Die Bourne Identität (The Bourne Identity, USA 2002)
Regie: Doug Liman
Drehbuch: Tony Gilroy, William Blake Herron
LV: Robert Ludlum: The Bourne Identity, 1980 (Der Borowski-Betrug, Die Bourne-Identität)
CIA-Agent und Killer Jason Bourne hat sein Gedächtnis verloren. Schlimme Sache. Aber schlimmer ist, dass seine ehemaligen Arbeitgeber ihn umbringen wollen.
Die eher werkferne, kommerziell erfolgreiche Verfilmung des ersten Borowski-Buches. Für die Verfilmung des damals über zwanzig Jahre alten Buches wurde nur das Skelett der Handlung übernommen, der Rest aktualisiert und ein unterhaltsamer Action-Thriller gedreht, der sogar angenehm altmodisch ist. Nur Matt Damon wirkt einfach fünf Jahre zu jung für den eiskalten Profikiller. Ddas Problem hatte er in den spannenden Fortsetzungen nicht mehr.
Danach, um 22.30 Uhr, gibt es „Das Bourne Ultimatum“ (aka Die weiteren Abenteuer von Jason Bourne).
Mit Matt Damon, Franka Potente, Chris Cooper, Clive Owen, Brian Cox, Walton Goggins
Die Jury besteht aus dem Buchhändler Mike Altwicker (Vorsitz), der Autorin Judith Merchant, der Journalistin Birgitt Schippers und der Literaturkritikerin Margarete von Schwarzkopf.
Die Preisverleihung ist am Sonntag, den 22. September 2024, um 20.00 Uhr auf der festlichen Eröffnungsgala des Crime Cologne Krimifestivals im Ludwig im Museum bekanntgegeben.
Long Walk Home (Rabbit-Proof Fence, Australien/Großbritannien 2002)
Regie: Phillip Noyce
Drehbuch: Christine Olsen
LV: Doris Pilkington (aka Nugi Garimara): Follow the Rabbit-Proof Fence, 1996 (später „The Rabbit-Proff Fence“; deutsch als „Long Walk Home“)
Die wahre, von Philip Noyce packend erzählte Geschichte von drei Mädchen, die 1931 quer durch Australien 2400 Kilometer am titelgebenden „Rabbit-Proof Fence“ (Kaninchenzaun) entlang nach Hause wanderten. Als Aborigine-Mischlingskinder waren sie von ihren Müttern getrennt und an das andere Ende des Landes transportiert worden.
Das Gesetz existierte bis 1970.
Christopher Doyle war der Kameramann.
Die Musik ist von Peter Gabriel.
Mit Everlyn Sampi, Tianna Sansbury, Laura Monaghan, David Gulpilil, Ningali Lawford, Myarn Lawford, Deborah Mailman, Jason Clarke, Kenneth Branagh
auch bekannt als „Der lange Weg nach Hause“ (TV-Titel)
Es geht um eine Opernsängerin, die für tot gehalten wurde und jetzt von der Reaktion der Presse auf ihr Ableben enttäuscht ist.
Es geht um ihren Mann, einen Dirigenten, der sie bedigungslos liebt.
Es geht um ihre Haushälterin, ihre Familie und ihre kettenrauchende Mutter.
Es geht um einen Stuntman, der Schauspieler werden möchte und sich um seinen Sohn kümmern muss.
Es geht um seinen neuen Visagisten, der sich unsterblich in ihn verliebt. Obwohl der von ihm begehrte Stuntman heterosexuell ist.
Es geht um einen TV-Moderator für True-Crime-Sendungen, der kurz vor seiner letzten Sendung und dem wohlverdienten Ruhestand steht.
Es geht um einen ungefähr mittelalten Wirt, der immer noch seiner vor Jahren verstorbenen Frau hinterhertrauert.
Es geht um ein schweigsames Mädchen, das in Therapie ist und sich umbringen will. Gerade als sie von der Brücke springen will, wird sie entführt.
Es geht um ihren tänzerisch begabten Entführer, der von dem Mädchen, das plötzlich pausenlos redet, in den Wahnsinn getrieben wird.
Es geht um einen Polizisten, der das spurlos verschwundene Mädchen sucht.
Und wahrscheinlich habe ich ungefähr ein halbes Dutzend weiterer Figuren und Geschichten vergessen. Denn Marjane Satrapi („Persepolis“) entwirft in ihrem neuen Film ein überaus freundliches Multikulti-Paris-Wimmelbild. Einige Figuren begegnen sich. Andere nicht. Eine wirkliche thematische Klammer gibt es nicht. Denn Liebe, Leid und Tod sind so allgemein, dass darunter ungefähr alles erzählt werden kann.
