Lohn der Angst (Le salaire de la peur, Frankreich/Italien 1953)
Regie: Henri-Georges Clouzot
Drehbuch: Henri-Georges Clouzot, Jérôme Géronimi
LV: Georges Arnaud: Le salaire de peur, 1952 (Lohn der Angst)
Vier Männer fahren mit einer Ladung Nitro durch den lateinamerikanischen Dschungel.
Klingt langweilig? Ist aber ein Klassiker, der Anfangs das Leben gestrandeter Abenteurer in den Kolonien extrem genau zeigt, später extrem spannend ist und einen tiefen, illusionslosen Einblick in die menschliche Seele bietet. Eine existentialistische Parabel im Gewand eines Action-Films. – Seine volle Wirkung entfaltet „Lohn der Angst“ allerdings nur auf der großen Leinwand.
Hellmuth Karasek in „Mein Kino – Die 100 schönsten Filme“: „Clouzots Meisterwerk, wahrscheinlich der vollkommenste und geradlinigste Thriller der Filmgeschichte…Clouzot hat hier (gemeint ist der Filmanfang, A. d. V.) als erster gnadenlose Bilder aus der Dritten Welt, ihren kolonialen Strukturen, der vorherrschenden Desperado-Mentalität, der latent homoerotischen Männerbünde, deren letzter Stolz die Frauen- und Eingeborenen-Verachtung ist, eingefangen – lange vor Taverniers Saustall.“
Im Anschluss, um 22.40 Uhr, zeigt Arte als TV-Premiere die zweistündige Doku „Ivo Livi genannt Yves Montand“ (Frankreich 2011).
Mit Yves Montand, Peter van Eyck, Charles Vanel, Folco Lulli
Als die Familie Primm in New York in einen mehrstöckigen Altbau zieht, begrüßen Vater und Mutter die neuen Möglichkeiten, die sich für sie in der Großstadt eröffnen. Ihr Sohn Josh ist weniger begeistert.
Das ändert sich erst, als der schüchterne Junge auf dem Dachboden ein Krokodil entdeckt. Es gehört Hector B. Valenti. Der Variete-Zauberer musste sich auf eine lange Tour durch die Provinz begeben, um Schulden abzubezahlen und um vor seinen Schuldner in Sicherheit zu sein.
Bevor Valenti an die Haustür klopft – er hat in dem Haus ein auf einige Tage im Jahr beschränktes lebenslanges Wohnrecht -, hat Josh bereits das Geheimnis des Krokodils Lyle entdeckt. Es ist lebendig, singt gern und ist ein richtiger Freund zum Knuddeln, mit dem man nach Sonnenuntergang die Stadt erkunden kann.
„Lyle – Mein Freund, das Krokodil“ ist die erste Kinoverfilmung von Bernard Wabers Lyle-Geschichten, die er ab 1962 für Kinder schrieb. Davor entstand nur die knapp halbstündige TV-Episode „Lyle, Lyle Crocodile: The Musical ‚The House on East 88th Street’“, die 1987 den Auftakt der „HBO Storybook Musicals“-Reihe bildete.
Für die Kino-Verfilmung wurden einige Kleinigkeiten modernisiert, es gibt CGI-Tricks und die Handlungszeit der Geschichte wurde in die Gegenwart verlegt. Trotzdem kann und will das von Will Speck und Josh Gordon inszenierte Filmmusical nicht verleugnen, dass diese Lyle-Geschichte in der ersten Hälfte der Sechziger entstanden ist.
Entstanden ist ein Kinderfilm mit Javier Bardem, der hier, enorm spielfreudig und gut aufgelegt, den schmierigen, aber auch charmanten und sehr lebensbejahenden Zauberer Valenti spielt.
Für Kinder ist das sicher vergnüglich. Für Ältere fehlt dann doch die zweite und dritte Ebene, die es bei Pixar-Filmen gibt.
Lyle – Mein Freund, das Krokodil (Lyle, Lyle, Crocodile, USA 2022)
Regie: Will Speck, Josh Gordon
Drehbuch: Will Davies
LV: Bernard Waber: The House on East 88th Street, 1962; Lyle, Lyle, Crocodile, 1965
mit Javier Bardem, Constance Wu, Winslow Fegley, Scoot McNairy, Brett Gelman, Shawn Mendes (im Original: Stimme von Lyle)
Um dem Ruin zu entgehen, verbreitet der halbseidene Spekulant Nicolas Saccard Falschmeldungen über seine Investitionen. Seine Aktien steigen. Aber das Spiel kann nicht ewig gut gehen.
