SWR, 00.00 Uhr Hannah Arendt(Deutschland 2012)
Regie: Margarethe von Trotta
Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta
Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson
LV: James Ellroy: L. A. Confidential, 1990 (Stadt der Teufel, L. A. Confidential)
Drei unterschiedliche Polizisten versuchen einen Mord aufzuklären und müssen dabei einen tiefen Sumpf aus Drogen, Sex, Gewalt und Abhängigkeiten trockenlegen.
Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches, das den Deutschen Krimipreis erhielt.
Brian Helgeland schaffte das scheinbar unmögliche: er raffte den 500-seitigen Thriller gelungen zu einem etwa zweistündigen Film zusammen und erhielt dafür einen Oscar. Kim Basinger für ihre Rolle als Edelhure erhielt ebenfalls die begehrte Trophäe. Den Edgar gab es natürlich ebenfalls.
mit Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce, James Cromwell, Kim Basinger, Danny DeVito, David Strathairn, Ron Rifkin, Paul Guilfoyle, Simon Baker
3sat, 22.40 Rosa Luxemburg (Deutschland 1986, Regie: Margarethe von Trotta)
Drehbuch: Margarethe von Trotta
Äußerst sehenswertes Biopic über Rosa Luxemburg.
Margarethe von Trotta „geht es nicht um eine dokumentarische Rekonstruktion zeitgeschichtlicher Fakten, sondern um das persönliche Porträt einer Frau, bei der Haltungen im Privatleben und in politischen Aktionen nahtlos übereinstimmten. (…) Mit ihrem Film hat Margarethe von Trotta eine historische Figur ins politische Tagesgespräch gebracht, innerparteiliche Empfindsamkeiten bloßgelegt und heftige Diskussionen provoziert, die auch beabsichtigt sind.“ (Fischer Film Almanach 1987)
mit Barbara Sukowa, Daniel Olbrychski, Otto Sander, Adelheit Arndt, Jürgen Holtz, Hannes Jaenicke, Karin Baal, Winfried Glatzeder Hinweise Filmportal über „Rosa Luxemburg“ Moviepilot über „Rosa Luxemburg“ Rotten Tomatoes über „Rosa Luxemburg“
Wikipedia über „Rosa Luxemburg“ (deutsch,englisch) und Rosa Luxemburg Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)
WDR, 23.25 Zwei Tage, eine Nacht (Deux Jours, Une Nuit, Belgien/Frankreich/Italien 2014)
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Arbeiterin Sandra hat ein Wochenende, um ihre Kollegen zu überzeugen, sich für ihre Weiterbeschäftigung und damit gegen eine Prämie zu entscheiden. Und ihre Kollegen stehen vor der Frage: Solidarität oder Geld? Starkes Sozialdrama, das als konsequent zugespitzte Versuchsanordnung eine glasklare Analyse des modernen Kapitalismus ist.
mit Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne, Simon Caudry, Catherine Salée, Baptiste Sornin, Alain Eloy
„Wilde Western“ – ein 3sat-Thementag, an dem ein Western auf den nächsten folgt und auch wenn nicht jeder dieser Western ein Klassiker ist, ist die Auswahl auch ohne John Wayne als Mix aus alten und neueren Werken, Klassikern und, nun, Merkwürdigkeiten äußerst gelungen.
Hier das Programm:
06.20: Im Zauber der Wildnis – Yellowstone
07.05: Reisen in ferne Welten: Der Oregon Trail – Pionierpfad ins Paradies (und das war’s dann mit den Dokumentationen für die nächsten Stunden)
07.50: Freddy und das Lied der Prärie (Deutschland/Jugoslawien 1964 – Ein Schlagerfilm mit Freddy Quinn)
09.25: Buffalo Bill und die Indianer (USA 1976 – ein Klassiker von Robert Altman mit Paul Newman)
11.25: Winnetous Rückkehr (Deutschland/Österreich 1998 – Beide Teile des TV-Films, in dem Pierre Brice wieder einmal in die Rolle seines Lebens schlüpft)
14.20: Bandidas (USA/Frankreich 2006 – Spaß mit Salma Hayek und Penélope Cruz)
15.45: American Outlaws (USA 2001 – mit Colin Farrell als Jesse James)
17.15: Meuterei am Schlangenfluß (USA 1952 – Westernklassiker von Anthony Mann mit James Stewart)
18.40: Der letzte Zug von Gun Hill (USA 1959 – Westernklassiker von John Sturges)
20.15: Zwei rechnen ab (USA 1957 – noch ein Klassiker von John Sturges und wieder ist Kirk Douglas dabei)
22.15: Tombstone (USA 1993 – eine andere Version des Schusswechsels am OK Corral, die auch in „Zwei rechnen ab“ erzählt wird)
00.20: Südwest nach Sonora (USA 1966 – kein Klassiker. Jedenfalls noch nicht, aber ein sehr sehenswerter Western mit Marlon Brando)
01.55: Gott vergibt…Django nie! (Italien/Spanien 1967 – Italowestern mit Terence Hill und Bud Spencer, der da noch nicht Buddy haut den Lukas war)
03.30: Zwei rechnen ab (USA 1957 – die Nachtwiederholung)
05.30: Der Santa Fé Trail (zum Ausklang noch eine Doku) Mehr Infos zum Thementag
Drehbuch: Earl W. Wallace, William Kelley (nach einer Geschichte von William Kelley, Pamela Wallace und Earl W. Wallace)
In Philadelphia beobachtet ein achtjähriger Amish-Junge einen Polizistenmord. Auf dem Polizeirevier kann der Junge die Mörder identifizieren: es sind Kollegen des ermittelnden Detective John Book. Book muss mit dem Zeugen und seiner Mutter bei den Amish untertauchen. Dort entdeckt er eine Welt, die das Gegenteil seiner Eigenen ist.
