TV-Tipp für den 12. Juni: Collateral

Juni 12, 2013

Kabel 1, 20.15

Collateral (USA 2004, R.: Michael Mann)

Drehbuch: Stuart Beattie

Max ist ein nett-harmloser Los-Angeles-Taxifahrer, der von einem eigenen Unternehmen träumt, aber seit zwölf Jahren sein Leben als Angestellter fristet. Da steigt Vincent ein und bietet ihm 600 Dollar, wenn er ihn in den kommenden Stunden zu fünf Freunden fährt. Nach dem ersten Stopp, weiß Max, dass Vincent ein Autragkiller ist und er ihn zu den nächsten Opfern bringen soll.

„Collateral“ ist ein kleiner, ökonomisch erzählter Neo-Noir-Thriller über das tödliche Aufeinandertreffen zweier Charaktere ihrer vollkommen gegensätzlichen Lebensauffassungen; ist ein grandios besetzter Schauspielerfilm; ist eine Liebeserklärung an das nächtliche Los Angeles und wahrscheinlich der beste Film von Michael Mann.

Mit Tom Cruise, Jamie Foxx, Jada Pinkett Smith, Mark Ruffalo, Peter Berg (Regisseur von „Hancock“), Bruce McGill, Javier Bardem, Jason Statham (Miniauftritt auf dem Flughafen)

Wiederholung: Donnerstag, 13. Juni, 00.55  Uhr (Taggenau!)

Hinweise

IndieLondon: Interview mit Michael Mann

Sight & Sound: Interview mit Michael Mann

The Dialogue: Stuart Beattie: Tricks of the Trade (Teil eines Interview)

Wikipidia (englisch) über „Collateral“

Drehbuch „Collateral“ von Stuart Beattie, bearbeitet von Frank Darabont (12. September 2000) (und bereits teilweise von Michael Mann, Stand: 10. Juli 2003 – Änderung des Handlungsortes von New York nach Los Angeles)

Drehbuch „Collateral“ von Stuart Beattie, bearbeitet von Frank Darabont und Michael Mann  (24. August 2003)

Meine Besprechung der von Michael Mann erfundenen Krimiserie „Vega$ – Staffel 1“ (Vega$, USA 1978/1979)

Michael Mann in der Kriminalakte


Cover der Woche: Iain-Banks-Tag

Juni 11, 2013

Banks - Die Wespenfabrik

Banks - Barfuss über Glass

Banks - Die Brücke

Banks - Straße der Krähen

wegen


TV-Tipp für den 11. Juni: Die Reise zum Mond

Juni 11, 2013

Arte, 23.45

 

Die Reise zum Mond (F 1902, R.: Georges Méliès)

 

Drehbuch: Georges Méliès

 

LV (Inspiration): Jules Verne: De la terre à la lune, 1865 (Von der Erde zum Mond/Die Reise zum Mond); H. G. Wells: The First Men in the Moon, 1901 (Die ersten Menschen im Mond)

 

Professor Barbenfoullis will den Mond erkunden. Nach dem Okay des Astronomischen Clubs baut er eine Rakete, fliegt zum Mond und erlebt dort einige Abenteuer.

 

Das erste Epos der Science-Fiction und das Meisterwerk des Kinos bis zu diesem Zeitpunkt. Schon die epische Länge von 21 Minuten in einer Zeit, da ein Film selten länger als ein oder zwei Minuten dauerte, hätte es zu einem Meisterstück gemacht, selbst dann, wenn man den phantastischen Inhalt nicht berücksichtigen würde.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)

 

Es ist leicht, über Méliès Tanzhallenschilderung der Weltraumfahrt zu lachen, aber ‘Die Reise zum Mond’ unterscheidet sich nur wenig von den aufgemotzten Produkten der heutigen SF-Film-Macher.“ (John Baxter: Science Fiction in the Cinema, zitiert nach Ronald M. Hahn/Volker Jansen: Lexikon des Science Fiction Films, 1997)

 

Aber „Die Reise zum Mond“ ist kürzer als „Transformers: Die Rache“.

 

Méliès war auch für die Ausstattung zuständig, fertigte Kostüme an und spielte die Hauptrolle. Oh, und vermarktet hat er der enorm produktive Theatermann Méliès seine Werke auch noch selbst.

 

Der Film kann zwar an verschiedenen Orten im Internet kostenlos angesehen werde, aber bei Arte dürfte die vollständigste und optisch perfekteste Version (nämlich die restaurierte und 2011 in Cannes erstmals gezeigte Fassung) laufen; – obwohl die obige Version mit der Musik von Stephan König auch sehr schön ist.

Im Anschluss läuft um 00.00 Uhr (VPS 23.55 Uhr) die einstündige Doku „Georges Méliès‘ ‚Reise zum Mond'“ (Frankreich 2012, Regie: Serge Bromberg, Eric Lange).

Hinweise

 

Arte zu „Die Reise zum Mond“

 

Wikipedia über Georges Mèliès

 

Wikipedia über „Die Reise zum Mond“(deutsch, englisch)

 

Internet Archive: „Die Reise zum Mond“ (11.48 Minuten, Englisch overdubbed)


R. i. P. Iain Banks

Juni 10, 2013

R. i. P. Iain Banks (16. Februar 1954 in Dunfermline, Fife, Schottland, – 9. Juni 2013)

 

So ganz überraschend kommt der Tod von Iain Menzies Banks, der als Iain Banks Thriller und als Iain M. Banks Science-Fiction-Romane veröffentlichte, nicht. Am 3. April 2013 schrieb er auf seiner Homepage, dass er Gallenblasenkrebs im fortgeschrittenen Stadium habe und bald sterben werde. Davor heiratete er noch seine Lebensgefährtin Adele Hartley und schrieb seinen letzten Roman „The Quarry“ (erscheint am 20. Juni) fertig.

