Nicht der Plot (eigentlich ein 08/15-Liebedrama: Leonard lebt, nach mehreren Selbstmordversuchen, wieder in seinem Jugendzimmer. Seine Eltern wollen ihn mit Sandra verkuppeln. Aber er ist in Michelle verliebt.), sondern die Machart ist entscheidend. Und die stimmt bei „Two Lovers“.
Denn „Two Lovers“ ist wie Grays vorherige Filme „Little Odessa“, The Yards – Im Hinterhof der Macht“ und „Helden der Nacht“ hochkarätig besetztes Schauspielerkino ohne einen falschen Ton. Weder im Spiel, noch in der Kameraführung, dem Schnitt, der Ausstattung oder der Musikauswahl. Und keines dieser Elemente drängt in den Vordergrund. Sie alle dienen der Geschichte. Wieder einmal ist Grays Blick für die Details bemerkenswert. Teilweise fallen sie beim ersten Sehen nicht auf, aber alle zusammen machen die Geschichte glaubwürdig. Es sind Kleinigkeiten, wie die Fotowand in der Wohnung der Kraditors, Leonards Jugendzimmer, die kleinen Gesten und Blicke, die in Sekundenbruchteilen alles erklären und Entscheidungen, wie Joaquin Phoenix während eines Geständnisses mit dem Rücken zur Kamera spielen zu lassen, auf einen Schnitt zu verzichten, das Licht in einer besonderen Art zu setzen und eine – teilweise unsichtbare – Zeitlupe einzusetzen.
Die Wahrheit über unsere Ehe(La vérité sur Bébé Donge, Frankreich 1951)
Regie: Henri Decoin
Drehbuch: Maurice Aubergé
LV: Georges Simenon: Le vérité sur Bébé Donge, 1942 (Die Ehe der Bébé Donge, Die Wahrheit über Bébé Donge)
Als der Großindustrielle Francois Donge im Krankenhaus mit dem Tod ringt, fragt er sich, warum seine jüngere Frau Bébé ihn vergiftete.
Lief diese Simenon-Verfilmung überhaupt schon einmal im TV?
Angesichts der aktuellen Bekanntheit des Films gibt es heute also eine Entdeckung.
„Decoins Verfilmung des sehr spannenden und psychologisch ausgefeilten Romans von Georges Simenon erschüttert in ihrer konsequenten Mitleidlosigkeit und besticht durch den visuellen Ideenreichtum und die beiden hervorragenden Hauptdarsteller.“ (Lexikon des internationalen Films)
Im November 1952 war „Die Wahrheit über unsere Ehe“ der Film des Monats der Evangelischen Filmjury: „Der künstlerisch weit über dem Durchschnitt stehende Film verdient darum besondere Beachtung, weil er dieses Thema ehrlich und hart darstellt und deshalb erschüttert und zur Selbsterkenntnis aufruft.“
mit Jean Gabin, Danielle Darrieux, Claude Génia, Daniel Lecourtois
Die eigentliche Story – ein Irrer entführt Mädchen – bildet nur das Fundament für eine faszinierende schauspielerische Tour de Force für James McAvoy, der den Kidnapper spielt. In dem fiesen kleinen B-Thriller spielt er überzeugend acht absolut verschiedene Persönlichkeiten. Allein das macht den Psychothriller sehenswert.
Nach etlichen Misserfolgen hatte „The Sixth Sense“-Regisseur M. Night Shyamalan „Split“ wieder einen Hit. Nach dem Kinostart von „Split“ erklärte er, dass „Split“ der Mittelteil einer Trilogie sei, die mit „Unbreakable“ begann und 2019 mit „Glass“ nicht besonders überzeugend endete.
mit James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley, Haley Lu Richardson, Jessica Sula, Brad William Henke, Sebastian Arcelus, Neal Huff, Bruce Willis (Cameo am Ende)
Wiederholung: Montag, 15. April, 02.50 Uhr (Taggenau!)
Die frisch geschiedene Meg Altman entdeckt mitten in Manhattan ihr Traumhaus. In ihm ist sogar, letzter Schrei der Sicherheitsindustrie für ängstliche, stinkreiche Großstädter, ein Panic Room. In diesen sicheren Raum kann sich der Hausbesitzer während eines Einbruchs zurückziehen und abwarten bis die Polizei anrückt. Meg hält den Raum für überflüssig, aber als in der Nacht drei Einbrecher auftauchen, flüchtet sie mit ihrer Tochter in den Panic Room. Dummerweise wollen die Einbrecher die in diesem Zimmer versteckten Millionen des Vorbesitzers stehlen.
Das mag jetzt neu klingen, aber im Kern erzählt „Panic Room“ eine uralte, aus jedem zweiten Western bekannte Story. Tauschen Sie einfach den Panic Room gegen ein Fort oder eine Wagenburg; die Einbrecher gegen Indianer aus und Sie wissen genau, in welchem Moment die Kavallerie auftaucht. Oh, und in welchem Zustand das Haus ist.
David Koepp und David Fincher machen daraus einen spannenden Hightechthriller.
