Weil am Donnerstag „Logan Lucky„, der neue Kinofilm von Steven Soderbergh (nach seiner kurzen Spielfilmauszeit), mit Channing Tatum, Adam Driver, Daniel Craig undundund anläuft
RTL II, 20.15 Magic Mike – Die ganze Nacht (Magic Mike, USA 2012)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Reid Carolin
Mike ist im sonnigen Florida tagsüber ein netter Bauarbeiter und nach Sonnenuntergang ein Stripper. Ein wundervolles Leben, wenn er nicht ein eigenes, seriöses Geschäft eröffnen möchte und sich verlieben würde. Wundervoller Film von Steven Soderbergh über das Milieu der männlichen Stripper und den amerikanischen Traum, inszeniert im dokumentarischen New-Hollywood-Stil.
mit Channing Tatum, Alex Pettyfer, Matthew McConaughey, Cody Horn, Olivia Munn, Matt Bomer, Riley Keough, Joe Manganiello, Kevin Nash, Adam Rodriguez, Gabriel Iglesias
Drehbuch: Stuart Gordon, Dennis Paoli, William J. Norris
LV: H. P. Lovecraft: Herbert West, the Re-Animator, 1922 (Kurzgeschichte)
Erst letztes Jahr war bei Arte die TV-Premiere dieses Horrorfilmklassiker (okay, das machen auch andere Sender), der in Deutschland indiziert war (okay, das erledigt sich teilweise durch Neuprüfungen und geänderte Sehgewohnheiten), ungekürzt und in der restaurierten „Unrated“-Fassung. Das erfreute das Herz des Horrorfilmfans und des Cineasten. Und wer den Film damals verpasste, kann ihn sich heute wieder und ohne lästige Werbepausen ansehe.
Darum geht es in dem Film: Dr. Carl West forscht an einem Serum, das Tote wieder zum Leben erweckt. Sein Kollege Dan Cain hält das für eine schlechte Idee und er hat, angesichts der wirklich aus dem Ruder laufenden Forschungsergebnisse von Dr. West recht.
„Wir raten ab.“ (Lexikon des internationalen Films)
„nur platte Horroreffekte, die immer drastischer werden – bis zur Unerträglichkeit.“ (Fischer Film Almanach 1989)
„Gordons früher, bedeutungsloser Einstieg ins ‚Splatstick‘-Genre nimmt von Lovecraft nur Namen und einen Hauch von Ehrbarkeit, welche bald von Szenen mit abgeschlagenen Köpfen beim Oralsex und Eingeweiden, die sich um unwillige Opfer schlängeln, vernichtet wird, aber immer noch unterhaltsamer ist als viele Imitationen. (…) Obwohl der Erfolg von ‚Re-Animator‘ hauptsächlich den raffinierten Effekten und der Stimmung eines ‚Anything goes!‘ zuzurechnen ist, färben seine subtileren Schliffe, wie die Kämpe zwischen Megan und West, die um Cains Aufmerksamkeit streiten, sogar abseits der grausigen Exzesse den Film köstlich schwarz.“ (James Marriott/Kim Newman: Horror)
Selbstverständlich war der Film Bumserfolgreich und vier Jahre später gab es die „Bride of Re-Animator“.
mit Jeffrey Combs, Bruce Abbott, Barbara Crampton, David Gale
Benny und Marko sind waschechte Wiener Jungs. Als sie auf einem Sofa abhängen, spricht sie eine TV-Reporterin an. Sie möchte von ihnen gerne einige Originaltöne zum Leben im Rudolfsgrund, einem multikulturellen Stadtteil in Wien, haben. Benny und Marko geben ihr die gewünschten Zitate in dem von ihr erwarteten Ghettoslang. Sie ist begeistert.
Was sie nicht ahnt, ist dass Benny ein Schauspieler ist, der nicht immer arabische Taxifahrer spielen will. Sein Kumpel Marko ist Werber und hat eine schwangere Freundin. Finanziell einträglich ist im Moment keiner ihrer Jobs. Und als die TV-Journalistin Marlene Weizenhuber sie fragt, ob sie eine Reportage über sie, also die von ihnen spontan erfundenen Alter Egos Omar und Tito, zu machen, sind sie einverstanden. Schließlich soll ihre Arbeit bezahlt werden.
Dabei haben Benny und Marko als stinknormale, bürgerliche Kinder überhaupt keine Ahnung vom Verbrecherleben.
„Die Migrantigen“ von Arman T. Riahi ist eine angenehm respektlose Komödie, die lustvoll mit den Klischees und Vorurteilen spielt und auch zeigt, wie Medien das Klima in einem Viertel verändern können. Denn der Rudolfsgrund ist ein Musterbeispiel für das gelingende Zusammenleben verschiedener Kulturen und für eine funktionierende Gemeinschaft. Die Migranten sind Wiener durch und durch. Alles ist in Ordnung, bis Marlene Weizenhuber mit ihren Reportagen das Viertel, entsprechend ihren Vorurteilen, als sozialen Brennpunkt und Hort des Verbrechens mit Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Bandenkriegen porträtiert und damit das gesellschaftliche Klima im Viertel vergiftet. Das funktioniert, bis Benny und Marko ihr Gewissen entdecken (ihre Freunde halfen dabei) und sie, zusammen mit den Rudolfsgrundlern, zurückschlagen.
Riahis Spielfilmdebüt ist unter seiner rauhen Oberfläche ein Feelgood-Movie, das etwas zu sehr zu den bereits Überzeugten predigt.