Sein erster Roman „Die Wespenfabrik“ (The Wasp Factory) erschien 1984 (deutsche Ausgabe 1991) und war ein Bestseller. Seitdem waren in England die Bücher des enorm produktiven Schotten ständig auf den Bestsellerlisten. Die „New York Times“ nannte ihn „den bedeutendsten Science-Fiction-Autor“ der Gegenwart. Die „Times“ zählte ihn 2008 zu den „größten britischen Schriftsteller seit 1945“. Seine Romane waren für den Hugo, den Arthur-C.-Clarke-Award und viele andere Preise nominiert und einige, wie den Kurt-Laßwitz-Preis, der deutsche Science-Fiction-Preis, für „Die Wespenfabrik“, erhielt er. 

In Deutschland wurde er weitgehend als Science-Fiction-Autor ignoriert. Denn sein Stammverlag Heyne veröffentlichte auch seine Nicht-Science-Fiction-Romane in der Science-Fiction-Reihe und Goldmann veröffentlichte in den Neunzigern nur drei seiner Mainstream-Romane („Straße der Krähen“ [The Crow Road, 1992], „Verschworen“ [Complicity, 1993], „Die Auserwählte“ [Whit, 1995]), die mich allerdings zu einem Banks-Fan machten. Mit seinen Science-Fiction-Romanen, vor allem dem Kultur-Zyklus, wurde ich dagegen nie so richtig warm; was aber auch an den Übersetzungen gelegen haben kann.

Weitere Informationen über Iain Banks gibt es auf seiner Homepage, Wikipedia (deutsch, englisch) und Banksophilia: Friends of Iain Banks (für 

Nachrufe gibt es bei Spiegel Online, Los Angeles Times, The TelegraphBBC, Daily Mail, The Guardian (Nachruf, Statements von Freunden, u. a. Ian Rankin) und Tor.


TV-Tipp für den 10. Juni: Cocktail für eine Leiche

Juni 10, 2013

Nach dem Hitcock-Cocktail „Der Mann, der zuviel wusste“ (USA 1956, mit James Stewart und Doris Day) um 20.15 Uhr geht es spannend weiter

Arte, 22.10

Cocktail für eine Leiche (USA 1948, R.: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Arthur Laurents, Hume Cronyn

LV: Patrick Hamilton: The Rope, Rope’s End, 1929 (Theaterstück)

Zwei Studenten bringen, um ihre Überlegenheit zu demonstrieren, einen Mitstudenten um und feiern eine Party – mit dem Toten in einer für alle sichtbaren Truhe.

Hamiltons Stück basiert locker auf dem Fall Leopold/Loeb, bei dem 1924 zwei Studenten grundlos einen Mitstudenten umbrachten. Hitchcock faszinierte neben der moralischen Frage bei „Cocktail für eine Leiche“ ein technischer Aspekt: er drehte den Film in Echtzeit (von 19.30 Uhr bis 21.15 Uhr; beim Essen wird etwas geschummelt) ohne einen sichtbaren Schnitt. Das gelang Hitchcock, indem er immer am Ende einer Filmspule auf einen Gegenstand (wie die Truhe oder ein Jackett) fuhr und bei der nächsten Spule genau dort fortfuhr. In den dazwischen liegenden zehn Minuten gibt es nie einen Schnitt. Die Schauspieler mussten ihre Texte genau kennen, die Kamera bewegte sich durch den Raum und Gegenstände wurden hin und her bewegt. Und im Hintergrund verdunkelte sich die Skyline.

Damals wurde das Experiment verrissen und auch Hitchcock sagte später, die Idee sei idiotisch und gegen alle seine Prinzipien. Heute genießen wir den Film einfach als verdammt gute Verfilmung eines Theaterstücks mit guten Schauspielern, die gute Dialoge sprechen dürfen.

Mit James Stewart, John Dall, Farley Granger, Sir Cedric Hardwicke

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic “Hitchcock” (Hitchcock, USA 2012)


TV-Tipp für den 9. Juni: Die Vögel

Juni 9, 2013

 

Arte, 20.15

 

Die Vögel (USA 1963, Regie: Alfred Hitchcock)

 

Drehbuch: Evan Hunter

 

LV: Daphne du Maurier: The birds, 1952 (Die Vögel)

 

In Bodega Bay attackieren Vögel Menschen.

 

Nicht direkt ein Krimi, aber ein Klassiker, der heute als Auftakt einer kleinen Hitchcock-Reihe mit den allseits bekannten und beliebten Hitchcock-Filmen fungiert. Das ist nicht schlecht, aber ich würde auch gerne mal wieder seine anderen, seltener gezeigten Filme wieder sehen.

 

‚The Birds‘ war ein Avantgarde-Hitchcock, haarsträubend und voll verschlagenem Witz. Der Held krümmt sich, und das Publikum kreischt.“ (Robert A. Harris/Michael S. Lasky: Alfred Hitchcock und seine Filme)

 

Alfred Hitchcock verwandte von du Mauriers Kurzgeschichte nur den Grundgedanken (rätselhafte Attacken von Vögel auf Menschen). Evan Hunter kennen wir auch als Ed McBain (87. Polizeirevier).