Oder sagen wir es mit den Worten von Georg Seeßlen: Panic Room „ist vor allem ein reduzierter, ebenso brillant konstruierter wie fotografierter Thriller, ein Kammerspiel des Terrors, das alle Elemente, die am Anfang eingeführt wurden, beständig transponiert, wendet und variiert. Insofern ist Panic Room ein Stück reiner Film-Komposition, in der Sujets, Objekte und Einstellungen die Rollen von Melodien, Takten und Tönen übernehmen (…). Und wie für eine musikalische Komposition, so gilt auch für Panic Room: Es kommt nicht allein auf die Erfindung einer Melodie an, sondern auch darauf, was ein Interpret mit ihr anzustellen weiß.“ (in Frank Schnelle [Hrsg.]: David Fincher)
Mit Jodie Foster, Kristen Stewart, Forest Whitaker, Dwight Yoakam, Jared Leto, Patrick Bauchau, Andrew Kevin Walker (der „Se7en“-Drehbuchautor spielt den verschlafenen Nachbarn)
Apocalypse Now Redux (USA 1979, Regie: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola
LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)
Während des Vietnamkrieges soll Captain Willard (Martin Sheen) Colonel Kurtz (Marlon Brando), der im Dschungel sein Reich errichtete, suchen und töten.
mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham
Beginnen wir mit der großen Frage: wie schlägt sich der neue Hellboy-Darsteller? Ron Perlman, der Hellboy in zwei kultisch verehrten Filmen wahrlich verkörperte, ist für viele Hellboy. Für sie kann es keinen anderen geben. So wie die ganz alten James-Bond-Fans immer noch Sean Connery für den einzig wahren 007 halten. Die ersten Bilder und Trailer scheinen ihnen recht zu geben.
Im Film verschwinden die Bedenken gegen „Stranger Things“-Star David Harbour schnell. Das liegt auch daran, dass die Macher sich keine zwei Sekunden damit aufhalten, den Schauspielerwechsel zu erklären oder zu erzählen, wie Hellboy Hellboy wurde.
„Hellboy – Call of Darkness“ beginnt mitten in der Geschichte. In Tijuana soll Hellboy einen vermissten Kollegen finden und zurückholen. Er findet ihn bei einem Wrestling-Kampf und, weil der Kollege nicht freiwilig mitkommen will, muss Hellboy sich mit ihm im Ring kloppen. Die die engen Grenzen des Rings überschreitende, alle Regeln brechende Schlägerei geht viral – und ab da, eigentlich schon ab dem ersten Moment, als Harbour als Hellboy durch eine dunkle Gasse stampft, hatte ich keine Probleme mehr mit dem neuen Hellboy.
Neil Marshall („The Descent“, „Doomsday“) inszenierte seinen „Hellboy“-Film „Call of Darkness“ mit punkiger No-Nonsense-Attitüde mehr down to earth als Guillermo del Toro seine beiden „Hellboy“-Filme. Alles ist düsterer, der Humor robuster und die Schlägereien sind ebenfalls ziemlich robust. „Hellboy – Call of Darkness“ ist wie der Besuch in einem Pub mit viel Bier, Hausmannskost, derben Sprüchen, Abschweifungen und, Gott bewahre, einer Kneipenschlägerei.
Das vermittelt genau den rotzfrechen Spaß, den „Hellboy“-Erfinder Mike Mignola seit 1993 in seinen Comics vermittelt. Und jetzt ist ein guter Zeitpunkt, um zu erklären, wer Hellboy ist. Hellboy ist ein im zweiten Weltkrieg von den Nazis mit der Hilfe von Rasputin aus der Hölle zurückgeholtes Wesen. Als er in unsere Welt zurückkehrte, war er ein Baby mit Hörnern. Professor Trevor ‚Broom‘ Bruttenholm (Ian McShane) rettet das kleine Wesen aus der Hölle, während er und seine Kampfgefährten die Nazis und alle anderen höllischen Wesen töten. Anschließend erzieht Broom das Kind aus der Hölle. Hellboy wird, als muskelbepacktes Mannsbild mit Höllenschwanz, aber ohne Hörner (die hat er sich abgeschnitten und rasiert sie fast täglich nach), zu einem Kämpfer gegen andere Wesen aus der Hölle, Dämonen, Hexen und was es sonst noch so gibt an Monstern und unmenschlichen Bösewichtern. Dabei helfen ihm seine Freunde aus der B. U. A. P. (Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen, bzw. im Original B. P. R. D. – Bureau for Paranormal Research and Defense). Seine Kampfgefährten verfügen ebenfalls über besondere Fähigkeiten. Ihre Einsätze sollen unter dem Radar der Öffentlichkeit ablaufen. Hellboy gelingt das nicht immer.
In seinem neuen Kinoabenteuer (das lose auf dem neunten „Hellboy“-Sammelband „The Wild Hunt“ [Ruf der Finsternis] basiert) treten einige der aus den vorherigen beiden „Hellboy“-Filmen und den Comics bekannten Nebencharaktere nur kurz auf. Ihre Auftritte sind Cameos, während Hellboy fast im Alleingang gegen die Bluthexe Nimue (Milla Jovovich) kämpfen muss.
Nimue wurde, wie wir im Prolog des Films erfahren, 517 von König Artus getötet. Sie wurde zerstückelt und ihre Leiche in kleinen, versiegelten Truhen über das gesamte Königreich verteilt. Sie sollte auf Ewigkeiten zerstückelt bleiben. Denn wenn jemand ihre Einzelteile wieder zusammenfügt, kann die Hexe ihr Zerstörungswerk fortsetzen.
Noch bevor Nimue ihr Werk fortsetzen kann, wird Hellboy von Professor Broom nach England geschickt. Er soll dem Osiris-Club bei der Jagd nach Riesen helfen. Der Osiris-Club ist, salopp gesagt, das britische Pendant zur B. U. A. P..
Die Einladung zur Jagd ist eine Falle. Hellboy gelingt es, seine Häscher und die im Wald hausenden Riesen zu töten.
