TV-Tipp für den 6. Oktober: The Guard – Ein Ire sieht schwarz

Oktober 6, 2017

3sat, 22.25
The Guard – Ein Ire sieht schwarz (Großbritannien/Irland 2010, Regie: John Michael McDonagh)
Drehbuch: John Michael McDonagh
Musik: Calexico
Garda Sergeant Gerry Boyle (Brendan Gleeson) ist Kleinstadt-Polizist im County Galway. Er hat schon alles gesehen und geht seinen Job entsprechend ruhig und entspannt an. Da soll er mit dem FBI-Polizisten Wendell Everett (Don Cheadle) zusammenarbeiten, weil einige Drogengangster in Galway ein großes Geschäfte durchziehen wollen – und Boyle überlegt, was das schlimmste an Everett ist: seine Herkunft, seine Anzüge oder seine Hautfarbe.
Das köstliche Buddy-Movie „The Guard“ ist wie ein Abend in einem irischen Pub. Etwas ziellos, aber voller guter und oft haarsträubender Geschichten, mit viel Sentiment, etwas Sex und einer ordentlichen Portion Gewalt. Nur das Pint muss man schon selbst organisieren.
mit Brendan Gleeson, Don Cheadle, Mark Strong, Liam Cunningham, David Wilmot, Rory Keenan, Fionnula Flannagan, Katarina Cas
Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Rotten Tomatoes über “The Guard – Ein Ire sieht schwarz”

Film-Zeit über „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“

Wikipedia über „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“

Meine Besprechung von John Michael McDonaghs „The Guard – Ein Ire sieht schwarz“ (The Guard, Großbritannien/Irland 2010)

Meine Besprechung von John Michael McDonaghs “Am Sonntag bist du tot” (Calvary, Irland 2014)

Meine Besprechung von John Michael McDonaghs „Dirty Cops: War on Everyone“ (War on Everyone, Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Wer war „Tom of Finland“?

Oktober 5, 2017

Seine SW-Bilder von muskelbepackten Männern in Lederjacken und Uniformen mit riesigen – – – Dingern kenne ich seit Ewigkeiten. Wahrscheinlich von den zahlreichen Taschen-Bücher über Tom of Finland und aus verschiedenen Zeitschriften, die irgendetwas mit Jugendkultur und Subkultur zu tun haben. Aber besonders interessierten sie mich nicht und auch der Mann hinter den Zeichnungen war mir egal. Außerdem war seine wahre Identität lange unbekannt, es gab keine ausführlichen Reportagen über ihn und er trat nicht, wie Andy Warhol, in der Öffentlichkeit auf.

Dabei ist seine Geschichte, wie Dome Karukoski in seinem Biopic „Tom of Finland“ über Touku Laaksonen (1920 – 1991) zeigt, durchaus erzählenswert. Als Künstlerbiographie und auch als Sittengemälde der Nachkriegsjahrzehnte.

Karukoskis Film beginnt im zweiten Weltkrieg. Touku Laaksonen kämpft als Soldat gegen sowjetische Soldaten. Er erhält das Freiheitsabzeichen Vierter Klasse und er zweifelt nicht an seiner Homosexualität. Nachts in Parks lebt er sie aus. Tagsüber ist er Soldat und, nach dem Krieg, Zeichner in einer Werbeagentur in Helsinki. Er lebt mit seiner Schwester Kaija zusammen. Heimlich zeichnet er Bilder von seinen Traummännern, die er auch veröffentlichen möchte. Ebenso heimlich sucht er sich seine Sexualpartner für meist flüchtigen Sex. In Finnland wurden damals, wie in Deutschland, Homosexuelle verfolgt und drakonisch bestraft.

Ein Ausflug nach Berlin endet in einem Desaster. Seine Bilder ist er los. Aber anders als erhofft.

1953 trifft er Veli ‚Nipa‘ Mäkinen, die Liebe seines Lebens. Nipa zieht bei Touku als ‚Mitbewohner‘ ein. Toukus Schwester ahnt, obwohl sie mit ihnen zusammenlebt, nichts von deren Beziehung.

1957 werden Toukus Zeichnungen in den USA in dem Magazin „Physique Pictorial“ veröffentlicht. In dem Moment erhält er von dem Herausgeber der Zeitschrift, im Einklang mit der üblichen Namenspraxis des Heftes, auch das Pseudonym „Tom of Finland“, unter dem er zuerst in der Schwulenszene und später darüber hinaus bekannt wurde.

Während Dome Karukoski („Helden des Polarkreises“) die Geschichte bis dahin als bedrückendes Sittengemälde einer repressiven und verklemmten Zeit ausführlich erzählt, macht er jetzt mehrere große Zeitsprünge zu Toukus erstem USA-Besuch in den Siebzigern (wo er ein in der Schwulenszene gefeierter und stilbildender Künstler ist), zu die ersten Jahre nach der Entdeckung von AIDS und zu Toukus letzten Tagen. In diesen Momenten ist unübersehbar, dass „Tom of Finland“ mit den typischen Biopic-Problemen zu kämpfen hat. Anstatt sich auf einen Moment in Toukus Leben zu konzentrieren oder zu zeigen, warum Toukus Leben heute noch relevant ist, wird einmal durch sein Leben gehetzt, vieles angesprochen, aber nichts wirklich vertieft.

Tom of Finland“ ist das filmische Äquivalent zum Lexikonartikel über Touku Laaksonen, der brav die Fakten aneinanderreiht, ohne irgendjemand zu verstören. In dem konventionellen Biopic wird Touku Laaksonen zu einer unumstrittenen Ikone Finnlands. Der Film ist der Vorschlag Finnlands für den Oscar als bester ausländischer Film und er ist Teil der Feierlichkeiten zur hundertjährigen Unabhängigkeit Finnlands.

