TV-Tipp für den 27. Juli: Stanley-Kubrick-Abend: Dr. Seltsam/Die Rechnung ging nicht auf

Juli 27, 2018

3sat, 22.25

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (Dr. Strangelove or: How I learned to stop worrying and love the Bomb, GB 1964)

Reige: Stanley Kubrick

Drehbuch: Stanley Kubrick, Peter George, Terry Southern

LV: Peter George: Red Alert. 1958 (Die Welt der letzten Tage)

Buch zum Film: Peter Bryant (Pseudonym von Peter George): Dr. Strangelove Or: How I learned to stop worrying and love the bomb, 1963

Air-Force-Kommandant Jack D. Ripper glaubt, dass die Russen für seine Impotenz verantwortlich sind. Also gibt er den Befehl aus, das Reich des Bösen anzugreifen. Seine Vorgesetzten versuchen einen dritten Weltkrieg zu verhindern. Doch das ist nicht so einfach.

Tiefschwarze Satire auf den Rüstungswahnsinn und das Denken der Militärs, Technokraten und Politiker, die beängstigend nahe an der Wirklichkeit ist und auch nach dem Ende des Kalten Krieges immer noch aktuell ist. Eine Alptraum-Komödie

Mit Peter Sellers, George C. Scott, Sterling Hayden, Keenan Wynn, Slim Pickens, Peter Bull, James Earl Jones, Tracy Reed

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Dr. Seltsam“

Wikipedia über „Dr. Seltsam“ (deutsch, englisch)

3sat, 23.55

Die Rechnung ging nicht auf (The Killing, USA 1956)

Regie: Stanley Kubrick

Drehbuch: Jim Thompson, Stanley Kubrick

LV: Lionel White: Clean Break, 1955 (später „The killing“, deutsch “Der Millionencoup“)

Ex-Sträfling Johnny Clay will mit einigen Amateurenwährend eines Pferderennens die Wettgelder klauen. Der minutiös geplante Coup läuft nach Plan ab. Dann geht alles schief.

Grandioses, düsteres Caper-Movie und der endgültige Durchbruch für Stanley Kubrick. Im Gegensatz zu anderen Caper-Movies wird die Handlung im Buch und im Film nicht chronologisch, sondern mit zahlreichen Vor- und Rücksprüngen erzählt. Und der Überfall wird, zusammengehalten von einer atemberaubenden Montage, aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Mit seinen Diskontinuitäten und Dekonstruktionen ist „Die Rechnung ging nicht auf“ ein Vorläufer des postmodernen Kinos.

Einer von Kubricks Schülern ist Quentin Tarantino, der diesen Film in „Reservoir Dogs“ ausführlich würdigt. Im Drehbuch ist sogar eine – im Film nicht gezeigte – Widmung an Lionel White enthalten.

Mit Sterling Hayden, Coleen Gray, Vince Edward, Jay C. Flippen, Elisha Cook jr.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Rechnung ging nicht auf“

Wikipedia über „Die Rechnung ging nicht auf“ (deutsch, englisch)

Mordlust über Lionel White

Noir of the Week über „The Killing“ (mit Filmausschnitten) 

Turner Classic Movies über “The Killing”


Neu im Kino/Filmkritik: Jodie Foster leitet das „Hotel Artemis“

Juli 26, 2018

Los Angeles, 2028: die Stadt versinkt im Chaos. Mitten drin im Kampf zwischen Polizei, Verbrechern und randalierenden Bürgern steht das ‚Hotel Artemis‘, ein heruntergekommenes Hotel. Eine Ruine, die anscheinend schon lange ihren Betrieb eingestellt hat, wenn nicht das Logo hell über die Stadt strahlen würde und wenn nicht eine Etage äußerst zahlungswillige Kunden beherbergen würden. Denn das ‚Hotel Artemis‘ ist ein Krankenhaus, das seine Mitglieder, die nach fehlgeschlagenen Verbrechen nicht in eine normales Krankenhaus gehen können, wieder zusammenflickt. Das wird von der ‚Schwester‘ (Jodie Foster), ihrem Gehilfen ‚Everest‘ (Dave Bautista) und modernster Technik erledigt. Die unglaublich alt aussehende, alkoholsüchtige, immer noch den vor 22 Jahren geschehenen Tod ihres Sohnes betrauernde Ärztin, die wie ein gehlahmer Geist Musik hörend durch die Etage huscht, führt ein strenges Regiment und stellt keine Fragen. Obwohl sie zu einigen Stammkunden eine fast schon freundschaftliche Beziehung hat.

An diesem Abend ist das ‚Hotel Artemis‘ voll belegt mit ihren mehr oder weniger schwer verletzten Kunden. Um die Anonymität zu wahren, trgen sie alle Tarnnamen, die auch die Namen der Zimmer sind, in denen sie logieren. Auch wenn die ‚Schwester‘ ihre wahren Namen kennt.

An diesem abend sind die Gäste ‚Waikiki‘ (Sterling K. Brown), sein nach einem gemeinsamen Banküberfall schwer verletzter Bruder ‚Honolulu‘ (Brian Tyree Henry), der äußerst redselige Waffenhändler ‚Acapulco‘ (Charlie Day, nervig) und die Auftragskillerin ‚Nice‘ (Sofia Boutella). Sie soll einen der Hotelgäste umbringen. Dabei gilt auch im ‚Hotel Artemis‘ die aus den „John Wick“-Filmen bekannte Hotelregel, nach der innerhalb des Gebäudes keine Verbrechen verübt werden dürfen.

Eine andere Regel besagt, dass nur Verbrecher behandelt werden, die bereits im voraus eine beträchtliche Mitgliedschaftsgebühr bezahlen. Trotzdem hilft die ‚Schwester‘ einer jungen Polizistin, die schwer verletzt an der Hintertür um Hilfe bittet. Sie kennt Morgan Daniels (Jenny Slate) von früher, als die Polizistin noch ein Kind war und die ‚Schwester‘ noch nicht als Eremitin im ‚Hotel Artemis‘ lebte.

Und dann will noch der schwerverletzte Wolfking (Jeff Goldblum) in das von ihm gegründete und finanzierte ‚Hotel Artemis‘. Er ist als Gangsterkönig der unumstrittene Herrscher der Stadt. Ihm schlägt man nur dann einen Wunsch ab, wenn man an akuter Todessehnsucht leitet.

Hotel Artemis“ ist das zwiespältige Spielfilmdebüt von Drew Pearce, dem Co-Autor von „Iron Man 3“. Der Cast ist hochkarätig und spielfreudig. Die Idee, eines Hospitals für Verbrecher erinnert natürlich sofort an die aus „John Wick“ bekannten Hotels für Killer und die nahe Zukunft, in der Pearces Film spielt, ist eine „Die Klapperschlange“-Dystopie, in der die Polizei noch nicht die Stadt verlassen hat. Das ist ein Hintergrund, vor dem man gut eine hundsgemeine, amoralische Geschichte entwickeln kann. Die Bilder und der Stil sind aus den einschlägigen Noirs und Science-Fiction-Noirs geborgt. Da man sie immer wieder gerne sieht, ist das kein Problem.

Ein Problem ist allerdings das Drehbuch. Eine richtige Geschichte will sich nicht entwickeln. Es gibt Situationen und viele nicht so wahnsinnig interessante Gespräche. Aber eine Geschichte will daraus nicht entstehen. „Hotel Artemis“ ist eine nur in einem Haus spielende Situationsbeschreibung, die sich am Ende in einer durchaus ordentlichen Portion Gewalt entlädt. Nicht weil das unbedingt nötig wäre, sondern weil es ein Mittel ist, einen Film zum Ende zu bringen.