Die Migrantigen(Österreich 2017)
Regie: Arman T. Riahi
Drehbuch: Arman T. Riahi, Aleksandar Petrovic, Faris Rahoma
mit Faris Rahoma, Aleksandar Petrovic, Doris Schretzmayer, Daniela Zacherl, Zuah A. Sokolovic, Mehmet Ali Salman, Maddalena Hirschal, Mahir Jamal, Julia Jelinek, Rainer Wöss, Dirk Stermann, Josef Hader
Zehn Jahre nach seinem letzten Spielfilm „Versprich es mir!“ und ungefähr zwanzig Jahre nach „Underground“ (1995) und „Schwarze Katze, weißer Kater“ (1998) kehrt der Jugoslawe Emir Kusturica wieder in seine Heimat und die neunziger Jahre, als im damaligen Jugoslawien ein Bürgerkrieg tobte, zurück und er erzählt eine Geschichte, die auf „drei wahren Geschichten und jeder Menge Fantasie“ basieren soll. Im Zentrum steht die Liebesgeschichte von Milchmann Kosta (Emir Kusturica), der verträumt mit seinem Esel täglich die Frontlinien passiert, und einer namenlosen Italienerin mit geheimnisvoller Vergangenheit (Monica Bellucci). Sie soll allerdings einen anderen Mann, einen einäugigen Kriegshelden, heiraten. Also brennen die beiden, verfolgt von ihrem künftigen Mann und ihrem Ex-Geliebten, durch.
Diese Geschichte ist für Kusturica nur die läppische Entschuldigung für eine Abfolge burlesker Szenen, in denen im Bürgerkrieg das Leben fast ungestört weitergeht und exzessiv gefeiert wird. Wenn man nicht gerade mit einer Bahnhofsuhr kämpfen muss.
Das ist, auch wenn die Verfolgungsjagd in der zweiten Filmhälfte etwas lang gerät, witzig und mit viel Liebe zum Detail inszeniert.
Allerdings kehrt Kusturica mit „On the Milky Road“ einfach wieder in seine Vergangenheit zurück. Sein neuester Film würde als weitere Episode in „Underground“ nicht weiter auffallen. Es ist ein Film, der uns viel über den Irrsinn des Bürgerkriegs als eine burleske Abfolge von Anekdoten, Klamauk, Grotesken, Slapstick, Fantasien und überbordenden, alkohlgeschwängerten Gesängen in Dorfkneipen erzählt, der aber nichts über die aktuellen Probleme im ehemaligen Jugoslawien und wie der Krieg von der Bevölkerung verarbeitet wurde verrät. Das ist, wie gesagt, gut gemacht und unterhaltsam, aber für Kusturica-Fans, die sich noch an „Underground“ und „Schwarze Katze, weißer Kater“ erinnern, gibt es keinen Grund, sich „On the Milky Road“ anzusehen.
Für sie stellt sich schon während des Films die Frage, ob Kusturica nichts zu den aktuellen Entwicklungen in seiner Heimat zu sagen hat, ob er einfach in der Vergangenheit verharrt oder ob er nur dann Geld für einen Film bekommt, wenn er einfach noch einmal seine alten Erfolge nachinszeniert.
On the Milky Road (Na mliječnom putu/On the Milky Road, Serbien/Großbritannien/USA 2016)
Regie: Emir Kusturica
Drehbuch: Emir Kusturica
mit Emir Kusturica, Monica Bellucci, Sloboda Micalovic, Predrag Manojlovic
Barry Seal ist in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein TWA-Pilot mit einem Nebengeschäft, das ihn für eine Erpressung von Monty Shafer empfänglich macht. Der CIA-Agent bietet Seal eine Scheinfirma und ein Flugzeug an, mit dem er in Südamerika Bilder von Rebellenlagern schießen soll. Seal ist begeistert von der neuen, aufregenden Aufgabe und dem Flugzeug. In den frühen Achtzigern überfliegt er die im Dschungel liegenden Lager in einer so geringen Flughöhe, dass die US-amerikanischen Dienste seine Bilder lieben und südamerikanische Drogenhändler auf ihn aufmerksam werden. Sie bitten ihn darum, einige Drogen in die USA zu importieren. Auch dieses Angebot des Medellin-Kartells kann Seal nicht ablehnen.
Und aus den USA importiert er, auf Wunsch der CIA (die natürlich jedes Wissen darüber leugnen wird), Waffen nach Südamerika. Schnell expandiert sein Geschäft und er hat keine Ahnung, was er mit dem ganzen Geld, das er verdient, tun soll.
„Barry Seal – Only in America“ ist der neue Tom-Cruise-Film. Inszeniert von Doug Liman, der Cruise schon in dem SF-Thriller „Edge of Tomorrow“ gelungen in Szene setzte. Jetzt inszeniert er eine Action-Comedy, die in ihrer kurzweiligen Verknüpfung von Action, Comedy und etwas Sentiment an die Actionkomödien der siebziger und achtziger Jahre erinnert. Historische Hintergründe – immerhin gab es Barry Seal wirklich und er war auch in all die damaligen Skandale, mit der Iran-Contra-Affäre als Höhepunkt, verwickelt – werden gestreift, aber nicht weiter vertieft.
Limans Film ist, wie Roger Spottiswoodes „Air America“ (USA 1990) über die gleichnamige CIA-Fluglinie, die während des Vietnam-Krieges in Südostasien das tat, was Barry Seal einige Jahre später in Südamerika tat, unterhaltsam, aber auch arg oberflächlich.
Liman, Drehbuchautor Gary Spinelli (der die Geschichte ursprünglich als Drama aufschrieb) und Hauptdarsteller Tom Cruise wollen in „Barry Seal“ überhaupt nicht in die Tiefen des Stoffes hervorstoßen oder die problematischen Seiten der Geschichte erörtern. Liman nennt seinen Film absolut zutreffend einen „amüsanten Schwindel, der auf einer wahren Begebenheit basiert“, sich aber seine Freiheiten nimmt.
Es ist eine leichte Komödie, in der große Jungs ihren Spaß haben, wenn sie mit den kleinen Maschinen in Baumwipfelhöhe über den Dschungel fliegen, wild herumballern und die Obrigkeiten narren. Dass Barry Seal und seine Piloten Verbrecher sind und dass erst durch die Geschäfte der Geheimdienste Drogen in ungeahntem Ausmaß in die USA importiert und Waffen nach Südamerika exportiert wurden, vergisst man dabei leicht. Auch weil Tom Cruise Barry Seal als sympathischen, flugbegeisterten Sonnyboy, treuen Ehemann und liebevollen Vater spielt, der von viel böseren Menschen umgeben ist.
