TV-Tipp für den 17. Februar: Polizeiruf 110: Cassandras Warnung

Februar 17, 2017

ARD, 22.00

Polizeiruf 110: Cassandras Warnung (Deutschland 2011, Regie: Dominik Graf)

Drehbuch: Günter Schütter

Kaum beginnt Kommissar Hanns von Meuffels seinen Dienst in München, muss er auch gleich im Kreis der Kollegen ermitteln. Denn auf die Frau von Gerry Vogt wurde ein Anschlag verübt, bei dem ihre Freundin starb. Diana Vogt erhält Polizeischutz und von Meuffels und Vogt suchen die Mörderin, die wahrscheinlich eine verschmähte Verehrerin ist.

Der erste Auftritt von Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels ist ein starkes Stück Kino, mitreisend erzählt mit kleinen Abschweifungen. Dass die Lösung, rückblickend, einige kleine Logikfehler hat, kann nach neunzig atemlosen Minuten verziehen werden.

mit Matthias Brandt, Ronald Zehrfeld, Philipp Moog, Alma Leiberg, Anna Maria Sturm, Tobias van Dieken

Wiederholung: One, Samstag, 18. Februar, 00.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

ARD über “Polizeruf 110″

Meine Besprechung von Dominik Grafs „Schläft ein Lied in allen Dingen“

Meine Besprechung der von Dominik Graf inszenierten TV-Serie  „Im Angesicht des Verbrechens“

Meine Besprechung von Johannes F. Sieverts Interviewbuch „Dominik Graf – Im Angesicht des Verbrechens: Fernseharbeit am Beispiel einer Serie“

Meine Besprechung von Chris Wahl/Jesko Jockenhövel/Marco Abel/Michael Wedel (Hrsg.) “Im Angesicht des Fernsehens – Der Filmemacher Dominik Graf”

Meine Besprechung von Dominik Grafs “Die geliebten Schwestern” (Deutschland/Österreich 2013/2014)

Dominik Graf in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Fences“ – Zäune, überall Zäune in August Wilsons Theaterstück

Februar 17, 2017

August Wilson, der nach seinem Theaterstück das Drehbuch schrieb, hat – wenn er in wenigen Tagen den Drehbuch-„Oscar“ gewinnt – eine überzeugende, bislang noch nie benutzte Entschuldigung für seine Abwesenheit. Er ist tot. Seit dem 2. Oktober 2005.

Am 16. Oktober 2005 wurde am Broadway das Virginia Theatre in August Wilson Theatre umbenannt. Es ist das erste Broadway-Theater, das nach einem Afroamerikaner benannt wurde. Und das sagt für den Anfang genug über seine Bedeutung für die Theaterwelt aus.

Vor seinem Tod schrieb der am 27. April 1945 in Pittsburgh geborene Schriftsteller unter anderem den aus zehn Stücken bestehenden, mehrfach ausgezeichneten „The Pittsburgh Cycle“ über die verschiedenen Facetten des afroamerikanischen Lebens im zwanzigsten Jahrhundert. „Fences“ schrieb er in den frühen achtziger Jahren und es ist Teil des „Pittsburgh Cycle“.

Im Mittelpunkt des 1957 spielenden Stückes (mit einem Epilog 1965) steht der 53-jährige Troy Maxson, ein im Hill District von Philadelphia lebender Müllarbeiter. Ein Schwarzer, wie man damals Afroamerikaner nannte, der nicht lesen kann, keinen Führerschein hat und trotzdem darüber räsoniert, dass kein Schwarzer den Müllwagen fahren darf.

Der Spielfilm „Fences“ basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück, das 1985 seine Premiere am Yale Repertory Theatere in New Haven, Connecticut, hatte, 1987 erstmals am Broadway aufgeführt wurde und einen Pulitzer Preis, einen Tony Award und den New York Drama Critics‘ Award erhielt. 2010 traten Denzel Washington und Viola Davis, die auch die Hauptrollen in der Verfilmung spielen, in einer Neuinszenierung des Stückes am Broadway auf. Davis und Washington wurden als beste Darsteller mit Tonys ausgezeichnet. Die Inszenierung gewann weitere Tonys.

Jetzt verfilmte Denzel Washington Wilsons Stück, das seine Herkunft als Theaterstück nie verleugnen kann und auch überhaupt nicht will. Die Beschränkung auf wenige Handlungsorte und die Dialoge sind reinstes Theater. In der Bühnenfassung spielt das gesamte Stück im Hinterhof. Im Film gibt es mehrere Szenen im Haus von Maxson und, für die Fliegenbeinzähler, an wenigen anderen Orten, die aber nichts daran ändern, dass „Fences“ eindeutig ein Theaterstück ist.

Die Dialoge sind auch reine Theaterdialoge, in denen die Menschen sich Dinge erklären, die sie entweder wissen oder sich niemals gegenseitig sagen würden. Sie haben auch eine Tendenz zum Monologisieren. Wobei man Wilsons Monologen und Dialogen gerne zuhört.

Fences“ ist vor allem die Charakterstudie eines enttäuschten Mannes, der frustriert, verärgert, bestimmend, herrisch, aber auch liebevoll ist. Sonst hätte seine Frau Rose (Viola Davis, die bereits einen Golden Globe für diese Rolle erhielt und für einen Oscar nominiert ist) ihn schon lange verlassen. Sie bleibt auch bei ihm, nachdem er von einer anderen Frau ein Kind erwartet.

Als junger Mann hatte Maxson von einer Baseball-Karriere geträumt. Aber in der Zeit vor Jackie Robinson war Schwarzen der Aufstieg in die Major League und damit zur großen Karriere verwehrt. Jetzt träumt sein zweiter Sohn Cory (Jovan Adepo) von einer Karriere als Sportler. Maxson will ihm die Flausen austreiben, während er einen Zaun um sein Haus errichten will.

Für den hundertvierzigminütigen Film, der keine Minute zu lang ist, verließ Denzel Washington sich auf die ihm von seinen zahlreichen Auftritten mit Viola Davis vertraute 2010er Broadway-Inszenierung.

Das Stück inszenierte er als reinstes Schauspielerkino, das sich auf den Text und die Schauspieler verlässt und, was vielleicht auch an der Handlungszeit liegt, „Fences“ eine ordentliche Portion Fünfziger-Jahre-Patina verleiht. Das ändert nichts daran, dass die Themen und Fragen des Stückes noch heute aktuell sind.

In den vergangenen Wochen erhielt Washingtons Film viel verdientes Kritikerlob, zahlreiche Nominierungen und Preise. Wichtig sind, neben den schon erwähnten Oscar-Nominierungen für das Drehbuch und Viola Davis als beste Nebendarstellerin, ist Denzel Washington als bester Schauspieler und der Film als bester Film nominiert. Gegen „La La Land“ stehen hier allerdings die Chancen schlecht.

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Fences (Fences, USA 2016)

Regie: Denzel Washington

Drehbuch: August Wilson, Tony Kushner (ungenannt) (basierend auf August Wilsons Theaterstück „Fences“)

mit Denzel Washington, Viola Davis, Jovan Adepo, Stephen McKinley Henderson, Russell Hornsby, Mykelti Williamson, Saniyya Sidney

Länge: 139 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Fences“

Metacritic über „Fences“

Rotten Tomatoes über „Fences“

Wikipedia über „Fences“ (deutsch, englisch) und August Wilson (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Oh…“ – Philippe Djians Roman ist jetzt Paul Verhoevens „Elle“

Februar 17, 2017

Im Moment ist Paul Verhoeven Präsident der Berlinale-Jury und gleichzeitig läuft sein neuer Film „Elle“ endlich in unseren Kinos an. Seine grandiose Philippe-Djian-Verfilmung wurde bereits 2016 bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt. Seitdem gab es Preise, wie Golden Globes als bester fremdsprachiger Film und für Isabelle Huppert als beste Darstellerin, eine Oscar-Nominierung für Huppert, elf César-Nominierungen und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Beste Darstellerin“, die auf die Qualitäten von Verhoevens neuem Film hinweisen.

Isabelle Huppert spielt Michèle Leblanc, die Chefin einer Videogame-Firma.

Als sie in ihrer Wohnung vergewaltigt wird, kriegt sie keine Panikattacke oder ruft um Hilfe. Stattdessen räumt sie äußerlich ungerührt die Scherben weg. Sie geht zum Arzt und lässt sich auf mögliche Krankheiten und Infektionen testen. Sie kauft sich Pfefferspray. Bei einem Abendessen in einem noblen Restaurant mit ihrem Ex-Mann Richard, einem erfolglosem Schriftsteller, ihrer Geschäftspartnerin und Freundin Anna und deren Mann Robert (mit dem Michèle ein Verhältnis hat), sagt sie ihnen beiläufig, dass sie vergewaltigt wurde. Weiter will sie nicht darüber reden.

Sie ist ein Biest, das sich schon früh einen Panzer zulegte,und ihren Mitmenschen in einer Mischung aus schnippischer Kaltschnäuzigkeit, gnadenloser Ehrlichkeit und offensichtlicher Ungerührtheit über ihre Gefühle begegnet, Sie ist in keinster Weise liebenswert, aber dank Isabelle Hupperts Spiel schließt man sie dann doch ins Herz. Soweit das möglich ist, bei einer Person, die sich nie als Opfer sieht, immer die Kontrolle behält und keine Emotionen zeigt.