Polizeifilmklassiker, der im Genrekostüm die Geschichte eines Culture Clash erzählt.
„Weir hat einen überaus spannenden (Kriminal-)Film geschaffen, der auf Action – mit Ausnahme der gewalttätigen Schlusssequenz, die sich aber aus der Fabel völlig motiviert – weitgehend verzichten kann, weil er von Menschen handelt, die von sich aus faszinierend genug sind.“ (Fischer Film Almanach 1986)
Das Drehbuch erhielt den Edgar Allan Poe Award, den Writers Guild of America Award (WGA Award) und den Drehbuchoscar. Peter Weir und Harrison Ford waren für Oscars nominiert und als bester Film war „Der einzige Zeuge“ ebenfalls nominiert. Die Schmonzette „Jenseits von Afrika“ erhielt dann den Oscar als bester Film.
mit Harrison Ford, Kelly McGillis, Jan Rubes, Josef Sommer, Lukas Haas, Alexander Godunov, Danny Glover, Viggo Mortensen (Debüt)
„Sie haben 48 Stunden.“ Nicht nur dieser Satz in dem neuen Disney-Trickfilm „Zoomania“ verrät, wohin die Reise geht.
Judy Hopps ist eine Häsin und, auch wenn immer von Chancengleichheit gesprochen wird, war noch niemals eine Häsin Polizistin. Sie sind einfach nicht dafür geeignet. Zu klein. Zu ängstlich. Halt Hasen.
Trotzdem verwirklicht sie gegen alle Widerstände ihren Traum. Als erste Häsin schafft sie die Aufnahmeprüfung und wird später als Jahrgangsbeste nach Zoomania abkommandiert. In dieser Metropole leben alle Tiere friedlich zusammen. Naja, ziemlich friedlich. Denn sonst bräuchten sie keine Polizei, die sich aus größeren und robusteren Tieren rekrutiert.
Schon an ihrem ersten Arbeitstag wird sie von ihrem Vorgesetzten Chief Bogo, ein afrikanischer Büffel, zur Überwachung des ruhenden Verkehrs abkommandiert. Als Politesse fühlt sie sich hoffnungslos unterfordert, schließt aber schnell eine Zweckfreundschaft zu dem Fuchs Nick Wilde, der sich durch das Leben schlawinert. Er ist halt ein schlauer Fuchs und ein Verbrecher.
Als sie die verzweifelte Mrs. Otterton trifft, die ihren spurlos verschwundenen Mann sucht, sieht Judy Hopps ihre große Chance. Sie will den verschwundenen Mr. Otterton suchen. Widerwillig gewährt ihr Chief Bogo die schon erwähnten 48 Stunden in der Hoffnung, dass er Judy Hopps, die er nur für ein nerviges Prestigeprojekt des Bürgermeisters hält, danach los ist. Aber er hat nicht mit ihrem Grips gerechnet. Denn Judy Hopps überzeugt Nick Wilde mit einer kleinen Erpressung (eigentlich will ihr Nick helfen) dazu, ihr bei der Suche nach Mr. Otterton und den vierzehn anderen spurlos verschwundenen Tieren von Zoomania zu suchen.
Dieser Hauptplot von „Zoomania“ ist natürlich ein klassisches Buddy-Movie, in dem zwei gegensätzliche Partner einen Verbrecher jagen, sich dabei streiten und befreunden und in ’nur 48 Stunden‘ erheblichen Sachschaden verursachen. Garniert wird diese witzige Geschichte von zahlreichen Anspielungen auf Filmklassiker, die vor allem ältere Zuschauer ziemlich mühelos erkennen.
„Zoomania“ ist mit 109 Minuten (inclusive Abspann) für einen Kinderfilm sehr lang geraten. Es ist, nach dem Anthologiefilm „Fantasia“ (1940), der längste Walt-Disney-Animationsfilms und das ist nicht unbedingt ein Vortel. Denn in der zweiten Hälfte, wenn die Jagd nach den Bösewichtern und deren Enttarnung im Mittelpunkt stehen, ist der Film arg vorhersehbar. Jedenfalls wenn man schon einige Buddy-Cop-Movies gesehen hat. Und die Figuren sind, aus der Sicht eines Erwachsenen, etwas zu eindimensional.
Für Kinder, für die „Zoomania“ ja in erster Linie gemacht ist, gibt es dagegen herzige Tiere, Situationskomik, gelungene Witze, reichlich Action, eine sympathische und in ihrem übergroßen Optimismus aufbauende Du-kannst-es-schaffen-Botschaft (was für Kinder ja wichtig ist; naja, für Erwachsene auch) und am Ende einen herzerwärmenden Aufruf zur Toleranz. Denn natürlich ist Zoomania kein Sin City, sondern die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens aller Tiere, die sich mit ihren Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen, die sich gegenseitig respektieren und, trotz aller Unterschiede, als im Grunde gleich behandeln.
Allein schon diese Botschaft, die von den Machern aus einer tiefen inneren Überzeugung präsentiert wird, macht „Zoomania“ sehenswert.
Zoomania (Zootopia, USA 2016)
Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (Ko-Regisseur)
Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston, Dan Fogelman (zusätzliches Material) (Nach einer Geschichte von Byron Howard, Jared Bush, Rich Moore, Phil Johnston, Jennifer Lee, Josie Trinidad und Jim Reardon)
mit vielen Tieren und vielen Sprechern
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
(in England heißt „Zootopia“ „Zootropolis“, was natürlich an einen anderen großen Science-Fiction-Film erinnert. Als Grund wurde „Marketing“ genannt.)
