The Sentinel – Wem kannst du trauen? (USA 2006, Regie: Clark Johnson)
Drehbuch: George Nolfi
LV: Gerald Petievich: The Sentinel, 2003
Aus den Reihen des Secret Service soll ein Attentat auf den Präsidenten geplant werden. Die Ermittlungen führen David Breckinridge zu seinem ehemaligem Freund Pete Garrison. Doch bevor er ihn verhaften kann, flüchtet Garrison. Garrison will auf eigene Faust den Verräter finden; falls er nicht vorher von Breckinridge erwischt wird.
Unterschätzter Thriller
Mit Michael Douglas, Kiefer Sutherland, Eva Longoria, Kim Basinger, Martin Donovan, David Rasche, Gloria Reuben, Clark Johnson
Der zweite Atem (Frankreich 1966, Regie: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
LV: José Giovanni: Un règlement de comptes, 1958 (später “Le deuxième souffle”, deutsch “Der zweite Atem”)
Der gerade aus dem Knast ausgebrochene Gu beteiligt sich an einem ausgeklügelten Raub. Aber danach laufen die Dinge, vor allem wegen falsch verstandener Ehrbegriffe, aus dem Ruder.
Ein weiteres Meisterwerk von Jean-Pierre Melville.
“Der beste Gangsterfilm der letzten Jahre entstand nicht in Hollywood, sondern in den Straßen von Paris.” (Sigrid Schmitt, Süddeutsche Zeitung)
“Le deuxième souffle ist Melvilles La règle du jeu. Hatte Renoir in seiner Satire eine Gesellschaft, die nur nach bestimmten Spielregeln funktionieren kann, als hohl entlarvt, weil sie sich auch dann noch an diese Regeln klammert, wenn sie sinnlos geworden sind, so führt Melville in seinem nach einem Roman von José Giovanni entstandenen Film diese Konventionen zu ihrer letzten Konsequenz. Der Mikrokosmos der Gangster, wie Renoirs Adlige und Diener Signifikat für die Gesamtgesellschaft, ist determiniert von Regeln, die notwendig zu Untergang und Tod führen.” (Hans Gerhold in Peter W. Jansen/Wolfram Schütte, Hrsg.: Jean-Pierre Melville)
Damals war es eine beliebte Übung der deutschen Verleiher, bei Melville-Filmen beherzt zur Schere zu greifen. Auch “Der zweite Atem” blieb davon nicht verschont. Über eine halbe Stunde wurde für den deutschen Kinostart 1968 aus dem Film entfernt. Arte zeigt natürlich die ungekürzte Version – und danach, um 22.40 Uhr zeigt der Sender Melvilles Glaubensdrama „Eva und der Priester“ (mit Jean-Paul Belmondo und Emmanuelle Riva).
mit Lino Ventura, Paul Meurisse, Raymond Pellegrin, Christine Fabrega, Michel Constantin, Marcel Bozzufi
Vier im roten Kreis (Frankreich 1970, Regie: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.
Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.
Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino.
Am Montag, den 27. November, zeigt Arte zwei weitere Melville-Meisterwerke: um 20.15 Uhr „Der zweite Atem“ und um 22.40 Uhr „Eva und der Priester“.
mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet
Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski
LV: Friedrich Dürrenmatt: Das Versprechen – Requiem auf den Kriminalroman, 1957
Kamera: Chris Menges
Musik: Hans Zimmer
Ein Polizist sucht nach seiner Pensionierung – zunehmend wahnhaft – einen Kindermörder. Als Beute für den Mörder wählt er ein Kind aus.
Grandiose, ruhige Studie über Alter und Einsamkeit. Penn hielt sich bei seiner Version an Dürrenmatts Buch „Das Versprechen“. Dürrenmatt schrieb es, nachdem er mit dem optimistischen Ende von „Es geschah am hellichten Tag“ (Deutschland 1958) unzufrieden war. Sogar die notorisch schwer zu begeisternde Ponkie schrieb: „Das Vorhersehbare eines Krimiklassikers – und die Brutal-Details eines grausamen Thrillers: ein respektables, aber nicht zwingend nötiges Remake.“ (AZ, 11. 10. 2001)
Mit Jack Nicholson, Patricia Clarkson, Benicio Del Toro, Mickey Rourke, Helen Mirren, Robin Wright Penn, Vanessa Redgrave, Sam Sheppard, Tom Noonan, Harry Dean Stanton, Aaron Eckhart
LV: Dennis Lehane: Animal Rescue, 2009 (erschienen in Dennis Lehane, Hrsg.: Boston Noir, Kurzgeschichte)
Bob ist etwas langsam und arbeitet als allseits beliebter Barkeeper in der Bar von seinem Vetter Marv, die von der Mafia auch als Ablageort für Bargeld benutzt wird. Als einige Gangster die Bar überfallen und das Geld stehlen, beginnen die Mafia und die Polizei die Diebe zu suchen. Zur gleichen Zeit lernt Bob Nadia kennen.