Tom of Finland (Tom of Finland, Finnland 2017)

Regie: Dome Karukoski

Drehbuch: Aleksi Bardy

mit Pekka Strang, Lauri Tilkanen, Jessica Grabowsky, Seumas Sargent, Jakob Oftebro

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Finnische Homepage zum Film

Moviepilot über „Tom of Finland“

Metacritic über „Tom of Finland“

Rotten Tomatoes über „Tom of Finland“

Wikipedia über „Tom of Finland“ und Tom of Finland (deutsch, englisch)

epd Film: Kurzes Interview mit Dome Karukoski über seinen Film


(Wieder) Neu im Kino/Filmkritik: Der Debütfilm „Blood Simple“ der Coen-Brüder

Oktober 5, 2017

So ungefähr kennen wir „Blood Simple“

 

Und ungefähr so sieht „Blood Simple“, nach der von Joel und Ethan Coen und Kameramann Barry Sonnenfeld beaufsichtigten 4K-Restaurierung des Director’s Cut, aus

 

Das ist wie Nacht und Tag. Der Film sieht jetzt wieder wie zu seiner Premiere (oder besser) aus. Und allein wegen des fantastischen Bildes sollte man sich den Film im Kino ansehen.

Die in Texas spielende Filmgeschichte ist ein klassischer Noir-Stoff über Ehebruch, Hass, Neid, Missgunst und Mord, in dem die Menschen sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen.

Schon in ihrem Spielfilmdebüt gingen die Coen-Brüder mit ihren Charakteren angemessen respektlos um. Niemand ist besonders sympathisch. Jeder wird während des 96-minütigen Films vollständig demontiert.

Abby betrügt ihren Mann, den Barbesitzer Marty, mit einem seiner Angestellten. Der von Marty beauftragte Privatdetektiv Visser findet das heraus und Marty beauftragt ihn, seine Frau und ihren Liebhaber Ray umzubringen. Der Plan geht – selbstverständlich – gründlich schief. Tote gibt es trotzdem. Und das Sterben zieht sich oft quälend in die Länge.

Blood Simple“ ist ein feiner Noir, der schon damals von der Kritik breit abgefeiert wurde. Zum Beispiel steht im Fischer Film Almanach: „Furios und bewusst überfrachtet, ansonsten mit genau der richtigen Mischung aus Spannung, Verzwicktheit, Erotik und schicksalhafter Ironie haben die Brüder Joel und Ethan Coen ihr B-Picture-Debüt in Szene gesetzt, das mit seiner großen Portion Originalität weit über ein bloßes Stil-Remake (und gelegentliches Plagiat) hinausgeht.“

Das Lexikon des internationalen Films meint zum Original: „Was als Ehedrama beginnt, entwickelt sich zu einem düsteren, handwerklich nicht uninteressanten Psycho-Thriller in der Tradition der Suspense-Filme; dabei können formale Brillanz und das Bemühen um einen atmosphärisch dichten Erzählstil einzelne Ungereimtheiten und Längen nicht verdecken.“

Zum 2001 von den Coen-Brüdern erstellten Director’s Cut meint das Lexikon: „Gänzlich überarbeitet und jetzt vier Minuten kürzer (…) eine glattere Wirkung und hat einen Teil seiner spröden Aura verloren. Dadurch wirkt der Film zwar weniger beklemmend als das 15 Jahre ältere Original, er fesselt aber nach wie vor durch seinen atmosphärisch dichten Erzählstil.“

Beim Sundance-Filmfestival gewann der Film den Großen Preis. Joel Coen erhielt Independent Spirit Award als bester Regisseur. Das Drehbuch der Coen-Brüder war für den Edgar nominiert.

Blood Simple“ ist allerdings auch unverkennbar ein Debütfilm mit all den Schwächen, die man mit einem Debüt assoziiert. Das Budget war überschaubar. Das Erzähltempo ist teilweise arg schleppend und einige Szenen werden über Gebühr gedehnt. Die Schauspielerführung ist oft amateurhaft, weshalb vor allem John Getz als Liebhaber Ray und Frances McDormand als Ehebrecherin Abby (in ihrem Filmdebüt) nicht so präsent sind, wie in späteren Filmen. M. Emmet Walsh, der den Privatdetektiv Visser spielt, würde unerträglich chargieren, wenn es nicht ein fester Bestandteil seiner Rolle als Arschloch wäre.

Schon der nächste Film der Coen-Brüder, „Arizona Junior“ (Raising Arizona), war ein gewaltiger Schritt nach vorne. Dann kamen „Miller’s Crossing“, „Barton Fink“, „Hudsucker – Der große Sprung“ (The Hudsucker Proxy; okay, das ist quasi ihr ‚großer altmodischer Hollywood-Film‘), „Fargo“, „The Big Lebowski“ undundund.

Dank der Restaurierung läuft der Film jetzt wieder im Kino und es ist eine lohnende Wiederbegegnung mit ihrem Debüt.

Vielleicht erleben ihre anderen Filme – ich sage nur „The Big Lebowski“ – auch eine Wiederaufführung im Kino.

Blood Simple – Director’s Cut (Blood Simple, USA 1984/2000)

Regie: Joel Coen (damals wurde nur einer der Brüder als Regisseur genannt)

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

mit John Getz, Frances McDormand, Dan Hedaya, M. Emmet Walsh, Samm-Art Williams, Deborah Neumann, Raquel Gavia, Holly Hunter (Frauenstimme auf dem Anrufbeantworter; natürlich nur in der Originalfassung)

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

auch bekannt als „Blood Simple – Eine mörderische Nacht“ (Kinotitel 1985), „Blood Simple – Blut für Blut“ (Videotitel)

Diese Fassung erscheint am 2. November bei Studiocanal als DVD und Blu-ray.

 

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Blood Simple“

Metacritic über „Blood Simple“

Rotten Tomatoes über „Blood Simple“

Wikipedia über „Blood Simple“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 5. Oktober: Ein Geschenk der Götter

Oktober 5, 2017

3sat, 22.25 (VPS 22.24)

Ein Geschenk der Götter (Deutschland 2014)

Regie: Oliver Haffner

Drehbuch: Oliver Haffner

Eine arbeitslose Schauspielerin soll einen Schauspielworkshop des Jobcenters leiten. Die Kursteilnehmer sind zunächst wenig begeistert von der deutlich überforderten Lehrerin, die auch keine Ahnung von ihrer Aufgabe hat. Dennoch beginnen sie, während der Proben für „Antigone“, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.