Stummfilm, der ursprünglich zweihundert Minuten lang war. Arte zeigt eine knapp hundertfünfzigminütige Fassung. Heute zählt L’Herbiers Zola-Verfilmung zu den Klassikern des Stummfilms. Und die Story ist heute immer noch aktuell.
mit Pierre Alcover, Marie Glory, Brigitte Helm, Yvette Guilbert, Henry Victor, Alfred Abel, Pierre Juvenet
Der Film beginnt mit einer langen Szene, in der Micaela Schäfer lässig ihren wohlproportionierten Oberkörper von links nach rechts schwenkt. Zuerst bekleidet, später nackt. Dazu singt die Münchner Freiheit „Ohne dich“. Je länger ich mir auf der großen Kinoleinwand (und ich rede hier von einer wirklich großen Kinoleinwand) ihren sanft wippenden Busen ansah, desto überzeugter war ich, dass „Ach du Scheiße!“ ein schlechter Film ist. Solche Softporno-Szenen gab es vor Jahren in längst vergessenen nächtlichen TV-Marathons von Sexclips, die von marktscheierischer Werbung für bestimmte „Ruf mich an!“-Telefonnummern unterbrochen wurden.
Heute gibt ein solcher Clip nur noch einen unübersehbaren Hinweis auf das angepeilte Nieau und Publikum.
Danach verbringt der Splatter-Thriller die meiste Zeit mit Frank in einem Dixi-Klo. Der Architekt ist dort eingesperrt. Weil sein rechter Arm von einem Stahlstab durchbohrt ist, kann er sich kaum bewegen. Auf seine Schreie reagiert niemand.
Also versucht Frank sich anderweitig aus dem riesigem Dixi-Klo (sozusagen ein Dixi-XXL) zu befreien. Weil die Plastiktoilette auf einem Grundstück in der bayersichen Provinz liegt, auf dem in wenigen Minuten für einen Bau eine Sprengung erfolgen soll, hat Frank nur wenig Zeit. Trotzdem scheitert er gut neunzig Minuten.
In einigen Rückblenden erfahren wir, wie er in diese missliche Lage geraten ist. Wer auch nur eine Folge einer lauschigen „Verbrechen aus der bayerischen Provinz“-Krimiserien gesehen hat, ahnt schnell, warum Frank sterben soll.
Franks Versuche sich zu befreien scheitern, weil es in dem vor Unlogik strotzendem Drehbuch so steht. So lässt Frank sich immer wieder von Nebensächlichkeiten ablenken. Einige Versuche sind atemberaubend kompliziert ausgedacht und erfordern entsprechend viel Zeit, sie umzusetzen.
Dabei hat Autor und Regisseur Lukas Rinker auch einen Eispickel und ein Smartphone zu Frank ins Dixi-Klo gelegt. Mit dem Eispickel könnte er innerhalb weniger Minuten riesige Löcher in die Wände des Dixi-Klos schlagen.
Mit dem Telefon, das bis kurz vor dem Finale eine einwandfreie Verbindung zum Netz hat, könnte er sofort den Notruf wählen. Stattdessen gibt er zuerst mühsam seine PIN ein und ruft dann, ebenso mühsam, seine Freundin an, die ihm nicht helfen will. Immerhin ruft er danach die Polizei an, die ihm auch nicht helfen will.
Frank verhält sich durchgehend nicht wie ein zielgerichtet um sein Überleben kämpfender Mann, sondern wie ein Trottel, der planlos verschiedene Dinge ausprobiert.
Es gibt natürlich viel Toilettenhumor, etwas schwarzen Humor, viel Scheiße, Dreck, Blut, Splatter und, vor allem gegen Ende, reichlich Overacting mit Dialogen, die sogar für eine Vorabendserie zu schlecht wären.
Immerhin sieht der Film gut aus.
Ach du Scheiße! (Deutschland 2022)
Regie: Lukas Rinker
Drehbuch: Lukas Rinker
mit Thomas Niehaus, Gedeon Burkhard, Olga von Luckwald, Rodney Charles, Friederike Kempter, Micaela Schäfer
Als Vorbereitung für David Cronenbergs neuen Film „Crimes of the Future“, der am 10. November in Deutschland im Kino anläuft. Ebenfalls mit Viggo Mortensen und eine hundertfünfzigprozentige Rückkehr zu dem Bodyhorror-Cronenberg der Siebziger Jahre.
