Cover der Woche

September 26, 2017


TV-Tipp für den 26. September: Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn

September 26, 2017

Weil am Donnerstag sein neuer Film „Victoria & Abdul“ (ebenfalls mit Judi Dench, aber nicht so gut wie „Philomena“)  anläuft

ARD, 22.45

Philomena (Philomena, Großbritannien 2013)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Steve Coogan, Jeff Pope

LV: Martin Sixsmith: The Lost Child of Philomena Lee, 2009 (Philomena – Eine Mutter sucht ihren Sohn)

1952 wurde die Irin Philomena Lee als Jugendliche ungewollt schwanger. Sie ging zur Besserung in ein Kloster. Ihr Kind wurde, ohne sie zu fragen, von den barmherzigen Schwestern fortgegeben. Jetzt, fünfzig Jahre später, möchte sie ihren Sohn wiedersehen. Aber die katholische Kirche mauert. Nur der Journalist Martin Sixsmith hilft ihr.

Feines, auf einer wahren Geschichte basierendes Drama.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung

mit Judi Dench, Steve Coogan, Sophie Kennedy Clark, Anna Maxwell Martin, Ruth McCabe, Kate Fleetwood, Peter Hermann, Mare Winningham, Michelle Fairley

Wiederholung: Mittwoch, 27. September, 02.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Philomena“

Moviepilot über „Philomena“

Metacritic über „Philomena“

Rotten Tomatoes über „Philomena“

Wikipedia über „Philomena“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)


TV-Tipp für den 25. September: Paper Moon

September 25, 2017

Arte, 20.15

Paper Moon (USA 1973, Regie: Peter Bogdanovich)

Drehbuch: Alvin Sargent

LV: Joe David Brown: Addie Pray, 1971 (Die Geschichte von Addie und Long Boy und wie sie beide fröhlichen Herzens auf anderer Leute Kosten lebten; später wegen des Films in den USA und Deutschland auch als „Paper Moon“ veröffentlicht)

Am Grab seiner Ex-Geliebten bekommt Trickbetrüger Moses Pray die neunjährige Addie auf Auge gedrückt. Er soll sie zu einer Tante fahren. Schnell erweist sich bei ihrer Fahrt durch den mittleren Westen der USA das altkluge Kind als Naturtalent, das ihrem Vater in nichts nachsteht.

Das tragikomische Buddy-Movie der etwas anderen Art verklärt in stilvollem Schwarzweiß die Depression. Film-Fan Peter Bogdanovich verarbeitete in dem Kassenknüller „Paper Moon“, wie auch in seinen anderen Filmen, sein Wissen über die Filmgeschichte zu einem stilvollen Film. Nur das Publikum folgte ihm nicht immer.

Mit Ryan O’Neal, Tatum O’Neal, Madeline Kahn, John Hillerman

Wiederholungen

Montag, 2. Oktober, 13.45 Uhr

Montag, 9. Oktober 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Turner Classic Movies über “Paper Moon”

Rotten Tomatoes über „Paper Moon“

Wikipedia über „Paer Moon“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Berlinale-Gewinner „Körper und Seele“

September 25, 2017

Für ihr Debüt „Mein 20. Jahrhundert“ erhielt sie die Goldene Kamera für den besten Nachwuchsfilm in Cannes. Das war 1989. Der letzte Kinofilm der 1955 in Budapest geborenen Ildikó Enyedi entstand 1999. Seitdem stehen in ihrer Filmographie nur zwei Kurzfilme und eine TV-Serie. Aber das war für HBO Europe das ungarische Remake von „In Treatment“.

Im Februar erhielt sie auf der Berlinale für ihren neuen Film „Körper und Seele“ den Goldenen Bären und den Fipresci-Preis des Internationalen Verbandes der Filmkritik, den Preis der Ökumenischen Jury und den Preis der Leserjury der „Berliner Morgenpost“ (eine der hiesigen Tageszeitungen).

Jetzt läuft ihre zarte, genau und geduldig beobachtete Liebesgeschichte mit einem Fantasy-Element bei uns an. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn zwei Menschen exakt den gleichen Traum träumen? In jeder Nacht und obwohl sie sich noch nicht kennen. Sie haben sich nur einmal in der Schlachterei gesehen und kurz miteinander gesprochen.

Endre ist der Finanzdirektor (bzw., laut Presseheft, Leiter) des Schlachthofs. Er ist ein zurückgezogen lebender, introvertierter, halbseitig gelähmter Mann.

Maria ist die neu eingestellte Qualitätskontrolleurin. Sie ist wie ein scheues Reh, was auch an ihrem Autismus liegt. Für Smalltalk und zwischenmenschliche Kontakte ist sie ziemlich ungeeignet. Für die Qualitätskontrolle ist sie sehr geeignet. Jedenfalls wenn man möchte, dass exakt nach den Vorgaben kontrolliert wird. Am ersten Tag sortiert sie das ganze Fleisch als minderwertig aus. Es hatte einige Millimeter zu viel Fett. Ihre Kollegen verstehen diese Übergenauigkeit nicht und bitten Endre, mit ihr darüber zu reden.

Abends spielt sie in ihrer Wohnung die tagsüber geführten Gespräche und was sie hätte antworten können, wortgenau nach. Denn sie erinnert sich an jedes Gespräch.

Als sie zufällig erfahren, dass sie in der letzten Nacht exakt den gleichen Traum hatten, fragen sie sich, ob das ein Zufall war und, als das in der nächsten Nacht noch einmal geschieht, was das zu bedeuten hat.

Wie diese beiden verwundeten Seelen sich langsam und mit wenigen Worten öffnen und zueinander finden, erzählt Enyedi in langen Sequenzen, in denen die Schauspieler sich nuancenreich entfalten können. Das gilt vor allem für die beiden Hauptdarsteller. Endre-Darsteller Géza Morcsányi sieht zwar aus, als hätte man ihn schon in unzähligen Filmen gesehen, aber es ist sein Schauspieldebüt. In Ungarn ist er bekannt. Er war von 1995 bis 2015 Leiter des wichtigen Verlags Magvetö und eine prägende Gestalt der ungarischen Literaturszene.

Maria-Darstellerin Alexandra Borbély spielte bereits in einigen Filmen mit. Allerdings wurde von ihnen bis jetzt (wenn ich richtig recherchierte) keiner in Deutschland gezeigt. In Ungarn ist sie vor allem als Theaterschauspielerin bekannt. Für Rollen, die gänzlich anders sind als ihre Filmrolle.

