ansichten befragt (dito; ohne die Schwester zu kennen), Stout selbst stand seit dem Beginn seiner Karriere als Schriftsteller unter FBI-Beobachtung (wie Herbert Mitgang 1988 für sein Buch „Dangerous Dossiers: Exposing the Secret War Against America’s Greatest Authors“ herausfand) und wer sich in die Geschichte des FBI unter J. Edgar Hoover vertieft, wird da noch einige weitere unglaubliche Geschichten finden. Aber für einen Privatdetektiv-Roman der Teil einer Serie ist, ist dann zunächst die Prämisse unglaubwürdig. Sie wird von Rex Stout, abgesehen von einigen anekdotenhaften Episoden, in denen das FBI zu einer Konkurrenz für die Keystone Cops wird, nicht weiter verfolgt. Denn hätte er das getan, hätte er sich auch mit der Frage beschäftigen müssen, wie Wolfe und Goodwin das Abenteuer unbeschadet überstehen können.

Der Mordfall, den Wolfe und Goodwin aufklären, um den Auftrag ihrer Klientin zu erfüllen, ist ein Mordfall, den Inspector Cramer auch gut und gerne ohne die Hilfe des Meisterdetektivs hätte aufklären können.

Und dann gibt es einfach zu viele Zufälle und Unglaubwürdigkeiten, wie der Fundort der Tatwaffe, um als Rätselkrimi zu überzeugen.

Dabei sind die Nero-Wolfe-Krimis altmodische Rätselkrimis, in denen es viel mehr auf die kleinen grauen Zellen als auf schlagkräftige Fäuste ankommt.

Rex Stout: Es klingelte an der Tür – Ein Fall für Nero Wolfe

(übersetzt von Conny Lösch, mit einem Nachwort von Jürgen Knabe)

Klett-Cotta, 2017

248 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

The Doorbell rang

Viking Press, New York, 1965

Frühere deutsche Veröffentlichung als „Per Adresse Mörder X“ bei Ullstein und Goldmann.

Hinweise

Krimi-Couch über Rex Stout

Kaliber 38 über Rex Stout

Wikipedia über Rex Stout (deutsch, englisch) und Nero Wolfe (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Rex Stout und Nero Wolfe

Wer nicht lesen will, kann sich die auf den ersten Blick werkgetreue Verfilmung ansehen


TV-Tipp für den 4. April: Ender’s Game

April 4, 2017

Pro 7 Maxx, 20.15

Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Gavin Hood

LV: Orson Scott Card: Ender’s Game, 1985 (Enders Spiel)

Der junge Ender Wiggin soll zum Anführer im Kampf gegen die außerirdischen Formics ausgebildet werden. Dabei ist Ender noch ein Kind.

Durchaus gelungene Mainstream-Verfilmung eines Science-Fiction-Klassikers, die nicht die Komplexität der Vorlage erreicht.

Mehr in meiner Besprechung des Films und der Vorlage.

mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight, Jessica Harthcock

Wiederholung: Mittwoch, 5. April, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Moviepilot über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Metacritic über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Rotten Tomatoes über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Wikipedia über „Ender’s Game – Das große Spiel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Orson Scott Card

Phantastik-Couch über Orson Scott Card

Wikipedia über Orson Scott Card (deutsch, englisch)

Epilog: Interview mit Orson Scott Card (2004)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferrys (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)“ (Ender’s Game: Battle School 1 – 5, 2009)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferry (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 2)“ (Ender’s Game: Command School 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Orson Scott Cards „Enders Spiel“ (Ender’s Game, 1985, 1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe) und Orson Scott Cards „Enders Schatten“ (Ender’s Shadow, 1999)

Meine Besprechung von Gavin Hoods „Ender’s Game – Das große Spiel“ (Ender’s Game, USA 2013)

Die Vorlage

Man kann die Romane unabhängig voneinander lesen und man muss „Enders Schatten“ nicht lesen, um „Enders Spiel“ zu verstehen, aber „Enders Schatten“ ist eine wirklich lesenswerter anderer Blick auf die Ausbildung von Ender Wiggins. Und daher empfehle ich beide Romane; in chronologischer Reihenfolge.

Card - Enders Spiel - 2Card - Enders Schatten - 2

Orson Scott Card: Enders Spiel

(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)

Heyne, 2012

464 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game

Tor, 1985

(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)

Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.

Orson Scott Card: Enders Schatten

(übersetzt von Regina Winter)

Heyne, 2013

592 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Shadow

Tor, 1999


„Libreville“ – ein Ausflug nach Afrika mit Mord und Totschlag – und etwas Korruption

März 24, 2017

Libreville ist die Hauptstadt von Gabun, einem Land in Afrika, das eine französische Kolonie war, in Lambaréné Albert Schweitzer sein weltweit bekanntes Hospital hatte und der Äquator verläuft durch das dünn besiedelte Land.

Libreville“ ist auch der Titel eines Kriminalromans von Janis Otsiemi, einem 1976 geborenem Gabuner, der bereits mehrere Kriminalromane schrieb, die alle noch nicht ins Deutsche übersetzt sind. Das sollte sich dringend ändern.

Die Geschichte spielt wenige Monate vor dem Tod das gabunischen Staatspräsidenten Omar Bongo, der das Land von 1967 bis zu seinem Tod am 8. Juni 2009 regierte.

Die Polizisten Pierre Koumba Owoula und Hervé Louis Boukinda Envame müssen den Mord an dem Journalisten Roger Missang aufklären. Ihr Chef möchte, dass sie den Fall schnell aufklären und so die Proteste von „Reporter ohne Grenzen“ schnell verstummen. Die beiden Ermittler vermuten, dass Missang aus politischen Gründen ermordet wurde. Ihre Einschätzung ändern sie, als sie erfahren, dass die Kugel, die sie bei Missang fanden, zu der Waffe gehört mit der vor fünf Jahren Pavel Kurka, der Sicherheitschef des Verteidigungsministers, erschossen wurde. Seitdem ist die Waffe verschwunden und der Täter läuft noch frei herum. Nach dieser Entdeckung wird auch dem Mordfall eine Staatsaffäre.

Neben der Mordermittlung müssen die beiden Polizisten mehrere kleinere Fälle aufklären und immer wieder helfen ihnen Zufälle, Glück, Spitzel und brutale Verhöre. Eine normale, westlich-zivilisierten Standards gehorchende Polizeiarbeit findet dagegen nicht statt. Die Korruption hat ein Ausmaß, das die gesamte Polizei und Verwaltung lahmlegt. Falls sie sowieso nicht schon latent arbeitsunfähig wäre. Immerhin funktionieren auf der Polizeistation die Schreibmaschinen aus der de-Gaulle-Zeit noch.

Janis Otsiemi erzählt das auf knapp zweihundert Seiten spannend und ohne Umwege. Dabei mimt er öfter den Erklärbär, der ein Publikum im Hinterkopf hat, das Libreville, Gabun und die dortigen Zustände nicht kennt.

Libereville“ ist kein Rätselkrimi (außer natürlich dem Rätsel, wie die Beamten in dieser Umgebung überhaupt Ermittlungserfolge haben können), aber ein düsterer Polizeithriller, der einen Einblick in eine fremde Welt gibt, die man nicht besuchen möchte. Denn in Otsiemis Roman gibt es nur Verbrecher und mehr oder weniger korrupte Polizisten.

Abgerundet wird der Roman von einem aktuellen Interview, das Alf Mayer mit Otsiemi führte.

Janis Otsiemi: Libreville – Ein Kriminalroman aus Gabun

(übersetzt von Caroline Gutberlet)

Polar Verlag, 2017

224 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

African Tabloid

Jigal, 2013

Hinweise

Polar über Janis Otsiemi

Wikipedia über Janis Otsiemi


Verfilmte Bücher: „Schweigen“ ist „Silence“

März 20, 2017

Martin Scorseses Anfang März in unseren Kinos gestartete Verfilmung „Silence“ von Shusaku Endos Roman „Schweigen“ ist eine gute Gelegenheit, diesen in Japan 1966 und 1977 erstmals auf Deutsch erschienen Roman zu lesen. Vor zwei Jahren überarbeitete die damalige Übersetzerin Ruth Linhart für eine Neuveröffentlichung ihre alte Übersetzung. Der Septime Verlag ergänzte den Roman um ein Vorwort von Martin Scorsese und ein Nachwort von William Johnson, dem Übersetzer der englischen Ausgabe. In seinem Nachwort geht Johnson auch auf die historischen Hintergründe und die japanische Kultur ein.

Endo (1923 – 1996) erzählt in „Schweigen“ die Geschichte von Pater Sebastiao Rodrigues. Der Jesuit reist 1638 mit seinem Glaubensbruder Francisco Garpe nach Japan. Sie wollen die Gerüchte, die sie nicht glauben, überprüfen, nach denen der hochgeschätzte Pater Ferreira von seinem Glauben abgeschworen und zum Buddhismus konvertierte. Zu dieser Zeit wurden in Japan Christen verfolgt und das Land schottete sich immer mehr ab.

Als Rodrigues verhaftet wird, steht er vor der Frage, wie stark sein Glaube ist – und ob ihm sein Glaube den richtigen Weg weist.

Dieser Gewissenskonflikt steht im Mittelpunkt des Romans und der Verfilmung, die der Geschichte, teilweise bis in die Dialoge, ziemlich genau folgt. Allerdings verengt Scorseses Film das moralische Dilemma schon in den ersten Minuten mit Bildern von Folterungen, die Ferreira ansehen muss, auf die Frage, wie viele Gläubige der Geistliche leiden und sterben lässt, bis er dem Glauben öffentlich abschwört und so das Leid der Gläubigen beendet. Von dieser bildgewaltigen Verengung und der inzwischen für uns (also normal gläubige Christen) offensichtlichen Antwort, in dieser Situation von dem Glauben abzuschwören (und ihn privat vor den Augen Gottes weiterzupraktizieren) erholt sich der Film nie. Letztendlich hat Scorsese in diesem Moment schon die Frage seiner Geschichte beantwortet.

Im Roman ist Rodrigues auch mit dieser Frage konfrontiert. Denn der japanische Beamte Inoue stellt alle Pfarrer, die er verhört, vor diese Wahl.

Aber der Roman ist vielfältiger. Er verortet die Geschichte erkennbar an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und spricht dabei auch die politischen und ökonomischen Hintergründe an. Der Konflikt zwischen der japanischen und der europäischen Kultur, dem Christentum und dem Buddhismus und die damit zusammenhängende individuelle Glaubenskrise von Rodrigues werden, auch wenn man über den Buddhismus wenig bis nichts erfährt, facettenreicher behandelt.

So fragt Rodrigues sich, ob sie den Japanern die Botschaft des Christentums bringen sollen. Er sieht die gläubigen Bauern, die für ihren Glauben getötet werden. Er fragt sich, warum Gott dem schweigend zusieht. Für Rodrigues ist das Schweigen Gottes ein großes Problem. Das Schweigen bedeutet auch, dass Gott ihm keine Antwort auf seine Fragen und keine Handlungsanweisung gibt.

Dieser Ruf nach einer Antwort Gottes und Rodrigues‘ Verzweiflung über das Schweigen Gottes sind natürlich auch ein Hinweis auf seine Art des Glaubens und auch die Schwäche seines Glaubens.

Am Ende steht Rodrigues, der sich und seinen Leidensweg immer wieder mit der Geschichte von Jesus Christus vergleicht, vor der Frage – und das ist eine Umformulierung der von Inoue gestellten Frage – ob er sich, wie Jesus, für die Gläubigen opfern oder ob er seinen Glauben über ihr Leid stellt. Jesus starb, wie bekannt, am Kreuz. Rodrigues würde, indem er seinem Glauben öffentlich abschwört und zum Buddhismus konvertiert, in die Fußstapfen von Jesus treten. So erklärt es jedenfalls Ferreira, der auch betont, dass Japan ein Sumpf sei, der unempfänglich für das Christentum sei.

Dieser Glaubenskonflikt spielt sich oft im Kopf von Padre Rodrigues ab. In einem Roman ist das kein Problem. Ein Roman kann über Seiten nur die Gedanken eines Menschen wiedergeben, ohne dass es langweilig wird. Gleichzeitig kann man die moralischen, philosophischen und religiösen Fragen und Thesen immer wieder nachlesen und in Ruhe über sie nachdenken.