„Ein Geschenk der Götter“ ist eine sehenswerte deutsche Komödie (meine Besprechung), die deutlich von britischen Arbeiterklassenkomödien beeinflusst ist. Auch in „Ein Geschenk der Götter“ nehmen die Menschen ihr Schicksal in die eigene Hand. Die Milieuzeichnungen sind stimmig. Und es gibt viel Humor, der sich wohltuend vom üblichen deutschen Komödienhumor unterscheidet.

mit Katharina Marie Schubert, Adam Bousdoukos, Marion Breckwoldt, Paul Faßnacht, Katharina Haufer, Rainer Furch, Canan Kir, Maik Solbach, Rick Okon, Eva Löbau, Luise Heyer

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ein Geschenk der Götter“
Moviepilot über „Ein Geschenk der Götter“

Meine Besprechung von Oliver Haffners „Ein Geschenk der Götter“ (Deutschland 2014)


„Die Rückkehr des Lemming“, wegen der Verwandtschaft und einer Entführung

Oktober 4, 2017

Stefan Slupetzky hat nach acht Jahren einen neuen „Lemming“-Kriminalroman geschrieben.

So, jetzt sind wir die „Lemming“-Fans los.

Der Wiener Stefan Slupetzky ist bei uns vor allem für seine „Lemming“-Kriminalromane bekannt. Zwischen 2004 und 2009 erschienen vier Krimis mit dem Ex-Kriminalbeamten und Privatdetektiv Leopold Wallisch, genannt Lemming, weil er, wie er in „Die Rückkehr des Lemming“ seinem Sohn erklärt, ein schlechter Polizist war.

Der erste Lemming-Roman „Der Fall des Lemming“ erhielt den Friedrich-Glauser-Preis und er wurde 2009 von Nikolaus Leytner mit Fritz Karl als Lemming verfilmt.

Lemmings Himmelfahrt“ erhielt den Burgdorfer Krimipreis.

Das Schweigen des Lemming“ war eines der hundert Lieblingsbücher der Wiener; – keine Ahnung, wie die das ausgewürfelt haben.

Lemmings Zorn“ war für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert und erhielt den erstmals von der Stadt Wien ausgelobten Leo-Perutz-Preis.

Und 2009 erhielt Slupetzky für seine Lemming-Romane den Krimipreis von Radio Bremen.

Ganz schlecht können die „Lemming“-Romane also nicht sein. Aber „Die Rückkehr des Lemming“ ist ziemlich weit von einem guten Roman entfernt.

Inzwischen arbeitet Wallisch als Nachtwächter im Tiergarten Schönbrunn. Er lebt immer noch mit der Tierärztin Klara Breitner zusammen. Über sie wird er in seinen neuen Fall verwickelt. Denn ihr Neffe Theo Ptak hat eine Entführung beobachtet. Der achtundzwanzigjährige Straßenbahnfahrer hat sich in den vergangenen Wochen in eine seiner Kundinnen, die er „die scheinbar Unscheinbare“ nennt, verliebt. Eines Morgens sieht er, wie sie entführt wird. Wallisch soll ihm bei der Suche helfen.

Tatsächlich entdecken sie am Ort der Entführung eine erste Spur: eine alte Zeitungsseite.

In einem Mietshaus finden sie die Leiche des Reisejournalisten Paul Silbermann. Er arbeitete mit seiner Nichte Dora Madar zusammen. Die Fotografin ist die Entführte. Auf ihrem Computer findet Wallisch Bilder von einem Dodovogel. Der mythische Vogel wird auch in dem Zeitungsartikel erwähnt und eigentlich ist er schon seit Ewigkeiten ausgestorben.

In diesem Moment liegt Theo, der wahrscheinlich Silbermanns Mörder gesehen hat, schon schwer verletzt im Krankenhaus und es gibt einen zweiten, im 17. Jahrhundert spielenden Handlungsstrang, in dem Max Horvart mit zwei Vögeln um die halbe Welt zurück nach Österreich reist. Er hat ein Geschenk für den Kaiser.

Gestandene Krimifans können sich den Plot und die Pointe von „Die Rückkehr des Lemming“ schnell und mühelos zusammenreimen. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Schließlich kennen wir, um nur ein sehr bekanntes Beispiel zu nennen, in den „Columbo“-Krimis den Täter und wir wissen, dass er am Ende der Geschichte von dem Ermittler überführt wird. Wir wissen nur nicht, über welche Fehler der Mörder stolpert und wie Columbo das herausfindet. Das ist ein großer Teil des Vergnügens.

Aber gerade der Weg zum Ziel gestaltet sich in „Die Rückkehr des Lemming“ erstaunlich zäh und langwierig. Auch weil ich mit Slupetkys Humor und Sprache nichts anfangen kann.

Insgesamt erinnert mich „Die Rückkehr des Lemming“ an einen ambitionierten Regionalkrimi, ohne exzessives Name-Dropping von Straßennamen, Lokalen und Lokalgrößen.

Stefan Slupetzky: Die Rückkehr des Lemming

rororo, 2017

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Stefan Slupetzky

Krimi-Couch über Stefan Slupetzky

Wikipedia über Stefan Slupetzky


TV-Tipp für den 4. Oktober: Liebe

Oktober 4, 2017

Wenige Tage vor dem Kinostart von Michael Hanekes „Happy End“ (ebenfalls mit Jean-Louis Trintignant und Isabelle Huppert) kann man sich noch einmal seinen vorherigen Film ansehen:

Arte, 20.15
Liebe (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise.
Warum ich den Film so gut finde, obwohl er nicht unproblematisch ist, habe ich hier erklärt.
mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco

Wiederholungen

Freitag, 6. Oktober, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Freitag, 13. Oktober, 13.50 Uhr (jetzt dürfte jeder seine Wunschuhrzeit haben)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liebe“

Metacritic über „Liebe“

Rotten Tomatoes über „Liebe“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Michael Haneke in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Liebe“ (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)


Cover der Woche

Oktober 3, 2017


R. i. P. Tom Petty

Oktober 3, 2017

R. i. P. Tom Petty (20. Oktober 1950 in Gainesville, Florida – 2. Oktober 2017 in Santa Monica, Kalifornien)

Seit den Siebzigern einer der großen amerikanischen Songwriter.

Hier seine Super Bowl Halftime Show von 2008. Mit seinen großen Hits

Hier sein letztes Konzert am 25. September 2017 im Hollywood Bowl (nur Sound in Bootleg-Qualität)

Vor zehn Jahren spielten Tom Petty & The Heartbreakers in Pettys Geburtsort Gainesville, Florida – und das Konzert gibt es in guter Bild- und Tonqualität

Ein ausführliches Gespräch mit Tom Petty (von 2014)

Mehr über in bei Wikipedia (deutsch, englisch), AllMusic und auf seiner Homepage.