In London trifft er auf Alice Monaghan (Sasha Lane [„American Honey“]) und Ben Daimio (Daniel Dae Kim [„Hawaii Five-0“]), die ihm bei der Jagd nach Nimue und ihrem Gehilfen Gruagach helfen. Die übernatürlich begabte Alice lernte er vor Jahren kennen. Als Baby wurde sie von bösen Feen entführt und er sie rettete. Ben, der sich in einen Werjaguar (nicht Werwolf, aber so ähnlich) verwandeln kann, lernt er jetzt kennen.
Zu dritt ziehen sie in den Kampf gegen Nimue, die jetzt ihr vor Jahrhunderten begonnenes Werk beenden will. Und Hellboy erfährt dabei einige Dinge über seine Herkunft und Bestimmung, die ihm nicht gefallen.
So viel zu der nicht sonderlich wichtigen Story von „Call of Darkness“. Denn letztendlich ist der düstere Film eine herrliche mit One-Linern und Abschweifungen gesättigte Klopperei, in der es oft handfest und drastisch zur Sache geht – und David Harbour ist der Hellboy für eine neue Generation. Wie Roger Moore, Pierce Brosnan und Daniel Craig die neuen James Bonds für neue Generationen waren. Die kurzen Gastspiele von George Lazenby und Timothy Dalton (wobei der sich tapfer schlug) lassen wir mal weg.
P. S.: Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, David Harbour. Der war am 10. April.
Hellboy – Call of Darkness(Hellboy, USA 2019)
Regie: Neil Marshall
Drehbuch: Andrew Crosby
LV: „Hellboy“-Comics von Mike Mignola
mit David Harbour, Milla Jovovich, Ian McShane, Daniel Dae Kim, Sasha Lane, Thomas Haden Church, Brian Gleeson
Länge: 121 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Mehr Hellboy? Die brandneue literarische Ergänzung zum Film
Pünktlich zum Filmstart erscheint der dritte von Christopher Golden herausgegebene Sammelband mit Hellboy-Kurzgeschichten. Wieder sparsam illustriert von Hellboy-Erfinder Mike Mignola. Die brandneuen Geschichten (jedenfalls als „Oddest Jobs“ 2008 in den USA erschien) wurden von namhaften Autoren geschrieben:
Joe R. Lansdale: Mit Schatten und Drachen und langen schwarzen Zügen das Tanzbein schwingen
Mark Chadbourn: Pur, ohne alles
John Skipp & Cody Goodfellow: Zweite Flitterwochen
Ken Bruen: Danny Boy
Garth Nix: Merkwürdiger Angelausflug in den westlichen Highlands
Brian Keene: Salamander Blues
Tad Williams: Die Donnerstagsmänner
Amber Benson: Leckerbissen
Barbara Hambly: Rückeroberung
Gary A. Braunbeck: In Geschirrschränken und auf Bücherborden
Rhys Hughes: Die Flüsse des Skiron
Stephen Volk: Monster Boy
Don Winslow: Evolution im Hellhole Canyon
China Miéville: Ein eigenes Zimmer
Muss ich noch mehr sagen?
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Christopher Golden (Hrsg.): Hellboy: Leckerbissen
(illustriert von Mike Mignola) (übersetzt von Verena Hacker und Aimée de Bruyn Ouboter)
Zielfahnder – Flucht in die Karpaten (Deutschland 2016)
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Rolf Basedow
Die beiden LKA-Zielfahnder Hanna Landauer und Sven Schröder verfolgen den flüchtigen Gewaltverbrecher Liviu Caramitru bis nach Rumänien.
Mit gut zwei Stunden Laufzeit sprengt Dominik Graf dieses Mal locker das übliche Neunzig-Minuten-TV-Korsett. Mit seinem hohen Erzähltempo verlangt er den aufmerksamen Zuschauer, der sich aus ein, zwei Andeutungen eine ganze Geschichte zusammenreimen muss. Und mit dem ungewöhnlichen Schauplatz zeigt er uns eine fremde Welt, in der die Gesetze des „Tatort“ nicht mehr gelten.
Hochspannender, grandioser Thriller
mit Ulrike C. Tscharre, Ronald Zehrfeld, Arved Birnbaum, Axel Moustache, Dragos Bucur, Radu Binzaru, Anna Schäfer
Wie die Zeit vergeht. Nachdem die Berliner Literaturkritik (eigentlich müsste man sie irgendwie wiederbeleben) in den letzten Jahren inaktiv war, soll sie im Mai 2020 offline gehen.
Zeit also, mal in meinen alten Texten zu stöbern und einige der alten Besprechungen in der Kriminalakte abzulegen. Bevorzugt von Büchern, die immer noch gut erhältlich sind oder die wichtig sind oder aus irgendeinem anderen nichtigen Grund.
Zur heutigen TV-Premiere von „A most wanted man“ gibt es daher meine Besprechung von John le Carrés Roman:
Der dreiundzwanzigjährige muslimische Tschetschene Issa Karpow reist als Flüchtling über Stockholm in die Europäische Union ein. Sein Ziel ist Hamburg. Dort findet er bei einer gastfreundlichen türkischen Familie Unterschlupf. Issa möchte Arzt werden. Dafür nimmt er über die Fluchthafen-Anwältin Annabel Richter Kontakt mit dem schottischen Privatbankier Tommy Brue auf. Er soll ihm helfen. Denn Issa ist der Sohn eines verstorbenen russischen Mafiosi und er hat den Schlüssel zu einem Geldwäsche-Konto. Aber er will nicht das Geld, sondern Schutz.