Inzwischen ist „Körper und Seele“ der von Ungarn vorgeschlagene Kandidat für den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Körper und Seele (Teströl és lélekröl, Ungarn 2017)

Regie: Ildikó Enyedi

Drehbuch: Ildikó Enyedi

mit Géza Morcsányi, Alexandra Borbély, Réka Tenki, Zoltán Schneider, Ervin Nagy, Tamás Jordán, Itala Békés

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Körper und Seele“

Metacritic über „Körper und Seele“

Rotten Tomatoes über „Körper und Seele“

Wikipedia über „Körper und Seele“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Körper und Seele“


TV-Tipp für den 24. September: Tanz der Teufel

September 24, 2017

Das ist wahrscheinlich das notwendige Kontrastprogramm

Tele 5, 22.35

Tanz der Teufel (The Evil Dead, USA 1982)

Regie: Sam Raimi

Drehbuch: Sam Raimi (damals noch Samuel M. Raimi)

Fünf Studenten wollen ein ruhiges Wochenende in einer Berghütte verbringen und wecken durch ihre Dummheit eine Horde extrem böswilliger Dämonen. Immerhin wächst Ash (Bruce Campbell!) in dem ganzen Gemetzel über sich hinaus.

Ein Horrorfilmklassiker der wenig subtilen Schule, der damals bei der deutschen Kritik nicht gut ankam: „geradezu sensationeller Geschmacklosigkeit“ (Die Zeit), „einen Beitrag mehr zum Niedergang eines Genres geleistet (…) Bilder aus dem Schlachthaus“ (Fischer Film Almanach 1985), „dass es angeraten ist, Kotztüten bereitzuhalten“ (Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Horrorfilms). Die US-Kritik war anscheinend durchgehend positiver und der kommerzielle Erfolg überragend.

Inzwischen kommt der „stilbildende Slapstick-Horror-Splattermovie“ (Frank Schnelle/Andreas Thiemann: Die 50 besten Horrorfilme, 2010) in einem Meta-Ranking der 50 besten Horrorfilme auf den 18. Platz.

Und heute ist die ungekürzte (!) TV-Premiere des in Deutschland lange Zeit verbotenen Films. Wer will, kann sich die damaligen Diskussionen über das damalige Verbot durchlesen. Einen Einstieg dazu ermöglicht die entsprechende Wikipedia-Seite.

mit Bruce Campbell, Ellen Sandweiss, Hal Delrich, Betsy Baker

Wiederholung: Montag, 25. September, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Tanz der Teufel“

Wikipedia über „Tanz der Teufel“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Armee der Finsternis (Tanz der Teufel III)“ (Army of Darkness – Evil Dead 3, USA 1992)

Meine Besprechung von Sam Raimis „Die fantastische Welt von Oz“ (Oz, the Great and Powerful, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „Schloss aus Glas“ – Erinnerungen an eine Kindheit

September 24, 2017

Als Jeanette Walls in den späten achtziger Jahren in Manhattan ihre Mutter nachts im Müll nach Essbarem wühlen sieht, fährt sie im Taxi weiter und beginnt sich an ihre Kindheit zu erinnern.

Aus diesen Erinnerungen entstand ihr autobiographischer Roman „Schloss aus Glas“, der 2005 erschien und ein Bestseller wurde. Jetzt wurde er von Destin Daniel Cretton verfilmt. Aber er hat keine Idee, wie er den Roman verfilmen soll, weil er nicht weiß, welche Geschichte er aus welcher Perspektive erzählen will.

Er weiß daher auch nicht, wie er die Erinnerungen von Jeanette Walls anordnen soll, damit sie eine kraftvolle Geschichte ergeben. So plätschert der über zweistündige Film vor sich hin. Die Erinnerungen an bestimmte Ereignisse bleiben beliebig, weil sie keine Folgen haben. Es gibt keine Entwicklung, vor allem nicht bei Jeannettes Eltern. Es gibt auch keine Konflikte, die zu einer Entwicklung führen. Es gibt nur anekdotische Erinnerungen.

Der Film konzentriert sich dabei auf Jeanettes Leben in New York als Klatsch-Kolumnistin und, in zahlreichen Rückblenden, auf ihre Kindheit und Jugend in den Sechzigern und frühen Siebzigern. Die Rückblenden enden, als die 1960 geborene als Siebzehnjährige von zu Hause nach New York flüchtet. Die über zehnjährige Lücke zwischen ihrer Kindheit und ihrem jetzigen Leben wird nie ausgefüllt.

Ihre Kindheit und Jugend erlebt Jeanette mit ihren drei teils jüngeren, teils älteren Geschwister als Abenteuer. Dass sie hoch verschuldet sind und ihre Eltern die Rechnungen nicht bezahlen könnte, wissen sie nicht. Diese ständige Flucht vor ihren Gläubigern ist auch der Grund für die vielen Umzüge. Später ziehen sie in ein schon halb verfallenes Haus, in dem sie länger Leben können.

Ihre Mutter Rose Mary (Naomi Watts) wäre gerne eine Künstlerin. Ihr Vater Rex ist ein Schwätzer, der seit Ewigkeiten große Pläne hat, aus denen nichts wird. So hat er großartige Ideen für das titelgebende „Schloss aus Glas“. So nennt er sein in der Realität niemals auch nur begonnenes Traumhaus. Währenddessen verfällt ihre im Wald gelegene Hütte, in der sie Leben, immer weiter. Er ist auch ein Trinker und Spieler. Beide Eltern sind nur an sich interessierte Egoisten. Deshalb flüchten ihre Kinder auch so früh wie möglich aus der elterlichen Obhut.

Aber im Film erscheinen sie als irgendwie doch durchaus liebenswerte, fast schon vorbildliche, die bürgerliche Gesellschaft und repressive Konventionen ablehnende Eltern mit einer überschäumenden Liebe zu ihren Kindern, die sie mit ihren alternativen, aber erfolgreichen alternativen Erziehungsmethoden zu freien Menschen erziehen wollen. Ihren Egoismus thematisiert das Drama nicht. Rex‘ Alkoholismus hakt er mit ein, zwei Ausrastern und herumlungern auf der Couch ab. Seine Frau Mary kümmert sich auch nicht intensiver um ihre Kinder. Das stünde ja ihrer Selbstverwirklichung im Weg, die für sie immer wichtiger war als die Erziehung ihrer Kinder. Wenn am Filmende dieser Egoismus mit dem Glorienschein einer erfolgreichen Erziehung ummäntelt wird, will man es nicht glauben.