Im Film muss in diesen Momenten mit einem Voice-Over gearbeitet werden. Das Stilmittel kann gut funktionieren. Scorsese hat es in seinen früheren Filmen oft und gekonnt eingesetzt. Es ist allerdings auch ein allgemein ungeliebtes, weil unfilmisches Stilmittel. Eine andere Möglichkeit ist es, dem Protagonisten einen Freund zur Seite zu stellen, mit dem er über seine Probleme und Gewissenskonflikte offen reden kann. Dafür hätte Scorsese sich allerdings von dem Text des Romans lösen müssen.

Ein weiterer Vorteil des Romans ist, dass die Momente, in denen Rodrigues sich mit Jesus vergleicht und er die Gemeinsamkeiten von seinem Leidensweg und dem von Jesus betont, niemals den Kitsch- und Fremdschämfaktor des Films haben. Wenn Rodrigues im Film im Wasser sein Spiegelbild ansieht, das zu dem Gesicht von Jesus wird, ist das unerträglicher Jesuskitsch. Im Roman ist es ein Satz, der die tiefe Verbundenheit von Rodrigues mit Jesus betont; – falls er nicht schon im Hungerdelirium ist.

Schweigen“ ist ein lesenswerter, zum Nachdenken anregender Roman. Im Gegensatz zur Verfilmung.

Shusaku Endo: Schweigen

(überarbeitete Neuübersetzung, aus dem Japanischen von Ruth Linhart, mit einem Vorwort von Martin Scorsese und einem Nachwort von William Johnson)

Septime Verlag, 2015

312 Seiten

22,90 Euro

Originalausgabe

Chinmoku

Verlag Shinchosha, Tokio, 1966

Die aktuelle Verfilmung

Silence (Silence, USA 2016)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese

LV: Shusaku Endo: Chinmoku, 1966 (Schweigen)

mit Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yosuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin’ya Tsukamoto, Issey Ogata, Nana Komatsu, Ryo Kase

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die erste Verfilmung

Chinmoku (Japan 1971)

Regisseur: Masahiro Shinoda

Drehbuch: Shûsaku Endô, Masahiro Shinoda

mit David Lampson, Don Kenny, Tetsurô Tanba, Mako Iwamatsu

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Silence“

Metacritic über „Silence“

Rotten Tomatoes über „Silence“

Wikipedia über „Silence“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Perlentaucher über Suhusaku Endos „Schweigen“


Verfilmte Bücher: „Wolverine: Old Man Logan“ ist „Logan“

März 17, 2017

Ab und zu wird Mark Millars „Wolverine: Old Man Logan“ als Inspiration für den neuen Wolverine-Film „Logan“ genannt. Meistens wird dabei betont, dass es sich wirklich nur um eine Inspiration handele und man eigentlich nichts aus dem Comic übernommen habe. Ihr merkt: ich habe nicht einmal „Vorlage“ geschrieben, weil James Mangold in seinem grandiosen Film von Mark Millars Comic nur die Idee eines älteren, vulgo sterblichen Wolverine übernommen hat und anschließend eine vollkommen andere Geschichte erzählt.

Mark Millar hat bei seiner Rückkehr in die Welt von Wolverine eine Welt erfunden, in der vor fünfzig Jahren die Superschurken die Superhelden besiegten. Anschließend teilten sie die USA untereinander auf. Logan, wie Wolverine lieber genannt wird, hat sich danach zurückgezogen. Seine Krallen will er nie wieder ausfahren.

Inzwischen lebt er friedlich als Bauer mit seiner Familie in Sacramento, Kalifornien, und zahlt der Hulk-Gang regelmäßig die Pacht.

Als er mit ihr im Rückstand ist, nimmt er das finanziell einträglich Angebot von seinem blinden Freund Hawkeye an, mit ihm quer durch die USA zu fahren und ein Paket abzuliefern.

Gemeinsam treten sie die gefährliche Reise an, bei der sie auch etlichen altbekannten Marvel-Charakteren begegnen.

Und in Sacramento quälen die Hulks Logans Familie.

Wolverine: Old Man Logan“, gezeichnet von Steve McNiven, liefert ziemlich genau das, was man von dem Autor von „Wanted“, „Kick-Ass“ und „Kingsman: The Secret Service“ (um den bekannteren Filmtitel zu nennen) erwartet: viel schwarzer Humor, eine angenehme Respektlosigkeit vor den Superhelden-Konventionen, popkulturelle Anspielungen und brachiale Gewalt. Die Geschichte selbst ist schon allein durch einige kleine Änderungen gegenüber den Genrekonventionen oder einen gewagten Mix bekannter Themen, Geschichten und Figuren ungewöhnlich. In „Wolverine: Old Man Logan“ ist es die Sterblichkeit des zum Pazifisten gewordenen Helden und die Welt, in der er lebt. Sie ist eine Mischung aus postapokalyptischer „Mad Max“-Welt und klassischem Western. Auch die eine Hälfte der Story, in der Logan sich gegen den bösen Landbesitzer wehrt, scheint direkt aus einem Western geklaut zu sein. Die andere, in der Logan und Hawkeye als Buddys durch die USA fahren ist dann ein klassisches Road-Movie mit einer Ware, die alle haben wollen.

Und insgesamt ist die Geschichte mit dem alten Logan ein blutig-witziger Thriller.

2015 startete Marvel eine „Old Man Logan“-Serie. Die ersten Geschichten wurden von Brian Michael Bendis und Jeff Lemire geschrieben und sind bereits auf Deutsch erschienen.

Mark Millar (Autor)/Steve McNiven (Zeichner): Wolverine: Old Man Logan

(übersetzt von Jürgen Petz)

Panini, 2017

220 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Old Man Logan

Wolverine ‚# 60 – # 72, Wolverine: Old Man Logan Giant Size 1

Marvel, 2008/2009

Die „Verfilmung“

Logan – The Wolverine (Logan, USA 2017)

Regie: James Mangold

Drehbuch: Scott Frank, James Mangold, Michael Green (nach einer Geschichte von James Mangold)

mit Hugh Jackman, Patrick Stewart, Dafne Keen, Richard E. Grant, Boyd Holbrook, Stephen Merchant, Elizabeth Rodriguez, Eriq La Salle

Länge: 138 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Logan“

Metacritic über „Logan“

Rotten Tomatoes über „Logan“

Wikipedia über „Logan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Mangolds “Wolverine – Weg des Kriegers” (The Wolverine, USA 2013)

Meine Besprechung von James Mangolds „Logan – The Wolverine“ (Logan, USA 2017)

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)


Über die neuen Geschichten aus dem „Crossed“ und „Crossed + Einhundert“-Universum

März 13, 2017

Die von Garth Ennis vor gut zehn Jahren erfundenen Zombies für seine inzwischen ziemlich beträchtlich angewachsene „Crossed“-Welt waren schon in der ersten Comic-Geschichte etwas anders. Auf den Gesichtern der Gefirmten zeichnete sich ein Kreuz ab und sie wurden in Nullkommanichts zu fluchenden, sexuell äußerst aktiven Bestien, die nur Vulgärsprache, Geschlechtsverkehr und Nahrungsaufnahme (normalerweise der notorisch unwillige Sexualpartner, der als Mensch Mensch bleiben will) in ihrem Körper haben.

Nach der ersten Geschichte (enthalten im ersten „Crossed“-Sammelband) gab Garth Ennis („Hellblazer“, „Preacher“), im Gegensatz zu „The Walking Dead“-Macher Robert Kirkman, das Heft ab. Ennis sagte (obwohl er später in die „Crossed“-Welt zurückkehrte), er habe alles zu dieser Welt erzählt. Aber er sah das Potential für weitere Geschichten, die von anderen Autoren und Zeichnern erzählt werden. Mit wechselndem Personal. Deshalb hat „Crossed“ auch nicht den popkulturellen Einfluss und die Bekanntheit von „The Walking Dead“, der, ohne dass ein Ende absehbar ist, die Geschichte von Rick Grimes erzählt.

Inzwischen ist der sechzehnte „Crossed“-Sammelband (gleichzeitig der neunte Band der „Badlands“-Unterreihe) und der dritte „Crossed + Einhundert“-Sammelband (dazu später mehr) erschienen.

In „Crossed Band 16 – Badlands 9“ erzählt David Lapham die Einzelgeschichte „Die Insel“, die in der ersten Hälfte ein waschechter Noir ist. In der zweiten Hälfte tritt dann der Kampf gegen die Gefirmten in den Vordergrund.

Ex-Polizist Gavin Land sucht in Los Angeles seine sechzehnjährige Tochter. Jennifer geriet in die Fänge eines Porno-Produzenten der abstoßenden Art, hinterließ ihm eine Nachricht auf der Mailbox und verschwand spurlos. Bevor Land seine Tochter findet und den Bösewichtern Manieren beibringen kann, wird er wegen mehrfachen Mordes verhaftet, verurteilt und überlebt die Zombie-Apokalypse im Gefängnis.

Danach sucht er weiter den Porno-Produzenten und seine Tochter; – und hofft, dass sie noch am Leben ist.

David Lapham und sein Zeichner Francisco Manna erzählen in „Die Insel“ eine spannende Noir-Geschichte mit viel Action und Gewalt. Störend für den Lesefluss sind am Anfang die zahlreichen Zeitsprünge.

Crossed + Einhundert“ wurde von Alan Moore erfunden und spielt hundert Jahre nach den Ereignissen von „Crossed“.

Nach dem ersten Sammelband gab Moore das Heft an Simon Spurier ab, der die Geschichte weitererzählte und, nachdem ich schon bei Alan Moores Geschichte Probleme mit der gekünstelten Sprache hatte, wurde diese Problem in den von Simon Spurier erzählten Geschichten noch größer. Hier ein willkürlich gewähltes Beispiel:

Du lernst mich nicht, was ich kann, Taylor. Giss das nicht.“

Sorg dich nicht. So was blicken wir öfter. Kingstenn ist von den Kruzifixern gesklavt. Ein Fünfjahr haben her haben die Smartbillys ihnen einen Deal getan. In die Isolation kicken, Verbindungen kappen, Fremde verkrätzen.“

Das überschreitet locker die Grenze von schwer lesbar zu unlesbar.

Eine nacherzählbare, auf irgendein Ende hin geschriebene Geschichte erkannte ich auch nicht. Außer natürlich dem Basisplot, dass die Archivarin Future Taylor und die anderen Menschen gegen die inzwischen intelligenter gewordenen Gefirmten kämpfen – und die Grenzen zwischen Mensch und Zombie zunehmend unklarer werden in dieser postapokalyptischen Welt, die immer noch so aussieht, als habe der Untergang der Zivilastion gestern stattgefunden.

David Lapham/Francisco Manna: Crossed Band 16 – Badlands 9: Die Insel

(übersetzt von Bluna Williams)

Panini, 2017

212 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Crossed: Badlands 62 – 70

Avatar Press, 2016

Simon Spurrier/Fernando Heinz/Fafael Ortiz: Crossed + Einhundert: Band 2

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Panini, 2016

148 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Crossed plus one hundert # 7 – 12

Avatar Press, 2016

Simon Spurrier/Rafael Ortiz/Martin Tunica: Crossed + Einhundert: Band 3

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Panini, 2016

156 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Crossed plus one hundert # 13 – 18

Avatar Press, 2016

Hinweise

Die „Crossed“-Homepage

Wikipedia über „Crossed“

Meine Besprechung von Alan Moore/Gabriel Andrades „Crossed + Einhundert (Band 1)“ (Crossed plus one hundred # 1 – 6, 2015)

Meine Besprechung von David Lapham (Autor)/Kyle Bakers (Zeichner) “Deadpool MAX: Lang lebe Hydra!” (Deadpool MAX 7 – 12, 2011)

Meine Besprechung von David Lapham/Ramon Bachs/Nathan Massengills „Batman: Stadt der Sünde“ (Detective Comics 800 – 814, Januar 2005 – Februar 2006)


„Angst für Deutschland“ – ein lesenswertes Buch über die AfD

März 8, 2017

Auf der Buchpräsentation von Melanie Amanns „Angst für Deutschland: Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert“ meinte die „Spiegel“-Journalistin, dass die „Alternative für Deutschland“ (AfD) im September bei der Bundestagswahl, ungeachtet der neuesten Umfragen, ein sehr gutes Wahlergebnis bekommen könne. Vielleicht sogar zwanzig Prozent. CDU-Politiker Peter Altmaier, Chef des Bundeskanzleramtes, äußerte sich bei der Vorstellung wesentlich skeptischer. Auch weil das Flüchtlingsthema aus den Schlagzeilen verschwinde.