Für mich war die absurde Entführung, über die besser nicht länger nachgedacht wird, die vergnüglichste Geschichte. Die anderen sind nett unterhaltsame Kurzgeschichten mit eher weniger überraschenden Schlusspointen und einigen wenigen schwarzhumorigen und absurden Szenen. Vieles wird angesprochen, vieles wird nicht weiterverfolgt. Insgesamt vergeht die Zeit, dank der vielen Geschichten, zwischen denen Satrapi ständig wechselt, ziemlich flott bis zum Finale im Konzerthaus mit einer abenteuerlichen Rettung und, nun gut, einer Liebeserklärung an das Leben.
Zusammen ergeben die Szenen und Geschichten ein kurzweiliges, aber nie tiefgründiges und eigentlich nie (es gibt ja die Entführungsgeschichte) überraschendes Porträt vom Leben in Paris. Das ist nett anzusehen und schnell vergessen.
Paris Paradies (Paradis Paris, Frankreich 2024)
Regie: Marjane Satrapi
Drehbuch: Marie Madinier, Marjane Satrapi
mit Monica Bellucci, Charline Balu-Emane, Rossy de Palma, Eduardo Noriega, André Dussollier, Alex Lutz, Ben Aldridge, Roméo Grialou, Gwendal Marimoutou, Roschdy Zem, Martina Garcia
USA, in den Neunzigern: Seit Jahrzehnten bringt in Oregon ein Serienkiller Familien um. Longlegs nennt er sich. Irgendwie gelingt es ihm immer wieder, Familienväter dazu anzustiften, ihre Familie und anschließend sich selbst bestialisch zu töten. Mehr weiß das FBI nicht über ihn.
Jetzt soll die junge FBI-Agentin Lee Harker die Ermittlung voranbringen. Sie verfügt über eine ungewöhnliche präzise, fast schon hellseherische Intuition, möglicherweise sogar eine außersinnliche Wahrnehmung, die sie befähigt Dinge zu Entdecken, die andere übersehen. Diese Fähigkeit könnte das FBI zu dem Killer führen. Intensiv studiert sie die Fallakten und die Briefe von Longlegs, die anscheinend satanische und okkulte Botschaften enthalten. Wobei in dem Moment sogar unklar ist, ob dieser Longlegs eine Person oder irgendetwas anderes ist, wie eine okkulte Gruppe, die die Väter zu diesen Taten anstiftet.
„Longlegs“ ist der neue Horrorfilm von Oz Perkins (zuletzt „Gretel & Hänsel“), der aktuell von der Kritik ziemlich abgefeiert und mit den üblichen „Bester Horrorfilm seit…“-Sprüchen beworben wird. Und der Anfang, ein in den siebziger Jahren im Schnee vor einem einsam gelegenem Haus spielender Prolog, in dem Longlegs sich mit einem Kind unterhält, und der erste Einsatz von Lee Harker, als sie bei einer Haustürbefragung in einem leer stehendem Haus den Gesuchten vermutet, überzeugt mit seiner Bild- und Tongestaltung. Das ist alles ziemlich furchteinflössend und bedrohlich inszeniert. Die später dazu kommenden religiösen, okkulten und satanischen Zeichen verstärken das Unwohlsein. Etwas ist faul in Oregon und ein Gebet hilft nicht dagegen.
Aber mit zunehmender Laufzeit langweilt der ambitionierte Hybrid zwischen Serienkillerthriller und Okkult-Horror immer mehr. Die Farben sind durchgehend in einem monochromen Graubeige gehalten, das jedes Leben und Freude aus dem Film zieht. Das Erzähltempo ist träge. Der Rhythmus monoton. Die wenigen Figuren lassen nur eine begrenzte Zahl von Situationen zu. Vor allem weil die Filmgeschichte schnell zu einem Fernduell zwischen Harker und Longlegs wird. Er wird von ihr gejagt, scheint sie aber gleichzeitig zu sich zu locken.
Nicolas Cage spielt Longlegs in den wenigen Minuten, die er im Film hat, überzeugend übertrieben als Alptraum für jedes normale Kind. Er ist ein böser Clown, gegen den Pennywise harmlos wirkt.
Longlegs(Longlegs, USA 2024)
Regie: Osgood Perkins (bzw. Oz Perkins)
Drehbuch: Osgood Perkins
mit Maika Monroe, Nicolas Cage, Blair Underwood, Alicia Witt, Michelle Choi-Lee, Dakota Daulby, Kiernan Shipka
Vorsicht, welche mit Erinnerungen gefüllte Boxen du öffnest, nachdem sie in deiner Wohnung Jahrzehnte friedlich vor sich hin zustaubten.
Und Vorsicht vor blöden Sprüchen während des Studiums. Sonst kann es dir wie Kristófer ergehen. Er studiert in den späten sechziger Jahren an der London School of Economics und ist revolutionär bewegt. Als er im Fenster eines japanischen Restaurants eine Stellenausschreibung liest und seine Freunde ihn aufziehen, er werde niemals als Tellerwäscher arbeiten, bewirbt er sich für die Stelle. Alle halten das für eine Schnapsidee. Seine Studienfreunde sind sich sicher, dass er nach einigen Stunden weiter mit ihnen Bier trinken und die Revolution planen wird. Der Restaurantbetreiber glaubt ebenfalls nicht, dass Kristófer länger bleiben wird. Aber Kristófer bleibt. Er wird Teil des Teams. Er lernt kochen. Er verliebt sich außerdem in Miko, die Tochter des Restaurantbetreibers.