Während Brue und Richter versuchen, Issa zur Annahme des Vermögens zu bewegen, werden sie vom deutschen Geheimdienst, unter der Leitung von Günther Bachmann, und einigen anderen, nicht immer unbedingt deutschen Organisationen, beobachtet. Denn für die Geheimdienste ist der mit einem internationalen Haftbefehl gesuchte Issa Karpow kein harmloser Flüchtling, sondern ein bereits mehrmals aus der Haft ausgebrochener gefährlicher Terrorist.
Dass ihre Beweise eher dünn sind und dass es immer wieder Indizien gibt, die auf die Harmlosigkeit von Issa Karpow hinweisen, stört die Geheimdienstler nicht. Denn der „Most wanted man“, so der Originaltitel, ist, wie alle Charaktere in dem Roman am Ende nur eine „Marionette“, der seine Rolle als Bauer in einem größeren Plan des deutschen Geheimdienstes, in Absprache mit befreundeten Geheimdiensten, spielen soll.
In „Marionetten“ schreibt John le Carré über die Geheimdienste nach dem 11. September und ist dabei wieder in der Welt, in der er sich am Besten auskennt. Während die Geheimdienste sich nach dem Ende des Kalten Krieges neu orientieren mussten, schrieb John le Carré mehrere Rückblicke auf den Kalten Krieg und wandte sich verschiedenen Themen, wie internationaler Waffenhandel, Medikamententests in Afrika und dem internationalen Finanzmarkt, zu. Beide wurden von dem Al-Kaida-Attentat am 11. September 2001 und dem damit verbundenen Aufstieg des islamistischen Terrorismus als internationalem Phänomen überrascht. Die westlichen Geheimdienste fanden schnell zu ihrem vertrauten Repertoire, Folter und Verschleppungen, mit einem anderen Gegner, zurück. Nur handelt der islamistische Terrorismus als Graswurzelbewegung nicht so vernünftig wie der sowjetische Geheimdienst. Es ist ein asymmetrischer Krieg.
Aber John le Carré schreibt nicht über die Unterschiede zwischen dem alten und dem neuen Gegner des Westens. Darüber soll der Leser selbst nachdenken. Er erzählt in „Marionetten“ nur von einer kleinen Operation des Geheimdienstes und macht so die Gegenwart in einer spannenden Geschichte begreifbarer als in seinen vorherigen Romanen.
Denn nachdem seine letzten Werke immer wieder an einer schwachen Geschichte (siehe „Absolute Freunde“ und „Geheime Melodie“), zu einfältigen Charakteren (dito, aber vor allem „Geheime Melodie“) und einem zunehmend belehrendem Tonfall (wieder „Geheime Melodie“ und „Der ewige Gärtner“) litten, macht er dieses Mal wieder alles richtig.
John le Carré breitet das Drama gemächlich bis zu dem alle vorherigen Bemühungen des deutschen Geheimdienstes ad absurdum führendem Ende aus. Dieses Ende ist überraschend, aber zuerst auch enttäuschend. Doch letztendlich ist es folgerichtig und beendet die Aktion des deutschen Geheimdienstlers Bachmann mit einer bitteren Pointe.
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John le Carré: Marionetten
(aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina Rawlinson)
A most wanted man (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014)
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell
LV: John le Carré: A most wanted man, 2008 (Marionetten)
Als der militante Tschetschene und Islamist Issa Karpov in Hamburg auftaucht, ist Geheimagent Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) alarmiert. Mit seinem Team und anderen Geheimdiensten heftet er sich an Karpovs Fersen. Der behauptet, nur ein Flüchtling zu sein.
Überfällige TV-Premiere einer sehr gelungenen, top besetzten John-le-Carré-Verfilmung und einer der letzten Leinwandauftritte des viel zu früh verstorbenen Philip Seymour Hoffman.
Eine kleine Episode aus dem unglamourösen Agentenleben, die in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen ist, bei der wir beobachten, wie die Dienste, unter ständiger Berücksichtigung ihrer Eigeninteressen, zusammenarbeiten und im entscheidenden Moment eiskalt ihre Chance nutzen. Da ist der Einzelne, wie man es auch aus den anderen Romanen von John le Carré kennt, nur ein von anderen benutzter Spielball.
mit Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Grigoriy Dobrygin, Willem Dafoe, Robin Wright, Homayoun Ershadi, Nina Hoss, Franz Hartwig, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Vicky Krieps, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer, Charlotte Schwab, Martin Wuttke
Einer der letzten Leinwandauftritte von Robert Redford, der gerade als „Ein Gauner & Gentleman“ im Kino kriminell erfreut
WDR, 23.40
Der Moment der Wahrheit (Truth, USA 2015)
Regie: James Vanderbilt
Drehbuch: James Vanderbilt
LV: Mary Mapes: Truth and Duty: The Press, The President and The Privilege of Power, 2005
Im Sommer 2004 erfährt „60 Minutes II“-Produzenten Mary Mapes (Cate Blanchett), dass US-Präsident George Bush bei den Angaben zu seiner Militärzeit log. Sie und ihr Reporterteam recherchieren für eine TV-Reportage, die von Dan Rather (Robert Redford) präsentiert wird. Danach bricht, mitten im Wahlkampf, ein wahrer Shitstorm über sie herein.
Ein auf wahren Ereignissen basierendes, oft zu einseitig auf Mapes‘ Seite stehendes Journalistendrama. Letztendlich ist Vanderbilts von guten Absichten und guten Schauspielern getragenes Regiedebüt nur solala.