Hotel Artemis (Hotel Artemis, USA 2018)

Regie: Drew Pearce

Drehtuch: Drew Pearce

mit Jodie Foster, Sterling K. Brown, Dave Bautista, Sofia Boutella, Jeff Goldblum, Brian Tyreee Henry, Jenny Slate, Zachary Quinto, Charlie Day, Kennth Choi

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Hotel Artemis“

Metacritic über „Hotel Artemis“

Rotten Tomatoes über „Hotel Artemis“

Wikipedia über „Hotel Artemis“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Catch me!“ – Große Jungs speilen Fangen

Juli 26, 2018

Mit dem Hinweis, der folgende Film basiere auf einer wahren Geschichte, beginnt „Catch me!“ (deutscher Titel). Das stimmt allerdings nur bedingt. Außer der Grundidee ist in „Tag“ (Originaltitel) alles erfunden.

Russell Adams schrieb im Januar 2013 für das Wall Street Journal einen kurzen Artikel über zehn Freunde, die seit ihrer Kindheit fangen spielen und so, auch Jahrzehnte nach dem Ende ihrer Kindheit und gemeinsamen Schulzeit, immer wieder zusammenkommen, um ein Kinderspiel zu spielen. Dabei ist es für sie kein normales ‚Fangen‘ mehr. Es gibt einige selbst auferstellte Regeln (so wird nicht zurückgeschlagen) und es wird nur während eines Monats im Jahr gespielt. Inzwischen leben die Schulkameraden über die USA verstreut. Manchmal müssen sie ihre Aktionen langfristig vorbereiten. Immerhin wissen die anderen Spielteilnehmer, dass sie innerhalb eines Monats ‚erwischt‘ werden können. Dafür organisieren sie Ablenkungsmanöver, verkleiden sich und verstecken sich manchmal für mehrere Tage im Gebüsch, Das ist dann gleichzeitig kindisch, rührend und auch bescheuert. Immerhin bleiben sie über das Spiel miteinander in Kontakt.

Dieses Spiel und die Hintergrundgeschichte ist allerdings nur die Idee für einen Film. Was fehlt, ist eine Geschichte.

Die Drehbuchautoren Rob McKittrick und Mark Steilen und Regisseur Jeff Tomsic überlegten sich für ihren Film folgende Geschchte: Jerry Pierce (Jeremy Renner) will nach dreißig Jahren aus dem Spiel aussteigen. Weil er bislang noch nie ‚erwischt‘ wurde, würde er damit ungeschlagen ausscheiden. Hogan ‚Hoagie‘ Malloy (Ed Helms) will das nicht akzeptieren. Zusammen mit Bob Callahan (Jon Hamm), Randy ‚Chilli‘ Cilliano (Jake Johnson) und Kevin Sable (Hannibal Buress) will er Jerry erwischen. Und weil Jerry demnächst in ihrer alten Heimatstadt Spokane, Washington, heiratet, ist das die Gelegenheit. Sie wissen, wann er wo ist und dass er die Hochzeit und die begleitenden Veranstaltungen nicht verlassen kann.

Selbstverständlich erwartet Jerry genau das von seinen alten Spielkameraden.

Die an Lachern arme Komödie erzählt nun, wie die vier Jungs immer wieder versuchen, Jerry zu erwischen und wie er ihnen immer wieder entkommen kann, weil er ihnen hoffnungslos überlegen ist. Dabei ist Jerry nicht nur gut in dem Spiel, sondern er ist so gut, dass er sogar Hawkeye jederzeit mühelos besiegen würde. Das langweilt in seiner endlosen Wiederholung von Versuch und garantiertem Schweitern schnell.

Garniert wird das Spiel durch einige Momente, in denen uns erklärt wird, dass sie dank des Spiels immer noch zusammen sind, dass das Spiel das Beste in ihnen hervorbringt und dass sie dank des Spiels nicht erwachsen werden. Denn erst wenn sie aufhörten zu spielen, seien sie alt.

Am Ende ist „Catch me!“ eine weitere belanglose US-Komödie, die einen eher pubertären Humor, etwas Action und einige Platitüden über Freundschaft hat. Halt genau das, was der Trailer verspricht.

Catch me! (Tag, USA 2018)

Regie: Jeff Tomsic

Drehbuch: Rob McKittrick, Mark Steilen (nach einer Vorlage von Mark Steilen)

LV: Russell Adams: It takes planning, caution to avoid being ‚It‘ (Wall Street Journal, 28. Janur 2013)

mit Ed Helms, Jeremy Renner, Jon Hamm, Jake Johnson, Annabelle Wallis, Hannibal Buress, Isla Fisher, Rashida Jones, Leslie Bibb, Cheryl Deakins

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Catch me!“

Metacritic über „Catch me!“

Rotten Tomatoes über „Catch me!“

Wikipedia über „Catch me!“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 26. Juli: Der Knochenjäger

Juli 25, 2018

Vox, 22.05

Der Knochenjäger (The Bone Collector, USA 1999)

Regie: Philip Noyce

Drehbuch: Jerome Iacone

LV: Jeffery Deaver: The bone collector, 1997 (Die Assistentin, Der Knochenjäger)

Der fast vollständig gelähmte Superdetektiv Lincoln Rhyme sucht mit seinem Assistenten, der Streifenpolizistin Amelia Donaghy, einen Serienkiller.

Nach all den grandiosen Serienkiller-Filmen der neunziger Jahre ist der Whodunit „Der Knochenjäger“ ziemlich langweilige Kost.

Mit Denzel Washington, Angelina Jolie, Ed O´Neill, Michael Rooker, Queen Latifah, Luis Guzman

Wiederholung: Freitag, 27. Juli, 02.25 Uhr (Taggenau!)

Jeffery-Deaver-Kaufhinweis

So als Urlaubslektüre: Blanvalet hat Jeffery Deavers achten Lincoln-Rhyme-Thriller die Tage wieder veröffentlicht.

Dieses Mal muss Rhyme seinen Cousin von einem Mordverdacht befreien. Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung.

Jeffery Deaver: Der Täuscher

(übersetzt von Thomas Haufschild)

Blanvalet, 2018

544 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Broken Window

Simon & Schuster, 2008

Deutsche Erstausgabe

Blanvalet, 2009

Denzel-Washington-Vorschautipp

Am 16. August läuft bei uns Denzel Washingtons neuer Film „The Equalizer 2“ an. Wieder inszeniert von Antoine Fuqua. Wieder muss der von Washington gespielte Robert McCall für Gerechtigkeit sorgen. Und wieder gibt es meine Besprechung zum Filmstart.

Hier der Trailer:

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Der Knochenjäger”

Wikipedia über “Der Knochenjäger” (deutsch, englisch)

Homepage von Jeffery Deaver

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzroman „Auf ewig“ (Forever, 2005)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzgeschichtensammlung “Gezinkt” (More twisted, 2006)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Lautloses Duell“ (The blue nowhere, 2001)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers “Der Täuscher” (The broken window, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers “Carte Blanche Ein James-Bond-Roman” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Angebetete“ (XO, 2012)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Todeszimmer“ (The Kill Room, 2013)

Jeffery Deaver in der Kriminalakte


„Paper Girls 4“ – erste Antworten im Jahr 2000

Juli 25, 2018

 

An Halloween 1988 wollen die vier zwölfjährigen Mädchen Erin, MacKenzie, Tiffany und KJ in der ruhigen Vorstadt Stony Stream, Ohio, vor Sonnenaufgang nur die Tageszeitungen austragen. Aber dann geschehen seltsame Dinge, sie entdecken in einem Keller ein Ding, das wie ein Raumschiff aus einem Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Film aussieht und seitdem werden sie durch die Zeit geschleudert.