Dafür versammeln sich dann die Walls-Kinder vor laufender Kamera, schwelgen in Erinnerungen an ihre abenteuerliche Jugend und loben ihre Eltern.

Dass ihr Vater Rex in diesem Moment wieder, wie vor allem in den ersten Filmminuten, zu einem zweiten „Captain Fantastic“ wird, verdeutlicht noch einmal den großen Unterschied zwischen den beiden Filmen. In Matt Ross‘ Film wollte der von Viggo Mortensen gespielte Vater seinen Kindern etwas beibringen. Dafür übernahm er die Verantwortung und der Film hatte eine Haltung zu seinem Charakter und zu seiner Geschichte. Und der Vater macht eine Entwicklung durch. Kurz gesagt hat „Captain Fantastic“ alles, was „Schloss aus Glas“ nicht hat.

Schloss aus Glas (The Glass Castle, USA 2017)

Regie: Destin Daniel Cretton

Drehbuch: Destin Daniel Cretton, Andrew Lanham

LV: Jeannette Walls: The Glass Castle, 2005 (Schloss aus Glas)

mit Brie Larson, Woody Harrelson, Naomi Watts, Ella Anderson, Chandler Head, Max Greenfield, Josh Caras, Charlie Shotwell, Iain Armitage, Sarah Snook, Sadie Sink, Olivia Kate Rice, Brigette Lundy-Paine, Shree Crooks, Eden Grace Redfield

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Schloss aus Glas“

Metacritic über „Schloss aus Glas“

Rotten Tomatoes über „Schloss aus Glas“

Wikipedia über „Schloss aus Glas“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Schloss aus Glas“


TV-Tipp für den 23. September: Confidence – Coup in L. A.

September 23, 2017

One, 21.35

Confidence – Coup in L. A. (USA/Kanada/Deutschland 2003, Regie: James Foley)

Drehbuch: Doug Jung

Weil Profidieb Jake zufällig einen Mafiosi beklaut hat, bietet er ihm bei seinem nächsten Trickbetrug Teil der Beute an. Nur: wer kann hier wem trauen und wer betrügt wen?

Gelungener Neo-Noir-Gangsterkrimi.

mehr David Mamet als Ocean’s Eleven“ (Gerald Jung, Zitty 2/2004)

mit Edward Burns, Rachel Weisz, Andy Garcia, Dustin Hoffman, Paul Giamatti, Donal Logue, Luis Guzmán, John Carroll Lynch, Morris Chestnut

Wiederholung: Montag, 25. September, 03.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Confidence“

Wikipedia über „Confidence“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Was ist „The Book of Henry“?

September 22, 2017

Henry (Jaeden Lieberher) ist ein hochintelligenter Junge, der entdeckt, dass die Nachbarstochter von ihrem Stiefvater missbraucht wird. Dummerweise ist Glenn (Dean Norris) der Polizeichef der Kleinstadt und alle Versuche von Henry, die Obrigkeiten über den Missbrauch zu informieren, versanden. Also entschließt er sich, ihn umzubringen. In dem titelgebenden „Book of Henry“ schreibt er seinen Plan bis ins letzte Detail auf.

So beginnt „The Book of Henry“ und die Verwirklichung dieses Plans steht auch im Mittelpunkt des Films. Aber anders, als man es nach diesem Anfang erwartet.

Das Drehbuch für „The Book of Henry“ ist von Gregg Hurwitz, der vor allem als Thrillerautor bekannt und erfolgreich ist. Er schrieb die erste Version des Drehbuchs vor fast zwanzig Jahren. „Es lebte die ganze Zeit in mir fort. Tatsächlich bin ich mit dem dem Drehbuch erwachsen geworden. Es hat diese jugendliche Energie und über die Jahre, die ich es überarbeitet habe, war ich in der Lage all diese Dinge, die ich gelernt habe, darin unterzubringen. Eines Tages hatte ich Kinder und ich konnte das einbringen, was ich als Elternteil gelernt habe.“

Colin Trevorrow inszenierte vor „The Book of Henry“ die hochgelobte Indie-Komödie „Journey of Love – Das wahre Abenteuer ist die Liebe“ (Safety Not Guaranteed) und den Blockbuster „Jurassic World“. Vor wenigen Tagen wurde er als Regisseur von „Star Wars Episode IX“ gefeuert.

Mit „The Book of Henry“ drehte er eine herrlich abgedrehten Offbeat-Komödie, deren Charme im ständigen Durchbrechen der Erwartungen, dem Wechsel von Genres und Genreerwartungen, ihrem Humor und ihren Charakteren liegt. So ist Henry quasi das unumstrittene, vernünftige Familienoberhaupt. In der Schule beschützt er seinen jüngeren Bruder Peter (Jacob Tremblay). Auch das Nachbarmädchen Christina (Maddie Ziegler) will er, wie gesagt, beschützen. Nebenbei organisiert er die familiären Finanzen so gut, dass ihre Mutter nicht mehr arbeiten müsste. Aber Susan (Naomi Watts) will in einem Diner weiterarbeiten, wenn sie nicht gerade begeistert Computerspiele spielt. Sie ist das Kind der Familie – und ein Teil des Humors von „The Book of Henry“ besteht darin, dass Menschen Dinge tun, für die sie zu jung oder zu alt sind oder Dinge wissen, für die sie zu jung sind. Zum Beispiel wenn Henry sich mit seinem Doktor fachmännisch über eine für ihn gestellte Diagnose unterhält, während Susan sich verzweifelt fragt, was sie ohne Henry tun soll. Ein anderer Teil des Humors kommt aus der liebevollen Versponnenheit seiner Charakter. Denn so richtig „normal“ ist in „The Book of Henry“ niemand, aber jeder lebt in seiner Fantasiewelt oder jagt seinem Traum hinterher.

Und die Geschichte mit ihren überraschenden Wendungen und damit verbundenen Stimmungs- und Genrewechseln spricht vieles an, was zum Erwachsenwerden dazugehört. Neben der ersten Liebe gehören auch Tod und Verlust dazu. Allerdings gehen Hurwitz und Trevorrow mit diesen Problemen anders um, als man es erwarten würde.