 

Mit Rod Taylor, Tippi Hedren, Jessica Tandy, Suzanne Pleshette, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw, Ruth McDevitt

 

Wiederholung: Mittwoch, 12. Juni, 01.05 Uhr (Taggenau!)

 

Hinweise

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

 

Senses of Cinema (Ken Mogg) über Alfred Hitchcock

 

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

 

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

 

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

 

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2″

 

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks “Mr. und Mrs. Smith” (Mr. and Mrs. Smith, USA 1941)

 

Meine Besprechung von Thilo Wydras “Alfred Hitchcock”

 

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

 

Meine Besprechung von Sacha Gervasis Biopic „Hitchcock“ (Hitchcock, USA 2012)

Meine Besprechung von Daphne du Mauriers „Der Apfelbaum“ (The Appletree, 1952)

Homepage von Ed McBain

 

Meine ausführliche Besprechung des von Ed McBain herausgegebenen Buches „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions)

 

Meine Besprechung von Ed McBains „Die Gosse und das Grab“ (The Gutter and the Grave, 2005, Originalausgabe: Curt Cannon: I’m Cannon – For Hire, 1958)

 

 


Sprachlos…

Juni 8, 2013

Das Interview mit Clemens Arzt zum Polizekessel in Frankfurt/Main während der Blockupy-Demo ist lesenswert, aber die „Frankfurter Rundschau“ tut alles, um vom Text abzulenken:

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Und wenn man das „Fenster schließen“ will, poppt ein neues Fenster auf. – – – Liebe FR, besser kann man wirklich nicht für Werbeblocker werben.


TV-Tipp für den 8. Juni: Fritz Bauer – Tod auf Raten

Juni 8, 2013

 

Phoenix, 22.30

Fritz Bauer – Tod auf Raten (D 2010, R.: Ilona Ziok)

Drehbuch: Ilona Ziok

Sehr gelungene Doku über Fritz Bauer, sein Leben, seine Ansichten und seine Taten. Der Jurist, Freidenker und Humanist engagierte sich nach dem zweiten Weltkrieg für den Aufbau der Demokratie und für die Aufklärung der NS-Verbrechen. Als Generalstaatsanwalt initiierte er die Auschwitzprozesse, verfolgte Euthanasie-Täter und trug zur Ergreifung von Adolf Eichmann bei. Am 1. Juli 1968 starb er unter rätselhaften Umständen.

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über Fritz Bauer

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Snitch – Ein riskanter Deal“ ist eine bitterböse Anklage gegen die US-Drogenpolitik

Juni 7, 2013

 

Wer in „Snitch – Ein riskanter Deal“ das prototypische Dwayne-Johnson-Actionvehikel mit viel Testosteron und wenig Hirn erwartet, sollte sein Geld lieber in einen zweiten Besuch von „“Fast & Furious 6“ stecken stecken. Denn „Snitch“ ist ein gelungener 70er-Jahre-Crime-Thriller mit etwas Action, vor allem am Ende, und Charakteren, die aufgrund der Umstände vor schwierigen Entscheidungen stehen.

So muss sich der Bauunternehmer John Matthews (Dwayne Johnson) fragen, was er für seinen achtzehnjährigen Sohn Jason (Rafi Gavron) tun wird. Jason wurde mit einem Päckchen Ecstasy-Pillen geschnappt. Er hat das Päckchen für einen Freund angenommen. Angeklagt ist er jetzt als Drogenhändler.

Jason erhält jetzt das Angebot, seine Strafe, die sich auch bei Ersttätern ausschließlich nach der Menge der konfiszierten Drogen bemisst, von zehn Jahren zu reduzieren, wenn er der Polizei einen anderen Drogenhändler nennt. Eine andere Möglichkeit, die Strafe zu reduzieren, gibt es nicht. Dummerweise kennt Jason keine Drogenhändler und er will auch nicht irgendeinen x-beliebigen Klassenkameraden verpetzen.

Als John sieht, wie es seinem Sohn im Gefängnis zunehmend schlechter geht, verfällt der anständige Bürger auf eine wahnwitzige Idee: wenn er der konservativen republikanischen Staatsanwältin Joanne Keeghan (Susan Sarandon) einen Drogenhändler liefert, könne das doch strafmildernd auf die Haft seines Sohnes angewandt werden.

Aber auch John kennt keine Drogenhändler. Er versucht den bei ihm angestellten Ex-Häftling Daniel James (Jon Bernthal), der als bereits zweimal verurteilter Familienvater ein ehrliches Leben führen will, zu überzeugen, seine guten Vorsätze aufzugeben.

Diesen Weg ins Verderben zeichnet Ric Roman Waugh („Felon“) für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlich ruhig nach und Dwayne Johnson, der unbesiegbare Muskelprotz darf hier, sehr reduziert, einen Normalbürger spielen, der sein Gehirn einsetzen muss. Denn seine Muskeln helfen ihm nicht gegenüber den Drogenhändlern und gegenüber der Staatsanwältin Keeghan, die ihre Menschenverachtung nur mühsam hinter Paragraphen verbirgt und Matthews kalt lächelnd als potentielles Bauernopfer in immer größere Gefahr bringt. Und das kann sie tun, weil es in den letzten Jahren im US-amerikanischen Justizsystem eine groteske Fehlentwicklung gab: im Kampf gegen die Drogenkriminalität wurden die Mindeststrafen auch für Ersttäter immer weiter angehoben. Nach den „Mandatory Drug Sentencing Laws“ gibt es für zehn Gramm LSD zehn Jahre Haft und der Täter kann seine Strafe für Drogenbesitz, die bis zu dreißig Jahren betragen kann, nur verringern, indem er einen anderen Drogenhändler verpfeift. So wollte man an die großen Bosse kommen. In der Realität sitzen Jungs wie Jason im Gefängnis.

