TV-Tipp für den 26. März: Das Wiegenlied vom Totschlag

März 25, 2021

BR, 22.50

Das Wiegenlied vom Totschlag (Soldier Blue, USA 1970)

Regie: Ralph Nelson

Drehbuch: John Gay

LV: Theodore V. Olson: Arrow in the Sun, 1969 (nach dem Filmstart auch als „Soldier Blue“ veröffentlicht)

Nur der Rekrut Honus Gant (Peter Strauss) und Cresta Lee (Candice Bergen) überleben einen Überfall der Cheyenne auf einen Geldtransporter der US-Army. Anschließend versuchen sie zum nächsten Fort zu gelangen.

Das Wiegenlied vom Totschlag“ ist der bekannteste Film des TV-Routiniers Ralph Nelson. Bekannt wurde der Western wegen seiner ausführlich gezeigten Gewalt und seiner vehementen Anklage gegen die Armee. Formal ist der Film dann zu uneinheitlich, um wirklich zu überzeugen. Aber sehenswert ist er allemal.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Candice Bergen, Peter Strauss, Jorge Rivero, John Anderson, Donald Pleseance, Dana Elcar

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Wiegenlied vom Totschlag“

Wikipedia über „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ralph Nelsons „Das Wiegenlied vom Totschlag“ (Soldier Blue, USA 1970)


DVD-Kritik: „The Forgiven – Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft“ in Südafrika nach dem Ende der Apartheid

März 25, 2021

Mit dem Ende der Apartheid stand Südafrika vor der Frage, wie das Land vor einem Bürgerkrieg bewahrt werden kann und wie mit der Schuld der weißen Unterdrücker umgegangen werden kann. Die Beispiele aus Deutschland, nämlich der Umgang mit der Nazi-Diktatur (totschweigen, integrieren) und der DDR-Diktatur (anklagen, einsperren), hatten ihre eigenen Probleme. Südafrika wählte einen anderen Weg: Nelson Mandela richtete Wahrheitskommissionen ein, in denen öffentlich die Verfehlungen des vorherigen Regimes und der daran beteiligten Menschen aufgearbeitet wurden. Die Täter, die alle ihre Taten gestanden, wurden nicht verurteilt.

Dieses Verfahren (selbstverständlich neben einigen anderen Maßnahmen) bewahrte das Land vor einem Bürgerkrieg. Es war aber auch mit großen Belastungen verbunden. Vor allem für die Opfer und deren Angehörigen, die den Tätern verzeihen mussten. Dafür erfuhren sie, wer ihren Mann oder ihre Kinder folterte und ermordete. Und, falls er spurlos verschwunden war, wo seine Leiche lag. Außerdem mussten die Hinterbliebenen auf ein Gerichtsverfahren und eine Bestrafung verzichten.

Geleitet wurde die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission, die von 1996 bis 1998 arbeitete, von Erzbischof Desmond Tutu. In dem Drama „The Forgiven – Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft“ wird der Friedensnobelpreisträger von Forest Whitaker als ein verständnisvoller, verschmitzter Mann mit großem Herz gespielt. Inszeniert wurde der Film von Roland Joffé („The Killing Fields“, „Mission“). Er basiert auf dem Theaterstück „Der Erzbischof und der Antichrist“ von Michael Ashton, das Joffé zusammen mit Ashton zu einem Drehbuch verarbeitete.

Tutu erhält einen Brief von dem inhaftierten Mörder Piet Blomfeld (Eric Bana, hübsch herrenmenschlich unsympathisch diabolisch). Blomfeld möchte sich mit Tutu treffen. Tutu stimmt dem Treffen im Gefängnis zu. Schnell entspinnt sich zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren ein Kampf um die Meinungshoheit am Gefängnistisch.

Diese Gespräch zwischen Tutu und Blomfeld ist eine Thesenschlacht, die nie ihre Herkunft vom Theater verleugnen kann. Das liegt nicht an der Kamera oder mangelnden Außenaufnahmen. Die Kamera ist gut. Außenaufnahmen und Szenen, die nicht im Gefängnis spielen, gibt es reichlich. Es liegt an den Dialogen, die reinstes Thesentheater sind. Es stehen sich zwei gegensätzliche Ansichten zum menschlichen Wesen und der Gesellschaft gegenüber. Der Kampf über die richtige Ansicht wird, wie in einem Universitätsseminar, mit Worten ausgetragen. Argumente, scharfsinnige Beobachtungen und eher plumpe Provokationen von Blomfeld beleuchten verschiedene Aspekte von Schuld, Sühne und Vergebung.

Der Film selbst ist letztendlich Versöhnungskitsch, der viel Verständnis für die weißen Rassisten hat, die als Polizisten während der Apartheid ihre Macht ausnutzten, um zu foltern und zu morden und die nach dem Ende der Apartheid im Gerichtssaal in Tränen ausbrechen, weil sie Angst vor einer Bestrafung haben. Diese Angst hat Blomfeld nicht. Aber ihm wird eine nicht minder ärgerliche Vergangenheit angedichtet.

Und die Schwarzen dürfen gnädig ihren Peinigern die Absolution erteilen. Was das für sie bedeutet, interessiert Joffé leider nicht.

Am Ende ist „The Forgiven“ ein gut gespieltes und wichtige Fragen aufwerfendes, aber letztendlich arg naives Drama.

The Forgiven – Ohne Vergebung gibt es keine Zukunft (The Forgiven, Großbritannien 2017)

Regie: Roland Joffé

Drehbuch: Roland Joffé, Michael Ashton

LV: Michael Ashton: The Archbishop and the Antichrist, 2011 (Der Erzbischof und der Antichrist)

mit Forest Whitaker, Eric Bana, Jeff Gum

DVD

Eurovideo

Bild: 1.85:1

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untiertitel:

Bonusmaterial: Deutscher Trailer

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Blu-ray identisch. Außerdem digital bei den üblichen Dealern verfügbar.

