Neu im Kino/Filmkritik: „The Florida Project“ – kein Geld im Paradies, trotzdem eine Menge Spaß

März 19, 2018

Täglich fahren hunderte Touristen über den Highway 192 nach Disney World. Vorbei an Dutzenden Billigmotels, in denen nicht andere Touristen, die ebenfalls Disney World besuchen wollen, übernachten, sondern Menschen leben, die durch das in den USA sehr dünne soziale Raster gefallen sind. Täglich bringen sie die 38 Dollar Miete für die nächste Nacht im „The Magic Castle Motel“ auf. Oder sie sind ein, zwei Nächte, bis sie wieder Geld haben, obdachlos. Wobei Motel-Manager Bobby (Willem Dafoe) ein Herz für seine Stammbewohnerinnen und ihre Kinder hat. Da dehnt er die Regeln ab und an etwas, während er den Laden in Schuss hält.

Im Mittelpunkt von Sean Bakers neuem Film „The Florida Project“ stehen dann einige der Motelbewohnerinnen, die sich mit Gelegenheitsjobs, Diebstählen, Verkauf von Hehlerware, Prostitution und Betteleien über Wasser halten, wenn sie sich nicht gerade am Swimming-Pool sonnen oder in einem Motelzimmer fern sehen. Sie sind zwar Mütter, aber selbst noch fast Kinder. Und Kindererziehung ist ein Fremdwort für sie. Das erledigt Bobby als Ersatzvater mit liebevoller Strenge.

Die meiste Zeit tun die sechsjährige Moonee (Brooklyn Kimberly Prince), ihr Freund Scooty (Christopher Rivera) und die neuen Freundin Jancey (Valeria Cotto), die wenige Meter weiter in einem anderen Motel wohnt, das, was Kinder tun: sie erkunden die Gegend, schnorren Eis, spielen, toben herum und nerven die Erwachsenen.

Baker stellt sie in den Mittelpunkt seines neuen Films. Er folgt ihnen auf Augenhöhe. Für Moonee, Scooty und Jancey ist die Gegend der Billigmotels, der abgewrackten Imbisse und Ruinen, die in Florida immer noch gut aussehen, und der nahe liegenden Sümpfe ihre Welt und ihr sommerlicher Abenteuerspielplatz. Hinter jeder Ecke kann ein neues Abenteuer lauern. Außerdem muss man Jancey ja alles mögliche im Motel und um das Motel herum zeigen. Und Jancey will Moonee ebenfalls ihre Welt zeigen.

Baker erzählt den Film durch die Augen der drei Kinder, die die Welt voller neugieriger Entdeckerfreude erkunden. Es ist auch der kindliche Blick, der aus „The Florida Project“ etwas Besonderes macht. Denn er kennt keine Vorurteile. Er verurteilt nicht. Er hat auch kein Bedauern mit den Erwachsenen und den Kindern. Er analysiert nicht. Er zeigt nur, wie Menschen, die durch das soziale Netz gefallen sind, überleben, während sie teils keine Hilfe haben wollen, teils keine Hilfe bekommen, weil sich niemand um sie kümmert. Und er zeigt auch die Probleme die sie haben und in welchem Teufelskreis sie stecken. Ohne etwas sozialpädagogisch zu erklären oder eine Disney-Lösung zu haben.

Sean Baker sieht sein Drama als moderne Version der Kleinen Strolche. „In diesen Comedy-Kurzfilmen, die Hal Roach in den Zwanziger- und Dreißigerjahren produzierte, ging es um Kinder, die während der Großen Depression in einer prekären Situation aufwachsen. Ihre ökonomische Situation war die Kulisse für die Filme – im Mittelpunkt standen aber die aberwitzigen und urkomischen Abenteuer, die die Kinder erlebten.“ (Sean Baker) Daneben orientierte Baker sich an europäischen Filmen mit Kindern, wie „Kes“ von Ken Loach, „Ponette“ von Jacques Doillon und die TV-Miniserie „Kindkind“ von Bruno Dumont. Er hätte auch noch „Jack“ von Edward Berger nennen können. Amerikanische Filme mit Kindern seien ihm oft zu künstlich. „Ich wollte die Kinder in meinem Film so agieren lassen, wie sie eben sind. Ihnen in langen Einstellungen zusehen und sie einfach Kinder sein lassen.“ (Sean Baker)

Ein Kinderfilm ist „The Florida Project“ trotzdem nicht. Es ist ein Film mit Kindern als Protagonisten, der episodisch, witzig, ernst, todtraurig und, trotz allem, mutmachend ist. Es ist auch ein Film über das heutige Amerika. Obwohl Sean Baker und sein Co-Drehbuchautor Chris Bergoch die ersten Ideen für den Film bereits 2011 hatten. In den folgenden Jahren unternahmen sie mehrere Recherchereisen nach Florida. Für den Film sahen sie sich dann auch nach Laiendarstellern um, die in den billigen Motels leben und die sich im Film mehr oder weniger selbst spielen.

The Florida Project (The Florida Project, USA 2017)

Regie: Sean Baker

Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch

mit Brooklynn Kimberly Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe, Christopher Rivera, Caleb Landry Jones, Mela Murder, Karren Karagulian

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Florida Project“

Metacritic über „The Florida Project“

Rotten Tomatoes über „The Florida Project“

Wikipedia über „The Florida Project“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sean Bakers „Tangerine L. A.“ (Tangerine, USA 2015)

DP/30 unterhält sich mit Sean Baker über den Film (leider mit etwas zu viel Hintergrundgeräuschen)

Ein Gespräch mit Sean Baker, Chris Bergoch (Co-Autor, Produzent) und Samantha Quan (Acting Coach, Produzentin) beim NYFF


TV-Tipp für den 19. März: Kind 44

März 19, 2018

ZDF, 22.15

Kind 44 (Child 44, CZ/GB/RO/USA 2015)

Regie: Daniel Espinosa

Drehbuch: Richard Price

LV: Tom Rob Smith: Child 44, 2008 (Kind 44)

Russland, 1953, zu Stalins Lebzeiten: der Geheimdienstler Leo Demidow wird in die tiefste Provinz verbannt. Dort stolpert er über einen Mordfall, der einem Mordfall in Moskau ähnelt. Soll es im Arbeiter- und Bauernstaat einen Serienmörder geben?

Letztendlich und gerade wegen der beteiligten Personen enttäuschende Verfilmung von Tom Rob Smiths mit mehreren Preisen ausgezeichnetem Thriller, die in Teilen besser (vor allem an Anfang) und in Teilen (vor allem am Ende) schlechter als der Roman ist. Dabei war ich von dem Roman auch nicht so wahnsinnig begeistert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Hardy, Gary Oldman, Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Paddy Considine, Jason Clarke, Vincent Cassel, Fares Fares, Charles Dance, Josef Altin

Die Vorlage

Smith - Kind 44 - TB 2Smith - Kind 44 - Movie-Tie-In - 2
Tom Rob Smith: Kind 44
(übersetzt von Armin Gontermann)
Goldmann, 2015 (Movie Tie-In)
512 Seiten
9,99 Euro

Taschenbuchausgabe
Goldmann, 2010

Deutsche Erstausgabe
Dumont, 2008

Originalausgabe
Child 44
Simon & Schster UK Ltd., 2008

Hinweise

Homepage von Tom Rob Smith

Deutsche Homepage von Tom Rob Smith

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Kind 44“

Moviepilot über „Kind 44“

Metacritic über „Kind 44“

Rotten Tomatoes über „Kind 44“

Wikipedia über „Kind 44“ (deutsch, englisch) und Tom Rob Smith (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tom Rob Smiths „Kind 44“ (Child 44, 2008)

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Sebastian Bergman – Spuren des Todes 1“

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Safe House“ (Safe House, USA 2012)

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Kind 44“ (Child 44, CZ/GB/RO/USA 2015)

Meine Besprechung von Daniel Espinosas „Life“ (Life, USA 2017)

Richard Price in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 18. März: Killer stellen sich nicht vor

März 18, 2018

Arte, 21.45

Killer stellen sich nicht vor (Trois hommes à abattre, Frankreich 1980)

Regie: Jacques Deray

Drehbuch: Jacques Deray, Christopher Frank

LV: Jean-Patrick Manchette: Trois hommes à abattre, 1976 (Killer stellen sich nicht vor/Westküstenblues)

Monsieur Emmerich läßt einige seiner Angestellten, die mit seiner Geschäftspolitik nicht einverstanden sind, aus dem Weg räumen. Als Spieler Gerfaut einen der schwer verletzten Angestellten an einer Straße entdeckt, bringt er ihn in ein Krankenhaus und setzt sich selbst – ohne sein Wissen – auf Emmerichs Todesliste. Gerfaut nimmt den Kampf auf.