Die Inspiration für „Snitch“ war die PBS-“Frontline“-Sendung „Snitch“ und dieser Fall:

Another case profiled is that of 18- year-old Joey Settembrino, a first time offender who received a 10-year prison sentence after being caught in a drug sting instigated by a friend who was facing federal prosecution. After Joey was busted, federal agents enlisted his father to try to set up others in a drug sting. If the father delivered, his son would be spared a lengthy prison term. The effort failed. Joey is serving a mandatory 10 years without parole.“

Snitch“ ist sicher nicht das typische Blockbuster-Futter, aber es ist ein angenehm altmodischer Thriller, in dem die Schauspieler im Vordergrund stehen und auch eine Botschaft transportiert wird. Denn natürlich fragt man sich, ob es wirklich richtig ist, wenn ein unbescholtener Einser-Schüler aufgrund der Gesetze zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wird und sein ebenfalls unbescholtener Vater zum Verbrecher werden muss, um seinem Sohn helfen zu können. „Snitch“ zeigt im Rahmen einer spannenden, aber auch vorhersehbaren Genre-Geschichte, wie sehr in den USA Gesetz und Gerechtigkeitsempfinden im Kampf gegen die Drogenkriminalität auseinanderklaffen.

Snitch - Plakat

Snitch – Ein riskanter Deal (Snitch, USA 2013)

Regie: Ric Roman Waugh

Drehbuch: Justin Haythe, Ric Roman Waugh

mit Dwayne Johnson, Barry Pepper, Jon Bernthal, Susan Sarandon, Michael K. Williams, Rafi Gavron, Melina Kanakaredes, Velazquez Maria, Benjamin Bratt, Lela Loren, JD Pardo, David Harbour

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Metacritic über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Rotten Tomatoes über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Wikipedia über „Snitch – Ein riskanter Deal“

PBS: Frontline-Sendung „Snitch“, die den Spielfilm inspirierte

 


Die KrimiZeit-Bestenliste Juni 2013

Juni 7, 2013

Voilà, die KrimiZeit-Bestenliste für den Sommermonat Juni:

1 (-) Patrícia Melo: Leichendieb

2 (3) Robert Hültner: Am Ende des Tages

3 (4) Olen Steinhauer: Die Spinne

4 (7) Daniel Suarez: Kill Decision

5 (1) Sara Gran: Das Ende der Welt

6 (2) Giancarlo de Cataldo: Der König von Rom

7 (-) Giampaolo Simi: Vater. Mörder. Kind.

8 (5) Matthias Wittekindt: Marmormänner

9 (-) Mark Peterson: Flesh & Blood

10 (9) Cathi Unsworth: Opfer

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Na, dann: fröhliches Lesen. Einiges liegt ja auch – immer noch – auf meinem Zu-Lesen-Stapel.


TV-Tipp für den 7. Juni: Rock am Ring 2013

Juni 7, 2013

 

EinsPlus, 18.00

Rock am Ring 2013

Live und in Farbe dröhnt es vom Nürburgring ins heimische Wohnzimmer. Heute satte neun Stunden, Samstag wieder neun Stunden und am Sonntag nur sieben Stunden.

Auf dem Programm stehen viele interessante Bands. Hier die Festivalhomepage, hier die EinsPlus-Seite, die auch im Livestream rockt.


Neu im Kino/Filmkritik: Die Science-Fiction-Bruchlandung „After Earth“

Juni 6, 2013

 

Derzeit hat „After Earth“ bei Rotten Tomatoes einen desaströsen Frischegrad von 12 Prozent. Dabei ist der Film nicht so schlecht. Als Teenager hätte mir die Reise von Kitai Raige, dem jugendlichen Helden, vielleicht sogar ziemlich gut gefallen.

Aber meine Teenagerjahre liegen schon einige Zeit zurück – und da fällt mir die arg biedere, um nicht zu sagen proto-faschistoide Übermenschenideologie, die dumpf autoritär-militaristische Struktur der Gesellschaft und der Familie Raige und das gesamte Plotting, das locker aus einem Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Film stammen kann, doch schon sehr unangenehm und, je länger ich darüber nachdenke, immer unangenehmer auf. In den USA wird „After Earth“, das neueste Werk von Vater Will Smith und Sohn Jaden Smith vor allem mit der „Scientology“-Lehre, die ja von dem Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard erfunden wurde, verglichen. In Szene gesetzt wurde das Werk von „The Sixth Sense“ M. Night Shyamalan, nach einer Geschichte des Produzenten Will Smith, der ein neues Vater-Sohn-Projekt suchte und die ursprüngliche Idee, in der in der Gegenwart Vater und Sohn sich gemeinsam durch Alaska schlagen, klingt gut. Aber dann verlegte er die Geschichte in die Zukunft und aus einem kleinen Film wurde ein 130 Millionen Dollar teures Projekt.