Die anderen Menschen und Paul Verhoevens eiskalt-illusionsfreier Blick auf die conditio humana zeichnet ein reichlich misanthropisches Bilder der Menschheit. Kein Mann ist auch nur im Ansatz eine Zierde seines Geschlechts. Es sind Jammerlappen. Robert ist einfach nur ein ständig notgeiler Trottel. Christian Berkel hatte erkennbar seinen Spaß an diesem tumben Mannsbild. Die Frauen sind kaum besser. Michèles Mutter lässt sich ständig liften und hält sich jüngere Liebhaber. Ihre Nachbarin ist eine überzeugte Katholikin, die auf einem Tischgebet besteht und am Ende einen harmlos klingenden Satz sagt, der, weil wir den Hintergrund und die wahre Dimension des Satzes kennen, schlimmer kaum sein könnte. Ob er aus ehrlicher Erkenntnis oder vollkommener Verlogenheit gesagt wurde, bleibt dagegen dem Zuschauer überlassen. Ihre Freundin Anna erscheint da schon fast wie eine moralische Lichtgestalt.

Es sind, wenn auch mit mehr oder weniger großen Abweichungen von der Norm, ganz normale Menschen, die immer ihr Geheimnis bewahren. Das liegt auch an David Birkes Drehbuch, in dem jeder Satz ein Treffer ist, und Paul Verhoevens präziser Regie. Sie haben aus Philippe Djians Roman „Oh…“ vieles übernommen, ihn aber an den entscheidenden Stellen verbessert und Motive und Beziehungen klarer herausgearbeitet. Dem mit dem Prix Interallié ausgezeichneten Roman fehlt die klare Struktur, der ironische Ton und die satirische Schärfe des Films. So ist Michèle im Roman eine Filmproduzentin, die oft zu Hause Drehbücher liest. Im Film ist sie eine Videogame-Produzentin, die vor allem junge Männer angestellt hat, die gerade ein neues, sehr sexistisches und gewaltverherrlichendes Spiel programmieren. Michèles reale Vergewaltigung wird im Spiel mehr als einmal in verschiedenen Facetten reflektiert. Im Roman wird das Verbrechen von ihrem Vater nur angedeutet. Im Film erfahren wir die ganze Wahrheit. Der Katholizismus von ihrer Nachbarin spielt im Film eine größere Rolle. Sowieso wurden etliche Szenen dazu erfunden, die gleichzeitig Konflikte stärker zuspitzen als im Roman, die Charaktere in einem kälteren Licht erscheinen lassen und der gesamten Geschichte eine faszinierende Zwiespältigkeit verleihen. Denn Verhoeven und sein grandioses Ensemble lassen den Charakteren immer einen Hauch ihres Geheimnisses und fast jeder Satz und jede Handlung kann auf mindestens zwei Arten interpretiert werden.

Auch weil Michèle, nachdem sie die Identität ihres Vergewaltigers enthüllte, mit ihm eine Beziehung eingeht.

Elle“ gehört zu den Filmen, die beim zweiten Ansehen besser als beim ersten Ansehen sind. Wie gut wird der Erotik-Thriller dann beim dritten Ansehen sein?

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Elle (Elle, Frankreich/Deutschland/Belgien 2016)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: David Birke

LV: Philippe Djian: Oh…, 2012 (Oh…)

mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte, Anne Consigny, Christian Berkel, Charles Berling, Virginie Efira, Judith magre, Jonas Bloquet, Alice Isaaz, Vamila Pons

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

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Philippe Djian: Oh…

(übersetzt von Oliver Ilan Schulz)

Diogenes, 2017

240 Seiten

12 Euro

Deutsche Erstausgabe

Diogenes, 2014

Originalausgabe

Oh…

Éditions Gallimard, 2012

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Filmportal über „Elle“

Moviepilot über „Elle“

Metacritic über „Elle“

Rotten Tomatoes über „Elle“

Wikipedia über „Elle“ (deutsch, englisch, französisch)

Perlentaucher über Philippe Djian

Wikipedia über Philippe Djian (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Philippe Djians „Die Rastlosen“ (Incidences, 2010 – und der Verfilmung „Liebe ist das perfekte Verbrechen“)

Meine Besprechung von Paul Verhoevens „Flesh + Blood“ (Flesh + Blood, USA 1985)


Neu im Kino/Filmkritik: „T2 Trainspotting“ – Was wurde aus den „Trainspotting“-Jungs?

Februar 17, 2017

Trainspotting“ war der „Easy Rider“ der neunziger Jahre. Ein Film, der den Nerv der Jugend traf und ihre Kultur porträtierte. Ein sofortiger, aus dem Nichts kommender Kultfilm über einige Jungs aus Edinburgh, die Drogen konsumieren und denen alles egal ist. Außer den Drogen. Schon die ersten Minuten, untermalt von Iggy Pops „Lust for Life“, geben das Tempo und die No-Nonsense-Haltung des Films vor.

Wie bei allen richtigen Kultfilmen ist auch bei „Trainspotting“ eine Fortsetzung unnötig. Auch wenn Irvine Welsh, Autor der Romanvorlage, die in England schon vor dem Film ein Bestseller war, später wieder zu Renton, Sick Boy, Spud und Begbie zurückkehrte. In „Porno“ erzählte er 2002, zehn Jahre nach „Trainspotting“, ihre Geschichte weiter.

Und jetzt haben Danny Boyle und Drehbuchautor John Hodge eine Kinofortsetzung gemacht, die lose auf beiden Büchern basiert und die Geschichte des Kinofilm weiter erzählt.

T2 is really an adaptation of two books: Porno, Irvines 10 years later sequel but, even more, it’s a direct loop back to Trainspotting. For me, the original book is like a modern Ulysses. It’s unsurpassed I think, and reading it is still like the ‚rush of ocean to the heart‘. The new film is constantly drawn back into its orbit and it’s been a privilige to step back into that world.“ (Danny Boyle)

Am Ende von „Trainspotting“ klaute Renton (Ewan McGregor) von seinen Freunden Spud (Ewen Bremner), ‚Sick Boy‘ Simon (Jonny Lee Miller) und Begbie (Robert Carlyle) das Geld, das sie für den Verkauf von Drogen erhielten.

Jetzt zwanzig Jahre später kehrt er nach Edinburgh zurück. Seine Mutter ist gestorben. Aber das ist für die Filmgeschichte, die wieder, primär, eine Ansammlung von höchst lose zusammenhängenden Episoden und Anekdoten ist. Seine damaligen Freunde sind immer noch in Edinburgh und sie haben sich nicht verändert. Spud hängt immer noch an der Nadel. Sick Boy führt eine extrem schlecht gehende Kneipe. Mit Sexvideos will er von den städtischen Honoratioren genug Geld für sein nächstes großes Projekt erpressen. Er will mit seiner Freundin (mehr platonisch als sexuell) ein Bordell eröffnen. Und Begbie, die menschliche Handgranate, geht immer noch keiner, meist von ihm provozierten, Schlägerei aus dem Weg. Jetzt, also eigentlich seit „Trainspotting“, sitzt er im Gefängnis. Als ein Entlassungsantrag abgelehnt wird, bricht er aus und quartiert sich bei seiner Frau und seinem Sohn ein.

Begbie (mehr) und Sick Boy (weniger) sind immer noch über Rentons Diebstahl verärgert. Sie wollen, dass er dafür bezahlt. Spud, dem Renton damals ein Viertel des Geldes gab, hätte dagegen gerne auf das Geld verzichtet. Als Junkie investierte er das Geld nur in Drogen.

Das ist die sich langsam materialisierende Ausgangslage. Denn Boyle und John Hodge (der auch das Drehbuch für „Trainspotting“ schrieb) führen die einzelnen Charaktere langsam ein. Es dauert einige Zeit, bis Renton wieder in seiner alten Heimat ist, bis er seine alten Freunde, mehr oder weniger freiwillig, getroffen hat und Sick Boy ihm das Geschäft seines Lebens vorschlägt.

Dieses Mal verzichten Boyle und Hodge auch auf eine Erzählerstimme, die den ersten Film strukturierte und ihm von der ersten Minute an eine Haltung gab. Das ist ein Problem von „T2 Trainspotting“. Ein anderes, viel gravierenderes, ist, dass sich Renton, Spud, Sick Boy und Begbie in den vergangenen zwanzig Jahren nicht änderten. Sie sind nur älter geworden.

Ein anderes Problem ist die episodische Struktur, die hier dazu führt, dass fast keine Handlung und Ereignis Folgen hat. So spielt Rentons Herzanfall in der ersten Minute später keine Rolle mehr. Dank einer Operation kann er noch Jahrzehnte leben und, angesichts des von ihm im Film absolvierten Sportpensums, muss er sich auch in keinster Weise einschränken. Später erzählt er Sick Boy, dass er glücklich verheiratet sei. Noch später erzählt er ihm, dass das eine Lüge war. Seine Ehe sei gescheitert und er habe seinen Job verloren. Weil wir weder seine Frau, noch seinen Job, noch sein Leben in Holland kennen lernen, und es auch keinen Einfluss auf die Filmgeschichte hat, ist es egal. Das gleiche gilt auch für seine Freunde. Nur Begbie hat mit einer Frau und einem Sohn so etwas wie ein Leben und ein Ziel: er will mit ihnen zusammen sein und seinen Sohn ebenfalls zu einem Verbrecher erziehen. Der hat allerdings Pläne für ein ehrliches, bürgerliches Leben mit einer ordentlichen beruflichen Ausbildung.