Miko ist Kristófers erste große Liebe. Aber eines Tages verschwindet sie spurlos. Er kehrt nach Island zurück, eröffnet ein Restaurant, gründet eine Familie und ist seit kurzem Witwer. Er hat auch eine beginnende Demenz. Sein Arzt rät ihm, sich noch einmal mit den Dingen zu beschäftigen, an die er sich gerne erinnern würde. Einige Erkrankte würden auch, solange sie sich noch an sie erinnern, alte Freunde wieder besuchen.
Also stöbert Kristófer in den in den vergangenen Jahrzehnten mit mehr oder weniger wichtigen Erinnerungsstücken gefüllten Schachteln herum. Dabei stößt er auf Andenken aus seiner wild bewegten und glücklichen Zeit in London und beschließt, die spurlos verschwundene Miko zu suchen. Seit ihrem Verschwinden vor einem halben Jahrhundert hörte er nichts mehr von ihr.
Die erste Station seiner Suche ist London. Dort landet er während der ersten Tage der Coronavirus-Pandemie. Während seiner Suche und den durch sie ausgelösten Erinnerungen gibt es immer mehr Restriktionen und immer weniger Gäste im Hotel. Gleichzeitig versucht seine Tochter ihn telefonisch zur Rückkehr nach Island zu bewegen.
Aber Kristófer sucht in London weiter nach Menschen, die Miko kannten. Als er erfährt, dass sie damals von ihrem Vater zurück nach Japan geschickt wurde, fliegt er ebenfalls nach Japan.
„Touch“ ist der neue Film von Baltasar Kormákur. Bekannt ist er als souverän zwischen isländischen und internationalen Produktionen wechselnder Regisseur von packenden Action- und Kriminalfilmen. Davor, am Anfang seiner Karriere, inszenierte er am Theater klassische Stücke. Dieser Ausflug in Richtung Hochkultur endete, wie gesagt, im Genrekino. Mit „Touch“ geht es wieder in eine andere Richtung. Sein neuester, überaus gelungener Film, ist ein melancholischer Liebesfilm.
Kormákur erzählt Kristófers Geschichte auf zwei Zeitebenen und über mehrere Länder und Kontinente. Bei seiner Reise befindet Kristófer sich im Wettlauf gegen den eigenen geistigen Verfall und die sich nicht vorhersehbar verschärfenden Covid-Restriktionen. Denn im Gegensatzu zu allen anderen Menschen, die sich damals kaum vor die Tür wagten und auch aus Urlaubsparadiesen möglichst schnell zurück in die eigenen vier Wände wollten, will Kristófer nur möglichst weit weg von seinem Haus.
Kormákur erzählt diese Reise sehr gefühlvoll, ruhig und angenehm kitschfrei. Da verzeiht man gerne das doch etwas dick auftragende Ende.
Touch(Touch, Island/Großbritannien/USA 2024)
Regie: Baltasar Kormákur
Drehbuch: Ólafur Jóhann Ólafsson, Baltasar Kormákur
LV: Ólafur Jóhann Ólafsson: Snerting, 2020
mit Egill Ólafsson, Pálmi Kormákur, Kōki, Masahiro Motoki, Yoko Narahashi, Ruth Sheen, Masatoshi Nakamura, Meg Kubota
Diese Woche läuft Viggo Mortensens Western „The Dead don’t hurt“ an. In zwei läuft dann Kevin Costners „Horizon“ an. Sein Drei-Stunden-Epos ist der Beginn einer aktuell auf drei bis vier Spielfilme angelegten Erzählung über den amerikanischen Westen und seine Eroberung mit vielen Figuren und Handlungssträngen. (Die Besprechung gibt es zum Filmstart.)
Viggo Mortensen, der wie Costner in seinem Epos, Regie führte, das Drehbuch schrieb, produzierte und die Hauptrolle übernahm, erzählt dagegen in „The Dead don’t hurt“ nur eine Geschichte. Zu den gleichen Themen, mit einigen Variationen und – soweit das beim Vergleich zwischen einem ersten Teil und einem in sich abgeschlossenem Film gesagt werden kann – leicht anderen Schwerpunkten.
In „The Dead don’t hurt“ geht es um Holger Olsen (Viggo Mortensen). In San Francisco trifft er seine Frau Vivienne Le Coudy (Vicky Krieps). Er verliebt sich sofort in die selbstständige Frau und sie in den nobel schweigenden Mann. Gemeinsam reisen sie zu seinem Haus, einer typischen Wilder-Western-Baracke, malerisch gelegen in einem Tal. Dort versucht sie das Beste aus das der Situation zu machen. Als der Bürgerkrieg ausbricht, meldet er sich freiwillig auf der Seite der Union – und verschwindet für ungefähr die nächste halbe Stunde aus dem Film.