Der Film mit hat nichts mit dem Buch zu tun. Naja, bis auf den Autounfall am Anfang.

Davon abgesehen: französischer Politthriller, der die Genreerwartungen gut bedient.

Mit Alain Delon, Dalila Di Lazzaro, Michel Auclair

Wiederholung: Freitag, 30. März, 00.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Killer stellen sich nicht vor“ (deutsch, englisch, französisch) und Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Distel Literaturverlag über Jean-Patrick Manchette

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans “Der Mann mit der roten Kugel” (L’homme au boulet rouge, 1972)

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchettes “Portrait in Noir” (2014)

Meine Besprechung von Max Cabanes/Jean-Patrick Manchette/Doug Headlines “Fatale” (Fatale, 2014)

Meine Besprechung von Piere Morels Jean-Patrick-Manchette-Verfilmung „The Gunman“ (The Gunman, Großbritannien/Frankreich/Spanien 2015)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Winchester – Das Haus der Verdammten“ und der begeisterten Lebenden

März 17, 2018

Dr. Eric Price (Jason Clarke) ist 1906 in San Francisco ein Arzt, dem man ohne Not keine Operation und auch keine andere Aufgabe anvertrauen würde. Gerade das prädestiniert ihn aus offensichtlichen und weniger offensichtlichen Gründen für diese Aufgabe. Im Auftrag des Unternehmensvorstandes soll er Sarah Winchester (Helen Mirren) begutachten.

Seit dem Tod ihres Mannes William Winchester 1880 gehört der Witwe die Hälfte der Winchester Repeating Arms Company. Die Firma ist auch heute noch vor allem für das Winchester-Gewehr bekannt. Sie lebt in einem riesigen Haus, das sie seit Jahren Tag und Nacht immer wieder umbauen lässt und das inzwischen so verschachtelt ist, dass niemand mehr weiß, wo die verschiedenen Gänge hinführen. Das gleiche gilt für die Zimmer, die man teilweise nicht betreten kann. Das Haus ist ein einziges Escher-Labyrinth. Ihre exorbitant teueren Bauarbeiten rechtfertigt die Spritistin mit den Geistern der von Winchester-Waffen erschossenen Menschen, die hier von ihr mehr oder weniger lange eingesperrt werden. Das könnte man als den Spleen einer reichen Frau abtun, wenn sie nicht auch noch für die Finanzen des Unternehmens zuständig wäre. Die Firmenleitung würde die inzwischen ungefähr 75-jährige Spinnerin gerne von ihren Pflichten entbinden. Price soll mit seiner Begutachtung die dafür nötige Grundlage schaffen.

Ausgewählt wurde er allerdings nicht von seinem Auftraggeber, sondern von Sarah Winchester.

Kurz nachdem Price das malerisch gelengene Winchester-Anwesen betreten hat, gibt es seltsame Vorfälle und Erscheinen, bei denen unklar ist, ob Price, der gerade einen von Sarah Winchester verordneten kalten Drogenentzug durchmachen muss (sie duldet keine Drogen in ihrem Haus), halluziniert oder ob es wirklich die Geister der Ermordeten sind, die sich an ihrem Mörder, also in diesem Fall der Firma, die die Waffe für ihren Tod herstellte, rächen wollen.

Winchester – Das Haus der Verdammten“ ist von dem realen Winchester-Anwesen inspiriert. Es liegt in San José, Kalifornien, und Sarah Winchester ließ es endlos umbauen. Die sich daraus entwickelnde Geschichte ist dann ein altmodischer Grusler, der überraschungsfrei und unblutig, mit den üblichen Schockmomenten, den vertrauten Pfaden folgt. „Winchester“ zeigt nichts, was nicht so auch schon vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren erzählt wurde.

Das ist, nachdem die Brüdern Michael und Peter Spierig mit „Daybreakers“ und „Predestination“ spannende und eigenständige Genrefilme inszenierten, dann doch zu wenig, um wirklich zu begeistern.

Das Winchester House, bzw. Winchester Mystery House, das während des San-Francisco-Erdbebens 1906 (der Film spielt in den Tagen vor dem Erdebeben) teilweise zerstört und teilweise wieder aufgebaut wurde, kann besichtigt werden. Wenn man wieder Urlaub in den USA macht.

Der Film wurde, abgesehen von drei Drehtagen im Originalhaus, in einem Studio in Melbourne gedreht.

Winchester – Das Haus der Verdammten (Winchester, USA 2018)

Regie: Michael Spierig, Peter Spierig (aka The Spierig Brothers)

Drehbuch: Michael Spierig, Peter Spierig, Tom Vaughan

mit Helen Mirren, Jason Clarke, Sarah Snook, Finn Scicluna-O’Prey, Eamon Farren, Angus Sampson, Tyler Coppin, Laura Brent

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Winchester“

Metacritic über „Winchester“

Rotten Tomatoes über „Winchester“

Wikipedia über „Winchester“

Meine Besprechung von Michael und Peter Spierigs „Daybreakers“ (Daybreakers, Australien/USA 2009)

Meine Besprechung von Michael und Peter Spierigs „Predestination (Predestination, Australien 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Hauptmann“ Willi Herold ist ein Massenmörder

März 17, 2018

Nach mehreren Hollywood-Filmen, wie „Flightplan“, „R. E. D. – Älter Härter, Besser“, „Die Bestimmung – Unsurgent“ und „Die Bestimmung – Allegiant“, kehrt Robert Schwentke mit seinem neuen Film „Der Hauptmann“ wieder zurück nach Deutschland, um eine sehr deutsche Geschichte zu erzählen. Nämlich die Geschichte eines deutschen Soldaten, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs desertiert, in einem Auto eine Hauptmannsuniform findet, sie anzieht und als Offizier Karriere macht.

Das klingt nach einer Variante des allseits beliebten Hauptmanns von Köpenick und auch Schwentke erzählt eine wahre Geschichte. Und damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen dem Schuhmacher Wilhelm Voigt und Willi Herold.

Herold, geboren am 11. September 1925 in Lunzenau, Mittelsachsen, macht nach seiner Volksschule eine Lehre als Schornsteinfeger, wird 1943 zur Wehrmacht eingezogen, dient an verschiedenen Kriegsfronten und wird Anfang April 1945 bei Gronau an der Nordwestfront von seiner Einheit getrennt. In einem liegen gebliebenem Militärfahrzeug entdeckt er eine Uniform, zieht sie an und wird von einem anderen Soldaten sofort als Hauptmann angesprochen. Herold nimmt diese Rolle an. In den nächsten Tagen scharrt er eine Gruppe von Soldaten um sich, die willig seinen Befehlen gehorchen.

Im Film ist dabei unklar, ob sie Herold als Schwindler erkennen und mitspielen oder nicht. Wobei die Schauspieler in ihrem Spiel oft die erste Interpretation nahe legen. Also dass sie sofort erkennen, dass Herold ein Hochstapler ist. Aus verschiedenen, mehr oder weniger naheliegenden Gründen Schweigen sie, spielen die Charade mit, gehorchen Herolds Befehlen und benutzen ihn, manchmal, für ihre Interessen.

Auf ihrer Irrfahrt durch das Emsland gelangen Herold und seine Männer in das Straflager Aschendorfmoor (aka Lager II). Dort lässt Herold über hundert gefangene Soldaten ermorden. Schwentke zeigt das Morden mit Vor-, Nach- und Zwischenspielen in detailfreudiger Ausführlichkeit.

Davor und danach morodieren Herold und die Kampfgruppe Herold durch das Emsland.

Nach dem Krieg wurde der Kriegsverbrecher Herold von einem britischen Militärgericht wegen der Ermordung von 125 Menschen verurteilt und am 14. November 1946, zusammen mit fünf seiner Helfer, hingerichtet.

Der Hauptmann“ zeigt erschreckend deutlich, wenn technisches Vermögen auf eine fehlende Haltung zu seinem Stoff und, in diesem Fall, zur realen Person trifft. Über die Schauspieler, die Kamera (Florian Ballhaus), die Ausstattung kann nicht gemeckert werden. Auch jede einzelnen Szene ist für sich genommen gut inszeniert. Nur fügen sie sich nie zu einer Einheit zusammen, weil Schwentke keine Haltung zu seinem Stoff hat. Es ist auch unklar, für was Herolds Geschichte stehen soll. Soll sie die Geschichte einer einzelnen Person sein, eines geborenen Sadisten, der einfach in dem festen Glauben dafür nicht bestraft zu werden, sich ihm bietende Gelegenheiten ausnutz, um seine sadistischen Triebe zu befriedigen? Oder geht es um einen Typus, beispielsweise den des deutschen Untertans, der blind, den Befehlen von Uniformträgern gehorcht? Oder, was Schwentke im Presseheft mit der Frage „Wie hätte ich mich verhalten?“ andeutet, will der Film eine Geschichte über die normalen Männer, die zu Täter werden erzählen? Dafür ist Herold angesichts der von ihm verübten Taten allerdings das denkbar ungeeignetste Beispiel.