Aber die AfD hat schon ihr nächstes Thema entdeckt: der Islam.

Bis Amann in ihrem Buch in der Gegenwart (Redaktionsschluss war Anfang Januar) ankommt, vergeht einige Zeit. Sie erzählt weitgehend chronologisch, mit kurzen Schwerpunkten bei den bekannten AfD-Politikern Bernd Lucke, Beatrix von Storch, Alexander Gauland und Frauke Petry, die Geschichte der Partei von ihren Anfängen als Anti-Euro-Partei, gegründet von dem Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke, über den Essener Parteitag am 4. und 5. Juli 2015, der aus einer EU-kritischen Partei eine rechtspopulistische Partei machte, die sich immer weniger von der NPD unterscheidet, bis zur Gegenwart.

Das ist, auch wenn man die Presse dazu aufmerksam verfolgte, spannend zu lesen. Denn in die Rekonstruktion streut Amann auch immer wieder unbekannte Details und Beobachtungen. Für den Spiegel ist die Journalistin seit der Gründung für die AfD zuständig, sie kennt die AfDler, hat vertrauliche Unterlagen und wird auf Parteitagen schon einmal persönlich begrüßt. Allerdings nicht wohlwollend.

Bei ihrer Rekonstruktion konzentriert sie sich auf die Bundespartei. Deshalb – und das ist ein gewaltiger Nachteil des Buches – geht sie kaum bis überhaupt nicht auf die Landesverbände und ihre parlamentarische Arbeit ein. Als säßen die AfDler nur für ihre Diät in den Landesparlamenten; – was auch ziemlich genau den Tatsachen entspricht.

Sie geht auch kaum auf die Mitglieder- und Wählerstruktur der Partei ein, die sich in einigen Punkten fundamental von anderen Parteien unterscheidet.

Insofern ist es auch vollkommen unverständlich, dass die Juristin die AfD eine Volkspartei nennt.

Das ist – und Altmaier stellte es während der Buchvorstellung auch richtig – aus politikwissenschaftlicher Sicht Unfug. Volksparteien sind „für Wähler und Mitglieder aller gesellschaftlicher Schichten und unterschiedlicher Weltanschauungen im Prinzip offen“. Das trifft auf die CDU zu.

Die AfD ist dagegen eine klassische Protestpartei. Und zwar, wie auch Amann ausführt, von Anfang an mit starken rechten Tendenzen. Die AfD sei gekennzeichnet durch ein negatives Gemeinschaftsgefühl und, als verbindendes Element der Hass auf Angela Merkel.

So wurde, schon zu Lucke-Zeiten, ein Parteiausschlussverfahren gegen die Muslima Bouchra Nagla eingeleitet, weil sie bei einem muslimischen Fastenbrechen teilnahm.

Einige Überschriften sind, höflich formuliert, ungeschickt formuliert. Die Verbindung von Alexander Gauland zum „Nationalismus“ ist nachvollziehbar. Bei den Unterkapiteln hätte man dann anstatt „Globalisierung“ besser „Antiglobalisierung“ oder „Globalisierungsablehnung“ geschrieben. „Globalisierungskritik“ ist ja primär von Links besetzt.

Vollkommen absurd wird es bei Beatrix von Storch, die in den Überschriften konsequent mit „Liberalismus“ in Verbindung gebracht wird und Amann hier den Liberalismus zu einer vulgärliberalen Parodie auf den Liberalismus verkürzt. Im Text wird das dann zwar richtig wiedergegeben, aber der Ärger durch die falsche Überschrift und der Zweifel an dem Urteilsvermögen der Autorin ist schon vor dem Lesen der ersten Seite entstanden. Dabei hätte es beim „Liberalismus“ den schon immer sehr rechts stehenden Nationalliberalismus als Anknüpfungspunkt gegeben. In Berlin war die Stahlhelm-Fraktion die Personifizierung dieser FDP. Von Storch, die auch mal FDP-Mitglied war, wird dagegen meist als „reaktionär“ oder „erzkonservativ“ gelabelt. Und das hat dann mit „liberal“ wenig zu tun.

Ein weiteres Problem von „Angst für Deutschland“ ist, dass Amann sich vor allem mit den Machtkämpfen und weniger den Positionen der Partei beschäftigt. Allerdings hat die AfD bislang auch wenige wirklich festgefügte Positionen. Das zeigte sich im August 2016 exemplarisch in der ZDF-Diskussionsendung „Donnerstalk“. Die Europaabgeordnete, Co-Vorsitzende des Berliner Landesverbandes und seit dem Wochenende auch Spitzenkandidatin der Berliner AfD, Beatrix von Storch, konnte in der Diskussion nicht erklären, warum die AfD auf Bundesebene für den Mindestlohn und auf Landesebene (im später beschlossenen Wahlprogramm) gegen den Mindestlohn ist und was jetzt die Parteimeinung zum Mindestlohn sei.

Diese eklatante Unlust an wirklicher inhaltlicher Arbeit zeigt sich auch bei den zahlreichen Machtkämpfen und öffentlichkeitswirksamen Provokationen. Wenn sich in der AfD gestritten wird, geht es um Posten und persönliche Abneigungen. Politische Positionen sind bei diesen Machtkämpfen nebensächlich. Entsprechend schwer fällt der AfD die nicht gewünschte Abgrenzung nach Rechts.

Ärgerlich in „Angst für Deutschland“ ist der fast durchgehende Verzicht auf genaue Daten (vor allem von Aussagen), Namen (es wird öfter nur die Position, aber nicht der Name der Person genannt) und Belege. So liest sich „Angst für Deutschland“ mehr wie eine tagesaktuelle Reportage, weniger wie ein Sachbuch und überhaupt nicht wie eine wissenschaftliche Arbeit.

Bei dem Kapitel „Das Spielfeld: Wie umgehen mit der AfD?“ wendet Amann sich vor allem an Journalisten und die Bundesebene. Auf den Umgang mit der AfD in den Landtagen und darunter liegenden parlamentarischen Gremien geht sie nicht ein. Dabei gäbe es hier zahlreiche Beispiele. Das gleiche gilt für den Umgang der Zivilgesellschaft mit der AfD und rechtem Gedankengut. Wer dazu Tipps benötigt, kann zum Beispiel hier gucken.

Und trotzdem ist „Angst für Deutschland“ ein lesenswertes Buch. Als Parteigeschichte. Als Geschichte von Machtkämpfen, während die Partei immer weiter nach rechts rückte und das auch weiterhin tun wird.

Denn die genannten Kritikpunkte beziehen sich vor allem auf Details.

Melanie Amann: Angst für Deutschland – Die Wahrheit über die AfD: wo sie herkommt, wer sie führt, wohin sie steuert

Droemer, 2017

320 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Droemer über Melanie Amann (mit Lesungen)

Spiegel über Melanie Amann

Inklupedia über Melanie Amann

Perlentaucher über „Angst für Deutschland“


„Mord im Paradies“, Inspector Poole ermittelt jetzt auch in Buchform

März 6, 2017

Mit „Mord im Paradies“ liegt jetzt der erste Roman zu der BBC-Serie „Death in Paradise“ vor und Fans der witzigen Krimiserie wissen, was sie erwartet: ein typischer britischer Landhauskrimi, der allerdings nicht im verregneten England, sondern in der sonnigen Karibik spielt.

Detective Inspector Richard Poole wurde gegen seinen Willen vom schönen Londoner Nebel auf die gruselige Karibikinsel Sainte-Marie versetzt. Es ist dort fast unmöglich, einen richtigen Tee zu bekommen. Man ist ständig am Schwitzen. Aber während die Inselbewohner einen legeren Kleidungsstil bevorzugen, zieht er immer, wie es sich für einen richtigen englischen Polizisten gehört, seinen Anzug an. Selbstverständlich mit akkurat geknüpfter Krawatte. Und dann dauert es bei Ermittlungen ewig, bis die Ergebnisse aus dem Labor eintreffen. Zum Glück ist Poole ein brillanter Ermittler, der auch ohne DNA-Spuren den Täter überführt.

Jetzt wurde in einem noblen Ferienresort mit spirituellem Programm Aslan Kennedy, Besitzer des Hotels, Yogalehrer und selbsternannter Guru ermordet. Verdächtig sind Julia Higgins, Saskia Filbee, Ben Jenkins und das Ehepaar Ann und Paul Sellars, die bei ihm in der von innen verriegelten Meditationshalle waren. Sie nahmen unter Aslans Anleitung am frühmorgendlichen Healing teil und weil das aus Papier und Holzlatten bestehende Zelt mitten auf der Wiese steht, kann sich ihm niemand unentdeckt genähert haben. Rianka, Aslans Ehefrau, kann das bezeugen. Und in dem Zelt kann sich auch niemand versteckt haben.

Also muss einer der fünf Meditationsteilnehmer der Mörder sein. Einen Grund findet Poole auch schnell: vier der Teilnehmer kannten Aslan als David Kennedy. Vor zwanzig Jahren hat er sie mit einem Ponzi-Plan um viel Geld betrogen. Nur zwischen Aslan und Ben Jenkins scheint es in der Vergangenheit keinen Kontakt gegeben zu haben; – was natürlich nicht stimmt.

Und warum lag auf dem Boden der Meditationshalle eine Reißzwecke, auf der keine Fingerabdrücke sind?

Der Fall ist eine harte Nuss für Inspector Richard Poole. In der TV-Serie wurde er von Ben Miller gespielt. Er war in den ersten beiden Staffeln der Ermittler. In der ersten Folge der dritten Staffel wurde er ermordet. Seitdem ermittelt sein detektivisch nicht minder begabter Nachfolger Humphrey Goodman, der in seinem Auftritt allerdings vor allem an Inspektor Clouseau erinnert.

Im von Robert Thorogood geschriebenem Roman ist Richard Poole noch quicklebendig und weil Thorogood der Erfinder der erfolgreichen TV-Serie ist, stehen die Zeichen für eine werkgetreue Umsetzung gut. Denn wer kennt seinen Charakter besser als sein Erfinder? Und trotzdem sah ich beim Lesen weniger Ben Miller als DI Poole, sondern eher seinen schusseligen Nachfolger Humphrey Goodman (Kris Marshall). Da halfen auch die wenigen Hinweise auf Pooles Kleidung (er hat immer seinen Anzug an und er ist immer bis zum letzten Hemdknopf zugeknöpft) und seine negativen Gefühle gegenüber der Insel (Wasser! Sand! Hitze! Das Essen!) nicht weiter. Robert Thorogood hätte, wie Lee Goldberg bei seinen absolut lesenswerten Adrian-Monk-Romane (basierend auf der von Andy Breckman erfundenen TV-Serie), die Ticks, Schrullen und Weltsicht von Poole deutlicher herausarbeiten und dann stärker mit dem Fall verbinden müssen.

Der Fall selbst könnte auch als eine Folge der TV-Serie gezeigt werden. Schließlich geht es um eine Handvoll Verdächtiger, die als Besucher auf der Insel einen Mord begehen und jeder hat mindestens ein Geheimnis.

So ist „Mord im Paradies“ ein ganz normaler Rätselkrimi, der sich nicht von den TV-Fällen unterscheidet. Allerdings werden die in der TV-Serie sehr präsenten Kollegen von Poole zu reinen Statisten degradiert und auch der Humor der Serie fehlt.

P. S.: Schönes Retro-Cover.

Robert Thorogood: Mord im Paradies

(übersetzt von Sabine Längsfeld)

rororo, 2017

384 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

A Meditation on Murder

Harlequin MIRA, Richmond U. K., 2015

Hinweise

BBC über „Death in Paradise“

BBC Germany über „Death in Paradise“

Wikipedia über „Death in Paradise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von “Death in Paradise – Staffel 1″ (Death in Paradise, GB/Fr 2011)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 2“ (Death in Paradise, GB/Fr 2013)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 3“ (Death in Paradise, GB/Fr 2014)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 4“(Death in Paradise, GB/Fr 2015)

Entertainment Outlook: Interview mit Robert Thorogood über den Roman und die vierte „Death in Paradise“-Staffel (8. Januar 2015)


„Die Söhne von El Topo: Kain“ macht den Anfang

März 1, 2017

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In den siebziger Jahren war der surreale Western „El Topo“ ein Kultfilm, ein waschechter Mitternachtskinofilm, der als psychedelischer Trip glänzend funktioniert. In die deutschen Kinos kam der Film erst 1975. Die später erfolgte Indizierung wurde im Januar 2012 aufgehoben. Regisseur Alejandro Jodorowsky wurde mit dem Film zu einem Star, der Frank Herberts „Dune – Der Wüstenplanet“ inszenieren sollte. Daraus wurde nichts, aber in Cineastenkreisen werden die verschiedenen Skizzen und Entwürfe wie der heilige Gral herumgereicht.