In dem vierten „Paper Girls“-Sammelband landen sie am 31. Dezember 1999 in Stony Stream und, zwischen all den Kämpfen und Riesenrobotern (die nicht jeder sehen kann) werden auch erstmals Antworten gegeben, die uns helfen, zu verstehen, was vor sich geht. Also welche Gruppen sich mit welchen Absichten bekämpfen und was die Folgen der Zeitsprünge der Paper Girls in die Vergangenheit und Zukunft sein könnten. Denn selbstverständlich hätten die Mädels niemals Zeitreisende werden sollen und sie hätten auch nicht die riesigen Kampfroboter, die ganze Städte zerstören (keine Panik, sie werden schnell wieder aufgebaut), sehen sollen.

Autor Brian K. Vaughan, Zeichner Cliff Chiang und Kolorist Matt Wilson haben mit „Paper Girls“ eine mit mehreren Eisner und Harvey Awards augezeichnete Comicserie erschaffen, die immer noch prächtig unterhält, wenn Erin, MacKenzie, Tiffany und KJ durch die Zeit stolpern und versuchen, ohne voneinander getrennt zu werden, zu überleben. Gleichzeitig wollen sie verstehen, was geschieht. Manchmal treffen sie auch ihr älteres Ich. Dieses Mal begegnen sie der Comiczeichnerin C. Spachefski (die ältere Dame auf dem Cover), die in Stony Stream lebt und über den Krieg der Zeitalter Bescheid weiß.

Immer wieder werden ihre Erlebnisse mit popkulturellen Anspielungen garniert. Im aktuellen Sammelband wird selbstverständlich die Jahrtausendpanik angesprochen. Damals hatten Windows-Besitzer Angst, am 1. Januar 2000 ihre Computer verschrotten zu müssen.

Brian K. Vaughan/Cliff Chiang/Matt Wilson: Paper Girls 4

(übersetzt von Sarah Weissbeck)

Cross Cult, 2018

144 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Paper Girls 4

Image Comics, 2018

enthält

Paper Girls # 16 – 20

Hinweise

Homepage von Cliff Chiang

Wikipedia über „Paper Girls“, Brian K. Vaughan (deutsch, englisch) und Cliff Chiang

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 1“ (Paper Girls, Volume 1, 2016)

Meine Besprechung von Brian K. Vaughan/Cliff Chiangs „Paper Girls 2“ (Paper Girls, Volume 2, 2017)


TV-Tipp für den 25. Juli: Tatort: Der Mann auf dem Hochsitz

Juli 24, 2018

SWR, 22.00

Tatort: Der Mann auf dem Hochsitz (Deutschland 1978)

Regie: Ulrich Neureuther

Drehbuch: Richard Hey

LV: Richard Hey: Feuer unter den Füßen, 1984

Wurde ein Jäger auf seinem Hochsitz von einem Italiener angeschossen? Kommissarin Buchmüller ermittelt.

Nicole Heesters gebührt der Verdienst, die erste „Tatort“-Kommissarin (und die erste deutsche TV-Kommissarin) gewesen zu sein. Insofern ist sie das Vorbild für alle weiteren Kommissarinnen.

„Nicole Heesters verleiht ihrer Figur eine Art weltäufige Eleganz, sie erscheint klar, kühl und ohne Falsch. Gefühle kommen bei der Grand Dame des Verbrechns nur wohldosiert zum Tragen. Sie besteht auf einer klaren Trennung zwischen Beruf und Privatleben. (…) Im Subtext von ‚Der Mann auf dem Hochsitz’ geht es um das Scheitern von traditonellen Rollenvorgaben. (…) Das vielschichtige Gesellschaftsporträt von Autor Richard Hey gibt einen gelungenen Rahmen für den ersten Auftritt der Kommissarin ab.“ (Sabine Holtgreve: Supergirls – Die Geschichte der TATORT-Kommissarinnen, in Eike Wenzel, Hrsg.: Ermittlungen in Sachen TATORT, 2000)

Richard Hey verarbeitete später sein Drehbuch zum Roman „Feuer unter den Füßen“, der sich (so meine Erinnerung) zu stark auf die teilweise lange zurückreichenden Beziehungen der einzelnen Charaktere konzentriert, um als Krimi noch zu überzeugen.

Mit Nicole Heesters, Peter Nassauer, Jörg Fallheier, Stephan Orlac, Klaus Höhne (Gastauftritt als Kommissar Konrad)

Hinweise

Tatort-Fundus

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Richard Hey

Wikipedia über Richard Hey und diesen Tatort


Cover der Woche

Juli 24, 2018


TV-Tipp für den 24. Juli: Tschick

Juli 23, 2018

ARD, 22.45

Tschick (Deutschland 2016)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm (Koautor)

LV: Wolfgang Herrndorf: Tschick, 2010

In den Sommerferien langweilt sich der 14-jährige Maik in Berlin-Marzahn allein im elterlichen Haus. Da schlägt ihm sein neuer Klassenkamerad Tschick, ein russischer Spätaussiedler, vor, gemeinsam im geklauten Lada in die Walachai zu fahren. Doch zuerst geht die reichlich planlose Fahrt durch die benachbarten Bundesländer.

Gelungene Verfilmung eines Bestsellers, das seine TV-Premiere zu einer Uhrzeit erlebt, die für die Zielgruppe reichlich ungeeignet ist. Planlose TV-Planer

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tristan Göbel, Anan Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading, Alexander Scheer, Marc Hosemann, Friederike Kempter

Wiederholungen

ARD: Mittwoch, 25. Juli, 02.10 Uhr (Taggenau!)

One: Samstag, 28. Juli, 21.45 Uhr (die Uhrzeit verbessert sich)

One: Montag, 30. Juli, 01.15 Uhr (Taggenau!) (die Uhrzeit verschlechtert sich)

Die Vorlage

zum Filmstart erschien der Roman mit einem neuen Cover und einem Anhang zum Film. Auf 18 Seiten gibt es Bilder, Statements von Fatih Akin und Michael Töteberg schreibt über Wolfgang Herrndorf im Kino.