Eine Köpenickiade ist „Der Hauptmann“ jedenfalls nicht. Auch wenn das Filmende, in dem die Schauspieler in Uniform und Militärfahrzeug durch eine deutsche Kleinstadt fahren und Fußgänger schikanieren, in dieser vollkommen deplatzierten Szene versucht, den humoristischen Tonfall des Filmanfangs wieder aufzunehmen. Diese Szene passt, egal wie man sie interpretieren will, nicht zu dem vorher gezeigten.

Das ist keine Kleinigkeiten. Denn eine Haltung und eine damit verknüpfte Botschaft zwingt zu einer bestimmten Anordnung des Materials. Sie gibt Vorgaben, wie man seine Geschichte erzählt. Sie sagt, was in die Geschicht hineingehört und was nicht. Und über sie kann gestritten werden. Über einen Film, der tonal alles bedient und dessen Protagonist, mehr oder weniger gleichzeitig ein zweiter ‚braver Soldat Schweijk“ (vor allem in den ersten Minuten), ein typisch deutscher ‚Untertan‘ (wie man es aus Heinrich Manns Roman und Wolfgang Staudtes Verfilmung kennt) und, ziemlich schnell, weil er das schon von Anfang an war, eine seine Macht genießender und über Gebühr ausnutzender Sadist ist, kann nicht gestritten werden. Es ist auch kein Film, der zu irgendeiner Erkenntnis führt. Er porträtiert nur einen Sadist, der ein Sadist ist, weil er ein Sadist ist, und den wir trotzdem mögen sollen, weil er doch ein Schlawiner ist, der die Dummheit des Systems vorführt.

Stefan Ruzowitzky, um nur ein Beispiel, wie man es besser macht, zu nennen, hatte in seiner Dokumentation „Das radikal Böse“ LINK eine Frage, eine Haltung und eine Botschaft. Er fragte sich, wie ganz gewöhnliche deutsche Männer im Zweiten Weltkrieg zu Mördern wurden. Mit auch der für uns Zuschauer unangenehmen Botschaft, dass auch wir zu diesen Taten in der Lage wären.

Der Hauptmann“ ist dagegen nur edel inszenierte Gewaltpornographie mit einigen witzigen Szenen. Damit ist diese „Studie in Sachen Sadismus und Menschenverachtung“ (epd Film) dann doch erstaunlich nah an den „Saw“-Filmen.

Der Hauptmann (Deutschland/Frankreich/Polen 2017)

Regie: Robert Schwentke

Drehbuch: Robert Schwentke

mit Max Hurbacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Bernd Hölscher, Waldemar Kobus, Alexander Fehling, Samuel Finzi, Wolfram Koch, Britta Hammelstein, Sascha Alexander Geršak

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Hauptmann“

Moviepilot über „Der Hauptmann“

Rotten Tomatoes über „Der Hauptmann“

Wikipedia über „Der Hauptmann“ (deutsch, englisch) und Willi Herold

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Insurgent“ (The Divergent Series: Insurgent, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Schwentkes „Die Bestimmung – Allegiant“ (The Divergent Series: Allegiant, USA 2016)


TV-Tipp für den 17. März: Angst über der Stadt (+ Buchtipp: Jean-Paul Belmondo: Meine tausend Leben – Die Autobiographie)

März 17, 2018

RBB, 23.50

Angst über der Stadt (Frankreich/Italien 1974, Regie: Henri Verneuil)

Drehbuch: Jean Laborde, Henri Verneuil, Francis Veber

Actionhaltiger, harter Polizeithriller in dem ein Pariser Kommissar, Typ „Dirty Harry“, einen Serienmörder jagt.

Nach dem Genuss von „Matrix“ und „Spider-Man“ wirken die Action-Szenen in „Angst über der Stadt“ zwar bedächtlich, aber Jean-Paul Belmondo ließ sich bei den zahlreichen Verfolgungsjagden, dem Abseilen von einem Hubschrauber und der Kletterei über die Dächer von Paris nicht doubeln. Bei den Schlägereien natürlich auch nicht. Die Story folgt den bekannten Genrekonventionen und Belmondo hatte in seiner ersten Polizistenrolle einen Kassenschlager.

„Angst über der Stadt“ ist „die mythische Dokumentation seiner Konversion von der Seite der Rebellen auf die Seite der Gesetz- und Ordnungsvertreter.“ (Georg Seesslen: Copland)

Mit Jean-Paul Belmondo, Charles Denner, Catherine Morin, Berto Maria Merli, Lea Massari

Hinweise

Wikipedia über “Angst über der Stadt” und über Jean-Paul Belmondo (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards “Außer Atem” (mit Jean-Paul Belmondo in der Hauptrolle)

Jean-Paul Belmondo in der Kriminalakte

Bonushinweis

Wenige Tage vor seinem 85. Geburtstag am 9. April erschien bei Heyne die deutsche Übersetzung von ‚Bebel‘ Jean-Paul Belmondos Autobiographie „Meine tausend Leben“.

Auf etwas über dreihundert Seiten lässt der 1933 in dem Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geborene Schauspieler sein Leben Revue passieren. Vor seinem Durchbruch 1960 als Hauptdarsteller in Jean-Luc Godards Klassiker „Außer Atem“ (darüber erzählt Belmondo ab Seite 155) arbeitete er vor allem am Theater. Danach, in den Sechzigern spielte er in etlichen künstlerisch wertvollen Filmen und Klassikern, wie „Eva und der Priester“, „Der Teufel mit der weißen Weste“, „Elf Uhr nachts“, „Der Dieb von Paris“ und „Das Geheimnis der falschen Braut“ mit.

In den Siebzigern (so ab Seite 262) verlegte er sich dann, aus finanzieller Sicht, sehr erfolgreich auf Actionfilme, wie „Angst über der Stadt“ und Komödien, wie „Ein irrer Typ“, in denen er seine Stunts selbst ausführte. Die Kritiker waren von seinen Filmen nicht mehr so wahnsinnig begeistert und Belmondo kümmerte sich nicht mehr um die Kritiker, weil er Filme für die breite Masse machte. In den Achtzigern wurden die Filme, wie „Das As der Asse“ und „Der Profi 2“, platter. Er wurde auch langsam zu alt, um die Stunts noch selbst auszuführen. Über seine Filmkarriere erzählt er in dem auch schon aus älteren Interviews bekanntem Duktus, dass der kommerzielle Erfolg eines Filmes auch ein Qualitätsmerkmal sei. Eine Reflexion darüber erfolgt nicht. Er nimmt auch keine Neubewertung seines damaligen Schaffens vor oder beschäftigt sich intellektuell mit seinem Werk, für das er auch als Produzent verantwortlich war und das vor allem und oft nur das Publikum unterhalten wollte. Es gibt ab und an kleine Anekdoten von den Dreharbeiten, die ihm immer dann besonders gut gefielen, wenn er mit Freunden zusammenarbeiten konnte und ‚viele sportliche Szenen absolvieren‘ konnte. Über sein Privatleben, seine beiden Ehefrauen, seine Partnerinnen, seine Kinder und seinen Schlaganfall 2001, erfährt man dagegen fast nichts.

Ende der Achtziger zog er sich fast vollständig aus dem Filmgeschäft zurück. Die wenigen Filme, in denen er seitdem mitspielte, kamen auch nicht mehr in unsere Kinos. Ab 1987 trat er dann wieder öfter im Theater auf.

Jean-Paul Belmondo: Meine tausend Leben – Die Autobiographie

(unter Mitarbeit von Paul Belmondo und Sophie Blandinières)

(übersetzt von Pauline Kurbasik und Dr. Bettina Seifried)

Heyne, 2018

320 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Mille Vies Valent Mieux Qu’une

Librairie Arthème Fayard, Paris, 2016


TV-Tipp für den 16. März: Beware of Mr. Baker

März 16, 2018

Arte, 21.45

Beware of Mr. Baker (Beware of Mr. Baker, USA 2012)

Regie: Jay Bulger

Drehbuch: Jay Bulger

Hochgelobte Doku mit und über Ginger Baker, den Schlagzeuger von „Cream“ (Sixties Supergroup mit E-Gitarrist Eric Clapton und Bassist Jack Bruce), „Blind Faith“ (dito, aber kurzlebiger) und „Ginger Baker’s Air Force“ (auch kurzlebig). Neben zahlreichen Soloplatten trommelte er mehrere Jahre bei „Hawkwind“ und auf zahlreichen Platten von anderen Künstlern. Musikalisch grandios, menschlich nicht so sehr.

mit Ginger Baker, Ginette Baker, Kofi Baker, Leda Baker, Jay Bulger, Brian Auger, Bonnie Bramlett, Jack Bruce, Eric Clapton, Stewart Copeland, Jon Hiseman, Femi Kuti, Bill Laswell, John Lydon, Ron Miles, Carlos Santana, Lars Ulrich, Charlie Watts, Steve Winwood, Bernie Worrell

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Beware of Mr. Baker“

Wikipedia über „Beware of Mr. Baker“ und Ginger Baker (deutsch, englisch)

AllMusic über Ginger Baker


Neu im Kino/Filmkritik: „Tomb Raider“ Alicia Vikander begibt sich auf Schatzsuche

März 15, 2018

Lara Croft, zweiter Kinoversuch; – wenn wir die beiden Auftritte von Angelina Jolie 2001 und 2003 als einen Versuch werten. Dieses Mal, den aktuellen Entwicklungen in dem Computerspiel folgend, mit deutlich reduzierter Oberweite. Aber immer noch spärlich bekleidet.