Währenddessen arbeitet Vivienne in dem Dorf im Saloon als Bedienung. Weston Jeffries (Solly McLeod), der gewalttätige, alle schikanierende Sohn des lokalen Großgrundbesitzers Alfred Jeffries (Garret Dillahunt), vergewaltigt sie – und sie wird schwanger.
Als Holger zurückkehrt (inzwischen sind ungefähr neunzig Filmminuten bzw. drei Viertel des Films rum), nehmen sie ihr altes Leben wieder auf. Mehr oder weniger. Denn auch Holger fällt auf, dass das Alter ihres Sohnes nicht zur Dauer seiner Abwesenheit passt.
Kurz darauf erkrankt sie und stirbt. Das ist jetzt kein wahnsinnig großer Spoiler, denn der Film beginnt mit ihrem Tod und entfaltet sich von diesem Moment an in zahlreichen, teils aus verschiedenen Perspektiven erzählten Rückblenden.
In dem Moment arbeitet Holger auch als Dorfsheriff. Er hat etwas Ärger mit dem Bürgermeister Rudolph Schiller (Danny Huston) und dem örtlichen Großgrundbesitzer Jeffries, die die Stadt als ihr Eigentum betrachten, und Jeffries‘ Sohn. Ihn lernen wir ebenfalls am Filmanfang als einen Mann kennen, der in dem Dorf seelenruhig alle erschießt, die er auf seinem Weg vom Saloon zu seinem Pferd trifft. Warum er das tut, wissen wir nicht. Er weiß, dass ihm nichts passieren wird. Holger soll sich so um die Angelegenheit kümmern, dass die Jeffries‘ mit dem Ergebnis einverstanden sind.
Wie diese Angelegenheit endet, wird ebenfalls am Filmanfang erzählt und am Filmende weiter erzählt.
Eigentlich erzählt Viggo Mortensen in seinem zweiten Spielfilm keine komplizierte Geschichte. Im Grundsatz ist es eine sehr einfache Geschichte, die ziemlich genau auf die Frage „Was würdest du tun, wenn deine Frau vergewaltigt wurde?“ hinausläuft. Damit die Bedeutung der Frage für den Protagonisten erfasst werden kann, muss vorher erzählt werden, wer er ist, wer sie ist, welche Beziehung sie zueinander haben und auch in welchem Umfeld die Tat stattfand. Das alles erzählt Mortensen auch.
Aber er erzählt seine Geschichte unnötig kompliziert auf mehreren Zeitebenen mit zahlreichen Zeitsprüngen, die oft erst nach einigen Sekunden bemerkt werden. Und danach in Gedanken in die richtige Chronologie gebracht werden müssen.
Außerdem ist „The Dead don’t hurt“ arg langsam erzählt. Mortensen braucht über zwei Stunden, um eine Geschichte zu erzählen, die als klassischer Hollywoodwestern locker in neunzig oder, wenn es sich um ein straff erzähltes B-Picture handelt, sogar weniger Minuten erzählt wurden.
Diese unnötig verschachtelte Struktur führt dazu, dass die Story, die auch in der offiziellen Synopse und dem Trailer (der die Geschichte weitgehend chronologisch bewirbt) fast vollständig erzählt wird, sich erst langsam, eigentlich erst am Filmende, in ihrer Chronologie zusammen setzt. Bis dahin darf munter gerätselt werden, wo die Szene hingehört. Die Identifikation mit den einzelnen Figuren ist durchgehend schwierig. Das Miterleben ihrer emotionalen Reise wird zugunsten der Struktur geopfert.
Auch alle im Film angesprochenen Themen, die zugleich die klassischen Western-Themen und Konfliktkonstellationen sind, leiden darunter. Sie entfalten nie die Kraft, die sie entfalten könnten.
Diese nicht chronologische, zersplitterte Struktur zerstört den Western, der letztendlich eine gradlinige, einfache Geschichte erzählt. Hätte Mortensen „The Dead don’t hurt“ chronologisch erzählt, hätte er von mir sicher eine absolute Sehempfehlung erhalten. Denn die Schauspieler sind gut. Die Bilder von Marcel Zyskind („The Killer inside me“, „Daliland“, „Falling“ [Mortensens Regie-Debüt]) ebenso. Die angesprochenen Themen sind damals und heute wichtig und ihre Behandlung ist gelungen. Es ist alles vorhanden für einen packenden Western.
Aber wegen der Präsentation der Geschichte packt der Western nicht. Es ist wie das Betrachten von auf dem Boden zerstreuten Notizzetteln, die mühsam in die richtige Reihenfolge gebracht werden.
Das macht „The Dead don’t hurt“ zu einem ärgerlichem Film.