TV-Tipp für den 3. Oktober: Edgar Wallace: Der grüne Bogenschütze

Oktober 3, 2017

Zum Abschluss eines kleinen Edgar-Wallace-Festivals („Der Fälscher von London“ um 16.30 Uhr, „Das indische Tuch“ um 18.25 Uhr und „Der Frosch mit der Maske“ um 20.15 Uhr) gibt es

Kabel 1, 22.05

Edgar Wallace: Der grüne Bogenschütze (Deutschland 1961, Regie: Jürgen Roland)

Drehbuch: Wolfgang Menge, Wolfgang Schnitzler

LV: Edgar Wallace: The green archer, 1923 (Der grüne Bogenschütze)

Millionär und Ex-Gangster Abel Bellamy will sich auf dem Schloß Garre Castle zur Ruhe setzen. Aber ein geheimnisvoller grüner Bogenschütze beginnt auf seinem Anwesen Menschen umzubringen.

Der zweite und letzte Wallace-Film von Jürgen Roland ist „Wallace ohne Gänsehaut“ (Joachim Kramp: Hallo – Hier spricht Edgar Wallace!), aber mit Gert Fröbe.

Mit Gert Fröbe, Karin Dor, Klausjürgen Wussow, Eddi Arent, Harry Wüstenhagen, Wolfgang Völz

Hinweise

Edgar Wallace – The Official Site

Wikipedia über Edgar Wallace (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Edgar Wallace

Kirjasto über Edgar Wallace

Englische Edgar-Wallace-Seite

Deutsche Edgar-Wallace-Seite

Noch eine deutsche Edgar-Wallace-Fanseite

Meine Besprechung der Edgar-Wallace-Verfilmung „Der Zinker“ (D 1931)

Meine Besprechung der Edgar-Wallace-Verfilmung “Der Doppelgänger” (D 1934)


Lesung: „Der weiße Affe“ in der Victoria Bar

Oktober 2, 2017

Am Mittwoch, den 4. Oktober, stellt Kerstin Ehmer ihr Krimidebüt „Der weiße Affe“, um 19.00 Uhr (Einlass: 18.00 Uhr) in der Victoria Bar (Potsdamer Straße 105, Berlin) vor; – also eigentlich in ihrem Wohnzimmer. Denn Ehmer und ihr Mann betreiben seit sechzehn Jahren die Victoria Bar.

Der Roman entführt dann in das Berlin der zwanziger Jahre.

Ein jüdischer Bankier wird erschlagen im Hausflur seiner Geliebten aufgefunden. Kommissar Ariel Spiro ist gerade aus der Provinz nach Berlin gezogen und übernimmt direkt seinen ersten Fall. Zunächst deuten die Ermittlungen auf ein politisches Motiv hin. Doch auch die wohlhabende und exzentrische Familie des Toten gibt Spiro Rätsel auf.

Schon bald gerät der junge Kommissar in den Sog der Metropole, getrieben vom schnellen Rhythmus und mitgerissen vom rauschenden Berliner Nachtleben. Als er sich von der faszinierenden Tochter des Toten magisch angezogen fühlt, muss Spiro aufpassen, dass ihm der Fall nicht entgleitet.“

Das könnte spannend sein. Auch wenn der Kommissar mit 52 Minuten Verspätung in der Hauptstadt ankommt. Der Zug hatte sich verspätet.

Weil die Lesung eine „geschlossene Gesellschaft“ (keine konspirative Gesellschaft) ist, wird um eine Anmeldung unter presse@pendragon.de gebeten.

Der Eintritt ist frei.

Kerstin Ehmer: Der weiße Affe

Pendragon, 2017

280 Seiten

17 Euro

Hinweis

Pendragon über Kerstin Ehmer


TV-Tipp für den 2. Oktober: Spurlos – Die Entführung der Alice Creed

Oktober 1, 2017

ARD, 22.45

Spurlos – Die Entführung der Alice Creed (The Disappearance of Alice Creed, Großbritannien 2009)

Regie: J Blakeson

Drehbuch: J Blakeson

Hochspannendes Drei-Personenstück über die Entführung der Millionärstochter Alice Creed, das einen anderen Verlauf nimmt, als man es nach den ersten Minuten erwarten könnte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Gemma Arterton, Martin Compston, Eddie Marsan

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“

Wikipedia über „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“

Meine Besprechung von J Blakesons „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed (The Disappearance of Alice Creed, GB 2009)

Meine Besprechung von J Blakesons „Die 5. Welle (The 5th Wave, USA 2015)


Die Krimibestenliste Oktober 2017

Oktober 1, 2017

Erntedankfest überstanden und die Oktober-Krimibestenliste (präsentiert von F.A.S. und Deutschlandfunk Kultur) studiert:

1 (1) Simone Buchholz: Beton Rouge

2 (-) Friedrich Ani: Ermordung des Glücks

3 (7) Lisa Sandlin: Ein Job für Delpha

4 (5) Sven Heuchert: Dunkels Gesetz

5 (-) Viet Thanh Nguyen: Der Sympathisant

6 (2) Ottessa Moshfegh: Eileen

7 (8) Robert Hültner: Lazare und der tote Mann am Strand

8 (10) Christian v. Ditfurth: Giftflut

9 (-) David Whish-Wilson: Die Ratten von Perth

10 (-) Xiao Bai: Die Verschwörung von Shanghai

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.


TV-Tipp für den 1. Oktober: Gosford Park

Oktober 1, 2017

Arte, 20.15

Gosford Park (Großbritannien/Italien/USA/Deutschland 2001)

Regie: Robert Altman

Drehbuch: Julian Fellowes (nach einer Idee von Robert Altman und Bob Balaban)

Auf dem Landsitz Gosford Park trifft sich eine Jagdgesellschaft mit ihrer Dienerschaft. Als der Hausherr ermordet wird, muss ein Inspektor den Mörder suchen.

Tolle Gesellschaftskomödie mit einem Hauch Agatha Christie und einem „Was? Die ist auch dabei?“-Ensemble.