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Wolfgang Herrndorf: Tschick

rororo, 2016

272 Seiten

9,99 Euro

Das Drehbuch

selten, sehr selten wird auch das Drehbuch veröffentlicht. In diesem Fall sogar mit einem kurzen, aber informativen Interview mit Fatih Akin

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Lars Hubrich: Tschick – Das Drehbuch

Rowohlt E-Book

60 Seiten (Verlagsangabe, mein E-Book-Reader sagt 112 Seiten und den Rest regelt das individuelle Größenbedürfnis)

2,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Tschick“

Moviepilot über „Tschick“

Wikipedia über „Tschick“

Perlentaucher über Wolfgang Herrndorf und „Tschick“

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Fatih Akins „The Cut“ (Deutschland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Tschick“ (Deutschland 2016)

Meine Besprechung von Fatih Akins „Aus dem Nichts“ (Deutschland 2017)

 

 

 


Dominique Manotti veranstaltet ein „Kesseltreiben“

Juli 23, 2018

Wer einen 08/15-Rätselkrimi lesen möchte, hatte schon immer schlechte Karten bei Dominique Manotti. Noir- und Hardboiled-Fans, die gerne auch einen lehrreichen Polit-Thriller (so die Ross-Thomas-Schule) lesen, waren und sind Manottis normaler Zielgruppe. Und auch sie dürften ein, zwei Probleme mit ihrem neuen Roman haben. Denn „Kesseltreiben“ ist, wie ihre Novelle „Madoffs Traum“, kein Kriminalroman. Obwohl es sogar zwei Morde gibt. Aber die sind eher nebensächlich und stören kaum die Ermittlungen von Commandante Noria Ghozali, der neuen Chefin der Abteilung zum Schutz der wirtschaftlichen Sicherheit, und ihrem Team. Langjährige Manotti-Leser kennen Ghozali bereits aus „Roter Glamour“ und „Einschlägig bekannt“. Jetzt ist sie älter und fragt sich, ob sie die nächsten Jahre weiter als Polizistin arbeiten will.

Ihr neues Team, Capitaine Fabrice Reverdy und Lieutenant Christophe Lainé, nimmt sie gleich freundschaftlich auf. Sie sind gute Polizisten, die aber gegen die globalen Aktivitäten von Konzernen wie Orstam nichts ausrichten können. Auch Théo Daquin (ebenfalls ein alter Manotti-Charakter), der inzwischen an der Universität lehrt, hilft ihr mit Hintergrundinformationen. Denn Ghozali hat von Wirtschaftskriminalität keine Ahnung. Und dabei ist gerade Francois Lamblin, ein hochrangiger Manager von des Energiekonzerns Orstam, beim Betreten der USA verhaftet worden. Offiziell wegen einer nicht so alten Sex- und einer älteren Drogengeschichte. In Wirklichkeit dürften das aber nur vorgeschobene Beschuldigungen sein, die bei einer geplanten Firmenübernahme hilfreich sein könnten, um Lamblins Kooperation zu gewährleisten.

Ghozali und ihre beiden Mitarbeiter beginnen sich in Paris umzuhören. Denn die französische Regierung ist in diesem Fall auffallend still und auch Lamblins Arbeitgeber scheint kein Interesse an einer schnellen Freilassung ihres Mitarbeiters zu haben.

Zur gleichen Zeit kehrt Ludovic Castelvieux aus Montreal zurück nach Paris. In Kanada wusch er für eine Bank Geld, Nachdem mehrere seiner Geschäftspartner mit Mafia-Verbindungen ermordet werden, beschließt er, mit dem Geld, das er in den vergangenen Jahren verdiente, unterzutauchen. Dummerweise ist sein Bankkonto auf den Grand Cayman gesperrt und er muss, obwohl er in Frankreich verurteilt wurde und mit einem Haftbefehl gesucht wird, zurück in seine alte Heimat. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass Castelvieux Geschäftsbeziehungen mit Männern hat, die auch in die sich langsam entwickelnde Orstam-Affäre verwickelt sind.

Auf gut vierhundert Seiten schildert Dominique Manotti in ihrem neuen Wirtschaftskrimi chronologisch und sehr kleinteilig, zwischen vielen Charakteren und Handlungssträngen wechselnd, wie sich die Übernahme von Orstam mit all ihren Intrigen, legalen und illegalen Winkelzügen zwischen Geldzahlungen, Erpressung, Sex, Drogenkonsum und Mord entwickelt. Während Ghozali versucht, aus verschiedenen Puzzlestücken ein Bild der Abläufe in den Orstam-Chefetagen zu bekommen, wissen wir Leser mehr, aber auch nicht alles.

Inspiriert wurde Manotti für ihren neuen Roman durch die „Alstom-Affäre“. Zwischen 2013 und 2015 erfolgte Übernahme von Alstom Énergie durch den US-Konzern General Electric.

Kesseltreiben“ ist als Blick hinter die Kulissen bei einem Übernahmegefecht, den damit verbundenen firmeninternen Intrigen und Machtspielen, interessant, lehrreich und, trotz des vorhersehbaren Endes und des langsamen Erzähltempos, auch spannend.

Dominique Manotti: Kesseltreiben

(übersetzt von Iris Konopik)

Ariadne, 2018

400 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Racket

Éditions Les Arènes, Paris, 2018

Hinweise

Krimi-Couch über Dominique Manotti

Wikipedia über Dominique Manotti (deutsch, französisch) und Bernie Madoff 

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Zügellos“ (À nos Chevaux!, 1997)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Ausbruch“ (L’évasion, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Madoffs Traum“ (La rêve de Madoff, 2013)

Meine Besprechung von Dominique Manottis „Abpfiff“ (Kop, 1988)


TV-Tipp für den 23. Juli: Ipcress – Streng geheim

Juli 22, 2018

Arte, 20.15

Ipcress – Streng geheim (The Ipcress File, Großbritannien 1965)

Regie: Sidney J. Furie

Drehbuch: Bill Canaway, James Doran

LV: Len Deighton: The IPCRESS File, 1962 (Ipress – Streng geheim)

Der britische Geheimagent Harry Palmer soll herausfinden, warum Top-Forscher plötzlich Gedächtnislücken haben. Stecken die Russen dahinter?

Mit dem ersten von drei Harry Palmer-Filmen legte Bond-Produzent Harry Saltzman einen erfolgreichen Gegenentwurf zu James Bond vor. Denn Harry Palmer – in Deightons Romanen hat er noch nicht einmal einen Namen – ist ein ganz gewöhnlicher Beamter mit einem Kassengestell und billigen Anzügen. Er ist eher ein Privatdetektiv, der hartnäckig eine Spur verfolgt und sich nicht auf die schützende Hand seiner Regierung verlassen kann.

Das Drehbuch des spannenden Agententhrillers erhielt den Edgar-Allan-Poe-Preis.

Für Michel Caine ist Harry Palmer eine seiner klassischen Rollen. Insgesamt spielte er dreimal den Geheimagenten. Nach „Ipcress – Streng geheim“ gab es das „Finale in Berlin“ (Funeral in Berlin, 1966, Regie: Guy Hamilton) und „Das Milliarden-Dollar-Gehirn (Billion Dollar Brain, 1967, Regie: Ken Russell). 1995 und 1996 spielte Caine wieder Harry Palmer in den zu Recht vergessenen TV-Filmen „Peking Express“ (Bullet to Beijing) und in „Herren der Apocalypse“ (Midnight in Saint Petersburg), die nicht auf Romanen von Len Deighton basieren und auch sonst nichts mit Deighton zu tun haben.

Mit Michael Caine, Nigel Green, Guy Doleman, Sue Lloyd, Gordon Jackson

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ipcress – Streng geheim“

Wikipedia über „Ipcress – Streng geheim“ (deutsch, englisch) und Len Deighton (deutsch, englisch)

The Deighton Dossier

Krimi-Couch über Len Deighton

Meine Besprechung von Sidney J. Furies „Boomer – Überfall auf Hollywood“ (The Taking of Beverly Hills, USA 1991)


TV-Tipp für den 22. Juli: Im Herzen der See

Juli 22, 2018

Sat.1, 20.15

Im Herzen der See (In the Heart of the Sea, USA 2015)

Regie: Ron Howard

Drehbuch: Charles Leavitt (nach einer Geschichte von Charles Leavitt, Rick Jaffa und Amanda Silver)

LV: Nathaniel Philbrick: In the Heart of the Sea: The Tragedy of the Whaleship Essex, 2000 (Im Herzen der See: Die letzte Fahrt des Walfängers Essex)

Anstatt noch einmal „Moby Dick“ zu verfilmen, wurde dieses Mal die Geschichte verfilmt, die Herman Melville zu seinem Roman „Moby Dick“ inspirierte.