The Dead don’t hurt (The Dead don’t hurt, USA/Mexiko 2023)
Regie: Viggo Mortensen
Drehbuch: Viggo Mortensen
Musik: Viggo Mortensen
Produktion: Viggo Mortensen (und andere)
Kamera: „Vielleicht nächstes Mal.“
mit Viggo Mortensen, Vicky Krieps, Solly McLeod, Danny Huston, Garret Dillahunt, Colin Morgan, Ray McKinnon, W. Earl Brown, Atlas Green
Privatdetektiv Peter Keller (Bruno Ganz) will im Emmental in seinem Heimatdorf einem alten Freund helfen. Der soll eine Frau vergewaltigt und ermordet haben. Schnell gerät Keller in einen wunderschön verschachtelten Hardboiled-Plot, der seine Vorbilder nie versteckt und sie – im Buch und im Film (beides gefiel mir damals) – gelungen auf schweizer Verhältnisse überträgt.
Der Roman erhielt 1987 Friedrich-Glauser-Preis.
Die damalige Kritik über den selten gezeigten Krimi, der anscheinend 2023 erstmals im Fernsehen gezeigt wurde: „herrlich ironischen Krimi (…) Philip Marlowe und Kemal Kayankaya sind wie Peter Keller Brüder im Geiste: zwar sarkastisch und bitter, aber nie traurig oder selbstmitleidig.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Eine lohnenswerte Entdeckung
mit Bruno Ganz, Barbara Auer, Rolf Hoppe, Ueli Jäggi, Suzanne von Borsody, Dietmar Schönherr, Katja Peter
Als der Alexander Verlag 2005 mit „Die im Dunkeln“ (Ah, Treachery!, 1994) seine Ross-Thomas-Edition startete, hätte wohl niemand gedacht, dass der Verlag wirklich alle Romane von Ross Thomas in neuen Übersetzungen wieder veröffentlicht. Jetzt ist er fast am Ziel. Nur noch „Urne oder Sarg, Sir?“ (The Seersucker Whipsaw, 1967) fehlt.
Mit dem vor wenigen Tagen erschienenen Polit-Thriller „Die Narren sind auf unserer Seite“ liegt jetzt der 24. Roman der Neu- und Komplettedition vor. Und dieser Roman hat es in sich. 1972 erschien er bereits im Ullstein Verlag als „Unsere Stadt muss sauber werden“ bei Ullstein veröffentlicht. Und er wurde dafür so rabiat gekürzt, dass der Roman höchstens als Reader’s-Digest-Version durchgeht. Die Ullstein-Übersetzung hat 144 Seiten. Die neue Übersetzung 584 Seiten – und damit ist die jetzt erschienene vollständige Übersetzung auch für alle, die irgendwann einmal die alte Übersetzung gelesen haben, lesenswert und eine Entdeckung.
Bei der monatlichen Krimibestenliste sahen sie es ähnlich. Neuübersetzungen sind normalerweise automatisch disqualifiziert, aber in diesem Fall handelt es sich weniger um eine Neuübersetzung und vielmehr um eine Erstübersetzung. Und Erstübersetzungen können natürlich für die Krimibestenliste nominiert werden. In der aktuellen August-Krimibestenliste steht der Roman auf dem ersten Platz.
In dem Thriller geht es um eine kleine in Texas an der Küste gelegene Stadt und deren mehr oder weniger gesetzestreuen Bewohner. Lucifer Dye (Was für ein Name für einen in Shanghai in einem Bordell aufgewachsenen Mann, dessen Karriere beim US-Geheimdienst nach einem Gefängnisaufenthalt in Hongkong vorbei ist) soll für Victor Orcutt, Genie und selbsternannter Experte und Berater für städtische Probleme, die Küstenstadt Swankerton korrumpieren. Denn nach Orcutts erstem Gesetz muss es viel schlechter werden, um besser zu werden.
Zusammen mit der Ex-Prostituierten Carol Thackerty und dem Ex-Polizeichef Homer Necessary besuchen Orcutt und Dye die Stadt, die schon ziemlich viele Probleme hat. Und wenige Tage nachdem das Quartett in der Stadt eingetroffen ist, noch mehr Probleme hat.
„Die Narren sind auf unserer Seite“ ist allein schon vom Umfang sein Opus Magnum. Es ist ein verschachtelter Polit-Thriller und gleichzeitig die Lebensgeschichte von Lucifer Dye, erzählt in seinen Worten. Da sind schnell sechshundert vergnügliche Seiten zusammen.
–
Deutlich kürzer ist der vierte Philip-St.-Ives-Roman von Ross Thomas. Ursprünglich erschien „Zu hoch gepokert“, der 23. Band der Ross-Thomas-Werkausgabe, unter dem Pseudonym Oliver Bleeck.
St. Ives ist ein professioneller Mittelsmann zwischen Menschen, die etwas wieder haben wollen, aber aus verschiedenen Gründen nicht zur Polizei gehen wollen, und Menschen, die den gestohlenen Gegenstand oder die entführte Person gegen eine bestimmte Geldmenge wieder zurückgeben würden. St. Ives erhält für seine Mühen eine Provision und eine Menge Ärger. So auch in „Zu hoch gepokert“.