Tele 5, 23.10
A History of Violence (A History of Violence, USA/Kanada 2005)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: Josh Olson
LV: John Wagner/Vince Locke: A History of Violence, 1997 (Graphic Novel)
Tom Stall ist ein gewöhnlicher Schnellrestaurantbesitzer irgendwo in Indiana. Als zwei Killer sein Restaurant ausrauben wollen, tötet er sie im Affekt. Danach ist er der Held des Tages und zwei Mafiosi aus Philadelphia tauchen auf. Sie behaupten, Tom von früher zu kennen. Damals war er ein Mafiakiller und der Philly-Mob habe noch eine Rechnung mit ihm offen.
Ein eiskaltes, klar strukturiertes Noir-Drama von Cronenberg, der hier eine altbekannte Genregeschichte und gleichzeitig viel mehr erzählt.
Das Drehbuch von Josh Olson war für den Edgar-Allan-Poe-Preis als bestes Drehbuch nominiert. „Syriana“ erhielt die Trophäe.
Mit Viggo Mortensen, Maria Bello, Ed Harris, William Hurt
Vor vier Jahren zofften sich in „Der Vorname“ Thomas Böttcher (Florian David Fitz), seine Frau Anna Wittmann (Janina Uhse), Stephan Berger (Christoph Maria Herbst), seine Frau Elisabeth Berger-Böttcher (Caroline Peters), ihr Adoptivbruder René König (Justus von Dohnányi) und ihre Mutter Dorothea Böttcher (Iris Berben). Denn bei einem Abendessen sagte Thomas, dass sie ihren Sohn Adolf nennen werden. Literaturprofessor Stephan Berger fand den Namen wegen Adolf Hitler unerträglich und schon fetzten sie sich an einem langen Abend. Die Vorlage für diesen Familienstreit war ein französisches Boulevardstück. Für diese Verfilmung wurde es auf deutsche Befindlichkeiten umgeschrieben. Die von Sönke Wortmann inszenierte vergnügliche Komödie war mit 1,2 Millionen Zuschauern ein Erfolg in den Kinos.
Eine Fortsetzung war daher fast unvermeidlich. Claudius Pläging schrieb wieder das Drehbuch. Sönke Wortmann übernahm wieder die Regie. Und die Schauspieler des „Vornamens“ sind bei „Der Nachname“ auch alle dabei.
Dieses Mal lädt die Mutter ihre Kinder und ihre Partner nach Lanzarote in ihr Feriendomizil ein. Dort verkündet Dorothea ihnen, dass sie wieder geheiratet hat. Für ihre Kinder bedeutet diese Nachricht mindestens eine doppelte Katastrophe. Denn sie hat den Nachnamen ihres Mannes angenommen. König. Und ihr Mann ist ihr Adoptivsohn René König. Der wird wunderschön verwahrlost und tiefenentspannt von Justus von Dohnányi gespielt.
Die Prämisse für die ganze Aufregung ist ziemlich weit hergeholt. Während das Konfliktpotential eines falsch gewählten Vornamens allseits bekannt und nachvollziehbar ist, ist das bei einem Nachnamen weniger offensichtlich, um nicht zu sagen, nicht vorhanden.
Trotzdem finden Dorotheas Kinder es schlimmer, dass ihre Mutter den Namen ihres neuen Mannes angenommen hat (wie sie es schon bei ihrem vorherigen Mann tat), als dass sie dadurch vielleicht durch die Hintertür enterbt werden. Das wäre immerhin ein handfestes ökonomisches Motiv. Denn René ist jetzt nicht nur ihr Sohn, sondern auch ihr Mann und, so planen Dorothea und René es, der Vater ihrer künftigen Kinder.
Daneben werden noch flugs einige Familiengeheimnisse enttarnt, etwas schmutziger Wäsche gewaschen, über Seitensprünge sinniert und über finanzielle Probleme gesprochen. Thomas und Stephan könnten eine Finanzspritze gut gebrauchen. Nichts davon ist dringlich in diesem Themenhopping unter südlicher Sonne. Es wird auch nichts konsequent zu Ende erzählt. Entsprechend mau fallen die Pointen über verschlossene Zimmer, außereheliche Affären und Keksdosen aus. Und am Ende haben sich alle ganz lieb.