Insgesamt ist „T2 Trainspotting“ ein überflüssiger Film. Das heißt jetzt nicht, dass er schlecht ist. Er hat einige tolle Szenen, die dummerweise meistens „Trainspotting“ mehr oder weniger direkt zitieren. Sowieso ist „T2 Trainspotting“ mit Flashbacks, Zitaten und Querverweise zum ersten Film überreich gesegnet. Aber wir erfahren in „T2 Trainspotting“ nichts über die vier Jungs, was wir nicht schon in „Trainspotting“ über sie wussten. Damit wirkt der Film wie die Wiedervereinigung einer einstmals geliebten Band, die jetzt eine neue CD einspielt, die in ihren besten Momenten alte Ideen wiederholt, in ihren schlechtesten Momenten langweilt.

t2-trainspotting-plakat

T2 Trainspotting (T2 Trainspotting, Großbritannien 2017)

Regie: Danny Boyle

Drehbuch: John Hodge

LV: Irvine Welsh: Trainspotting,1993 (Trainspotting); Porno, 2002 (Porno)

mit Ewan McGregor, Ewen Bremner, Jonny Lee Miller, Robert Carlyle, Anjela Nedyalkova, Kelly Macdonald

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Weltpremiere

Die Vorlage

Porno von Irvine Welsh

Irvine Welsh: Porno

(übersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann)

Heyne, 2017

576 Seiten

10,99 Euro

Originalausgabe

Porno

Jonathan Cape, London, 2002

Deutsche Erstausgabe bei Kiepenheuer & Witsch.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „T2 Trainspotting“

Metacritic über „T2 Trainspotting“

Rotten Tomatoes über „T2 Trainspotting“

Wikipedia über „T2 Trainspotting“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Trance – Gefährliche Erinnerung“ (Trance, GB 2013)

Meine Besprechung von Danny Boyles „Steve Jobs“ (Steve Jobs, USA 2015)

Homepage von Irvine Welsh

Meine Besprechung von Jon S. Bairds Irvine-Welsh-Verfilmung „Drecksau“ (Filth, Großbritannien 2013 – mit weiteren Videoclips) und der DVD

 


TV-Tipp für den 16. Februar: Columbo: Schreib oder stirb

Februar 15, 2017

Wegen des nachmittäglichen Sendetermins, deutlich früher als gewohnt: der TV-Tipp für den Donnerstag:

ZDFneo, 13.50 & 17.25

Columbo: Schreib oder stirb (USA 1974, Regie: Robert Butler)

Drehbuch: Peter S. Fischer

Verleger Riley Greenleaf ist stinkig. Sein Bestsellerautor Alan Mallory möchte den Verlag wechseln. Greenleaf denkt sich ‚nicht mit mir’ und der tapsige Lieutenant Columbo hat einen neuen Fall

Für Krimifans ist „Schreib oder Stirb“ ein Highlight. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf den Literaturbetrieb und Mickey Spillane (Ja, genau der!) spielt einen Bestsellerautor.

Mit Peter Falk, Jack Cassidy, Mickey Spillane

Hinweise

Wikipedia über „Columbo“ (deutsch, englisch)

The Museum of Broadcast Communications über “Columbo”

Fernsehlexikon über “Columbo”

“Columbo”-Fanseite

Deutsche “Columbo”-Fanseite

Noch eine deutsche “Columbo”-Fanseite

TV Time Machine: Audiointerview mit Peter Falk und Mark Dawidziak

Thrilling Detective über Mickey Spillane

Thrilling Detective: Max Allan Collins über Mickey Spillane

January Magazine: Max Allan Collins zum Tod von Mickey Spillane

Evolver: Martin Compart zum Tod von Mickey Spillane

Mystery File: Steve Holland über Mickey Spillane

Crimetime: Interview mit Mickey Spillane

Combustible Celluloid: Interview mit Mickey Spillane

Kaliber .38 über Mickey Spillane

Krimi-Couch über Mickey Spillane

Mordlust über Mickey Spillane

New York Times: Nachruf auf Mickey Spillane

Washington Post: Nachruf auf Mickey Spillane

Meine Besprechung von Mickey Spillanes “Dead Street”

 


DVD-Kritik: Zauberhaft. „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ im Heimkino

Februar 15, 2017

Inzwischen ist Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ auf DVD und Blu-Ray und 4K Ultra HD (wer’s braucht) erschienen und das Bonusmaterial gesichtet. Zum Kinostart des Films schrieb ich (bereinigt um ein, zwei Dusselfehler):

Wie bei dem ebenfalls heute anlaufendem Jason-Statham-Actionfilm „Mechanic: Resurrection“ hat auch bei der Caper-Komödie „Die Unfassbaren“ niemand wirklich eine Fortsetzung erwartet. Denn die Geschichte der Illusionisten „The Four Horsemen“ war erzählt. Sie verwirklichten, im Auftrag von Dylan Rhodes, einen ziemlich elaborierten Racheplan, der natürlich auch deshalb so elaboriert war, um möglichst gut von den wahren Absichten abzulenken und bei dem, wie es sich für einen guten Zauberertrick gehört, fast alles schon vorher geplant war. Die starbesetzte Krimikomödie war ein großer Spaß und das Einspielergebnis war mit weltweit über 350 Millionen Dollar so überzeugend, dass es jetzt die Fortsetzung gibt, die genau daran leidet, dass die Geschichte fertig erzählt war.

Für die Fortsetzung mussten die Macher nun überlegen, wie sie die „Four Horsemen“, die irgendwo zwischen Ruhestand und Shows auf den großen Las-Vegas-Showbühnen leben könnten, wieder zurück bringen: ob sie zu einer „Ocean’s Eleven“-Verbrecherbande werden oder ob sie ihre Fähigkeiten als moderne Robin Hoods, sozusagen als „Leverage“-Team mit Zaubershow, einsetzen.

Mit Ach und Krach entschlossen sich die Macher für eine Mischung aus komplettem Neuanfang und Weitererzählung der Geschichte von „Die Unfassbaren“, weil jetzt die inhaftierten und blamierten Bösewichter des ersten Teils sich rächen wollen und die „Four Horsemen“ in Richtung Verbrechensbekämpfung auf der großen Showbühne gehen, während Dylan Rhodes (Mark Ruffalo) noch immer beim FBI arbeitet und dort fanatisch jede Spur der spurlos verschwundenen Illusionisten verfolgt. Seine Kollegen zweifeln zwar an seinem Verstand, aber so kann er die spurlos verschwundenen „Four Horsemen“ am besten schützen. Denn er ist der Kopf der „Four Horsemen“ und Mitglied des Magier-Geheimbundes „Das Auge“.

Während einer Produktpräsentation geht ein arg amateurhafter Überraschungsauftritt der „Four Horsemen“, bei dem sie die schändlichen Absichten des Veranstalters der Welt verraten wollen, gründlich schief. Die tapferen vier Reiter, bestehend aus Illusionist J. Daniel Atlas (Jesse Eisenberg), Mentalist Merritt McKinney (Woody Harrelson), Kartentrickser Jack Wilder (Dave Franco) und Neuzugang Lula (Lizzy Caplan), die sich zur Begrüßung schon einmal selbst enthauptet, müssen untertauchen.

Sie alle reisen, mehr oder weniger freiwillig, nach Macau, wo Walter Mabry (Daniel Radcliffe) sie in seinem Penthouse empfängt. Für den zurückgezogen lebenden Milliardär sollen sie einen unvorstellbar leistungsfähigen Computerchip/-software (der MacGuffin des 21. Jahrhunderts) stehlen. Die fünf Illusionisten sind einverstanden. Allerdings wissen sie nicht, dass Mabry der Sohn von Arthur Tressler (Michael Caine), dem Bösewicht des vorherigen Films, ist und Mabry und Tressler sich an ihnen für die damaligen Ereignisse rächen wollen.

Außerdem kann Thaddeus Bradley (Morgan Freeman), der ebenfalls aus „Die Unfassbaren“ bekannte, jetzt inhaftierte Berufsenttarner von Zauberertricks, aus dem Gefängnis entkommen.

Während in „Die Unfassbaren“ noch viel Zeit auf die Tricks der Illusionisten und deren Erklärung verwandt wurde, spielen sie in „Die Unfassbaren 2“ eigentlich keine Rolle mehr. Die meisten Tricks sind so elaboriert und groß, dass die Macher auf jede Erklärung verzichten. Es wäre ihnen auch nicht gelungen. Für den Rest gibt es dann gut versteckte Falltüren und Kartentricks, die keiner Erklärung bedürfen.

Stattdessen konzentriert Regisseur Jon M. Chu sich auf die Action und die Drehbuchautoren Peter Chiarelli und Ed Solomon, einer der Autoren des ersten Films, schrieben eine Geschichte, die in der Tradition der klassischen Pulp-Geschichten und B-Pictures aus den Dreißigern und Vierzigern, wie den „Mr. Moto“-Filmen mit Peter Lorre, steht. Immer wenn es nicht weiter geht, gibt es eine ausgewalzte Actionszene, immer wieder taucht plötzlich jemand aus dem Nichts auf, immer wieder gibt es, wenn man sich gerade in eine erzählerische Sackgasse manövrierte, eine Erklärung, die alle vorherigen Ereignisse auf den Kopf stellt, und es passiert so viel so schnell, dass man über die Geschichte nicht weiter nachdenkt. Denn aus den einzelnen Szenen ergibt sich keine wirklich sinnvolle Geschichte.

Die Action inszenierte Jon M. Chu, der vorher vor allem die „Step Up“-Tanzfilme und das kindische Actiondesaster „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ (USA/Kanada 2013) inszenierte, in „Die Unfassbaren 2“ nachvollziehbar, mit weniger Schnitten als in „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ und, wenn unsere Helden gerade einen komplizierten Diebstahl aus einem bestens bewachtem Gebäude unter den wachsamen Augen des Sicherheitspersonals durchführen, mit viel Slo-Mo, wie einen Tanz. Das bringt die Handlung zwar genauso wenig voran wie eine Fred-Astaire-Tanznummer in einem Musical, aber das Auge (vielleicht auch „Das Auge“) verfolgt entzückt die überaus komplizierte Aktion, während das Hirn anmerkt, dass die Zauberer auch leichter und schneller an ihr Ziel kommen könnten.

Als gut gemachte, durchaus familienfreundliche Samstagabendunterhaltung mit gut aufgelegten Schauspielern (und Woody Harrelson in einer Doppelrolle) im Stil eines Vierziger-Jahre-B-Pictures funktioniert „Die Unfassbaren 2“ gut.