Barry Seal – Only in America (American Made, USA 2017)
Regie: Doug Liman
Drehbuch: Gary Spinelli
mit Tom Cruise, Domhnall Gleeson, Sarah Wright Olsen, E. Roger Mitchell, Jesse Plemons, Lola Kirke, Alejandro Edda, Benito Martinez, Caleb Landry Jones, Jayma Mays
Das liegt nicht an dem Anliegen. Im Gegenteil. Nach dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Abkommen zum Schutz des Klimas, nachdem auch in Deutschland Klimaleugner ein viel zu breites Podium bekommen, nachdem die Folgen des menschengemachten Klimawandels immer deutlicher werden und Klimaforscher in immer mehr Studien immer deutlicher die Folgen unseres Handelns herausarbeiten, ist ein Film wie „Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft“ ein wichtiger Film, dessen Botschaft von möglichst vielen Menschen gehört und beherzigt werden sollte.
Es liegt an der Machart.
Vor elf Jahren drehte Davis Guggenheim „Eine unbequeme Wahrheit“. In dem Dokumentarfilm stand Al Gores Vortrag zum Klimawandel im Zentrum. Der Demokrat und ehemalige US-Vizepräsident hielt, nach seiner gescheiterten Kandidatur für das Amt des US-Präsidenten, den Diavortrag landauf und landab. Er setzte damit seine langjährige Arbeit zum Klimaschutz fort. Der Film war eine weitere Version des Vortrags. „Eine unbequeme Wahrheit“ erhielt zwei Oscars (bester Dokumentarfilm und bester Song), war ein Kassenhit und ein wichtiger Teil des globalen und US-amerikanischen Diskurses über den Klimawandel.
„Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ zeigt, was sich seitdem veränderte und wie die Zukunft aussieht. Die Filmemacher Bonnie Cohen und Jon Shenk begleiten Al Gore rund um den Globus. Er will immer noch das Klima retten. Er unterhält sich mit Wissenschaftlern in Grönland auf dem Russell-Gletscher. Er hält Vorträge. Er, bzw. die von ihm gegründete Nichtregierungsorganisation „The Climate Reality Project“, bildet in dem „Climate Reality Leadership Corps“-Programm „Climate Leaders“ aus. Sie sollen danach einen vorher erstellten Powerpoint-Vortrag überall auf der Welt halten, so über die Folgen des Klimawandels, was schon dagegen getan wird und was noch dagegen getan werden muss, aufklären und in ihrem Umfeld zu Kämpfern für den Klimaschutz werden. Es ist auch ein hoffnungsvoller Vortrag, weil Gore zahlreiche Beispiele für klimaschützende Investitionen und Techniken nennt. Die Dokumentation zeigt Ausschnitte aus mehreren dieser von Al Gore vor ihnen gehaltenen, ständig aktualisierten Vorträgen.
Auch die Regisseure Bonnie Cohen und Jon Shenk mussten ihren Film kurz vor der Premiere noch einmal umschneiden, weil Donald Trump am 1. Juni 2017 den Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verkündete. Das Abkommen entwickelt das Kyoto-Protokoll weiter, ist inzwischen von allen Ländern (bis auf Syrien [Bürgerkrieg] und Nicaragua [denen das Abkommen nicht weit genug geht]) unterzeichnet und soll die Treibhausgasemissionen und den menschengemachten Temperaturanstieg deutlich begrenzen.
Al Gore war auch, begleitet von Cohen und Shenk, im Dezember 2015 auf dem Klimagipfel in Paris. Auf den Gängen, in Hinter- und Hotelzimmern redet und telefoniert er solange mit mehr oder weniger hochrangigen Politikern, bis der Eindruck entsteht, dass Al Gore dank seines guten Zugangs zu hochrangigen Politikern und seinen in wichtigen Positionen sitzenden „Climate Leaders“ im Alleingang das Abkommen besiegelte.
Das ist natürlich Quatsch. Denn neben Al Gore, waren in Paris viele andere Gruppen und Menschen, die sich für den Schutz des Klimas einsetzen. Teilweise schon seit Jahrzehnten. Teilweise sind ihre Namen in der Öffentlichkeit weniger bekannt. Aber sie hätten nicht zu dem Film gepasst, der letztendlich „Die große Al-Gore-Werbeschau“ ist.
Und genau das ist das Problem des Films. Es ist ein Werbefilm für Al Gore und seine NRO, der deshalb alle anderen Umweltschutzgruppen und Umweltschützer ignoriert. Die Regisseure ordnen das Anliegen einer Personality-Show, in der Al Gore zum Messias wird, unter.
Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft (An Inconvenient Sequel: Truth to Power, USA 2017)
Regie: Bonnie Cohen, Jon Shenk
Drehbuch: –
mit Al Gore, George W. Bush, John Kerry, Marco Krapels, Angela Merkel, Barack Obama, Vladimir Putin, Donald J. Trump
Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (The Taking of Pelham 123, USA 2009)
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Brian Helgeland
LV: John Godey: The Taking of Pelham One Two Three, 1973 (Abfahrt Pelham 1 Uhr 23)
In New York nehmen Gangster die Passagiere einer U-Bahn als Geisel. Sie fordern binnen einer Stunde 10 Millionen Dollar Lösegeld. Ein Fahrdienstleiter beginnt mit den Verhandlungen.