Denn „The Book of Henry“ steht näher bei Filmen wie Emir Kusturicas „Arizona Dream“ oder Hal Ashbys „Harold und Maude“ oder, um mal das Genre zu wechseln, an Alfred Hitchcocks „Psycho“ (wo die Protagonistin nach 45 Minuten in der Dusche ermordet wird) als an aktuelle Feelgood- und Comig-of-Age-Filme, deren Geschichte man nach dem Ansehen des Trailers kennt. „The Book of Henry“ beginnt als Schulkomödie für Kinder und Jugendliche, wird zum Sterbedrama und endet, immer weniger für Kinder geeignet, als Thriller, den man nicht zu ernst nehmen sollte.

Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb „The Book of Henry“ bei der US-Kritik so schlecht ankam.

Denn „The Book of Henry“ ist ein höchst unterhaltsamer Film. Für eine bestimmte Klientel, die Offbeat-Humor und Filme liebt, die sich bewusst zwischen alle Stühle setzen. Für die könnte er zu einem Kultfilm werden.

*

(unsichtbarer Infokasten) Naomi Watts ist aktuell auch in „Schloss aus Glas“, der Verfilmung von Jeanette Wallis‘ autobiographischem Roman, zu sehen.

Ihre beiden Filmkindern kennt sie aus „Shut in“ (Jacob Tremblay) und „St. Vincent“ (Jaeden Lieberher).

Lieberher hat in der nächste Woche startenden, sehr gelungenen und an der US-Kinokasse sehr erfolgreichen Stephen-King-Verfilmung „Es“ eine Hauptrolle.

*

The Book of Henry (The Book of Henry, USA 2017)

Regie: Colin Trevorrow

Drehbuch: Gregg Hurwitz

mit Naomi Watts, Jaeden Lieberher, Jacob Tremblay, Lee Pace, Dean Norris, Sarah Silverman, Bobby Mynihan, Maxwell Simkins

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Book of Henry“

Metacritic über „The Book of Henry“

Rotten Tomatoes über „The Book of Henry“

Wikipedia über „The Book of Henry“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Colin Trevorrows „Jurassic World“ (Jurassic World, USA 2015)

Homepage von Gregg Hurwitz

Meine Besprechung von Gregg Hurwitz/David Finchs „Batman – The Dark Knight: Angst über Gotham (Band 2)“ (Batman: The Dark Knight # 10 – 15, August 2012 – Februar 2013)

Meine Besprechung von Gregg Hurwitz/Ethan van Sciver/Szymon Kudranskis „Batman – The Dark Knight: Liebe und Wahn (Band 3)“ (Batman: The Dark Knight 16 – 21, Batman: The Dark Knight Annual 1, März 2013 – August 2013)

Gespräch mit Colin Trevorrow über seinen Film


Neu im Kino/Filmkritik: Hüte dich vor den „Norman“ dieser Welt!

September 22, 2017

Norman Oppenheimer ist – Ja, was eigentlich? Spät im Film sagt eine Frau zu ihm, sie habe mit viele Menschen gesprochen, aber niemand habe ihr sagen können, wer er sei, was er tue und ob er überhaupt eine Familie habe. Dabei kennen ihn viele Leute und er bemüht sich immer, Kontakte zu vermitteln und ihnen zu helfen. Nur: warum eigentlich?

Diese Frage beantwortet Joseph Cedar in seinem neuesten Film „Norman“ nur durch die Blume und im Rahmen einer im modernen New York im jüdischen Milieu spielenden Geschichte, die von der Figur des Hofjuden inspiriert ist. Der Hoffaktor war ein an einem höfischen Herrschaftszentrum beschäftigter Kaufmann, der Luxuswaren und Geld für den Herrscher beschaffte. In der Literatur und dem Theater findet man diese Figur bereits in der Bibel in der Geschichte von Josef oder in Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ oder in „Jud Süß“. Ein nicht vollendetes Filmprojekt über Veit Harlans antisemitischen Film war für Cedar die Inspiration für seine Charakterstudie „Norman“.

Dieser von Richard Gere grandios in all seinen Facetten, seiner Größe und auch, vor allem, seiner Erbärmlichkeit, gespielte Norman Oppenheimer ist ein Problemlöser, der sich anderen Menschen mit höflicher Penetranz aufdrängt und ihnen anbietet, ihnen zu helfen, sie mit jemand anderes in Kontakt zu bringen. Das tut er auch bei Micha Eshel (Lior Ashkenazi), dem er in einem New Yorker Schuhgeschäft ein Paar Schuhe schenkt.

Jahren später, als Micha Premierminister von Israel wird, erinnert Micha sich bei einem US-Besuch an Norman und er begrüßt ihn bei einem offiziellem Empfang überschwänglich. Dass seine Vertrauten ihn immer wieder vor Norman warnten und warnen, ignoriert er. Denn Norman ist doch eine grundgute Seele. Nach dieser neuen Begegnung von Micha und Norman beginnt ‚Der bescheidene Aufstieg und tragische Fall eines New Yorker Geschäftsmanns‘ (Untertitel).

Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Schließlich kennt Norman viele wichtige Menschen und er will doch nur helfen.

Ruhig, fast schon bedächtig erzählt der in New York geborene, in Israel aufgewachsene und lebende Regisseur Joseph Cedar (Beaufort, Hearat Shulayim), unterstützt von einem fantastischen Ensemble und Jun Miyakes beschwingter Musik, seine subtile und in jeder Beziehung sehr schlaue Tragikomödie mit einem freundlichen Blick auf die fehlbaren Menschen, viel subtilem jüdischen Humor und etlichen Fremdschäm-Momente. Eigentlich ist fast jede Minute mit Norman ein solcher Fremdschäm-Moment. Denn Norman biedert sich immer wieder, ohne einen Unterschied zu machen oder auch nur einen Hauch erkennbarer Selbstachtung zu haben, bei anderen Menschen an und er wird immer wieder, höflich, aber bestimmt abgewiesen oder hinauskomplimentiert. Man möchte ihn schütteln und einen anderen Beruf empfehlen, aber irgendwie ist Norman auch ein glücklicher Mann, der genau das tut, was er will.