Dabei ist die in einem Jahrtausend spielende Filmgeschichte, eine banale Heldenreise, zwar doof, aber okay und in den richtigen Händen kann daraus ein großartiges Werk werden. Es ist die mitgelieferte Ideologie und die entworfene Welt, die wie ein liebloses Patchwork aus Fünfziger-Jahre-Science-Fiction-Filmen wirkt. Mit einer eigens entworfenen Mythologie, die in einer dreihundertseitigen Bibel niedergeschrieben wurde, in der alles steht, was wir nie über die „After Earth“-Welt wissen wollten, sollte wohl die Grundlage für ein künftiges „Krieg der Sterne“-Universum gelegt werden. Im Film wird sie in den ersten Minuten von „After Earth“ ziemlich lustlos in ein, zwei Minuten abgehandelt und dann vergessen. Im Presseheft erfährt man zwar mehr über diese Welt, aber zum Verständnis des Films ist nichts von diesem pompösen Weltenentwurf nötig und wenn man diese Zukunft mit unserer Gegenwart vergleicht, ist die „After Earth“-Welt merkwürdig inkonsistent. Denn während die „After Earth“-Menschen in Raumschiffen durch die Galaxie fliegen können, sind sie aus ungeklärten Gründen nicht in der Lage Planeten, auf denen es keine menschenvernichtenswütigen Monster gibt, zu besiedeln. In den Räumen herrscht ein altrömischer Retro-Schick. Die Medizin ist auf dem Stand von ungefähr 1950 stehen geblieben, wie wir an dem amputierten Bein eines Soldaten sehen können, und als Waffe gegen die Monster wird ein Schwert mit zwei Klingen verwandt, das schon vor einigen Jahrhunderten bei den Samurais gute Dienste leistete und hier etwas aufgepeppt wurde. Schusswaffen scheint es in dieser Welt nicht zu geben. Auch nicht für Soldaten…

Noch schlimmer als diese anachronistische Zukunftswelt (wenn „After Earth“ um die Jahrhundertwende spielen würde, könnte man es Steampunk nennen) ist die Ideologie, die einem aufgetischt und nicht einmal hinterfragt wird: „Fear is not real. It is a product of thoughts you create. Do not misunderstand me. Danger is very real. But fear is a choice.“

Yep. Zeige keine Gefühle, dann kannst du alles besiegen – und nur jemand, der keine Angst kennt, ist ein wahrer Mensch. Vergiss das ganze Gedöns von Menschlichkeit, Humanismus und Mitgefühl.

Das ist schon ein schwerer ideologischer Brocken, der humorlos in pathosgetränkten Bildern präsentiert wird; vor allem wenn Kitai sich mal wieder hinkniet und Kraft für seine Aufgabe sammelt. Kitai muss sich in „After Earth“ oft hinknien. Denn sein Vater Cypher (Will Smith), ein legendärer, legendär unbesiegbarer Kämpfer und General der United Ranger Corps, hat ihn auf einem Flug zu einem Trainingsplaneten mitgenommen. Auf dem Flug geraten sie in einen Meteoritenschwarm und müssen auf der seit tausend Jahren unbewohnten Erde (obwohl es auch irgendein Dschungelplanet in einer weit, weit entfernten Galaxie sein könnte), mit einer veritablen Bruchlandung, die das gesamte Raumschiff schrottet, notlanden. Inzwischen zählt der Planet, nach dem Ranger-Handbuch, zu den besonders gefährlichen Planeten, auf denen jedes Lebewesen Menschen umbringen will.

Bei der Notlandung sterben alle Passagiere, bis auf Kitai und den schwerverletzten Cypher. Weil das Notrufsignal nur von Hand ausgelöst werden kann (anscheinend haben sich automatische Notrufsignale, wie es sie inzwischen auch in normalen PKWs gibt, nicht bewährt), muss Kitai zum hundert Kilometer entfernten Heck des Schiffs gehen. Dort gibt es einen zweiten Notrufsender.

Weil vielleicht der im Heck des Raumschiffs transportierte Ursa, eine von bösen Aliens geschaffene Kreatur, die wie eine Mischung aus Dinosaurier und „Alien“-Monster aussieht, entkommen ist und der einfach alles frisst, was Angst hat, ist die Wanderung für Kitai besonders gefährlich.

Auf dem Weg zum Raumschiffheck erlebt er einige Abenteuer, die wir so schon in etlichen Dschungelfilmen gesehen haben. Denn der Junge begegnet verschiedenen, meist riesigen, Tieren, die allerdings oft merkwürdig desinteressiert an ihm sind. Kitai, der unbedingt ein großer Krieger werden will, befolgt während der Wanderung, wie es sich für eine guten Soldaten und guten Sohn gehört, brav die Anweisungen seines Vaters, der mit ihm über Funk verbunden ist.

Deshalb ist für Kitai diese mehrtägige Wanderung, die er ohne den Hauch eines Zweifels besteht, nur die Vollendung seiner Ausbildung als künftiges Mitglied der Elitesoldaten, die ihre Befehle und den Millitär-Ethos nicht hinterfragen.

Und damit verschenkt „After Earth“ jegliches Konflitkpotential und haut einem seine Botschaft „Besiege deine Angst“, monoton monothematisch wie das neue Evangelium um die Ohren. Für einen Kinderfilm mag das noch okay sein (obwohl auch Kinder gute Filme verdienen), für einen Erwachsenenfilm ist das dann arg wenig. Und „After Earth“ ist ja kein ausgewiesener Kinderfilm, aber er ist schön fotografiert, angenehm altmodisch ohne sich wild durch den Raum wackelnde Kameras aufgenommen und er hat kein Shyamalan-Ende.