Der Film erhielt, neben vielen anderen Preisen, den BAFTA als bester Film, eine Golden Globe für die Regie, einen Oscar für das Drehbuch und die Screen Actors Guild zeichnete gleich das gesamte Ensemble aus.

Drehbuchautor Julian Fellowes ist auch der Erfinder von „Downtown Abbey“.

mit Maggie Smith, Michael Gambon, Kristin Scott Thomas, Camilla Rutherford, Charles Dance, Geraldine Somerville, Tom Hollander, Natasha Wightman, Jeremy Northam, Bob Balaban, James Wilby, Claudie Blakley, Laurence Fox, Ryan Phillippe, Stephen Fry, Kelly Macdonald, Clive Owen, Helen Mirren, Eileen Atkins, Emily Watson, Alan Bates, Derek Jacobi, Richard E. Grant

Wiederholung: Montag, 3. Oktober, 14.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Gosford Park“

Wikipedia über „Gosford Park“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ron Manns Doku „Altman“ (Altman, Kanada 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Stephen Frears Königin-Victoria-Film „Victoria & Abdul“

September 30, 2017

1887 überreicht zum fünfzigsten Thronjubiläum von Königin Victoria ein extra für diesen Anlass aus Indien herbeigeschaffter Inder der Königin eine Münze.

Die Königin, die auch die Kaiserin von Indien ist, findet den mit den höfischen Ritualen nicht vertrauten 24-jährigen Abdul Karim interessant, freundet sich mit ihm an und blüht wieder auf. Der in seiner Heimat einfache Schreiber wird ein Vertrauter und ihr Sprachlehrer, während die Verwandtschaft der Königin von dieser Beziehung nicht begeistert ist.

Diese Geschichte wurde erst vor einigen Jahren einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Shrabani Basu erfuhr bei ihren Recherchen über ein Buch über die Geschichte des Curry, dass Königin Victoria Currygerichte liebte. In den königlichen Archiven entdeckte sie einige ihrer Tagebücher, die auf Urdu geschriebene Texte enthielten. Basu ließ sie übersetzen. In Indien entdeckte sie bei einem Großneffen von Abdul ein von Abdul geschriebenes Tagebuch über seine Reise nach England.

Basu schrieb darüber das 2010 erschienene Buch „Victoria & Abdul: The true Story of The Queen’s closest Confidant“ (Victoria & Abdul), das das Interesse der Filmemacher weckte. Immerhin hat diese historische Anekdote all die Elemente, die das Interesse des Zuschauers wecken könnten. Allerdings handelt sich auch um ein Episödchen, das bislang für Historiker nicht weiter interessant war, weil es keine historische Bedeutung in irgendeiner Form hat. In so einem Fall muss der Drehbuchautor etwas Finden, das einen Film über diese Beziehung rechtfertigt.

Denn nur dass zwei Menschen gut miteinander auskommen, ist noch keine Geschichte. Es braucht irgendeinen eindeutig ausformulierten Konflikt, der über den gesamten Film trägt. Die im Film angedeutete platonische Liebe zwischen der Königin und ihrem Munshi (aka Lehrer) ist es nicht. Und natürlich müsste man sich entscheiden, ob man Abdul jetzt als den Freund, den einzigen Freund, der Königin oder als einen Betrüger, der sie für seine Zwecke ausnutzt, zeigt. Wobei man hier noch klären müsste, was er von ihr will: Geld, eine höhere gesellschaftliche Stellung oder nur schnell zurück nach Indien? Weil Lee Hall („Billy Elliot“, „Gefährten“) diese Frage konsequent umgeht, bleibt Abdul passiv. Er wurschtelt sich durch, ohne jemals übermäßig aktiv zu werden. Er nimmt einfach alle Ereignisse als gottgegeben hin. Während des gesamten Films ist daher unklar, was er will. Und warum. Ali Fazal spielt ihn deshalb entsprechend unauffällig als höfliche Projektionsfläche.

Mohammed, sein Mitreisender, ist dagegen als notorischer Bedenkenträger, der die Kolonialherren hasst und nur zurück in sein geliebtes, warmes Indien will, viel eindeutiger gezeichnet. Wobei seine Bemerkungen vor allem altbekannte Klischees bestätigen. Er ist, bis zu seinem Tod, der klassische Comic Relief.

Die von Judi Dench gespielte Königin ist, wenn sie mit diebischer Freude den Inder benutzt, um ihren Hofstaat in Aufruhr zu versetzten, deutlich aktiver als Abdul, ohne dass es zu viel mehr als ‚viel Lärm um nichts‘ führt.

Über die anderen Schauspieler kann auch nicht gemeckert werden. Die Kostüme und Schlösser, in denen Stephen Frears teilweise erstmals drehen durfte, sehen gut aus, aber all die Bemühungen helfen nichts, wenn das Drehbuch nicht überzeugt.

Entsprechend spannungs- und ereignislos plätschert der Kostümfilm vor sich hin, wirft einen leicht ironischen Blick auf die höfischen Rituale, feiert erstaunlich unkritisch die große Zeit des British Empire und lässt das Königshaus das hochverehrte Königshaus sein.

Victoria & Abdul (Victoria & Abdul, Großbritannien 2017)

Regie: Stephen Frears

Drehbuch: Lee Hall

LV: Shrabani Basu: Victoria & Abdul: The true Story of The Queen’s closest Confidant, 2010 (Victoria & Abdul)

mit Judi Dench, Ali Fazal, Eddie Izzard, Tim Pigott-Smith, Olivia Williams, Penella Woolgar, Paul Higgins, Michael Gambon, Adeel Akhtar

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Victoria & Abdul“

Metacritic über „Victoria & Abdul“

Rotten Tomatoes über „Victoria & Abdul“

Wikipedia über „Victoria & Abdul“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Lady Vegas“ (Lay the Favorite, USA/GB 2012)

Meine Besprechung von Stephen Frears “Philomena” (Philomena, GB 2013)

Meine Besprechung von Stephen Frears „The Program – Um jeden Preis“ (The Program, Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Stephen Frears „Florence Foster Jenkins“ (Florence Foster Jenkins, USA 2016)


TV-Tipp für den 30. September: Heat

September 29, 2017

ZDFneo, 23.10

Heat (USA 1995, Regie: Michael Mann)

Drehbuch: Michael Mann

Die Story ist einfach und altbekannt: ein Polizist jagt einen ihm geistesverwandten Dieb.