Norman (Norman: The Moderate Rise and Tragic Fall of a New York Fixer, USA/Israel 2016)

Regie: Joseph Cedar

Drehbuch: Joseph Cedar

mit Richard Gere, Lior Ashkenazi, Michael Sheen, Steve Buscemi, Charlotte Gainsbourg, Dan Stevens, Hank Azaria, Harris Yulin

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Norman“

Metacritic über „Norman“

Rotten Tomatoes über „Norman“

Wikipedia über „Norman“ (deutsch, englisch) (derzeit ist die deutsche Wikipedia-Seite deutlich umfangreicher)


TV-Tipp für den 22. September: Moon – Die dunkle Seite des Mondes

September 22, 2017

3sat, 22.25
Moon – Die dunkle Seite des Mondes (Moon, Großbritannien 2009)
Regie: Duncan Jones
Drehbuch: Nathan Parker (nach einer Idee von Duncan Jones)
Sam baut für einen Konzern auf dem Mond Helium ab. Sein einziger Gefährte ist der Roboter Gerty (im Original: Kevin Spacey). Nach einem Unfall trifft er in der Mondstation auf seinen Doppelgänger.
Sam Rockwell in einer Doppelrolle. Das ist schon mehr als die halbe Miete. Aber Duncan Jones hat in seinem Langfilmdebüt auch eine überzeugende Geschichte und, trotz des überschaubaren Budgets, überzeugende Tricks. All das macht „Moon“ zu einem der besten Science-Fiction-Filme der vergangenen Jahre.
„Moon“ wurde unter anderem mit dem Hugo-Award und etlichen normalen Filmpreisen, wie dem British Independent Film Awards als bester Film des Jahres, ausgezeichnet.
mit Sam Rockwell, Kevin Spacey, Dominique McElligott, Kaya Scodelario, Benedict Wong, Matt Berry, Malcolm Stewart

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Moon“

Rotten Tomatoes über „Moon“

Wikipedia über „Moon“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Duncan Jones‘ “Moon” (Moon, Großbritannien 2009) und ein Interview mit Duncan Jones über den Film

Meine Besprechung von Duncan Jones‘ „Source Code“ (Source Code, USA 2011)

Meine Besprechung von Duncan Jones“ „Warcraft: The Beginning“ (Warcraft: The Beginning, USA 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: „Kingsman: The Golden Circle“ und die Statesman

September 22, 2017

Der erste „Kingsman“-Film „The Secret Service“ war der etwas andere James-Bond-Film, der alles hatte, was alte James-Bond-Fans von einem James-Bond-Film erwarten. Und noch etwas mehr.

Der zweite „Kingsman“-Film „The Golden Circle“ schreibt die Geschichte der Kingsman und von Eggsy (Taron Egerton), der jetzt den Codenamen ‚Galahad‘ hat, fort. Allerdings weniger im Modus eines James-Bond-Films, sondern mehr „eigenständig“ als vergnügliche, mit über hundertvierzig Minuten auch zu lang geratene Nummernrevue mit viel Action. Denn die Story, ein Mix aus Agenten- und Kriminalgeschichte mit einer größenwahnsinnigen Schurkin, ist überall und nirgends.

Es beginnt mit einem Mordanschlag auf Eggsy (Taron Egerton), der uns gleich eine große Actionszene auf den nächtlichen Straßen Londons mit zahlreichen Kollateralschäden beschert, die auch gut in einen James-Bond-Film gepasst hätte. Wenn die Inszenierung der Action nicht zu sehr auf den Kollegen Computer bauen würde.

Dann werden alle Kingsman gleichzeitig bei mehreren explosiven Anschlägen ermordet. Nur Eggsy und Merlin (Mark Strong) überleben. In einem Notfallsafe finden sie einen Hinweis, der sie in die USA nach Kentucky in eine gigantische Whiskey-Destillerie zu ihrer Bruderorganisation ‚Statesman‘ führt und in deren Venen Americana fließt. Die dortigen Agenten Tequila (Channing Tatum, der wegen seines Drogenkonsums schnell tiefgekühlt gelagert wird), sein Kollege Whiskey (Pedro Pascal, „Game of Thrones“, „Narcos“), Ginger Ale (Halle Berry) und ihr Chef Champagne (Jeff Bridges) helfen ihnen gegen den Golden Circle, der für die Anschläge auf die Kingsman verantwortlich ist, vorzugehen.

Der Golden Circle ist eine global aktive Drogenschmuggelorganisation, deren Chefin Poppy (Julianne Moore) nach höheren Weihen strebt. Dafür vergiftet sie jetzt alle ihre Kunden. Das Gegengift gibt es, wenn ihre Forderung nach einer vollständigen Freigabe von Drogen (Hey, klingt vernünftig!) erfüllt wird. Der Präsident der USA (Bruce Greenwood) denkt nicht daran und die Kingsman und die Statesman, vor allem Eggsy und Whiskey, beginnen, quer über den Globus reisend, Poppy und ihr Versteck zu suchen. Das liegt in Südostasien im Dschungel und sieht wie eine US-amerikanische Fünfziger-Jahre-Kleinstadt aus. Mit Diner, Kino und Konzertsaal, mit Elton John als Hauspianisten.

Bis dahin vergeht allerdings viel Filmzeit. Durchaus vergnüglich, aber auch deutlich mehr an einzelnen Episoden, Gags, teils gelungen, teils idiotisch (wie die Roboterhunde), teils geschmacklos, und Subplots zwischen Therapie für ‚Galahad‘ Harry Hart (Colin Firth) und Liebesknatsch zwischen Eggsy und seiner Freundin Prinzessin Tilde (Hanna Alström) interessiert, als am vorantreiben der erschreckend sinnfreien Haupthandlung.

Die Action ist zwar furios im derzeit gängigen, aus Superheldenfilmen bekannten Standard gefilmt, aber sie berührt oft nicht. Denn zu oft ist zu offensichtlich, dass die Szenen nur dank dem großflächigen CGI-Einsatz so aussehen, wie sie aussehen. Dabei haben zuletzt „John Wick: Kapitel 2“, „Atomic Blonde“ und „Baby Driver“ gezeigt, wie mitreisend handgemachte Action ist. Auch der erste „Kingsman“-Film „The Secret Service“ hatte da mit Harry Harts Kampf in einem Pub und einer Kirche Standards gesetzt, die in diesem Film nicht überboten werden. Die Pubszene wird in „The Golden Circle“ zitiert, aber am Ende ist ein Lasso nur ein kläglicher Ersatz für einen Regenschirm.