Alicia Vikander spielt jetzt die Grabräuberin Lara Croft, die erst im Film zur Grabräuberin wird. Vor sieben Jahre verschwand ihr von ihr über alles verehrter und geliebter Vater Richard Croft (Dominic West) irgendwo im Pazifik vor der japanischen Küste spurlos. Croft ist der Inhaber eines weit verzweigten Firmenkonglomerats und ebenfalls ein, uh, Schatzsucher, der auf der ganzen Welt nach historischen Artefakten sucht.

Heute lebt Lara in London als Fahrradkurierin am unteren Ende der ökonomischen Futterleiter. Die Einundzwanzigjährige will das Familienerbe nicht antreten und auch nicht von dem unermesslichen Vermögen ihres Vaters profitieren. Trotzdem kann ihre Quasi-Mutter Ana Miller (Kristin Scott Thomas), die während Crofts Abwesenheit die Geschäfte der Croft Holding führt, sie überzeugen, endlich die Todeserklärung für ihren Vater zu unterschreiben. Lara tut es bei einem dafür anberauntem Treffen dann doch nicht. Aber sie erhält in dem Moment einen Schlüsel, der ihr auf dem Croft-Landsitz die Tür zu einem versteckten Arbeitszimmer ihres Vaters öffnet. Dort sind Dokumente über seine letzte Reise und eine an sie gerichtete Videobotschaft. Sie soll alle Informationen über Himiko vernichten. Sie tut es nicht. Stattdessen macht sie sich, immer noch das Erbe verschmähend, ohne Geld auf den Weg nach Hongkong und von dort nach Yamatai. Auf der Insel will sie herauszufinden, was mit ihrem Vater geschah.

Dort trifft sie zuerst auf Mathias Vogel (Walton Goggins) (allein schon der deutsche Name prädestiniert ihn zum Bösewicht) und seine bewaffneten Männer. Sie suchen dort im Auftrag des Ordens der Dreieinigkeit seit sieben Jahren das Grab der Königin Himiko. Sie ist auch als die Mutter des Todes bekannt und das, was in ihrem Grab ist, kann die Welt vernichten. Jedenfalls glauben das Matthias Vogel, der die teuflischen Kräfte der Königin auf die Welt loslassen will, und der spurlos verschwundene und wahrscheinlich schon seit Jahren verstorbene Richard Croft, der das Schlimmste verhindern will.

Lara, deren Schatzsucher-Gene auf der Insel erwachen, will ebenfalls das Grab der Königin Himiko entdecken. Aber sie will auch, wie ihr Vater, verhindern, dass das Erbe der Königin in die falschen Hände fällt.

Davor trifft sie, zwischen etlichen Action-Einladen, auf der Insel einen Einsiedler, der ihr vielleicht helfen kann.

Tomb Raider“ ist nicht die befüchrtete Vollkatastrophe. Für den Actionfilm spricht die immer nachvollziehbare Geschichte, die engagierten Schauspieler (die angesichts des dünnen Ausgangsmaterial nicht in Richtung Overacting, sondern vor allem in Richtung unprätentiöses Spiel der alten ’no acting required“-Schule schlendern), die ruhige Kamera, das gemäßigte Schnitttempo (die Zeiten von wackeliger Wackelkamera und Zehntelsekundenschnitten sind vorbei) und die erfreulichen Actionszenen, die weitgehend vollkommen unglaubwürdige Over-the-Top-Action vermeiden. Allerdings können sie, wenn Lara Croft über einen Baumstamm oder einer Leiter läuft, die eine Schlucht oder eine Grube überbrücken, oder wenn sie ohne Schwimmweste und Halteseil mitten im Sturm auf einem Schiff herumturnt, oder wenn sie sich aus einem reißenden Fluss in ein schon seit dem Zweiten Weltkrieg über einem Wasserfall hängendes Flugzeugwrack rettet, das dann bei jeder Gewichtsverlagerung langsam zerbricht, nie verhehlen, dass sie in der sicheren Umgebung eines Studios und mit viel CGI entstanden sind. Das macht sie zu nett anzusehenden, letztendlich unspektakulären Actionszenen. Spannender sind da eine Fahrradverfolgungsjagd durch London oder diverse Faustkämpfe, in die Lara Croft involviert ist. Auch ja: und springen und laufen kann sie verdammt gut. Vor allem vor tödlichen Gefahren kann sie unglaublich schnell davon laufen.

Regisseur Roar Uthaugs „Tomb Raider“ gehört als naive Abenteuergeschichte sogar zu den besseren Spieleverfilmungen. Aber es ist kein guter Film und es ist auch kein erinnerungswürdiger Film. Dafür ist die Geschichte viel zu vorherhsehbar.

Tomb Raider“ ist als humorlose, in die Gegenwart verlegte Indiana-Jones-Variante oder als spielfilmlange Episode von „Relic Hunter – Die Schatzjägerin“ vor allem ein altmodischer Abenteuerfilm, der sich nicht sonderlich um Logik oder Wahrscheinlichkeit schert und besser in der Vergangenheit, zum Beispiel den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielen sollte.

Tomb Raider (Tomb Raider, USA 2018)

Regie: Roar Uthaug

Drehbuch: Geneva Robertson-Dworet, Alastair Siddons (nach einer Geschichte von Evan Daugherty und Geneva Robertson-Dworet)

mit Alicia Vikander, Dominic West, Walton Goggins, Daniel Wu, Kristin Scott Thomas, Derek Jacobi, Alexandre Willaume

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Tomb Raider“

Metacritic über „Tomb Raider“

Rotten Tomatoes über „Tomb Raider“

Wikipedia über „Tomb Raider“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 15. März: Carl Laemmle – Ein Leben wie im Kino

März 15, 2018

SWR 23.15

Carl Laemmle – Ein Leben wie im Kino (Deutschland 2018)

Regie: Jo Müller

Drehbuch: Jo Müller

Spielfilmlange Doku über Carl Laemmle, den Gründer der Universal Studios.

mit Antonia Carlotta, Greg Laemmle, Carl Laemmle, Carl Laemmle Jr.

Hinweise

ARD über „Carl Laemmle – Ein Leben wie im Kino“

SWR über „Carl Laemmle – Ein Leben wie im Kino“ (der gesamte Film)

Wikipedia über Carl Laemmle (deutsch, englisch)


Ola, Lola! Die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2018

März 14, 2018

Heute wurden die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis 2018 verkündet. Die vollständige Liste mit allen Nominierungen in sechzehn Kategorien findet ihr hier.

In den Hauptkategorien sind nominiert:

Bester Spielfilm

3 TAGE IN QUIBERON (Regie: Emily Atef) (Kinostart: 12. April)

AUS DEM NICHTS (Regie: Fatih Akin)

DER HAUPTMANN (Regie: Robert Schwentke) (Kinostart: 15. März)

IN DEN GÄNGEN (Regie: Thomas Stuber) (Kinostart: 24. Mai)

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER (Regie: Lars Kraume)

WESTERN (Regie: Valeska Grisebach)

Bester Dokumentarfilm

BEUYS (Regie: Andres Veiel)

DAS KONGO TRIBUNAL (Regie: Milo Rau)

TASTE OF CEMENT (Regie: Ziad Kalthoum) (Kinostart: 24. Mai)

Bester Kinderfilm

AMELIE RENNT (Regie: Tobias Wiemann)

DIE KLEINE HEXE (Regie: Regie: Michael Schaerer)

Die Preisverleihung ist am Sonntag, den 27. April, in Berlin im Palais am Funkturm. Das Erste zeigt die Gala am gleichen Abend um 22.00 Uhr; d. h., wer sich die Spannung erhalten will, sollte vorher nicht surfen.

Der Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den Deutschen Film geht an Hark Bohm. Der Preis für den besucherstärksten deutschen Film des Jahres geht an „Fack ju Göhte 3“.