Gegen das wenige Monate vorher in den Kinos angelaufene, mit dem Oscar als bester Film des Jahres ausgezeichnete Drama „Spotlight“ sieht „Der Moment der Wahrheit“ reichlich blass aus.
1. James Sallis – Willnot (Plazierung im Vormonat: 2)
Aus dem Englischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt. Liebeskind, 224 Seiten, 20 Euro
2. Heinrich Steinfest – Der schlaflose Cheng (Plazierung im Vormonat: 4)
Piper, 288 Seiten, 16 Euro.
3. Sara Gran – Das Ende der Lügen (Plazierung im Vormonat: 7)
Aus dem Englischen von Eva Bonné. Heyne, 348 Seiten, 16 Euro.
4. Gary Victor – Im Namen des Katers (Plazierung im Vormonat: 3)
Aus dem Französischen von Peter Trier. Litradukt, 168 Seiten, 12 Euro.
5. Attica Locke – Bluebird, Bluebird (Plazierung im Vormonat: 1)
Aus dem Englischen von Susanna Mende. Polar, 330 Seiten, 20 Euro.
6. Leonardo Padura – Die Durchlässigkeit der Zeit (Plazierung im Vormonat: 8)
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, 440 Seiten, 24 Euro.
7. Jonathan Robijn – Kongo Blues (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Flämischen von Jan-Frederik Bandel. Edition Nautilus, 176 Seiten, 16,90 Euro
8. Melissa Scrivner Love – Lola (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Sven Koch und Andrea Stumpf. Suhrkamp, 392 Seiten, 14,95 Euro
9. Don Winslow – Jahre des Jägers (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Conny Lösch.Droemer, 992 Seiten, 26 Euro
10. Antonio Ortuño – Die Verschwundenen (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein, Kunstmann, 254 Seiten, 2o Euro
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Das sieht doch nach einer sehr frühlingshaften Leseliste mit vielen Ideen für den Sommerurlaub aus. Jedenfalls wenn man nicht schon wieder durch Gotham City in seinen verschiedenen Inkarnationen wandeln will. Denn auch in der Provinz wird gemordet.
Ich sehe mich mit „Bluebird, Bluebird“ noch etwas in Osttexas um.
La belle saison – Eine Sommerliebe (La belle saison, Frankreich/Belgien 2015)
Regie: Catherine Corsini
Drehbuch: Catherine Corsini, Laurette Polmanss
1971 trifft die 23-jährige Delphine in Paris die Aktivistin Carole. Sie verlieben sich ineinander. Aber dann muss Delphine zurück auf den Hof ihrer Eltern. Carole folgt ihr in eine für sie vollkommen fremde Welt.
TV-Premiere: eine wunderschöne, politisch grundierte Sommerromanze, die auch viel über die frühen Siebziger Jahre in Frankreich erzählt
Christian Wolff (Ben Affleck) ist Autist, Chef von „ZZZ Accounting“ und Kreditberater. Außerdem ist das auf seine Aufgaben fokussierte Mathegenie der Buchprüfer für verschiedene Verbrecherkartelle.
Für Living Robotics, einer Firma die auch Prothesen herstellt, soll er die Bücher prüfen. Ein hundertprozentig legaler Auftrag, der ihn in Teufels Küche bringt. Jetzt werden seine Fähigkeiten als Auftragskiller benötigt.
Wenn man darüber hinwegsieht, dass „The Accountant“ Humbug ist, ist Gavin O’Conner ein angenehm altmodischer Gangsterfilm gelungen, der seine Geschichte etwas intelligenter als erwartet zusammenfügt.
Die Ausstrahlung des FSK-16-Films um 20.15 Uhr ist wahrscheinlich gekürzt.
mit Ben Affleck, Anna Kendrick, J. K. Simmons, Jon Bernthal, Jean Smart, Cynthia Addai-Robinson, Jeffrey Tambor, John Lithgow, Rob Treveiler, Andy Umber, Ron Prather, Susan Williams
Wiederholung: Montag, 8. April, 01.05 Uhr (Taggenau!)
Beginnen wir zuerst mit einigen notwendigen Erklärungen. Der Film „Another Day of Life“ tut es auch. 1975 fährt der Journalist Ryszard Kapuscinski (4. März 1932 – 23. Januar 2007) im Auftrag der polnischen Presseagentur PAP nach Angola. Dort wird gerade, beflügelt durch den Erfolg der Nelkenrevolution in Portugal, ein blutiger Krieg um die Unabhängigkeit des Landes ausgefochten. Im Zentrum stehen dabei drei Unabhängigkeitsbewegungen, die sich spinnefeind sind. Gleichzeitig findet dort ein weiterer Stellvertreterkrieg statt, in dem die USA und die Sowjetunion, mehr oder weniger offen, Material, eigene Soldaten, angeheuerte Söldner und Soldaten befreundeter Mächte in das Kriegsgebiet schicken. Es geht um politischen Einfluss und Rohstoffe. Angola hat Öl und Diamanten.
Als Kapuscinski dort eintrifft ist die Situation unübersichtlich. Höflich ausgedrückt. Denn die Grenze zwischen Revolutionsromantik und Barbarei ist dünn. Ein falsches Wort, ein falscher Gruß kann den Tod bedeuten. Der Frontverlauf ist unklar. Lügen und Gerüchte bestimmen die Meldungen von und über die verschiedenen kämpfenden Gruppen.
Kapuscinski will nicht aus seinem Hotelzimmer in in der Hauptstadt Luanda, sondern von der Front berichten. Das ist ein Selbstmordkommando, das vor ihm noch kein Journalist gewagt hat.