In London wurde aus einem Privathaus das Schwert von Ludwig dem Heiligen gestohlen. Es ist mehrere Millionen wert, aber die Diebe verlangen nur hunderttausend Pfund für die Rückgabe des Gegenstands. Die Besitzer des Schwertes, die Brüder Nitry, sind Kunsthändler und halbseiden. Der Mann, der um St. Ives‘ Hilfe gebeten hat, ist Eddie Apex. Als St. Ives ihn kennen lernte, war ‚English Eddie‘ einer der besten internationalen Betrugskünstler. Inzwischen hat er reich geheiratet und sich in London zur Ruhe gesetzt. Sagt er.
Und die Diebe sind auch keine Amateure in der Welt des Verbrechens.
1973 veröffentlichte der Ullstein Verlag eine gekürzte Fassung von „The Highbinders“ unter dem Titel „Ein scharfes Baby“, nannte Oliver Bleeck als Autor und schrieb den Namen auf dem Cover auch mal falsch als Bleek. Die Ullstein-Ausgabe hat 128 Seiten. Die neue Ausgabe 256 Seiten. Und damit ist offensichtlich, dass auch bei diesem Roman vieles gekürzt oder überhaupt nicht übersetzt wurde.
„Zu hoch gepokert“ ist ein flotter Krimi, in dem etliche Gauner sich gegenseitig betrügen, schlagen und töten. Daneben wird viel Alkohol getrunken. Die Dialoge und treffenden Beschreibungen sprühen vor Witz. Der Humor ist, wie immer bei Ross Thomas, bissig, schwarzhumorig und trocken. Solche Bücher werden heute nicht mehr geschrieben.
–
Und jetzt stehe ich vor der schwierigen Frage, welches Buch ich als Einstieg in die süchtig machende Welt von Ross Thomas empfehle. „Zu hoch gepokert“ ist vor allem eine witzige Gaunergeschichte, in der Gauner sich gegenseitig betrügen. Das ist eine vergnüglich kurzweilige Lektüre. „Die Narren sind auf unserer Seite“ ist ein Roman für die Freunde dickleibiger Polit-Thriller. Aber sechshundert Seiten sind sechshundert Seiten.
Zum Einstieg eignet sich da besser ein kürzeres Werk. Vielleicht sein Debüt „Kälter als der Kalte Krieg“ (The Cold War Swap, 1966). Zwei Gründe sprechen für diesen Krimi. Erstens weil es sein erster Roman ist und er schon alles hat, was seine späteren Romane so lesenswert und witzig macht. Und zweitens weil die Agentengeschichte in Deutschland (in Bonn und Berlin) spielt. Das ist dann auch eine schöne Reise in die bundesdeutsche Vergangenheit, die sechziger Jahre und die Zeit des Kalten Kriegs.
„Dornbusch“ (Briarpatch, 1984) ist auch ein guter Einstieg. In dem Polit-Thriller stirbt ein Detective durch eine Autobombe und ihr Bruder, Berater eines Senators, will ihren Mörder finden.
Außerdem erhielten beide Romane den Edgar-Allan-Poe-Preis.
Und dann gibt es noch „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978), der erste Artie-Wu/Quincy-Durant-Roman. Der große Krimikritiker, Förderer der Kriminalliteratur und Buchhändler Otto Penzler drückte es Kunden, die nach einem guten Krimi suchten, in die Hand. Das Buch ist, so Penzler, „drop-dead perfect“.
–
Ross Thomas: Die Narren sind auf unserer Seite
(übersetzt von Gisbert Haefs und Julian Haefs)
Alexander Verlag, 2024
584 Seiten
20 Euro
–
Originalausgabe
The Fools in Town are on our side
1970
–
Erste deutsche Übersetzung
Unsere Stadt muss sauber werden
Ullstein, 1972
–
Ross Thomas: Zu hoch gepokert – Ein Philip-St.-Ives-Fall
(übersetzt von Gisbert Haefs)
Alexander Verlag, 2023
256 Seiten
16,90 Euro
–
Originalausgabe (unter dem Pseudonym Oliver Bleeck)
A Hero – Die verlorene Ehre des Herrn Soltani(Ghahreman, Iran/Frankreich 2021)
Regie: Asghar Farhadi
Drehbuch: Asghar Farhadi
Weil Rahim Soltani, der gerade eine Haftstrafen wegen hoher Geldschulden verbüßt, während eines Freigangs eine Tasche mit Goldmünzen nicht behält, sondern dem Besitzer zurückgibt, wird er – widerwillig – zum Volksheld. Alle, vor allem die Gefängnisleitung, sind zufrieden, bis die Presse die Geschichte überprüft und auf Ungereimtheiten stößt.