After Earth - Plakat

After Earth (After Earth, USA 2013)

Regie: M. Night Shyamalan

Drehbuch: Gary Whitta, M. Night Shyamalan (nach einer Geschichte von Will Smith)

mit Jaden Smith, Will Smith, Sophie Okonedo, Zoe Isabella Kravitz, Glenn Morshower

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „After Earth“

Metacritic über „After Earth“

Rotten Tomatoes über „After Earth“

Wikipedia über „After Earth“ (deutsch, englisch)

 

 


TV-Tipp für den 6. Juni: Jerry Cotton: Der Mörderclub von Brooklyn

Juni 6, 2013

 

Kein Meisterwerk, aber der von 102 auf 85 Minuten gekürzte „Robocop“ (3sat, 22.25 Uhr) muss echt nicht sein. Daher

 

Das Vierte, 20.15 (Wiederholung um 23.55 Uhr)

 

Jerry Cotton: Der Mörderclub von Brooklyn (D 1966, R.: Werner Jacobs)

 

Drehbuch: Alex Berg (Pseudonym von Herbert Reinecker)

 

LV: gleichnamige Heftserie aus dem Bastei-Lübbe-Verlag

 

Jerry Cottons fünfter Kinoeinsatz: drei New Yorker Millionäre werden erpresst. Der tapfere FBI-Agent sucht den Erpresser.

 

Jerrys erster Einsatz in Farbe – und irgendwie farbloser als die SW-Fälle. Die Musik von Peter Thomas ist dagegen kultig wie immer.

 

Helmut Förnbacher (er spielt Bryan) verdient heute sein Geld in erster Linie als Regisseur (u. a. Tatort).

 

Mit George Nader, Heinz Weiss, Helga Anders, Richard Münch, Karl Stepanek, Helmut Förnbacher, Heinz Reincke, Horst Michael Neutze

Hinweise

 

Wikipedia über Jerry Cotton

 

Bastei über Jerry Cotton

 

 Meine Besprechung von Martin Comparts „G-Man Jerry Cotton“ (2010)

 


Ein Rückblick auf ein Filmjahr mit dem „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2012“

Juni 5, 2013

Lexikon des internationalen Films 2012 - 2

Auch für die neueste Ausgabe des „Lexikon des internationalen Films“ änderte die herausgebende katholische Filmzeitschrift „Filmdienst“ nicht das bewährte Konzept. Es gibt Kurzkritiken der im vergangenen Jahr in Deutschland im Kino angelaufenen, auf DVD/Blu-ray veröffentlichten und im TV als Premiere gezeigten über 2000 Spielfilmen und spielfilmlangen Dokumentarfilmen, Hinweise auf besonders gelungene DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen (wie die „Ultimate Collector’s Edition“ von „The Texas Chainsaw Massacre“), Preisträgerlisten, einen Rückblick auf das vergangene Kinojahr, ein Schwerpunktthema (dieses Mal „Martin Scorsese“ mit Reprints von „Film-Dienst“-Artikeln, die zwischen 1992 und 2013 erschienen und sich mit dem Regisseur beschäftigen) und außerdem die Lieblingsfilme der Redaktion, die ausführlicher besprochen werden. Es waren 2012 „Attenberg“, „Der Aufsteiger“, „Beasts of the Southern Wild“, „Cosmopolis“, „Dame, König, As, Spion“, „Drive“, „Faust“, „Holy Motors“, „Der Junge mit dem Fahrrad“, „Liebe“, „Life of Pi – Schiffbruch mit Tiger“, „Moonrise Kingdom“, „Oh Boy“, „Shame“, „The Artist“, „Was bleibt“, „Work Hard – Play Hard“ und „We need to Talk about Kevin“.

Als Nachschlagewerk ist das „Lexikon des Internationalen Films“ mit seinen fundierten Kritiken und Informationen essentiell. Und weil es im deutschsprachigen Raum nach dem Ende der anderen Filmjahrbücher nichts vergleichbares gibt und auch im Netz noch kein Ersatz geschaffen wurde, ist das Jahrbuch seit Jahren ein Solitär.

Horst Peter Koll/Filmdienst (Hrsg.): Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2012

Schüren, 2013

544 Seiten

24,90 Euro

Hinweise

Homepage des Film-Dienstes

Meine Besprechung vom „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung vom „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung vom “Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2010″

Meine Besprechung von „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2011“


TV-Tipp für den 5. Juni: 8 Blickwinkel

Juni 5, 2013

Sat.1, 22.20

8 Blickwinkel (USA 2008, R.: Pete Travis)

Drehbuch: Barry L. Levy

Salamanca, Spanien, großer Antiterrorgipfel: der amerikanische Präsident will auf dem Marktplatz eine Rede halten. Da wird er erschossen und eine Bombe explodiert. Sein Leibwächter Thomas Barnes hat aber etwas gesehen und er nimmt die Spur auf.

„8 Fremde, 8 Sichtweisen, 1 Wahrheit“ lautet der Werbespruch, der ziemlich genau die erzählerische Pointe des Films verrät. Denn das Ereignisse vor, während und nach dem Attentat werden aus acht verschiedenen Sichtweisen erzählt und am Ende gibt es eine atemberaubende Autoverfolgungsjagd. Das unterhält prächtig über die knapp neunzig Minuten und ist filmisch und darstellerisch auch sehr gut gelöst. Denn mit den verschiedenen Blickwinkeln ändert sich auch immer der Blick auf die Ereignisse und die beteiligten Personen.