Für das Update des 1973er Thriller-Klassikers „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ von Joseph Sargent, nach einem Drehbuch von Peter Stone, mit Walter Matthau, Robert Shaw und Martin Balsam musste Brian Helgeland nicht viel tun. Denn Romanautor John Godey hat sich eine ebenso einfach, wie spektakuläre Story ausgedacht. Da musste Brian Helgeland nur der Story folgen und aus den vielen im Buch auftretenden Charakteren (die so auch ein Bild der US-amerikanischen Gesellschaft in den frühen Siebzigern entstehen lassen) die für einen Film wichtigen auswählen. Tony Scott bebilderte dann das ganze mit einer für seine Verhältnisse angenehm zurückhaltenden Regie.
Aber während die 1973er-Version immer noch thrillt, bedient Scott einfach nur ziemlich glatt und damit auch vorhersehbar-langweilig die Spannungsmachinerie. Es ist nicht wirklich Falsches in „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123“, aber auch nichts, was zum wiederholten Ansehen reizt.
mit Denzel Washington, John Travolta, Luis Guzmán, John Turturro, James Gandolfini
Vor vier Jahren war Dave Eggers‘ Anti-Utopie „Der Circle“ in den Feuilletons und den Bestsellerlisten das Buch der Stunde. Denn er schrieb eine seitenstarke Anklage gegen Facebook und Konsorten, er warnte vor dem Überwachungswahn von Internetfirmen und der freiwilligen Preisgabe intimster Details.
Er reihte sich damit, wenigstens im Werbesprech, ein in die Reihe großer SF-Romane wie Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (Brave new World, 1932), George Orwells „1984“ (Nineteen Eighty-Four, 1949) und Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (1953).
Dass Eggers‘ Dystopie für Science-Fiction-Fans spätestens seit Cyberpunk ein alter Hut ist, dass Eggers‘ Dystopie deutlich länger und oberflächlicher als die eben genannten Klassiker ist; – geschenkt, solange das Werk auf ein aktuelles Problem aufmerksam machen kann und eine breite Diskussion darüber anstößt.
Außerdem zeigt er schön die subtilen Methoden, mit denen Arbeitgeber ihre Angestellten und Kunden beeinflussen. Sie müssen keinen Druck ausüben, weil, wie in einer Sekte, alle Circle-Mitarbeiter sich freiwillig dem Gebot der Transparenz unterwerfen, intimste Details miteinander teilen und sich gegenseitig über den grünen Klee loben.
Jetzt läuft bei uns James Ponsoldts Verfilmung von Dave Eggers‘ Roman an und es könnte der hochkarätig besetzte Film zur Stunde sein. Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega (bekannt aus „Star Wars: Das Erwachen der Macht“) und Allzweckwaffe Patton Oswalt sind dabei. Darren-Aronofsky-Stammkameramann Matthew Libatique übernahm die Kamera. Tim-Burton-Hauskomponist Danny Elfman schrieb die Musik.
Aber in den USA waren die Kritiken verheerend und an der Kinokasse blieb der Film weit hinter den Erwartungen zurück.
Ob das in Deutschland anders ist, wage ich zu bezweifeln. Denn „The Circle“ ist ein schlechter Film, der aber nicht mit dem Remmidemmi eines hirnlosen Blockbusters für sich werben kann.
Im Mittelpunkt des Buches und des Films steht die 24-jährige Mae Holland. Sie erhält, protegiert von ihrer Universitätsfreundin Annie Allerton, eine Stelle bei der Internetfirma „Circle“. Das ist, kurz gesagt, ein das Internet beherrschendes Konglomerat aller verfügbaren Dienste. So eine Art Super-Facebook-Amazon-YouTube-Twitter-Instagram-undwasessonstnochgibt, bei dem fast jeder Mensch ein persönlich verifiziertes TruYou-Konto hat. Ihre Arbeit beginnt Mae in der Kundenbetreuung. In den ersten Tagen erkundet sie die riesige Firmenzentrale. Sie ist ein Campus mit kostenlosen Mahlzeiten (teils von Spitzenköchen zubereitet), Apartments (bei Bedarf) und Endlospartys mit bekannten Künstlern. Im Film tritt Beck auf. Im Buch nennt Eggers keine Namen, aber Mae ist immer wieder begeistert, dass sie gerade den angesagten Musiker sehen kann. Denn die Firmenchefs wollen, dass es ihren Angestellten gut geht. Deshalb gibt es auch eine kostenlose Gesundheitsvorsorge; bei Bedarf auch für die Eltern. Und weil Maes Vater MS hat, ist das eine tolle Sache.
Circle-Firmengründer Eamon Bailey stellt mit SeeChange ein neues Projekt vor. Mit Minikameras, die überall auf der Welt verteilt werden, kann er vor dem Surfen sehen, ob die Wellen gut sind, ob seine Mutter in ihrer Wohnung nicht gestürzt ist (er hat die Kameras ohne ihr Wissen angebracht) und ob irgendwo in der Welt gerade etwas Schlimmes passiert, ein übergriffiger Polizist oder ein Aufstand. Die Kameras schaffen Transparenz für die gute Sache und sie führen zu einer besseren Welt. Meint Bailey.
Als Mae bei einer nächtlichen Kajakfahrt fast ertrinkt und nur durch die SeeChange-Kamera, die dafür sorgt, dass Rettungskräfte informiert werden, gerettet werden kann, ist sie von Baileys neuer Vision restlos überzeugt. Sie beschließt, vollkommen transparent zu werden.
Ab jetzt hat sie eine Kamera dabei, die ständig ins Internet überträgt, was sie tut. Sie will, dass alle Menschen ihrem Beispiel folgen. Denn, so ihr Spruch, der gleich vom Circle übernommen wurde: „Geheimnisse sind Lügen – Teilen ist Heilen – Alles Private ist Diebstahl“.
Während der Roman diese Geschichte (keine Panik, sie geht noch weiter) stringent als Verführungs- und bescheidene Aufstiegsgeschichte erzählt, geht der Film einen anderen Weg. Dass dafür einige Details verändert werden und dass aus zwei im Roman wichtigen Personen im Film eine wird, ist für das Scheitern des sich insgesamt sehr nah am Roman bewegenden Films letztendlich egal.