Langsam erzählter, in Brooklyn spielender Gangsterfilm, der sich mit seiner hochkarätigen Besetzung förmlich in der Atmosphäre suhlt.
mit James Gandolfini, Tom Hardy, Noomi Rapace, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector, Michael Esper, Ross Bickell, James Frecheville, Tobias Segal, Patricia Squire, Ann Dowd
Emotionale Wucht hat Kathryn Bigelows neuer Film „Detroit“ unbestritten. Sie zeichnet, wieder mit Drehbuchautor Mark Boal, die mehrtägigen Rassenunruhen in Detroit im Juli 1967 nach, bei denen 43 Menschen starben. 33 von ihnen waren Afroamerikaner. 24 von ihnen wurden von Polizisten und National Guardsmen erschossen.
Im Mittelpunkt des 144-minütigen Films stehen die fast in Echtzeit geschilderten Ereignisse im Algier Motel in der Nacht vom 25. zum 26. Juli. Wir sind mit den Akteuren in einem Hotelflur und ein, zwei Zimmern eingesperrt. Die Anspannung und Angst sind spürbar. Auch weil die weißen Polizisten gnadenlos ihre Macht gegenüber den afroamerikanischen Verdächtigen und den zwei weißen jungen Frauen ausnutzen und auch einige von ihnen töten.
Allerdings begeht Bigelow in „Detroit“ die gleichen Fehler wie in „Zero Dark Thirty“. Sie verwendete auch die gleiche Struktur. Wieder verhindert die rein deskriptisch-dokumentarische Bearbeitung des Themas eine Analyse. Wieder kann es, gewollt oder ungewollt, leicht zu Fehlschlüssen kommen. In „Zero Dark Thirty“ war das die Legitimierung von Folter. In „Detroit“ ist das die Konzentration auf einen Polizisten als Täter und das Fehlen der Vorgeschichte der Rassenunruhen. Der Film beginnt mit einer Polizeirazzia in einem illegalen Club, bei dem weißen Polizisten sich im Rahmen der Gesetze bewegen. Diese Razzia war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Gründe für die Unruhen waren allerdings der Mangel an bezahlbarem Wohnraum für Afroamerikaner als Folge von Stadterneuerungsprojekten und die vorherrschende, rassistisch motivierte Polizeigewalt. Die Polizei bestand fast ausschließlich aus weißen Männern.
Im Film ist die Razzia die Begründung für die durchgehend von Afroamerikanern ausgehende Gewalt und Plünderungen. Dagegen versuchen die Weißen, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Dieses Setting führt dazu, dass die gesamte Vorgeschichte, die damalige Stimmung, der strukturelle Rassismus und die Machtverhältnisse ausgeblendet werden.
Auch bei den Ereignissen im Algier Motel bleibt diese Zuordnung von Täter und Opfer vorhanden. So ist Philip Krauss zwar ein paranoider Rassist, der seine Macht auskostet und die anderen Polizisten zu Mittätern macht. Er hat auch vorher einen Afroamerikaner durch einen Schuss in den Rücken schwer verletzt. Aber der Afroamerikaner war ein Plünderer und er flüchtete. Krauss hat auch Angst vor den Afroamerikanern und er ist eindeutig überfordert. Als er und seine Kollegen in das Motel stürmen, reagierten sie auf Schüsse aus dem Hotel auf sie (mit einer Startpistole für Wettkämpfe). Sie wollen einen Scharfschützen (den es nicht gibt) verhaften. Sie reagieren über. Sie nutzen auch ihre Macht aus und genießen es. Aber durch die im Film gezeigte Vorgeschichte erscheinen die Opfer dann als Täter und die Täter als die Opfer der Umstände.