Die Gewinner in den verschiedenen Kategorien werden von den tausendneunhundert Mitglieder der Deutschen Filmakademie bestimmt. Damit bestimmen sie auch, wie die knapp drei Millionen Euro Preisgelder der Bundesregierung verteilt werden.

Wie in den vergangenen Jahren sind auch wieder etliche Filme nominiert, die noch nicht im Kino gelaufen sind und die teilweise sogar erst nach der Preisverleihung im Kino anlaufen. Das macht es natürlich unmöglich, breit über die Filme zu diskutieren, die nur wenige sehen konnten.

Bei den Oscars ist das anders. Da sind in den USA alle Filme vorher im Kino angelaufen und es kann schon lange vor der Preisverleihung trefflich über die Qualitäten der verschiedenen Filme und die größten Überraschungen und Fehlentscheidungen der Jury gestritten werden.


TV-Tipp für den 14. März: Die Axt

März 14, 2018

Arte, 22.45

Die Axt (Le Couperet, Frankreich/Belgien/Spanien 2005)

Regie: Constantin Costa-Gavras

Drehbuch: Constantin Costa-Gavras, Jean-Claude Grumberg

LV: Donald E. Westlake: The Ax, 1997 (Der Freisteller)

Der nicht mehr ganz junge Chemiker Bruno hat nach zwei Jahren erfolgloser Jobsuche die Faxen dicke. Er gibt eine Stellenanzeige auf und bringt seine Jobkonkurrenten um.

Bitterböse Satire auf den Kapitalismus, die von Jobsuchenden hoffentlich nicht als Vorbild genommen wird.

Stellvertretend für die vielen positiven Besprechungen: „Im Zeichen von Massenarbeitslosigkeit, Chancenlosigkeit und Globalisierungsdruck drehte Costa-Gavras … eine rabenschwarze Farce, die die Gegenwart nicht gerade in freundliches Licht taucht, und bei der das Lachen mehr als einmal ihm Halse stecken bleibt. Erschreckend an dieser Moritat auf der Folie einer durch und durch sexistisch aufgeladenen Gesellschaft ist vor allem, dass hier ein wohlsituierter Kleinbürger unter dem Druck der Umstände nicht nur zum Verbrecher und Mörder wird, sondern unter dem scheinbaren Zwang, seine Familie schützen zu müssen, ohne weiteres faschistoides Gedankengut produziert.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit José Garcia, Karin Viard, Geordy Monfils, Christa Theret, Ulrich Tukur, – in Nebenrollen einige Autoren und Regisseure – Jean-Claude Grumberg, John Landis, Julie Gavras (Tochter von Constantin Costa-Gavras), Donald E. Westlake (Cameo als alter Mann im Arbeitsamt)

Auch bekannt als “Jobkiller – Eine mörderische Karriere”

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Axt“

Wikipedia über „Dia Axt“ (deutsch, englisch)

Homepage von Donald E. Westlake

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Roman “Irgendwann gibt jeder auf” (Flashfire, 2000)

Meine Besprechung von Taylor Hackfords Richard-Stark-Verfilmung “Parker” (Parker, USA 2013)

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Lax/Donald Westlakes „Hot Rock“ (Pierre qui roule, 2008, Comic)

Meine Besprechung von Darwyn Cookes Richard-Stark-Adaption „Parker“ (Richard Stark’s Parker – The Hunter, 2009)

Richard Stark in der Kriminalakte

 Thrilling Detective über Parker

The Violent World of Parker (1-A-Fanseite!)

 


Cover der Woche

März 13, 2018


Neu auf Netflix/Filmkritik: Der grandiose Science-Fiction-Film „Auslöschung“

März 13, 2018

Ich gebe es zu: ich verstehe es nicht. Da haben die Produzenten einen hochkarätig besetzten Science-Fiction-Film, inszeniert von einem interessanten, für seine vorherigen Werke hochgelobten Autor und Regisseur, der eine frenetisch abgefeierte Romantrilogie teilweise verfilmte und dann wird der Film ohne Umweg zwischen Test-Screenings (die wohl schlecht verliefen, aber gerade bei diesem Film wenig aussagen) und potentieller Kinoauswertung gleich an Netflix verkauft. Dass danach Filmkritiker von dem Film begeistert waren und in den USA, wo „Auslöschung“ im Februar sogar einen Mini-Kinostart hatte, SF-Fans seitdem intensiv über den Film diskutieren, ist egal. Aus Sicht der Geldgeber wurden potentielle Verluste erfolgreich vermieden.

Aus Sicht des SF-Fans bleibt nur das Bedauern, dass er einen Film, der von der ersten bis zur letzten Minute für eine Auswertung auf der großen Leinwand inszeniert wurde, jetzt auf einem kleinen Bildschirm sehen muss. Gerade bei den Landschaftsaufnahmen fällt das besonders negativ auf.

Der Film „Auslöschung“ erzählt, wie Jeff VanderMeer in seinem gleichnamigen Roman, die Geschichte einer Expedition von mehreren Frauen in die Area X. Das ist ein Gebiet in den Südstaaten der USA, in dem die Natur sich seltsam verhält. Seit Jahren wächst das Gebiet stetig und unaufhaltsam. Mehrere Expeditionen, an denen nur Männer teilnahmen, wurden schon in das Gebiet geschickt. Sie kehrten nicht zurück.

Alex Garland, dessen Spielfilmdebüt „Ex Machina“ breit abgefeiert wurde, verfilmte jetzt VanderMeers Geschichte frei und doch sehr nah an dem Roman. Dafür gibt es mehrere, sogar ziemich offensichtliche Gründe. Garland kannte, als er sein Drehbuch schrieb, den zweiten und dritten Band nicht. Sein Film muss als Einzelwerk nach zwei Stunden Antworten liefern, die VanderMeer sich für die den zweiten und dritten Band seiner Trilogie, die im Abstand weniger Monate erschienen, aufheben konnte. Deshalb können sich Garlands Antworten von denen VanderMeers unterscheiden. Und ein Roman ist kein Film ist. Der Roman ist vor allem eine Meditation, die in unheimlichen Stimmungen badet und wenig erklärt. Eine Geschichte im herkömmlichen Sinn wird nicht erzählt. Am Ende des Romans ahnt man, was die Area X mit seinen menschlichen Besuchern macht, aber nicht warum.

In Garlands äußerst gelungener und sehenswerter Version ist die Biologin Lena (Natalie Portman) als einzige Überlebende einer fünfköpfigen, nur aus Frauen bestehenden Expedition aus der Area X zurückgekehrt. Sie soll berichten, was geschah.

Lena hat sich entschlossen, an der Expedition teilzunehmen, weil ihr Mann Kane (Oscar Isaac) nach einer Expedition verändert aus der Area X zurückkehrte und jetzt, todsterbenskrank, im Southern Reach Institut im Koma liegt. Sie hofft auf Antworten. Schnell bemerken die fünf Frauen, dass sich die Tier- und Pflanzenwelt in der Area X auf seltsame Art verändert. Mutiert. Auch sie beginnen auf die Umwelt zu reagieren.

Da werden sie von einem seltsamen Krokodil angegriffen und entdecken eine Videoaufnahme der vorherigen Expedition, in der Kane und die anderen Teammitglieder panisch und anscheinend wahnsinnig sind. Anders lässt sich nicht erklären, dass sie einem anderen Teammitglied den Bauch aufschneiden, um zu dokumentieren, dass sich in dem Körper des Teammitglieds ein anderes Wesen eingenistet hat.

Lena und die anderen Expeditionsteilnehmerinnen – die Leiterin Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh), Anya Thorensen (Gina Rodriguez), Josie Radek (Tessa Thompson) und Cass Sheppard (Tuva Novotny) – fragen sich, ob sie das Rätsel von Area X lösen können, bevor sie sterben oder zu einem anderen Wesen mutieren.

Dabei, und hier ist Garlands Film deutlich eindeutiger als VanderMeers Roman, der die Frage offen lässt, geht es in „Auslöschung“ um die Begegnung mit ‚einem‘ ‚Alien‘, das im Trailer sehr bedrohlich wirkt. Im Film ist das dann nicht so einfach, sondern eher wie die Begegnung zwischen Menschen und Aliens in Denis Villeneuves „Arrival“.

Auslöschung“ ist ein zum Nachdenken anregender, rätselhafter Science-Fiction-Film mit wunderschön-beängstigenden Bildern eines Südstaaten-Urwalds, der sich die von Menschen gebauten Wege und Häuser zurückerobert und in dem die Expeditionsteilnehmerinnen auf Pflanzen treffen, die wie Menschen aussehen.