„Der Nachname“ ist eine leidlich amüsante Angelegenheit, die krampfhaft eine schon im ersten Film auserzählte Geschichte weitererzählt.
Der Nachname (Deutschland 2022)
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Claudius Pläging
mit Iris Berben, Christoph Maria Herbst, Florian David Fitz, Caroline Peters, Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Elena Sancho Pereg
Zu Ehren von Sean Connery (er starb am 31. Oktober 2020)
ZDFneo, 22.00
Die Unbestechlichen – The Untouchables (The Untouchables, USA 1987)
Regie: Brian De Palma
Drehbuch: David Mamet
Grandioser Gangsterfilm über den Kampf von Eliot Ness und seiner unbestechlichen Mitstreiter gegen Al Capone.
„Mit der ihm eigenen formalen Brillanz hat Brian De Palma diesen authentischen Fall inszeniert. Seine Liebe zum Detail, ausgeklügelte Kamerafahrten und Einstellungen, Ennio Morricones emotionaler Soundtrack und die lakonisch-präzise Charakterisierung der Personen machen den Film zu einem Augen- und Ohrenschmaus.“ (Fischer Film Almanach 1988)
Sean Connery gewann den Oscar als bester Nebendarsteller.
Mit Kevin Costner, Robert de Niro, Sean Connery, Charles Martin Smith, Andy Garcia, Jack Kehoe
Der Film kann als das Gegenstück zu „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ betrachtet werden. In dem Drama schildert Kilian Riedhof die Gefühle von Antoine Leiris, dessen Frau im bekannten Pariser Club Bataclan während eines Konzerts der Eagles of Death Metal erschossen wird und ihn als Witwer mit einem zweijährigem Sohn zurücklässt. Der eindrucksvolle Film, der sich ausschließlich auf Leiris und sein näheres Umfeld konzentriert, läuft am 10. November an.
Auch „November“ beginnt mit dem Anschlag auf das Bataclan und den Anschlägen, die schon kurz vorher in Paris geschahen. Sie versetzen die Polizei in die höchste Alarmstufe. Die islamistischen Terroristen, Anhänger des Islamischen Staat (IS), ermorden 130 Menschen. Außerdem verletzten sie 683 Menschen, davon fast hundert schwer.
„November“ schildert quasi-dokumentarisch die Jagd der Anti-Terror-Einheit SDAT nach den Tätern. Dabei konzentrieren sich im Film ihre Ermittlungen auf zwei Männer. Cédric Jimenez („Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“) und Co-Drehbuchautor Oliver Demangel („Baron Noir“) halten sich dabei, auf den ersten Blick, an die Fakten. Denn alle SDAT-Ermittler sind fiktive Figuren, die in einem unbekanntem Umfang auf realen SDAT-Ermittlern basieren. Der Name der für die Ermittlungen wichtigen Zeugin wurde geändert. Die Namen der Täter wurden nicht geändert.
Drehbuchautor Demangel und später Regisseur Jimenez unterhielten sich mit den Ermittlern und die Geschichte dürfte ziemlich genau den Fakten bzw. der von den Ermittlern abgesegneten Version entsprechen. Die Perspektive der Täter und der Opfer spielt in „November“ keine Rolle. Die Reaktion des Staates und der französischen Gesellschaft spielt ebenfalls keine Rolle. Es wird auch nie nach Gründen für die Anschläge gefragt. Die Anschläge sind in dem Thriller einfach das Ereignis, das für die Ermittler den Beginn der Arbeit bedeutet. Und die besteht darin, die Täter zu schnappen.
Der so entstandene, mit fiebriger Energie erzählte Film bleibt immer bei den Ermittlern und wie sie innerhalb von fünf Tagen den Drahtzieher der Anschläge finden. Am 18. November 2015 wollen sie Abdelhamid Abaaoud und weitere Personen in Saint-Denis, einer Banlieue-Stadt nordlich von Paris, während einer Anti-Terror-Razzia verhaften. Daraus entwickelt sich – und das ist der Höhepunkt des Films – ein siebenstündiges Feuergefecht, bei dem Chakib Akrouh durch die Zündung seiner Sprengstoffweste sich und alle im Haus befindenden Menschen tötet.
Das ist enorm spannend erzählt. Und in einigen Momenten fast schon seltsam pädagogisch. Denn so gesetztestreu erleben wir französische Polizisten sonst kaum in Filmen.