Immer wieder leisten Bigelow und Boal in ihrem Film durch die Auswahl und Anordnung der akribisch recherchierten Fakten der Rationalisierung Vorschub, dass die Gewalt grundlos von den Afroamerikanern ausging und die weißen Polizisten nur das Richtige tun wollten. Sie ignorieren den Kontext. Über die Hintergründe der tagelangen Gewaltexplosion, die gesellschaftliche Situation und Strukturen erfährt man nichts. Entsprechend eruptiv und aus dem Nichts erfolgen die Gewalttätigkeiten.
So ist „Detroit“ brillant inszeniert als Terrorkino, aber analytisch so oberflächlich, dass es einfach ärgerlich ist.
Detroit (Detroit, USA 2017)
Regie: Kathryn Bigelow
Drehbuch: Mark Boal
mit John Boyega, Anthony Mackie, Will Poulter, Algee Smith, Samira Wiley, John Krasinski, Hannah Murray, Jacob Latimore, Jason Mitchell
„Manifesto“ funktioniert als Leistungsschau von Cate Blanchett prächtig. Als Film höchstens mittelmäßig. Das liegt daran, dass Film- und Videokünstler Julian Rosefeldt für „Manifesto“ Blanchett zwölf verschiedene Rollen spielen und dabei Ausschnitte aus unzähligen Manifesten vortragen lässt. Erst im Abspann erfährt man, welche Texte in welchen Filmsegmenten vorgetragen wurden. Bis dahin sind sie nur mehr oder weniger passende Textbausteine unbekannter Herkunft, die mehr oder weniger stark im Widerspruch zu der Filmszene sind. Das ist, wenn Worte, Bilder und Situationen zu sehr auseinanderklaffen, absurd und amüsant. Wenn, zum Beispiel, eine Lehrerin sichtlich überforderten Grundschülern mit ernster Stimme sagt: „Nichts ist originär. Klaut von allem, was euch inspiriert oder eure Fantasie anregt.“ Aber oft ist es nur ein intellektuelles Schattenspiel, das dem Zuschauer alle Informationen zu einem tieferen Verständnis vorenthält.
So trägt ein Obdachloser (Blanchett) Manifeste des Situanismus vor, eine Börsenmaklerin (wieder Blanchett) des Futurismus, eine Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage (wieder Blanchett) der Architektur, eine Geschäftsführerin bei einem privaten Empfang (wieder – na, so langsam dürft ihr es begriffen haben) des Vortizismus, Blauer Reiter und Abstrakten Expressionismus, eine tätowierte Punkerin des Estridentismus und Kreationismus, eine Wissenschaftlerin des Suprematismus und Konstruktivismus, eine Trauerrednerin des Dadaismus, eine Puppenspielerin des Surrealismus und Spatialismus, eine konservative Mutter mit Familie der Pop Art, eine Choreographin des Fluxus, Merz und Performance, eine Nachrichtensprecherin und Reporterin der Konzeptkunst und des Minimalismus, und eine Lehrerin der Filmkunst. Dabei nimmt sich Rosefeldt aus den einzelnen Manifesten die Sätze, die ihm gefallen und er montiert sie zu einem neuen Metatext, der dann interessant ist, wenn man die Texte, ihre philosophischen und historischen Hintergründe kennt und so auch bemerkt, wo sie überraschende Gemeinsamkeiten oder unüberbrückbare Unterschiede in ihrem Theoriegebäude und ihrer Weltanschauung haben; – falls man die Theoriegebäude überhaupt kennt.
In der hier gewählten Version eines Spielfilms funktioniert das eher nicht. In einer Ausstellung als Filminstallation (und das war „Manifesto“ in seiner ersten Präsentationsform) funktioniert so etwas besser; wenn man die einzelnen Filmsegmente als Startpunkt für eine tiefere Beschäftigung mit den Autoren und ihren Theoriegebäuden sieht. In einer Ausstellung sind diese Informationen normalerweise vorhanden. Im Kino nicht.
So ist „Manifesto“ eine Versuchsanordnung, die zeigt, wie wandlungsfähig Cate Blanchett ist. Auch wenn man weiß, dass sie alle Rollen spielt, muss man manchmal zwei-, dreimal hinsehen, um sie zu erkennen.
Gedreht wurde der Film an elf Drehtagen in Berlin und der näheren Umgebung.