Auslöschung (Annihilation, USA 2018)

Regie: Alex Garland

Drehbuch: Alex Garland

LV: Jeff VanderMeer: Annihilation, 2014 (Auslösung)

mit Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tessa Thompson, Tuva Novotny, Oscar Isaac, Benedict Wong, Sonoya Mizuno, David Gyasi, John Schwab

Länge: 115 Minuten

Die Vorlage

Jeff VanderMeer: Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I

(übersetzt von Michael Kellner)

Knaur, 2017

240 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Annihilation

Farrar, Straus & Giroux, New York, 2014

Deutsche Erstausgabe

Verlag Antje Kunstmann, 2014

Hinweise

Homepage von Jeff VanderMeer

Perlentaucher über Jeff VanderMeer

Moviepilot über „Auslöschung“

Metacritic über „Auslöschung“

Rotten Tomatoes über „Auslöschung“

Wikipedia über Jeff VanderMeer (deutsch, englisch), die Southern-Reach-Trilogie und die Verfilmung (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jeff VanderMeers „Auslöschung – Southern-Reach-Trilogie I“ (Annihilation, 2014)

Meine Besprechung von Alex Garlands „Ex Machina“ (Ex Machina, USA/Großbritannien 2014)

Ein Gespräch mit Alex Garland über den Film


TV-Tipp für den 13. März: Der Bockerer

März 13, 2018

3sat, 22.55

Der Bockerer (Österreich/Deutschland 1981)

Regie: Franz Antel

Drehbuch: Kurt Nachmann, H. C. Artmann (nach dem Theaterstück von Ulrich Becher und Peter Preses)

Wien, 1938: ein Fleischhauer legt sich, nachdem die Nazis ihm seine wöchentliche Skatrunde mit einem jüdischen Bekannten verbieten wollen, mit den Nazis an.

Selten gezeigte, auf einem Theaterstück basierende Politposse.

Dass nicht nur die Deutschen genug Anlass haben, sich mit der braunen Vergangenheit zu befassen, wird in den Nachbarländern manchmal allzu großzügig und selbstgerecht übersehen. Aber dass dann ausgerechnet der Heimatfilm-Regisseur Franz Antel, dem das deutschsprachige Filmschaffen nun wahrlich nicht wenige Filme verdankt, die sich weder inhaltlich noch ästhetisch vom Unterhaltungskino des Dritten Reichs unterscheiden, dass ausgerechnet dieser Routinier sich eines früher sehr populären Volksstücks bedient, um einen Beitrag zum Problem Österreich und die Nazis zu leisten, stimmt nicht sehr hoffnungsvoll.

Das Ergebnis ist denn auch zwiespältig: Die Absicht ist zu loben, die Durchführung ziemlich misslungen. (…) Ein Film gegen die Nazis mit den Mitteln ihres Kinos: das geht nicht.“ (Fischer Film Almanach 1982)

zahmes Spektakel“ (Lexikon des internationalen Films)

Franz Antel (1913 – 2007) inszenierte mit Karl Merkatz als Bockerer drei Fortsetzungen: „Der Bockerer II – Österreich ist frei“ (1996), „Der Bockerer III – Die Brücke von Andau“ (2000) und „Der Bockerer IV – Prager Frühling“ (2003, mit Kurt Ockermüller)

Mit Karl Merkatz, Ida Krottendorf, Georg Schluchter, Alfred Böhm, Heinz Maracek

Hinweise

Filmportal über „Der Bockerer“

Wikipedia über „Der Bockerer“


DVD-Kritik: Der/Die Oscar-Gewinner*in „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“

März 12, 2018

In „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“ gibt es eine Überraschung, die; – nun, auch wenn ich glaube, dass sie inzwischen allgemein bekannt ist und deshalb keine Überraschung ist, möchte ich niemand die Überraschung bei dem tollen Film verderben.

Und, dieser Hinweis sei gestattet, das noch (?) aktuellen DVD-Cover führt gewaltig in die Irre. Denn „Eine fantastische Frau“ ist nicht für den „Oscar als bester ausländischer Film“ nominiert, sondern seit der Oscar-Verleihung ist „Eine fantastische Frau“ der beste ausländische Film des Jahres.

In seinem neuen Film erzählt „Gloria“-Regisseur Sebastián Lelio die Geschichte von Marina Vidal, einer 27-jährigen Kellnerin und Sängerin. Sie lebt im heutigen Santiago de Chile zusammen mit Orlando, einem deutlich älteren Mann, der Chef eines Textilunternehmens ist. Eines Nachts wacht der 57-jährige mit Schmerzen auf und stirbt kurz darauf im Krankenhaus an einem Aneurysma.

Danach hat Marina all die Probleme, die man hat, wenn man zwar mit einem anderen Menschen zusammenlebte, aber nicht mit ihm verheiratet war und es kein Testament gibt. Orlandos Familie und Orlandos Ex-Frau hassen die junge Frau buchstäblich. Sie wollen sie möglichst schnell aus der gemeinsam benutzten Wohnung haben und selbstverständlich soll alles, was Orlando gehörte, in den Händen seiner Familie und seiner Ex-Frau landen. Auch bei der Totenwache und der Beerdigung verzichtet man gerne auf die junge Geliebte, die so gar nicht dem gesellschaftlichen Stand des Verstorbenen entspricht.

Gleichzeitig vermutet eine äußerst penetrante Sitten-Polizistin, dass Orlandos Tod kein natürlicher Tod war. Schließlich kenne sie aus ihrer Arbeit genug Beziehungstaten. Vor allem wenn die jüngere Geliebte aus dem Milieu kommt.

In all dem Chaos versucht Marina Orlandos Andenken zu bewahren und für sie in einer angemessenen Form zu trauern. Dazu gehören natürlich Besuche bei den Trauerfeiern ihres Geliebten.

Lelio konzentriert sich in seinem nah an den Konventionene des klassischen Hollywood-Erzählkinos erzähten Film auf Marina und ihre Versuche, mit der Situation umzugehen.

Sie wird von der Sängerin Daniela Vega gespielt. Vega spielte vorher nur in einem kleineren Film mit und trat im Theater auf. Vor allem in einem lange laufendem autobiographischem Stück über ihre Transsexualität. Als Lelio mit den Arbeiten an dem Drehbuch für „Eine fantastische Frau“ begann, unterhielt er sich lange mit Vega über ihre Erfahrungen und die Situation von Transsexuellen in Chile. Denn, wie Lelio im interessanten 33-minütigem „Making of“ bekennt, er selbst hatte davon keine Ahnung und kannte auch keine Transsexuellen. Er hielt es nur für eine gute Idee im Rahmen der Filmgeschichte. Als der erste Drehbuchentwurf fertig war, bot er ihr die Hauptrolle an, die sie mit Bravour meistert. Sie ist in fast jeder Szene des Dramas zu sehen. Sie spielt, was man im Film erst langsam erfährt, nicht nur eine trauernde Frau, sondern eine Trauernde, die vorher ein Mann war und deren Geschlechtsumwandlung vor allem in Orlandos Familie auf abgrundtiefen Hass trifft. Zum Glück gehen Marinas Freunde und Bekannten wesentlich entspannter mit ihrer Transsexualität um. Sie nehmen sie als ganz normalen Menschen mit Bedürfnissen und Nöten wahr.

Auch Lelio thematisiert Marinas Transsexualität nur in wenigen Worten und Halbsätzen. Es geht ihm um den Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen. Wenn, wie zwischen Marina und Orlando eine tiefe, reine Liebe bestand, die sich nicht um irgendwelche Grenzen und Konventionen kümmerte, ist dieser Verlust besonders groß. Und dann ist es besonders schwer, mit dem Verlust des Geliebten umzugehen.

Lelio erzählt diese Geschichte sehr feinfühlig und ruhig als Porträt einer Frau, die um einen würdigen Abschied von der Liebe ihres Lebens und um Anerkennung kämpft.

Auf der Berlinale 2017 erhielt „Eine fantastische Frau“ den Silbernen Bären für das beste Drehbuch, den Teddy Award als bester Spielfilm und den Preis der ökomenischen Jury. Seitdem erhielt der Film weitere Preise, war für den Golden Globe als bester Film nominiert und erhielt jetzt, wie schon gesagt, den Oscar als bester ausländischer Film des Jahres. Vollkommen zu Recht.

Die DVD enthält als Bonusmaterial ein informatives 33-minütiges Making of und ein ebenso informatives zwölfseitiges Booklet mit Interviews mit Sebastián Lelio, Daniela Vega und Francisco Reyes („El Club“), der Orlando spielt.

Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica (Una Mujer Fantastica, Chile//USA/Deutschland/Spanien 2017)

Regie: Sebastián Lelio

Drehbuch: Sebastián Lelio, Gonzalo Maza

mit Daniela Vega, Francisco Reyes, Luis Gnecco, Aline Küppenheim, Nicolás Saavedra, Amparo Noguera, Trinidad González, Néstor Cantillana, Alejandro Goic, Antonia Zegers

DVD

good! Movies/Piffl Medien

Bild: 16:9 (2.39:1)

Ton: Deutsch, Spanisch, Audiodeskription (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Making of, Kinotrailer, Booklet

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Eine fantastische Frau“

Metacritic über „Eine fantastische Frau“

Rotten Tomatoes über „Eine fantastische Frau“

Wikipedia über „Eine fantastische Frau“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Eine fantastische Frau“

Meine Besprechung von Sebastián Lelios „Gloria“ (Gloria, Spanien/Chile 2012)

Der RBB-Nighttalk mit Daniela Vega und Francisco Reyes

Teddy Awards unterhält sich mit Sebastián Lelio, Daniela Vega und Francisco Reyes

AFI-Gespräch mit Sebastián Lelio und Daniela Vega

DP/30 mit Sebastián Lelio und Daniela Vega


TV-Tipp für den 12. März: Der Kommissar und sein Lockvogel

März 12, 2018

Arte, 20.15

Der Kommissar und sein Lockvogel (Dernier domicile connu, Frankreich/Italien 1969

Regie: José Giovanni

Drehbuch: José Giovanni

LV: Joseph Harrington: The last known Address, 1965

Kommissar Leonetti soll in wenigen Tagen einen seit fünf Jahren verschwundenen Zeugen finden.

Ein eher selten gezeigter Klassiker des Polizeifilms. Giovanni zeigt ohne gefällige Lösungen die zermürbende Arbeit eines Polizisten. Besonders das Ende ist in seiner bitteren Konsequenz grandios.

„Mich reizte die Idee, einen Bullen zu zeigen, der zu Fuß durch die Stadt marschiert, der weder einen schnellen Schlitten fährt, noch dieses ganze Theater wahrnimmt, das man im Kino immer sieht. Aus diesem Grund habe ich diesen Film gemacht, als Gegensatz zu allem, was existiert. Das war übrigens auch schon im Buch von Harrington, der früher selbst Polizist war.“ (José Giovanni)

Mit Lino Ventura, Marlène Jobert, Michel Constantin

Auch bekannt als „Tödliche Frist“ und „Letzter bekannter Wohnsitz“ (unter dem Titel war der Film im Kino angekündigt)

Wiederholung: Mittwoch, 14. Mär7, 14.05 Uhr

Hinweise

Schnitt über „Der Kommissar und sein Lockvogel“

Wikipedia über „Der Kommissar und sein Lockvogel“ (deutsch, englisch, französich) und José Giovanni (deutsch, französich)

Meine Besprechung des Films “Die Abenteurer” (nach einem Buch von José Giovanni, mit Lino Ventura)

Kriminalakte über José Giovanni und Lino Ventura


TV-Tipp für den 11. März: Endstation Schafott

März 11, 2018

Arte, 20.15

Endstation Schafott (Deux Hommes dans la ville, Frankreich/Italien 1973)

Regie: José Giovanni

Drehbuch: José Giovanni

Starkes Krimidrama über einen Ex-Sträfling, der ein ehrliches Leben führen will, von einem Sozialhelfer unterstützt und einem Polizisten verfolgt wird.

Mit Alain Delon, Jean Gabin, Mimsy Farmer, Michel Bouquet, Bernard Giraudeau, Gérard Depardieu (in einer Nebenrolle als junger Gangster)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Endstation Schafott“

Wikipedia über „Endstation Schafott“ (deutsch, englisch, französisch) und José Giovanni (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über José Giovanni


Neu im Kino/Filmkritik: „Molly’s Game – Alles auf eine Karte“ setzen und Ärger bekommen

März 10, 2018

Sie organisierte Pokerspiele.

Sie wurde dafür vom FBI verhaftet.

Sie sah einer absurd hohen Haftstrafe entgegen, weil sie illegale Glücksspiele organisiert hatte. In mehreren Bundesstaaten. Mit Verbindungen zu russischen Mafiosi.

Ihr Fall ging auch durch die deutsche Presse und ihre Biographie „Molly’s Game“ wurde auch ins Deutsche übersetzt. Nicht, weil wir Deutschen uns so wahnsinnig für illegales Glücksspiel interessieren, sondern weil Molly Bloom ihren persönlichen Glamour-Faktor als junge, gutaussehende Frau und, bis zu einem unglücklichen Unfall während eines Qualifizierungswettbewerbs für die 2002er Winter-Olympiade, US-Olympiahoffnung im Skispringen, mühelos mit den Teilnehmern der von ihr organisierten Pokerrunden toppen konnte. Hollywood-Stars, wie Tobey Maguire (das nicht ausdrücklich bestätigte Vorbild für Spieler X im Film), Leonardo DiCaprio und Ben Affleck, und die üblichen Verdächtigen, wohlhabende Geschäftsleute, Sportler, und Mafiosi, gehörten zu den Teilnehmern der von hr organisierten Pokerspiele. Die Spieleinsätze gingen in die Millionen. Der höchste Verlust, den Bloom sah, waren einhundert Millionen Dollar, die der Spieler am nächsten Tag bezahlte.

2014 erschien die Biographie der am 21. April 1978 in Colorado geborenen Molly Bloom, in dem sie erzählt, wie es dazu kam, dass eine gescheiterte Sportlerin im großen Stil illegale Glücksspiele organiserte. Das Buch endet mit ihrer Verhaftung durch das FBI.

Schon vor dem Erscheinen des Buches wurde sie zu einer deutlich geringeren Haftstrafe verurteilt.

Aaron Sorkin verfilmte jetzt diese Geschichte. Sein Regiedebüt basiert, wenig verwunderlich, auf einem von ihm geschriebenem Drehbuch, das sich einige Freiheiten nimmt. Vor allem bei den Pokerspielern, bei Blooms Anwalt und im Film ist ihr Buch aus dramaturgischen Gründen vor der Urteilsverkündung erschienen.

Sorkin erzählt in seinem Film Blooms Geschichte auf zwei Ebenen: in der Gegenwart versucht sie (Jessica Chastain) ihren Anwalt Charlie Jaffey (Idris Elba) zu überzeugen, sie zu verteidigen und, nachdem sie ihn überzeugt hat, erzählt sie ihm, wie aus einer streng erzogenen Hochleistungssportlerin, die 2003 nach Los Angeles zog, um nach einer kurzen Pause Jura zu studieren, die sehr erfolgreiche Organisatorin von illegalen Pokerspielen wurde. Dies wird in Rückblenden gezeigt. Jaffey möchte auch wissen, warum sie keinen Deal mit dem FBI abschließen möchte. Dafür müsste sie nur kooperieren und die Namen der Pokerspieler verraten.

Sorkin ist einer der bekanntesten Hollywood-Autoren. Die TV-Serie „The West Wing“ und Filme wie „Der Krieg des Charlie Wilson“, „The Social Network“ und „Steve Jobs“ gehen auf sein Konto. Er ist ein Meister des Dialogs und der unglaublichen Verdichtungen. Auch sein Regiedebüt „Molly’s Game“ erzählt in hundertvierzig Minuten mehr, als andere Regisseure in einer zehnstündigen Miniserie. Schon die ersten Minuten, in denen Molly Bloom ihr bisheriges Leben bis zu dem tragischen Skiunfall zusammenfasst und den Unfall erklärt, während die Bilder das Erzählte illustrieren, erklären und vertiefen, sind furios. Sie sind so furios, dass die Frage, wie Sorkin dieses Erzähltempo bis zum Filmende durchhalten will, berechtigt ist. Es gelingt ihm mühelos. Es gelingt ihm sogar, dass man die Spielstrategien beim Pokern nachvollziehen kann, ohne irgendeine Ahnung vom Spiel zu haben.

Und gerade weil „Molly’s Game“ durchgehend auf einem so hohen Niveau erzählt ist, fallen zwei wichtige Szenen, die in jedem anderen Film nicht negativ auffallen würden, hier negativ auf. Beide Szenen sind am Ende des Films. Einmal ist es ein eruptiver Ausbruch von Mollys Anwalt Jaffey, der in einem Plädoyer mündet. Einmal ist es ein Gespräch zwischen Molly und ihrem Vater (Kevin Costner) auf einer Parkbank in New York, in dem der klinische Psychologe eine Fünf-Minuten-Schnelltherapie durchführt.

Natürlich ist „Molly’s Game“ ein textlastiger Film, der vor allem in anonymen Hinter- und Hotelzimmern, in denen die Spiele stattfanden, spielt. Aber Sorkins Monologe und Dialoge sind fantastisch. Die Schauspieler ebenso. Visuell und optisch wird auch so viel herausgeholt, dass es niemals langweilig wird. Die 140 Minuten vergehen wie im Flug, den man anschließend gerne wieder bucht, um dann all die Details mitzubekommen, die man beim ersten Mal kaum erfassen konnte.