Hinweise

Moviepilot über „The Forgiven“

Metacritic über „The Forgiven“

Rotten Tomatoes über „The Forgiven“

Wikipedia über „The Forgiven“ 


TV-Tipp für den 25. März: Sherlock: Die sechs Thatchers

März 24, 2021

BR, 23.15

Sherlock: Die sechs Thatchers (The Six Thatchers, Großbritannien 2017)

Regie: Rachel Talalay

Drehbuch: Mark Gatiss

Erfinder: Steven Moffat, Mark Gatiss

LV: Charakter von Sir Arthur Conan Doyle

Ein Ministersohn wird ermordet. Auf einem Beistelltisch mit Margaret-Thatcher-Devotionalien fehlt eine Thatcher-Gipsbüste. Sherlock Holmes fragt sich, warum die Thatcher-Büste verschwunden ist – und was das Geheimnis der Thatcher-Büsten ist.

Die Inspiration für „Die sechs Thatchers“ ist die Sherlock-Holmes-Geschichte „Die sechs Napoleons“.

Ziemlich furioser Auftakt der vierten „Sherlock“-Staffel, die wieder aus drei spielfilmlangen Episoden besteht. Nachdem bei der dritten Staffel die Fälle so nebensächlich wurden, dass man sie schon während des Sehens vergaß, sind die Fälle jetzt wieder gelungener. Allerdings sind sie wieder kaum nacherzählbar und zunehmend durchgeknallter und immer mehr miteinander und mit den Biographien von Sherlock Holmes und Dr. John Watson verknüpft und sie gehen immer mehr in Richtung einer großen, großen Verschwörung. Das ist nicht uninteressant und flott erzählt, aber auch der Stoff, der sich (schlechter) in ungefähr jeder zweiten Serie findet.

Denn auch Sherlock Holmes‘ brave Haushälterin Mrs. Hudson hat eine Vergangenheit, die wir bis jetzt nicht kannten.

Mit Benedict Cumberbatch, Martin Freeman, Amanda Abbington, Una Stubbs, Louise Brealey, Rupert Graves, Mark Gatiss, Lindsay Duncan, Simon Kunz, Sacha Dhawan

Hinweise

BBC über „Sherlock“

ARD über „Sherlock“

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes – Seine Abschiedsvorstellung“ (His last Bow, 1917)

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes‘ Buch der Fälle“ (The Case-Book of Sherlock Holmes, 1927)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Meine Besprechung von Mattias Boströms „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ (Fran Holmes till Sherlock, 2013)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (Sherlock, GB 2012)

Meine Besprechung von „Sherlock – Staffel 3“ (Sherlock, GB 2014)

Meine Besprechung von „Sherlock: Die Braut des Grauens“ (Sherlock: The Abominable Bride, Großbritannien 2016)

Mein Hinweis auf „“Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 4“ (Sherlock, GB 2017)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 24. März: Capernaum – Stadt der Hoffnung

März 23, 2021

Arte, 20.15

Capernaum – Stadt der Hoffnung (Capharnaüm, Libanon 2018)

Regie: Nadine Labaki

Drehbuch: Nadine Labaki, Jihad Hojeily, Michelle Kesrouani (in Zusammenarbeit mit Georges Khabbaz, unter Mitwirkung von Khaled Mouzanar)

TV-Premiere. Mitreisendes, mit Laienschauspielern in Beirut gedrehtes Drama, das unsentimental die Geschichte des ungefähr zwölfjährigen Zain und seinem Kampf ums Überleben in der Großstadt erzählt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Zain Al Rafeea, Yordanos Shiferaw, Boluwatife Treasure Bankole, Kawthar Al Haddad, Fadi Kamel Youssef, Cedra Izam, Alaa Chouchnieh, Nadine Labaki

Hinweise

Moviepilot über „Capernaum“

Metacritic über „Capernaum“

Rotten Tomatoes über „Capernaum“

Wikipedia über „Capernaum“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Nadine Labakis „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ (Capharnaüm, Libanon 2018)


Cover der Woche

März 23, 2021

Toller Autor, tolles Buch, tolle Verfilmung.

Toll.


TV-Tipp für den 23. März: Captain Phillips

März 22, 2021

Nitro, 20.15

Captain Phillips (Captain Phillips, USA 2013)

Regie: Paul Greengrass

Drehbuch: Billy Ray

Vorlage: Captain Richard Phillips/Stephan Talty: A Captain’s Duty: Somali Pirates, Navy SEALS, and Dangerous Days at Sea, 2010 (Höllentage auf See – In den Händen von somalischen Piraten – gerettet von Navy Seals)

Am 8. April 2009 entern somalische Piraten die „Maersk Alabama“ und schnell beginnt ein Psychoduell zwischen Captain Richard Phillips und Muse, dem Anführer der Piraten.

Spannendes, auf Tatsachen basierendes Geiseldrama, das auch die Seite der Piraten zeigt.

mit Tom Hanks, Catherine Keener, Barkhad Abdi, Barkhad Abdirahman, Faysal Ahmed, Mahat M. Ali, Michael Chernus, David Warshofsky, Corey Johnson, Max Martini

Hinweise

Moviepilot über „Captain Phillips“

Metacritic über „Captain Phillips“

Rotten Tomatoes über „Captain Phillips“

Wikipedia über „Captain Phllips“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Captain Phillips“

Meine Besprechung von Paul Greengrass’ “Captain Phillips” (Captain Phillips, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Greengrass‘ „Jason Bourne“ (Jason Bourne, USA 2016)


TV-Tipp für den 22. März: Der gebrochene Pfeil

März 21, 2021

Arte, 20.15

Der gebrochene Pfeil (Broken Arrow, USA 1950)

Regie: Delmer Daves

Drehbuch: Michael Blankfort (Pseudonym von Albert Maltz)

LV: Elliott Arnold: Blood Brother, 1947

Arizona, 1870: Trapper Tom Jeffords (James Stewart) will zwischen Apachen und Weißen, die die Apachen mit der Hilfe des Militärs ausrotten wollen, vermitteln. Außerdem ist er in die Apachin Sonseeahrey (Debra Paget) verliebt.