So ist „Kingsman: The Golden Circle“ ein deutlich zu lang geratener Nachschlag zum ersten „Kingsman“-Film, dem genau der Witz, Stil, erzählerische Stringenz und Überraschungseffekt des ersten Teils fehlt.

Kingsman: The Golden Circle (Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)

Regie: Matthew Vaughn

Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn

LV: Mark Millar/Dave Gibbons: The Secret Service, 2012/2013 (Secret Service) (naja, eigentlich „Inspiration“)

mit Taron Egerton, Julianne Moore, Colin Firth, Mark Strong, Channing Tatum, Halle Berry, Jeff Bridges, Pedro Pascal, Edward Holcroft, Elton John, Hanna Alström, Tom Benedict Knight, Michael Gambon, Sophie Cookson, Björn Granath, Lena Endre, Poppy Delevingne, Bruce Greenwood, Emily Watson

Länge: 141 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Kingsman: The Golden Circle“

Metacritic über „Kingsman: The Golden Circle“

Rotten Tomatoes über „Kingsman: The Golden Circle“

Wikipedia über „Kingsman: The Golden Circle“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)

Bonushinweis

Pünktlich zum Filmstart (obwohl der Comic nichts mit dem Film zu tun hat) erschien bei Panini als vierter Band der „Mark Millar Collection“. „Genosse Superman“ ist Mark Millars Interpretation der Geschichte von Superman. Nur dass der Sohn Kryptons in den Fünfzigern nicht in den USA, sondern einige Kilometer weiter, in der Sowjetunion landete und der, – man beachte das Zeichen auf Supermans Brust -, für andere Werte kämpft.

Genosse Superman“ war für den Eisner Award nominiert.

Mark Millar/Dave Johnson/Kilian Plunket: Genosse Superman (Mark Millar Collection Band 4)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2017

172 Seiten

24,99 Euro

Originalausgabe

Superman: Red Son # 1 – 3

DC Comics, 2003

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/J. G. Jones‘ „Wanted (Mark Millar Collection 1)“ (Wanted # 1 – 6, Dezember 2003 – Februar 2005)

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Wolverine: Old Man Logan“ (Old Man Logan, 2008/2009)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, Juni 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, Juli 2013 – Januar 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, April – August 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung „Kick-Ass 2“ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns Mark-Millar-Verfilmung „Kingsman: The Secret Service“ (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)


TV-Tipp für den 21. September: Burn after reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?

September 21, 2017

SWR/SR, 23.45

Burn after reading – Wer verbrennt sich hier die Finger? (USA 2008, Regie: Joel Coen, Ethan Coen)

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

Nach dem düsteren “No Country for old Men” lieferten die Coen-Brüder wieder eine ihrer schwarzhumorigen Komödie à la “Fargo” und “The Big Lebowski” ab. Wenn auch nicht so gelungen kultig.

In „Burn after reading“ will ein CIA-Agent sich für seine Entlassung rächen. Er schreibt seine unverhüllten Memoiren und verliert das sich auf einer CD befindende Manuskript. Es fällt, wenig überraschend, in die Hände eines Fitness-Trainers, der endlich das große Geld machen will. Einige andere Trottel versuchen ebenfalls ihren Schnitt zu machen.

Mit George Clooney, Brad Pitt, Frances McDormand, John Malkovich, Tilda Swinton, Richard Jenkins, David Rasche, J. K. Simmons, Olek Krupa

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über “Burn after reading”

Moviepilot über „Burn after reading“

Metacritic über „Burn after reading“

Rotten Tomatoes über „Burn after reading“

Wikipedia über „Burn after reading“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Über Ray Bradburys Kurzgeschichtensammlung „S is for Space“

September 20, 2017

Ob wirklich alle Kurzgeschichten „meisterhaft“ (Untertitel) sind, weiß ich nicht. Das impliziert ja, dass sie die besten der besten Geschichten sind. Jedenfalls sind sie alle lesenswert. Und ob „S is for Space“ wirklich „Der Klassiker“ (Sticker auf dem Cover) ist, bezweifle ich. Denn „S is for Space“ ist eine 1966 von Ray Bradbury für die „Young Adult“-Abteilung der Bibliotheken zusammengestellte Sammlung von sechzehn seiner fantastischen Kurzgeschichten. Etliche erschienen bereits auf Deutsch in verschiedenen mehr oder weniger nur noch antiquarisch erhältlichen Sammelbänden.. Aber der gesamte Sammelband wurde noch nicht übersetzt. Für die aktuelle Veröffentlichung wurden die Geschichten neu übersetzt. Und die Geschichten sind auch nicht speziell für ein jugendliches Publikum geschrieben. Ehrlich gesagt, fällt mir kein großer Unterschied zwischen diesen und anderen Kurzgeschichten von Ray Bradbury auf. Außer vielleicht, dass mehrere Protagonisten Kinder oder Jugendliche sind.

Ray Bradbury (1920 – 2012) ist einer der großen Science-Fiction-Autoren, der vor allem unzählige Kurzgeschichte schrieb, die mal mehr, mal weniger utopisch waren und selbstverständlich auch immer wieder die Grenzen zur Horror- und Kriminalgeschichte überschritten. Zu seinen wenigen Romanen gehören die SF-Klassiker „Die Mars-Chroniken“ und „Fahrenheit 451“. Hollywood verfilmte viele seiner Geschichten und, was jetzt schon Spezialwissen ist, Bradbury schrieb, mit John Huston, das Drehbuch für Hustons Herman-Melville-Verfilmung „Moby Dick“. 2007 erhielt er den Pulitzer-Preis für sein Lebenswerk. Er ist ein Grand Master der Science Fiction Writers of America. Die zahlreichen anderen Ehrungen lasse ich mal weg.

Die meisten der sechzehn in „S is for Space“ enthaltenen Kurzgeschichten sind SF-Geschichten, meistens mit einer überraschenden Pointe. Zweimal geht es zum Mars („Das Millionen-Jahre-Picknick“, „Dunkel waren sie und goldäugig“), und die Begegnung mit den Marsianern fällt beide Male anders aus, als die Menschen es erwarteten. Auch in „Der Mann“ verläuft die Begegnung der Raumfahrer mit einer fremden Rasse anders als geplant, weil kurz vor ihnen bereits ein anderer Reisender den Planeten besuchte. In „Hallo und Lebwohl“ begegnen wir dem Jungen Willie, der körperlich nicht älter wird; was ein Problem ist. Und in „Feuersäule“ (mit 56 Seiten die längste Geschichte des Buches) begegnen wir William Lantry, gestorben und beerdigt 1933, wiederauferstanden und voller Hass 2349. Er lernt eine vollkommen veränderte Welt kennen.