Zusammen mit einem Fahrer, der für ihn auch als landeskundiger Übersetzer fungiert, fährt er in Richtung der Front. Dort trifft er Carlotta, eine junge, sehr angesehen Guerillakämpferin, und General Farrusco.
Seine Erlebnisse verarbeitete er später in dem Buch „Wieder ein Tag Leben“.
Diese lange Reportage ist die Grundlage für den Film „Another Day of Life“ von Raúl de la Fuente und Damian Nenow, der eine Mischung aus Real- und Animationsfilm ist. Für ihren Film reisten de la Fuente und Nenow nach Angola, filmten was sie sahen und trafen einige noch lebende Menschen, die auch in Kapuscinskis Reportage erwähnt werden. Vor allem sein damaliger Fahrer und General Farrusco.
Die Animationsszenen wurden, wie in einigen Animationsfilmen der letzten Jahren, die sich an Erwachsene richten, mit Schauspielern aufgenommen und dann, in diesem Fall, von über zweihundert Illustratoren und Trickfilmzeichnern nachgezeichnet und bearbeitet. Das ermöglicht es ihnen, Kapuscinskis Erlebnisse nachzuerzählen und auch einige der unvorstellbaren Grausamkeiten, die Kapuscinski sah, wie eine mit Kinder- und Frauenleichen übersäte Straße, zu zeigen. Ohne den Voyeurismus zu bedienen.
Am Ende besteht der Film, so das Presseheft, aus sechzig Minuten Animation und zwanzig Minuten Realfilm.
Bei dem Realfilm – und das ist ein Problem – ist nicht immer erkenntlich, ob es sich um historische oder neue Aufnahmen handelt. Das gilt nicht für die Bilder von einem Straßenfest (die Laptops im Bild verorten die Feier eindeutig in der Gegenwart) und die aktuellen Interviews, sondern für die Naturaufnahmen aus dem Hinterland.
Ein anderes Problem ist, dass Kapuscinskis im Film immer wieder angesprochenes moralisches Dilemma zwischen professioneller Objektivität und dem Ergreifen von Partei für eine Seite des Konflikts, etwas zu plakativ beschrieben wird. Außerdem ist es seltsam, dass ein 43-jähriger Journalist, der seit Jahren vor allem aus Asien, Lateinamerika und Afrika über Bürgerkriege und Revolutionen berichtet, sich in Angola zum ersten Mal mit der Frage beschäftigt, wie sehr er durch die Auswahl der Informationen und die Perspektive auch ein Teil des Konflikts ist und ihn möglicherweise in eine bestimmte Richtung beeinflusst.
Aber das sind Details. I
nsgesamt ist „Another Day of Life“ eine beeindruckende, informative, gut strukturierte und gelungene Verbindung von Dokumentar- und Spielfilm. Der Wechsel zwischen Real- und Animationsfilm ist auch größtenteils gelungen. Hier stören vor allem die Aufnahmen von der Straßenparty. Formal erinnert das natürlich an die unzähligen historischen TV-Dokus, in denen vergangene Ereignisse mehr oder weniger schlecht nachgespielt werden. Da hat „Another Day“ of Life“ ein ganz anderes Niveau und die Macher zielen eindeutig auf die große Kinoleinwand.
Another Day of Life (Another Day of Life, Polen/Spanien/Belgien/Deutschland 2018)
Regie: Raúl de la Fuente, Damian Nenow
Drehbuch: Raúl de la Fuente, David Weber, Amaia Remirez
LV: Ryszard Kapuscinski: Jeszcze dzień życia, 1976 (Wieder ein Tag Leben)
ZDFneo, 22.00 Savages – Im Auge des Kartells (Savages, USA 2012)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone
LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)
Chon und Ben stellen Super-Heroin her und mit Ophelia leben sie in Laguna Beach in einer offenen Dreierbeziehung. Alles ist in bester Ordnung, bis ein mexikanisches Drogenkartell (angeführt von einer Frau) bei Chon und Ben einsteigen möchte und die beiden Jungs das Angebot nicht annehmen, sondern aus dem Drogengeschäft aussteigen wollen.
Don-Winslow-Verfilmung, die nicht als Ersatz, sondern als Anreiz zur Romanlektüre dienen sollte. Denn „Savages“ ist zwar kein wirklich schlechter Film, aber eine letztendlich enttäuschende Don-Winslow-Verfilmung. Warum habe ich hier ausführlicher begründet (und dort gibt es auch noch einige Clips).
mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile Hirsch
Wiederholung: Sonntag, 7. April, 01.45 Uhr (Taggenau!)
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Buchhinweis
Neu erschienen, ziemlich dick und in keiner Beziehung eine Gute-Nacht-Lektüre, aber mit ziemlicher Sicherheit ein verdammt gutes Buch: das neue Opus von Don Winslow. In „Jahre des Jägers“ erzählt er die Geschichte von „Tage der Toten“ und „Das Kartell“ weiter. Es geht also wieder um den schon seit Jahrzehnten währenden amerikanisch-mexikanischen Drogenkrieg. Mit seinem neuen Roman, der der Abschluss einer Trilogie sein soll, hat er diesen Krieg in all seinen Verästelungen von 1975 bis in die Gegenwart nacherzählt. Der Abschluss der Trilogie spielt zwischen 2012 und April 2017, mit einem Epilog im Mai 2018. Viel näher an die Gegenwart kann ein Roman wohl kaum kommen. Vor allem weil Winslows Art-Keller-Trilogie immer nah an der Wirklichkeit geschrieben wurde. Teilweise las sie sich wie eine kaum verhüllte Serie von Zeitungsreportagen und Kurzmeldungen.