TV-Premiere. Mit ruhiger Hand erzählt Asghar Farhadi eine zugleich sehr konkrete und abstrakte Geschichte, in der kleine Ereignisse und unterschiedliche Interpretationen von Ereignissen eine fatale Dynamik entwickeln können. Dabei lotet er das Graufeld zwischem egoistischem und alturistischem Handeln aus. Und überlässt dem Publikum die Entscheidung darüber, was von Rahims Taten zu halten ist.
„Biokrieg“ (The Windup Girl) erhielt unter anderem den Hugo Award, den John W. Campbell Memorial Award, den Locus Award, den Nebula Award und den Kurd-Laßwitz-Preis.
Der Sinn des Lebens (Monty Python’s The Meaning of Life, Großbritannien 1983)
Regie: Terry Jones
Drehbuch: Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin
Was ist der Sinn des Lebens? In ihrem letzten Spielfilm beantwortet Monty Python diese Frage mit den nötigen Ernst und vielen zum Nachdenken anregenden Beispielen.
mit Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin
Ein romantischer Thriller über eine Frau, die als Tochter eines Nazis zwischen zwei Männern steht (naja, am Ende eher liegt): einem FBI-Agenten, der Nazis jagt und sie daher undercover zu einem Freund ihres Vaters schicken will, und einem Schurken, der sie heiraten will. Oder in den Worten der großen Filmkritikerin Frieda Grafe: in dem Film geht es „um Männer, die Frauen verachten, weil sie tun, wozu Männer sie zwingen.“
Truffaut nannte „Notorious“ Hitchcocks Quintessenz. Recht haben beide.
In Deutschland wurde “Berüchtigt”in den Fünfzigern als “Weißes Gift” gestartet und aus den Nazis wurden Drogenhändler. Später wurde die Synchronisation geändert.
Mit Ingrid Bergman, Gary Grant, Claude Rains, Louis Calhern
(Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner und Felix Mayer)
Rowohlt, 391 Seiten, 26 Euro
7 (–) Colin Niel: Darwyne
(Aus dem Französischen von Anne Thomas)
Suhrkamp, 303 Seiten, 18 Euro
8 (–) Leonardo Padura: Anständige Leute
(Aus dem Spanischen von Peter Kultzen)
Unionsverlag, 398 Seiten, 26 Euro
9 (9) Chris Whitaker: In den Farben des Dunkels
(Aus dem Englischen von Conny Lösch)
Piper, 589 Seiten, 24 Euro
10 (3) Fred Vargas: Jenseits des Grabes
(Aus dem Französischen von Claudia Marquardt)
Limes, 526 Seiten, 26 Euro
–
In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
–
Schön, dass es Ross Thomas auf die Liste geschafft hat; ungefähr mit der Begründung die ich vor der Veröffentlichung der Bestenliste in meinem Entwurf für die Buchkritik (demnächst) auch reingeschrieben habe. Nämlich dass der Roman als „Unsere Stadt muss sauber werden“ bereits in Deutschland veröffentlicht wurde, die Fassung aber so radikal auf 144 Seiten gekürzt war, dass in diesem Fall die Neuübersetzung eigentlich als Erstübersetzung betrachtet werden sollte. Da schrieb ich, dass „Die Narren sind auf unserer Seite“ wohl nicht in die Krimibestenliste aufgenommen wird, aber aufgenommen werden sollte.
Außerdem ist mir dieses Mal aufgefallen:
Kein Buch auf der Bestenliste hat unter 300 Seiten
Sieben Bücher haben zwischen 300 und 400 Seiten (wobei drei Bücher in der gedruckten Ausgabe auf jeweils 400 Seiten kommen)
Kein Buch hat zwischen 400 und 500 Seiten
Drei Bücher haben über 500 Seiten, zwei davon haben fast jeweils 600 Seiten.
Das sind definitiv keine „Das lese ich schnell an einem Abend“-Längen und, wenn man noch etwas anderes tut, oft auch keine „Das lese ich locker am Wochenende“-Längen.
Drehbuch: Patrick Aison (nach einer Geschichte von Patrick Aison und Dan Trachtenberg, basierend auf Figuren von Jim Thomas und John Thomas)
September 1719, USA (vor der Gründung), Northern Great Plains, im Siedlungsgebiet der Comanchen: die Kriegerin Naru (Amber Midthunder) jagt allein ein Tier, das nach den Spuren, das es hinterläßt, kein Bär ist. Es ist – was sie nicht weiß – ein aus dem Weltall kommender, meist unsichtbarer und anscheinend unbesiegbarer Predator.
TV-Premiere. Nach vielen bestenfalls mediokren „Predator“-Filmen endlich ein „Predator“-Film, der es mit dem ersten „Predator“-Film aufnehmen kann und der aus unverständlichen Gründen ohne Kinoauswertung gleich verstreamt wurde.
Hochspannendes Western/Horror/Science-Fiction-B-Picture, das schnörkellos seine Geschichte mit einer starken Heldin vor einer prächtigen Naturkulisse erzählt.