November (Novembre, Frankreich 2022)
Regie: Cédric Jimenez
Drehbuch: Cédric Jimenez, Olivier Demangel
mit Jean Dujardin, Anaïs Demoustier, Sandrine Kiberlain, Jérémie Renier, Lyna Khoudr, Cedric Khan
Nach einer wahren Geschichte (D’après une histoire vraie, Frankreich 2017)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Olivier Assayas, Roman Polanski
LV: Delphine de Vigan: D’après une histoire vraie, 2015 (Nach einer wahren Geschichte)
Bestsellerautorin Delphine Dayrieux leidet an einer Schreibblockade. Während einer Signierstunde trifft sie auf Elle, eine Ghostwriterin, und glaubt in ihr eine verwandte Seele gefunden zu haben. Beide Frauen befreunden sich, Delphine wird zunehmend abhängig von Elle und wir halten das schon während ihrer ersten Begegnung für keine gute Idee.
TV-Premiere (erstaunlicherweise erst jetzt). Langsam erzähltes, komplexes Kammerspiel, das sich ausschließlich auf Delphine und Elle konzentriert.
Georges kauft sich mit seinem letzten Geld eine Designer-Hirschlederjacke. Mit der Jacke und einem Camcorder fährt er in die französische Provinz. Dort behauptet er, ein Regisseur zu sein. Seine Fake-Dreharbeiten laufen schnell aus dem Ruder.
TV-Premiere. Gewohnt schwarzhumorige und surrealistische Komödie von Quentin Dupieux.
mit Jean Dujardin, Adèle Haenel, Albert Delpy, Coralie Russier, Laurent Nicolas
James Bond 007 – Skyfall(Skyfall, Großbritannien/USA 2012)
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade, John Logan
LV: Charakter von Ian Fleming
James Bond jagt Raoul Silva, der zuerst die Datei mit den Identitäten von allen Geheimagenten, die undercover in Terroristennetzwerken arbeiten, entwendet und dann den gesamten britischen Geheimdienst ins Nirvana schicken will, weil M(ama) nicht nett zu ihm war.
Edward mit den Scherenhänden (Edward Scissorhands, USA 1990)
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Tim Burton, Caroline Thompson
Zwischen seinen beiden „Batman“-Filmen drehte Tim Burton, der hier erstmals Carte Blanche hatte, dieses dunkle, romantische Märchen über den einsam in einem Schloss auf einem Hügel lebenden „Edward mit den Scherenhänden“. Als eine Kosmetikvertreterin ihn trifft, ist sie fasziniert von ihm und nimmt ihn mit in die typisch amerikanische Vorstadt. Dort ist Edward wegen einer motorischen Fähigkeiten zuerst sehr beliebt.
Ein schöner trauriger Film voller Humor und Skurrilitäten.
„ein Märchen. Und das erzählt er einem Publikum, das schon alle Märchen kennt, an keins mehr glaubt und sich doch danach sehnt. Und er erzählt es mit allen Emotionen, aller Naivität, aller Grausamkeit und auch aller Komik, die das Publikum erwarten darf.“ (Fischer Film Almanach 1992)
mit Johnny Depp, Winona Ryder, Dianne Wiest, Anthony Michael Hall, Kathy Baker, Vincent Price (seine letzte Rolle in einem Spielfilm), Alan Arkin
Black Far West – Nicht alle Cowboys waren weiß(Black Far West – Une contre-histoire de l’Ouest, Frankreich 2022)
Regie: Cécile Denjean
Drehbuch: Cécile Denjean
Brandneue spielfilmlange Doku, die ein bislang ziemlich unbekanntes Bild des Wilden Westens zeichnet. Denn nach dem Ende des Bürgerkriegs war jeder vierte Cowboy ein Schwarzer. Cécile Denjean erzählt die Geschichte dieser Männer und Frauen.
Für den Mord an seiner Schwester Delia saß Louis in Ohio fünf Jahre im Gefängnis. Seitdem lebt er freiwillig in einem Pflegeheim. Besuche erhält er keine. Das ist dem nach einem Unfall psychisch und auch physisch behindertem Louis ganz recht. Er lebt in seiner Welt. Er braucht Ruhe und geordnete Abläufe.
Als Stacker ihn besucht, verändert sich alles. Stacker war in der Kleinstadt, in der Louis mit Delia lebte, einer von Delias Freunden. Stacker weiß, dass Delias Mörder noch nicht bestraft wurde. Bevor er Louis mehr verraten kann, rastet Louis aus. Sie werden getrennt.
