Für ein paar Dollar mehr (Per qualche dollari i piu,, Italien/Deutschland/Spanien 1965 [restaurierte Fassung 2003])
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Sergio Leone, Luciano Vincenzoni
Musik: Ennio Morricone
Zwei miteinander konkurrierende Kopfgeldjäger wollen das auf einen Bankräuber ausgesetzte Kopfgeld kassieren. Dafür infiltrieren sie seine Bande und ein ziemlich blutiges Spiel mit viel Betrug, Verrat und coolen Sprüchen beginnt.
Nach dem Erfolg von „Für eine Handvoll Dollar“ hatte Sergio Leone ein paar Dollar mehr zur Verfügung, die er für seinen nächsten stilbildenden Western-Klassiker investierte.
mit Clint Eastwood, Lee Van Cleef, Gian Maria Volonté, Klaus Kinski, Josef Egger, Kurt Zips, Rosemarie Dexter
Nach der Verbüßung seiner Jugendstrafe würde Daniel gerne Priester werden. Aufgrund seiner Vorstrafen ist das unmöglich. Als er in einem Dorf für einen Geistlichen gehalten wird, nimmt er diese Rolle an und spaltet mit seiner unkonventionellen Art schnell die Dorfgemeinde
TV-Premiere. Jan Komasas auf einem wahren Fall beruhende Hochstapler-Geschichte war in Polen ein Kritiker- und Publikumserfolg, der sogar in den deutschen Kinos lief.
„Corpus Christi“ ist ein sperriger, aber auch sehenswerter Film.
„A Film by Guy Ritchie“ heißt es am Anfang des Films. Zutreffender wäre: „ein Film von Guy Ritchie, der nichts von einem Guy-Ritchie-Film hat“. Denn bekannt ist er für seinen Humor und seine Actionszenen. Action gibt es auch in „Cash Truck“. Aber nicht von der artistischen Sorte, sondern von der Sorte, in dem zwei Züge ineinanderkrachen. Masse trifft auf Masse. Und zu Lachen gibt es auch nichts.
Erzählt wird die Geschichte eines Rachefeldzugs, bei dem der Rächer keine Gefangenen macht. Jason Statham spielt ihn konsequent unterkühlt emotionslos. Als Patrick Hill, „H“ genannt, heuert er in einer Sicherheitsfirma an. Diese Firma befördert in gut gepanzerten Transporten täglich mehrere Millionen Dollar durch Los Angeles und wird dabei ab und zu überfallen. Bei einem dieser Überfälle – das erfahren wir erst später – starb Hs Sohn. Er wurde schwer verletzt. Jetzt will er, nachdem seine bisherigen Versuche, die Täter unter den üblichen Verdächtigen zu finden, nur zu einem Berg Leichen führten, mit einer falschen Identität, in der Geldtransporterfirma den Mann entdecken, der mit den Dieben zusammenarbeitet.
Ungewöhnlich wird diese Rachegeschichte durch ihren Aufbau und die damit verbundenen Zeitsprünge, die konsequent durchgehalten werden. Im zweiten Kapitel erfahren wir mehr über H, im dritten über die Diebe, und im vierten treffen sie auf dem gut gesichertem Firmengeländer der Geldtransporterfirma aufeinander. Von dort wollen sie die immensen Geldmengen, die an einem Black Fridays zusammenkommen, stehlen. Sie betreten das Firmengelände in dem sicheren Wissen, dass einige von ihnen und eigentlich alle Firmenmitarbeiter sterben werden. Nicht gerechnet haben sie mit dem unkaputtbaren H.
Dieser Aufbau erinnert Krimifans an die grandiosen Parker-Krimis von Richard Stark (aka Donald E. Westlake). Parker ist ein eiskalter Profidieb, der keine menschlichen Bindungen hat (in den späteren Romanen änderte sich das etwas) und der nach einem reinem utilitaristischem Kosten-Nutzen-Kalkül agiert. Deshalb wäre ihm auch nie das passiert was ‚Patrick Hill‘ passiert: heiraten, einen Sohn bekommen (gut, das kann auch ohne Heirat passieren), sich um ihn kümmern und tiefere Gefühle für ihn entwickeln. Nein, das wäre Parker niemals passiert.
Seine Arbeit erledigt H dann genauso, genaugenommen noch emotionsloser als Parker. Schließlich geht es hier nicht um etwas Geld (wie in der klassischen Parker-Verfilmung „Point Blank“ bzw. der Vorlage „The Hunter“ [Jetzt sind wir quitt/Payback/The Hunter]), sondern um den sinnlosen und überflüssigen Tod eines Jugendlichen. Hs leichengesättigter und äußerst blutiger Feldzug ist dann kein Selbstjustiztrip, sondern ein von der Polizei wohlwollend beobachtetes Begleichen einer offenen Rechnung. Wie Mike Hammer in Mickey Spillanes „Ich, der Rächer“ (I, the Jury) ist er gleichzeitig Jäger, Richter und Vollstrecker.
Stilistisch orientiert Guy Ritchie sich in seinem Thriller am düsteren Siebziger-Jahre-Thriller und, ja, auch an John Boormans „Point Blank“.
„Cash Truck“ ist ein konsequent düsterer Thriller, ohne irgendeinen Sympathieträger, ein Abstieg in die Hölle, in der es nichts mehr gibt. Noch nicht einmal Verzweiflung.
Die Inspiration für Ritchies Gangsterfilm war der französische Thriller „Cash Truck“ (Le convoyeur, 2004).