Aus dem benachbarten Frankreich kommt die „Operation Duval – Das Geheimprotokoll“. François Cluzet spielt den Unternehmensberater Duval, der nach einem überstandenen Burn-Out wieder Arbeit sucht. Nur eine mysteriöse Firma bietet ihm einen Job an. In einem leeren Apartment soll er, ohne auf den Inhalt zu achten, Telefongespräche transkribieren. Dabei muss er viele Regeln zu seinen Arbeitszeiten und seinem Verhalten in der Wohnung (kein Lärm, nicht rauchen, nicht am Fenster stehen) exakt einhalten. Eines Tages hört er auf einem der Tonbänder einen Mord. Ein sich nicht an die Regeln haltender Kollege taucht auf und Duval beginnt Fragen zu stellen. Über seinen Arbeitgeber. Über den Inhalt der Tonbänder.
In „Operation Duval“ erzählt Thomas Kruithof in seinem Spielfilmdebüt eine klassische Verschwörungsgeschichte. Denn selbstverständlich ist der allein lebende Duval der perfekte Kandidat für diesen Job und ebenso selbstverständlich stolpert er durch seine Neugierde in ein politisches Komplott, das er nie vollständig überblickt.
Kruithofs Film ist ein hübscher kleiner Noir, bei dem man, schon nachdem Duval das erste Tonband abgehört hat, keinen Cent auf sein Überleben wetten möchte. Dabei sind die ersten Tonbänder scheinbar vollkommen harmlos.
Operation Duval – Das Geheimprotokoll (La Mecanique de l’ombre, Frankreich 2016)
Regie: Thomas Kruithof
Drehbuch: Thomas Kruithof
mit François Cluzet, Alba Rohrwacher, Denis Podalydes, Sami Bouajila, Simon Abkarian
1973 fordert Bobby Riggs Billy Jean King heraus. Der 55-jährige Riggs, ein Wimbledon- und US-Open-Gewinner, behauptet, die beste Tennisspielerin der Welt in einem Match schlagen zu können. King, die sich schon lange für gleiche Bezahlung aller Tennisspieler einsetzt und die aus Protest gegen die ungleiche Bezahlung eine eigene Frauenliga gründete, nimmt nach langem Zögern die Herausforderung an.
„Battle of the Sexes“, von den „Little Miss Sunshine“-Regisseuren Valerie Faris und Jonathan Dayton inszeniert, lässt die frühen siebziger Jahre wieder stilecht auferstehen und gewinnt dem Duell der Geschlechter viele humoristische Facetten ab. Vor allem weil Riggs ein Showman ist, der immer ein riesiges Spektakel inszeniert.
Allerdings interessieren Faris und Dayton sich mehr für die Liebesgeschichte zwischen King und der jungen Friseurin Marilyn Barnett, die sie auf ihrer Frauentennistour durch die USA kennen lernt und mitnimmt. Schließlich, da sind sich die Frauen der Virginia-Slims-Tournee (zur Förderung des Damentennis) einig, geht nichts über einen guten Haarschnitt.
Billy Jean King gewann in Wimbledon zwanzig Titel. Sie steht auf dem siebten Platz der Rekord-Grand-Slam-Siegerinnen im Damen-Einzel. 2009 erhielt sie von US-Präsident Barack Obama die Presidential Medal of Freedom für ihr Engagement für die Rechte der LGBT-Gemeinschaft.
Battle of the Sexes – Gegen jede Regel(Battle of the Sexes, USA 2017)
Regie: Valerie Faris, Jonathan Dayton
Drehbuch: Simon Beaufoy
mit Emma Stone, Steve Carell, Chris Evans, Sarah Silverman, Bill Pullman, Andrea Riseborough, Alan Cumming, Elisabeth Shue
Katja Sekercis Mann und ihr gemeinsamer Sohn sterben bei einem Nagelbombenattentat in Sekercis Ladengeschäft. Schnell werden die beiden Täter, ein junges Neonazi-Paar, erwischt. Als die, immerhin ist Hark Bohm Co-Autor, erstaunlich grotesk verlaufende Gerichtsverhandlungen anderes endet, als Katja es erwartete, entschließt sie sich zur Rache.