In „Jahre des Jägers“ kämpft der US-Drogenfahnder Art Keller wieder gegen den mexikanischen Kartell-Boss Adán Barrera.
Brauchen wir wirklich noch einen in Südamerika spielenden Drogenthriller? Nach all den grandiosen Filmen und Serien und den wahnsinnig dicken Büchern von Don Winslow, in denen die Geschichte in all ihren Verästlungen vorwärts und rückwärts, aus allen möglichen Perspektiven erzählt wurde, dürfte doch so langsam wirklich alles schon mindestens zweimal erzählt sein.
Nach „Birds of Passage – Das grüne Gold der Wayuu“ lautet die Antwort: Eindeutig Nein. Mindestens diesen Film haben wir noch gebraucht.
Das Regioduo Ciro Guerra und Cristina Gallego erzählt nicht die Geschichte eines bekannten Drogenbosses, wie Pablo Escobar, dessen Leben für uns heute keine Geheimnisse mehr hat. Sie erzählen sozusagen die Vorgeschichte. Also wie es dazu kam, dass Drogen im großen Stil aus Südamerika in die USA geschmuggelt werden.
Es beginnt 1968 in Kolumbien. Auf der im Norden des Landes liegenden Guajira-Halbinsel lebt das indigene Volk der Wayuu. Als einige US-Amerikaner, Mitglieder des Friedenskorps, kommen, verändert sich alles. Denn die jungen Amis sind, ganz Kinder der Flower-Power-Zeit, begeistert von dem Marihuana, das sie hier am Strand genießen können.
Zuerst verkauft ihnen Rapayet (José Acosta) nur kleine Mengen. Schnell hat er die Idee, größere Mengen zu verkaufen. Denn viele Amerikaner wollen die bei den Wayuus zum Alltag gehörende Droge.
Aber bevor Rapayet und die anderen Männer groß in den Drogenhandel einsteigen, müssen sie ihre Frauen fragen. Ohne ihr Wort geht in dem Matriarchat nichts.
Bühnenschauspielerin Carmina Martínez in ihrer ersten Filmrolle spielt die gebieterische und furchteinflößende Ursula, die als Mutter die Herrscherin ist und damit auch bestimmt, wie hoch das Brautgeld ist, das Rapayet bezahlen muss.
Für Cristina Gallego ist „Birds of Passage“ ihre erste Regiearbeit. 2001 gründete sie mit Ciro Guerra die Produktionsfirma Ciudad Lunar und produzierte seine Filme. Guerras vorheriger Film „Der Schamane und die Schlange“, fast vollständig in SW gedreht, erhielt in Cannes den Hauptpreis der Director’s Fortnight und war, als erster kolumbianischer Film für den Auslands-Oscar nominiert.
Ihr neues Werk quillt vor Farben über, während sie, streng in Kapitel eingeteilt, über mehrere Jahre bis in die frühen achtziger Jahre, die Geschichte zweier Wayuu-Familien erzählen. Dabei folgen sie auf der einen Ebene den Standards des Gangsterfilm. Wie in einem großen Mafiadrama werden aus Freunden Feinde und kleine Ereignisse, Dummheit und Gier setzen eine tödliche Dynamik in Gang. Auf der anderen Ebene zeichnen sie eine matriarchalische Gesellschaft, in der die Männer zwar wie Machos agieren, aber die Frauen die wahren Herrscherinnen sind. Jede ihrer Aktionen wird von ihnen abgesegnet oder angeordnet. Es ist eine faszinierende ethnographische Studie, die auch zeigt, wie sehr Traditionen das Leben bestimmen. Und weil die Geschichte sich über ein Jahrzehnt erstreckt, zeigen sie auch, wie diese Traditionen verschwinden. In „Birds of Passage“ sind es die Traditionen der Ureinwohner.
Dieser ethnographische Blick hebt das düstere Drama von der Masse der anderen Drogenthriller ab. Gleichzeitig liefert er für die Genrefans das nötige Maß an Gewalt.
„Birds of Passage“ war 2018 in Cannes der Eröffnungsfilm der Quinzaine des Réalisateurs und stand auf der Shortlist für den diesjährigen Auslands-Oscar.
Natalia Reyes, die Ursulas Tochter Zaida spielt, ist eine der Hauptdarstellerinnen in dem neuen Terminator-Film „Dark Fate“.
Birds of Passage – Das grüne Gold von Wayuu (Pájaros de Verano, Kolumbien/Dänemark/Mexiko 2018)
Regie: Ciro Guerra, Cristina Gallego
Drehbuch: Maria Camila Arias, Jacques Toulemonde (nach einer Geschichte von Cristina Gallego)
mit Carmina Martinez, José Acosta, Jhon Narváez, Natalia Reyes, José Vincentes Cotes, Juan Martinez, Greider Meza
Spielfilmlange Doku über „Sweet little Rock ’n‘ Roller“ Chuck Berry (1926 – 2017), der mit „Roll Over Beethoven“ eine klare Ansage machte und etliche weitere Klassiker schrieb. Let it Rock
mit Chuck Berry, Steven Van Zandt, Joe Perry, Alice Cooper, Gene Simmons, Keith Richards, Nile Rodgers, Nils Lofgren, George Thorogood, Joe Bonamassa, Johnny Rivers, Taylor Hackford, Jerry Lee Lewis, Wayne Kramer, Martel Rudd
Stephen Kings Horrorroman „Friedhof der Kuscheltiere“ las ich als Teenager innerhalb weniger Tage während der Schule. Heute erinnere ich mich vor allem an die Hauskatze, die, nachdem sie von den Toten wiederauferstanden ist, einige richtig fiese und angsteinflößende Gruselkatze ist und dass immer wieder, mitten in der Nacht, über die im Wald liegende Holzbarriere geklettert wird.