Das Bonusmaterial, ein viereinhalbminütiges Making-of, ist vernachlässigbar. Inzwischen scheint die Zeit vorbei zu sein, in der bei neuen Filmen für die DVD/Blu-ray-Veröffentlichung Bonusmaterial in einem nennenswertem Umfang produziert wird. Das war, zugegeben, oft rein werblich und mäßig interessant, aber es gab manchmal auch wertvolle Einblicke in bestimmte Aspekte der Geschichte und der Produktion.
Cash Truck (Wrath of Man, USA 2021)
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Guy Ritchie, Ivan Atkinson, Marn Davies (basierend auf „Le Convoyeur“ von Nicolas Boukhrief und Éric Besnard)
mit Jason Statham, Holt McCallany, Josh Hartnett, Jeffrey Donovan, Scott Eastwood, Andy Garcia, Laz Alonso, Niamh Algar, Eddie Marsan, Rocci Williams, Deobia Oparei, Raúl Castillo, Chris Reilly, Mark Arnold, Gerald Tyler, Darrell D’Silva
Brandneue gut einstündige Doku über die Fassbinder-Schauspielerin.
Arte über die Doku: „In ungewohnter Offenheit erzählt sie, was ihr im Leben wichtig war und ist. Der Film zeigt Schygulla ganz persönlich und porträtiert eine faszinierende Frau, die seit jeher unterschiedliche Menschen und Kulturen zusammenbringt – selbst in Zeiten der Pandemie.“
1981 hat die in Bayern dauerregierende CSU die geniale Idee, in Wackersdorf eine atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) zu bauen. Die Bewohner der strukturschwachen Region sollen sich über die versprochenen Arbeitsplätze freuen und still sein. Nicht gerechnet haben sie mit dem Protest von Atomkraftgegnern und dem SPD-Landrat Hans Schuierer, der sich und seine Region nicht für dumm verkaufen lässt.
„Wackersdorf“ ist ein ruhig und nah an den Fakten erzähltes Drama in gedeckten Brauntönen über einen Landrat, der zum Widerstandskämpfer wird.
mit Johannes Zeiler, Peter Jordan, Florian Brückner, Anna Maria Sturm, Andreas Bittl, Fabian Hinrichs, Johannes Herrschmann, Frederic Linkemann, Ines Honsel, Sigi Zimmerschied, August Zirner
Kurz nach dem Start fällt Captain Marina Barnett buchstäblich ein Blinder Passagier vor die Füße. Aus unbekannten und nie geklärten Gründen wurde er vor dem Abflug nicht entdeckt und jetzt ist es zu spät, um die zweijährige Mission noch zu stoppen. Michael Adams, so heißt der Blinde Passagier, ein Techniker vom Bodenpersonal, muss mit zum Mars fliegen. Die Medizinerin Zoe Levenson und der Biologe David Kim nehmen ihn als viertes Mitglied in ihre Crew auf. Es wird zwar etwas enger sein, aber es wird schon gehen.
Dummerweise bemerken sie kurz darauf, dass in Michaels Versteck ein Versorgungssystem irreparabel geschädigt wurde. Die Luft reicht nicht, sie alle lebendig zum Mars zu befördern.
„Stowaway – Blinder Passagier“ ist ein Hard-Science-Fiction-Film, wie „Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ oder „Gravity“. Deshalb stehen die Bemühungen der Crew, aus ihrer misslichen Lage zu kommen und wie ihnen das auch in der Realität gelingen könnte, im Zentrum.
Außerdem sind die Astronauten normale Menschen, die auch in einer Extremsituation die Nerven behandeln und ihr Wissen zum Finden von Lösungen einsetzen. Es geht um Mathematik, Variablen, Wahrscheinlichkeiten, Unmöglichkeiten und darauf basierenden Improvisationen.
Joe Penna konzentriert sich in seinem Film auf diese vier Menschen im Raumschiff. Eine Welt außerhalb des Raumschiffs gibt es nicht. Bei Gesprächen mit der Zentrale, sehen wir diese nicht, hören nicht deren Antworten und erfahren nur durch Barnetts Statement, dass sie alles tun würden, um sie zu retten. Es ist, als habe man bei „Der Marsianer“ alle Szenen, die nicht Watney Überlebenskampf auf dem Mars zeigen, herausgeschnitten. Diese Heransgehensweise verstärkt die Isolation der Marsreisenden.
Einige Dinge habe ich allerdings nicht verstanden. Zum Beispiel, warum es nicht weitere Luftreinigungssysteme gibt und wie Michael in sein Versteck gekommen ist. Auch der Außenaufbau des Raumschiffs erschien mir etwas seltsam und, auch im Weltraum, unpraktisch. Er war allerdings wichtig für den Höhepunkt des Films.
Warum sie die Mission wenige Stunden nach dem Beginn nicht mehr abbrechen, wird im Film ebenfalls nicht genauer erklärt. Sie scheinen aber eine Technik anzuwenden, die auf dem von Astronaut Buzz Aldrin vorgeschlagenem Mars-Cycler-Konzept beruht. Die Idee ist, das Raumschiff, wie eine Kugel, zum Ziel zu schießen. Und wie eine Kugel, die den Lauf der Waffe verlassen hat, kann das sich auf dem Weg zum Mars befindende Schiff dann nicht mehr gestoppt werden.
Für diese und ähnliche Fragen wäre ein Audiokommentar von oder ein Gespräch mit einem Experten hilfreich gewesen. Im Film hätten solche Erklärdialoge, in denen ein Experte dem anderen Experten erklärt, was er weiß, genervt.