Wenn dabei allerdings die Motivation der Charaktere für ihr Handeln verändert wird, hat es Auswirkungen auf unseren Blick auf die Person und ihr Handeln.
So wird, um nur ein Beispiel zu nennen, Mae im Film transparent, weil sie in der Bucht bei einem nächtlichen Kajakausflug fast ertrunken wäre und nur durch SeeChange-Kameras gerettet werden konnte. Im Roman wird sie durch die SeeChange-Kameras bei dem Diebstahl des Kajaks erwischt und kann nur durch die Intervention der Besitzerin des Bootsverleihs, die für ihre Stammkundin Mae lügt, einer Verhaftung entgehen. Anschließend redet Bailey mit ihr darüber und wie unfair es sei, dass sie ihren nächtlichen Bootsausflug für sich behalten wollte und fragt sie, ob sie das Boot auch dann gestohlen hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie bei dem Diebstahl gefilmt werde.
In diesem und in vielen anderen Momenten, zeigt Eggers, wie Mae manipuliert wird. Ständig wird ihr ein schlechtes Gewissen eingeredet. Sie verändert ihr Verhalten, passt sich klaglos den Circle-Regeln an und wird immer mehr zu einer überzeugten Circle-Jüngerin, weil sie so ein besserer Mensch wird.
Trotzdem gibt es im Roman, auch nachdem Mae ihr gesamtes Leben in das Internet überträgt, immer wieder Brechungen. Denn Mae und ihre Gesprächspartnerinnen verändern bewusst ihr Verhalten, wenn sie ihr begegnen. Sie wissen in dem Moment, dass sie sich vor einem Millionenpublikum unterhalten. Mae schauspielert und sie weiß das. Eine Intimsphäre hat sie nur noch in wenigen Momenten ihres Lebens. Wenn sie schläft, nimmt sie die Kamera ab. Wenn sie auf die Toilette geht, wird die Kamera für drei Minuten stumm gestellt.
Doch auch hier geht ihre Entwicklung weiter. Sie wird zu einer immer lautstärkeren Verfechterin der Circle-Philosophie und sie möchte, dass der Kreis sich schließt. Auch wenn sie in dem Moment keine Ahnung, was das Schließen des Circle-Kreises sein wird.
Im Film, und das ist das größte Problem der Verfilmung, enthüllt Regisseur und Drehbuchautor James Ponsoldt die Motive des Circle und die damit verbundenen Gefahren für unser Zusammenleben schon sehr früh. Danach weiß Mae, dass ihr Arbeitgeber nicht so edel ist, wie er behauptet, aber als die nächste App auf ihrem Computer installiert wird, denkt sie nicht mehr daran. Es ist ihr egal. Es hat keine Auswirkung auf ihr Handeln. Es gibt keine Entwicklung, sondern nur eine durchgehend naive Protagonistin, die jedes Mal, wenn ihr ein für sie besonders wichtiger Circle-App präsentiert wird, skeptisch die Stirn runzelt (nein, das kann Emma Watson nicht besonders gut), nickt und sofort die App begeistert und vollkommen kritiklos anwendet .
Deshalb ist das Filmende, das sich vom Romanende unterscheidet, ärgerlich. Das Romanende ergibt sich aus der vorherigen Geschichte. Im Film ist man dagegen von Maes Handlung überrascht, weil sie dramaturgisch nicht vorbereitet wurde. Es ist das Ende eines Films, der unter seiner glänzenden Oberfläche das Potential seiner Geschichte niemals auch nur im Ansatz ausschöpft, weil er durchgehend viel zu nah am schwachen Romantext bleib. Die wenigen Veränderungen schwächen die Geschichte eher, als dass sie sie stärken.
Und jetzt habe ich noch nichts über die vollkommen verschenkten politischen Subplots gesagt.
The Circle (The Circle, USA/UAE 2017)
Regie: James Ponsoldt
Drehbuch: James Ponsoldt
LV: Dave Eggers: The Circle, 2013 (Der Circle)
mit Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega, Karen Gillan, Ellar Coltrane, Patton Oswalt, Glenne Headly, Bill Paxton, Jimmy Wong, Judy Reyes, Beck (als Beck)
Arte, 23.35 Die Brut(Kanada 1979, Regie: David Cronenberg)
Drehbuch: David Cronenberg
Während eines Sorgerechtsstreit begibt sich Nola Carveth in die Therapie von Dr. Hal Raglan, der ihr am Somafree Institute seine Therapie, die Psychoplasmatik, empfiehlt. Sie soll ihren Zorn und ihre Traumata nicht mehr in sich hineinzufressen, sondern ihnen in körperlichen Reaktionen eine Form geben. Sie fantasiert schrecklich-eklige Killerkinder herbei.
Zum deutschen Kinostart 1982 schrieb der Fischer Film Almanach: „Die Horrortaube auf dem Dach – darf man, unbescheiden, gar nicht mehr auf sie warten; muß man schon mit diesem Spatzen zufrieden sein?“
2010 war „Die Brut“ einer der zehn Extra-Tipps in Frank Schnelle/Andreas Thiemanns „Die 50 besten Horrorfilme“: „’Die Brut‘ ist David Cronenbergs Replik auf Hollywoods Scheidungsdrama ‚Kramer gegen Kramer‘ und zugleich eine eigenwillige Verarbeitung autobiographischer Erlebnisse. (…) Eine schaurige, beklemmende, verstörende Fantasie.“
Und, das war zwischen „Rabid – Der brüllende Tod“ und „Scanners – Ihre Gedanken können töten“ nicht vorhersehbar, Cronenberg wurde seitdem zu einem anerkannten Regisseur, der auf die wichtigen Filmfestivals eingeladen und abgefeiert wird.
Chiara ist die Geliebte des international gesuchten Geldwäschers Anthony Zimmer. Um die sie verfolgenden Polizisten abzulenken, flirtet sie im Zug nach Nizza mit dem biederen Übersetzer Francois. Der wird von den Verfolgern für Anthony Zimmer gehalten.