Es ist aber auch ein Film, der gerade die besonderen Aspekte des ersten Films – die Tricks der Illusionisten und der große Plan, in dem alles miteinander zusammenhängt (wobei ich immer noch glaube, dass der Plan bei einer genaueren Betrachtung schneller als ein Soufflé in sich zusammenfällt) – zugunsten einer 08/15-Gaunergeschichte links liegen lässt, die noch nicht einmal versucht, die Szenen in eine kohärente Geschichte oder einen großen Zauberertrick, der sich erst am Ende enthüllt, einzufügen.

Schon vor dem US-Kinostart wurde ein dritter „Die Unfassbaren“-Film angekündigt, bei dem Jon M. Chu wieder die Regie übernehmen soll. Über den Plot und die Besetzung ist noch nichts bekannt.

 

Daran hat sich immer noch nichts geändert. Der dritte „Die Unfassbaren“-Film ist für 2019 angekündigt. Weil das Einspielergebnis des zweiten Teils sich mit 334 Millionen Dollar weltweitem Einspiel kaum vom ersten Teil unterscheidet und das Ensemble seinen Spaß hatte, dürfte es dabei bleiben.

Das Bonusmaterial der Blu-ray ist mit einem Audiokommentar und drei Featurettes, die insgesamt eine gute Stunde dauern, umfangreicher als bei der DVD ausgefallen. Die hat nur das viertelstündige Featurette „Guck genau hin!“. Die Featurettes geben einen kurzweiligen Einblick in verschiedene Aspekte des Films und der Dreharbeiten. Jon M. Chus Audiokommentar ist informativ, konzentriert sich aber zu sehr auf Erklärungen über die Drehorte und wie sehr er die verschiedenen Schauspieler bewundert. Interessant sind seine Hinweise auf verschiedene Kürzungen (und warum die Szenen gekürzt wurden) und wie viel von den Tricks der „Four Horseman“ echt ist. Um uns zu zeigen, dass die Schauspieler die Tricks beherrschten und live präsentierten, schnitt er in diesen Szenen sehr wenig.

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Die Unfassbaren 2 – Now you see me (Now you see me 2, USA 2016)

Regie: Jon M. Chu

Drehbuch: Ed Solomon, Peter Chiarelli

mit Jesse Eisenberg, Mark Rufallo, Woody Harrelson, Dave Franco, Daniel Radcliffe, Lizzy Caplan, Jay Chou, Sanaa Lathan, Michael Caine, Morgan Freeman

Blu-ray

Concorde Home

Bild: 1080p HD 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS-HD Master Audio 7.1, Dolby Digital 2.0), Englisch (DTS-HD Master Audio 7.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Magie von Cast und Crew, Guck genau hin!, Hier kommt Magie, Audiokommentar von Regisseur Jon M. Chu, Deutscher und Original-Kinotrailer, Wendecover

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Unfassbaren 2“

Metacritic über „Die Unfassbaren 2“

Rotten Tomatoes über „Die Unfassbaren 2“

Wikipedia über „Die Unfassbaren 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Louis Letteriers „Die Unfassbaren – Now you see me“ (Now you see me, USA 2013) und der DVD

Meine Besprechung von Jon M. Chus „G.I. Joe 3D: Die Abrechnung“ (G.I. Joe: Retaliation, USA/Kanada 2013)

Meine Besprechung von Jon M. Chus „Die Unfassbaren 2 – Now you see me“ (Now you see me 2, USA 2016)


TV-Tipp für den 15. Februar: Last Man Standing

Februar 15, 2017

Kabel 1, 22.35

Last Man Standing (USA 1996, Regie: Walter Hill)

Drehbuch: Walter Hill (nach dem Drehbuch „Yojimbo“ von Ryuzo Kikushima und Akira Kurosawa)

USA, 1931: In dem texanischen Grenzkaff Jericho kämpfen zwei Schnapsbrennerbanden um die Vorherrschaft. Da taucht ein wortkarger Fremder, der sich gut mit Schusswaffen auskennt, auf. Beide Banden hätten ihn gerne als Handlanger und er lässt sich von beiden bezahlen.

Walter Hills Version von Akira Kurosawas „Yojimbo“ (und damit auch von Sergio Leones „Yojimbo“-Remake „Für eine Handvoll Dollar“). Und Kurosawa ließ sich für seinen Samurai-Film von Dashiell Hammetts „Red Harvest“ (Bluternte, Rote Ernte) inspirieren.

Davor, um 20.15 Uhr, und danach, um 00.35 Uhr, läuft „Road to Perditon„. Auch schön.

mit Bruce Willis, Bruce Dern, William Sanderson, Christopher Walken, David Patrick Kelly, Karina Lombard, Ned Eisenberg

Wiederholung: Donnerstag, 16. Februar, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Last Man Standing” 

Wikipedia über „Last Man Standing“ (deutsch, englisch) und Walter Hill (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Walter Hills “Straßen in Flammen” (Streets on Fire, USA 1984)

Meine Besprechung von Walter Hills “Shoutout – Keine Gnade” (Bullet to the Head, USA 2013)

Walter Hill in der Kriminalakte


DVD-Kritik: „Schüsse peitschen durch die Nacht“ wenn der „Rächer der Enterbten“ durch den Wilden Westen reitet

Februar 14, 2017

Mit „Rächer der Enterbten“ und „Schüsse peitschen durch die Nacht“ setzt Koch Media seine verdienstvolle „Edition Western-Legenden“ fort.

Rächer der Enterbten“ ist ein reichlich dümmlicher Titel für einen Film, der im Original unspektakulär „The true story of Jesse James“ heißt und der die Geschichte von Jesse James erzählt. Beginnend mit dem schief gehendem Überfall auf die Bank in Northfield, Minnesota, und zahlreichen Rückblenden, die die Geschichte von Jesse James chronologisch, aus verschiedenen Perspektiven erzählen.

Das ist ziemlich nah an der historischen Wahrheit, aber auch, wegen der Struktur, die Regisseur Nicholas Ray („…denn sie wissen nicht, was sie tun“) von Fox-Produktionschef Buddy Adler aufgezwungen wurde, reichlich langweilig. Denn Ray wollte den Film, ausgehend von der Frage eines Journalisten, wer Jesse James sei, nicht chronologisch erzählen. In der Endfassung sind die Rückblenden dann doch chronologisch angeordnet. Drehbuchautor Walter Newman meinte dazu: „Nick Ray und ich waren sehr an Psychoanalyse interessiert und bei unseren Recherchen waren wir sehr verblüfft festzustellen, dass Jesse zweifellos ein selbstzerstörerischer Charakter war. (…) Das war für uns eine neue Perspektive, die Geschichte anzugehen. In der Erzählstruktur sprangen wir zeitlich vor und zurück – so wie es einige Jahre später verschiedene Leute in ihren Filmen taten. Das war Nicks Konzeption. (…) Aber er [Buddy Adler] ordnete an, den Film auf konventionelle Weise zu schneiden. Also schnitt Nick ihn um, brachte alles in chronologische Reihenfolge, und das macht die ganze Sache sinnlos und ruinierte den Film.“

Jetzt entwickelt sich die Geschichte in biographischen Episoden holprig fort. Wenn man die Episoden nicht in die Biographie des Banditen einordnen kann, sind sie kaum verständlich. Die Psychologisierung, die Beziehungen in der Gang und die historischen Umstände bleiben entsprechend oberflächlich. Jedenfalls aus heutiger Perspektive. Denn Nicholas Ray drehte seinen Jesse-James-Film bereits 1956 und er stützte sich auf Henry Kings „Jesse James – Mann ohne Gesetz“ (Jesse James, USA 1939). Im Vorspann wird sogar explizit Nunnally Johnsons Drehbuch genannt.

Seitdem gab es einige weitere, gelungenere und interessantere Filme über Jesse James, wie „Der große Minnesota-Überfall“ (The great Northfield Minnesota Raid, USA 1971), „Long Raiders“ (The Long Raiders, USA 1980) und „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford, USA 2007).

Rächer der Enterbten“ ist daher vor allem etwas für die Nicholas-Ray-Komplettisten.

In „Schüsse peitschen durch die Nacht“ von Charles Haas kehrt der totgeglaubte Jim Trusk aus dem Bürgerkrieg nach Abilene zurück. Früher war er dort der von allen respektierte Sheriff. Heute kann er nach seinen Kriegserlebnissen keinen Revolver mehr anfassen. Seine damalige Freundin steht kurz vor der Heirat mit Dave Mosely, seinem Freund, der bei einem von Trusk vor über zehn Jahren verursachten Unfall die rechte Hand verlor. Der Rinderbaron Mosely ist inzwischen, was ihn in einem Western sofort zum Bösewicht macht, der große Landbesitzer der Gegend. Mit seinen Handlangern will er auch das restliche Land der Farmer, mit mehr oder weniger seriösen Methoden, aufkaufen. Da sind Konflikte vorprogrammiert.

Auch Trusk muss sich schnell entscheiden, auf welcher Seite er steht.

Schüsse peitschen durch die Nacht“ ist, abgesehen von Trusk Kriegstrauma, das er in den entscheidenden Momenten schnell überwindet, ein typischer B-Western, der auch nicht mehr sein will. Immerhin erzählt er seine Geschichte angenehm flott in fünfundsiebzig Minuten. Also der ideale Stoff für einen kalten Winternachmittag.

Ach ja, David Janssen, der später „Auf der Flucht“ war ist hier als Nebendarsteller in einer seiner frühen Rollen (er lief damals bei etlichen Filmen durchs Bild) dabei.