Western-Klassiker, der als einer der ersten Western Indianer nicht als eine Horde wilder Bösewichter, sondern als Menschen zeigte.

Delmer Daves sagte 1965 über seinen auf Tatsachen basierenden Western: „Gott, weiß, dass die doch sehr simplen Wahrheiten, die in dem Film gesagt werden, damals als extreme Anschten galten. Ich glaube auch, dass ich die junge Indianerin wieder sterben lassen würde. Dieser Tod ist ein Symbol des Preises, den der Friede kostet, und er dramatisiert die Abscheulichkeit des Hasses, damals wie heute. Soviel zum Inhalt. Im übrigen glaube ich, dass es nicht richtig war, dass ich daraus einen lyrischen, poetischen Film machen wollte. Hätte ich ihn noch einmal zu drehen, so würde ich mich um mehr Realismus in den Szenen, Dialogen und im Dekor bemühen.“

mit James Stewart, Jeff Chandler, Debra Paget, Basil Ruysdael, Will Geer, Arthur Hunnicutt

Wiederholung: Dienstag, 23. März, 13.50 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der gebrochene Pfeil“

Wikipedia über „Der gebrochene Pfeil“ (deutsch, englisch)

Mein Besprechung von Delmer Daves‘ „Der letzte Wagen“ (The last wagon, USA 1956)


TV-Tipp für den 21. März: Tarantula

März 20, 2021

3sat, 23.10

Tarantula (Tarantula, USA 1955)

Regie: Jack Arnold

Drehbuch: Robert M. Fresco, Martin Berkeley

In der Wüste experimentiert ein Biochemiker an einer Formel, die das Welthungerproblem lösen soll. Als es im Labor zu einem Unfall kommt, entkommt eine riesige, immer größer und gefräsiger werdende Tarantel.

Fünfziger-Jahre-Monster-Heuler, der inzwischen als Klassiker gilt.

mit John Agar, Mara Corday, Leo G. Carroll, Nestor Paiva, Ross Elliott, Clint Eastwood (Kurzauftritt am Filmende als die Welt rettender Armee-Pilot)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Tarantula“

Wikipedia über „Tarantula“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 20. März: Tatort: Reifezeugnis

März 19, 2021

Nachträglich: Alles Gute zum Geburtstag, Wolfgang Petersen!

NDR, 21.55

Tatort: Reifezeugnis (Deutschland 1977)

Regie: Wolfgang Petersen

Drehbuch: Herbert Lichtenfeld

Gymnisiastin Sina hat ein Verhältnis mit ihrem Lehrer Fichte. Als ein Klassenkamerad davon erfährt, erpresst er sie. Sie erschlägt ihn und Kommissar Finke hat einen neuen Fall.

Die Kommissar-Finke-Tatorte von Herbert Lichtenfeld und Wolfgang Petersen erstellten in der ersten Hälfte der Siebziger eine Ethnographie der norddeutschen Provinz. Sie gehören zu den zeitlosen Tatorten, die den legendären Ruf der Reihe begründeten und auch heute noch besser als die meisten aktuellen Tatorte sind. Ihre sechste und letzte Zusammenarbeit (Lichtenfeld schrieb noch einen weiteren Finke-Tatort) ist ein spannender Psychothriller, der sich in erster Linie für die Motive von Tätern und Opfern interessiert.

Der Klassiker „Reifezeugnis“ „stellt die Lüge eines gesicherten, konfliktfreien Lebens einmal nicht durch gesellschaftliche Verhältnisse, sondern durch die Größe einer Emotion in Frage, für die im antiautoritären Lebensentwurf nicht so leicht ein Platz zu finden ist. (…)

Über sieben Jahre hinweg entwickelte die Finke-Reihe, die Lichtenfeld und Petersen als junges Team begonnen hatten, eine erstaunliche inhaltliche, aber auch formale Kontinuität. Einen nicht geringen Anteil daran hat die Musik von Nils Sustrate (…) Vor allem aber natürlich Klaus Schwarzkopf, dessen zurückhaltendes, stilles und äußerst präzises Spiel die Grundlage bietet, auf der sich die Geschichten entfalten können und damit auch die beeindruckende Star-Galerie, die darin agiert.“ (Wolfgang Struck: Kommissar Finke und die Ethnographie der Provinz, in Eike Wenzel, Hrsg.: Tatort, 2000)

Nastassja Kinski wurde mit ihrer ersten Hauptrolle als Mörderin zum Star. Danach drehte sie „Tess“, „Cat People“, „One from the heart“ und „Paris,Texas“.

mit Klaus Schwarzkopf, Rüdiger Kirchstein, Nastassja Kinski, Christian Quadflieg, Judy Winter, Marcus Boysen

Hinweise

Wikipedia über „Reifezeugnis“

Tatort-Fundus über die Finke-Tatorte

Tagespiegel: Joachim Huber über den Tatort (22. März 2017)


Michael Kraske erklärt „Tatworte“

März 19, 2021

Das ist jetzt wieder eines meiner Klobücher. Nicht wegen des Inhalts. Sondern weil es sich um kurze Texte handelt, meistens so um die zwei Seiten, und man sie nicht wirklich in einem Rutsch lesen kann und soll. Schließlich liest auch kein Mensch eine Sammlung von Max-Goldt-Kolumnen in einem Rutsch durch.