– Hinweise Deutsche Homepage zum Film Englische Homepage zum Film Moviepilot über „Zoomania“ Metacritic über „Zoomania“ Rotten Tomatoes über „Zoomania“
Wikipedia über „Zoomania“ (englisch)
Argentinien, in den frühen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur und vor der Etablierung der Demokratie, betreibt Patriarch Arquimedes Puccio Entführung und Mord als äußerst lukratives Familiengeschäft. Mitten in einem gutbürgerlichen Wohnviertel bei Buenos Aires, zwischen Küche, Wohn- und Schlafzimmer, hält er seine Opfer gefangen und die ganze Familie weiß es, hilft mit und bemüht sich erfolgreich, die Gefangenen zu übersehen. Man lebt ja schließlich unter einem Dach. Die Opfer besorgt der älteste Sohn Alejandro, der Star-Spieler der Rugby-Nationalmannschaft.
Auch Puccio gehört zur geachteten High Society Argentiniens. Schon während der Militärdiktatur, als er für den Geheimdienst arbeitete und gegen echte und vermeintliche Systemgegner vorging, hatte er Einfluss und heute helfen ihm seine einflussreichen Freunde im Staatsapparat. Deshalb vermutet auch niemand, dass sie die gesuchten Entführer der vermögenden Personen sind.
Und weil diese auf den ersten Blick unglaubliche Geschichte wahr ist, war ich auch sehr gespannt auf Pablo Traperos „El Clan“, der in Argentinien mit über 2,6 Millionen Zuschauern (bei 43 Millionen Bewohnern) ein Kassenhit war und der 2015 in Venedig den Silbernen Löwen für die Beste Regie erhielt.
Aber weil Trapero seine Geschichte nicht chronologisch, sondern frei assoziierend erzählt und dabei immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her springt, langweilte ich mich schnell. Denn anstatt eine Geschichte mit einem Protagonisten und einem Konflikt, der einen emotional in die Geschichte hineinzieht, zu erzählen, gibt es nur eine Abfolge von Szenen, die auch in einer anderen Reihenfolge präsentiert werden könnten.
Es ist, als ob irgendjemand vor dem Filmstart die zufällige Wiedergabe ausgewählt hat. Aus einem wahren Gangsterdrama, einer Familiengeschichte voller Dramatik und einem Vater-Sohn-Drama wurde so eine frustrierende Abfolge gut inszenierter Kabinettstückchen, die außerhalb einer nachvollziehbaren Ursache-Wirkungskette und damit ohne irgendeine Entwicklung nur vor sich hin plätschern. Es ist, als betrachte man zwei Stunden das Stillleben einer erschreckend biederen Horrorfamilie, die ihre Verbrechen beim Abendessen verdrängt.
Eine Farm in Montana (USA 1978, Regie: Alan J. Pakula)
Drehbuch: Dennis Lynton Clark
Nach dem zweiten Weltkrieg kehrt Frank Athearn nach Montana zurück. Er will dort eine Farm betreiben, gerät in einen Konflikt mit einem Viehbaron, der das Land aufkaufen will, verbündet sich mit einer Rancherin, die ebenfalls um ihr Land kämpft, und eine Ölfirma will Öl fördern.
Schöner, melancholischer Spätwestern, der damals nicht gut aufgenommen wurde. Denn: „Sie erwarteten von Pakula neue Impulse für das Western-Genre. Doch viele der Überzeugungen, die die Figur von Jane Fonda auszeichnen und die Jane Fonda selbst damals vertrat, gehören zur Grundausstattung des Westerns: die Schlechtigkeit der Großgrundbesitzer, die Liebe zur Natur und die Nähe der Ölmanager zum Gaunertum. In einem Film der fest in der Jetztzeit angesiedelt ist, wären diese Motive revolutionär, aber im Western klingen sie abgedroschen.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)
Das Drehbuch erhielt 1979 den Spur Award der Western Writers of America.
mit James Caan, Jane Fonda, Jason Robards, George Grizzard, Richard Farnsworth, Jim Davis, Mark Harmon, James Keach
Auch wenn man beim Ansehen von „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ glaubt, ein Remake von „Black Hawk Down“ zu sehen, erzählt Michael Bay eine ganz andere Geschichte als Ridley Scott vor fünfzehn Jahren. Er erzählte von der Gefangennahme eines Warlords und seiner Untergebenen am 3. Oktober 1993 in Mogadischu, Somalia, durch US-Elitesoldaten. Der Einsatz geht schief und es entwickelt sich eine Straßenschlacht, bei der viele, sehr viele namenlose Einheimische und einige US-Soldaten, die im Abspann namentlich erwähnt werden, sterben.
Michael Bay erzählt von einer Nacht in Libyen. Am 11. September 2012 greifen Libyer das US-Generalkonsulat in Bengasi an. Der Angriff entwickelt sich zu einer veritablen Straßenschlacht, weil einige Ex-US-Elitesoldaten, die gerade eine gar nicht so geheime CIA-Basis bewachen, den Botschafter retten wollen. Viele, sehr viele namenlose Einheimische und einige US-Soldaten (Ex und nicht Ex), die im Abspann namentlich erwähnt werden, sterben.