Locker-flockiger und extrem kurzweiliger Thriller, der ein vergessenswertes Hollywood-Remake „The Tourist“ (von Florian Henckel von Donnersmarck mit Angelina Jolie und Johnny Depp) erhielt.
Salles Werk war als bestes Debüt für einen César nominiert.
mit Yvan Attal, Sophie Marceau, Sami Frey, Daniel Olbrychski
Wovon träumt das Internet? (Lo and Behold, Reveries of the Connected World, USA 2016,)
Regie: Werner Herzog
Drehbuch: Werner Herzog
Herzlichen Glückwunsch zum heutigen 75. Geburtstag, Werner Herzog!
Aus diesem Anlass zeigt 3sat, als TV-Premiere, seine Doku „Wovon träumt das Internet?“ (Werner Herzogs Streifzug durch das Internet) und, um 00.05 Uhr, seine Doku „Tod in Texas“ (2012, Werner Herzogs Besuche bei Todeskandidaten in texanischen Gefängnissen).
Der BR zeigt parallel, ab 23.30 Uhr seine Doku „Mein liebster Feind“ (über seine Filme mit Klaus Kinski).
Bei all den Dokus vergisst man leicht, das Werner Herzog eigentlich ein Spielfilmregisseur ist. Zum Beispiel drehte er mit Klaus Kinski 1972 in Peru „Aguirre, der Zorn Gottes“. Den Film zeigt der BR morgen; – also, genaugenommen und taggenau läuft der Film am Donnerstag, den 7. September, um 00.40 Uhr (VPS 00.39) und es ist ein Klassiker des deutschen Films.
Am Donnerstag, den 7. September, zeigt 3sat um 22.25 Uhr Herzogs Thrillerdrama „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen“ (USA 2009).
Als Organisator bin ich da vielleicht etwas subjektiv, aber das ist ein tolles Podium und ich erhoffe mir einen sehr informativen Abend:
Diskussion: Was bleibt nach dem Untersuchungsausschuss des Bundestages vom NSA-Skandal?
Mittwoch, 6. September, 19.00 Uhr, Robert-Havemann-Saal (Haus der Demokratie und Menschenrechte, Greifswalder Straße 4, Berlin)
Am 5. Juni 2013 veröffentlichte die britische Tageszeitung The Guardian“ den ersten Artikel über die weltweite Datenerfassung der NSA (National Security Agency). Die Informationen in dieser und etlichen weiteren Reportagen stammen aus dem Archiv des Whistleblowers Edward Snowden. Er lieferte erstmals Beweise für eine weltweite Überwachung. Auch Deutsche waren davon betroffen.
Noch vor der Bundestagswahl 2013 wollte die damalige Regierung die Überwachungsaffäre für beendet erklären.
Danach beschäftigte sich ein Untersuchungsausschuss des Bundestages mit der Überwachung der Bevölkerung durch die NSA und der Involvierung der deutschen Nachrichtendienste in den Skandal. Wir lernten Worte wie Five Eyes, Selektoren, Prism, Eikonal und Glo*** (bzw. Glotaic) kennen und erfuhren, was in Bad Aibling geschieht.
Vor wenigen Tagen veröffentlichte der Untersuchungsausschuss seinen in der Vorabfassung 1822-seitigen Abschlussbericht, der auch einen tiefen Einblick in die Arbeit der Dienste ermöglicht.
Am Mittwoch, den 6. September, um 19.00 Uhr im Robert-Havemann-Saal wollen wir, unter anderem, mit
Stephan Martin (Rechtsanwalt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei MdB Martina Renner, Die Linke, für den NSA-Untersuchungsausschuss)
Prof. Dr. Kurt Graulich (Richter am Bundesverwaltungsgericht a. D., Honorarprofessor an der Humboldt-Universität, wissenschaftlicher Schwerpunkt im Sicherheitsrecht)
Dr. Peter Wolff (Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland, Sprecher der Arbeitsgruppe Recht und Ethik)
David Crawford (Senior Reporter, Correctiv)
über die Erkenntnisse des Ausschusses, welche Maßnahmen bereits ergriffen wurden, welche Maßnahmen von den Bundestagsabgeordneten gefordert werden, wie die Zusammenarbeit zwischen den Diensten aussehen soll und mit welchen Entwicklungen die deutschen und westlichen Nachrichtendienste in den kommenden Jahren konfrontiert werden, diskutieren.
Der Abend kann auch als Vorbereitung für die „Freiheit 4.0 – Rettet die Grundrechte“-Demonstration am Samstag, den 9. September, ab 12.00 Uhr auf dem Gendarmenmarkt in Berlin dienen. Alle Infos hier – und jetzt zum Mobilisierungsvideo
Am 7. September erscheint der Actionthriller „Boston“. Es ist nach „Lone Survivor“ und „Deepwater Horizon“ der dritte Film, den Regisseur Peter Berg und mit Schauspieler Mark Wahlberg als Hauptdarsteller inszenierte. „Boston“ erzählt packend, immer entlang der Fakten und mit grandiosen Actionszenen die wahre Geschichte des Bombenanschlags auf den Boston Marathon am 15. April 2013 und der anschließenden Jagd auf die Täter.
Die einzige wirklich große Abweichung von der wahren Geschichte ist der von Mark Wahlberg gespielte Boston-Cop Tommy Saunders. Er verkörpert die Seele von Boston und er führt, als mehr oder weniger passiver Beobachter, durch die Geschichte.
Die DVD hat über zwei Stunden Bonusmaterial und sieht sehr gut aus.
Bis dahin dürft ihr euch an der Verlosung von DVD und Poster beteiligen.
Die Verlosung endet am Freitag, den 8. September, um Mitternacht (also um 23.59 Uhr).
In den Betreff müsst ihr „Verlosung Boston“ schreiben und in der Mail an info@axelbussmer.de muss eine deutsche Postadresse stehen.