Insgesamt wirkt die Filmgeschichte äußerst realistisch und es ist auch angenehm, einfach Profis bei der Arbeit, die sie ruhig und kompetent verrichten, zu beobachten. Auch das ist spannend.
Regisseur Joe Penna und sein Co-Autor Ryan Morrison arbeiteten bereits bei Pennas Debütspielfilm „Arctic“, über den Überlebenskampf eines Mannes (Mads Mikkelsen) in der Arktis, zusammen.
Drehbuch: Julian Mitchell, Stanley Price, Pierre Marton (Pseudonym von Peter Stone)
LV: Alex Gordon (auch Gordon Cotler): The Cipher, 1961
Oxford-Professor Pollock soll eine hethitische Inschrift entziffern. Er weiß nicht, dass er danach umgebracht werden soll.
Schwungvolle Agenten-Komödie in einem verschwenderischen Dekor, z. B. trägt Sophia Loren nur Kleider von Dior. Ist einer der besten nicht von Hitchcock inszenierten Hitchcock-Filme – und eine prall gefüllte Wundertüte an Intrigen und Gegenintrigen.
Gordons Buch war 1962 als bestes Debüt für den Edgar nominiert.
Mit Gregory Peck, Sophia Loren, Alan Badel, Kieron Moore
Der unsichtbare Dritte (North by Northwest, USA 1959)
Regie: Alfred Hitchcock
Drehbuch: Ernest Lehman
Ein immer wieder unterhaltsamer Hitchcock-Cocktail: Feindliche Agenten halten den lebenslustigen Werbekaufmann Roger Thornhill für einen US-Spion und die Polizei für einen Mörder. Um seine Unschuld geht die Jagd „North by Northwest“.
Anschließend, um 22.25 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Cary Grant – Der smarte Gentleman aus Hollywood“ (Frankreich 2015).
Mit Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason, Leo G. Carroll, Martin Landau
Konrad ist ein allein lebender Stinkstiefel. Seine Frau ist gestorben. Seine Tochter ist lesbisch und will jetzt die Kinder ihrer Freundin adoptieren. Der 85-jährige findet beides schlimm. Auch die neugierige Nachbarin nervt ihn. Nur mit seinen im Keller des typisch deutschen Vorstadtreihenhauses im Aquarium lebenden Fischen versteht er sich.
Eines Tages entdeckt er am Haus Einbruchsspuren. Er legt sich auf die Lauer und erwischt den Einbrecher. Sofort schießt er mit einer Nagelschusspistole auf ihn. Der Getroffene ist allerdings kein Mann, sondern die elfjährige Thurba. Ihre Mutter soll in den Jemen abgeschoben werden. Die Abschiebung wird allerdings errst vollzogen, wenn die gesamte Familie abgeschoben werden kann. Langfristig möchte Thurba nach England zu Verwandten. Aber im Moment versteckt sie sich vor der Polizei und schlägt sich durch den Tag. Immer auf der Suche nach der nächsten Mahlzeit und einem warmen Ort.
Als Konrad bemerkt, dass er ein Kind verletzt hat, verarztet er es. Und, anstatt die Polizei anzurufen (weil, dann gäbe es ja keinen Film), lässt er sie bei sich übernachten. Natürlich nur diese Nacht.
Man muss wirklich kein Genie sein, um sich auszurechnen, wie sich die Geschichte zwischen Konrad und Thurba weiterentwickelt. Denn natürlich bleibt es nicht bei einer Nacht.
Diese Vorhersehbarkeit ist, wenn die Geschichte gut erzählt wird, selbstverständlich kein Problem. Und Thurbas Wunsch, nach England zu fahren, könnte der Auftakt für ein vergnügliches Roadmovie über die Annäherung zweier gegensätzlicher Figuren und die Resozialisierung eines alten Zausels sein. Aber die Geschichte bleibt im Reihenhaus stecken. Da wird dann zwischen Keller und Schlafzimmer alles ausdiskutiert. Leider ziemlich vorhersehbar mit papiernen Dialogen, die die Schauspieler zu einem ähnlichen Spiel animieren. So wirkt Jakob Zapfs mit einem überschaubarem Budget gedrehtes Spielfilmdebüt nie – und hat es auch nie versucht – wie großes Kino, sondern immer wie ein bedeutungsschwerer TV-Film. Immerhin mit Jürgen Prochnow in der Hauptrolle.
P. S.: Im Film sind die Untertitel teilweise nicht vollständig lesbar. Das ist, wie uns nach der Pressevorführung gesagt wurde, so gewollt.
Eine Handvoll Wasser (Deutschland 2020)
Regie: Jakob Zapf
Drehbuch: Marcus Seibert, Ashu B.A., Jakob Zapf
mit Jürgen Prochnow, Milena Pribak, Pegah Ferydoni, Anja Schiffel, Anke Sevenich
Columbo: Lösegeld für einen Toten (Ransom for a dead man, USA 1971)
Regie: Richard Irving
Drehbuch: Dean Hargrove, Gene Thompson (ungenannt), Richard Levinson (Geschichte), William Link (Geschichte)
LV: Richard Levinson, William Link (Charakter)
Anwältin Leslie Williams entsorgt ihren Mann im Meer. Um nicht als Mörderin verdächtigt zu werden, inszeniert sie die Entführung ihres toten Gatten. Dummerweise wird Columbo mit den Ermittlungen betraut.