Er wollte auch „El Topo“ fortsetzen. Aber alle Verfilmungspläne zerschlugen sich. Jetzt hat Jodorowsky mit Zeichner José Ladrönn eine Comicversion seines Drehbuchs erstellt. „Kain“, der erste Band der mehrbändigen Geschichte „Die Söhne von El Topo“ beginnt ziemlich langsam und endet mit zwei Fragen: Wie viele Seiten benötigt Jodorowsky, um seine Geschichte zu erzählen? Wird er genug Zeit haben, um sie in dieser Form zu erzählen?

Denn in „Kain“ werden wir nur in die Welt nach dem Tod von El Topo eingeführt und lernen seine beiden Söhne Kain und Abel kennen.

El Topo war ein gefürchteter Revolverheld, der zu einem Heiligen wurde und sich am Ende des Films umbrachte. Er hatte zwei Söhne.

Kain, der ältere der beiden Söhne (das wäre Miguel im Film), wurde von El Topo verflucht, damit er seinen jüngeren Halbbruder Abel nicht umbringen kann. Seitdem reitet der Verbrecher Kain als marodierender ‚Unsichtbarer‘ durch die Wüste.

Sein Bruder Abel reist mit einer Puppenschau durch die Gegend. Als seine Mutter stirbt, hat sie einen letzten Wunsch. Sie möchte neben El Topo „im selben Grab aus Honig und Steinen“ beerdigt werden. Es liegt auf einer Insel, die nur seelisch reine Menschen betreten können. Weil der Weg durch das Land gefährlich ist, schickt Abel den Adler Angela mit einer Botschaft für seinen Bruder los.

Der vielversprechende erste Band von „Die Söhne von El Topo“ liest sich gut und er ist auch – noch – konventioneller als „El Topo“.

Alejandro Jodorowsky/José Ladrönn: Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)

(übersetzt von Monja Reichert)

Panini, 2017

64 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Glénat, 2016

Hinweise

Homepage von José Ladrönn

Wikipedia über Alejandro Jodorowsky (deutsch, englisch)


„Worte müssen etwas bedeuten“ – Barack Obamas große Reden

Februar 27, 2017

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Normalerweise ist das ein Buch, das man schulterzuckend ins Regal stellt. Immerhin muss man sich die Reden nicht im Internet zusammensuchen, sondern hat hier wichtige Reden einer Person gesammelt. Irgendwann holt man es vielleicht hervor, weil man ein Zitat benötigt. Aber ansonsten sind die Reden von Politikern, wenn man sich nicht wissenschaftlich damit beschäftigen muss, spätestens nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt Altpapier.

Normalerweise.

Aber im Moment leben wir nicht in normalen Zeiten.

Deshalb werden die Reden von Barack Obama, dem vorherigen US-Präsidenten, im Moment täglich wichtiger. Sie zeigen nämlich in jedem Satz, wie groß der Unterschied zwischen ihm und seinem Nachfolger ist. Der notorische Lügner, halbstarke Chaot und erklärte Militarist Donald Trump (ohne Kampferfahrung) redet von „America First“, zeichnet (fernab aller Fakten) die USA als ein Land im Bürgerkrieg und denkt, Amerika wieder (?) groß zu machen, indem er alles alleine tut. Im besten Fall führt sein erratisches Gerede dazu, dass es bei seinem Abgang nur der USA in jeder Beziehung schlechter geht.

Barack Obama sprach in seinen Reden auch von den Problemen, vor denen die USA und die Welt stehen und der Rolle, die die USA übernehmen müsse.

Wenn man mehrere der in „Worte müssen etwas bedeuten – Seine großen Reden“ von Birgit Schmitz zusammengestellten Reden, die Obama zwischen 2004 und 2016 an verschiedenen Orten auf dem Globus hielt, durchliest bemerkt man schnell immer wieder auftauchende Themen: der Glaube an den amerikanischen Traum und die liberale Gesellschaft, die Kraft von Ideen und Menschen, die die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, die wichtige Rolle der Zusammenarbeit von Menschen und Staaten für eine bessere Welt und Glaube an die fundamentale Gleichheit aller Menschen. Obama betont immer das Verbindende und stellt es immer in den Zusammenhang einer globalen Politik für eine friedlichere Welt und dem Erhalt der Welt für die nachfolgenden Generationen.

Das sind selbstverständlich keine wirklich in die Tiefe des philosophischen und politikwissenschaftlichen Denken gehenden Reden, in denen mit Zitaten und Namen um sich geworfen wird, sondern eher grundvernünftige, alltagstaugliche Auslegungen christlicher und philosophischer Gedanken, die auch, zum Beispiel in seiner Rede zum Empfang des Friedensnobelpreises zeigen, in welchem Zwiespalt der Präsident des mächtigsten Landes der Erde bewegt. Denn er ist auch oberster Befehlshaber des Militärs.

Die Reden sind auch das vollständige Gegenprogramm zu dem jetzigen US-Präsidenten.

Ungefähr auf jeder Seite steht etwas, das man Donald Trump als Spruch an die Wand nageln möchte. Zum Beispiel: „Würde ist der grundlegende Gedanke, dass wir aufgrund dessen, dass wir alle Menschen sind, alle gleich geboren und von der Gnade Gottes berührt sind, unabhängig davon, wo wir herkommen oder wie wir aussehen. Jeder Mensch ist wertvoll. Jeder Mensch ist wichtig. Jeder Mensch verdient es, mit Anstand und Respekt behandelt zu werden. Die längste Zeit der Geschichte haben die Menschen das nicht erkannt. Würde war etwas, das hochrangigen und privilegierten Menschen, Königen und Respektspersonen vorbehalten war. Es war eine jahrhundertelange Revolution des Geistes notwendig, um uns die Augen zu öffnen, dass jeder Mensch eine Würde hat. Auf der ganzen Welt haben Generationen darum gekämpft, diesen Gedanken durch Gesetze und Institutionen in die Praxis umzusetzen.“

In dem Sammelband „Worte müssen etwas bedeuten“ hat Birgit Schmitz 25 Reden von Barack Obama und eine von seiner Frau Michelle Obama zusammengestellt. Es handelt sich um ihre um die Welt gegangene, vielzitierte und hochgelobte „Wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste“-Rede während Hillary Clintons Wahlkampf am 13. Oktober 2016 in New Hampshire über die frauenfeindlichen Äußerungen von Donald Trump.

Leider gibt es zu den Reden keine weiteren Erklärungen und Einordnungen. Es fehlt ein Essay über Obamas Leben und Wirken und warum gerade diese Reden ausgewählt wurden. Es fehlen erklärende Worte zu den Reden, die über eine Nennung vom Ort und Tag hinausgehen. Das liest sich dann so: „Rede für eine atomwaffenfreie Welt, Prag, 5. April 2009“ oder „Rede anlässlich des Attentats auf einen Nachtclub in Orlando, Florida, Washington, 12. Juni 2016“.

Bei einigen Reden, wie seine Reden zum Wahlsieg der Präsidentschaftswahlen am 4. November 2008 und, zu seiner Wiederwahl, am 7. November 2012, in Chicago, seine Amtsantrittsrede am 20. Januar 2009 in Washington, seiner Rede zum Erhalt des Friedensnobelpreises am 10. Dezember 2009 in Oslo, zum 50. Jahrestag der Protestmärsche von Selma nach Montgomery in Selma, Alabama am 7. März 2015, ist dies selbsterklärend.

Bei anderen Reden, wie der zum Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen am 22. September 2010 in New York (Wer kann ad hoc erklären, was auf dem Gipfel besprochen wurde und warum er wichtig ist?) oder der Eröffnungsrede der Weltklimakonferenz COP21 am 30. November 2015 in Paris oder seine „Rede beim Besuch auf Kuba“ in Havanna am 22. März 2016 oder zu verschiedenen Schießereien (Tuscon, Arizona, am 12. Januar 2011; Newton am 16. Dezember 2012, zum Attentat auf einen Nachtclub in Orlando, Florida, am 12. Juni 2016 und, wenige Tage später, in Dallas am 12. Juli 2016) hätte eine kleine Einsortierung, vielleicht auch eine kleine Wirkungsgeschichte (ich rede hier eher von einer halben als von zwei Seiten) gut getan.

Trotzdem ist „Worte müssen etwas bedeuten“ ein sehr lesenswertes und auch Trost spendendes Buch, das auf jeder Seite zeigt, dass eine andere Welt möglich ist.

Inzwischen haben Historiker die Präsidentschaft von Barack Obama in einer ersten Einschätzung als die zwölftbeste aller Zeiten einsortiert. Wenn die Beziehung zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress besser gewesen wäre, hätte er sogar eine noch bessere Platzierung erhalten: „Obama received high marks from presidential historians for his pursuit of „equal justice for all“ and for his commanding „moral authority,“ ranking third and seventh among all former presidents in each respective category. The 44th president also cracked a top 10 ranking for his „economic management“ and public persuasion.“

Barack Obama: Worte müssen etwas bedeuten – Seine großen Reden

(herausgegeben von Birgit Schmitz)

Suhrkamp, 2017

256 Seiten

10 Euro

Hinweise

Wikipedia über Barack Obama (deutsch, englisch)

 


Über Ian Rankins „Rebus – Alle Inspector-Rebus-Stories“

Februar 21, 2017

REBUS von Ian Rankin

Da war wohl auch Ian Rankin überrascht, als er für „Rebus – Alle Inspector-Rebus-Stories“ die in den vergangenen Jahrzehnten, seit dem ersten Rebus-Roman „Verborgene Muster“ (Knots and Crosses, 1987), von ihm geschriebenen Kurzgeschichten mit dem kantigen Inspector zusammenfasste. Denn im Zentrum von Rankins schriftstellerischem Schaffen standen und stehen die Rebus-Romane. Kurzgeschichten schrieb er, wenn er für einen Sammelband oder eine Zeitungsbeilage angefragt wurde. Die Fans, vor allem natürlich die englischsprachigen Fans, nahmen sie dankbar als kleinen Zwischenhappen auf. Preise, wie den Dagger und Edward Award, erhielt er für seine Romane.

Vor neun Jahren erschien mit „Eindeutig Mord“ schon einmal ein Sammelband mit Rebus-Geschichten. Er enthielt zwölf Geschichten, hatte 320 Seiten und war ein richtiges Taschenbuch.

Warum schreibe ich das?

Weil „Rebus“ 31 Geschichten enthält und 768 Seiten umfasst. Oder zwei Rebus-Romane; was dann höchstens in eine große Jackentasche passt.

Zehn der Geschichten des Sammelbandes sind erstmals auf Deutsch erhältlich. Die anderen Kurzgeschichten erschienen in den nicht mehr erhältlichen Sammelbänden „Eindeutig Mord“ und „Der Tod ist erst der Anfang“ (dort sind auch mehrere Nicht-Rebus-Geschichten enthalten). „Schöne Bescherung“ erschien nur als E-Book.

Im Original erschienen die Geschichten über die vergangenen Jahrzehnte an den verschiedenen Orten.

Für „Rebus“ ergänzte Ian Rankin die Geschichten um ein 22-seitges Nachwort, in dem er von seinen schriftstellerischen Anfängen, dem ersten, als Einzelroman geplantem Rebus-Roman (der ihm heute nicht mehr so gefällt, weil John Rebus einfach zu belesen ist), wie er schnell wieder zu Rebus zurückkehrte und wie er mit der Pensionierung von Rebus umging. Rebus erreichte 2007 mit sechzig Jahren die damals für Polizisten geltende Pensionsgrenze und weil Ian Rankin seinen Charakter in Echtzeit altern ließ, musste er ihn in den Ruhestand schicken, der dann doch nicht so endgültig war. Über die Kurzgeschichten schreibt er leider nichts.