Die schreiende Frau“ ist dann eine Krimi-Geschichte, in der ein Mädchen in der Erde eine schreiende Frau hört. Selbstverständlich will ihr niemand glauben.

Insgesamt zeigen die Geschichten, wie vor über einem halben Jahrhundert, zwischen Weltraumfahrt, Alien-Invasion und selbstgemachter atomarer Zerstörung der Erde über die Zukunft gedacht wurde. Oft spielen die Geschichten in US-amerikanischen Vorstädten und dem menschenleeren Hinterland; – also in den Gebieten, in denen das Publikum, der von Bradbury (und vieler anderer Kurzgeschichtenautoren) geschriebenen Geschichten lebte. Es ist ein Blick in eine unschuldige, der Zukunft zugewandten Zeit. Auch wenn gerade eine Alien-Invasion stattfindet und die Aliens sehr menschlich aussehen. Einmal wird die Invasion sogar von Kindern angeführt.

Ein anderes Mal hat sie etwas mit Pilzen aus New Orleans zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ray Bradbury: S is for Space

(übersetzt von Oliver Plaschka)

Knaur, 2017

288 Seiten

10,99 Euro

Originalausgabe

S is for Space

Doubleday & Company, New York 1966

Hinweise

Homepage von Ray Bradbury

Phantastik-Couch über Ray Bradbury

Wikipedia über Ray Bradbury (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 20. September: Scientology: Ein Glaubensgefängnis

September 20, 2017

SWR/SR, 23.45

Scientology: Ein Glaubensgefängnis (USA 2015, Regie: Alex Gibney)

Drehbuch: Alex Gibney

LV: Lawrence Wright: Going Clear, 2013

Spielfilmlange Doku über Scientology, die drei Emmys erhielt. Als beste Doku, für die Regie und das Drehbuch.

Scientology war nicht begeistert – und das ist doch eine gute Empfehlung.

Mit Paul Haggis, Jason Beghe, Spanky Taylor, David Miscavige, John Travolta, Tom Cruise, Lawrence Wright, L. Ron Hubbard

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Scientology: Ein Glaubensgefängnis“

Wikipedia über „Scientology: Ein Glaubensgefängnis“

Meine Besprechung von Alex Gibneys „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of Wikileaks, USA 2013)


Cover der Woche

September 19, 2017


TV-Tipp für den 19. September: Tatort: Schimanskis Waffe

September 18, 2017

WDR, 23.35

Tatort: Schimanskis Waffe (Deutschland 1990)

Regie: Hans Noever

Drehbuch: Hans Noever, Wolfgang Hesse, Uwe Erichsen

Als Horst Schimanski bei einem Überfall auf Giovannis Restaurant den Dirty Harry gibt, erschießt er seine Freundin. Einer der Verbrecher hat sie in die Schusslinie gestoßen. Erschüttert gibt Schimanski seine Dienstwaffe ab. Erst als sein Kollege Thanner bei der Jagd nach den Verbrechern schwer verletzt wird, beginnt Schimanski die Täter zu suchen.

Ein Schimanski-Tatort. Muss ich noch mehr sagen?

mit Götz George, Eberhard Feik, Chiem van Houweninge, Klaus Behrendt, Nina Petri, Remo Remotti, Martin Halm

Hinweise

Tatort-Fundus Kommissar Schimanski 

Horst-Schimanski-Fanseite

Wikipedia über „Moltke“

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Moltke“ (2010)

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Uwe Erichson


„Deadpool Pulp“ ist immer noch Deadpool

September 18, 2017

Das ist noch nicht „Der Söldner mit der großen Klappe“, den wir aus zahlreichen Comics in verschiedenen Uni- und Multiversen und einem Kinofilm in mehr oder weniger verschiedenen Inkarnationen kennen, sondern ein Deadpool, der in den fünfziger Jahren als schon ziemlich durchgeknallter CIA-Agent eine abtrünnige Agentin und einen von ihr gestohlenen Atomkoffer finden soll. Die Agentin ist Inez Temple, Codename „Outlaw“, und „Deadpool“ Wade Wilsons große Liebe.

Während er sie sucht, fragt er sich, was bei der ganzen Sache faul ist. Denn als erstes soll er Dr. Jackson, den seit einem Jahr untergetauchten, von den Geheimdiensten kaum beschützten Erfinder der Taschenbombe finden.

Die in sich abgeschlossene Miniserie „Deadpool Pulp“ von den Autoren Mike Benson und Adam Glass (sie schrieben auch „Marvel Noir: Luke Cage“) und Zeichner Laurence Campbell ist mehr Pulp als ein normales Deadpool-Abenteuer mit den direkten Ansprachen des Publikums, den popkulturellen Anspielungen und dem latent unzurechnungsfähigen Verhalten des an mehr oder weniger ausufernden Gedächtnisverlusten leidenden Protagonisten. In „Deadpool Pulp“ kann er zwar auch nicht unbedingt seinem Gedächtnis trauen – und das ist wichtig für das Ende der Geschichte -, aber er agiert ziemlich normal als Geheimagent, der verhindern muss, dass während des Kalten Krieges Gegner der USA in den Besitz einer koffergroßen Atombombe kommen.

Das macht Spaß. Als Noir. Als Pulp-Geschichte.

Mike Benson/Adam Glass/Laurence Campbell: Deadpool Pulp

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2017

100 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Deadpool Pulp 1 – 4

Marvel, 2010/2011

Hinweise

 

Wikipedia über Deadpool

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special (X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture, 2010)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Ramon Rosanas „Night of the Living Deadpool“ (Night of the Living Deadpool # 1 – 4, März 2014 – Mai 2014)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Nik Virellas „Return of the Living Deadpool“ (Return of the Living Deadpool # 1 – 4, April 2015 – Juli 2015)

Meine Besprechung von „Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie“ (2016, Sammelband mit vielen Deadpool-Geschichten)

Meine Besprechung von Tim Millers „Deadpool“ (Deadpool, USA 2016)

Meine Besprechung von Mike Benson (Autor)/Adam Glass (Autor)/Shawn Martinbrough (Zeichner): Marvel Noir: Luke Cage (Luke Cage Noir, Vol. 1 – 4, 2009)

 

 

 


TV-Tipp für den 18. September: Tatort: Berlin – Beste Lage

September 17, 2017

RBB, 22.15

Tatort: Berlin – Beste Lage (Deutschland 1993, Regie: Matti Geschonneck)

Drehbuch: Rainer Berg, Matti Geschonneck

Musik: Ulrich Gumpert

Auf einem Laster, der Schrott nach Polen transportieren soll, wird die Leiche eines Tischlers gefunden, der im Scheunenviertel lebte. Das Wohn- und Gewerbegebiet in Berlin-Mitte soll luxussaniert werden. Deshalb wollen der Besitzer des Hauses und ein Makler die alten Mieter aus dem Wohnblock vertreiben. Kommissar Markowitz glaubt, dass der Tote etwas gegen sie in der Hand hatte.