Das ist natürlich eine ganz andere Geschichte. Jedenfalls solange man sich auf die Ausgangslage konzentriert. Aber nicht die Prämisse, sondern die Geschichte und wie sie erzählt wird, macht den Film aus und in beiden Filmen geht es, nach einer arg länglichen Vorstellung der Hauptpersonen, die trotzdem austauschbar und ohne individuelle Züge bleiben, nur noch um die bleihaltige und bombige Schlacht zwischen einigen tapferen Amerikanern, die versuchen ihre Kameraden und Landsleute vor einer Horde gesichtsloser Somalis (in „Black Hawk Down“) oder Libyer (in „13 Hours“) zu retten. Die Angreifer sind zwar mordgierig, aber letztendlich nur Kanonenfutter. Wie wir es aus zahllosen Western kennen, in denen tapfere Cowboys, Siedler und Soldaten die zahlenmäßig überlegenen Indianer, die reihenweise mit Kriegsgeheul in das Mündungsfeuer laufen, abknallen.
Diese Schlacht, die im Film um die zwei Stunden dauert, wird von Michael Bay dann auch kompetent und durchaus spannend als ohrenbetäubendes Action-Feuerwerk mit wenigen ruhigen Minuten erzählt.
Es ist allerdings auch ein Film, der sich nicht für die Gegner und ihre Motive interessiert. Die Libyer sind eine Horde gesichtsloser Angreifer, die auch als Somalis durchgehen könnten (halt wie es früher egal war, ob der Angriff von Apachen oder Comanchen oder irgendwelchen anderen Indianern erfolgte), und die möglichst fotogen in den Kugelhagel unserer Helden laufen und sterben sollen. Der politische Konflikt und die Situation in Libyen wird in einigen Texttafeln angesprochen, die gerade so als Alibi für den Waffenporno durchgehen, der noch im Abspann die tapferen US-Amerikaner feiert. Sie werden, Gefallene und Überlebende, namentlich und mit Bild gezeigt. Die über hundert Libyer, die ebenfalls starben, werden gerade mit einem Halbsatz erwähnt.
„13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ will, und nur ein Narr hätte bei Michael Bay ernsthaft etwas anderes erwartet, nicht mehr als eine pathetische Heldenverklärung von einer Handvoll Söldner sein, die einigen Landleuten das Leben retten.
Am Ende des Films wissen wir deshalb, was in Bengasi geschah. Aber nicht warum.
13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi (13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi, USA 2016)
Regie: Michael Bay
Drehbuch: Chuck Hogan
LV: Mitchell Zuckoff: Thirteen Hours: The inside account of what really happened in Benghazi, 2014 (13 Hours – Der Insider-Bericht über die wahren Ereignisse in Benghazi)
mit John Krasinski, Pablo Schreiber, Toby Stephens, Freddie Stroma, David Giuntoli, James Badge Dale, David Denman, Dominic Fumusa, Max Martini, Alexia Barlier, David Costabile, Peyman Moaadi, Matt Letscher, Demetrius Grosse
Länge: 145 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Hinweise Deutsche Homepage zum Film Englische Homepage zum Film Moviepilot über „13 Hours“ Metacritic über „13 Hours“ Rotten Tomatoes über „13 Hours“
Wikipedia über „13 Hours“ (englisch) History vs. Hollywood über „13 Hours“
Schullektüre sei „Das Tagebuch der Anne Frank“. So heißt es, aber ich habe es nicht in der Schule gelesen. Wir lasen „Der Untertan“.
„Das Tagebuch der Anne Frank“ wurde auch schon öfter verfilmt. Die erste Verfilmung von 1959 war für den Oscar als bester Film nominiert. George Stevens‘ hundertsiebzigminütige Verfilmung kam in einer um fast zwanzig Minuten gekürzten Fassung in die deutschen Kinos und inzwischen dürften nur noch ältere Semester und Cineasten sie kennen. Denn im Fernsehen lief sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Die späteren Verfilmungen sind noch unbekannter und sie kamen auch immer aus dem Ausland.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist jetzt der erste deutsche Kinofilm, der ihre Geschichte erzählt. Das ist insofern erstaunlich, weil ihre Geschichte eine deutsche Geschichte ist und es immer heißt, alles, was mit der Nazi-Diktatur zu tun habe, sei schon verfilmt worden.
Die Geschichte und die damit zusammenhängenden Fakten dürften bekannt sein.
Anne Frank wird am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren. Otto Frank, ihr Vater, organisiert, aus Angst vor weiter zunehmenden Repressionen gegen die Juden, schon 1933 den Umzug der Familie nach Amsterdam. Im Februar 1934 ziehen Anne Frank, ihre 1926 geborene Schwester Margot und ihre Mutter Edith nach Amsterdam. 1940 kapitulierten die Niederlande vor den Nazis. Im Mai 1942 wird auch in den Niederlande der ‚Judenstern‘ eingeführt. Am 5. Juli 1942 erhält Margot Frank den Aufruf, sich zum ‚Arbeitseinsatz im Osten‘ zu melden. Am nächsten Tag taucht die Familie Frank in dem schon länger von Otto Frank mit einigen Vertrauten vorbereiteten Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263, das zu Otto Franks Firma gehört, unter. Einige Tage später werden Auguste und Hermann van Pels und ihr Sohn Peter aufgenommen. Im November 1942 wird mit Fritz Pfeffer eine achte Person aufgenommen.
Anne Frank, die ihr Tagebuch am 12. Juni 1942 beginnt, schreibt bis zum 1. August 1944 vor allem über das Leben in dem Versteck.
Am 4. August 1944 werden sie in ihrem Versteck verhaftet. Sie werden nach Auschwitz deportiert, getrennt und, bis auf Otto Frank, sterben alle in verschiedenen KZs.
Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Fred Breinersdorfer schrieb das Drehbuch, das den Abschluss seiner Trilogie über Opfer- und Heldenbiographien aus der NS-Zeit bildet. Davor beschäftigte er sich mit Sophie Scholl (Sophie Scholl – Die letzten Tage, 2005) und Georg Elser (Elser – Er hätte die Welt verändert, 2015) und wie bei diesen beiden Filmen konnte er für sein Anne-Frank-Drehbuch auch auf umfangreiche Originaldokumente zurückgreifen. So stand ihm das Archiv des Anne Frank Fonds, das den Film initiierte, offen. Deshalb erzählt er nicht nur die aus Anne Franks Tagebuch aus der Perspektive der Schreiberin bekannte Geschichte, sondern auch die Geschichte vor ihrem ersten und nach ihrem letzten Tagebucheintrag. Also wie sie und ihre Familie vor dem Untertauchen in Amsterdam leben und wie sie den zunehmenden Hass auf und die zunehmenden Repressionen gegen Juden erlebt und wie ihre Familie und die Mitbewohner verhaftet und, während der letzten Kriegstage in Konzentrationslager deportiert werden.
An dem Drehbuch ist auch nichts auszusetzen. Es ist eine berührende Geschichte, die keine wirklichen Dramatisierungen benötigt und, auch mit direkten Übernahmen, den Originaltext in dem Mittelpunkt stellt. Es gibt natürlich kleinere Änderungen und Wiederholungen, die sich im Tagebuch finden, wurden gestrichen. Anne Franks sexuelles Erwachen, das in ihrem Tagebuch (in der finalen Fassung, der Version d) ausführlich geschildert wird, wird im Film eher nebenbei behandelt. Was auch dazu führt, dass die Liebesgeschichte zwischen ihr und Peter unwichtig ist.
Gleichzeitig wird Anne Frank als Teenager gezeigt, der mit seiner Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit auch nerven kann.
Im Film zeigt sich dann immer wieder, dass Regisseur Hans Steinbichler dieser Geschichte und der Kraft der Worte nicht genug vertraut. Schon in der ersten Szene, – ein Monolog von Anne Frank, während Amsterdam gerade bombardiert wird, und die Kamera langsam auf sie zufährt -, kleistert die Musik jede originäre Emotion zu. Sebastian Pilles Musik entwickelt sich, nachdem sie sich schon in den ersten Minuten absolut unpassend in den Vordergrund drängt, zu einem konstanten Ärgernis.
Störend ist auch Steinbichlers exzessiv ausgelebte Vorliebe für Großaufnahmen, die im Fernsehen vielleicht weniger störend sind. Im Kino hätte ich mir – und dass das geht, hat Quentin Tarantino vor wenigen Wochen mit seinen langen, nur in einer Hütte spielenden Szenen in „The Hateful 8“ gezeigt – eine Kamera gewünscht, die den Schauspielern mehr Raum für die Interaktion gegeben hätte.
Abseits dieser Kritteleien ist „Das Tagebuch der Anne Frank“ ein insgesamt gelungener und sehenswerter Film, der wieder die Aufmerksamkeit auf Anne Frank und das Schicksal der verfolgten Juden lenkt. Es ist auch ein Film, der heute wieder erschreckend aktuell ist. Denn die Familie Frank musste sich im Hinterhaus verstecken, weil Bitten von Otto Frank um Asyl in den USA für sich und seine Familie abschlägig beschieden wurde. Eine Entscheidung, die zu ihrem Tod führte. Nur Otto Frank überlebte den Holocaust.
Das Tagebuch der Anne Frank (Deutschland 2016)
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch: Fred Breinersdorfer
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
– Die Vorlage
Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.
– Anne Frank: Gesamtausgabe (herausgegeben vom Anne Frank Fonds) (übersetzt von Mirjam Pressler) Fischer, 2015 816 Seiten
12,99 Euro
– Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013
– Hinweise Homepage zum Film Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“ Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch,englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch) Der Anne Frank Fonds
Vox, 20.15 Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Richard LaGravenese
LV: Scott Thorson, Alex Thorleifson: Behind the Candelabra, 1988
Grandioses, mit Preisen überschüttetes Biopic über den klavierspielenden, stockschwulen Las-Vegas-Entertainer Liberace, der jeden verklagte, der behauptete, er sei schwul.
Derzeit ist „Liberace“ immer noch Steven Soderberghs letzter Kinofilm, obwohl die HBO-Produktion in den USA nur im Fernsehen lief.
Soderbergh erzählt pointiert, mit einem scharfen Blick auf die damalige Bigotterie und die Schauwerte, die Liebesgeschichte zwischen den beiden Männern, in der der ältere Mann den anderen verführt, ausnutzt und letztendlich verstößt. Es ist auch ein Blick auf die Schattenseiten des Showgeschäfts, in denen ein Star wie ein kleiner König herrschen kann. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Michael Douglas, Matt Damon, Scott Bakula, Dan Akroyd, Debbie Reynolds Wiederholung: Freitag, 4. März, 01.00 Uhr (Taggenau!)