Aber das muss er auch nicht: sie sind die kleinen, süchtig machenden „Einer geht noch“-Happen für Zwischendurch, in denen Rebus schnell einen Fall aufklären kann, der nicht unbedingt ein Mord sein muss. Und, auch wenn so ein Sammelband immer gerne als Einstieg in das Werk eines Autors bezeichnet wird, ist es eher die Ergänzung für den Fan, der die Romane schon gelesen hat.

Seitdem – die Originalausgabe erschien bereits 2014 – hat Ian Rankin weitere Geschichten mit John Rebus geschrieben, zum Beispiel „Im allerletzten Augenblick“, zusammen mit Peter James (der Erfinder von Roy Grace) für den Sammelband „FaceOff – Doppeltes Spiel“.

Ian Rankin: Rebus – Alle Inspector-Rebus-Stories

(übersetzt von Giovanni und Ditte Bandini und Conny Lösch)

Goldmann, 2017

768 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

The Beat goes on – The complete Rebus Short Stories

Orion Books, London 2014

Hinweise

Homepage von Ian Rankin

Deutsche Homepage von Ian Rankin (Goldmann-Verlag)

Ian Rankin: The very last drop (16. – 18. Februar 2010; – eine neue Inspector-Rebus-Geschichte)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Ein reines Gewissen“ (The Complaints, 2009)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der Mackenzie Coup“ (Doors Open, 2008)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Rebus’s Scotland – A personal journey“ (2005)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Eindeutig Mord – Zwölf Fälle für John Rebus“ (A good hanging, 1992)

Meine Besprechung von Ian Rankins “Ein Rest von Schuld“ (Exit Music, 2007)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Im Namen der Toten” (The Naming of the Dead, 2006)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Die Seelen der Toten“ (Dead Souls, 1999)

Meine Besprechung von Ian Rankins „Der diskrete Mr. Flint“ (Watchman, 1988)

 Meine Besprechung von Ian Rankins „Mädchengrab“ (Standing in another Man’s Grave, 2012)

Meine Besprechung von Ian Rankins Geschichte „The Lie Factory“ für Rory Gallaghers „Kickback City“

Ian Rankin in der Kriminalakte

 


James Lee Burke sieht auf der “Straße der Gewalt” „Blut in den Bayous“ und Dave Robicheaux

Februar 20, 2017

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Es hat lange gedauert, aber seitdem die Romane von James Lee Burke in Deutschland wieder veröffentlicht werden, können alte Burke-Fans teilweise große Leselücken schließen (wenn sie die Romane nicht schon im Original gelesen haben) und junge Burke-Fans auch das Frühwerk entdecken. Denn der Pendragon-Verlag veröffentlicht auch die alten Robicheaux-Romane wieder. Doch dazu später mehr.

Mit „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003) liegt der dreizehnten von zwanzig Robicheaux-Romanen erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Dave Robicheaux, der erste, bekannteste und erfolgreichste Seriencharakter von James Lee Burke, ist ein trockener Alkoholiker, war Kriminalpolizist in New Orleans und ist jetzt Sheriff in New Iberia.

Weil Jimmie Dolan, ein mit ihm befreundeter, umstrittener katholischer Pater in New Orleans, brutal zusammengeschlagen wird, kehrt Robicheaux auf der Suche nach den Tätern zurück in den Big Easy.

Gleichzeitig muss er sich in New Iberia um die Folgen eines Autounfalls, bei dem drei Teenagerinnen starben, kümmern. Denn der Tod der Mädchen setzt eine Spirale von Rache und Mord in Gang.

Und ein Erlösung suchender IRA-Killer treibt sich in Louisiana herum.

Straße der Gewalt“ gehört zu den späteren Robicheaux-Romanen, in denen die Atmosphäre, die Landschaftsbeschreibungen, einzelne Szenen und ihre Wirkung wichtiger als ein auch nur halbwegs stringent entwickelter Plot sind. Der Anfang ist, wie immer bei James Lee Burke, äußerst gelungen. Aber dann schleppen sich die verschiedenen Plots labyrinthisch über hunderte von Seiten vor sich hin bis sie, im Fall von „Straße der Gewalt“, in einem hastigen Ende münden.

Das war bei seinen ersten Robicheaux-Romanen anders. „Blut in den Bayous“, der zweite Robicheaux-Roman, erschien jetzt wieder in einer Neuauflage.

Robicheaux betreibt in New Iberia einen Bootsverleih und Laden für Fischköder. Bei einem Angelausflug mit seiner Frau Annie stürzt vor ihnen ein kleines Flugzeug ab. Robicheaux kann einen Passagier, ein kleines Mädchen, aus dem in den Bayous versinkendem Flugzeug retten. Die anderen Passagiere, Flüchtlinge aus El Salvador, sind tot. Als die Behörden eine falsche Opferzahl veröffentlichen, weiß Robicheaux, dass etwas faul ist. Vor allem weil die im Bericht nicht erwähnte Tote als Muli für den Rauschgiftbaron Bubba Rocque, den er seit seiner Kindheit kennt, arbeitete.

Robicheaux hört sich in New Orleans bei seinen alten Freunden um und sticht in ein Wespennest aus Organisierter Kriminalität und Geheimdiensten.

Vielleicht weil „Blut in den Bayous“ zu den ersten Romanen gehört, die ich von James Lee Burke gelesen habe und die mich zu einem Burke-Fan machten, gehört für mich der zweite Robicheaux-Roman zu den besten Romanen der seit dreißig Jahren bestehenden Serie.

In seinem Nachwort beschäftigt sich Alf Mayer vor allem mit „Mississippi Delta“, der Verfilmung des Romans von Phil Joanou, nach einem Drehbuch von Scott Frank mit Alec Baldwin (damals Dave Robicheaux, heute…), Kelly Lynch, Mary Stuart Masterson, Teri Hatcher, Eric Robert, Vondie Curtis Hall und Paul Guilfoyle (vor seiner Beschäftigung bei der Las-Vegas-Ausgabe von „C. S. I.“). Er geht dabei auch detailliert auf die schwierige Produktion ein. Sehenswert ist der Film trotz seiner Mängel. Und ich kann Alf Mayers Frage nach dem deutschen Kinostart klären. Ja, er lief in den Kinos. Ich sah ihn damals im Kino. In einer ganz normalen Vorführung in einem ganz normalen Kino. Jahre später besorgte ich mir eine DVD-Ausgabe des Films und wenn es eine schöne Blu-ray-Ausgabe gäbe, würde ich meine DVD gerne dagegen eintauschen.

James Lee Burke: Straße der Gewalt

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2017

520 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Last Car to Elysian Fields

Simon & Schuster, 2003

James Lee Burke: Blut in den Bayous

(übersetzt von Jürgen Behrens, mit einem Nachwort von Alf Mayer)

Pendragon, 2016

456 Seiten

17 Euro

Deutsche Erstausgabe 1991 als „Blut in den Bayous“ bei Ullstein.

Neuausgabe 1996 zum Filmstart als „Mississippi Delta – Blut in den Bayous“ bei Ullstein.

Originalausgabe

Heaven’s Prisoners

Holt, New York, 1988

Erster Bonushinweis

Vater und Sohn von James Lee Burke

Vor einigen Wocheen erschien „Vater und Sohn“ bei Heyne Hardcore und weil ich den seitenstarken Roman noch nicht gelesen habe, beschränke ich mich auf die Fakten. Burke erzählt von Texas Ranger Hackberry Holland, der seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn Ishmael hat. Er sucht ihn und will sich mit ihm aussöhnen. Der Roman spielt zwischen 1891 und 1918. Es ist also ein historischer Roman.

James Lee Burke: Vater und Sohn

(übersetzt von Daniel Müller)

Heyne, 2016

640 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

House of the Rising Sun

Simon & Schuster, New York, 2015

Zweiter Bonushinweis

Sturm ueber New Orleans von James Lee Burke

Der Dave-Robicheaux-Krimi Sturm über New Orleans“ erschien vor wenigen Tagen als Taschenbuch bei Heyne. Das Buch kostet 10,99 Euro.

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

 


TV-Tipp für den 18. Februar: B-Movie – Das wilde West-Berlin der 80er Jahre

Februar 18, 2017

Arte, 23.50
B-Movie – Das wilde WEst-Berlin der 80er Jahre (TV-Titel)/B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989 (Kinotitel) (Deutschland 2015)
Regie: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Drehbuch: Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck, Heiko Lange
Mark Reeder kommt 1979 von Manchester nach Berlin, der Stadt seiner Träume. Er stürzt sich in das Nachtleben und begegnet dort einer pulsierenden Szene von Künstlern und Spinnern. In „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Kinotitel) blickt er äußerst kurzweilig auf die Zeit zwischen 1979 und 1989 zurück.
Dabei gelang es ihm und den Filmemachern Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange eine unglaubliche Menge auch obskurer zeitgenössischer Film- und Tonaufnahmen zu beschaffen, die sie zu einer ebenso wilden, wie kurzweiligen und, dank Reeders selbstironischem Humor und nimmermüder Begeisterung, ämusanten und informativen Collage über ein pophistorisch noch nicht aufgearbeitetes Jahrzehnt zusammenstellten.
mit Mark Reeder, Gudrun Gut, Westbam, Blixa Bargeld, Nick Cave, Joy Division, Zazie de Paris, Nena, Die Toten Hosen, Der Wahre Heino, Einstürzende Neubauten, Die Ärzte, Malaria!, Ideal, Jörg Buttgereit

Das Buch zum Film

Reeder - B Book - 250
Eigentlich Reeders Filmkommentar (deutsch und englich) und viele Bilder. Neben den bekannten Gesichtern von/mit Nena, Nina Hagen, Inga Humpe, den Ärzten, den Einstürzenden Neubauten, und Underground-Stars gibt es Bilder von dem damaligen, herrlich abgeranzten Berlin, das es heute nicht mehr gibt.
Da wünscht man sich eine Zeitmaschine.

Mark Reeder: B-Book – Lust und Sound in West-Berlin
Edel, 2015
224 Seiten
39,95 Euro

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „B-Movie“
Film-Zeit über „B-Movie“
Moviepilot über „B-Movie“
Wikipedia über Mark Reeder (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jörg A. Hoppe/Klaus Maeck/Heiko Langes „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979 – 1989“ (Deutschland 2015)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Oh…“ – Philippe Djians Roman ist jetzt Paul Verhoevens „Elle“

Februar 17, 2017

Im Moment ist Paul Verhoeven Präsident der Berlinale-Jury und gleichzeitig läuft sein neuer Film „Elle“ endlich in unseren Kinos an. Seine grandiose Philippe-Djian-Verfilmung wurde bereits 2016 bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt. Seitdem gab es Preise, wie Golden Globes als bester fremdsprachiger Film und für Isabelle Huppert als beste Darstellerin, eine Oscar-Nominierung für Huppert, elf César-Nominierungen und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Darstellerin“, die auf die Qualitäten von Verhoevens neuem Film hinweisen.

Isabelle Huppert spielt Michèle Leblanc, die Chefin einer Videogame-Firma.

Als sie in ihrer Wohnung vergewaltigt wird, kriegt sie keine Panikattacke oder ruft um Hilfe. Stattdessen räumt sie äußerlich ungerührt die Scherben weg. Sie geht zum Arzt und lässt sich auf mögliche Krankheiten und Infektionen testen. Sie kauft sich Pfefferspray. Bei einem Abendessen in einem noblen Restaurant mit ihrem Ex-Mann Richard, einem erfolglosem Schriftsteller, ihrer Geschäftspartnerin und Freundin Anna und deren Mann Robert (mit dem Michèle ein Verhältnis hat), sagt sie ihnen beiläufig, dass sie vergewaltigt wurde. Weiter will sie nicht darüber reden.

Sie ist ein Biest, das sich schon früh einen Panzer zulegte,und ihren Mitmenschen in einer Mischung aus schnippischer Kaltschnäuzigkeit, gnadenloser Ehrlichkeit und offensichtlicher Ungerührtheit über ihre Gefühle begegnet, Sie ist in keinster Weise liebenswert, aber dank Isabelle Hupperts Spiel schließt man sie dann doch ins Herz. Soweit das möglich ist, bei einer Person, die sich nie als Opfer sieht, immer die Kontrolle behält und keine Emotionen zeigt.