Kurz darauf macht Louis sich auf den Weg in seine alte Heimatstadt. Er will Delias Mörder finden.
„Delia’s gone“ ist ein okayer Country-Noir. „Born to be Blue“-Regisseur Robert Budreau erzählt in seinem neuem Film eine ziemlich einfache Kriminalgeschichte mit einem ungewöhnlichem Helden; überzeugend gespielt von Stephan James („Beale Street“). Dieser ist nach einem Unfall auf dem Niveau eines Kindes stehen geblieben. Er stolpert, oft tollpatschig, durch die Welt. Er überblickt nie die Folgen seiner Handlungen. Deshalb kann ein harmloses Gespräch schnell handgreiflich werden und der Gespächspartner am Ende tot sein.
Die Lösung ist, immerhin muss Louis in der Lage sein, Delias Mörder zu finden, wenig überraschend, aber glaubwürdig. Und einige Szenen bringen die Geschichte nicht voran, verschaffen aber Marisa Tomei (zuletzt May Parker in den „Spider-Man“-Filmen) und Paul Walter Hauser („Richard Jewell“) zusätzliche Screentime als ungleiches Polizistenpaar. Sie spielen die zwei Provinzpolizisten, die Louis jagen und sich dabei kabbeln. Denn Tomei erteilt Hauser gerne Befehle.
Delia’s gone(Delia’s gone, USA/Kanada 2022)
Regie: Robert Budreau
Drehbuch: Robert Budreau (nach der Kurzgeschichte „Caged Bird Sing“ von Michael Hamblin)
mit Stephan James, Paul Walter Hauser, Travis Fimmel, Marisa Tomei, Genelle Williams
In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs öffneten die SS-Wachmannschaften die Tore der Konzentrationslager. Gefangenen, die über keine militärische Kenntnisse verfügten und die noch gehen konnten, schickten sie in Richtung Westen. Die anderen wurden noch in den KZs ermordet.
Nachträglich nannten die Überlebenden diese Märsche Todesmärsche. Denn wer nicht mehr weitergehen konnte, wurde erschossen. Andere erfroren oder verhungerten.
Für seinen beeindruckenden Dokumentarfilm „Nicht verRecken“ hat Martin Gressmann mit Überlebenden dieser Märsche gesprochen. Vor der Kamera sprechen, teils zum ersten Mal, Karol Gydanietz, Alexander Nesanel Fried, Simcha Applebaum, Roger Bordage, Marcel Souillerot, Wladimir Wojewodchenko, Serge Dimitref, Eduard Michailovich Simowez, Guy Chataigné, Otto Ernst Redner, Josef Tandlich und Zwi Steinitz über die Märsche durch Ostdeutschland. Zuletzt waren sie alle im KZ Sachsenhausen. Sie erzählen auch ausführlich über ihr Leben davor in Freiheit und in den Konzentrationslagern.
Gressmann hört ihnen geduldig zu. Auf formale Experimente, Visualisierungen oder plumpe historische Nachstellungen verzichtet er. Es gibt nur (leider ohne Namensnennungen) deutsch, französisch und polnisch sprechende Köpfe und heute in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt aufgenommene Bilder von den Gegenden, durch die sie damals gegangen sind. Mehr ist nicht nötig.
Nicht verRecken (Deutschland 2021)
Regie: Martin Gressmann
Drehbuch: Martin Gressmann
mit Karol Gydanietz, Alexander Nesanel Fried, Simcha Applebaum, Roger Bordage, Marcel Souillerot, Wladimir Wojewodchenko, Serge Dimitref, Eduard Michailovich Simowez, Guy Chataigné, Otto Ernst Redner, Josef Tandlich, Zwi Steinitz
TV-Premiere. Christian Petzolds in die Gegenwart verlegte Interpretation des Undine-Mythos. Das ist gewohnt durchdacht und gut inszeniert. Trotzdem spricht „Undine“ mich weniger an als Christian Petzolds andere Filme.
Das könnte Ruben Östlands kommerziell erfolgreichster Film werden. Auch wenn „Triangle of Sadness“ sein schwächstes Werk ist.
Mit „Involuntary“, „Play – Nur ein Spiel?“, „Höhere Gewalt“ und „The Square“ erarbeitete er sich einen guten Ruf. Die Filme liefen auf den wichtigsten Festivals, erhielten zahlreiche Preise und sorgten für Diskussionen.