Mehr Malen nach Zahlen als saftiges Seemannsgarn, aber für einen warmen Sommerabend gut geeignet.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Chris Hemsworth, Benjamin Walker, Cillian Murphy, Ben Whishaw, Tom Holland, Brendan Gleeson, Charlotte Riley

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Im Herzen der See“
Moviepilot über „Im Herzen der See“
Metacritic über „Im Herzen der See“
Rotten Tomatoes über „Im Herzen der See“
Wikipedia über „Im Herzen der See“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ron Howards „Rush – Alles für den Sieg“ (Rush, USA/Großbritannien/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Ron Howards „Im Herzen der See“ (In the Heart of the Sea, USA 2015)

Meine Besprechung von Ron Howards „Inferno“ (Inferno, USA 2016)

Meine Besprechung von Ron Howards „Solo: A Star Wars Story“ (Solo: A Star Wars Story, USA 2018)


TV-Tipp für den 21. Juli: Der Krieg des Charlie Wilson

Juli 20, 2018

ZDFneo, 21.35

Der Krieg des Charlie Wilson (USA 2007, Regie: Michael Nichols)

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: George Crile: Charlie Wilson’s War: The Extraordinary Story of the Largest Covert Operation in History, 2003 (Der Krieg des Charlie Wilson)

Auf Tatsachen basierende, von der Kritik abgefeierte und für viele Preise nominierte Polit-Komödie über den liberal-demokratischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, der in den Achtzigern half den afghanischen Widerstand gegen die Sowjets finanziell und mit Waffen zu unterstützten.

Die Folgen – nun, heute kennen wir die weitere Geschichte von Afghanistan, den Taliban und von Al-Qaida.

Mit Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffmann, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Michael Spellman

Hinweise

Film-Zeit über „Der Krieg des Charlie Wilson“

Rotten Tomatoes über “Der Krieg des Charlie Wilson”

Wikipedia über “Der Krieg des Charlie Wilson” (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Hans Weingartners sehenswertes Roadmovie „303“

Juli 20, 2018

Zuerst will die Biologie-Studentin Jule (Mala Emde) den Anhalter und Politik-Studenten Jan (Anton Spieker) in ihrem alten Wohnmobil nur bis Köln mitnehmen. Aber bei so einer Fahrt hat man zwischen Berlin und Köln viel Zeit, um sich zu unterhalten. Und so nimmt sie ihn letztendlich bis nach Portugal mit. Jule will dort ihren Freund treffen und mit ihm über ihre Schwangerschaft reden. Jan will dort seinen ihm bislang unbekannten Vater treffen.

Aber, wie man so sagt: der Weg ist das Ziel. In diesem Fall ist der Weg, unterbrochen von einigen haarsträubenden Zufällen am Anfang der Reise, vor allem ein ständiges, fast nie abbrechendes Gespräch zwischen Jule und Jan über Gott und die Welt, während an ihnen die Welt vorbeizieht und sie sich langsam näherkommen. Sie sind Geistesverwandte von Jesse (Ethan Hawke) und Céline (Julie Delpy). Sie lernten wir in Richard Linklaters „Before Sunrise“ (USA 1994) kennen und lieben, während sie sich durch eine Nacht in Wien redeten. Dieser Klassiker, der inzwischen zwei ebenso redselige Fortsetzungen fand, ist auch die Inspiration für „303“, den neuen Film von Hans Weingartner („Die fetten Jahre sind vorbei“). Und genau wie in „Before Sunrise“/“Before Sunset“/“Before Midnight“ hängt die Qualität des Films davon ab, wie sehr wir die Protagonisten mögen und wie natürlich die endlosen Gespräche zwischen ihnen klingen. Dabei waren die Gespräche zwischen Jule und Jan schon im Drehbuch genau ausformuliert. „An den Dialogen ist rein gar nichts zufällig. Das geht nicht anders, solche Texte kann man nicht improvisieren. Das wird zu lang und ufert aus und ist zu sprunghaft.“ (Hans Weingartner)

Die Gespräche der beiden in Berlin studierenden, leicht slackerhaften Mittzwanziger drehen sich um die großen Dinge, die Weingartner schon während seines Studiums am Küchentisch diskutierte und die auch heute junge Menschen beschäftigen. Es geht um Liebe, Kapitalismus, Egoismus, Kooperation und Suizid. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Jule hält den Menschen für empathisch und kooperativ. Jan nicht. Und damit gibt es schon genug Zündstoff. Weil diese und ähnliche Fragen und Weisheiten im Mittelpunkt des Films stehen und weil Weingartner seit fast zwanzig Jahren an den Dialogen schreibt (in Form einer 300-seitigen Dialagsammlung sind sie auf seinem Computer), er die erste Idee für „303“ bei den Dreharbeiten zu „Das weiße Rauschen“ (2001) hatte, der Film direkt nach seinem letzten Film „Die Summe meiner einzelnen Teile“ (2012) 2013 gedreht werden sollte, sich die Finanzierung damals kurz vor dem Dreh zerschlug und das Roadmovie jetzt zwischen August und Oktober 2015 mit einem kleinen Team von acht Leuten gedreht wurde, gibt es keine sich auf die aktuelle Tagespolitik beziehenden Dialoge. Und das ist gut so. Denn so bleibt die Reise der beiden Studierenden zeitlos.

Trotzdem ist es schade, dass die beiden durch Europa fahren, aber keinen Kontakt zu den in Europa lebenden Menschen haben. Das unterscheidet ihre Reise von der Reise der beiden Motorradfahrer Wyatt (Peter Fonda) und Billy (Dennis Hopper) in „Easy Rider“, die damals Amerika entdecken wollten.

Weingartners Roadmovie „303“ ist ein schöner Film, bei dem die gut hundertfünfzig Minuten, die der Film dauert, wie im Flug vergehen. Auch wenn wenig passiert. Außer dass Jan und Jule miteinander reden. Meistens im fahrenden Wohnmobil, einem 1980er Mercedes Hymer 303. Eigentlich ist es ein 308, aber Regisseur Hans Weingartner meinte, 303 klinge besser. Manchmal halten Jule und Jan auch an. Aber für die Menschen und die Landschaft interessieren sie sich nicht. Sie müssen sich ja weiter unterhalten, auch wenn manche ihre Sätze von Jan oder von Jule gesagt werden könnten und sie wenig bis keine Verbindung zu ihrem Studium haben. Es geht halt um die großen philosophischen Fragen und die haben nichts mit dem Studienfach zu tun.