Dass der ganze Attentatsplan, wenn man genauer darüber nachdenkt, ziemlich konstruiert ist, fällt einem erst nach dem Abspann auf.

mit Dennis Quaid, Matthew Fox, Forest Whitaker, Sigourney Weaver, William Hurt, Edgar Ramirez, Ayelet Zurer, Bruce McGill, Zoe Saldana

Wiederholung: Donnerstag, 6. Juni, 02.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „8 Blickwinkel“

Los Angeles Times über Barry Levy

Meine Besprechung von Pete Travis’ “Dredd” (Dredd, GB 2012)


Cover der Woche

Juni 4, 2013

Keene - Einladung zum Mord


TV-Tipp für den 4. Juni: Death in Paradise: Willkommen im Paradies/Nur die Sonne war Zeuge

Juni 4, 2013

 

ZDFneo, 20.15

Death in Paradise: Willkommen im Paradies/Nur die Sonne war Zeuge (GB/Fr 2011, R.: Charles Palmer/Roger Goldby)

Drehbuch: Robert Thorogood

DI Richard Poole hat auch wirklich Pech. Denn als typischer Bilderbuchengländer muss er in auf der Karibikinsel Saint-Marie einen Mord aufklären – und weil er ein so guter Polizist ist, wird sein Rückkehrgesuch sabotiert.

ZDFneo wiederholt in Doppelfolgen die erste Staffel der vergnüglichen Culture-Clash-Whodunit-Krimiserie „Death in Paradise“. Die zweite Staffel dürfte im Anschluss folgen. Die DVD erscheint jedenfalls am 24. Juli.

Alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung der ersten Staffel.

mit Ben Miller, Sara Martins, Danny John-Jules, Gary Carr, Don Warrington, Elizabeth Bourgine, Rupert Graves

Hinweise

BBC über „Death in Paradise“

BBC Germany über „Death in Paradise“

Wikipedia über „Death in Paradise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 1“ (Death in Paradise, GB/Fr 2011)


Neu im Kino/Filmkritik: „Nach der Revolution“, aber vor dem Filmgenuss

Juni 3, 2013

 

Was wissen wir von Ägypten? Außer Pyramiden, Nilstaudämme (aus dem Schulunterricht) und die Bilder von einer friedlichen Revolution 2011. Da versammelten sich Tausende auf dem Tahrir-Platz und demonstrierten gegen das Mubarak-Regime. Am 11. Februar 2011 trat Husni Mubarak nach einer fast dreißigjährigen Regentschaft zurück und es gab eine Abstimmung über eine neue Verfassung. Danach verschwand Ägypten wieder aus den Schlagzeilen und wir erinnern uns kaum noch an die damals gelesenen Artikel und wackeligen YouTube-Videos.

 

In genau diese Wahrnehmungslücke springt „Nach der Revolution“ von Yousry Nasrallah, der seine Premiere während des 2012er Cannes-Filmfestivals hatte und zwischen 2. Februar 2011, der „Schlacht der Kamele“ auf dem Tahrir-Platz, und dem 9. Oktober 2011, dem „Schwarzen Sonntag“, bei dem die Demonstrationen mit 34 Toten und mehreren Dutzend Verletzten endeten, spielt und während der Ereignisse gedreht wurde. Dabei wollte Yousry Nasrallah 2011 eigentlich einen anderen Film drehen. Alles war drehbereit als die Revolution begann und er beschloss, einen Film darüber zu drehen. Entsprechend improvisiert und spontan entstand das Drehbuch; – mit einer vernachlässigbaren Geschichte. Wenn man will, kann man sagen, dass „Nach der Revolution“ die unglückliche, weil letztendlich unerfüllte Liebesgeschichte von Reem, einer jungen, modernen Frau, zu Mahmoud, einem Beduinen, erzählt und würde die Qualitäten des Films um Galaxien verfehlen. Denn die Reems Schwärmerei dient nur dazu, ein Bild von Ägypten vor zwei Jahren zu zeichnen. So ist Reem eine junge, engagierte, in der Werbung arbeitende Frau, die an die Revolution glaubt. Sie möchte Veränderungen. Je schneller, desto besser. Sie redet wie ein Wasserfall, ist ungeduldig und mischt sich – ungefragt – ein. Als sie mit ihrer Freundin Dina nach Nazleem El-Samman fährt, die dort streng rationiertes Futter an die Pferde der notleidenden Beduinen verteilt, sieht sie, wie Mahmoud kein Essen für sein Tier bekommt. Er gehörte nämlich zu den Beduinen, die am 2. Februar auf dem Tahrir-Platz waren und die dort die Demonstranten niederknüppelten. Die Bilder gingen via YouTube um die Welt. Jetzt wird er von den anderen Beduinen geschnitten, weil er von seinem Pferd fiel und weinte. Zwei Dinge, die gegen die Beduinenehre verstoßen.

 

Am Abend sieht sie Mahmoud wieder auf einem von Mubaraks lokalem Stattthalter und Großgrundbesitzer ausgerichtetem Reiterfest, auf dem der beste Reiter prämiert wird. Mahmoud darf nicht auf seinem Pferd vortanzen. Er tut es allein auf dem Vorplatz, wird von Reem mit ihrer Kamera gefilmt, entdeckt sie und so langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die dazu führt, dass Reem die ihr vollkommen fremde Welt der Bewohner von Nazleem El-Samman kennen lernt. Sie verdienten als folkloristische Touristenführer gutes Geld. 2002 wurde eine Mauer zwischen den Pyramiden von Gizeh und Nazlet El-Samman erbaut, um dort ein Tourismus-Zentrum zu erbauen. Seitdem verarmen sie zusehends. Gleichzeitig verklären sie ihre Vergangenheit als Beduinen.

 

Reem versucht Mahmouds Familie ihnen zu helfen.