Die anderen Menschen und Paul Verhoevens eiskalt-illusionsfreier Blick auf die conditio humana zeichnet ein reichlich misanthropisches Bilder der Menschheit. Kein Mann ist auch nur im Ansatz eine Zierde seines Geschlechts. Es sind Jammerlappen. Robert ist einfach nur ein ständig notgeiler Trottel. Christian Berkel hatte erkennbar seinen Spaß an diesem tumben Mannsbild. Die Frauen sind kaum besser. Michèles Mutter lässt sich ständig liften und hält sich jüngere Liebhaber. Ihre Nachbarin ist eine überzeugte Katholikin, die auf einem Tischgebet besteht und am Ende einen harmlos klingenden Satz sagt, der, weil wir den Hintergrund und die wahre Dimension des Satzes kennen, schlimmer kaum sein könnte. Ob er aus ehrlicher Erkenntnis oder vollkommener Verlogenheit gesagt wurde, bleibt dagegen dem Zuschauer überlassen. Ihre Freundin Anna erscheint da schon fast wie eine moralische Lichtgestalt.

Es sind, wenn auch mit mehr oder weniger großen Abweichungen von der Norm, ganz normale Menschen, die immer ihr Geheimnis bewahren. Das liegt auch an David Birkes Drehbuch, in dem jeder Satz ein Treffer ist, und Paul Verhoevens präziser Regie. Sie haben aus Philippe Djians Roman „Oh…“ vieles übernommen, ihn aber an den entscheidenden Stellen verbessert und Motive und Beziehungen klarer herausgearbeitet. Dem mit dem Prix Interallié ausgezeichneten Roman fehlt die klare Struktur, der ironische Ton und die satirische Schärfe des Films. So ist Michèle im Roman eine Filmproduzentin, die oft zu Hause Drehbücher liest. Im Film ist sie eine Videogame-Produzentin, die vor allem junge Männer angestellt hat, die gerade ein neues, sehr sexistisches und gewaltverherrlichendes Spiel programmieren. Michèles reale Vergewaltigung wird im Spiel mehr als einmal in verschiedenen Facetten reflektiert. Im Roman wird das Verbrechen von ihrem Vater nur angedeutet. Im Film erfahren wir die ganze Wahrheit. Der Katholizismus von ihrer Nachbarin spielt im Film eine größere Rolle. Sowieso wurden etliche Szenen dazu erfunden, die gleichzeitig Konflikte stärker zuspitzen als im Roman, die Charaktere in einem kälteren Licht erscheinen lassen und der gesamten Geschichte eine faszinierende Zwiespältigkeit verleihen. Denn Verhoeven und sein grandioses Ensemble lassen den Charakteren immer einen Hauch ihres Geheimnisses und fast jeder Satz und jede Handlung kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden.

Auch weil Michèle, nachdem sie die Identität ihres Vergewaltigers enthüllte, mit ihm eine Beziehung eingeht.

Elle“ gehört zu den Filmen, die beim zweiten Ansehen besser als beim ersten Ansehen sind. Wie gut wird der Erotik-Thriller dann beim dritten Ansehen sein?

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Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

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Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Filmportal über „Elle“

Moviepilot über „Elle“

Metacritic über „Elle“

Rotten Tomatoes über „Elle“

Wikipedia über „Elle“ (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ schicken Jungs ins All

Februar 7, 2017

Wenn man auch nur kurz nachdenkt, sagt man sich „Ja, klar“ und fragt sich dann, warum diese Geschichte noch nicht erzählt wurde. Denn dass John Glenn, der erste Amerikaner im Weltall, und, Jahre später, die Männer der Apollo 11, – Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins -, die als erste zum Mond und zurück flogen, die ganzen Berechnungen für Start und Landung, für den Flug und für alle Eventualitäten nicht allein programmierten, ist offensichtlich. Sie waren dazu gar nicht in der Lage. Ihre allseits bekannten Taten (eigentlich saßen sie nur mehr oder weniger lang auf ihrem Platz und taten nichts) gelangen ihnen nur, weil andere Menschen die Arbeit fehlerfrei erledigt hatten.

Die wichtigste Arbeit war dabei natürlich die Grundlagenforschung für die Flüge. Die wurde von Mathematikern erledigt und weil es damals noch keine Computer gab – also nicht in den heutigen Dimensionen, eher so Rechenschieber – mussten natürlich alle Rechnungen von vielen Menschen berechnet werden. Als es in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren die ersten Computer gab, wurden alle Berechnungen noch einmal von Menschen überprüft. Diese aus Sicht eines Mathematikers einfachen Tätigkeiten (wir Normalos, die schon beim Zusammenzählen von einem Bier und einem weiteren Bier verzweifeln, sehen das etwas anders) wurden von unzähligen Frauen erledigt, die damals aus männlicher Sicht nicht für Forschungstätigkeiten qualifiziert waren. Unter diesen Frauen waren auch etliche Afroamerikanerinnen.

Und hier beginnt die Geschichte von „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“. In dem Sachbuch, auf dem Theodore Melfis Film basiert, schildert Margot Lee Shetterly diese Geschichte von ihren Anfängen, als die NASA-Vorläuferorganisation NACA 1943 erstmals Afroamerikanerinnen als „Menschliche Computer“ einstellte, bis zur Mondlandung. In dem Film wird die Geschichte dann auf einen Ausschnitt von wenigen Jahren und drei Frauen – Katherine G. Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe) – verdichtet. Mit einigen erzählerischen Freiheiten, die Faktennerds vielleicht stören. Vor allem die von Kevin Costner, Jim Parsons und Kirsten Dunst gespielten Charaktere basieren nicht auf einer, sondern auf mehreren realen Personen. Aber keine dieser Änderungen und Zuspitzungen (vor allem in der Toilettenfrage) ändert etwas an der emotionalen Wahrheit und der zutreffenden Schilderung der damaligen Zustände, in der die Rassen dank der Jim-Crow-Gesetze sauber getrennt waren und Schwarze in jeder Beziehung diskriminiert wurden. In der NASA dabei weniger als in der restlichen Gesellschaft, weil es hier um klar messbare Leistungen ging. Entweder konnte man rechnen. Oder man konnte es nicht.

Nachdem die Russen im November 1957 die Hündin Laika in den Weltraum schickten, hatten sie den Amerikanern die zweite Schlappe im Kampf um die Eroberung des Weltraums beschert. Als nächstes sollte ein Mensch ins All befördert werden und dieses Mal wollten die Amerikaner die ersten sein. Katherine G. Johnson arbeitete damals in der Abteilung von Dorothy Vaughan. Auch wenn Vaughan formal nicht den Posten einer Abteilungsleiterin hatte, war sie die Leiterin der Abteilung, in der die afroamerikanischen Frauen Teile von größeren Rechnungen berechneten. Die „Mädchen“, die „menschlichen Computer“ (wie sie genannt wurde), waren Hilfskräfte, die ad hoc immer wieder in andere Abteilungen versetzt wurden. Aufgrund einer der zahlreichen Anfragen für temporäre Versetzungen schickte sie Katherine G. Johnson zur Space Task Group. Dort sollte sie bei den Berechnungen für die ersten Flüge ins All helfen. Dass sie eine ausgezeichnete Mathematikerin war, bemerken ihre Kollegen – alles weiße Männer – erst später.

Währenddessen versucht Vaughan endlich auch formal als Abteilungsleiterin eingestuft zu werden und, weil sie im Computer die Zukunft sieht, die die Jobs ihrer Mädchen bedrohen könnte, lernt sie autodidaktisch die Computersprache Fortran und bringt sie ihren Mädchen bei. Damit sind sie, als Fachkräfte für die Computer benötigt werden, die Personen, die die IBM-Computer bedienen können.

Dritte Protagonistin des Films ist Mary Jackson, die von einer Mathematikerin zu einer Ingenieurin befördert werden will. Weil die Einstellungsvoraussetzungen für eine Beförderung immer wieder geändert werden, muss sie sich zuerst zu den für die Beförderung notwendigen College-Kursen (die natürlich nur an einer weißen Universität gehalten wurden) einklagen.

Diese drei Frauen kämpfen um Anerkennung und wir fühlen und leiden mit diesen gewitzten Frauen, die mit weiblichem Charme und viel Kompetenz um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen.

Jackson wurde die erste afroamerikanische Raumfahrtingenieurin der NASA und, später, Managerin des Gleichberechtigungsprogramms.

Vaughan berechnete die Flugbahnen der frühen Mercury-Flüge und John Glenns Friendship-7-Mission, die der Höhepunkt des Films ist. Später wirkte sie bei bei den Berechnungen für die Apollo-11-Mission und das Space-Shuttle-Programm mit. 2015 wurde sie von Präsident Barack Obama mit der Presidential Medal of Freedom, der höchsten zivilen Auszeichnung in den USA, ausgezeichnet.

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ ist ein punktgenau inszenierter Feelgood-Film über weibliche Selbstermächtigung und Selbstbewusstsein und wie es ihnen gelingt, die Männer auf den Mond zu schicken.

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Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen (Hidden Figures, USA 2016)

Regie: Theodore Melfi

Drehbuch: Allison Schroeder, Theodore Melfi

LV: Margot Lee Shetterly: Hidden Figures, 2016 (Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen)

mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst, Jim Parsons, Mahershala Ali, Aldis Hodge, Glen Powell, Kimberly Quinn, Olek Krupa

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Inspiration

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Schon vor der Buchveröffentlichung kaufte Hollywood die Geschichte und begann, ausgehend von einem 55-seitigen Exposé, mit dem Schreiben des Drehbuchs, das letztendlich nur einige Absätze, Sätze und Figuren aus dem Buch übernimmt. Auch weil das Sachbuch sich mehr auf die Anfänge, die Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre, konzentriert.

Margot Lee Shetterly erzählt in „Hidden Figures“ die Geschichte von mehreren Afroamerikanerinnen, die bei der NACA und NASA arbeiteten. Die NASA war ein verlässlicher Arbeitgeber, der über viele Jahre viele gut ausgebildete Menschen brauchte. So waren 1984 8,4 Prozent der NASA-Ingenieure und 2 Prozent aller amerikanischen Ingenieure schwarz. Bei ihren Recherchen stieß sie auf fast fünfzig Afroamerikanerinnen, die zwischen 1943 und 1980 als Rechenspezialistinnen, Mathematikerinnen, Ingenieurinnen oder Forscherinnen im Langley Memorial Aeronautical Laboratory arbeiteten. Bei einer weiteren Recherche, so Shetterly, könnten noch zwanzig weitere Namen entdeckt werden.

Über ihre Bedeutung schreibt sie: „vor allem verhalfen die schwarzen Rechnerinnen von Langley den USA zu einer Vormachtstellung in Luftfahrt, Raumforschung und Computertechnologie und erkämpften sich dabei einen Platz als Mathematikerinnen, die außerdem schwarz waren, und als schwarze Mathematiker, die außerdem weiblich waren. Für eine Gruppe intelligenter und ehrgeiziger Afroamerikanerinnen, sorgfältig ausgebildet für eine mathematische Karriere und bereit für den Sprung in die obere Liga, muss sich Hampton, Virginia, wie das Zentrum des Universums angefühlt haben.“

Besser bezahlt als eine Tätigkeit als Lehrerin an wechselnden Provinzschulen mit unklarer Perspektive war es sowieso.

Shetterly ergänzt die Biographien um Informationen zur NACA und NASA, die damals beide an der Speerspitze des Fortschritts waren. Was heute Silicon Valley ist, war damals die NASA. Ingenieure, Mathematiker und Physiker wollten in die Weltraumforschung und zeigen, dass Menschen mit Überschallgeschwindigkeit fliegen können, dass Menschen ins All und zum Mond fliegen können. Sie schreibt auch viel über den Alltag der Afroamerikaner, die durch die Rassentrennungsgesetze überall in ihrem Leben behindert wurden.

Das alles erzählt sie allerdings in einer biederen, teilweise geschwätzigen Prosa, die nie die Brillanz eines Tom Wolfe hat. Der erzählte in „The Right Stuff“ die Geschichte der Piloten, die in ihren Düsenjets die Schallmauer durchbrachen und nicht zur NASA gehen wollten, weil echte Helden nicht zu Laborratten werden. Aber das ist eine andere Geschichte, die schon vor Jahren erzählt wurde.