303 (Deutschland 2018)

Regie: Hans Weingartner

Drehbuch: Hans Weingartner, Silke Eggert

mit Mala Emde, Anton Spieker

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „303“

Moviepilot über „303“

Rotten Tomatoes über „303“

Wikipedia über „303“


Neu im Kino/Filmkritik: Kreative Titelwahl, nächste Folge: „Sicario 2“

Juli 20, 2018

Manche Filme schreien nach einer Fortsetzung. Bei anderen ist nichts dagegen einzuwenden, wie bei dem neuen James-Bond-, Jack-Reacher- oder Equalizer-Film. Es ist halt eine weiteres Abenteuer mit einem bekannten Charakter. Bei anderen fragt man sich, warum eine Fortsetzung gedreht wird. Andrew Davis‘ „Auf der Flucht“ ist so ein Fall. Oder Denis Villeneuves‘ „Sicario“. Am Ende des grandiosen Drogenthrillers war die Geschichte auserzählt. Dass der Drogenkrieg zwischen den USA und Südamerika weitergeht, geschenkt. Dass die Protagonisten des Films weiter an der amerikanisch-mexikanischen Grenze gegen Drogenschmuggler und andere Verbrecher kämpfen, ist auch klar. Einen weiteren Film mit ihnen muss man deshalb nicht machen.

Aber „Sicario“ war so unglaublich erfolgreich, dass Hollywood schnell an eine Fortsetzung dachte. Denn man kann mühelos weitere Kriminalgeschichten aus dem Grenzgebiet erzählen. Taylor Sheridan, der Autor von „Sicario“, „Hell or High Water“ und „Wind River“ (gleichzeitig sein Regiedebüt), setzte sich wieder an den Schreibtisch. Die beiden Hauptdarsteller Benicio del Toro und Josh Brolin kehrten zurück. Ebenso Jeffrey Donovan, der wieder den für die Geschichte doch eher nebensächlichen CIA-Auftragnehmer Steve Forsing spielt. Emily Blunt, das moralische Zentrum des Films, verzichtete. Und die Story ist ein, zwei Nummern größer angelegt.

Dieses Mal beginnt die Geschichte mit einem von mehreren Islamisten durchgeführten Selbstmordanschlag in einem US-Ladengeschäft. Weil die Täter anscheinend über die mexikanisch-amerikanische Grenze gekommen sind, wird CIA-Mann Matt Graver (Josh Brolin) beauftragt, einen Krieg zwischen den Drogenkartellen, die sich auch als Menschenschmuggler betätigen, zu initiieren. So soll eine weitere Infiltration der USA durch Selbstmordattentäter verhindert werden. Alejandro (Benicio del Toro), der Anwalt, der nachdem seine Familie ermordet wurde, zum Killer wurde, soll ihm bei der Mission helfen. Zusammen entführen sie in Mexico City am helllichten Tag die zwölfjährige Tochter des Kartellbosses Reyes. Sie wollen die Tat einem anderen Kartellboss in die Schuhe schieben und so einen Krieg zwischen den Kartellen lostreten. Schnell läuft die Mission hoffnungslos aus dem Ruder.

Für „Sicario 2“ übernahm der Italiener Stefano Sollima die Regie. Der Italiener erarbeitete sich in den vergangenen Jahren mit den Gangsterserien „Romanzo Criminale“ und „Gomorrah“ und den Spielfilmen „ACAB: All Cops are Bastards“ und „Suburra“ einen glänzenden Ruf bei Thrillerfans. Und an ihm liegt es nicht, dass sein US-Debüt so enttäuscht. Er inszenierte effizient das zerfaserte Drehbuch von Taylor Sheridan. Denn wo „Sicario“ eine kluge Analyse des „war on drugs“ lieferte, verheddert sich „Sicario 2“ hoffnungslos zwischen Organisierter Kriminalität, Internationalem Terrorismus und dem US-Kampf dagegen. Da fehlt die analytische Schärfe von Sheridans früheren Arbeiten. Und die Story wirkt mit all ihren Wendungen niemals besonders glaubwürdig. Das beginnt schon mit der bescheuerten und unglaubwürdigen Idee, durch eine Entführung eines Kindes einen Krieg zwischen den Kartellen zu initiieren (als ob es nicht auch einfacher ginge) und so auch den islamistischen Terrorismus zu bekämpfen (als ob das so funktionieren würde). Und findet seine Fortsetzung in den verschiedenen Plotwendungen, die sich nicht aus der Geschichte ergeben (oder ich habe etwas verpasst), sondern vom Autor so gewollt sind. Um davon abzulenken, gibt es effizient inszenierte Action und Gewalt. Im Universum von „Sicario 2“ ist ein Mord ein probates Mittel, um ein Problem zu beseitigen oder eine Mutprobe zu überstehen.

Das klingt jetzt unglaublich negativ. Dabei ist „Sicario 2“ kein wirklich schlechter Film, aber angesichts des Inputs von Taylor Sheridan und Stefano Sollima ein enttäuschender Film, der mit einem überragenden Vorgänger zu kämpfen hat und der niemals zum Nachdenken anregt.

Sicario 2 (Sicario: Day of the Soldado, USA/Italien 2018)

Regie: Stefano Sollima

Drehbuch: Taylor Sheridan

mit Benicio del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner, Jeffrey Donovan, Catherine Keener, Manuel Garcia-Rulfo, Matthew Modine, Elijah Rodriguez

Länge: 123 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Sicario 2“

Metacritic über „Sicario 2“

Rotten Tomatoes über „Sicario 2“

Wikipedia über „Sicario 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von David Mackenzies „Hell or High Water“ (Hell or High Water, USA 2016) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan)

Meine Besprechung von Taylor Sheridans „Wind River (Wind River, USA 2017)

Meine Besprechung von Stefano Sollimas  „Romanzo Criminale – Staffel 1“

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Romanzo Criminale – Staffel 2“

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Suburra“ (Suburra, Frankreich/Italien 2015) (und der DVD)


TV-Tipp für den 20. Juli: Prince – Sign o‘ the Times

Juli 20, 2018

Arte, 23.25

Prince – Sign o‘ the Times (Prince – Sign o‘ the Times, Usa 1987)

Regie: Prince (= Prince Rogers Nelson), Albert Magnoli (ungenannt)

Drehbuch: Prince

Damals war der am 21. April 2016 überraschend verstorbene Prince everybody’s darling. Der Konzertfilm sollte seine Europatournee dokumentieren. Aber weil die Aufnahmen unbrauchbar waren, wurde das Konzert einfach in seinem Paisley-Park-Studio nachinszeniert.

Heute ist die TV-Premiere des inzwischen legendären Konzertfilms.

mit Prince, Cat Glover, Sheila E., Sheena Easton, Miko Weaver, Dr. Fink, Levi Seacer jr., Eric Leeds, Atlanta Bliss, Boni Boyer

Hinweise

Arte über „Prince – Sign o‘ the Times“

Rotten Tomatoes über „Prince – Sign o‘ the Times“

Wikipedia über „Prince – Sign o‘ the Times“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Endless Poetry“ von und mit Alejandro Jodorowsky als alter und junger Mann

Juli 19, 2018

https://vimeo.com/201049711

Das ist eine in jeder Beziehung erfreuliche Überraschung. Denn Alejandro Jodorowskys neuer Film „Endless Poetry“ feierte bereits 2016 in Cannes seine Premiere. Danach tourte er über die Festivals, wie das Filmfest München. Über eine deutsche Veröffentlichung war nichts zu hören. Dabei ist Jodorowsky kein Unbekannter. Sein weltweiter Durchbruch und größter Erfolg war 1970 der abgedrehte Western „El Topo“. 1973 folgte „Montana Sacra – Der heilige Berg“. Ein Fantasy-Film, der vor allem ein einziger psychedelischer Trip ist. Von einer auch nur irgendwie nachvollziehbaren Geschichte sprach da schon lange niemand mehr. Aber durch die vorherige Einnahme bewusstseinserweiternder Drogen war der Film damals im Kino sicher ein großer und dann auch sehr nachvollziehbarer Spaß. Weitere Filmprojekte folgten in großem Abstand . Andere zerschlugen sich. Legendär sind seine Vorarbeiten für eine Verfilmung von Frank Herberts „Der Wüstenplanet“. David Lynch verfilmte den Film dann als brave Auftragsarbeit. Alejandro Jodorowsky wurde derweil zum Comickünstler.