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Rächer der Enterbten (The true story of Jesse James, USA 1956)

Regie: Nicholas Ray

Drehbuch: Walter Newman (nach dem Drehbuch für den Film „Jesse James“ von Nunnally Johnson)

mit Robert Wagner, Jeffrey Hunter, Hope Lang, Agnes Moorehead, Alan Hale, Biff Elliot, Anthony Ray, Alan Baxter, John Carradine

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Trailer, Bildergalerie, Booklet

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rächer der Enterbten“

Wikipedia über „Rächer der Enterbten“

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Schüsse peitschen durch die Nacht (Showdown at Abilene, USA 1956)

Regie: Charles Haas

Drehbuch: Berne Giler

mit Jock Mahoney, Martha Hyer, Lyle Bettger, Grant Williams, David Janssen

DVD

Koch Media

Bild: 1.33:1 (4:3)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Bildergalerie, Booklet

Länge: 77 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

 


TV-Tipp für den 14. Februar: Im Rausch der Daten – Netz und Demokratie

Februar 13, 2017

Arte, 22.40

Im Rausch der Daten – Netz und Demokratie (Deutschland/Frankreich 2015)

Regie: David Bernet

Drehbuch: David Bernet

TV-Premiere der grandiosen Doku „Democracy – Im Rausch der Daten“ als „Im Rausch der Daten – Netz und Demokratie“ (keine Ahnung, welcher Titel berauschender ist). David Bernet beobachtete über zwei Jahre den Gesetzgebungsprozess, die parlamentarischen Beratungen und Lobbygespräche, zur EU-Datenschutzgrundverordnung.

Sie zeigt eindrücklich, wie langwierig und komplex Gesetzgebungsprozesse sind – und da reden wir noch nicht von der Umsetzung in den EU-Ländern.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit Clips und Buchhinweis).

mit Jan Philipp Albrecht, Viviane Reding, Ralf Bendrath, John Boswell, Katarzyna Szymielewicz, Paolo Balboni, Dimitrios Droutas, Tanguy van Overstraeten, Joe McName, Peter Hustinx, Axel Voss

Hinweise
Homepage zum Film
Fillmportal über „Democracy – Im Rausch der Daten“
Film-Zeit über „Democracy – Im Rausch der Daten“
Moviepilot über „Democracy – Im Rausch der Daten“
Wikipedia über „Democracy – Im Rausch der Daten“

Meine Besprechung von „Democracy – Im Rausch der Daten“ (Deutschland/Frankreich 2015)


TV-Tipp für den 13. Februar: Die Brautjungfer

Februar 12, 2017

Arte, 22.00

Die Brautjungfer (Frankreich/Deutschland 2004, Regie: Claude Chabrol)

Drehbuch: Pierre Leccia, Claude Chabrol

LV: Ruth Rendell: The Briedesmaid, 1989 (Die Brautjungfer)

Auf der Hochzeitsfeier seiner Schwester verliebt sich Philippe in die Brautjungfer Senta. Ein böser Fehler, denn sie fordert von ihrem Liebhaber als Beweis seiner Liebe einen Mord.

Wie gewohnt seziert Chabrol auch in „Die Brautjungfer“ das Bürgertum. Hier konzentriert er sich auf eine fatale Liebesbeziehung und zeigt wieder einmal, wie schnell ganz normale Menschen bereit sind andere umzubringen. Natürlich ist „Die Brautjungfer“, trotz einer unglaubwürdigen Liebesbeziehung und der Konzentration auf zwei Personen, auf dem gewohnt hohen Standard seines Spätwerks

Mit Benoit Magimel, Laura Smet, Aurore Clément

Wiederholung: Dienstag, 14. Februar, 14.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Brautjungfer“

Wikipedia über „Die Brautjungfer“ (deutsch, englisch), Ruth Rendell (deutsch, englisch) und Claude Chabrol (deutsch, englisch, französisch)

Mein Nachruf auf Claude Chabrol

Claude Chabrol in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 12. Februar: Der Mandant

Februar 12, 2017

RTL II, 20.15
Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)
Regie: Brad Furman
Drehbuch: John Romano
LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)
Lincoln Lawyer Mickey Haller (Matthew McConaughey) tut alles für seine meist mehr als halbseidenen Mandanten. Als er aber einen Freispruch für den stinkreichen Louis Roulet erwirken soll, packt ihn das Gewissen. Auch weil Roulets Taten mit einem früheren Mandanten von ihm, der seine Unschuld beteuerte und dem er mit einem guten Deal einen Knastaufenthalt verschaffte, zusammen hängen.
Heute ist die TV-Premiere der rundum geglückten Michael-Connelly-Verfilmung, die Matthew McConaugheys Karriere auf spannende Bahnen lenkte.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
„Der Mandant“ war Michael Connellys erster Justizthriller. Danach schrieb er noch weitere Romane mit Mickey Haller, der auch Harry Bosch (Connellys ersten Seriencharakter, der inzwischen eine „Fernseh“-Serie hat) trifft.
mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston

Wiederholung: Montag, 13. Februar, o1.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Mandant“

Rotten Tomatoes über „Der Mandant“

Michael Connelly unterhält sich mit Matthew McConaughey über den Film

Meine Besprechung der Filmausgabe von Michael Connellys „Der Mandant“

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Echo Park” (Echo Park, 2006)

Michael Connelly in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Brad Furmans „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Meine Besprechung von Brad Furmans „Runner Runner“ (Runner Runner, USA 2013)

Meine Besprechung von Brad Furmans „The Infiltrator“ (The Infiltrator, Großbritannien 2016)


TV-Tipp für den 11. Februar: Die Dolmetscherin

Februar 11, 2017

ZDFneo, 21.35
Die Dolmetscherin (Großbritannien/Frankreich/USA 2005, Regie: Sydney Pollack)
Drehbuch: Charles Randolph, Scott Frank, Steven Zaillian (nach einer Geschichte von Martin Stellman und Brian Ward)
UN-Dolmetscherin Silvia Broome behauptet, dass sie ein Gespräch belauschte, in dem im Landesdialekt über ein Mordkomplott gegen den verhassten Diktator ihres Heimatlandes, der in New York ermordet werden soll, gesprochen wurde. Agent Tobin Keller soll die wichtige Zeugin beschützen. Gleichzeitig fragt er sich, ob die schöne Frau mit rätselhafter Vergangenheit, die Wahrheit sagt.
Der spannende Polit-Thriller war der letzte Spielfilm von Sydney Pollack, der auch “Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß” (They shoot horses, don’t they?), “Jeremiah Johnson”, “Yakuza” (The Yakuza), “Die drei Tage des Condors” (Three days of the Condor), “Tootsie”, “Jenseits von Afrika” (Out of Africa) und “Die Firma” (The Firm) inszenierte.
mit Nicole Kidman, Sean Penn, Catherine Keener, Jesper Christensen, Yvan Attal
Hinweise
Film-Zeit über „Die Dolmetscherin“
Moviepilot über „Die Dolmetscherin“
Metacritic über „Die Dolmetscherin“
Rotten Tomatoes über „Die Dolmetscherin“
Wikipedia über „Die Dolmetscherin“ (deutsch, englisch)
Mein Nachruf auf Sydney Pollack


Neu im Kino/Filmkritik: „Den Sternen so nah“, der Liebe so fern

Februar 10, 2017

Zugegeben, besonders plausibel ist die Geschichte nicht. Da sollen wir zuerst glauben, dass bei der ersten bemannten Mission zum Mars eine schwangere Frau mitfliegen darf, weil bei all den Untersuchungen vor dem Abflug genau das nicht bemerkt wurde. Dann sollen wir glauben, dass in einer Marsstation ein Junge aufwächst, ohne dass das über sechzehn Jahre herauskommt. Er wird von Wissenschaftlern, die auf verschiedenen Missionen auf der Station eine mehr oder weniger lange Zeit verbringen, erzogen. Und niemand, absolut niemand, von den Astronauten und dem Personal auf der Erde redet darüber. Das ist absolut unrealistisch. Wem es nicht gelingt, über diese Punkte hinwegzusehen, der wird „Den Sternen so nah“, den neuen Film von Peter Chelsom („Funny Bones“), hassen. Dabei ist die Frage, wie sich eine Schwangerschaft und Geburt im Weltraum und ein Leben auf dem Mars auf den menschlichen Körper auswirken, durchaus faszinierend. In dem Film bleibt es dann dabei, dass der Junge ein zu schwaches Herz für die Erde hat.

Gardner Elliot (Asa Butterfield), der Marsjunge, genießt auf dem Mars zwar eine gute Ausbildung mit Wissenschaftlern, seinem Roboter Centaur und Computern, aber er sehnt sich auch nach dem Kontakt zu Gleichaltrigen. Im Internet lernt er Tulsa (Brit Robertson) kennen. Sie lebt in einer Kleinstadt in Colorado, wurde in den vergangenen Jahren von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht und freut sich auf ihren achtzehnten Geburtstag. Dann ist die Outsiderin endlich frei und kann tun und lassen, was sie will. Sie skypen ohne Zeitverzögerung (scheint in knapp zwanzig Jahren zu gehen), aber sonst trennen sie Welten.

Als die Mediziner der privaten Gesellschaft Genesis Space Technologies, die für die Marsmission verantwortlich ist, eine Methode entdecken, Gardners Körper so zu verändern, dass er auf der Erde überleben kann, ist eine Rückkehr möglich.

Auf der Erde gelingt ihm schnell die Flucht aus dem Kennedy Space Center in Florida. Er will zu Tulsa und mit ihr zu seinem Vater, von dem er nur ein Bild hat. Seine Mutter starb bei seiner Geburt. Dabei entdeckt Gardner eine für ihn fremde Welt, durch die er wie David Bowie in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ stakst und sich über den Regen freut.