Boston (Patriots Day, USA 2016)
Regie: Peter Berg
Drehbuch: Peter Berg, Matt Cook, Joshua Zetumer (nach einer Geschichte von Peter Berg, Matt Cook, Paul Tamasy und Eric Johnson)
mit Mark Wahlberg, Kevin Bacon, John Goodman, J. J. Simmons, Michelle Monaghan, Alex Wolff, Themo Melikidze, Jake Picking, Jimmy O. Yang, Rachel Brosnahan, Christopher O’Shea, Khandi Alexander
–
DVD
Studiocanal
Bild: 2,40:1 (anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Dokumentation „Boston Strong“, Featurettes „Die realen Vorbilder“/“Researching the Day – Der Dreh“/“Boston – Die Stadt der Champions“/“Die Schauspieler erinnern sich“/“Die Helden vor Ort“, Erweitertes Ende, Trailer, Wendecover
Der Mann, der Sherlock Holmes war (Deutschland 1937, Regie: Karl Hartl)
Drehbuch: Robert A. Stemmle, Karl Hartl
LV: Figur von Sir Arthur Conan Doyle
Zwei kleine Detektive klären als Holmes und Watson ein Verbrechen auf – und Holmes-Erfinder Doyle schaut ihrem Treiben amüsiert zu.
Ein damals ungeheuer erfolgreicher und heute immer noch sehenswerter Ufa-Klassiker mit Hans Albers, Heinz Rühmann und dem Gassenhauer „Jawohl, meine Herren, so haben wir es gern“.
Arte zeigt die restaurierte Fassung
Danach ufat es weiter mit der Travestiekomödie „Viktor und Viktoria“ (Deutschland 1933, Regie: Reinhard Schünzel) und, um 23.40 Uhr, mit dem Stummfilmdrama „Die Liebe der Jeanne Ney (Deutschland 1927, Regie: Georg Wilhelm Papst).
Mit Hans Albers, Heinz Rühmann, Marieluise Claudius, Hansi Knoteck, Hilde Weisner, Siegfried Schürenberg, Paul Bildt
Sodele, die Krimibestenliste für den September (präsentiert von F.A.S. und Deutschlandfunk Kultur) ist draußen und diese literarischen Mordstaten empfehlen die Damen und Herren Kritiker:
1. Simone Buchholz – Beton Rouge (Platzierung im Vormonat: 5)
2. Ottessa Moshfegh: Eileen (Platzierung im Vormonat: /)
3. Zoë Beck – Die Lieferantin (Platzierung im Vormonat: 1)
4. Antonin Varenne – Die Treibjagd (Platzierung im Vormonat: 2)
Ein Boxkampf ist es nicht und, obwohl es inzwischen schon eine Tradition ist, auch etwas seltsam. Denn da treten die Spitzenkandidaten der beiden größten Parteien gegeneinander an, als gäbe es in Deutschland ein Mehrheitswahlrecht. Dabei wird Deutschland, dank des Verhältniswahlrechts, eigentlich immer und überall von Koalitionen regiert.
Jedenfalls haben Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) 95 streng reglementierte Minuten, um für sich zu werben.
Am Montag dürfen dann die anderen voraussichtlich im Bundestag vertretenen Parteien gegeneinander antreten. Und zwar um 19.25 Uhr im ZDF (Bündnis 90/Die Grünen, CSU, Die Linke) und um 20.15 Uhr in der ARD als „Der Fünfkampf nach dem TV-Duell“ (dann sind auch FDP und AfD dabei). Die Runde war in den letzten Bundestagswahlkämpfen lebendiger als das Kanzlerduell.
LV: Thomas Harris: Red Dragon, 1981 (Roter Drache)
FBI-Mann Will Graham jagt einen Serienkiller. Nur Hannibal Lecter kann ihm helfen.
Die zweite Verfilmung von „Red Dragon“, dem ersten Roman mit Menschenfresser Hannibal Lecter, ist meilenweit von der Qualität von „Manhunter“ (USA 1986, Regie/Buch: Michael Mann) entfernt. Optisch hält Ratner sich in seinem langatmig-langweiligen Starkino an den von Jonathan Demme in seiner Thomas-Harris-Verfilmung „Das Schweigen der Lämmer“ etablierten Look. Von der Story wiederholt Ratner nur Michael Manns eiskalten „Manhunter“, garniert mit überflüssigen Verweisen auf „Das Schweigen der Lämmer“.Und Anthony Hopkins in der Rolle seines Lebens.
Die andere Meinung: „Roter Drache ist ein erstklassiger Thriller.“ (Rheinische Post, 31. Oktober 2002)
Mit Anthony Hopkins, Edward Norton, Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Emily Watson, Mary-Louise Parker, Philip Seymour Hoffman, Anthony Heald, Lalo Schifrin (als Dirigent, sein bislang einziger Filmauftritt)
Kopfüber in die Nacht (USA 1985, Regie: John Landis)
Drehbuch: Ron Koslow
Ed Okin kann einfach nicht einschlafen. Also fährt er ins Flughafenparkhaus, eine Frau springt zuerst auf seine Motorhaube, dann auf seinen Beifahrersitz und fordert ihn auf, möglichst schnell abzuhauen. Denn sie wird von einigen Killern verfolgt. Ed gibt Gas und erlebt eine aufregende Nacht.
Grandiose Komödie mit einer gehörigen Portion Slapstick, viel Schwarzer Serie und einem beeindruckendem Aufgebot von Stars, die niemand kennt, weil sie als Kollegen von „Blues Brothers“-Regisseur John Landis hauptsächlich hinter der Kamera stehen (und standen).