Die Verfilmung von 1989 interessierte mich danach nicht sonderlich. Wie könnte ein Film, der damals von der Kritik nicht gerade euphorisch abgefeiert wurde, den Grusel des Romans toppen?
Irgendwann später sah ich mir die Verfilmung an und fand sie okay.
Jetzt, dreißig Jahre nach Mary Lamberts Verfilmung, für die Stephen King höchstpersönlich das Drehbuch geschrieben und eine kleine Rolle übernommen hatte, gibt es eine neue Verfilmung von Kings Roman, die gelungen eigene Akzente setzt.
Die Geschichte dürfte bekannt sein: Die Familie Creed zieht von der Großstadt nach Ludlow, einer Kleinstadt in Maine. Der Vater, Dr. Louis Creed (Jason Clarke), hat eine Stelle als Arzt im Gesundheitszentrum der Universität angenommen. Bei ihm sind seine Frau Rachel (Amy Seimetz) und ihre beiden Kinder, die achtjährige Tochter Ellie (Jeté Laurence) und ihr zweijähriger Sohn Gage (Hugo und Lucas Lavoie). Sie sind eine stinknormale, glückliche Familie. Sie freuen sich auf ihr neues Leben in der Provinz.
Kurz nach ihrer Ankunft beobachten sie eine Prozession mit Tierköpfen maskierter Kinder. Die Kinder bringen ein totes Haustier zum titelgebenden Friedhof der Kuscheltiere. Ihr Nachbar Jud Crandall (John Lithgow) erklärt ihnen, dass es diesen Friedhof schon lange gibt und dass etliche Tiere auf der vor ihrem Haus liegenden Straße von Lastern überfahren wurden.
Das nächste Opfer der Laster ist Church, die kuschelige Katze der Creeds.
Weil Ellie ihre Katze so sehr liebte, verrät Crandall Louis ein Geheimnis. Hinter dem Friedhof der Haustiere und damit hinter der Barriere aus Ästen und Buschwerk gibt es eine Grabstätte der Ureinwohner. Die dortigen Geister können Tote wieder lebendig werden lassen. Als Mann der Wissenschaft ist Louis skeptisch. Aber er begräbt Church auf der alten Grabstätte.
Und das Wunder geschieht: Church kehrt zurück. Aber sein Fell ist verfilzt und sein Wesen hat sich verändert. Er ist jetzt nicht mehr der liebe Kater.
Kurz darauf wird – und das ist eine der Veränderungen zur Vorlage – Ellie von einem Laster getötet.
Louis, der uns zuerst als vollkommen rationaler Mann präsentiert wurde, ist verzweifelt über den Verlust seiner über alles geliebten Tochter. Er ignoriert Crandalls Warnungen und bringt seine tote Tochter zu der Grabstätte im Wald. Denn warum soll etwas, das bei einer Katze funktioniert, nicht auch bei einem Menschen funktionieren?
Wie Kings Roman beginnt die Verfilmung mit dem Einzug der Creeds in ihr neues Haus. Mit ihnen entdecken wir die auf der Straße vorbeirasenden Laster, den Haustier-Fritof, die Holzbarriere und den netten Nachbarn, der die gesamte Geschichte von Ludlow kennt. All das etabliert das Regieduo Kevin Kölsch und Dennis Widmyer in den ersten Minuten. Durch ihre Inszenierung geben sie bereits eine Vorahnung auf das kommende Grauen für die glückliche Familie Creed.
Danach verlangsamen sie gekonnt das Erzähltempo. Es dauert einige Zeit bis zuerst Church und dann Ellie sterben. Und die meiste Action gibt es am Filmende, wenn Ellie ihren Eltern ihre dunkle Seite zeigt. Bis dahin ist „Friedhof der Kuscheltiere“ vor allem ein psychologisches Drama, in dem Louis zunehmend fanatisch agiert. Wahlweise wie ein religiöser Eiferer oder wie ein Alkoholiker, der die Welt nach seinen Wünschen gestalten will und dabei alle Warnungen, auch wider besseres Wissen, ignoriert.
„Friedhof der Kuscheltiere“ ist eine kühl erzählte Reise in den Wahnsinn. Mit seiner Beschränkung auf wenige Drehorte (zwei Häuser, ein Wald), eine Handvoll Schauspieler (eine Familie, der Nachbar) und seiner kurzen Laufzeit (ohne Abspann keine hundert Minuten) gehört der Horrorfilm zu den Thrillern, die die Freiheiten eines niedrigen Budgets für eine sehr düstere Geschichte nutzen.und eine sehr spezielle Auffassung von einem Hollywood Ending haben.
Friedhof der Kuscheltiere (Pet Sematary, USA 2019)
Regie: Kevin Kölsch, Dennis Widmyer
Drehbuch: Jeff Buhler (nach einer Geschichte von Matt Greenberg)
LV: Stephen King: Pet Sematary, 1983 (Friedhof der Kuscheltiere)
mit Jason Clarke, Amy Seimetz, John Lithgow, Jeté Laurence, Aliyssa Levine
Länge: 101 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
Stephen King: Friedhof der Kuscheltiere
(übersetzt von Christel Wiemken)
Heyne, 2019 (Filmausgabe) (überarbeitete, vollständige Taschenbuchausgabe, mit einer 2000 geschriebenen Einleitung von Stephen King)