Allerdings werden er und seine ‚Maude‚ Tulsa von Nathaniel Shepherd (Gary Oldman, der mehr als eine Nebenrolle hat), dem herzschwachen Gründer von Genesis Space Technologies, und seiner Marsmutter Kendra Wyndham (Carla Gugino), einer kinderlosen Ingenieurin, verfolgt. Beide haben, aus unterschiedlichen Gründen, Angst um Gardner und dass er von der Polizei und der Öffentlichkeit entdeckt wird, während er von Florida über Colorado, New Mexico, Arizona und Nevada in Richtung Kalifornien reist.

In diesen Momenten ist dann die Science-Fiction-Welt ganz weit weg. Man muss sich nicht mehr mit den Unglaubwürdigkeiten der Ausgangslage beschäftigen, sondern kann (und sollte) „Den Sternen so nah“ als eine Geschichte von zwei Outsidern, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die zusammen finden, sehen. Es ist eine Geschichte zweier Jugendlicher, die sich nach dem Sinn ihres Leben fragen und dabei ein wildes Abenteuer erleben. Gewürzt mit etwas Humor, einem zutiefst freundlichen Blick auf die Menschen, ihre Fehler, Bedürfnisse und Wünsche, schönen Bildern aus dem Hinterland (gedreht wurde vor allem in der Gegend von Albuquerque, New Mexico) und Schauspielern, die man immer gerne sieht, wie Gary Oldman, der sich in den vergangenen Jahren etwas rar machte und vor allem Nebenrollen übernahm.

Das ist immer etwas banal, nicht allzu tiefschürfend und eher für Teenager, aber mit der begrüßenswerten Botschaft.

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Den Sternen so nah (The Space between us, USA 2017)

Regie: Peter Chelsom

Drehbuch: Allan Loeb (nach einer Geschichte von Stewart Schill, Richart Barton Lewis und Allan Loeb)

mit Britt Robertson, Asa Butterfield, Gary Oldman, Carla Gugino, BD Wong, Janet Montgomery

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Den Sternen so nah“

Metacritic über „Den Sternen so nah“

Rotten Tomatoes über „Den Sternen so nah“

Wikipedia über „Den Sternen so nah“

Meine Besprechung von Peter Chelsoms „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ (Hector and the Search for Happiness, Kanada/Deutschland 2014)

 


TV-Tipp für den 10. Februar: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod

Februar 10, 2017

ARD Alpha, 21.00

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod (Deutschland 1974, Regie: Alexander Kluge, Edgar Reitz)

Drehbuch: Alexander Kluge, Edgar Reitz

Inge Maier, Beischlafdiebin, und Rita Müller-Eisert, DDR-Spionin, erkunden gemeinsam zehn Tage die alte Bundesrepublik. Dabei erleben sie in Frankfurt am Main eine Häuserräumung (es ging um Gründerzeitvillen gegen Banken-Wolkenkratzer), den Karneval, eine Truppenparade, ein Seminar des Bundesverbandes junger Unternehmer, eine Astrophysiker-Tagung und Streiks bei den Städtischen Bühnen

Ein unglaublich selten gezeigtes satirisches Panoptikum der BRD, das heute in jeder Beziehung sehr fern wirkt.

Wie diese Einschätzung: „Eine offenbar nur noch zersplittert wahrnehmbare Wirklichkeit erscheint filmisch reproduziert. Das grausige Informationspotpourri der Tageszeitungen und der Nachrichtensendungen wird ästhetisch modifiziert, aber strukturell entsprechend vorgeführt. Angsterregendes steht neben Belustigendem, Rätselhaftes neben Trivialem, Wichtiges neben Unwichtigem; alles scheinbar ohne Eingriff des Regisseurs, wie vom Leben selbst gedreht… (Kluge) bescheidet sich damit, kontroverse Bilder und Töne nach ästhetischen Kriterien zu einer Art Geheimschrift zu organisieren, die sich weder im Sinne irgendeiner politischen Richtung eindeutig entziffern, noch weniger in eingreifende Praxis übersetzen lässt.“ (Arbeitskreis linker Germanisten: Operativität bei Alexander Kluge, 1975)

Alexander Kluge und Edgar Reitz wollten genau das: Beobachtungen und erfundene Szenen vollkommen disparat präsentieren und dem Zuschauer keinen traditionellen Bedeutungsrahmen vorgeben. Der Zuschauer darf selbst die Bilder mit dem von ihm gewünschten Sinn aufladen. Wobei in bestimmten Szenen (Häuserräumung! Karneval!) die Deutung schon vorgegeben ist.

Wer heute etwas über die Wirklichkeit von 1974 erfahren will, dem bietet sich in Reitz’/Kluges Film in jedem Fall ein ungemein vielfältiges, die persönlichen Erinnerung präzisierendes, falsifizierendes und verifizierendes Material, wie sie ‚Zeitgeist‘-Reportagen aus jenen Tagen nie leisten konnten.“ (Reinhold Rauh: Edgar Reitz, 1993)

mit Dagmar Bödderich, Jutta Winkelmann, Norbert Knetrup, Kurt Jürgens, Alfred Edel

Hinweise

Filmportal über „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“

Wikipedia über „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern“ (2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Eid“ – Eiskalter Noir aus Island

Februar 9, 2017

Nach mehreren US-Filmen ist „Everest“-Regisseur Baltasar Kormákur jetzt wieder nach Island zurückgekehrt mit dem eiskalten Noir „Der Eid“ und der TV-Serie „Trapped – Gefangen in Island“, die bei uns ab Sonntag, den 19. Februar, um 22.00 Uhr im ZDF läuft.

Der Eid“ läuft im Kino mit Baltasar Kormákur in der Hauptrolle. Er spielt Finnur, einen glücklich verheirateten Vater und bei seinen Kollegen respektierten Herzchirurgen. Allerdings bereitet ihm seine volljährige Tochter Anna schlaflose Nächte. Anstatt brav zu studieren, feiert sie lieber und konsumiert Drogen bis der Notarzt kommt. Ihr neuer Freund Ottar ist auf den ersten, zweiten und dritten Blick ein Verbrecher, der mit Drogenhandel einen gehobenen Lebensstil pflegt. Selbstverständlich möchte Finnur, dass Anna die Beziehung zu Ottar beendet. Aber sie denkt nicht dran. Ottar sei ihre große Liebe und auch Ottar will sie nicht verlassen.

Als Finnur in Ottars Wohnung Drogen findet, informiert er die Polizei. Die nimmt, weil der Besitzer der Drogen unklar ist, Ottar allerdings nicht fest. Sie beschlagnahmt die Drogen. Ottar, der durch eine Nachbarin erfährt, dass Finnur bei ihm eingedrungen ist, beginnt Finnur zu erpressen.

Und Finnur beginnt zu überlegen, wie er den Freund seiner Tochter endgültig aus dem Weg schaffen kann. Dabei spielt der titelgebende Hippokratische Eid eine Rolle.

Der Eid“ ist ein ruhiger, nordisch unterkühlt erzählter Noir, der sich im winterlichen Reykjavik und dem menschenleeren Umland mahlstromartig zu seinem erwartbaren Ende entwickelt. Kormákur folgt schnörkellos den bekannten Erzählkonventionen. Die kleinen Variationen und Überraschungen liegen dabei mehr in Finnurs als in Ottars Handlungen. Ottar ist nämlich der typische Kriminelle, der es gewohnt ist, mit Erpressung und Gewalt seinen Willen durchzusetzen. Auch der zunehmend handgreiflich ausgetragene Kampf zwischen Finnur und Ottar, bei dem nur einer gewinnen kann, folgt dem bekannten Eskalationsprinzip.

Dabei sollte Finnur doch eigentlich intelligent genug sein, um Ottar ohne Gewalt zu besiegen. Das wäre natürlich ein anderer Film, aber auch ein Film, den wir viel zu selten sehen und der aus „Der Eid“ mehr als ein Selbstjustizdrama vor ungewohnter Kulisse gemacht hätte.

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Der Eid (Eidurinn, Island 2016)

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Ólafur Egill Egilsson, Baltasar Kormákur

mit Baltasar Kormákur, Hera Hilmer, Gisli Örn Gardarsson, Ingvar Eggert Sigurdsson

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Eid“

Rotten Tomatoes über „Der Eid“

Wikipedia über „Der Eid“

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “Contraband” (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs “2 Guns” (2 Guns, USA 2013)

Meine Besprechung von Baltasar Kormákurs „Everest“ (Everest,USA/Großbritannien 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Girl with All the Gifts“ und dem Zombie-Gen

Februar 9, 2017

Glenn Close in einem Zombiefilm? Das macht neugierig. Die ersten geheimnisvollen Minuten des Films ebenso. Sie basieren auf einer mit dem Edgar ausgezeichneten Kurzgeschichte, die Mike Carey später zu einem Roman und einem Drehbuch ausbaute. Danach, wenn eine Gruppe Überlebender die auf dem Land gelegene Militärstation verlassen und sich Richtung London zu anderen Überlebenden durchschlagen müssen, gehorcht die Handlung von „The Girl with All the Gifts“ den bekannten Genrekonventionen. Auch wenn hier die Zombies Hungries genannt werden, sie reglos herumstehen, bis sie Nahrung wittern und sie durch eine Pilzinfektion zu Zombies wurden.

Die ersten Filmminuten spielen in den Kellern einer Kaserne (was wir erst später erfahren). In Zellen werden Kinder gefangen gehalten. Die schwerbewaffneten Soldaten scheinen sich vor ihnen zu fürchten und sie werden, mit Gesichtsmasken, an Rollstühle gefesselt durch das Gebäude transportiert. Zum Schulunterricht, der ebenfalls von bewaffneten Soldaten überwacht wird und den die Gefesselten in ihren Rollstühlen erhalten. Wobei unklar ist, warum Helen Justineau (Gemma Arterton) diese Bestien unterrichtet. Als sie sich dem titelgebenden „Girl with All the Gifts“ Melanie (Sennia Nanua), die ihre intelligenteste Schülerin ist, zu sehr nähert, reibt Sergeant Eddie Parks (Paddy Considine) etwas Schutzgel von seiner Haut ab. Plötzlich werden all die Schüler, die sich bis jetzt vollkommen normal verhielten, zu schreienden, triebgesteuerten Bestien.