„Landis (…) ist wieder ein amüsantes Vexierspiel aus ironisch montierten Versatzstücken unterschiedlicher Genres gelungen, das häufig augenzwinkernd mit Zitaten spielt.“ (Fischer Film Almanach 1986)
Eine sträflich unterschätzte, selten gezeigte Filmperle
Mit Jeff Goldblum, Michelle Pfeiffer, Stacey Pickren, David Bowie, Dan Aykroyd, David Cronenberg, John Landis, Waldo Salt, Bruce McGill, Rick Baker, Colin Higgins, Daniel Petrie, Paul Mazursky, Jonathan Lynn, Paul Bartel, Carl Perkins, Don Siegel, Jim Henson, Jack Arnold, Amy Heckerling, Roger Vadim, Lawrence Kasdan, Richard Farnsworth, Vera Miles, Irene Papas, Clu Gulager, Jonathan Demme, Carl Gottlieb
Dass Alain Gsponer in seiner Verfilmung die Geschichte von Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ aus der Nazi-Zeit in die Zukunft verlegt, ist nicht das größte Problem des Films. Im Gegenteil. Diese Verlegung der Handlung aktualisiert die Geschichte und macht sie auch für ein neues Publikum zugänglich.
Das gleiche gilt für den Wechsel des Protagonisten. Im Roman ist es der Lehrer. Ein Ich-Erzähler, der seinen Schülern etwas beibringen will und in Konflikt mit der herrschenden Ideologie gerät. Danach soll er, wie ihm sein Schuldirektor sagt, seine Schüler „moralisch zum Krieg erziehen“.
Im Film ist er eine Nebenfigur. Zach, einer seiner Schüler, ist der Protagonist. Um ein junges Publikum zu erreichen, ist das eine kluge Entscheidung. Schließlich identifiziert man sich als Jugendlicher eher mit einem Gleichaltrigen als mit einem Lehrer. Vor allem mit einem Lehrer, der an seiner Aufgabe hadert und von Selbstzweifeln darüber geplagt ist.
Diese beiden Änderungen und einige weitere, zu denen ich gleich komme, machen dann aus Gsponers Film eine freie Verfilmung des Romans.
In dem Film – und ich muss jetzt in Teilen der Filmhandlung weit vorgreifen – fährt die Schulklasse des namenlosen Lehrers (Fahri Yardim) in die Berge zu einem Zeltlager. Durch verschiedene Tests ihrer Persönlichkeit sollen die Schüler ausgewählt werden, die sich für einen Platz an Eliteuniversität qualifizieren.
Alle bis auf Zach (Jannis Niewöhner) folgen willig und ohne darüber nachzudenken, der in der Gesellschaft propagierten Leistungsideologie. Er ist, obwohl beliebt, schon in der Klasse ein hochintelligenter Außenseiter. Sein wertvollster Besitz ist ein Tagebuch, dem er seine Gedanken und Gefühle anvertraut. Im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden denkt er nach. Er nimmt die gesellschaftlichen Veränderungen wahr und sie gefallen ihm nicht. Denn hinter dem schönen Schein der egalitären Wohlstandswelt gibt es bittere Armut. Letztendlich ist die von Gsponer gezeichnete Welt eine dystopische Zwei-Klassen-Gesellschaft. Es ist eine diktatorische Leistungsgesellschaft, die gnadenlos unliebsame, nicht angepasste oder nicht leistungsfähige Menschen aussortiert.
In dem Zeltlager werden sie von dem Aufseher vor einer im Wald lebenden Bande Jugendlicher, die außerhalb ihrer Zone leben und sich mit Diebstählen über Wasser halten, gewarnt. Zach lernt das im Wald lebende Mädchen Ewa (Emilia Schüle) kennen. Er verliebt sich in die Wilde.
Dann verschwindet Zachs Tagebuch (Leser des Romans kennen den Dieb) und ein Klassenkamerad, mit dem er schon in den vergangenen Tage handgreifliche Auseinandersetzungen hatte, wird ermordet im Wald aufgefunden. Aber hat er ihn auch ermordet?
Das größte Problem von Gsponers von-Horváth-Verfilmung ist die Erzählweise. Anstatt die Geschichte, wie im Roman, einfach chronologisch vom Anfang bis zum Ende zu erzählen, gibt es zahlreiche Rückblenden, die einem zum Verständnis notwendige Informationen erst sehr spät geben und das Geschehen aus einer anderen Perspektive schildern. Das erschwert das Hineinfinden in die Geschichte und die Identifikation mit den Figuren. Das zeigt sich schon in den ersten Minuten. Der Film beginnt mit der Ankunft im Zeltlager und es wirkt, als ob sich die Jugendlichen nicht kennen. Dabei sind sie Klassenkameraden, die mit ihrem Klassenlehrer zu dem Camp gefahren sind und vor der Fahrt schon einen unliebsamen (vulgo nicht leistungsfähigen) Schüler aussortiert haben. Das setzt sich später fort, wenn wir erst später erfahren, wer das Tagebuch geklaut hat und ob der oder die Mordverdächtigen die Tat begangen haben.
Ein anderes Problem ist die zu sparsam gezeichnete dystopische Gesellschaft. Entsprechend diffus bleibt die Gesellschaftskritik.
Am Ende ist „Jugend ohne Gott“ ein weiterer gescheiterter Versuch eines deutschen Science-Fiction-Films, der nicht an seinem Budget, sondern an seinem Drehbuch und seiner Inszenierung scheitert. Jedenfalls in der Form, die im Kino läuft.
Jugend ohne Gott (Deutschland 2017)
Regie: Alain Gsponer
Drehbuch: Alex Buresch, Matthias Pacht
LV: Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, 1937
mit Jannis Niewöhner, Fahri Yardim, Emilia Schüle, Alicia von Rittberg, Jannik Schümann, Anna Maria Mühe, Rainer Bock, Katharina Müller Elmau, Iris Berben
Länge: 114 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott
Suhrkamp, 2017 (Movie Tie-In)
160 Seiten
5 Euro
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Erstausgabe
Exil-Verlag, Amsterdam, 1937
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Die aktuelle Suhrkamp-Ausgabe basiert auf „Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden – Band 4: Prosa und Werke 1918 – 1938“ (Suhrkamp, 1988)