2013 präsentierte er in Cannes „The Dance of Reality“ (La Danza de la Realidad). Der Film ist der Auftakt zu einer autobiographischen Trilogie. In Deutschland wurde der Film nicht verliehen und auch nicht anderweitig veröffentlicht.

Endless Poetry“ ist der zweite Film der Trilogie, in der Jodorowsky sein Leben Revue passieren lässt. Mit aus dem ersten Film bekannten Schauspielern und vielen Familienmitgliedern vor und hinter der Kamera.

In „Endless Poetry“ entdeckt der am 17. Februar 1929 in Tocopilla, Chile, geborene Alejandro Jodorowsky schon als Kind seine Liebe zur Poesie. Er will sogar Dichter werden. Sein Vater, ein cholerischer und gewalttätiger Kaufmann lehnt das entschieden ab. Poesie sei etwas für Schwuchteln. Sein Sohn soll einmal das Familiengeschäft übernehmen. Aber Alejandro will einen anderen Weg gehen. Beginnend mit einigen Episoden aus Alejandros Kindheit und Jugend erzählt Alejandro Jodorowsky von seinem Eintauchen in die vibrierende Kunstszene von Santiago de Chile in den vierziger und fünfziger Jahren.

Endless Poetry“ ist ein farbiger, fantasievoller Bilderbogen voll surrealer Episoden, die als Erinnerungen immer subjektiv sind. Jodorowsky kümmert sich überhaupt nicht um die Frage, wie sehr diese und viele andere Episoden sich wirklich so zugetragen haben oder zugetragen haben könnten. Es geht um poetische Wahrheit. Und die ist hier immer vorhanden. Wenn der Faschismus sein autoritäres und kunstfeindliches Haupt erhebt, wenn Alejandros Mutter immer singt und er sich in die äußerst trinkfeste und schlagkräftige Dichterin Stella Díaz Varín verliebt, dann ist das näher bei Federico Fellini als bei einem handelsüblich-biederen Biopic. Jodorowsky erzählt hier Episoden aus den Jahren, in denen er als junger Mann die Welt der Kunst und die mit ihr verbundenen Freiheiten entdeckt. Es sind Jahre in denen, ohne an den nächsten Tag zu denken, alles möglich ist und alles ausprobiert wird: vom Sex über künstlerische Interventionen bei Veranstaltungen bis hin zum geraden Marsch durch die Stadt.

Und wenn der junge Alejandro an seinem Weg als Poet zweifelt, dann tritt der alte Alejandro Jodorowsky auf und gibt ihm kluge Ratschläge: „Das Leben hat keine Bedeutung, du musst es leben! Lebe! Lebe! Lebe!“

Der gesamte überaus zugängliche und lebensbejahende Film spielt im Kosmos verschiedener damals avantgardistischer Kunstbewegungen, die dann auch alle auf den Film und die einzelnen Episoden angewandt werden. Es ist ein herzerwärmender Surrealismus, dessen farbenprächtige Bilder auf die große Leinwand gehören.

Endless Poetry“ ist das Werk eines souveränen Künstlers, der als alter Mann altersweise auf sein Leben zurückblickt und der, das sieht man in jedem Bild des Films, im Herzen jung geblieben ist. Er ist immer noch voller Neugierde, Entdeckerfreude und überbordender Improvisationslust, die Budgetbeschränkungen als Herausforderungen ansieht und richtig altmodisches Kino macht, das problemlos auf am Computer erzeugte Bilder verzichten kann. Dafür werden Kulissen verschoben oder über die Straße geschoben.

1953, und damit endet „Endless Poetry“, verlässt Alejandro das immer autoritärer werdende Chile. Er geht nach Paris und der abschließende Teil von Jodorowskys Erinnerungs-Trilogie dürfte dann dort spielen.

Bis dahin ist „Endless Poetry“ der zugänglichste Einstieg in Jodorowskys surrealen Kosmos und auch einer der schönsten Filme des Sommers.

Endless Poetry (Poesía sin fin, Frankreich/Chile 2016)

Regie: Alejandro Jodorowsky

Drehbuch: Alejandro Jodorowsky

mit Adan Jodorowsky, Pamela Flores, Brontis Jodorowsky, Leandro Taub, Alejandro Jodorowsky, Jeremias Herskovits, Julia Avedaño, Bastián Bodenhöfer, Carolyn Carson, Adonis (ein echter Familienfilm)

Länge: 128 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Endless Poetry“

Metacritic über „Endless Poetry“

Rotten Tomatoes über „Endless Poetry“

Wikipedia über „Endless Poetry“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro Jodorowskys „Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)“ (2017)


TV-Tipp für den 19. Juli: Das fliegende Klassenzimmer

Juli 19, 2018

HR, 23.30

Das fliegende Klassenzimmer (Deutschland 1954)

Regie: Kurt Hoffmann

Drehbuch: Erich Kästner

LV: Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer, 1933

Das ist das Schöne am Sommer (neben dem Wetter und den vielen Touristen): Filme, die seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen liefen, werden aus den dunkelsten Ecken des Archivs geholt, abgestaubt und gezeigt. Heute ist es die erste Verfilmung von Erich Kästners Jugendbuchklassiker „Das fliegende Klassenzimmer“.

Die zweite Verfilmung des Romans von 1973 mit Joachim ‚Blacky‘ Fuchsberger begleitete, dank unzähliger Wiederholungen im TV, Generationen von Jugendlichen durch die Schule – und ich fragte mich, wann ich jemals das Original zu sehen bekäme.

Damals war der von Kurt Hoffmann, nach einem Drehbuch von Erich Kästner, inszenierte Film ein Hit.

Vergnügliche und warmherzige Verfilmung des Kinderromans von Erich Kästner mit unaufdringlicher Pädagogik.“ (Lexikon des internationalen Films)

Ein Film aus dem Märchenland der Schulzeit“ (Christa Bandmann/Joe Hembus: Klassiker des deutschen Tonfilms)

Kurt Hoffmann inszenierte auch „Quax, der Bruchpilot“, „Ich denke oft an Piroschka“, „Das Wirtshaus im Spessart“, „Wir Wunderkinder“ und „Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“.

mit Paul Dahlke, Heliane Bei, Paul Klinger, Peter Tost, Peter Kraus, Michael Verhoeven, Erich Ponto, Bruno Hübner, Knut Mahlke, Erich Kästner

Hinweise

Filmportal über „Das fliegende Klassenzimmer“

Wikipedia über „Das fliegende Klassenzimmer“

Meine Besprechung von Erich Kästners „Die verschwundene Miniatur“ (1935/2009)


Neu im Kino/Filmkritik: „Nico, 1988“ – am Ende ihres Lebens, immer noch vom Ruhm ihrer ersten Aufnahmen zehrend

Juli 18, 2018

Schon zu Lebzeiten hatte Nico eine treue Fangemeinde, deren Verhältnis zur Hitparade ganz einfach war: wenn der Song in den Charts ist, ist er Mist.