Dritte Hauptperson ist Dr. Caroline Caldwell. Gespielt wird sie von Glenn Close, die eine der Hauptrollen hat und bis zum Schluss dabei ist. Das muss man ja sagen, weil sonst Stars in kleinen Filmen oft nur eine kleine Rolle haben, die auf dem Plakat groß beworben wird. Als Wissenschaftlerin sucht sie nach einem Gegenmittel. Dafür experimentiert sie mit den Zombies.

Diese drei Menschen machen sich, mit einigen weiteren Soldaten, nach einem Zombieüberfall auf das Militärlager auf den Weg nach London. Dort hoffen sie auf andere Überlebende zu treffen. Begleitet werden sie, weil Caldwell Melanie für weitere Experimente benötigt, von Melanie. Sie behandeln die gefährliche Gefangene wie ein Tier. Als weiblicher, intelligenter Kaspar Hauser entdeckt Melanie erstmals die seit Jahren von Zombies beherrschte Welt außerhalb des Gefängnisses, in dem sie bis jetzt lebte. Außerdem steht sie – theoretisch -, wie in einem Western, vor die Wahl, ob sie den weißen Siedlern oder ihren Stammesgenossen hilft. Dummerweise sind die eine desorganisierte, primitiven Trieben gehorchende Horde.

Colm McCarthy arbeitete bislang vor allem für das Fernsehen für Serien wie „Sherlock“, „Peaky Blinders“, „Doctor Who“ und „Injustice“. Mit „The Girl with All the Gifts“ inszenierte er einen Zombiefilm, den ich als DVD- oder TV-Film wahrscheinlich ziemlich uneingeschränkt loben würde. Die Schauspieler sind gut. Die Geschichte ist ordentlich entwickelt. Die Suspense-Momente ebenso. Die Action überzeugt. Schauwerte zwischen Stadt und Land und verfallenen Gebäuden sind reichlich vorhanden. Immer knüpft die Geschichte an eine erkennbare Realität an.

Im Kino ist dann alles eine Nummer zu klein und zu gewöhnlich geraten. Da fallen dann die durchgehend etwas zu farblosen Bilder negativ auf. Die Story, auch wenn es eine Reisegeschichte ist, plätschert oft zu sehr vor sich hin. Und, gerade im Hinblick auf das überraschende Ende, fallen einige Drehbuchschwächen auf. Da werden Dinge, wie das geruchshemmende Gel, das die Menschen zum Schutz gegen die Zombies auftragen müssen, anfangs immer wieder penetrant häufig erwähnt, später überhaupt nicht mehr. Andere Dinge, die für das Finale wichtig sind und eine ausführliche Diskussion lohnen würden, werden dagegen überhaupt nicht vorbereitet. Dafür wird Zeit verschwendet, um eher unwichtige Dinge so ausführlich zu erklären, dass auch der dümmste Zuschauer sie versteht. Und einiges ist unlogisch. Wenn auch nicht unlogischer als in anderen Zombiefilmen.

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The Girl with All the Gifts (The Girls with All the Gifts, Großbritannien/USA 2016)

Regie: Colm McCarthy

Drehbuch: Mike Carey

LV: M. R. Carey (das ist Mike Carey): The Girl with All the Gifts, 2014 (Die Berufene)

mit Gemma Arterton, Sennia Nanua, Glenn Close, Paddy Considine, Anamaria Marinca, Dominique Tipper, Fisayo Akinade, Anthony Welsh

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Girl with All the Gifts“

Metacritic über „The Girl with All the Gifts“

Rotten Tomatoes über „The Girl with All the Gifts“

Wikipedia über „The Girl with All the Gifts“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. Februar: ’71 – Hinter feindlichen Linien

Februar 9, 2017

3sat, 23.00

71 – Hinter feindlichen Linien (’71, Großbritannien 2014)

Regie: Yann Demange

Drehbuch: Gregory Burke

Der junge englische Soldat Gary Hook muss 1971 noch nicht einmal sein Land verlassen, um mitten in einem Krieg zu landen. Damals herrschte in Nordirland Bürgerkrieg. Bei einem Routineeinsatz in Belfast wird Gary von seiner Einheit getrennt und er muss sich, zwischen allen Fronten, in einer Nacht zu seiner Einheit durchschlagen. Dabei weiß er nicht, wem er vertrauen kann.

Ein hochspannender, wortkarger Thriller, der bei der Berlinale gut ankam und dann doch nur eine DVD-Veröffentlichung erlebte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jack O’Connell, Paul Anderson, Richard Dormer, Sean Harris, Barr Keoghan, Martin McCann, Charlie Murphy, Sam Reid, Killian Scott, David Wilmot

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „’71“
Moviepilot über „’71“
Metacritic über „’71“
Rotten Tomatoes über „’71“
Wikipedia über „’71“ (deutsch, englisch)
Berlinale über „’71

Meine Besprechung von Yann Demanges „’71 – Hinter feindlichen Linien“ (’71, Großbritannien 2014)


DVD-Kritik: „The Sea of Trees – Liebe wird dich nach Hause führen“, wenn du willst

Februar 8, 2017

Arthur Brennan (Matthew McConaughey) reist nach Japan, um sich in dem dortigen Selbstmörderwald Aokigahara umzubringen. Kaum hat er die tödlichen Pillen geschluckt, sieht er einen hilflos durch den Wald irrenden Mann (Ken Watanabe), der offensichtlich aus dem Wald heraus will. Brennan zeigt Takumi Nakamura den Weg. Allerdings bemerkt er kurz darauf, dass er ihn in die falsche Richtung geschickt hat. Er verfolgt ihn, um ihm den richtigen Weg aus dem Wald zu zeigen und fortan irren sie orientierungslos durch den riesigen Wald. Dabei erzählen sie sich, warum sie sich umbringen wollen.

Dass der Aokigahara-Wald durchaus unheimlich ist, wissen wir aus „The Forest“. In dem Horrorfilm musste die Heldin sich mit mehr oder weniger realen Geistern, die sie töten wollten, herumschlagen. Dagegen hat Brennan es eindeutig besser erwischt. Er muss sich, während er mit Nakamura durch den Wald stolpert, nur mit den Geistern seiner Vergangenheit, seiner Beziehung zu seiner Frau Joan (Naomi Watts), herumärgern. Und der Frage, ob er wirklich sterben will.

The Sea of Trees – Liebe wird dich nach Hause führen“ ist Gus Van Sants Selbstfindungsdrama mit absehbarer Pointe und Übererklärung in den letzten Minuten. Das ist sicher nicht van Sants bester Film, überhaupt nicht experimentell und nicht besonders anspruchsvoll. Es ist aber bei weitem nicht so schlecht, wie man nach Berichten über Buhrufen während der Cannes-Premiere befürchten musste. Die Schauspieler überzeugen. Die Außenaufnahmen (gedreht wurde im Purgatory Chasm in Massachusetts) ebenso. Die schon im deutschen Untertitel angedeutete Botschaft „Liebe wird dich nach Hause führen“ sagt nichts falsches. Sie ist halt, wie der gesamte Film, wenig überraschend und ungefähr so tiefsinnig wie ein Kalenderspruch. Dabei hätte die Beziehung zwischen Brennan und seiner Frau viel Stoff für ein komplexes Drama geboten. Er ist ein Lehrer, der seinen Schülern etwas beibringen will, und sich gerne in intellektuellen Gedankengebäuden verliert. Sie eine Alkoholikerin, die das Geld verdient. Auch die Beziehung zwischen Brennan und Nakamura hätte als Basis für einen Culture Clash fungieren können. Immerhin stehen sie für verschiedene Kulturen und Weltsichten. Aber der Film bleibt immer an der Oberfläche.

Nennen wir „The Sea of Trees“ einfach Gus van Sants Version eines Selbstfindungsdramas der Nicholas-Sparks-Schule und da gehört Van Sants Film zu den besseren Werken.

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The Sea of Trees – Liebe wird dich nach Hause führen (The Sea of Trees, USA 2015)

Regie: Gus Van Sant

Drehbuch: Chris Sparling

mit Matthew McConaughey, Ken Watanabe, Naomi Watts

DVD

Ascot Elite

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Featurette: A Story of Beauty and Tragedy, Trailer, Wendecover

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Sea of Trees“

Metacritic über „The Sea of Trees“

Rotten Tomatoes über „The Sea of Trees“

Wikipedia über „The Sea of Trees“

Die Cannes-Pressekonferenz mit Gus Van Sant, Matthew McConaughey und Naomi Watts

 


TV-Tipp für den 8. Februar: Yella

Februar 8, 2017

3sat, 22.25

Yella (Deutschland 2007, Regie: Christian Petzold)

Drehbuch: Christian Petzold

Die Ostdeutsche Yella will aus ihrem tristen Leben fliehen. In Hannover lernt sie einen Finanzmanager kennen und wird seine Geliebte und Partnerin.

Wie gewohnt bei Christian Petzold: toller, angenehm undeutscher Film.