Die Inspiration für Fatih Akins neuen Film „Aus dem Nichts“ waren die Taten des NSU-Trios. Er nennt seinen Film, der sich auf die für diese Rolle beim Filmfestival in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnete Diane Kruger in ihrem ersten deutschsprachigen Film konzentriert, eine Rachefantasie. Dummerweise ist es keine Rachefantasie wie Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, in der die Opfer sich, auch fernab jeglicher historischen Wirklichkeit, selbst ermächtigen, Richter und Henker zu sein. Dann kann ein Film eine Katharsis sein. Akin, dessen Filme ja eigentlich immer kraftvolle, nie mit Emotionen geizende Statements sind, scheint der perfekte Regisseur für eine Rachefantasie der Opfer des Neonazi-Terrors zu sein. Aber am Ende fehlt „Aus dem Nichts“ die ungebremste emotionale Wucht und Subjektivität, die nötig wäre, um über die Merkwürdigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten des Drehbuchs hinwegzusehen.
Aus dem Nichts (Deutschland 2017)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Hark Bohm (Co-Autor)
mit Diane Kruger, Denis Moschitto, Johannes Krisch, Samia Chancrin, Numan Acar, Ulrich Tukur
mit Gina Carano, Michael Fassbender, Ewan McGregor, Bill Paxton, Channing Tatum, Antonio Banderas, Michael Douglas, Michael Angarano, Mathieu Kassovitz, Anthony Wong
Als der Heyne Verlag 2005 Tom Franklins Debütroman „Die Gefürchteten“ (Hell at the Breech, 2003) veröffentlichte, hätte der Verlag gleich danach Franklins zweiten Roman veröffentlichen können. Zum Beispiel in der Hardcore-Reihe.
Aber er tat es nicht und jetzt ist „Smonk“ bei pulp master erschienen. Es geht um „die skabrösen Abenteuer von E. O. Smonk & der Hure Evavangeline im Clarke County, Alabama zu Beginn des letzten Jahrhunderts“. So der altertümlich längliche Untertitel von „Smonk oder Stadt der Witwen“.
Der Rest ist dann überhaupt nicht altertümlich. Eugene Oregon Smonk ist ein einäugiger, schießwütiger Farmer, Tyrann und, vielleicht, die Ausgeburt des Teufels. Jedenfalls ist er das Schlimmste, was dem kleinen, gottverlassenen Dorf Old Texas zustoßen konnte. Eine Gerichtsverhandlung gegen ihn beendet er schnell, indem er die halbe Dorfbevölkerung ermordet und den Tatort verlässt. Ein sehr kleiner, mäßig motivierter Lynchmob nimmt die Verfolgung auf.
Währenddessen hurt die fünfzehnjährige Evavangeline quer durch den Wilden Westen. In Shreveport stürmt während des Geschlechtsverkehrs eine Gruppe christlicher Deputys das Hotelzimmer. Sie kann durch einen Sprung aus dem Zimmer entwichen, aber weil die Deputys sie für einen Mann halten, beginnen sie sie quer durch das Land zu verfolgen. Denn Sex unter Männern ist noch viel sündhafter als Sex mit einer Frau. Auf ihrer Flucht trifft Evavangeline auf einen Jungen aus Old Texas, der Smonks Mordorgie für seine Flucht aus dem Kaff benutzen möchte, und eine Schar Kinder, die sie beschützen soll.
Nach einigen Umwegen und vielen Rückblenden, reiten alle Beteiligten in Richtung Old Texas.
„Smonk“ ist ein wahrhaft wilder Ritt, über den Tom Franklin sagt: „Das Schreiben war wie Masturbieren – es fühlt sich großartig an, aber gleichzeitig fühlt man sich schuldig – es war zu gewalttätig, es war zu schräg, es wurde zu viel gefurzt und es gab zu viel Sex.“
Die Rohfassung entstand in zehn Tagen. An den nächsten zehn Tagen fügte Franklin zwanzig Seiten pro Tag hinzu. Die Überarbeitungen dauerten dann anderthalb Jahre, ohne die Wucht der ersten Fassung in geordnete Bahnen zu lenken.
Immer noch ist Franklins unbändiger Spaß beim Erzählen spürbar, immer noch springt die Geschichte zwischen Gegenwart und Vergangenheit und immer noch ist sie in erster Linie eine endlose Aneinanderreihung von grotesken Situationen, garniert mit vielen Morden und Samenergüssen. Das erinnert dann an Free Jazz in seiner freiesten Form. Und auch in „Smonk“ ist für den Verursacher die unmittelbare Äußerungen seiner Gedanken und Gefühle, ohne auf irgendwelche irgendwie einschränkenden Regeln achten zu müssen, befreiender und spannender als für den Rezipienten. Jedenfalls stellte sich bei mir beim Lesen von „Smonk“ ziemlich schnell ein Gefühl gepflegter Langeweile ein. In der Geschichte gibt es keine Entwicklung und kein Ziel, sondern nur noch einen Mord, noch einen Samenerguss und noch eine Geschmacklosigkeit.