Der zweite Pilot-Film nach „Mord nach Rezept“ (dem verfilmten Theaterstück, das damals nur als Einzelstück geplant war) und vor dem offiziellen ersten Columbo-Film „Tödliche Trennung“ hat bereits alles, was wir an „Columbo“ lieben. Ein schöner Fall mit tollen Auftritten von Columbo. Allein schon die erste Szene – und wie er dann auf seine unbeholfene Art die schöne Staranwältin ins Visier nimmt. Großes Theater.
Heute wird der Lösegeld-Fall als Teil eines Columbo-Marathons gezeigt. Er beginnt um 18.30 Uhr mit „Mord nach Rezept“ (yep, der erste Fall), geht um 20.15 Uhr mit „Lösegeld für einen Toten“ weiter. Um 22.10 Uhr „Tödliche Trennung“ (inszeniert von einem gewissen Steven Spielberg), um 23.45 Uhr wieder „Mord nach Rezept“ und um 01.25 Uhr wieder „Lösegeld für einen Toten“.
Mit Peter Falk, Lee Grant, John Fink, Harold Gould
Bevor ich mit dem Kritisieren beginne, muss ich eines sagen: „Billie – Legende des Jazz“ ist sehenswert. Für Jazzfans sowieso. Für Fans von Musikdokus ebenso. Und wer sich für amerikanische Sozialgeschichte interessiert, sollte sich die Doku über das Leben der Jazzsängerin Billie Holiday ebenfalls ansehen.
Die Grundlage für James Erskines Doku waren Tonbänder, die Linda Lipnick Kuehl in den Siebzigern aufnahm. Sie waren Teil ihrer jahrelangen Recherche für eine Biographie über die Jazzsängerin. Am 6. Februar 1978 starb Kuehl in Washington, D. C.. Für die Polizei war ihr Tod ein Suizid. Ihre Schwester Myra Luftman, die auch im Film auftritt, bezweifelt das.
Diese halbgare Mordgeschichte ist der vernachlässigbare Rahmen, in dem Erskine das Leben von Billie Holiday von ihrer Geburt 1915 bis zum Tod 1959 erzählt. Dafür wertete er die von Kuehl gemachten 125 Tonbänder mit 200 Stunden Interviews und ihr Buchmanuskript aus. Dazu kommen Ausschnitte aus Interviews mit Billie Holiday. Diese Toncollage wird mit zeitgenössischen Bildern unterlegt. Es gibt auch einige Ausschnitte aus älteren TV-Sendungen. Hier ist vor allem ein Talkshowauftritt von ihrem Entdecker John Hammond (einem Weißen) zu erwähnen. Und selbstverständlich gibt es Ausschnitte von ihren Auftritten. Diese Bilder wurden für den Film gelungen koloriert.
Kuehl interviewte zwischen 1971 und 1978 vor allem Mitmusiker, Freunde, Bekannte, Familienmitglieder und Vertraute von Billie Holiday. Sie sprach auch mit FBI-Agenten, die gegen sie wegen Drogenvergehen ermittelten, und einer Vollzugsbeamtin, die erzählt, wie Holiday sich im Gefängnis verhielt.
Als Zeitzeugen sind diese Menschen für eine Biographie wichtige Stimmen. Sie sprechen dann gemeinsamen Erlebnissen, besonderen Ereignissen und erzählen Anekdoten aus Holidays Leben. Mal geht es um die Musik, öfter aber um Holidays Privatleben, ihre sexuellen Beziehungen (sie war äußerst aktiv), ihre gewalttätigen Liebhaber und ihren überbordenden Drogenkonsum. Es geht auch um ihre problematische Persönlichkeit. Dabei wurde Kuehl mit widersprechenden Geschichten konfrontiert. Wenn sie ihre Interviewpartner darauf anspicht, reagieren diese rechthaberisch, unwirsch und feindselig. Sowieso ist, wie auch bei anderen Jazzmusikern, oft unklar, wie sehr die von ihnen erzählten Geschichten wahr oder nur gut erfundene Anekdoten sind.
Damit interessiert die Doku sich, wie die Presse zu Holidays Lebzeiten, mehr für Klatsch, Tratsch, Sensationen, Enthüllungen und viel weniger für ihre Musik und ihre Bedeutung für die Jazzgeschichte. Aber immerhin werden mehrere ihrer Songs präsentiert. Es wird ausführlicher auf „Strange Fruit“, ihren bekanntesten und wichtigsten Song, eingegangen. Und damit natürlich auch auf den Rassismus in den USA, die Rassentrennung, die Bürgerrechtsbewegung und Holidays Kampf gegen den Rassismus. Allein schon, wenn sie das Lied über die Lynchjustiz in den Südstaaten sang.
Das, ihre Prominenz und ihr Auftreten waren dann auch wahrscheinlich die Gründe, warum der Staat die Drogenkonsumentin wie eine Schwerverbrecherin verfolgte, anklagte und verurteilte.
Das ist interessant, informativ und auch gut präsentiert in seiner Mischung aus O-Tönen, Fotos und Konzertmitschnitten. Nur hätte ich, wie wahrscheinlich jeder Jazzfan, mir mehr Musiker- und weniger Drogengeschichten gewünscht.