Margot Lee Shetterly: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

(übersetzt von Michael Windgassen und Sandra Ritters)

HarperCollins, 2017

416 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Hidden Figures

William Morrow, 2016

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Hidden Figures“

Metacritic über „Hidden Figures“

Rotten Tomatoes über „Hidden Figures“

Wikipedia über „Hidden Figures“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Hidden Figures“

Meine Besprechung von Theodore Melfis „St. Vincent“ (St. Vincent, 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Live by Night“ – Ben Afflecks zweite Dennis-Lehane-Verfilmung

Februar 4, 2017

Joe Coughlin (Ben Affleck) ist kein gewöhnlicher Gangster. Nicht nur, weil er sich selbst als „Outlaw“ (im Buch öfter, im Film nur einmal) bezeichnet und sieht, sondern weil er ein intelligenter Bursche ist. Er ist der Sohn des stellvertretenden Polizeichefs von Boston, der nach seinen Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg außerhalb der Gesellschaft leben möchte.

In Boston der zwanziger Jahre tut er das als kleiner Ganove, der zwischen die Fronten von Albert White (Robert Glenister), einem irischen Mobster, und Don Maso Pescatore (Remo Girone), einem italienischen Mafiosi, gerät. Coughlins Freundin Emma Gould (Sienna Miller) ist auch Whites Geliebte. Als sie – indirekt bei einem Autounfall– durch Whites Hand stirbt, will Coughlin sie rächen. Er geht einen Pakt mit Pescatore ein, der ihn nach Florida schickt. In Ybor, „the Harlem of Tampa“, übernimmt er den dortigen Rumschmuggel. Er organisiert ihn neu und, im Gegensatz zu den bisherigen Gepflogenheiten, mit den Kubanern als gleichberechtigte Partner. Und er verliebt sich in Graciela (Zoe Saldana), die mit ihrem Bruder den Alkoholhandel aus Kuba organisiert.

Nicht allen gefällt Coughlins Aufstieg und seine Zusammenarbeit mit den Kubanern (ich sage nur Rassismus). Oh, und White ist ebenfalls in Florida.

Live by Night“ basiert auf einem gut sechshundertseitigem Epos von Dennis Lehane. Der sehr lesensverte, zwischen 1926 und 1935 spielende Gangsterroman erhielt den Edgar, einen der wichtigsten Krimipreise.

Ben Affleck, der, nach einem Kurzfilm, mit der grandiosen Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ sein Spielfilmdebüt gab, schrieb dieses Mal das Drehbuch, führte Regie und übernahm auch gleich die Hauptrolle. In seinem Script folgt er dem Roman, abgesehen von den notwendigen Kürzungen, genau. Zu genau für meinen Geschmack.

Anstatt sich auf einen Teil von Coughlins Geschichte zu konzentrieren und eine Geschichte zu erzählen, kondensiert er den Roman auf eine eher ungeschickte Weise. Er behandelt Lehanes Roman nicht wie einen Unterhaltungsroman, der die Grundlage für einen packenden Film liefern soll, sondern ehrfurchtsvoll wie ein Stück hohe Literatur, bei dem nichts geändert werden darf. Dieser Ehrfurcht überträgt sich dann auf den gesamten Film, der dadurch oft lebloser als nötig ist.

Die Episoden aus dem Gangsterleben treten immer wieder in den Hintergrund zugunsten von Coughlins Beziehungen zu verschiedenen Frauen und wie sie sein Leben in negativer Hinsicht beeinflussen. Das ist dann, wie im Roman, eine interessante Verschiebung der vertrauten Perspektive. In einem Gangsterfilm, vor allem in einem während der Prohibition spielendem Gangsterfilm, sind Frauen nur Beiwerk, während die gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Gangsterbanden und der Polizei und auch innerhalb der Gangsterbande im Mittelpunkt stehen. Das fehlt dann in „Live by Night“ in einem erstaunlich großem Ausmaß. Hier ist der Schmuggel ein einträgliches Geschäft, bei dem alle gut verdienen und Konflikte lieber mit Geld und Arrangements als mit Gewalt erledigt werden. Obwohl Coughlin durchaus, wenn es nicht anders geht, Gewalt anwendet.

Dagegen muss sich Coughlin mit dem Ku Klux Klan (sie wollen einen Teil seines Geschäftes) und einer Christin (sie will sein Geschäft zerstören) auseinandersetzen. Coughlin versucht beide Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Live b Night“ ist dann ein Gangsterfilm, dem der Drive eines klassischen Gangsterfilms (in dem ein Junge aus der Gosse sich skrupellos den Weg an die Spitze frei schießt) fehlt, ein Liebesfilm, der sich nicht für die Liebesgeschichte(n) interessiert und ein Biopic, das primär Episoden aneinanderreiht, ohne einen klar erkennbaren erzählerischen Bogen zu schlagen. So verweilt Affleck mit seiner Geschichte viel zu lange in Boston, das nur das Vorspiel für Coughlins eigentlich Geschichte ist, die sich im sonnigen Florida abspielt. Dort arbeitet er zwar zielstrebig und in Pescatores Sinn, wie ein neuer Abteilungsleiter, der keine größeren Ambitionen hat. Er will nicht der neue Boss der gesamten Firma werden und er will sich anscheinend auch nicht mehr an White rächen. Auch weil White für ihn überhaupt keine Bedrohung mehr ist.

So plätschert der Gangsterfilm, der sich nicht wirklich entscheiden will, was der Hauptplot und was die Subplots sind, immer wieder vor sich hin, während er ein kleines Gesellschaftsbild von Ybor während der Prohibition zeichnet.

Affleck inszenierte das alles mit viel Liebe zum Detail und Gangsterfilmfans – wir wurden in den letzten Jahren ja auf eine ziemliche Diät gesetzt – dürfen sich über einen stilechten Gangsterfilm freuen. Jedenfalls wenn Affleck die Gangsterfilmszenen inszeniert. Aber oft interessieren ihn andere Dinge und der Film kann in seiner jetzigen Fassung, obwohl er bereits über zwei Stunden ist, nicht verleugnen, dass er besser noch länger wäre. Mindestens eine halbe Stunde. Oder besser sogar eine Miniserie im Fernsehen, die sich dann stärker den Konflikten zwischen den Verbrechern, den politischen und rassistischen Konflikten widmet, die alle schon in Lehanes Roman angesprochen werden und die heute immer noch aktuell sind.

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Live by Night (Live by Night, USA 2016)

Regie: Ben Affleck

Drehbuch: Ben Affleck

LV: Dennis Lehane: Live by Night, 2012 (In der Nacht)

mit Ben Affleck, Elle Fanning, Remo Girone, Brendan Gleeson, Robert Glenister, Matthew Maher, Chris Messina, Sienna Miller, Zoe Saldana, Chris Cooper, Titus Welliver, Max Casella, Clark Gregg, Anthony Michael Hall

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (Lesebefehl)

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Dennis Lehane: In der Nacht

(übersetzt von Sky Nonhoff)

Diogenes, 2013

592 Seiten

10 Euro (Movie-Tie-In-Ausgabe)

Originalausgabe

Live by Night

William Morrow, New York, 2012

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Live by Night“

Metacritic über „Live by Night“

Rotten Tomatoes über „Live by Night“

Wikipedia über „Live by Night“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metter/Dennis Lehanes Comic „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Ben Afflecks Dennis-Lehane-Verfilmung “Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel” (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Ben Afflecks “Argo” (Argo, USA 2012)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuen Verfilmung des Kinderbuchklassikers „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“

Februar 4, 2017

Jetzt hat es auch Andreas Dresen getan. Einen Kinderfilm gedreht. Nach einem erfolgreichen Buch. Und bei Andreas Dresen hätte man das – siehe „Bibi & Tina“-Regisseur Detlev Buck – am wenigsten erwartet. Immerhin ist Dresen als Regisseur von Filmen wie „Die Polizistin“, „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“ und „Wolke 9“ vor allem als improvisationsfreudiger Erwachsenenregisseur bekannt. Mit „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ inszenierte er jetzt eine Big-Budget-Produktion, die ganz anderen Gesetzen gehorcht. Sie ist mit vielen alten Dresen-Bekannten und einigen Neuzugängen prominent besetzt und für ein junges Publikum inszeniert. Die dürfen mit diesem Kinofilm ihren Timm Thaler, der von Arved Friese gespielt wird, entdecken. Ältere Semester erinnern sich ja immer noch an ihren 1979er Timm Thaler, der von Thomas Ohrner gespielt wurde. Ohrner hat als Concierge des Grand Hotel einen Kurzauftritt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der junge Timm Thaler. Ein aufgeweckter, fröhlicher Junge, der mit seinem Lachen jeden verzaubert. Auf der Pferderennbahn lernt er Baron Lefuet (Justusvon Dohnányi) kennen, der ihm ein teuflisches Geschäft anbietet: wenn er Lefuet sein Lachen verkauft, wird er fortan jede Wette gewinnen. Der in bitterster Armut lebende Timm ist einverstanden und ab jetzt gibt es zwischen dem Roman von James Krüss und dem Film von Andreas Dresen (nach einem Drehbuch von „Unter Verdacht“-Erfinder Alexander Adolph) auf der reinen Handlungsebene viele Unterschiede. Auf der emotionalen Ebene und dem Ende nicht. Deshalb habe ich mit den Veränderungen auch keine Probleme und finde sie sogar gut. Denn wer will schon wirklich einen Film sehen, in dem Timm während der halben Geschichte durch die Welt stolpert, Geschäftspartner von Baron Lefuet kennenlernt und sich um Firmeninterna kümmern muss? Außerdem erstreckt sich der Roman über mehrere Jahre.

Der Film spielt dagegen in einem überschaubarem Zeitraum in einer Stadt zwischen Timms Armenviertel, der Pferderennbahn, dem Grand Hotel und dem Anwesen von Baron Lefuet. Wie der Roman spielt der Film in den zwanziger Jahren. Allerdings in einer Steampunk-Variante der zwanziger Jahre, die deutlich von Fritz Langs Filmen, wie „Metropolis“, „Spione“ und seinen „Dr. Mabuse“-Filme inspiriert ist.

Timm hat im Film viele Freunde und damit ein soziales Umfeld, das die gesamte Geschichte realistisch erscheinen lässt. Neben dem aus dem Roman bekannten Kreschimir (Charly Hübner), der ihm im Film als freundlicher Bartender des Grand Hotels hilft und schnell Timms Geheimnis erahnt, ist vor allem Timms Freundin Ida (Jule Hermann) wichtig. Im Roman ist Timm, trotz böser Stiefmutter und bösem Stiefbruder, ein Waisenknabe.

Einige Details in Dresens gelungener und eigenständiger Verfilmung sind allerdings misslungen. Am ärgerlichsten sind Behemoth (Axel Prahl) und Belial (Andreas Schmidt. Koptisch sprechend, in Frauenkleidern), die von Baron Lefuet immer wieder zu Ratten verwandelt werden und Timm hinterherspionieren sollen. Das spekuliert, wenn sie als Ratten durchs Bild laufen, zu sehr auf billige Lacher.

Und das große Finale auf der Rennbahn fällt arg schwach aus. Obwohl es pompöser als das Buchfinale ist.

Erwachsene dürfte auch die fehlende zweite (oder dritte) Ebene stören, die aus Anspielungen besteht, die sie, aber nicht die Kinder verstehen. Wie das geht, zeigt Pixar ja in seinen Animationsfilmen.

So ist „Timm Thaler“ dann ein guter, unterhaltsamer, kurzweiliger, auch anspielungsreicher Kinderfilm, der vor allem für Kinder ist, die wissen wollen, warum Timm keine Freude an seinem Wettglück hat, mit dem er alles haben kann, was er sich wünscht. Außer seinem Lachen und allem, was damit zusammenhängt.

James Krüss‘ kapitalismuskritischer Roman ist nach dem Filmbesuch immer noch eine Lektüre wert. Immerhin erzählt Krüss eine andere, eine globetrottende Geschichte, in der man an einigen Stellen vermutet, dass Behemoth und Belial schon damals Timm beobachten mussten.