Jetzt hat er, mit einigen international bekannten Namen, seinen ersten englischsprachigen Film gedreht. Woody Harrelson spielt den trunksüchtigen Kapitän eines Luxuskreuzfahrtschiffes. Mit an Bord sind Iris Berben, Sunnyi Melles, Harris Dickinson, Charlbi Dean (das Model starb am 29. August 2022), Zlatko Burić, Oliver Ford Davis, Amanda Walker und Dolly De Leon.
Seine Premiere hatte das zweieinhalbstündige Werk im Mai in Cannes. Dort erhielt es, wie schon Östlunds vorheriger Film „The Square“, die Goldene Palme.
„Triangle of Sadness“ besteht aus drei klar voneinander getrennten Teilen, die chronologisch aufeinander folgen. Im ersten Teil werden uns Carl und Yaya vorgestellt. Im zweiten Teil sind sie auf einem Luxuskreuzfahrtschiff. Im dritten Teil, nachdem das Schiff während eines Sturms kenterte, sind sie mit einigen anderen Passagieren schiffbrüchig auf einer Insel.
Der erste und beste Teil des Films ist klassischer Östlund. Yaya (Charlbi Dean) und Carl (Harris Dickinson) sind ein Paar. Beide modeln und lassen als Influencer die Welt an ihrem schönem Leben teilhaben. In einem Restaurant streiten sich darüber, wer die Rechnung bezahlt. Carl will von Yaya wissen, warum sie das Essen, wieder einmal, nicht bezahlt. Denn vorher sagte sie, sie werde es machen. Außerdem verdiene sie mehr Geld als er. Aus Carls Frage entspinnt sich ein zunehmend eskalierender Streit über den Stand ihrer Beziehung.
Neben den quälend langen Streitgesprächen der beiden Models in Restaurants und anonymen Hotelzimmern, wirft Östlund einen Blick hinter die Kulissen der Modebranche, in der Models einfach nur gut aussehende Kleiderständer sind.
Auch der zweite Teil beginnt mit kleinen Irritationen. Yaya und Carl wurden eingeladen, als Influencer auf einem Luxuskreuzfahrtschiff mitzufahren und über die Reise zu berichten. Die ersten Tage auf dem Schiff entsprechen dann auch ihren Erwartungen an eine langweilige Kreuzfahrt, die viele gute Bilder für ihre Online-Videos produziert. Daneben plaudern sie mit den reichen Gästen über deren Leben und wie sie zu ihrem Vermögen gekommen sind.
Die Millionäre und deren Gattinnen versuchen dabei gönnerhaft, die Stewardessen zu Handlungen bewegen, die sie ihren Job kosten können. Denn hier auf dem Schiff müssen die Angestellten ihnen jeden Wunsch erfüllen. Egal, was von ihnen verlangt wird.
Obwohl ein Sturm aufzieht, wird den Gästen im Rahmen des Captain’s Dinner ein aus mehreren Gängen bestehendes Fünf-Sterne-Menü serviert. Als die ersten Sturmböen das Schiff treffen, klatschen die ersten ausgekotzten Lebensmittel von außen an die Fenster des Bordrestaurants. Beim ersten Mal glaubt man noch, sich versehen zu haben. Doch es passiert öfter und wird mehr. Die Millionäre kotzen ihr Essen in comicreifen Fontänen aus. Einmal. Zweimal. Dreimal. Das ist der harmlose Auftakt für eine minutenlangen Szene, in der die Scheiße aus den Toiletten quillt und durch das Schiff wabert, während die Millionäre darin ausrutschen, sich in ihr wälzen und in ihr durch die Gänge rutschen. Freunde des Pipi-Kacka-Humors dürften sich freuen über diesen nicht enden wollenden Klamauk.
Während das Schiff in Scheiße und Kotze versinkt und untergeht, hat Woody Harrelson seinen großen Auftritt als Kapitän des Schiffes. Stockbesoffen zitiert er Karl Marx, liest über die Schifflautsprecher aus dem Kommunistischen Manifest vor und steigert sich mit dem russischen Waffenhändler Zitate in einen absurden Zitierwettbewerb. Das nennt sich dann wohl Kapitalismuskritik.