Witzig sind die von Michael Kraske geschriebenen Texte allerdings nicht. Der Journalist nimmt sich in seinem neuen Sachbuch „Tatworte – Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen“ einschlägige Aussagen von hochrangigen AfD-Politikern, wie Alexander Gauland, Björn Höcke un Andreas Kalbitz, und prominenten Sprechern aus dem Pegida- und verschwörungstheoretischem Umfeld, wie Michael Ballweg (Querdenken 711), Attila Hildman, Lutz Bachmann und Tatjana Festerling (beide Pegida), vor. In kurzen Texten erklärt Kraske, warum deren Aussagen menschen- und demokratieverachtend sind, warum sie rassistisch, faschistisch und nationalistisch sind.

Die Texte sind thematisch etwas sortiert in die Kapitel „Verrohung der politischen Kultur und offener Hass“, „Rassistische Feindbilder, Anti-Islam und Antisemitismus“, „Die Revision deutscher Geschichte“, „Zwischen rechter Verschwörungsideologie und völkischem Denken“, „NS-Sprache reloaded“ und „Ermächtigungsphantasien und unverhohlene Drohungen“. In „Bürgerlicher Rassimus und populistische Trittbrettfahrer“ analysiert Kraske dann Statements von Markus Söder, Alexander Dobrindt, Horst Seehofer, Andreas Scheuer (als die CSU versuchte, die AfD rechts zu überhohlen), Christian Lindner (FDP), Thilo Sarrazin (SPD) und Hans-Georg Maaßen (CDU, die beide von ihrer vorherigen Karriere profitieren) . Beim Lesen dieser Zitate, die damals für heftige Diskussionen sorgten, fällt auf, wie sehr die AfD und ihr Umfeld in den vergangenen Jahren den Diskurs verschoben haben. Im Vergleich zu den oft vulgären AfD-Aussagen („Entsiffung des Kulturbetriebs“, „Altparteien-Diarrhö“, „Messermänner“, „Bevölkerungsaustausch“) wirken sie harmlos.

Die kommentierte Zusammenstellung der meistens sattsam bekannten Zitate liest sich wie die handliche Kurzfassung des tausendseitigen, aus öffentlich zugänglichem Material zusammengestellten Dossiers des Verfassungsschutzes zur Beobachtung der Partei. Kraskes Buch ist deutlich kürzer, konzentriert sich auf die bekannten Fälle (was kein Nachteil ist, denn es sind Äußerungen von Meinungsführern in der Partei) und ist pointierter. Im Gegensatz zu einem amtlichen Bericht kann Kraske Aussagen einordnen und dabei auch pointiert zuspitzen. Er zeigt auch, dass einige sich nach außen harmlos gebende AfDler, wie Alexander Gauland und Alice Weidel, sich nicht vom rechten AfD-Flügel unterscheiden. Sie formulieren es nur manchmal etwas netter und, und das ist der Hauptunterschied, sie geben sich eine honorig-bürgerliche Fassade. Gauland mit seiner langjährigen CDU-Mitgliedschaft und Herausgeberschaft der „Märkischen Allgemeinen“; Weidel mit ihrer Karriere bei Allianz Global Investors. Jörg Meuthen mit seiner Professur. Andere Mitglieder tragen ihre frühere Arbeit in der Bundeswehr, der Polizei und der Justiz wie eine gegen jegliche Kritik immunisierende Monstranz vor sich her.

Und sie meinen, was sie sagen. Ihre manchmal, immer unwillig und nach vielen abstrusen Ausflüchten erfolgten Entschuldigungen können wir getrost ignorieren. Schließlich muss ein Politiker klar sagen, was er will. Wenn er dann öfter missverstanden wird, liegt die Schuld nicht beim Publikum, sondern beim Sprecher, der sich nicht klar ausdrücken kann. Und sie haben diese Gedanken öfter wiederholt. Of vor einem mit den einschlägigen Codes vertrautem Publikum. Daher meinen sie genau das, was sie sagen, was darunter verstanden wird und was Michael Kraske klar in „Tatworte“ analysiert.

Deshalt ist „Tatworte“ eine lohnenswerte Lektüre voller teils schon vergessener Äußerungen. Krakse erklärt die oft nur innerhalb der Szene bekannten Bedeutungen einzelner Worte und Gedanken. Er zeigt gleichzeitig, warum die AfD eine rechtsextreme, verfassungsfeindliche Partei ist.

Weil auf ein Glossar und eine Auflistung der Zitate und der Zitatgeber verzichtet wurde, ist „Tatworte“ kein Arbeits- und Nachschlagewerk. Aber auf dem Klo…

Michael Kraske: Tatworte – Denn AfD & Co. meinen, was sie sagen

Ullstein, 2021

160 Seiten

14 Euro

Hinweise

Michael Kraske beim Mediendienst Ost

Michael Kraske twittert

Ullstein über Michael Kraske

Meine Besprechung von Michael Kraskes „Der Riss“ (2020)


TV-Tipp für den 19. März: Drei Rivalen

März 18, 2021

BR, 22.35

Drei Rivalen (The Tall Men, USA 1955)

Regie: Raoul Walsh

Drehbuch: Sidney Boehm, Frank Nugent

LV: Clay Fisher: The Tall Men, 1954 (Reprint unter dem Autorennamen „Will Henry“, einem anderen Pseudonym von Henry Wilson Allen)

Viehbaron Nathan Stark (Robert Ryan) bietet den Banditenbrüdern Ben Allison (Clark Gable) und Clint (Cameron Mitchell) einen Job an. Sie sollen ihm bei einem Viehtrieb von 4000 Rindern von Texas nach Montana helfen. Zu der Männergruppe stößt Nella Turner (Jane Russell), die für weitere Verwicklungen bei dem gefährlichen Viehtrieb sorgt.