„Mit viel Gespür für Rhythmus und innere Beziehungen, präzisen Darstellern und einer suggestiven Raumdramaturgie inszeniert Christian Petzold den dritten Teil seiner ‘Gespenster’-Trilogie als Mischung aus kühl-moralischem Blick auf Mechanismen des Geldmarktes und surrealem Märchen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Nina Hoss, Devid Striesow, Hinnerk Schönemann, Burghart Klaußner, Barbara Auer, Christian Redl

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Yella“

Rotten Tomatoes über “Yella”

Wikipedia über „Yella“

Meine Besprechung von Christian Petzolds „Phoenix“ (Deutschland 2014)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ schicken Jungs ins All

Februar 7, 2017

Wenn man auch nur kurz nachdenkt, sagt man sich „Ja, klar“ und fragt sich dann, warum diese Geschichte noch nicht erzählt wurde. Denn dass John Glenn, der erste Amerikaner im Weltall, und, Jahre später, die Männer der Apollo 11, – Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins -, die als erste zum Mond und zurück flogen, die ganzen Berechnungen für Start und Landung, für den Flug und für alle Eventualitäten nicht allein programmierten, ist offensichtlich. Sie waren dazu gar nicht in der Lage. Ihre allseits bekannten Taten (eigentlich saßen sie nur mehr oder weniger lang auf ihrem Platz und taten nichts) gelangen ihnen nur, weil andere Menschen die Arbeit fehlerfrei erledigt hatten.

Die wichtigste Arbeit war dabei natürlich die Grundlagenforschung für die Flüge. Die wurde von Mathematikern erledigt und weil es damals noch keine Computer gab – also nicht in den heutigen Dimensionen, eher so Rechenschieber – mussten natürlich alle Rechnungen von vielen Menschen berechnet werden. Als es in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren die ersten Computer gab, wurden alle Berechnungen noch einmal von Menschen überprüft. Diese aus Sicht eines Mathematikers einfachen Tätigkeiten (wir Normalos, die schon beim Zusammenzählen von einem Bier und einem weiteren Bier verzweifeln, sehen das etwas anders) wurden von unzähligen Frauen erledigt, die damals aus männlicher Sicht nicht für Forschungstätigkeiten qualifiziert waren. Unter diesen Frauen waren auch etliche Afroamerikanerinnen.

Und hier beginnt die Geschichte von „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“. In dem Sachbuch, auf dem Theodore Melfis Film basiert, schildert Margot Lee Shetterly diese Geschichte von ihren Anfängen, als die NASA-Vorläuferorganisation NACA 1943 erstmals Afroamerikanerinnen als „Menschliche Computer“ einstellte, bis zur Mondlandung. In dem Film wird die Geschichte dann auf einen Ausschnitt von wenigen Jahren und drei Frauen – Katherine G. Johnson (Taraji P. Henson), Dorothy Vaughan (Octavia Spencer) und Mary Jackson (Janelle Monáe) – verdichtet. Mit einigen erzählerischen Freiheiten, die Faktennerds vielleicht stören. Vor allem die von Kevin Costner, Jim Parsons und Kirsten Dunst gespielten Charaktere basieren nicht auf einer, sondern auf mehreren realen Personen. Aber keine dieser Änderungen und Zuspitzungen (vor allem in der Toilettenfrage) ändert etwas an der emotionalen Wahrheit und der zutreffenden Schilderung der damaligen Zustände, in der die Rassen dank der Jim-Crow-Gesetze sauber getrennt waren und Schwarze in jeder Beziehung diskriminiert wurden. In der NASA dabei weniger als in der restlichen Gesellschaft, weil es hier um klar messbare Leistungen ging. Entweder konnte man rechnen. Oder man konnte es nicht.

Nachdem die Russen im November 1957 die Hündin Laika in den Weltraum schickten, hatten sie den Amerikanern die zweite Schlappe im Kampf um die Eroberung des Weltraums beschert. Als nächstes sollte ein Mensch ins All befördert werden und dieses Mal wollten die Amerikaner die ersten sein. Katherine G. Johnson arbeitete damals in der Abteilung von Dorothy Vaughan. Auch wenn Vaughan formal nicht den Posten einer Abteilungsleiterin hatte, war sie die Leiterin der Abteilung, in der die afroamerikanischen Frauen Teile von größeren Rechnungen berechneten. Die „Mädchen“, die „menschlichen Computer“ (wie sie genannt wurde), waren Hilfskräfte, die ad hoc immer wieder in andere Abteilungen versetzt wurden. Aufgrund einer der zahlreichen Anfragen für temporäre Versetzungen schickte sie Katherine G. Johnson zur Space Task Group. Dort sollte sie bei den Berechnungen für die ersten Flüge ins All helfen. Dass sie eine ausgezeichnete Mathematikerin war, bemerken ihre Kollegen – alles weiße Männer – erst später.

Währenddessen versucht Vaughan endlich auch formal als Abteilungsleiterin eingestuft zu werden und, weil sie im Computer die Zukunft sieht, die die Jobs ihrer Mädchen bedrohen könnte, lernt sie autodidaktisch die Computersprache Fortran und bringt sie ihren Mädchen bei. Damit sind sie, als Fachkräfte für die Computer benötigt werden, die Personen, die die IBM-Computer bedienen können.

Dritte Protagonistin des Films ist Mary Jackson, die von einer Mathematikerin zu einer Ingenieurin befördert werden will. Weil die Einstellungsvoraussetzungen für eine Beförderung immer wieder geändert werden, muss sie sich zuerst zu den für die Beförderung notwendigen College-Kursen (die natürlich nur an einer weißen Universität gehalten wurden) einklagen.

Diese drei Frauen kämpfen um Anerkennung und wir fühlen und leiden mit diesen gewitzten Frauen, die mit weiblichem Charme und viel Kompetenz um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen.

Jackson wurde die erste afroamerikanische Raumfahrtingenieurin der NASA und, später, Managerin des Gleichberechtigungsprogramms.

Vaughan berechnete die Flugbahnen der frühen Mercury-Flüge und John Glenns Friendship-7-Mission, die der Höhepunkt des Films ist. Später wirkte sie bei bei den Berechnungen für die Apollo-11-Mission und das Space-Shuttle-Programm mit. 2015 wurde sie von Präsident Barack Obama mit der Presidential Medal of Freedom, der höchsten zivilen Auszeichnung in den USA, ausgezeichnet.

Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ ist ein punktgenau inszenierter Feelgood-Film über weibliche Selbstermächtigung und Selbstbewusstsein und wie es ihnen gelingt, die Männer auf den Mond zu schicken.

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Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen (Hidden Figures, USA 2016)

Regie: Theodore Melfi

Drehbuch: Allison Schroeder, Theodore Melfi

LV: Margot Lee Shetterly: Hidden Figures, 2016 (Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen)

mit Taraji P. Henson, Octavia Spencer, Janelle Monáe, Kevin Costner, Kirsten Dunst, Jim Parsons, Mahershala Ali, Aldis Hodge, Glen Powell, Kimberly Quinn, Olek Krupa

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Inspiration

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Schon vor der Buchveröffentlichung kaufte Hollywood die Geschichte und begann, ausgehend von einem 55-seitigen Exposé, mit dem Schreiben des Drehbuchs, das letztendlich nur einige Absätze, Sätze und Figuren aus dem Buch übernimmt. Auch weil das Sachbuch sich mehr auf die Anfänge, die Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre, konzentriert.

Margot Lee Shetterly erzählt in „Hidden Figures“ die Geschichte von mehreren Afroamerikanerinnen, die bei der NACA und NASA arbeiteten. Die NASA war ein verlässlicher Arbeitgeber, der über viele Jahre viele gut ausgebildete Menschen brauchte. So waren 1984 8,4 Prozent der NASA-Ingenieure und 2 Prozent aller amerikanischen Ingenieure schwarz. Bei ihren Recherchen stieß sie auf fast fünfzig Afroamerikanerinnen, die zwischen 1943 und 1980 als Rechenspezialistinnen, Mathematikerinnen, Ingenieurinnen oder Forscherinnen im Langley Memorial Aeronautical Laboratory arbeiteten. Bei einer weiteren Recherche, so Shetterly, könnten noch zwanzig weitere Namen entdeckt werden.

Über ihre Bedeutung schreibt sie: „vor allem verhalfen die schwarzen Rechnerinnen von Langley den USA zu einer Vormachtstellung in Luftfahrt, Raumforschung und Computertechnologie und erkämpften sich dabei einen Platz als Mathematikerinnen, die außerdem schwarz waren, und als schwarze Mathematiker, die außerdem weiblich waren. Für eine Gruppe intelligenter und ehrgeiziger Afroamerikanerinnen, sorgfältig ausgebildet für eine mathematische Karriere und bereit für den Sprung in die obere Liga, muss sich Hampton, Virginia, wie das Zentrum des Universums angefühlt haben.“

Besser bezahlt als eine Tätigkeit als Lehrerin an wechselnden Provinzschulen mit unklarer Perspektive war es sowieso.

Shetterly ergänzt die Biographien um Informationen zur NACA und NASA, die damals beide an der Speerspitze des Fortschritts waren. Was heute Silicon Valley ist, war damals die NASA. Ingenieure, Mathematiker und Physiker wollten in die Weltraumforschung und zeigen, dass Menschen mit Überschallgeschwindigkeit fliegen können, dass Menschen ins All und zum Mond fliegen können. Sie schreibt auch viel über den Alltag der Afroamerikaner, die durch die Rassentrennungsgesetze überall in ihrem Leben behindert wurden.

Das alles erzählt sie allerdings in einer biederen, teilweise geschwätzigen Prosa, die nie die Brillanz eines Tom Wolfe hat. Der erzählte in „The Right Stuff“ die Geschichte der Piloten, die in ihren Düsenjets die Schallmauer durchbrachen und nicht zur NASA gehen wollten, weil echte Helden nicht zu Laborratten werden. Aber das ist eine andere Geschichte, die schon vor Jahren erzählt wurde.

Margot Lee Shetterly: Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen

(übersetzt von Michael Windgassen und Sandra Ritters)

HarperCollins, 2017

416 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

Hidden Figures

William Morrow, 2016

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Hidden Figures“

Metacritic über „Hidden Figures“

Rotten Tomatoes über „Hidden Figures“

Wikipedia über „Hidden Figures“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Hidden Figures“

Meine Besprechung von Theodore Melfis „St. Vincent“ (St. Vincent, 2014)