Franklins dritter, mit dem Gold Dagger ausgezeichneter Roman „Krumme Type, Krumme Type“ (Crooked Letter, Crooked Letter, 2010) erscheint demnächst bei pulp master und weil er in Baden-Württemberg zur Schullektüre erhoben wurde (natürlich in der Originalausgabe), dürfte die Übersetzung bald erscheinen.
Die Unbestechlichen – The Untouchables (USA 1987, Regie: Brian De Palma)
Drehbuch: David Mamet
Grandioser Gangsterfilm über den Kampf von Eliot Ness und seiner unbestechlichen Mitstreiter gegen Al Capone.
„Mit der ihm eigenen formalen Brillanz hat Brian De Palma diesen authentischen Fall inszeniert. Seine Liebe zum Detail, ausgeklügelte Kamerafahrten und Einstellungen, Ennio Morricones emotionaler Soundtrack und die lakonisch-präzise Charakterisierung der Personen machen den Film zu einem Augen- und Ohrenschmaus.“ (Fischer Film Almanach 1988)
Sean Connery gewann den Oscar als bester Nebendarsteller.
Mit Kevin Costner, Robert de Niro, Sean Connery, Charles Martin Smith, Andy Garcia, Jack Kehoe
Das kann man tagespolitisch sehen, muss man aber nicht: das Cover der gerade erschienenen Neuausgabe von „Zu viele Köche“; einem der ersten Fälle von Privatdetektiv Nero Wolfe.
Während einer Tagung von fünfzehn Meisterköchen wird ein Koch ermordet. Nero Wolfe und Archie Goodwin, sein Dr. Watson, suchen den Mörder, der wahrscheinlich einer der anderen Köche ist.
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Rex Stout: Zu viele Köche – Ein Fall für Nero Wolfe
(vollständig neu übersetzt von Simone Salitter und Gunter Blank, mit einem Nachwort von Tobias Gohlis)
Weil Jasmine es unerträglich fände, von ihren Freundinnen aus der New Yorker Oberschicht an der Kasse gesehen zu werden, quartiert sie sich nach der Totalpleite ihres Mannes in San Francisco bei ihrer Schwester Ginger ein. Die bodenständige Ginger will Jasmine helfen, aber sie lebt in ihrer eigenen Traumwelt.
TV-Premiere eines von der Kritik abgefeierten Woody-Allen-Films vier Jahre nach dem Kinostart zu einer unmöglichen Uhrzeit.
Zum Kinostart meinte ich zu diesem um eine quirlige Schwester und etwas Wirtschaftskrimi angereichertes Quasi-Remake von Amos Kolleks „Sue – Eine Frau in New York“: „ein etwas zwiespältiges Vergnügen, trotz der gewohnt grandiosen Schauspieler und der gut gespielten Szenen, die mal mehr auf die Mike-Leigh-Schule, mal mehr in Richtung Ingmar Bergman, auch etwas in Richtung High-Society-Satire schielen und alle im Woody-Allen-Kosmos grundiert sind.“
mit Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin, Peter Sarsgaard, Louis C. K., Bobby Cannavale, Michael Stuhlbarg, Andrew Dice Clay, Max Casella, Alden Ehrenreich, Tammy Blanchard
In der Hitze der Nacht (USA 1967, Regie: Norman Jewison)
Drehbuch: Sterling Siliphant
LV: John Ball: In the heat of the night, 1965 (In der Hitze der Nacht)
In einem Südstaatenkaff müssen ein weißer, reaktionärer Sheriff und ein afroamerikanischer Kollege einen Mord aufklären.
John Balls hochgelobter, erfolgreicher Roman war der erste Auftritt eines afroamerikanischen Polizisten als Sympathieträger. Ball wollte damit zur Verständigung zwischen den Rassen beitragen. Außerdem reflektierte er in seinem Krimi die damaligen politischen Kämpfe des Civil Rights Movements in den Südstaaten.