Drei Rivalen“ ist ein Western-Abenteuer, in dem Hollywood zeigt, was damals das Fernsehen nicht leisten konnte und heute vielen Filmen fehlt: die entspannte Erzählweise, die den Schauspielern Zeit gibt, sich zu entfalten, die Bilder der majestätischen Landschaft, natürlich in Farbe und Cinemascope, die vielen Statisten, die gigantische Rinderherde, die langsam vor der Kamera vorbeizieht. Da wurden nicht einfach noch einige Tiere per Computer eingefügt, sondern einfach so viele Tiere durchgefüttert, bis das Bild voll war.

‚The Tall Men‘ ist der beste von drei Western, die Walsh mit Clark Gable gemacht hat (…) und war verdientermaen einer der erfolgreichsten Groß-Western der mittfünfziger Jahre.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)

mit Clark Gable, Jane Russell, Robert Ryan, Cameron Mitchell, Juan Garcia, Harry Shannon

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Drei Rivalen“

Wikipedia über „Drei Rivalen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Raoul Walshs „Der große Treck“ (The big Trail, USA 1930)

Meine Besprechung von Raoul Walshs “Drei Rivalen” (The Tall Men, USA 1955)

Raoul Walsh in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. März: Ich und Du

März 17, 2021

WDR, 23.30

Ich und Du (Io e te, Italien 2012)

Regie: Bernardo Bertolucci

Drehbuch: Niccolò Ammaniti, Umberto Contarello, Francesca Marciano, Bernardo Bertolucci

LV: Niccolò Ammaniti: Io e te, 2010 (Du und ich)

Während seine Klassenkameraden in den Urlaub fahren, verkriecht sich ein schüchterner 14-jähriger im Keller des Hauses. Dort trifft er seine drogensüchtige Halbschwester.

Der letzte Spielfilm von Bernardo Bertolucci („Der letzte Tango in Paris“, „1900“, „Der letzte Kaiser“, „Himmel über der Wüste“, „Little Buddha“, „Die Träumer“).

Ein im besten Sinn aus der Zeit gefallener Film (…) Virtuos verwandelt Bernardo Bertolucci das Kellergewölbe eines italienischen Mehrfamilienhauses mit sanft-poetischen Kinobildern in eine surreale Seelenlandschaft.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Jacopo Olmo Antinori, Tea Falco, Sonia Bergamasco, Veronica Lazar, Tommaso Ragno, Pippo Delbono

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ich und Du“

Wikipedia über „Ich und Du“ (deutsch, englisch)


Horst Eckert empfindet „Die Stunde der Wut“

März 17, 2021

Horst Eckert schrieb seinen neuen Roman zwar während der Coronavirus-Pandemie, aber in seinem Roman spielt sie keine Rolle. Und das ist kein Problem. Denn vieles in unserem Alltag läuft ungestört weiter, es wäre dumm ständig darauf hinzuweisen, dass die Ermittler dauernd ihre Masken auf- und absetzen (es wird ja auch nicht verraten, was sie anziehen und, wenn sie einen Tatort betreten, wird vorher auch nicht detailliert beschrieben, welche Schutzkleidung sie wie anziehen. Oft wird noch nicht einmal erwähnt, dass sie vorher die Schutzkleidung anzogen haben.) und, das ist der wichtigste Punkt, in „Die Stunde der Wut“ geht es um andere Dinge. Vor allem um Mietwucher, Entmietungen, Drogenhandel, Korruption, rechtsextreme Umtriebe und einen darin involvierten Verfassungsschutz.

Alles beginnt mit einem Notruf. In einer Wohnung wurde eine junge Frau lebensgefährlich verletzt. Kurz darauf ist Klara Dorau tot. Ihr Freund Miran Alver ist spurlos verschwunden. Der aus Eckerts vorherigen Romanen bekannte Kriminalhauptkommissar Vincent Veih, Leiter des Kommissariat 11 der Polizei Düsseldorf, nimmt die Ermittlungen auf.

Zur gleichen Zeit sucht Melia Adan (aka Melia Khalid), Ex-Verfassungsschutz und jetzt Vorgesetzte von Vincent Veih, immer noch nach Solveig Fischer. Fischer arbeitete ebenfalls beim Verfassungsschutz. Sie wurde in Horst Eckerts vorherigem Roman „Im Namen der Lüge“ erschossen. Bis jetzt wurde ihre Leiche nicht gefunden. Die Suche auf dem Gelände eines ehemaligen Nazi-Schulungszentrums, das in „Im Namen der Lüge“ ein wichtiger Handlungsort war, verlief ergebnislos. Trotzdem muss man zum Verständnis von „Die Stunde der Wut“ „Im Namen der Lüge“ nicht gelesen haben.

Während ihrer Ermittlungen entdecken Veih und Adan, wie man es von Eckert kennt, Verbindungen zwischen den Fällen. Die Ermittlungen im Fall Dorau nehmen schnell ungeahnte Ausmaße an. Es gibt einige korrupte Polizisten und mehr soll nicht verraten werden.

Selbstverständlich gibt es viele kurze Auftritte von Figuren, die aus Eckerts vorherigen Romanen bekannt sind. Nur das Boulevardblatt „Blitz“ und der inzwischen zum Herausgeber aufgestiegene Lokalreporter Alex Vogel sind dieses Mal nicht dabei.

Die Geschichte selbst ist ein wahrer Pageturner. In kurzen Szenen und souverän zwischen über einem halben Dutzend Handlungssträngen wechselnd wird die Geschichte vorangetrieben. Dabei bleibt sie immer nah an der Wirklichkeit, den aktuellen Problemen und den aktuellen Schlagzeilen.

Die Stunde der Wurt“ ist ein weiterer grandioser Hardboiled-Polizeithriller von Horst Eckert. Eine unbedingte Leseempfehlung; – gegeben von einem Horst-Eckert-Gesamtleser.

Aktuell schreibt Eckert an einem weiteren Roman mit Melia Adan und Vincent Veih. Bei seinem aktuellen Schreibtempo könnte er nächstes Frühjahr erscheinen.