Der Film ist sogar ein Remake. Michael Mann nahm einfach sein altes Drehbuch für „Showdown in L. A.“ (L. A. Takedown, 1989) und machte aus einem anderthalbstündigem TV-Piloten einen dreistündigen Kinofilm. Dank des größeren Budgets und guter Schauspieler (eine aus heutiger Sicht sehr beeindruckende Liste von Mann-Vertrauten, Stars und damals noch unbekannteren Namen) entstand ein Klassiker.

Berater bei dem Film waren Chuck Adamson (vor seinem Tod: Polizist und Autor für „Miami Vice“ und „Crime Story“), Dennis Farina (heute: Ex-Polizist und Schauspieler) und Andy McNab (heute: Ex-SAS und Schriftsteller).

mit Al Pacino, Robert De Niro, Val Kilmer, Jon Voight, Tom Sizemore, Amy Brenneman, Ashley Judd, Mykelti Williamson, Wes Studi, Diane Venora, Ted Levine, Dennis Haysbert, William Fichtner, Natalie Portman, Tom Noonan, Danny Trejo, Henry Rollins, Jeremy Piven, Xander Berkeley, Marty Ferrero, Rick Avery, Bud Curt (ungenannt, als Restaurantmanager Solenko)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Heat“

Wikipedia über „Heat“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Heat“ von Michael Mann (Fassung vom 3. März 1994)

Meine Besprechung der von Michael Mann erfundenen Krimiserie “Vega$ – Staffel 1″ (Vega$, USA 1978/1979)

Meine Besprechung von Michael Manns “Blackhat” (Blackhat, USA 2014)

Michael Mann in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Ist das wirklich „Die beste aller Welten“?

September 29, 2017

Der siebenjährige Adrian ist ein aufgeweckter Junge, der die Natur liebt, in seiner Fantasie gegen Monster kämpft und später Abenteuer werden möchte; – nun, ja, das will in dem Alter ungefähr jeder zweite Junge. Die anderen schwanken noch zwischen Cowboy, Feuerwehrmann und Polizist.

Seine Mutter Helga muss ihn allein groß ziehen. Aber sie liebt ihn über alles und versucht auch alles, um ihm eine glückliche Kindheit in der heruntergekommenen Sozialwohnung am Salzburger Stadtrand zu ermöglichen.

Allerdings ist sie drogensüchtig. An eine geregelte Arbeit ist nicht zu denken. Das Jugendamt kommt immer wieder vorbei. Und ihre Freunde sind ebenfalls drogensüchtig.

Warum diese Welt für Adrian trotzdem „Die beste aller Welten“ ist, erzählt Adrian Goiginger in seinem Debütfilm, der auf einer wahren Geschichte basiert. Es ist seine Geschichte und die seiner Mutter, die im Juli 2012 mit 39 Jahren starb. Das war für den 1991 geborenen Goiginger die Initialzündung, um über sie, ihre Beziehung und sein Leben nachzudenken: „Mir wurde bewusst, wie krass die Geschichte meiner Kindheit ist. Zum anderen aber auch die für die meisten Menschen unvorstellbare Tatsache, dass man auch mit einer schwer drogensüchtigen Mutter eine sehr schöne Kindheit haben kann. Da ich das am eigenen Leib erlebt habe, schlicht und einfach gesund herausgekommen bin und es wahrscheinlich nur wenige Menschen gibt, die diese Erfahrung machen und diese auch reflektieren können, wurde in mir ein Gefühl stark, dass ich es der Welt in gewisser Weise schuldig bin, meine Geschichte zu erzählen.“

Das tat er in einem Film, der die Geschichte konsequent aus Adrians Sicht erzählt, der sich auf die Beziehung zwischen Adrian und seiner Mutter konzentriert und der das Drogenmilieu nicht glorifiziert, sondern realistisch und authentisch schildert. Dabei hilft ihm der gewählte Blickwinkel. Adrian sieht vieles, aber er begreift, im Gegensatz zu uns, nur teilweise, was die Erwachsenen tun, wenn sie Drogen konsumieren, ihm eine andere Flasche zum Trinken geben oder seine Mutter ihn in seinem Zimmer einsperrt.

Weil Goiginger in „Die beste aller Welten“ seine Geschichte erzählt, spielt der Film in den späten Neunzigern. Es wird noch in Schilling bezahlt und am Ende erfahren wir, wie sich das Leben der Filmcharaktere weiter entwickelte.

Abgesehen von diesen Details, die den Film an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit verorten (soweit für Drogensüchtige Jahreszahlen überhaupt wichtig sind), erzählt Goiginger eine universelle Geschichte, die auch in jeder anderen Sozialbausiedlung spielen könnte. Denn mit sieben Jahren ist Mutter die Größte und man hat man sein Leben noch vor sich.

Außerdem meint Goiginger: „Ein Kind muss keinen Reichtum haben, keine Spielsachen, kein gesundes Essen, sondern nur eines: Liebe.“

Bei dem Essen werden ihm alle Nudel- und Nutella-begeisterten Kinder zustimmen.

Der Film hatte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale in der „Perspektive Deutsches Kino“. Dort erhielt er eine Nominierung als bester Debütfilm und den Kompass-Perspektive-Preis. Danach tourte er sehr erfolgreich über die Filmfestivals. Zuletzt erhielt er auf den 13. Ahrenshooper Filmnächten den Preis für den besten Film und den Publikumspreis. Außerdem erhielt er vor wenigen Tagen den Nachwuchspreis „First Steps“ mit folgender Begründung: „Regisseur Adrian Goiginger denunziert keine Figur, macht die Sucht als Lebensgrundlage verständlich. Er hat dafür großartige Schauspieler gefunden, allen voran der mitreißende [Adrian-Darsteller] Jeremy Miliker. Einer der bewegendsten Filme des Jahres.“

Jetzt hoffen wir, dass Adrian Goiginger schnell das Geld für seinen zweiten Film zusammenbekommt und dass wir von ihm genauso begeistert sind.