 

Die Schnelligkeit des improvisierten Drehs und der Premiere in Cannes, wenige Wochen nach dem Ende der Dreharbeiten, lassen jede Kritik als kleinkrämerisch erscheinen. Denn gerade diese fast schon teilnehmende Beobachtung der Ereignisse ist die Stärke des Films. „Nach der Revolution“ punktet da, wo ein Dokumentarfilm versagen muss. Nämlich bei dem ungeschönten Blick in die Wirklichkeit, bei der Darstellung der Unterschiede zwischen den Schichten und Gruppen und der Machtstrukturen. Denn in Interviews stellt man sich immer im positiven Licht dar. Man sagt einiges nicht vor laufender Kamera. Man hätte gegen bestimmte Passagen Einwände. Aber in einem Hintergrundgespräch oder einer Diskussion für einen Film, auch wenn das Gespräch dann fast unverändert verwandt wird, ist das etwas anderes. Und bei den Dreharbeiten spielt man ja immer eine Rolle. Man ist zwar Reiter in Nazlet El-Samman, aber man ist nicht dieser Reiter in dem Film.

 

Yousry Nasrallah bedient sich der Fiktion, um die Wirklichkeit zu zeigen. Deshalb wird man wohl keinen besseren und genaueren Einblick in das Ägypten des Jahres 2011 bekommen. „Nach der Revolution“ zeigt die Utopien, wie die Menschen zusammen kamen und die Probleme in der ägyptischen Gesellschaft. Vor allem die riesigen ökonomischen Unterschiede, die strukturellen Machtstrukturen und wie sie sich in den Handlungen der Menschen wiederspiegeln und die verschiedenen Wertvorstellungen zwischen einer aufgeklärten-städtischen und einer ländlich-archaischen Gesellschaft. Wobei Mahmouds Frau Fatma erstaunlich emanzipiert ist. Sie ist als zweifache Mutter fast schon emanzipierter als Reem, die nach einer unglücklichen Liebe auch einen neuen Freund sucht.

 

Nach der Revolution“ endet am 9. Oktober 2011. Alle Charaktere haben sich etwas verändert – und wir verstehen nach den zwei Filmstunden die Ereignisse in Ägypten besser.

 

Nach der Revolution - Plakat

 

Nach der Revolution (Baad el Mawkeaa/After the Battle, Frankreich/Ägypten 2012)

 

Regie: Yousry Nasrallah

 

Drehbuch: Yousry Nasrallah, Omar Shama

 

mit Menna Shalabi, Bassem Samra, Nahed El Sebaï, Salah Abdallah, Phaedra, Abdallah Medhat, Momen Medhat

 

Länge: 122 Minuten

 

FSK: ab 12 Jahre

 

 

Hinweise

 

 

Deutsche Homepage zum Film

 

Film-Zeit über „Nach der Revolution“

 

Rotten Tomatoes über „Nach der Revolution“

 

Wikipedia über „Nach der Revolution“ (englisch, französisch)

Süddeutsche Zeitung: Interview mit Yousry Nasrallah über „Nach der Revolution“

 

 

 


TV-Tipp für den 3. Juni: Departed – Unter Feinden

Juni 2, 2013

NDR, 23.15

Departed – Unter Feinden (USA 2006, R.: Martin Scorsese)

Drehbuch: William Monahan

Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.

„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.

Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.

Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres

Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefiel das Buch besser).

Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und, umpf, Keira Knightley) ab.

Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Departed – Unter Feinden“

Metacritic über “Departed – Unter Feinden”

Rotten Tomatoes über “Departed – Unter Feinden”

Wikipedia über “Departed – Unter Feinden” (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Departed“ von William Monahan

Collider: Interview mit William Monahan (Februar 2007)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von William Monahans “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)


TV-Tipp für den 2. Juni: Duplicity – Gemeinsame Geheimsache

Juni 2, 2013

RTL, 20.15 (Wiederholung um 00.00 Uhr)

 

Duplicity – Gemeinsame Geheimsache (USA 2009, R.: Tony Gilroy)

 

Drehbuch: Tony Gilroy

 

Nach Agententhriller (die “Bourne”-Serie) und Politthriller (“Michael Clayton”) ist er jetzt bei der romantischen Thriller-Komödie mit Screwball-Elementen angelangt: zwei Industriespione, die eine Liebe-Hass-Beziehung (ersteres persönlich, letzteres beruflich) pflegen, beschließen, ihre Bosse um einige Millionen zu erleichtern. Aber können sie sich trauen? Und können sie mit dem Geld entkommen?

 

Die Kritiken tendieren zu einem leichten „ich hätte mehr erwartet“, aber zwei Stunden gepflegte Unterhaltung sind garantiert. „Mit viel doppelbödigem Charme und herausragendem Ensemble macht Tony Gilroy aus der Agentenromanze einen wunderbaren Film.“ (Thomas Klein, tip 10/2009)

Danach war wieder „Bourne“ angesagt.

 

Mit Julia Roberts, Clive Owen, Tom Wilkinson, Paul Giamatti, Ulrich Thomsen (als Big Swiss Suit; – was einiges über die Größe der Rolle aussagt)

 

Hinweise

 

Deutsche Homepage zum Film

 

Amerikanische Homepage zum Film

 

Film-Zeit über „Duplicity“

 

Rotten Tomatoes über “Duplicity”

 

Wikipedia über “Duplicity” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tony Gilroys „Das Bourne-Vermächtnis“ (The Bourne Legacy, USA 2012)

Tony Gilroy in der Kriminalakte