Horst Eckert: Die Stunde der Wut

Heyne, 2021

448 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“ (2005)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ (2007)

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft” (2009)

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ (2010)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“ (2011)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzlicht“ (2013)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schattenboxer“ (2015)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Wolfsspinne“ (2016)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Im Namen der Lüge“ (2020)


TV-Tipp für den 17. März: Heilen um jeden Preis

März 16, 2021

Arte, 21.50

Heilen um jeden Preis (Frankreich 2020)

Regie: Ilan Klipper

Beeindruckende, beobachtende einstündige Doku über die Arbeit auf der Intensivstation der Pariser Klinik Bichat während der ersten Wochen der Coronavirus-Pandemie.

Heilen um jeden Preis“ ist das französische Gegenstück zu der am Montagabend im Ersten gezeigten RBB-Doku „Auf der Corona-Intensivstation der Charité“ (Mediathek).

Hinweis

Arte über die Doku (online bis 13. Juni 2021)


Cover der Woche

März 16, 2021


DVD-Kritik: Über das Antifa-Drama „Und morgen die ganze Welt“

März 16, 2021

In Mannheim an der Uni studiert Luisa im ersten Semester Jura. In ihrer Freizeit hält sich die Tochter aus einem bürgerlichem Haus in einem alternativen Wohnprojekt auf, bewirbt sich dort auch um einem Schlafplatz und sie kämpft gegen Nazis. Das hat sie schon in der Schule gemacht mit Batte, ihrer besten Freundin, die jetzt im Projekt ihre Fürsprecherin ist. Gleich bei der ersten Aktion des Hauses, bei der Luisa dabei ist, einem farbigen Protest gegen eine Wahlkampfveranstaltung einer rechten Partei, kann sie das Handy eines Nazis einstecken. Mit dieser Aktion und weil auf dem Handy wichtige Informationen sind, verdient sie sich den Respekt von Alfa, einem charismatischem Jungen mit Outlaw-Attitüde, und Lenor, seinem sich lieber planend im Hintergrund aufhaltendem Kumpel. Durch das Handy erfahren sie, wo eine alte Größe der Nazi-Szene, die sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, aber im Hintergrund immer noch aktiv ist, wohnt.

Das Polit-Drama „Und morgen die ganze Welt“, der neue Film von Julia von Heinz („Hanas Reise“, „Ich bin dann mal weg“), hatte bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig seine Weltpremiere und lief Ende Oktober wenige Tage in den Kinos, bevor sie pandemiebedingt in den immer noch andauernden Winterschlaf geschickt wurden. Er war die erfolglose deutsche Einreichung für die diesjährigen Oscars und erschien jetzt auf DVD und Blu-ray.

Julia von Heinz inszenierte den Film nach einem von ihr und ihrem Mann John Quester geschriebenem Drehbuch. Für sie ist der Film ein langgehegtes persönliches Projekt. Von Heinz und Quester lernten sich in ihren Zwanzigern kennen, als sie sich in politisch linken Kreisen und der Antifa engagierten. Die ersten Ideen für den Film entstanden. In den vergangenen zwanzig Jahren veränderte sich das Projekt immer wieder. Einmal sollte die Geschichte in den Neunzigern spielen. Später sollte es ein Dokumentarfilm mit Antifa-Veteranen, die auf ihre aktive Zeit zurückblicken, werden. Der Kern der Geschichte habe sich dabei nicht verändert. Es gehe, so von Heinz, damals und heute um „eine junge Frau, die in die linke Szene eintaucht und dort vor die Frage gestellt wird, ob Gewalt ein politisches Mittel sein kann oder sogar muss in bestimmten zugespitzten gesellschaftlichen Zuständen“.

Gerahmt wird die Filmgeschichte durch den prominent platzierten Hinweis am Filmanfang und -ende auf den Widerstandsparagraphen des Grundgesetzes. Im Film, in einem Jura-Seminar, wird er ebenfalls angesprochen. Der Paragraph gibt allen Deutschen das Recht zum Widerstand gegen Bestrebungen, die freiheitlich-demokratische Ordnung der Bundesrepublik abzuschaffen. Dieses Recht kann angewandt werden, wenn es keine andere Möglichkeit zum Schutz unseres Staates mehr gibt und es richtet sich selbstverständlich primär gegen eine Regierung, die die Verfassung abschaffen will.

Luisa und ihre Freunde kämpfen im Film allerdings nicht gegen den Staat, sondern gegen Nazis, die die parlamentarische Demokratie abschaffen wollen. Dabei verstoßen sie zunehmend gegen Gesetze. Zuerst sind es Ordnungswidrigkeiten, dann Schlägereien, Einbrüche und Diebstähle. Und Luisa radikalisiert sich. Allerdings, und das ist die große Schwäche, des Films bleibt der Grund für ihre Radikalisierung rätselhaft. Sie macht im Lauf des Films keine Wandlung durch, die eine Abkehr vom friedlichen zum gewaltbereiten Protest erklären könnte. Sie steht vor keinem Konflikt, der sie zu einer Entscheidung zwingt. Sie muss auch nicht gegen Widerstände kämpfen. Sie könnte das Eintauchen in die Antifa-Szene jederzeit als Lifestyle-Experiment abtun. Sie bleibt ein selbstgerechtes Enigma und eine Leerstelle in dem Film.

Die anderen Figuren des Films – Alfa, Lenor, ihre beste Freundin Batte und der Ex-Terrorist Dietmar – haben dagegen alle einen erzählerischen Bogen. Sie haben erkennbare Gewissenskonflikte und müssen sich entscheiden. Sie machen eine Wandlung durch. Sie entwickeln sich. Ein bisschen.