Die beste aller Welten (Österreich/Deutschland 2017)

Regie: Adrian Goiginger

Drehbuch: Adrian Goiginger

mit Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Lukas Miko, Michael Pink, Reinhold G. Moritz, Philipp Stix, Georg Veitl

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Am Samstag, den 30. September stellen Regisseur Adrian Goiginger und Michael Pink („der Grieche“) den Film in Berlin und Potsdam persönlich vor:

17.45 Uhr Thalia Potsdam, Rudolf-Breitscheid-Str. 50, 14482 Potsdam

20.15 Uhr Filmkunst 66, Bleibtreustraße 12, 10623 Berlin

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die beste aller Welten“

Moviepilot über „Die beste aller Welten“

Rotten Tomatoes über „Die beste aller Welten“

Wikipedia über „Die beste aller Welten“

Berlinale über „Die beste aller Welten“


TV-Tipp für den 29. September: Wie ein wilder Stier

September 29, 2017

Am 19. September starb Jake La Motta. Das ist eine gute Entschuldigung, sich Martin Socrseses grandioses Biopic über ihn wieder (?) anzusehen

3sat, 22.25

Wie ein wilder Stier (USA 1980, Regie: Martin Scorsese)

Drehbuch: Paul Schrader, Mardik Martin

LV: Jake La Motta mit Joseph Carter und Peter Savage: Raging Bull: My Story, 1970

Düsteres Biopic über den Boxer Jake La Motta. Scorsese drehte die zwischen 1941 und 1964 spielende Geschichte eines schnellen Aufstiegs und tiefen Falls stilbewusst in Schwarzweiß und Hauptdarsteller Robert De Niro ging vollständig in seiner Rolle auf. Dafür erhielt er einen Oscar und einen Golden Globe als bester Hauptdarsteller.

Mit Robert De Niro, Cathy Moriarty, Joe Pesci, Frank Vincent

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wie ein wilder Stier“

Wikipedia über Jake La Motta und „Wie ein wilder Stier“ (deutsch, englisch)

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ (The Wolf of Wall Street, USA 2013) und ein Infodump dazu

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Stephen Kings „Es“ – die Horrorversion von „Stand by me“

September 28, 2017

In den USA wird die neue Stephen-King-Verfilmung seit dem Kinostart von der Kritik abgefeiert, die Fans jubeln und an der Kinokasse ist „Es“ ein richtiger Blockbuster. Er hat an der US-Kinokasse das beste Einspielergebnis, das jemals eine Stephen-King-Verfilmung hatte. Weltweit ist „Es“ schon jetzt der nach seinem Einspiel erfolgreichste Horrorfilm. „Es“ hat bereits über 480 Millionen US-Dollar eingespielt und das ist, schon jetzt, mehr als ein verdammt gutes Ergebnis. Denn ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Dabei ist die Geschichte auf den ersten Blick eine 08/15-Horrorgeschichte, die man schon hunderttausendmal gesehen hat: ein Dämon sucht eine Stadt heim und nur eine handvoll Menschen, denen niemand glaubt, können etwas dagegen tun.

Und die Vorlage, der Klassiker „Es“ von Stephen King, ist mit tausendfünfhundert Seiten so umfangreich geraten, dass man sofort Mitleid mit den Machern bekommt, die dieses Opus in zwei Kinostunden pressen sollen. Zuletzt, bei „Der dunkle Turm“, gelang das ja nicht so gut. Aber „Der dunkle Turm“ ist auch eine aus acht Romane bestehende, entsprechend umfangreiche Fantasy-Saga von Stephen King. „Es“ ist dagegen ein fast schon handlicher, auf zwei Zeitebenen (1958 und 1985) spielender Roman und die Macher entschlossen sich, einfach nur das halbe Buch zu verfilmen (ohne jetzt genau auf die Seiten zu achten). Das heißt: der Film spielt nur auf einer Zeitebene.

Außerdem verlegten sie die Geschichte von 1958 in das Jahr 1989. Das ist allerdings fast egal. Einerseits weil die Geschichte in einer dieser typischen, lauschigen Stephen-King-Kleinstädte spielt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum veränderten, andererseits weil die Welt für Elfjährige doch ziemlich gleich aussieht. Vor allem wenn sie gegen das Böse, verkörpert durch den Clown Pennywise, kämpfen müssen.

Und jetzt bin ich faul und zitiere die offizielle Synopse:

Im Mittelpunkt stehen sieben junge Außenseiter, die in dem Städtchen Derry in Maine aufwachsen – sie bezeichnen sich als Club der Loser. Aus dem einen oder anderen Grund sind sie alle ausgegrenzt worden, die Rowdys des Ortes haben sie ins Visier genommen…und alle haben erlebt, wie ihre innere Angst plötzlich real wurde als uralter, aggressiver Gestaltwandler, den sie einfach nur „Es“ nennen.

Seit es den Ort gibt, ist Derry immer schon das Jagdrevier dieses Monsters gewesen: Alle 27 Jahre steigt es aus der Kanalisation herauf, um sich vom Schrecken seiner bevorzugten Beute zu ernähren: nämlich den Kindern von Derry. Innerhalb eines ebenso grauenhaften wie mitreißenden Sommers tun sich die Loser zusammen und bilden eine unverbrüchliche Gemeinschaft, um so ihre eigene Angst zu überwinden und den mörderischen Amoklauf zu beenden, der an einem Regentag begonnen hat: Ein kleiner Junge rannte seinem Papierschiffchen hinterher, das in einen Gully gespült wurde, … und geriet so in die Fänge des Clowns Pennywise.“

Dieser Junge ist der jüngere Bruder von Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), der so etwas wie der Anführer dieses Clubs der Verlierer ist und der Monate später immer noch hofft, seinen verschwundenen Bruder George zu finden, während weitere Kinder verschwinden. Den Erwachsenen, die in „Es“ nur eine Nebenrolle, irgendwo zwischen Cameo und Minirolle, haben, ist das Verschwinden der Kinder egal. Sie sind passive Nebenfiguren oder, mehr oder weniger unwissentliche Helfer von dem Bösen, das bevorzugt in der Gestalt eines Clowns auftaucht.

Im Mittelpunkt des Films stehen nämlich die Kinder, gespielt von Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Finn Wolfhard, Chosen Jacobs, Jack Dylan Grazer, Wyatt Oleff und Sophia Lillis (die Entdeckung des Films, obwohl auch die anderen Kinderdarsteller überzeugen), ihre Probleme, Gefühle und Sehnsüchte. Diese Konzentration auf sie ist eine der großen Stärken des Films.