Arte, 22.00 Philip K. Dick und wie er die Welt sah (Frankreich 2014, Regie: Yann Coquart)
Drehbuch: Yann Coquart
Gut einstündige Doku über Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, dessen Romane und Kurzgeschichten immer noch gelesen und verfilmt werden und dessen Themen heute teilweise aktueller sind als damals, als er die Geschichten schrieb. Wiederholung: Dienstag, 29. März, 02.45 Uhr (Taggenau!) Hinweise
Der Ghostwriter (Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010. Regie: Roman Polanski)
Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski
LV: Robert Harris: The Ghost, 2007 (Ghost, Der Ghostwriter)
Ein Autor soll innerhalb weniger Tage die Biographie des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang ghostwriten. Als Lang wegen Kriegsverbrechen im „Krieg gegen den Terror“ angeklagt wird, beginnt der gänzlich unpolitische Autor auf eigene Faust zu recherchieren.
mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Olivia Williams (die eigentlich viel zu jung für ihre Rolle ist), Kim Cattrall, Tom Wilkinson, James Belushi, Timothy Hutton, Eli Wallach (die letzten drei haben nur Kleinstrollen)
Lucia de Berk ist eine engagierte Krankenschwester, die sich mehr als liebevoll um ihre Patienten, oft ältere Menschen und Babys, kümmert und dafür auch ihre Pause und ihren Feierabend etwas später nimmt. Vor allem wenn die Patienten gesundheitliche Probleme haben. Da fällt dem Klinikleiter eine verdächtige Häufung der Todesfälle in der Schicht von Lucia de Berk auf. Die Staatsanwaltschaft ist zunächst skeptisch, aber nachdem die junge Staatsanwältin Judith Jansen ihrer Vorgesetzten eine für einen Prozess überzeugende Indizienbeweisführung liefert, wird Lucia de Berks Leben auf den Kopf gestellt. Ihr übergroßes Engagement während der Arbeit, ihr teils verschlossenes, teils abweisendes Wesen gegenüber ihren Kollegen und ihre Vergangenheit als Prostituierte werden ihr vorgeworfen. Es gibt eine regelrechte Hexenjagd gegen den Engel des Todes. Schon vor der Verurteilung wird sie von der Öffentlichkeit schuldig gesprochen.
Am 24. März 2003 wird sie in Den Haag wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Und damit könnte der wahre Fall, der in „Lucia – Engel des Todes?“ erzählt wird, zu Ende sein.
Aber Lucia de Berk behauptet, dass sie unschuldig sei. Ihr Mann und einige Freunde glauben ihr und kämpfen um eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Ein Verteidiger erkennt in der Anklage und dem Urteil eklatante Fehler. Dennoch sind seine Bemühungen in der Berufungsverhandlung erfolglos. Aber sie kämpfen weiter und am 14. April 2010 wird sie vom Hohen Rat der Niederlande, dem dortigen obersten Gericht, freigesprochen. Ihre Verurteilung war ein offensichtliches Fehlurteil, das durch den Freispruch bereinigt wurde. Die breite niederländische Öffentlichkeit erfuhr davon, obwohl auch der Freispruch durch die Medien ging, anscheinend nichts. Jedenfalls sagen das die Schauspieler im Bonusmaterial zu „Lucia – Engel des Todes?“. Sie hatten zwar von dem Prozess gehört, der damals in den Niederlande wohl von einer regelrechten Hexenjagd begleitet wurde, aber nichts von dem Freispruch.
Paula van der Oest erzählt jetzt in „Lucia – Engel des Todes?“ in ruhigen Bildern die Geschichte des Verfahrens und der Angeklagten Lucia de Berk. Dabei erzählt sie den skandalösen Fall in all seinen Facetten und betont objektiv, was dann auch dazu führt, dass man die Geschichte, milde gelangweilt, wie ein gutes Fernsehspiel verfolgt. Alles ist ausgewogen. Keine Person und keine Institution wird angeklagt. Eine richtige Empörung will sich nicht einstellen.
Außerdem sorgt im Film (keine Ahnung, ob es in der Realität auch so war) die junge Staatsanwältin Judith Jansen, die zuerst die Grundlage für die Anklage liefert, einige Jahre später auch für den Freispruch. Und die Gerichtsverhandlungen erscheinen (vielleicht auch, weil einige Verfahrensabläufe, die jeder Niederländer kennt, hier unbekannt sind) auch eher wie die Parodie eines ordentlichen Gerichtsverfahrens. Denn auch nachdem handfeste Beweise für die Unschuld der Angeklagten vorhanden sind, werden sie ignoriert, weil sie gerade nicht in das Verfahren passen.
In diesen Momenten ahnt man, was man aus de Berks Fall hätte machen können. Aber so ist „Lucia – Engel des Todes?“ nur eine durchaus ehrenwerte, aber nie packende Chronik der Ereignisse.
Lucia – Engel des Todes? (Lucia de B., Niederlande 2014)
Regie: Paula van der Oest
Drehbuch: Moniek Kramer, Tijs van Marle
mit Ariane Schluter, Sallie Harmsen, Fedja Van Huet, Barry Atsma, Annet Malherbe, Maartje Remmers, Lineke Rijxman, Kaltoum Boufangacha, Ad Knippels, Isis Cabolet, Bas Keijzer, Amanda Ooms, Marwan Kenzari, Marcel Musters
– Blu-ray
edel
Bild: 1080i50 (16:9)
Ton: Deutsch, Niederländisch (DTS-HD Master Audio 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
(DVD identisch)
– Hinweise Moviepilot über „Lucia – Engel des Todes?“ Rotten Tomatoes über „Lucia – Engel des Todes?“
Wikipedia über „Lucia – Engel des Todes?“ (englisch, niederländisch) und Lucia de Berk (englisch, niederländisch)
ARD, 22.45 Die NPD – Der falsche Feind? (Deutschland 2016, Regie: Heiner Hoffmann, Ulrich Neumann)
Drehbuch: Heiner Hoffmann, Ulrich Neumann
45-minütige Doku, die einen Tag bevor am Bundesverfassungsgericht das zweite Verbotsverfahren gegen die NPD beginnt, bringen Heiner Hoffmann und Ulrich Neumann uns auf den neuesten Stand und fragen nach dem Sinn und Unsinn des Verfahrens. Wiederholung: Dienstag, 1. März, 04.45 Uhr (Taggenau!) Hinweis ARD über die Doku (die es dann sicher auch in der Mediathek gibt)
The Hot Spot – Spiel mit dem Feuer (USA 1990, Regie: Dennis Hopper)
Drehbuch: Nona Tyson, Charles Williams
LV: Charles Williams: Hell hath no fury, The Hot Spot, 1953 (Bis dass der Mord euch scheidet, Spiel mit dem Feuer, The Hot Spot – Spiel mit dem Feuer)
Aus dem Nichts taucht Harry Maddox in einem texanischen Provinzkaff auf. Er will nur die Bank überfallen. Aber nachdem er mit zwei Frauen ein Verhältnis beginnt, gerät sein einfacher Plan aus dem Ruder.