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Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen (Deutschland 2017)

Regie: Andreas Dresen

Drehbuch: Alexander Adolph

LV: James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

mit Arved Friese, Justus von Dohnányi, Axel Prahl, Andreas Schmidt, Jule Hermann, Charly Hübner, Nadja Uhl, Steffi Kühnert, Bjarne Mädel, Fritzi Haberlandt, Harald Schmidt, Heinz-Rudolf Kunze, Milan Peschel, Joachim Król (Erzähler)

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

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James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

Verlag Friedrich Oetinger, 2017

336 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von James Krüss

Oettinger-Verlag über James Krüss

Wikipedia über James Krüss und „Timm Thaler“

Homepage zum Film

Filmportal über „Timm Thaler“

Moviepilot über „Timm Thaler“

Wikipedia über „Timm Thaler“ (die aktuelle Verfilmung)

Meine Besprechung von Andreas Dresens „Als wir träumten“ (Deutschland/Frankreich 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Das römische Mafiaepos „Suburra“

Januar 29, 2017

Giancarlo de Cataldo

Carlo Bonini

Stefano Sollima

Wer ein gutes Namensgedächtnis hat, hat jetzt alle nötigen Informationen, um sich auf den Weg ins Kino zu machen. Denn „Suburra“ basiert auf einem Roman von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini, die bereits in mehreren hochgelobten Romanen eine inzwischen Jahrzehnte umspannende Chronik über römische Gangsterbanden und die Verstrickungen von ihnen mit der Politik schrieben. Giancarlo de Cataldo schrieb auch „Romanzo Criminale“ über die Magliana-Verbrecherbande, die in den siebziger und achtziger Jahren Rom beherrschte.

Stefano Sollima war der Regisseur der TV-Serie „Romanzo Criminale“ und, später, der TV-Serie „Gomorrha“ (die auf Roberto Savianos Tatsachenroman über die neapolitanische Mafia basiert) und des Polizeidramas „ACAB – All Cops are Bastards“, das auf dem Roman von Carlo Bonini basiert. Derzeit dreht Sollima „Soldado“, die Fortsetzung von „Sicario“. Das fällt dann wohl in die Kategorie: anderer Schauplatz, gleiches Thema.

Suburra“ erzählt dann die Geschichte von „Romanzo Criminale“ weiter. Jedenfalls insofern, dass der Film in Rom spielt und er wieder ein Porträt der Organisierten Kriminalität ist. In dem Roman gibt es dann auch einige sehr kurze Verweise auf die aus „Romazo Criminale“ bekannten und verstorbenen Bandenchefs.

In „Suburra“ plant der Samurai, der skrupellose Kopf des Verbrechens in Rom mit guten Verbindungen in die Wirtschaft und Politik, ein großes Bauprojekt, bei dem alle viel Geld verdienen können und einige Habenichts gegen ihren Willen, mehr oder weniger handgreiflich, umgesiedelt werden.

Aufgrund der Größe und der notwendigen Baugenehmigungen sind auch die Politik und die katholische Kirche involviert. Und das einzige, was der Samurai im Moment nicht gebrauchen kann, ist Unruhe und unerwünschte Aufmerksamkeit von der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit.

Als während einer kleinen Orgie in einem Nobel-Hotelzimmer eine von dem konservativen Abgeordneten Filippo Malgradi (im Roman Pericle Malgradi, „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) bezahlte minderjährige Prostituierte an einer Überdosis stirbt, beginnt eine Kette von Ereignissen, die Samurais Pläne gefährdet.

Sollima erzählt diese Geschichte, die in einer Woche im November 2011 spielt, bildgewaltig und mit großem epischen Atem. Dabei hat er mit seinen Drehbuchautoren Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia und Stefano Rulli (beide ebenfalls das Buch für den Spielfilm „Romanzo Criminale“ und mehrere Episoden für die legendäre TV-Serie „Allein gegen die Mafia“) das Dickicht der Personen und Handlungsstränge des Romans zurechtgestutzt, ohne es zu übermäßig zu vereinfachen. Es gibt immer noch viele Personen und viele Handlungsstränge, die sich langsam miteinander verknüpfen und gegenseitig beeinflussen. Meist, immerhin ist „Suburra“ ein Noir, in Richtung Abgrund. Nicht umsonst werden die Tage bis zur Apokalypse immer wieder eingeblendet.

Das ist großes Kino, das wegen seiner Bilder (Rom bietet halt immer einiges für das Auge) auf der großen Leinwand seinen vollen Reiz entfaltet.

Der Roman liest sich dagegen wie eine faktenversessene Reportage, die auf ausführlichen Recherchen (de Cataldo ist Richter, Bonini Investigativ-Journalist) basiert und wirklich keine Ecke des römischen Sumpfes und der Verflechtungen zwischen den verschiedenen Ebenen, Hierarchien, Personen und Organisationen unbeleuchtet lassen will. Für Italiener, die die Hintergründe, Personen (auch wenn sie im Roman andere Namen haben) und Anspielungen kennen, wird sich „Suburra“ wie eine lange Reportage lesen. Für uns ist das Geflecht des Enthüllungsromans mit den vielen handelnden Personen oft mühsam zu durchschauen.

In der aktuellen Ausgabe des Romans bei Heyne Hardcore gibt es daher dankenswerterweise auf der zweiten Umschlagseite ein Namensverzeichnis mit 37 Namen und etliche namenlose „Sonstige“.

Die bedächtige Erzählweise des Spielfilms und die vielen Personen erinnern dann an eine TV-Serie. Und die ist auch geplant. Für Netflix soll dieses Jahr die Geschichte von „Suburra“ weiter erzählen werden. Und das könnte wieder eine Serie sein, die man sich ansehen muss.

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Suburra (Suburra, Frankreich/Italien 2015)

Regie: Stefano Sollima

Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli

LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)

mit Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano, Giuila Elettra Gorietti, Antonello Fassari, Jean-Hugues Anglade

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Suburra von Giancarlo de Cataldo

Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra

(übersetzt von Karin Fleischanderl)

Heyne, 2016

416 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Folio Verlag, Wien/Bozen, 2015

Originalausgabe

Suburra

Giulio Einaudi editore, Turin, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Suburra“

Rotten Tomatoes über „Suburra“

Wikipedia über „Suburra“ (englisch), italienisch [mit den Tagen bis zur Apokalypse])

Perlentaucher über den Roman „Suburra“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 1“

Meine Besprechung von „Romanzo Criminale – Staffel 2“


Neu im Kino/Filmkritik: Wim Wenders, Peter Handke, „Die schönen Tage von Aranjuez“

Januar 27, 2017

Wim Wenders verfilmt Peter Handke. Wieder einmal. Schon als Student drehte er 1969 mit Peter Handke den Kurzfilm „3 amerikanische LP’s“. Sein erster Spielfilm „Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter“ (1972) basiert auf Handkes gleichnamigem Roman und Handke schrieb mit ihm die Dialoge. Für „Falsche Bewegung“ (1975), einen seiner frühen Erfolge, schrieb Handke, frei nach Johann Wolfgang Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, das Drehbuch. „Der Himmel über Berlin“ (1987), für den sie gemeinsam das Drehbuch schrieben, war ein weltweiter Erfolg, der sogar ein Hollywood-Remake erhielt.

Jetzt, nach jahrelanger Handke-Abstinenz, verfilmte Wenders dessen Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ mit zwei großen und einigen kleineren Ergänzungen. Eine der kleinen Ergänzungen ist die Jukebox, die einerseits schon in Wenders‘ Studentenfilmen (und in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“) verewigt ist, andererseits an Handkes Erzählung „Versuch über die Jukebox“ erinnert. Wenders hat sie als Hommage an diese Erzählung in den Film eingebaut und deshalb steht in der Villa des Schriftstellers eine heute vollkommen unmoderne und auch unpraktische Wurlitzer. Damit kommen wir zur ersten großen Veränderung: Wenders bettet Handkes Stück in eine Rahmenhandlung ein. Dafür erfand er einen Schriftsteller, den es im Stück nicht gibt.

Der Schriftsteller (Jens Harzer) beobachtet aus seinem Arbeitszimmer heraus zwei Menschen, die sich unterhalten. Das Gespräch zwischen ihnen ist dann Handkes auf französisch geschriebenes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“, das er einen „Sommerdialog“ nennt und in dem der Mann (Reta Kateb) und die Frau (Sophie Semin, Handkes Ehefrau) sich, nach vorher abgesprochenen Regeln, über ihre Sexualerlebnisse und seine Tage in Aranjuez unterhalten, garniert mit Bemerkungen von ihm über Obst, Bäume und Vögel. Allerdings ohne jemals wirklich konkret zu werden. Fast alles bleibt im Ungefähren und vieles an dem Dialog verläuft tastend, so als wisse der Autor nicht, wohin das Gespräch sich entwickeln soll.

In dem Film ist schnell deutlich, dass der Mann und die Frau, die beide keinen Namen haben, nur in der Fantasie des ebenfalls namenlosen Schriftstellers existieren. Und dass die Regeln – keine einsilbigen Antworten, kein Wort von Gewalt, keine Aktion, keine Handlung, sondern nur Dialog – von dem Autor selbst auferlegte Beschränkungen bei einer Schreibübung sind, in der der Mann mehr über die Sexualität der Frau, die nur in der Phantasie des Schriftstellers existiert, erfahren will. Deshalb fragt er auch als erster nach ihrem ersten sexuellen Erlebnis: „Das erste Mal, du mit einem Mann, wie ist das gewesen?“

Als Lektüre funktioniert diese Idee auch gut. Im Film weniger bis überhaupt nicht. Das beginnt mit Reta Kateb und Sophia Semin, die den Mann und die Frau spielen. Wobei spielen übertrieben ist, weil sie nicht spielen, sondern einfach nur in einem Garten auf einer Terrasse an einem Tisch sitzen, sich nicht bewegen. Sie reden in einem immergleichen monotonen Tonfall, der nicht vom Text ablenken soll, aber einschläfernd ist. Auch weil der Dialog keine Handlung und keine erkennbare Richtung hat, sondern mäandernd, mehr oder weniger konsequent, um einige Punkte kreist.

In seiner Regie spiegelt Wim Wenders dann diese Idee. Auch die Kamera folgt den Regeln, die Handke seinen beiden Redenden auferlegt: sie bewegt sich nicht. Benoit Debie nimmt einfach die beiden Redenden auf. Meistens über Minuten ohne einen Schnitt und oft in einer Totalen, in der der Mann und die Frau, am Tisch sitzend, im Bild sind. Damit verstärken die Kamera und der Schnitt die einschläfernde Tendenz des Textes.

Da hilft – und das ist die zweite große Änderung – der Auftritt von Nick Cave als Nick Cave, der am Flügel sein Liebeslied „Into my Arms“ singt, nicht. Nick Cave gibt es nicht in Handkes Stück, aber langjährige Wenders-Fans sind Nick Cave bereits öfter begegnet. Zuerst in „Der Himmel über Berlin“, als Cave mit den Bad Seeds live auftrat.

Auch in „Die schönen Tage von Aranjuez“ hat die Musik eine wichtige, das Stück kommentierende Rolle; beginnend mit Lou Reeds „Perfect Day“, der mit Bildern von menschenleeren Pariser Straßen und Parks illustriert wird, und endend mit Gus Blacks „The World is on Fire“. Wenders und Handke ohne Musik ist halt nur die halbe Miete. Jedenfalls in einem Wenders-Film.

Trotzdem funktioniert „Die schönen Tage von Aranjuez“, mal wieder in 3D gefilmt, als Film nicht. Er hat den Charme eines Standbildes, das man sich gut hundert Minuten ansehen muss und dem Begriff „Langeweile“ ungeahnte Dimensionen verleiht. Vor allem wenn man mit Handkes Prosa nichts anfangen kann. Denn Wenders‘ Film ist nur die statische Illustration des Textes.

Deshalb wäre die beste Präsentation des Filmes wahrscheinlich ein illustriertes Filmbuch. Dann könnte man sich an den Bildern erfreuen und den Text so lesen, wie man ihn lesen möchte.

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Die schönen Tage von Aranjuez (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Wim Wenders

LV: Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog, 2012 (Theaterstück)

mit Reta Kateb, Sophie Semin, Jens Harzer, Nick Cave

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Vorlage

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Peter Handke: Die schönen Tage von Aranjuez – Ein Sommerdialog

Suhrkamp, 2012

72 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Moviepilot über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Rotten Tomatoes über „Die schönen Tage von Aranjuez“

Wikipedia über „Die schönen Tage von Aranjuez“

suhrkamp über Peter Handke

Homepage von Wim Wenders

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Wim Wenders in der Kriminalakte