Billie – Legende des Jazz (Billie, Großbritannien 2019)
Regie: James Erskine
Drehbuch: James Erskine
mit den Stimmen (manchmal auch im Bild) Billie Holiday, Charles Mingus, Tony Bennett, Count Basie, John Hammond, John Simmons, Roy Harte, Lester Young, Tallulah Bankhead, Sylvia Syms, Pigmeat Markham, Jimmy Rowles, James ‚Stump‘ Cross, Bobby Tucker, Carmen McRea, Marie Bryant, Melba Liston, Ray Ellis, Milt Hinton, John Fagan, Mary ‚Pony‘ Kane, Skinny Davenport, Myra Luftman, Detroit Red, Ruby Davis, Clarence Holiday, Sandy Williams, Irene Kitchings, Virginia McGlocken, Jean Allen, James Hamilton, Earl Zaidins
Der Architekt Albert Speer gehörte während des Nationalsozialismus zum engsten Führungskreis um Adolf Hitler. Nach dem Krieg entging er 1946 bei den Nürnberger Prozessen knapp der Todesstrafe. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. 1969 veröffentlichte er seine „Erinnerungen“. Sie wurden ein Bestseller und Hollywood interessierte sich dafür; so wie Hollywood sich für jeden Bestseller interessiert und ihn verfilmen möchte.
Speer war einverstanden mit einer Verfilmung. Er wollte allerdings daran beteiligt werden und so das öffentliche Bild von ihm weiter positiv beeinflussen. 1971 schickte Paramount Pictures Andrew Birkin nach Heidelberg zu Speer. Er sollte mit Speer an dem Drehbuch arbeiten.
Birkin stand damals noch ganz am Anfang seiner Karriere. Später schrieb er unter anderem die Drehbücher zu „Der Name der Rose“, „Johanna von Orleans“ und „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“.
Als Regisseur war in dem Moment vor allem Carol Reed („Der dritte Mann“, „Oliver“) im Gespräch. Der war allerdings wenig begeistert von Speers Versuchen, den Film in seinem Sinn zu beeinflussen. Reed lehnte dann auch, als Speers schönfärberisches Konzept immer deutlicher wurde, den Film entschieden ab. Das sagte er schon während Birkins Gesprächen mit Speer.
Diese Gespräche, in denen Speer von seinem Leben erzählt und auch Vorschläge für den Film macht, nahm Birkin auf. Er stellt Fragen und lässt Speer reden. Schließlich ist er kein investigativer Journalist, der Widersprüche und Lügen aufdecken möchte, sondern ein Rechercheur, der eine Auftragsarbeit erledigt. Die dabei entstandenen Tonbänder waren als Arbeitsnotizen und Hintergrundmaterial für das noch zu schreibende Drehbuch gedacht. Entsprechend wenig kümmerte Birkin sich um die Tonqualität. Für „Speer goes to Hollywood“ mussten ihre Gespräche von Schauspielern nachgesprochen werden.
Aus dem Biopic wurde, wie wir wissen, nichts. Die Aufnahmen verschwanden im Archiv.
Jetzt sind sie die Grundlage für Vanessa Lapas Dokumentarfilm „Speer goes to Hollywood“, der diese Begegnung zwischen dem Nazi und dem jungen Drehbuchautor dokumentiert und gleichzeitig Speers Leben nachzeichnet. Dieser Teil, also das Nacherzählen von Speers Leben, wie sehr er in die Nazi-Herrschaft involviert war und wie skrupellos er sich später davon distanzierte, ist der gelungene Teil des Films.
Ärgerlich – immerhin ist der Titel „Speer goes to Hollywood“ – ist dagegen der andere Teil. Denn für „Hollywood“ und die vielen damit verbundenen spannenden Fragen interessiert Lapa sich nicht weiter. Bei ihr entsteht der Eindruck, dass Paramount Pictures die Verfilmung fallen ließ, weil ein Regisseur die Richtung, in die Speer den Film entwickeln wollte, bedenklich fand. Weil es 1982 mit „Inside the Third Reich“ eine, von Lapa nicht erwähnte, freie TV-Verfilmung von Speers „Erinnerungen“ gab, dürften Reeds Bedenken nicht der entscheidende Grund gewesen sein. Wir erfahren auch nicht, welche Überlegungen in Hollywood dazu führten, das Leben dieser Nazigröße zu verfilmen und wie sie es tun wollten.
Als Dokumentarfilm über Speer, sein Leben und seine Bemühungen, sein Image zu polieren, ist „Speer goes to Hollywood“ informativ und auch gelungen, ohne sich von irgendeiner gut gemachten TV-Dokumentation zu unterscheiden. Nach hundert Minuten bleibt die Erkenntnis, dass Speer kein „guter Nazi“, sondern einfach nur ein „Nazi“ war.
Zu Vanessa Lapas früheren Arbeiten gehört die hochgelobte spielfilmlange Doku „Der Anständige“ über Heinrich Himmler.
Speer goes to Hollywood (Speer goes to Hollywood, Israel 2020)
Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari, Italien/Deutschland/Spanien 1964)
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Sergio Leone, Duccio Tessari
Musik: Ennio Morricone
Sergio Leones erster richtiger Film (davor übte er bei Monumental- und Sandalenfilmen) und gleich ein genreprägender Klassiker, der für einen TV-Schauspieler den Weg zum Weltstar ebnete.
Die Story: In einer mexikanischen Kleinstadt taucht ein Fremder ohne Namen (Clint Eastwood, der öfter als Joe angesprochen wird) auf und spielt kaltschnäuzig die das Dorf beherrschenden Gangsterbanden gegeneinander aus.
Die Story lieh Leone sich von Akira Kurosawas „Yojimbo“. Der könnte auch mal wieder gezeigt werden.
mit Clint Eastwood, Marianne Koch, Gian Maria Volonté, Sieghardt Rupp, Antonio Prieto, Wolfgang Luckschy
Es dauert einige Minuten, bis wir sicher wissen, dass Eloise heute lebt. Ihr Elternhaus ist zeitlos. Ihre Kleider und ihr Zimmer sind eine Liebeserklärung an die sechziger Jahre. Auch die Musik, die sie hört, spiegelt nicht die aktuelle, sondern die Hitparade der Sechziger wieder.