Schwüler Film Noir mit einem glänzenden Soundtrack (Miles Davis, John Lee Hooker) und grandios aufspielenden Schauspielern. Eine gelungene Liebeserklärung an die Klassiker.
Mit Don Johnson, Virginia Madsen, Jennifer Connelly, Charles Martin Smith, William Sadler, Jerry Hardin
HR, 21.40 Tatort: Gegenspieler (Deutschland 1987, Regie: Reinhard Schwabenitzky)
Drehbuch: Ulf Miehe, Klaus Richter
Der vorbestrafte Jürgen Koch gibt den Überfall auf eine Tankstelle zu. Aber mit der späteren Fahrerflucht will er nichts zu tun haben. Kommissar Lenz sucht den Mörder.
Der letzte Auftritt von Helmut Fischer als Kommissar Lenz ist eine ironisch erzählte Geschichte über einen kleinen Gauner, Gaunereien, einen Mord, Zufälle, Schicksal und einer seiner besten Fälle.
Das Team Schwabenitzky/Miehe/Richter ist auch für den ebenso gelungenen, vorletzten Lenz-Tatort „Die Macht des Schicksals“ verantwortlich.
Mit Helmut Fischer, Georg Einerdinger, Henner Quest, Rolf Castell, Uschi Wolff, Karl Michael Vogler, Johanna von Koczian, Max Tidof
ZDF, 21.15 Letzte Spur Berlin: Arbeitswut (Deutschland 2016, Regie: Samira Radsi)
Buch: Marianne Wendt, Christian Schiller
Erfinder: Orkun Ertener
Eigentlich suchen die Polizisten in „Letzte Spur Berlin“ Vermisste. Heute, zum Auftakt der fünften Staffel (bestehend aus zehn 45-minütigen und einem 90-minütigem Fall) gibt es dann den üblichen Geiselnehmerfall, bei dem gerade zufällig ein Teammitglied (Uups, und überzufällig auch der allen noch unbekannte Team-Neuzugang) Geisel wird. Die Macher halten das wohl immer für eine besonders spektakuläre und damit besonders gute Folge. Meistens stimmt das nicht und auch „Arbeitswut“ hätte besser ohne die geiselgenommene Polizistin Mina Amiri (Jasmin Tabatabai) funktioniert. Immerhin wird sie von Jörg Schüttauf geiselgenommen. Er spielt einen Arbeitslosen, der nur mit seiner Sachbearbeiterin sprechen will. Dummerweise erschien sie heute nicht zum Dienst. Amiris Chef, Kommissar Oliver Radek (Hans-Werner Meyer) und ihr Kollege Mark Lohmann (Bert Tischendorf) suchen die Verschwundene und versuchen herauszufinden, warum sie spurlos verschwand.
Der Staffelauftakt ist als Fall eher mau: am Anfang ist die Kamera viel zu hektisch, der Ablauf der Geiselnahme und der Verhandlungen folgt dann mehr dem Willen des Drehbuchautors als einer realen Geiselnahme und erreicht auch nie die Qualität von „Flashpoint“ (wo das Spezialteam über mehrere Staffeln fast nur mit Geiselnahmen beschäftigt war) oder „Without a Trace“ (wo das Spezialteam über mehrere Staffeln spurlos verschwundene Personen suchte). Bei diesen beiden Serien hatte ich immer den Eindruck, dass sie sich, von einigen notwendigen Dramatisierungen (die mit zunehmender Folgenzahl zunahmen), nah an der Wirklichkeit bewegten. Bei „Arbeitswut“ hatte ich nie diesen Eindruck von Wirklichkeitsnähe in der Polizeiarbeit. Auch das Ende der Episode ist schwächer als nötig.
Auf der Haben-Seite steht allerdings ein gut eingespieltes, sympathisches Team, eine wohltuende Konzentration auf den, abseits der geäußerten Bedenken, insgesamt schlüssig aufgebauten Fall (mit einigen treffenden Einblicken in die Arbeit der Arbeitsagentur) und ein durchaus flottes Erzähltempo.
Für Ungeduldige zeigt ZDFneo die Folgen vor dem Freitagtermin bereits dienstags um 21.45 Uhr.