Die Filmgeschichte selbst geht nicht weiter auf die links- und rechtsextreme Ideologie ein, sondern setzt sie, in der Tradition der unsinnigen Hufeisentheorie, gleich. Beide Gruppen stehen sich als Gegner gebenüber. Warum und für welche Ziele sie kämpfen ist egal. Gewalt wenden beide Gruppen an.

Die Gewalt, die wir im Film sehen, geht immer von den Antifaschisten aus. Sogar als, am Filmanfang, ein Nazi Luisa verfolgt, überwältigt und brutal mit eindeutigen Handgriffen durchsucht, sind die Handlungen des Nazis eine Reaktion auf Luisas Diebstahl von seinem Telefon. Diese Szene, die man heranziehen könnte für Luisas Radikalisierung, wird später im Film nicht mehr erwähnt. Entsprechend unwichtig ist sie als Erklärung für ihre Radikalisierung. Sie ist allerdings wichtig für die Filmgeschichte. Sie markiert den Beginn ihrer Freundschaft zu Alfa, der sie vor dem Nazi rettet, indem er ihn mit einer Eisenstange zusammenschlägt, und Lenor.

Dadurch geschehen die Aktionen der Antifa in einem seltsam luftleeren Raum. Es gibt keine im Film erkennbare Ursache und Rechtfertigung; außer der Selbstermächtigung, auf der Seite der Guten zu stehen. Schließlich bedrohen die Faschisten den Staat und der Staat tut nichts gegen sie.

Diese Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus und dass nur die Linken gewalttätig sind, raubt dem Film viel von seiner Kraft. Sie sind auch erstaunlich. Denn im Pressematerial betonen alle, wie links sie sind, ihre Antifa-Vergangenheit und wie sehr sie vor dem Rechtsextremismus warnen wollen. Auf den ersten Blick, immerhin liegen unsere Sympathien sofort bei der Protagonistin und ihren Freunden, erzählt „Und morgen die ganze Welt“ das. Es ist an der Oberfläche ein kraftvolles und mitreisendes Drama, das auf der Seite der Antifa steht und für sie und ihr gerechtfertigtes Anliegen Partei ergreift.

Auf den zweiten Blick, wenn man sich die Filmgeschichte genauer ansieht, ist es dann anders. Aus dem Aufruf zum Kampf gegen Nazis wird ein Film, der eben diesen Kampf delegitimiert.

Unklar ist allerdings der Grund dafür. Ich befürchte fast, dass Julia von Heinz dies nicht auffiel, weil sie einen authentischen Blick in eine Gruppe wirft, die sie aus eigener Erfahrung kennt und mit der sie sympathisiert. Sie bleibt immer dicht bei ihren Figuren. Die unruhige Handkamera begleitet Luisa ständig. Alles wird wird aus ihrer Sicht erzählt. Sie ist nur mit Gleichgesinnten zusammen. Sie sind sich in ihrer Weltsicht einig. Nur bei den Methoden, um ihre Ziele durchzusetzen, unterscheiden sie sich etwas. Auf die üblichen Erklärungen und platten Psychologisierungen wird verzichtet.

So ist „Und morgen die ganze Welt“ ein Film, der bei all seinen Mängeln und der störenden Kamera (für meinen Geschmack wird zu viel mit der Handkamera gearbeitet, die Kamera ist immer etwas zu nah an den Gesichtern und die Farben sind zu blass) zum Diskutieren einlädt. Vor allem natürlich über die Frage, welche Mittel gegen politische Gegner erlaubt sind. Demonstrationen und Flugblätter? Spaß-Aktionen, wie ins Gesicht geworfene Torten? Gewalt gegen Sachen? Einbrüche? Oder sogar ein hinterhältiger Mord?

Die DVD enthält als Bonusmaterial eine Hörfilmfassung und jeweils fünfminütige Interviews mit Julia von Heinz und Hauptdarstellerin Mala Emde.

Und morgen die ganze Welt (Deutschland 2020)

Regie: Julia von Heinz

Drehbuch: Julia von Heinz, John Quester

mit Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Luisa Céline-Gaffron, Andreas Lust

DVD

Alamode Film

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DD 5.1) (Hörfilmfassung DD 2.0)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Interviews mit Julia von Heinz und Mala Emde, Trailer, Wendecover

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Und morgen die ganze Welt“

Moviepilot über „Und morgen die ganze Welt“

Rotten Tomatoes über „Und morgen die ganze Welt“

Wikipedia über „Und morgen die ganze Welt“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Julia von Heinz‘ „Hannas Reise“ (Deutschland/Israel 2013)


TV-Tipp für den 16. März: Butch Cassidy and the Sundance Kid

März 15, 2021

Servus TV, 22.10

Butch Cassidy und Sundance Kid (Butch Cassidy and Sundance Kid, USA 1969)

Regie: George Roy Hill

Drehbuch: William Goldman

In Wirklichkeit waren Butch Cassidy und Sundance Kid zwei Verbrecher, die zu Legenden wurden, und deren Leben öfters verfilmt wurde. Am erfolgreichsten von George Roy Hill, nach einem Drehbuch von William Goldman, der damit in die Topliga der Drehbuchautoren aufstieg, und mit Paul Newman als Butch Cassidy und Robert Redford als Sundance Kid. Der eine war damals schon ein Star, der andere danach.

In „Butch Cassidy und Sundance Kid“ erzählen sie das Leben der beiden Verbrecher in einem locker-flockigen Stil, bei dem die beiden einfach nette Jungs sind, die gegen die Autoritäten kämpfen, Züge und Banken überfallen, immer ihren Spaß haben und die besten Freunde sind.