Es sind die letzten Minuten, die sie zu Hause im ländlichen Cornwall verbringt, bevor sie ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlägt. Sie wird Redruth verlassen und nach London ziehen. Dort hat sie einen Platz als Studentin am Londoner College of Fashion bekommen. Das war ihr großer Traum. In London im Studentinnenwohnheim angekommen fremdelt sie mit ihren schon länger in der Großstadt lebenden Mitstudentinnen, die sich überhaupt nicht für die Vergangenheit, sondern nur für die nächste Party interessieren. Also zieht Eloise aus und bei Miss Collins ein. Die Vermieterin ist schon so alt, dass sie die Sechziger als junge Frau miterlebt haben kann. Auch das Haus und Eloises Zimmer wurden seitdem höchstens mininal an die Gegenwart angepasst. Aber das Haus steht in Soho, dem Ort, der in den Sechzigern das Zentrum von allem war.
In der ersten Nacht träumt sie von damals. Den Straßen, der riesigen Werbung am Kino für den neuen James-Bond-Film „Thunderball“ (Feuerball), den Neonlichtern, den Clubs mit ihren riesigen Tanzflächen und dem aufregendem Nachtleben, in dem alles möglich ist. Es sind Bilder von einem Leben, das sie gerne führen würde. Und sie steckt dabei im Körper der gleich alten, deutlich selbstsicheren Nachtschwärmerin Sandie. Die will in London als Sängerin Karriere machen. Allerdings wird sie auch in einen ihr Leben bedrohenden Mordfall verwickelt.
Mit Eloise fragen wir uns, ob das ein Traum, eine Jungmädchenfantasie von damals, ein zunehmend Eloises Leben bedrohendes Wahngebilde oder ein Hilferuf aus der Vergangenheit ist. Also ob eine Tote zu Eloise spricht und sie den Mörder enttarnen soll. Denn über fünfzig Jahre später ist der Mord immer noch nicht gesühnt und der Mörder lebt wahrscheinlich immer noch in Soho lebt.
Viel mehr als diese Prämisse sollte über die Geschichte von „Last Night in Soho“ nicht verraten werden. Auch nicht das Genre; oder sagen wir es anders: Fans von psychologischen Kriminal- und Horrorfilmen dürften nicht enttäuscht sein.
Im folgenden verwirrt sich Eloises Geschichte immer mehr zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen Traum und Realität. Als Zuschauer wird man immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass bei der in den Sechzigern spielenden Geschichte etwas nicht stimmt. Immer wieder wird, in einer Szene und ohne erkennbaren Schnitt Eloise (Thomasin McKenzie) zu Sandie (Anya Taylor-Joy) oder Sandie geht eine Treppe hinunter, während wir als ihr Spiegelbild Eloise sehen. Diese Szenen drehte Wright vor Ort mit praktischen Tricks und ohne CGI. Und die von Eloise erlebten Sechziger sind ein wahres Sechziger-Jahre-Wunderland, in dem alles so ist, wie wir die Swinging Sixties in Soho aus Filmen, Büchern, Schallplatten und Magazinen kennen. Nur dass Sean Connery und „Alfie“ Michael Caine nicht über die Straße schlendern. Dafür trifft Sandie auf einen anderen gutaussehenden Mädchenschwarm, der Frauen nicht immer gut behandelt, aber ihr als Sängerin bei den ersten Karriereschritten helfen möchte.
Das klingt jetzt nach einem rundum gelungenem Vergnügen für Thriller- und Sixties-Fans. Dummerweise verlangt die Lösung mehr als eine Portion Gutgläubigkeit. Sie funktioniert nämlich nur, weil, rückblickend, die einzelnen Figuren sich wie Idioten verhielten und nicht miteinander gesprochen haben. Ja, Eloise erkundigte sich bei der Wirtin noch nicht einmal, wer denn der seltsame Stammgast sei.
Last Night in Soho (Last Night in Soho, Großbritannien 2021)
Regie: Edgar Wright
Drehbuch: Edgar Wright, Krysty Wilson-Cairns (nach einer Geschichte von Edgar Wright)
mit Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Joy, Matt Smith, Diana Rigg, Terence Stamp, Rita Tushingham, Synnøve Karlsen, Michael Ajao, Jessie Mei Li, Kassius Nelson, Rebecca Harrod
„Eine auf Tatsachen fußende Fiktion eines realen Lebens“ nennt Regisseur Andreas Kleinert seinen Film über Thomas Brasch, diesen 1945 in Westow, North Yorkshire, geborenen Künstler. Kurz nach seiner Geburt ziehen Braschs Eltern in die DDR. Sein Vater ist überzeugter Kommunist und von 1966 bis 1969 sogar stellvertretender Minister für Kultur. Zu ihm hat er immer ein problematisches Verhältnis. Die Zeit in der Kadettenschule der Natioalen Volksarmee in Naunburg von 1956 bis 1960 ist für Thomas Brasch traumatisch. Während seines 1967 begonnenen Studiums an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg protestiert er mit Gleichgesinnten gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Sein Vater verrät ihn danach an die Stasi. Brasch wird zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Später wird er auf Bewährung entlassen und arbeitet im Transformatornwerk Oberschöneweide.