Molly’s Game – Alles auf eine Karte (Molly’s Game, USA 2017)

Regie: Aaron Sorkin

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: Molly Bloom: Molly’s Game: The True Story of the 26-Year-Old Woman Behind the Most Exclusive, High-Stakes Underground Poker Game in the World, 2014 (Molly’s Game)

mit Jessica Chastain, Idris Elba, Kevin Costner, Michael Cera, Jeremy Strong, Chris O’Dowd, Bill Camp, Brian d’Arcy James, Graham Greene

Länge: 140 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Molly’s Game“

Metacritic über „Molly’s Game“

Rotten Tomatoes über „Molly’s Game“

Wikipedia über „Molly’s Game“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Molly’s Game“

DP/30 redet mit Aaron Sorkin über den Film

DP/30 redet mit Jessica Chastain über den Film

DP/30 redet mit Idris Elba über den Film

Bei der TIFF-Pressekonferenz  beantworteten Aaron Sorkin und Jessica Chastain Fragen

Bei der UK-Pressekonferenz war Idris Elba dabei

 


TV-Tipp für den 10. März: Paris, Texas

März 10, 2018

3sat, 20.15

Paris, Texas (Deutschland/Frankreich 1984)

Regie: Wim Wenders

Drehbuch: Sam Shepard

Nachdem Travis vier Jahre spurlos verschwunden war, kehrt er zurück. Sein achtjähriger Sohn Hunter ist inzwischen bei seinem Bruder in Los Angeles. Seine Frau Jane ist in Houston. Travis macht sich Hunter auf die Suche nach ihr.

In Cannes erhielt Wenders für „Paris, Texas“ die Goldene Palme. Auch an der Kinokasse war „Paris, Texas“, trotz seiner moralisch abstrusen Geschichte, ein Erfolg. In Deutschland sahen sich über eine Million Menschen den Film an.

Ry Cooder schrieb die spartanische Musik. Robby Müller fand die einprägsamen Americana-Bilder, in denen die USA ein Sehnsuchtsort ist und die Mutter-Kind-Zusammenführung von Travis, dem letzten Cowboy, der wortkarg seine Mission erledigt, als logisch erscheint.

Einer von Wim Wenders‘ schönsten und besten Filmen.

Anschließend, um 22.35 Uhr, zeigt 3sat die fünfzigminütige Doku „Harry Dean Stanton“ (Schweiz 2014).

mit Harry Dean Stanton, Natassja Kinski, Hunter Carson, Aurore Clement, Dean Stockwell, Bernhard Wicki

Hinweise

Filmportal über „Paris, Texas“

Rotten Tomatoes über „Paris, Texas“

Wikipedia über „Paris, Texas“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Die schönen Tage von Aranjuez“ (Les beaux jours d‘ Aranjuez, Deutschland/Frankreich 2016)

Wim Wenders in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Harry Dean Stanton ist „Lucky“

März 9, 2018

Realismus ist eine Sache! Es ist die Praxis, eine Situation so zu akzeptieren, wie sie ist, und die Bereitschaft entsprechend mit ihr umzugehen!

Lucky

Hauptrollen übernahm er fast nie. Preise erhielt er ebenfalls fast nie und trotzdem war Harry Dean Stanton einer der großen Charakterdarsteller des US-Kinos und einer der wenigen Nebendarsteller, die man sofort erkannte und deren Namen man kannte. Er spielte auch in einigen Klassikern mit. „Alien“, „Die Klapperschlange“, „Repo Man“, etliche Filme von David Lynch und, natürlich, „Paris, Texas“ fallen einem sofort ein. Als er von Wim Wenders für „Paris, Texas“ als Hauptdarsteller engagiert wurde, war er schon Jahrzehnte im Geschäft. Trotzdem war es seine erste Hauptrolle.

Jetzt übernahm Harry Dean Stanton wieder die Hauptrolle und sie wurde sein Vermächtnis. „Lucky“ ist Stantons Quasi-letzter-Film. Das lakonische Drama hatte seine Premiere am 11 März 2017 auf dem South by Southwest Film Festival. Danach lief der Film auf etlichen Filmfestivals. Am 15. September 2017 starb Stanton mit 91 Jahren. Ohne „Lucky“ gesehen zu haben. Nach seinem Tod gab es die Premiere der neuesten „Twin Peaks“-Staffel und der Spielfilm „Frank and Ava“, bei dem er mitspielt, befindet sich in der Post-Produktion.

In dem Regiedebüt „Lucky“ von Schauspieler John Carrol Lynch („Fargo“, „Zodiac“, „The Founder“, „American Horror Story“) spielt Stanton den titelgebenden Lucky. In mehr oder weniger, großen, immer prägnanten Nebenrollen sind David Lynch (als Howard, der Besitzer der hundertjährigen Landschildkröte Präsident Roosevelt), Ed Begley Jr. (als Arzt), Tom Skerritt (als Kriegsveteran), Barry Shabaka Henley (als Diner-Besitzer Joe), Ron Livingston (als Anwalt), James Darren (nach 17-jähriger Leinwandabstinenz) und Beth Grant (als Barbesitzer-Paar) dabei. Einige sind schon lange mit Stanton befreundet, die anderen mit Lynch.

Dass der ikonische Nebendarsteller Stanton die Hauptrolle übernahm, war in diesem Fall fast unvermeidbar. Denn die Drehbuchautoren Logan Sparks und Drago Sumonja schrieben die Rolle für Stanton. Sparks ist ein langjähriger Freund von Stanton. Sie ließen in ihre Charakterstudie viel von Stantons Persönlichkeit, Weltsicht und Humor einfließen. So stammt beispielsweise der verbale Schlagabtausch zwischen Lucky und Joe aus Stantons Leben. Dort hatte er den „Du bist nichts. – Du bist auch nichts.- Danke.“-Schlagabtausch immer mit einem Angestellten des Ago Restaurant in Los Angeles.

Lucky ist ein neunzigjährigen Einzelgänger, der nicht an Gott glaubt, täglich eine Packung Zigaretten raucht und belesener Fan von Game Shows und Kreuzworträtseln ist. Er lebt allein in seinem spartanisch eingerichtetem, perfekt aufgeräumtem Haus in einem Wüstenkaff, in dem die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen stammen und friedlich zusammenleben. Die Tage vergehen in einem gemütlichen Einerlei. In jedem Bild, jeder Geste und fast jedem Gespräch – immerhin muss Lucky nach einem Zusammenbruch auch einmal zum Arzt und er trifft in seinem Diner einen durchfahrenden Vietnam-Veteran, mit dem er sich über seine Kriegserlebnisse austauscht – ist die Routine mit ihren festen Ritualen spürbar. Lucky muss nicht sagen, dass er in Joes Diner einen festen Sitzplatz hat. Er muss nur einen Blick auf die Person werfen, die auf seinem Platz sitzt und wir wissen, dass ihm dieser Bruch seiner täglichen Routine nicht gefällt. In den Dialogen werfen die Gesprächsteilmer sich so lässig die Bälle zu, dass schon beim ersten Hören klar ist, dass sie diese Geschichten schon tausendmal vor dem gleichen Publikum erzählten, dass sie diese Gespräche schon tausendmal hatten und dass sie diese Gespräche und verbalen Schlagabtäusche immer noch genießen.

Aber dann gibt es die kleinen Veränderungen in der Routine. Eine Landschildkröte verschwindet. Lucky begreift, nachdem er in seiner Küche bei seinen morgendlichen Eiskaffee umkippt, dass sein Leben endlich ist und dass er, obwohl er sich immer als Einzelgänger sah, ein Teil der Dorfgemeinschaft ist und die Dorfgemeinschaft aufeinander aufpasst.

John Carrol Lynch inszenierte diese Charakterstudie als lakonische Liebeserklärung an Harry Dean Stanton, der hier noch einmal sein Können zeigt und am Ende langsam aus dem Bild geht.

Lucky“ ist eine großartige Abschiedsvorstellung von Harry Dean Stanton, einem Schauspieler, der als Nebendarsteller unzählige unprätentiöse und genau deshalb einprägsame Auftritte hatte und der sich mit einer Hauptrolle verabschiedet.

Lucky (Lucky, USA 2017)

Regie: John Carrol Lynch

Drehbuch: Logan Sparks, Drago Sumonja

mit Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston, Ed Begley Jr., Tom Skerritt, Beth Grant, Yvonne Huff, Hugo Armstrong

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Lucky“

Metacritic über „Lucky“

Rotten Tomatoes über „Lucky“

Wikipedia über „Lucky“ (deutsch, englisch)

John Carroll Lynch über seinen Film

Harry Dean Stanton über „Paris, Texas“ und das Schauspielen (The Hollywood Reporter, 2013)