Der Film war ein Kinohit. 1973 trafen sich George Roy Hill, Paul Newman und Robert Redford wieder für die ebenfalls sehr erfolgreiche Gaunerkomödie „Der Clou“ (The Sting, USA 1973), die mir nicht so gefällt. William Goldman erhielt für „Butch Cassidy und Sundance Kid“ einen Drehbuchoscar und schrieb in den nächsten Jahren die Drehbücher für „Vier schräge Vögel/Zwei dufte Typen“ (The hot rock, USA 1972), „Die Frauen von Stepford“ (The Stepford Wives, USA 1975), „Tollkühne Flieger“ (The great Waldo Pepper, USA 1975, ein schöner, unterschätzter Film mit Robert Redford), „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men, USA 1976, für den er seinen zweiten Drehbuchoscar erhielt) und „Der Marathon-Mann“ (Marathon Man, USA 1976, nach seinem Roman).

mit Robert Redford, Paul Newman, Katherine Ross, Strother Martin, Henry Jones, Jeff Corey

Wiederholung: Mittwoch, 17. März, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Butch Cassidy und Sundance Kid“

Wikipedia über „Butch Cassidy und Sundance Kid“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Roy Hills „Butch Cassidy und Sundance Kid“ (Butch Cassidy and Sundance Kid, USA 1969)


TV-Tipp für den 15. März: Rififi

März 14, 2021

Arte, 20.15

Rififi (Du rififi chez les hommes, Frankreich 1954)

Regie: Jules Dassin

Drehbuch: René Wheeler, Jules Dassin, Auguste le Breton

LV: Auguste le Breton: Du rififi chez les hommes, 1953

Kaum draußen aus dem Gefängnis plant Toni zusammen mit seinen Freunden Jo und Mario den Einbruch in ein Juweliergeschäft. Der Einbruch gelingt. Dann kommt ihnen eine rivalisierende Bande auf die Spur.

Mit „Rififi“ begründete Dassin das Caper-Movie: ein Film, bei dem die Planung und Durchführung eines Einbruches mit Mittelpunkt steht. „Dassins Film wirkt ein wenig wie die Synthese aus seinen eigenen realistischen Kriminalfilmen aus Hollywood, das er der antikommunistischten Hexenjagden McCarthys wegen hatte verlassen müssen, und den französischen Filmen aus der Tradition des Poetischen Realismus. Dabei potenziert sich der Pessimismus so sehr wie die Stilisierung: In einer halbstündigen Sequenz, in der der technische Vorgang des Einbruchs gezeigt wird, gibt es weder Dialoge noch Musikuntermalung. Die technische Präzision, die fast ein wenig feierlich zelebriert wird und in der die Männer ganz offensichtlich ihre persönliche Erfüllung finden, mehr als in der Freude über die Beute, steht dabei im Gegensatz zu ihrem fast ein wenig melancholischen Wesen.“ (Georg Seeßlen)

Mit Jean Servais, Carl Möhner, Robert Manuel, Robert Hossein, Perlo Vita (Pseudonym von Dassin)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Rififi

Wikipedia über „Rififi“ (deutsch, englisch)

Noir of the Week über „Rififi“

Criterion Confessions (James S. Rich) über Jules Dassin und „Rififi“

Kriminalakte: R. i. P. Jules Dassin


TV-Tipp für den 14. März: Die Verführten

März 13, 2021

Arte, 20.15

Die Verführten (The Beguiled, USA 2017)

Regie: Sofia Coppola

Drehbuch: Sofia Coppola (nach dem Roman von Thomas Cullinan und dem Drehbuch von Albert Maltz und Grimes Grice)

LV: Thomas Cullinan: A Painted Devil. 1966 (später „The Beguiled“)

Der schwer verletztem Nordstaaten-Offizier John McBurney wird während des Bürgerkriegs im Feindesland von Miss Martha Farnsworth aufgenommen und gepflegt. Sie leitet ein einsam gelegenes Mädcheninternat. Die Mädchen schwarwenzeln um ihn herum. Und er beginnt sie und ihre erwachenden sexuellen Gefühle auszunutzen.

TV-Premiere. Sehenswertes Southern-Gothic-Historiendrama, das auf einem Roman basiert, die bereits 1971 von Don Siegel mit Clint Eastwood als McBurney verfilmt wurde.

Coppolas Version lässt die Mädchen ungehemmt für den schicken Soldaten schwärmen und ist wirklch exquisit gefilmt.

mit Colin Farrell, Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning, Oona Laurence, Angourie Rice, Addison Riecke, Emma Howard

Wiederholung: Montag, 15. März, 13.45 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Verführten“

Wikipedia über „Die Verführten“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 13. März: Lawless – Die Gesetzlosen

März 12, 2021

Servus TV, 22.05

Lawless – Die Gesetzlosen (Lawless, USA 2012)

Regie: John Hillcoat

Drehbuch: Nick Cave

LV: Matt Bondurant: The wettest County in the World, 2008

Franklin County, Virginia, während der Prohibition: Die Bondurant-Brüder sind Schnapsbrenner und mit sich und der Welt im Reinen. Bis der skrupellose und psychopathische Bundesagent Charlie Rakes die Schnapsbrenner und alle die in das Geschäft verwickelt sind, vernichten will.

Feiner, auf Tatsachen basierender Prohibitions-Gangsterfilm; – mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Shia LaBeouf, Tom Hardy, Jason Clarke, Guy Pearce, Jessica Chastain, Mia Wasikowska, Dane DeHaan, Chris McGarry, Tim Tolin, Gary Oldman, Lew Temple, Marcus Hester, Bill Camp

Wiederholung: Sonntag, 14. März, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Lawless“

Rotten Tomatoes über „Lawless“

Wikipedia über „Lawless“ (deutsch, englisch)

Süddeutsche Zeitung: Interview mit John Hillcoat (27. März 2013)

Meine Besprechung von John Hillcoats Cormac-McCarthy-Verfilmung „The Road“ (The Road, USA 2009)

Meine Besprechung von John Hillcoats „Lawless – Die Gesetzlosen (Lawless, USA 2012)

Meine Besprechung von John Hillcoats „Triple 9“ (Triple 9, USA 2016)