Einige Passagiere – der Kapitän gehört nicht dazu – überleben den Untergang des Schiffes. Sie können sich auf eine Insel retten. Dort, fernab der Zivilisation, verändern sich schnell die Herrschaftsverhältnisse. Abigail (Dolly De Leon), die philippinische Toilettenfrau des Schiffes, auf die vorher niemand achtete, wird zur Herrscherin. Sie weiß, was getan werden muss, um in der Wildnis zu überleben. Sie kann Feuer machen. Sie kann Fische fangen. Die anderen Überlebenden, allesamt Millionäre und die beiden Influencer Carl und Yaya, können das nicht. Sie sind hilflos und auch etwas begriffsstutzig. Das zeigt sich beim ersten Abendessen. Abigail verteilt den Fisch so, dass sie ein Stück für sich behält, das nächste an einen der anderen Überlebenden abgibt, das nächste wieder für sich behält undsoweiter. Den Reichen fällt erst am Ende der Verteilung auf, dass Abigails Portion viel größer ist.
Spätestens in diesem Moment dürften Cineasten sich an die kapitalismuskritischen Satiren aus den Siebzigern erinnern. Vor allem für den dritten Teil fällt einem Lina Wertmüllers „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ (Travolti da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto, Italien 1974) ein. In der Komödie strandet eine schwerreiche Industriellengattin mit einem ihrer Seemänner auf einer Insel. Dort drehen sich die Machtverhältnisse um.
Östlunds Episodenfilm kann als Edelversion von Lina Wertmüllers Film, ergänzt um einen Einblick in die Modebranche, gesehen werden. Er veränderte die Geschlechter. Er vergrößerte die Zahl der Figuren und er lässt einen großen Teil des Films in der Modebranche spielen. Dabei operiert er dieses Mal über weite Strecken nicht mit dem Stilett, sondern mit dem kapitalismuskritischem Holzhammer.
Triangle of Sadness (Triangle of Sadness, Schweden/Deutschland/Frankreich/Großbritannien 2022)
Regie: Ruben Östlund
Drehbuch: Ruben Östlund
mit Harris Dickinson, Charlbi Dean, Dolly De Leon, Zlatko Burić, Iris Berben, Vicki Berlin, Henrik Dorsin, Jean-Christophe Folly, Amanda Walker, Oliver Ford Davies, Sunnyi Melles, Woody Harrelson
Mein Leben als Zucchini(Ma vie de courgette, Schweiz/Frankreich 2016)
Regie: Claude Barras
Drehbuch: Céline Sciamma, Germano Zullo (Mitarbeit), Claude Barras (Mitarbeit), Morgan Navarro (Mitarbeit)
LV: Gilles Paris: Autobiographie d’une Courgette, 2002 (Autobiographie einer Pflaume, Mein Leben als Zucchini)
Nach dem Tod seiner Mutter wird der neunjährige Zucchini in das Kinderheim von Madame Papineua geschickt. Er muss neue Freunde finden und verliebt sich auch ein wenig in Camille. Doch dann soll Camille das Heim verlassen.
Wunderschöner, sehr gelungen sehr viele, sehr ernste Themen ansprechender Trickfilm, der auch für den Oscar als bester Animationsfilms des Jahres nominiert war. Den Preis als Bester Europäischer Animationsfilm und den Preis des Züricher Filmfest als bester Kinderfilm erhielt er. Neben einigen anderen.
Die heutige Nachtausstrahlung dient natürlich nur dazu, dass Erwachsene sich den Film ansehen und ihn dann, so schnell es geht, mit ihren Kindern wieder ansehen.
TV-Premiere. Oskar Roehlers Annäherung an Rainer Werner Fassbinder ist natürlich kein 08/15-Biopic, sondern „als sperrige Hommage ein wuchtiges Werk“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Oliver Masucci, Harry Prinz, Katja Riemann, Alexander Scheer, Eva Mattes, Erdal Yıldız, Désirée Nick, Lucas Gregorowicz, Sunnyi Melles, André Hennicke, Ralf Richter, Götz Otto, Antoine Monot, Jr., Isolde Barth, Christian Berkel
Ein ermordeter Binnenschiffer treibt im Hafenbecken von Duisburg-Ruhrort. Die Kommissare Schimanski und Thanner suchen seinen Mörder.
Der erste Auftritt von Götz George als Horst Schimanski. Damals ein Skandal (Seine Manieren! Seine Sprache! Sein Umgang mit den Dienstvorschriften!), heute ein „Tatort“-Klassiker. Schimanski war schnell der beliebteste „Tatort“-Kommissar, der auch zweimal im Kino ermitteln durfte.
mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Michael Lech, Michael Rastl, Brigitte Janner, Max Volkert Martens, Barbara Focke