Und er schreibt. Seinen ersten Kurzgeschichtenband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ will er in der DDR veröffentlichten. Das geht nicht. Er unterzeichnet die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Danach stellt er einen Ausreiseantrag und darf 1976 ausreisen.
In Westberlin wurde „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im Rotbuch Verlag veröffentlicht (inzwischen ist es bei Suhrkamp erhältlich). Die Kritik ist begeistert. Er ist ein Star der westdeutschen Literaturszene. Er schreibt Theaterstücke. Großen Erfolg hat er mit dem Stück „Lovely Rita“, das er in der DDR schrieb und das im Westen mit seiner Freundin Katharina Thalbach in der Hauptrolle seine Premiere hat. Und er inszeniert Filme. Sein erster Spielfilm, das in SW gedrehte Gangsterepos „Engel aus Eisen“ über die Gladow-Bande, feiert seine Premiere in Cannes. Zu dieser Zeit, die späten siebziger und achtziger Jahre, war Thomas Brasch eine Gruppe männlicher und weiblicher Bewunderer um sich gescharrt.
In den Neunzigern zieht er sich zurück um „Mädchenmörder Brunke oder Die Liebe und ihr Gegenteil“ zu schreiben. Das Manuskript hat über vierzehntausend Seiten. Zu Braschs Lebzeiten wird ein keine hundert Seiten umfassendes Fragment veröffentlicht.
Am 3. November 2001 stirbt er in der Berliner Charité an Herzversagen.
Thomas Brasch war ein widersprüchlicher Geist, der die DDR nie verlassen wollte, der in Westdeutschland nie heimisch wurde und dessen Leben, inclusive der schwierigen Beziehung zu seinem Vater, auch paradigmatisch für die Geschichte Deutschlands zwischen Kriegsende und Jahrtausendwende steht. Mit gewissen blinden Stellen. Und einem breitbeinigem Machotum, das mit seiner Selbstinszenierung, seiner offen zur Schau getragenen Sensibilität und der ebenso offenen Faszination für die Halbwelt, heute nicht mehr zeitgemäß ist.
Kleinert erzählt, wundervoll in farbenfrohem SW gedreht, dieses Leben in über hundertfünfzig Minuten von der frühen Kindheit bis zu Brachs Tod nach. Aber Dank des schon erwähnten Kunstgriffs, das Leben von Thomas Brasch als eine sich Freiheiten nehmende Fiktion zu begreifen, entgeht er in „Lieber Thomas“ den üblichen Biopic-Fallen. Auch wenn Brachs frühen Jahre, also die Kindheit, Jugend, Studienzeit und die ersten Jahre in Westberllin deutlich mitreisender sind als die späteren Jahre sind. Ungefähr mit der Premiere von „Engel aus Eisen“ in Cannes beginnt der Film zunehmend episodischer zu werden. Der klassische Biopic-Drang, jede irgendwie wichtige Episode im Leben des Porträtierten bis zu seinem Tod chronologisch abzuhandeln wird spürbar. Bis dahin gibt es zahlreich mitreisende Momente, satirisch zugespitzte, surrealistische und absurde Szenen. Auch die Cannes-Episode mit ihrer aus dem Ruder laufenden Vater-Sohn-Begegnung gehört dazu.
Albrecht Schuch, der aktuell ungefähr in jedem zweiten deutschen Film und in jedem sehenswertem deutschen Film (nicht jeder sehenswerte Film ist unbedingt ein guter Film) dabei ist, spielt Thomas Brasch und verleiht ihm dabei sehr aussagekräftige Konturen als schreibsüchtiger, sensibler Macker. Die anderen Schauspieler – immerhin auch Jella Haase, Jörg Schüttauf und Joel Basman (der, wie Schuch, durch die interessanten deutschen Filme tingelt) – verblassen dagegen. Aber das war wohl zu Braschs Lebzeiten so.
P. S.: Das Erste zeigt am Freitag, den 12. November, um 22.15 Uhr den von Andreas Kleinert inszenierten Münchner Tatort „Freies Land“ (Deutschland 2017)
Lieber Thomas(Deutschland 2021)
Regie: Andreas Kleinert
Drehbuch: Thomas Wendrich
mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer, Claudio Magno, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman, Joana Jacob, Emma Bading
Länge: 157 Minuten
FSK: ab 16 Jahre (hätte eher auf eine FSK-12 getippt)
Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula (Wild at Heart, USA 1990)
Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
LV: Barry Gifford: Wild at Heart: The Story of Sailor and Lula, 1984 (Die Saga von Sailor und Lula)
Sailor und Lula flüchten vor einem Detektiv und einem Killer, die beide im Auftrag von Lulas durchgeknallter Mutter reinen Tisch machen sollen. Und dann treffen sie auf den Gangster Bobby Peru und dessen Komplizin Perdita Durango.
Lynchs wildes Roadmovie, ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes, ist ein hemmungslos übertriebener Trip durch einen Alptraum namens Amerika. Ein Meisterwerk.
Barry Gifford schrieb später das Drehbuch für den Lynch-Film „Lost Highway”. Außerdem publizierte er neben seinen Romanen, wie „Perdita Durango“ (ebenfalls verfilmt), lesenswerte Sachbücher, wie „Out of the past“ über den Film Noir.