Dichte Milieustudie, die die Veränderungen im Nachwendeberlin reflektiert. Denn schon damals wurde gnadenlos gentrifiziert.

Die acht Markowitz-“Tatorte“ sind immer noch ein Rätsel. Denn der SFB (heute RBB) produzierte von 1991 bis 1995 eine Reihe hochkarätiger „Tatorte“, die die damaligen Veränderungen in Berlin reflektierten. Und das in einer Qualität, die davor und danach nicht erreicht wurde. Denn davor ermittelte Heinz Drache als Kommissar Bülow (Gähn!), danach Winfried Glatzeder als Kommissar Roiter (Grusel! Zwei Giftschrankfolgen und „Ein Hauch von Hollywood“, der so schlecht war, dass er an einem Montag um 23.00 Uhr versendet wurde).

mit Günther Lamprecht, Hans Nitschke, Claudia Balko, Thomas Schendel, Renate Küster

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Franz Markowitz

Berliner Morgenpost: Interview mit Günther Lamprecht über Kommissar Markowitz


TV-Tipp für den 17. September: Apocalypse Now Redux

September 17, 2017

Arte, 21.00

Apocalypse Now Redux (USA 1979, Regie: Francis Ford Coppola)

Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola

LV: Joseph Conrad: Heart of Darkness, 1899 (Herz der Finsternis)

Während des Vietnamkrieges soll Captain Willard (Martin Sheen) Colonel Kurtz (Marlon Brando), der im Dschungel sein Reich errichtete, suchen und töten.

Klassiker, heute in der längeren und besseren Redux-Fassung.

Anschließend, um 00.15 Uhr, zeigt Arte die spielfilmlange, sehenswerte Doku „Im Herz der Finsternis: Apokalypse eines Filmregisseurs“ (USA 1991) über die Dreharbeiten.

Am Montag, den 25. September, zeigt Arte um 21.55 Uhr, als TV-Premiere, Francis Ford Coppolas „Jugend ohne Jugend“ (USA/D/F/I/Rumänien 2007).

mit Martin Sheen, Robert Duvall, Marlon Brando, Fred Forrest, Sam Bottoms, Albert Hall, Larry Fishburne, Dennis Hopper, Harrison Ford, G. D. Spradlin, Bill Graham

Wiederholung: Donnerstag, 28. September, 23.50 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Apocalypse Now Redux”

Wikipedia über „Apocalypse Now“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte: Vergleich der Kino- mit der „Redux“-Fassung

Awesome Film: Drehbuch “Apocalypse Now” von John Milius (Fassung vom 3. Dezember 1975)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now” (Apocalypse Now, USA 1979 – die “Full Disclosure”-Blu-ray)

Meine Besprechung von Francis Ford Coppolas „Twixt – Virginias Geheimnis“ (Twixt, USA 2011)

Francis Ford Coppola in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über Naomi Kawases neuen Film „Radiance“

September 16, 2017

Misako Ozaki liebt Filme und verdient ihr Geld als Schreiberin von Hörfilmfassungen. Ihre Texte werden vorher mit ausgewählten Sehbehinderten besprochen. Was ist verständlich? Was nicht? Sind die Beschreibungen zu genau? Oder zu ungenau, um bei den Hörenden die Bilder heraufzubeschwören, die auf der Leinwand zu sehen sind? Und wie sehr ist die Hörfilmfassung schon eine Interpretation Misakos?

Bei den Besprechungen ihrer Texte übt Masaya Nakamori deutliche Kritik. Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmenden ist er nicht von Geburt an sehbehindert. Er ist ein erfolgreicher Fotograf, der jetzt langsam erblindet. In seiner Wohnung versucht er immer noch, alles alleine zu machen und, selbstverständlich, hadert er mit seinem Schicksal. Immerhin verliert er jetzt gerade die Fähigkeit, die bisher sein Leben, seine Identität, definierte.

In ihrem neuen Film „Radiance“ erzählt Naomi Kawase (zuletzt „Still the Water“ und „Kirchblüten und rote Bohnen“), wie diese beiden Menschen sich während der Arbeit an einer Hörfilmfassung annähern. Viel mehr passiert nicht. Denn Kawase geht es hier nicht um das Erzählen einer vertrackten Geschichte voller Wendungen und Überraschungen, sondern – und das dürfte niemand erstaunen, der ihre früheren Filme kennt – um die Poesie des Moments. Entsprechend ausdauernd beobachtet sie ihre Figuren und der Film ähnelt mehr einem Gedicht oder einer Kurzgeschichte, die immer auf mehr verweist, aber auch viele Fragen offenlässt. Schließlich erzählt sie nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben von Misako und Nakamori. Es ist ein Moment, eine Situation, eine Begegnung, die für ihr weiteres Leben bedeutsam sein kann.

Radiance“ ist ein zarter, poetischer, impressionistischer Film, der Interpretation mehr anbietet als vorgibt. In Cannes erhielt er dafür den Preis der Ökumenischen Jury.

Und wenn wir nur eine Sache aus dem Film mitnehmen: jetzt wissen wir, wie Hörfilmfassungen entstehen – und ich sollte mir mal so eine Fassung anhören.

Radiance (Hikari, Japan 2017)

Regie: Naomi Kawase

Drehbuch: Naomi Kawase

mit Ayame Misaki, Masatoshi Nagase, Tatsuya Fuji, Kazuko Shirakawa

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Radiance“

Metacritic über „Radiance“

Rotten Tomatoes über „Radiance“

Wikipedia über „Radiance“

Meine Besprechung von Naomi Kawases „Still the Water“ (Futatsumo no mado, Japan/Frankreich/England 2014)