Regisseur Andy Muschietti („Mama“) erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive, während der langen Sommerferien, in denen sie in Derry, dem Dorf, das ihre Welt ist, festsitzen und noch Kinder sind. Mehr vor der Pubertät als an der Schwelle zur Pubertät. Sie sind in dem Alter, in dem sie nicht mehr an das Monster unter dem Bett glauben, aber in der Kanalisation könnte eines seines.

Von seiner Stimmung und seinen Bildern erinnert „Es“ immer wieder, vor allem weil der halbstarke, sie herumstoßende Henry Bowers (Nicholas Hamilton) wie ein Wiedergänger von John ‚Ace‘ Merrill (Kiefer Sutherland) aussieht, an „Stand by me“. In dieser, ebenfalls sehr gelungenen Stephen-King-Verfilmung, sucht eine Gruppe Zwölfjähriger im Sommer 1959 die Leiche eines spurlos verschwundenen Gleichaltrigen.

Eine andere Stärke des Horrofilms ist natürlich der von Bill Skarsgård gespielte Pennywise, ein überhaupt nicht netter Clown, der in der Kanalisation lebt, alle 27 Jahre auftaucht und Kinder tötet.

Ohne die makellose, elegante Inszenierung von Andy Muschietti, der gekonnt an der Spannungsschraube dreht und uns in die Welt des selbsternannten Clubs der Verlierer (Hey, das sind wir Leseratten!) eintauchen lässt, wäre das alles höchstens ein laues Sommerlüftchen.

Diese Beschränkung auf den Kampf des Clubs der Verlierer gegen das Böse Es führt dann dazu, dass „Es“ wunderbar als in sich abgeschlossener Einzelfilm funktioniert.

Die Fortsetzung, die 27 Jahre später spielen wird und die andere Hälfte des Romans enthält, spielt dann in der Gegenwart und sie läuft am 6. September 2019 in den US-Kinos an. In einem Interview meinte Muschietti, dass sie auch einige Rückblenden enthalten solle, die natürlich gedreht werden müssen, bevor die Kinder zu alt werden.

Bis dahin kann man dann auch den Roman nochmal (?) lesen.

Es (It, USA 2017)

Regie: Andy Muschietti (eigentlich Andres Muschietti)

Drehbuch: Chase Palmer, Cary Fukunaga, Gary Dauberman

LV: Stephen King: It, 1986 (Es)

mit Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis, Finn Wolfhard, Chosen Jacobs, Jack Dylan Grazer, Wyatt Oleff, Bill Skarsgård, Nicholas Hamilton, Jake Sim, Logan Thompson, Owen Teague, Jackson Robert Scott, Stephen Bogaert, Stuart Hughes

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Es von Stephen King

in der ungekürzten Übersetzung und daher bestens geeignet für lange Flüge, lange Winterabende ohne die doofe Verwandtschaft, ausgedehnte Strandurlaube ohne die Liebsten und Zugfahrten mit den üblichen, niemals angekündigten, mental fest eingeplanten Verspätungen.

Zum Filmstart spendiert der Verlag ein neues Titelbild.

Stephen King: Es

(übersetzt von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber, bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann)

Heyne, 2017 (Movie Tie-In)

1536 Seiten

14,99 Euro

Erstausgabe der ungekürzten Übersetzung: 2011

Ältere Ausgaben enthalten eine gekürzte Übersetzung.

Originalausgabe

It

Viking, 1986

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film (dein Kinoticket)

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Es“

Metacritic über „Es“

Rotten Tomatoes über „Es“

Wikipedia über „Es“ (deutsch, englisch) und Stephen King (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Andy Muschiettis „Mama“ (Mama, Spanien/Kanada 2012)

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Stephen King in der Kriminalakte, in seinem Trailer-Park und auf Europa-Tour

Meine Besprechung von Kimberly Peirces Stephen-King-Verfilmung “Carrie” (Carrie, USA 2013)

Meine Besprechung von Tod Williams‘ Stephen-King-Verfilmung „Puls“ (Cell, USA 2016)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Der dunkle Turm: Schwar“ (The Dark Tower: The Gunslinger, 1982) und von Nikolaj Arcels Romanverfilmung „Der dunkle Turm“ (The dark Tower, USA 2017)


TV-Tipp für den 28. September: 5 Jahre Leben

September 28, 2017

3sat, 22.20
5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz’ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter, John Keogh, Timur Isik, Kerem Can, Siir Eloglu, Tayfun Bademsoy
Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über “5 Jahre Leben”

Film-Zeit über „5 Jahre Leben“

Wikipedia über Murat Kurnaz

Meine Besprechung von Stefan Schallers „5 Jahre Leben“ (Deutschland 2013)


TV-Tipp für den 27. September: Die Frau in Gold

September 26, 2017

RBB, 23.00

Die Frau in Gold (Woman in Gold, GB/USA 2015)

Regie: Simon Curtis

Drehbuch: Alexi Kaye Campbell

Die im Zweiten Weltkrieg in die USA geflohene Jüdin Maria Altmann hätte gerne wieder das titelgebende Klimt-Gemälde von ihre Tante Adele. Dummerweise ist das Jugendstilgemälde inzwischen zu einer Ikone der österreichischen Identität geworden und Österreich denkt gar nicht daran, Altmann das Gemälde zurückzugeben.

Gutes, gefällig inszeniertes, auf einem wahren Fall basierendes britisches Schauspielerkino mit entsprechend pointierten Dialogen und einem noblen Anliegen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Helen Mirren, Ryan Reynolds, Daniel Brühl, Max Irons, Elizabeth McGovern, Katie Holmes, Tatiana Maslany, Antje Traue, Justus von Dohnányi, Tom Schilling, Charles Dance, Jonathan Pryce, Frances Fisher, Moritz Bleibtreu

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Frau in Gold“
Moviepilot über „Die Frau in Gold“
Metacritic über „Die Frau in Gold“
Rotten Tomatoes über „Die Frau in Gold“
Wikipedia über „Die Frau in Gold“ (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über „Die Frau in Gold“
Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „My Week with Marilyn“ (My Week with Marilyn, GB 2011)

Meine Besprechung von Simon Curtis‘ „Die Frau in Gold“ (Woman in Gold, GB/USA 2015)