Die enorm erfolgreiche Verfilmung erhielt fünf Oscars, unter anderem als bester Film des Jahres. Aus heutiger Sicht ist „In der Hitze der Nacht“ ein extrem naives und einseitiges Bekenntnis zur Rassenversöhnung (etwas guter Wille und schon geht’s) und ein technisch gut gemachter Whodunit. Wie ein Blick nach Trump-Land zeigt, ist das Thema immer noch aktuell.
Mexiko, 1913: Zwei Verbrecher, einer davon ist ein Sprengstoffexperte, werden während des Bürgerkriegs zu Helden wider Willen und jagen einiges in die Luft.
Der weitgehend unbeachtete (und ungeliebte) Mittelteil von Leones Amerika-Trilogie, die mit „Spiel mir das Lied vom Tod“ begann und mit „Es war einmal in Amerika“ endete, bietet in erster Linie rauhe Unterhaltung mit einem starken Schuss Comedy.
mit Rod Steiger, James Coburn, Romolo Valli, Maria Monti, Rik Battaglia
Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Frederik Schulz
Eine Nacht in Berlin: vier Jungs treffen eine Spanierin. Sie zeigen ihr ihren Kiez, reden mit ihr, nehmen sie zu einem Banküberüberfall mit, der schiefgeht und müssen flüchten.
Inzwischen dürfte der große Clou von Schippers Film bekannt sein: er drehte die Liebes- und Gangstergeschichte ohne einen einzigen Schnitt.
Dafür hat Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, der mit der schweren Kamera die Protagonisten an all die Orte begleiten musste, ein Extra-Lob verdient.
Das Bild, dass die westliche Bevölkerung vom Iran hat ist immer sehr verzerrt und voller Klischees. Es ist geprägt durch Stereotypen, die von „1001 Nacht“ bis zum nuklearen Disput mit dem strengen islamischen Regime reichen. Aber die Realität, die man auf den Straßen Teherans erlebt ist vielfältiger. Frauen im Iran haben oft einen besseren Bildungsgrad als Männer und eine viel sichtbarere Rolle im täglichen Leben als in vielen anderen Islamischen Ländern, wie z. B. Saudi-Arabien. Aber es gibt nicht die eine moderne iranische Frau. Es gibt viele Typen, von der religiösen Fundamentalistin bis zur westlich geprägten Feministin. Natürlich hat letztere nicht die Möglichkeit, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Mein besonderes Interesse galt der Rolle der Frau im gesellschaftlichen Spiel der Tugenden. Sie sind diejenigen, die am meisten leiden. Von Frauen wird grundsätzlich erwartet, dass sie sich selbst und ihren Kindern Regeln und Tabus auferlegen, die ihre Freiheit und die der nächsten Generation eingrenzen.
Ali Soozandeh (Regie, Drehbuch)
Teheran ist die Hauptstadt der Islamischen Republik Iran, eines weltpolitisch nicht unumstrittenen Gottesstaates. Wenn man sich „Teheran Tabu“ ansieht, ist Teheran auch eine erstaunlich normale Millionenstadt, in der es alles gibt, was es in jeder anderen Großstadt auch gibt. Allerdings unter einem repressiven religiösen Regime, in dem alles, was mit Sex zu tun hat, hinter zugezogenen Vorhängen stattfindet und Frauen vollkommen vom Wohlwollen ihrer Männern abhängig sind.
Pari hat einen fünfjährigen, stummen Sohn. Ihr im Gefängnis sitzender Mann weigert sich, die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Er zahlt auch keinen Unterhalt. Paris einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen, ist die Prostitution. Immerhin bietet ihr ein angesehener Richter an, ihre Scheidung anzuerkennen, wenn sie seine Liebhaberin wird. Er quartiert er sie in einer ihm gehörenden Mietwohnung ein.
Im gleichen Haus lebt Sara, die nach zwei Fehlgeburten wieder schwanger ist. Ihre tiefgläubige Schwiegermutter (ein rechter Hausdrache) ist begeistert. Sara hätte wohl nichts gegen eine Abtreibung. Außerdem möchte sie dem Leben als gutsituierte, fügsame Hausfrau entkommen. Sie hat sich auf einen Job beworben. Jetzt benötigt sie nur noch die Einverständniserklärung ihres Mannes, ohne die sie die Arbeit nicht aufnehmen darf. Der weigert sich.
Und dann ist da noch Donya. Nach einem One-Night-Stand mit Babak ist ihr Jungfernhäutchen zerstört. Aber ihr künftiger Mann besteht darauf, eine Jungfrau zu heiraten. Babak versucht ihr zu helfen. Aber als Student hat er selbst kein Geld.