Neben der Fangemeinde, die sie kultisch verehrt – was ein höflicher Ausdruck für kaum vorhandene Plattenverkäufe und Auftritte in kleinen Locations ist -, kennt die breitere Öffentlichkeit Nico vor allem als Sängerin von Velvet Underground. So auch die Ein-Satz-Biographie bei AllMusic: „Model, actress, chanteuse, and former Velvet Underground frontwoman known for her sultry voice and ice-goddess presence.“ Dabei ist sie auf der ersten Platte von „Velvet Underground“ (die mit dem Bananen-Cover) nur bei den Songs „Femme Fatale“, „All tomorrow’s parties“ und „I’ll be your mirror“ zu hören. Und das auch nur, weil Produzent Andy Warhol das unbedingt wollte. Die Band – Lou Reed, John Cale, Sterling Morrison und Maureen ‚Moe‘ Tucker – hätte schon damals gerne auf das Model verzichtet.

Die am 16. Oktober 1938 in Köln als Christa Päffgen geborene Sängerin „stilisierte ihr kaum vorhandenes Diseusen-Talent zum Mysterium. Mit einer Wisperstimme, die in Bassregionen jenseits der Hörgrenze reichte, hauchte das ehemalige Fotomodell abstrakte Klagen und surrealistischen Weltschmerz zu delikater Orchesterbegleitung.“ (Barry Graves/Siegfried Schmidt-Joos/Bernward Halbscheffel: Das neue Rock-Lexikon, 1998)

Ihre ersten beiden Solo-LPs „Chelsea Girl“ (1967) und „The Marble Index“ (1968, produziert von John Cale) haben einen gewissen allgemein akzeptierten Klassikerstatus. Die beiden nachfolgenden, ebenfalls von Cale produzierten LPs „Desertshore“(1970) und „The End“ (1974) schließen an „The Marble Index“ an und sind fast unbekannt. Danach versandete die Karriere der Chanteuse. In den frühen Achtzigern wurde sie vom Gothic-Publikum wiederentdeckt und fortan kultisch verehrt.

Jetzt, dreißig Jahre nach ihrem Tod am 18. Juli 1988 auf Ibiza läuft „Nico, 1988“ in unseren Kinos an und der Film, der letztes Jahr auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig seine Premiere hatte, ist ein Denkmal der besonderen Art. Es ist eine Liebeserklärung an eine Sängerin, die letztendlich am Tiefpunkt ihres Lebens gezeigt wird; – was dann doch eine etwas seltsame, verquere und fast schon feindselige Liebeserklärung ist, die Nico wahrscheinlich genau deshalb gefallen hätte. Immerhin wird sie als eine Frau porträtiert, die kompromisslos ihre künstlerische Vision verfolgt und an ihrer aktuellen Arbeit gemessen werden will. Auch wenn die niemand hören will.

Susanna Nicchiarellis im heute ungewöhnlichen, hier sehr passendem 1.37:1 „Academy“-Filmformat gedrehtes Biopic „Nico, 1988“ beginnt mit einer Wohnungsbesichtigung einer etwas renovierungsbedürftigen Arbeiterwohnung in Greater Manchester, wo sie ihre letzten Jahre lebte. Während der Besichtigung zieht sie sich auf die Toilette zurück: um Geräusche aufzunehmen und Drogen zu konsumieren. Damit sind in den ersten Minuten die Themen des Films schon umrissen. Während Nico mit ihrer Band quer durch Europa und hinter den damals noch vorhandenen Eisernen Vorhang tourt, muss sie in Interviews immer wieder Fragen zu Velvet Underground und Andy Warhol beantworten. Dabei würde die launenhafte Diva, die nur noch ein Schatten ihrer früheren Schönheit ist, lieber über ihre aktuellen Klangexperimente reden.

Nico-Darstellerin Trine Dyrholm interpretiert bei den zahlreichen Auftritten von Nico und ihrer Band die Songs selbst. Die im Film ausführlich präsentierten Songs sind ein Best-of-Nico, inclusive der mit ihr verbundenen Velvet-Underground-Songs, in gemäßigt experimentellen, rockig mitreisenden Arrangements. Die Soundtrack-CD scheint es nur als Stream bzw. Download zu geben.

Zwischen den Konzerten konsumiert Nico Heroin. Sie, die in ihren jungen Jahren die Geliebte und Muse von ungefähr jedem angesagten Künstler war (von Alain Delon hat sie einen von ihm nie anerkannten Sohn), hat jüngere Liebhaber und erinnert sich schlaglichtartig an ihre Vergangenheit. Vor allem an ihre Zeit im Umfeld von Andy Warhol und ihre Kindheit in Berlin, das von den Alliierten bombardiert wird. Diese alptraumartigen Erinnerungen sind, so der Film, der Nukleus ihres künstlerischen Schaffens.

Aus diesen Episoden ergibt sich ein faszinierendes Porträt einer drogenabhängigen Künstlerin, die stur bis zu ihrem überraschenden, durch einen Fahrradsturz verursachten Tod, ihren Weg verfolgt.

Nico, 1988 (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017

Regie: Susanna Nicchiarelli

Drehbuch: Susanna Nicchiarelli

mit Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi, Karina Fernandez

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Nico, 1988“

Metacritic über „Nico, 1988“

Rotten Tomatoes über „Nico, 1988“

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico


TV-Tipp für den 18. Juli: Tatort: Rot – rot – tot

Juli 17, 2018

SWR, 22.00

Tatort: Rot – rot – tot (Deutschland 1978)

Regie: Theo Mezger

Drehbuch: Karl Heinz Willschrei

Kommissar Lutz sucht einen Serientäter, der im Stuttgarter Villenviertel Rothaarige erdrosselt. Als Julia Pfandler erdrosselt wird, glaubt Lutz, dass ihr Ehemann Dr. Konrad Pfandler (Curd Jürgens), ein hochintelligenter Versicherungsmathematiker, seine ihn betrügende Frau tötete und auch die anderen Morde begangen hat, um so von seiner Tat abzulenken.

Curd Jürgens, der heute immer noch (und vor allem?) als Bösewicht aus dem James-Bond-Film „Der Spion, der mich liebte“ bekannt ist, spielt auch hier einen Bösewicht mit guten Manieren.
„Rot – rot – tot“ ist ein spannender „Tatort“, der sich, wie damals üblich, auf den Fall, den Täter (der oft bekannt war) und das Motiv konzentriert, während das Privatleben des Kommissars privat bleibt. Dafür gibt es ein schönes Psychoduell zwischen Kommissar und Täter.

„Ehemann tötet Ehefrau aus Eifersucht – das ist die simple Quintessenz der Geschichte, und gerade auf der Grundlage dieser Banalität entfaltet sich die dramaturgische Raffinesse, die diesen ‚Tatort‘, ebenfalls kein Whodunit, (…) sehenswert macht.“ (Hans Krah: Sex & Crime, in Eike Wenzel, Herausgeber: Ermittlungen in Sachen ‚Tatort‘, 2000)

Ach ja, wenn heute mal wieder von „Tatort“-Zuschauerrekorden gesprochen wird. Bei der Erstausstrahlung sahen 26,57 Millionen Zuschauer „Rot – rot – tot“.

mit Werner Schumacher, Frank Strecker, Curd Jürgens, Renate Schroeter, Christian Berkel (dürfte sein Filmdebüt gewesen sein)

Wiederholung: Donnerstag, 19. Juli, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Lutz

Wikipedia über „Tatort: Rot – rot – tot“


Cover der Woche

Juli 17, 2018