Mit Nicolas Cage, Laura Dern, Diane Ladd, Willem Dafoe, Isabella Rossellini, Harry Dean Stanton, Crispin Glover
Jimmy’s Hall (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)
Regie: Ken Loach
Drehbuch: Paul Laverty
1932 kehrt der Sozialist Jimmy Gralton aus dem amerikanischem Exil in seine geliebte irische Heimat zurück. Er will sich jetzt um seine Mutter kümmern. Aber alte Freunde überreden ihn, den Tanzsaal wieder zu eröffnen. Schnell wird ‚Jimmy’s Hall‘ zu einem Treffpunkt, in dem getrunken, getanzt und politisiert wird. Sehr zum Unwillen der katholischen Kirche.
TV-Premiere (schon lange überfällig). Schönes, leicht nostalgisches, von wahren Ereignissen inspiriertes Drama.
Waad al-Kateabs Dokumentarfilm „Für Sama“ ist ein Brief an ihre Tochter, die, mitten im Bürgerkriegsgebiet, am 1. Januar 2016 in Aleppo geboren wird in einem provisorischem Krankenhaus, in dem Samas Vater versucht, den Verletzten zu helfen.
Waad al-Kateabs aus hunderten Stunden Aufnahmen entstandener Film besticht durch seine ungefilterten Bilder. Sie zeigt die Auswirkungen der Taten von Soldaten auf Zivilisten. „Für Sama“ ist ein beeindruckender, wichtiger und deprimierend zeitloser Film, dessen Bilder einen noch lange verfolgen.
Lisa (Noomi Rapace) und Dan (Aksel Hennie) wollen ein gemeinsames Wochenende in der malerisch abgelegen an einem See liegenden Hütte, die Dans Vater gehört, verbringen. Sie ist Schauspielerin, er Regisseur. Sie sind schon länger verheiratet und planen, das gemeinsame Wochenende dafür zu benutzen, ihren Partner umzubringen. Schließlich ist er dafür verantwortlich, dass ihr Leben nicht so glorios wie geplant verlief.
Dans erster Versuch, Lisa umzubringen geht grandios schief. Als er aufwacht, sitzt er gefesselt auf einem Stuhl und muss sich von der höhnisch auftriumphierenden Lisa die eklatanten Schwächen seines Plans vorhalten lassen. Aber noch ehe Lisa ihren Ehemann umbringen kann, krachen, aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände, drei aus einem Gefängnis geflohene Schwerverbrecher vom Dachboden auf sie hinunter – und jetzt müssen Dan und Lisa sich gegen die Verbrecher verbünden. Denn die wollen sie umbringen.
„The Trip – Ein mörderisches Wochenende“ ist der neue Film von Tommy Wirkola. Zu seinen vorherigen Filmen gehören „Dead Snow“, „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“ und der für ihn eher untypische Science-Fiction-Thriller „What happened to Monday?“ (ebenfalls mit Noomi Rapace). Untypisch ist der Science-Fiction-Film insofern, weil Wirkola für schwarzhumorige Filme mit einer ordentlichen Portion Blut und Gewalt bekannt ist. Und genau das gibt es in „The Trip“ reichlich. Es handelt sich um eine tiefschwarze Komödie, in der ein Haufen nicht besonders intelligenter Menschen sich gegenseitig umbringen will, dabei auf absurde Weise immer wieder scheitert und es auf groteske Weise doch immer wieder gelingt, einen nach dem anderen umzubringen. Immer nach der alten Regel, wenn Steine auf einem Boot versteckt werden, werden sie später wieder wichtig. Oder, in keiner bestimmten Reihenfolge, Gewehre, Messer, Billardkugeln, Rasenmäher, Autos, Küchenutensilien, und, nun, auch Fäkalien. Dazwischen gibt es etwas Paartherapie, epische Schlägereien und Blutbäder.
Das Drehbuch dafür stammt von John Niven („Kill your Friends“, „Gott bewahre“, „Straight White Male“), Nick Ball und Tommy Wirkola. Sie schrieben es während der Coronavirus-Pandemie. Ihre nächste Zusammenarbeit „Deathrow-mance“ ist schon in der Vorproduktion.
„The Trip – Ein mörderisches Wochenende“ ist ein köstlicher Spaß, der gut in das Programm des Fantasy Filmfests oder die gepflegte Mitternachtsvorstellung passt.
Das Bonusmaterial besteht aus einem elfminütigem Werbe-“Behind the Scenes“.
The Trip – Ein mörderisches Wochenende (I onde dager, Norwegen 2021)
Regie: Tommy Wirkola
Drehbuch: Tommy Wirkola, Nick Ball, John Niven
mit Noomi Rapace, Aksel Hennie, Atle Antonsen, Christian Rubeck, André Eriksen, Nils Ole Oftebro, Stig Frode Henriksen, Tor Erik Gunstrøm
Aus Mangel an Beweisen (Presumed Innocent, USA 1990)
Regie: Alan J. Pakula
Drehbuch: Frank Pierson, Alan J. Pakula
LV: Scott Turow: Presumed Innocent, 1987 (Aus Mangel an Beweisen)
Star-Anwalt Rusty Sabich soll die attraktive Staatsanwältin Carolyn Polhemus ermordet haben. Verzweifelt versucht Sabich seine Unschuld zu Beweisen.
Durchaus spannender, aber nie wirklich packender, Thriller mit hohem Rätselanteil. Alle Personen sind mehr oder weniger unsympathisch und verdächtig; auch der von Harrison Ford unterkühlt gespielte Mordverdächtige Sabich.
Scott Turow erhielt für seinen Debütroman den Silver Dagger. Der Film war für einen Edgar-Allan-Poe-Preis nominiert.
Mit Harrison Ford, Brian Dennehy, Raúl Julia, Greta Scacchi, Bonnie Bedelia, Paul Winfield, Bradley Whitford