Mit Hans-Werner Meyer, Jasmin Tabatabai, Bert Tischendorf, Josephin Busch, Jörg Schüttauf, Claudia Geisler-Bading, Susanne Bormann, Lina Wendel Hinweise ZDF über „Letzte Spur Berlin“ Wikipedia über „Letzte Spur Berlin“
Als die Journalisten des „Spotlight“-Teams der traditionsreichen Tageszeitung „The Boston Globe“ mit ihren Recherchen für ihr neues Thema begannen, wussten sie, wer ihr Gegner sein wird, aber sie wussten nicht, wie groß der Skandal war, den sie aufdecken würden und welche Auswirkungen ihre Reportagen auch über die Stadtgrenze hinaus haben würden. Denn es hat immer wieder Fälle von pädophilen Priestern gegeben. In Boston und auch in anderen Orten. Aber das waren, so sagte die katholische Kirche, Einzelfälle und sie habe sich um diese Geistlichen gekümmert. Künftig würden sie sich nicht mehr an Minderjährigen vergreifen. Das war die offizielle Version, die auch die Mitglieder der Erzdiözese von Boston glaubten.
Aber Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) und seine ihm untergebenen Kollegen Mike Rezendes (Mark Rufallo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams [meine Besprechung von „True Detective – Staffel 2“ gibt es demnächst]), Matt Carroll (Brian D’Arcy James) und Ben Bradlee Jr. (John Slattery) beginnen 2001 tiefer zu graben. Sie sind das „Spotlight“-Team und damit das Team für investigative Recherchen, die manchmal im Sand verlaufen und oft handfeste Skandale aufdecken. Über den Kindesmissbrauch und den Umgang der in Boston enorm mächtigen katholischen Kirche, die dort ihre größte Erzdiözese in den USA hat, werden sie von dem neuen Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) angesetzt. Er kommt aus Florida vom Miami Herald. Ihm eilt ein Ruf als eiskalter Kosteneinsparer voraus. Außerdem kommt er nicht aus Boston, hat daher keinen Stallgeruch und wird entsprechend skeptisch von den alteingesessenen Journalisten erwartet. Baron meint, dass diese Missbrauchsgeschichte ein Thema für das „Spotlight“-Team und für die „Boston Globe“-Leser sei. Denn über die Hälfte der Leser sind Katholiken.
Wie die Geschichte der Recherche, die mit einer kleinen Notiz auf der Lokalseite begann, endete und welche Auswirkungen sie hatte, haben wir auch hier in Deutschland mitbekommen.
Der „Boston Globe“ veröffentlichte, nachdem wegen 9/11 die Veröffentlichung zunächst verschoben hatte, im Januar 2002 die ersten Rechercheergebnisse. Und damit endet das grandiose Drama „Spotlight“. Noch im gleichen Jahr erschienen im „Boston Globe“ fast 600 Artikel über sexuellen Missbrauch an Tausenden von Kindern durch Hunderte von Priestern in Boston und auf der ganzen Welt. Im Dezember 2002 trat Kardinal Law von seinem Amt in der Erzdiözese Boston zurück. Fast 250 Priester dieser Erzdiözese wurden öffentlich des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. In den USA wurden über 6400 Priester wegen sexueller Übergriffe angeklagt – und angesichts dieser Zahlen frage ich mich, warum in Deutschland bis jetzt so wenige Priester wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurden.
2003 erhielt das Spotlight-Team den renommierten Pulitzer-Preis für seine investigative Berichterstattung.
Das ist natürlich auch eine Geschichte für einen Film. Regisseur und Drehbuchautor Tom McCarthy („Station Agent“, „Win Win“) und Co-Drehbuchautor Josh Singer („The West Wing“, „Inside Wikileaks“) gelingt es in „Spotlight“ diese Geschichte spannend, pointiert und ohne überflüssige Dramatisierungen zu erzählen. Sie konzentrieren sich nämlich einfach auf die reale Geschichte in all ihren unterschiedlichen Facetten und das ist schon, wie wir mit den recherchierenden Journalisten erfahren, skandalös genug. Im Mittelpunkt stehen nämlich die Journalisten, ihre Arbeit, was diese Recherchen bei ihnen auslösen, in welchem Geflecht unterschiedlicher Interessen sie sich bewegen und mit welchem mächtigen Gegner sie sich anlegen. Denn sie recherchierten nicht über einzelne pädophile Priester, sondern über die konsequente und planmäßige Vertuschung dieser Fälle durch die Vorgesetzten, also die Leitung der Erzdiözese (und vielleicht noch höher in der Hierarchie der katholischen Kirche), über Jahre und, wie man im Lauf des Films mit den Journalisten erfährt, Jahrzehnte.
McCarthy erzählt seine Geschichte in der Tradition großer Journalistenfilme, wie „Die Unbestechlichen“ (über die Recherchen von Bob Woodward und Carl Bernstein und den Watergate-Skandal, der zum Rücktritt von Präsident Nixon führte), und des aufklärerischen Kino eines Sidney Lumet, das auf ein gutes Drehbuch, gute Schauspieler und eine unauffällige Kamera setzt. Dass die Sets exakt nachgebildet waren und die Schauspieler sich für die Recherche vorher mit den von ihnen porträtierten Journalisten trafen half. Diesen gefiel, wie sie und ihre Geschichte dargestellt werden.
„Spotlight“ wurde für sechs Oscars nominiert, erhielt bislang fast einhundert Preise und wurde für über einhundert weitere Preise nominiert; was allein schon etwas über die Qualität dieses grandiosen Ensemblestückes aussagt, das auch ein Hohelied auf die alltägliche journalistische Arbeit und auf den investigativen Journalismus ist, der schon immer gelobt, aber wenig geliebt wurde und seitdem in den USA und auch in anderen Ländern (in Deutschland wegen der Kultur des Zeitungsabonnements weniger) viele Tageszeitungen wegen des Internets um ihr Überleben kämpfen und teilweise ihr Erscheinen schon eingestellt haben. „Spotlight“ zeigt, was guter Journalismus leisten kann. Dass es auch ein in jeder Beziehung guter Film ist, hilft natürlich.