Diese drei Geschichten verknüpft Ali Soozandeh, ein seit über zwanzig Jahren in Deutschland lebender Iraner, in seinem Spielfilmdebüt zu einem Sittengemälde Teherans und der dort stattfindenden alltäglichen Unterdrückung von Frauen.
Dabei war vieles, was er für den Iran zeigt, vor wenigen Jahren auch bei uns verboten. So durften in Deutschland bis 1977 Frauen ohne die Erlaubnis ihres Mannes nicht arbeiten. Bis 1958 hatte der Ehemann das alleinige Bestimmungsrecht über Frau und Kinder inne. Sie durften kein eigenes Bankkonto haben und waren bis 1969 nicht geschäftsfähig. In Bayern mussten Lehrerinnen, wie Priester, zölibatär leben. Für außer- und vorehelichen Geschlechtsverkehr galten ähnlich rigide Vorstellungen. Und bis in die siebziger Jahre war Kuppelei, vor allem wegen der Gefahr der Unzucht, strafbar. Entsprechend schwierig war es für Verliebte, ungestört zusammen zu sein. Im damaligen Kino wurde all das normalerweise ignoriert.
In „Teheran Tabu“ wird es, teilweise in expliziten Bildern, gezeigt. Soozandeh zeigt die die gesamte Gesellschaft durchziehende Doppelmoral, das Schweigen, die Lügen, die Heimlichtuerei und die Vermeidungsstrategien der von der Unterdrückung ihrer Gefühle und Triebe betroffenen Frauen und Männer. Er zeigt auch, wie andere iranische Regisseure, dass nicht alle den Regeln der religiösen Gesetzesgeber folgen wollen und können.
Soozandeh drehte den Film im Rotoskopie-Verfahren, in dem echte Schauspieler die Szenen spielen, die dann so bearbeitet werden, dass sie wie ein Animationsfilm aussehen. Der banale Grund dafür war, so Soozandeh, dass er nicht in Teheran drehen konnte und andere Städte nicht wie Teheran aussähen. Insofern war die Verwendung des Rotoskopie-Verfahren am Anfang eine Notlösung, die am Ende zum Gelingen des Films beiträgt. Denn weil man die echten Gesichter der Schauspieler nicht sieht, erkennt man in ihren gemalten Gesichtern und den atmosphärischen Stadtansichten eher die Gemeinsamkeiten zwischen Teheran und anderen Großstädten.
Teheran Tabu (Deutschland/Österreich 2017)
Regie: Ali Soozandeh
Drehbuch: Ali Soozandeh
mit Elmira Rafizadeh, Zar Amir Ebrahimi, Arash Marandi, Bilal Yasar
Erin Brockovich – Eine wahre Geschichte (USA 1999, Regie: Steven Soderbergh)
Drehbuch: Susannah Grant
Erin Brockovich ist eine wandelnde Katastrophe: keine Ausbildung, drei Kinder, alleinerziehend, quasi pleite, nicht auf den Mund gefallen und mit Kleidungsvorstellungen, die nicht eine Anwaltskanzlei passen. Dennoch hilft sie in der Kanzlei von Ed Masry aus und stößt zufällig auf einen Umweltskandal, in den sie sich verbeißt. Der Fall wird zu einem der größten Schadenersatzprozesse der USA.
Auf einem wahren Fall beruhende, märchenhafte David-gegen-Goliath-Geschichte, die Soderbergh locker-leicht inszenierte. Er landete damit einen Kassen- und Kritikererfolg.
„Soderbergh (…) gibt einem jedenfalls den Glauben an Hollywood wieder. Als ich das Kino verließ, dachte ich: It’s a wonderful life!“ (Hans Schifferle, Schnitt 2/2000)
Julia Roberts erhielt einen Oscar als beste Hauptdarstellerin. Außerdem war der Film in den Kategorien „Bester Film“, „Beste Regie“, „Bestes Drehbuch“ und „Bester Nebendarsteller“ (Albert Finney) nominiert.
Außerdem war Susannah Grants Drehbuch für den Edgar Allan Poe Award und den Preis der Writers Guild of America nominiert.
mit Julia Roberts, Albert Finney, Aaron Eckhart, Marg Helgenberger, Cherry Jones, Peter Coyote, Erin Brockovich (Cameo als Kellnerin)