Achtung: Wahrscheinlich wird um 20.15 Uhr eine stark gekürzte Version des FSK-16-Films ausgestrahlt. Die Nachtwiederholung sollte ungekürzt sein.
Ein versoffener Sheriff, ein behinderter Gunfighter und ein junger Messerwerfer legen sich mit der Bande eines skrupellosen Viehbarons an. Ihre Chancen den Kampf zu überlegen tendieren gegen Null.
Als Howard Hawks „Rio Bravo“ drehte, hatten sie beim Dreh viele gute Ideen, die allerdings nicht in diesen Film passten. Mit Leigh Brackett schrieb er dann, mit diesen Ideen, „El Dorado“; einen weiteren Western-Klassiker. Der dieses Mal sogar sehr witzig ist.
„‘El Dorado’ ist ein Film gegen ‘Rio Bravo’, wie ‘Rio Bravo’ ein Film gegen ‘High Noon’ war. (…) [‚El Dorado‘ ist] die radikale Entglorifizierung des Westernhelden.“ (Enno Patalas, Filmkritik 10/1967)
mit John Wayne, Robert Mitchum, James Caan, Charlene Holt, Michele Carey, Arthur Hunnicutt, R. G. Armstrong, Edward Asner
Die Hoffnungen waren riesig. Es wurde sogar vom Ende der Geschichte gesprochen. Denn jetzt war klar, welches System das bessere war. Der Kapitalismus hatte den Kommunismus besiegt. Und Autoren von Agentengeschichten standen vor der großen Sinnkrise. Mit der Implosion des Ostblocks war der seit Jahrzehnten gepflegte Gegner verschwunden. Der Kalte Krieg, der über Jahrzehnte der zuverlässige Hintergrund für spannende Agentengeschichten war, war vorüber.
Nach einer kurzen Besinnungspause, schrieben Autoren wie John le Carré weitere Romane. Manchmal führten ihre Thriller zurück in die Welt des Kalten Kriegs. Meistens beschäftigten sie sich mit aktuellen Problemen und erkundeten verstärkt andere Ecken der Welt und Konfliktherde.
Auch James Bond, der Geheimagent ihrer Majestät mit der Lizenz zum Töten, machte nach einer längeren Pause weiter. Erst 1995 lief der erste James-Bond-Film nach dem Ende des Kalten Kriegs im Kino an.
„GoldenEye“ war auch der erste Bond-Film mit Pierce Brosnan als 007.
Seit dem vorherigen Bond-Films „Lizenz zum Töten“, für den John Gardner ebenfalls einen Roman zum Film schrieb, waren epische sechs Jahre vergangen. Das war bis dahin die längste Pause zwischen zwei Bond-Filmen. Der untypische Bond-Film „Lizenz zum Töten“ erschien im Sommer 1989. Bond kämpft gegen einen südamerikanischen Drogenhändler. Das ist ein schmutziger, brutaler Bond-Film, mit einem Bond, der auf eigene Faust ermittelt und Selbstjustiz übt. Inzwischen kann „Lizenz zum Töten“ als gelungene Vorstudie für die Daniel-Craig-Bond-Ära und für den letzten Craig-Bond „Keine Zeit zu sterben“ gesehen werden.
Vor dem Kinostart von „GoldenEye“ – die Premiere war am 13. November 1995 in New York, der deutsche Kinostart war am 28. Dezember 1995 – fragten sich alle, ob James Bond überhaupt noch relevant oder ein Relikt aus dem Kalten Krieg sei. „GoldenEye“ war dann das gelungene Update der Serie und die gelungene Einführung eines neuen James Bond. John Gardner, der damals bereits seit 1981 James-Bond-Romane schrieb, durfte seinen zweiten James-Bond-Filmroman schreiben.
General Ourumov und die ebenso schöne wie gefährliche Killerin Xenia Onatopp, die zur russischen Geheimorganisation/Verbrecherorganisation „Janus“ gehören, haben sich den Zugang zu dem Weltraumsatellitensystem „GoldenEye“ verschafft. Damit können sie die Welt in ein Chaos stürzen. James Bond soll das Schlimmste verhindern und bei seiner globalen Hatz nach den Verbrechern trifft er auf schöne Frauen, schießwütige Soldeten und einen alten, totgeglaubten Bekannten.
Der von Martin Campbell inszenierte Film ist eine unterhaltsame Tour durch die vorherigen Bond-Filme mit einigen spektakulären Stunts, wie einem immer noch atemberaubendem Sprung von einem Staudamm und einer zerstörischen Panzerfahrt durch Sankt Petersburg, schönen Frauen, touristischen Locations und witzigen One-Linern. Pierce Brosnan überzeugt als neuer Bond für ein neues Jahrzehnt und eine neue Generation von Zuschauern.
Gardners Roman zum Film ist ein erstaunlich lustloses Werk, das nur für den Komplettisten wichtig ist. Der Text liest sich wie ein unter höchstem Zeitdruck herausgehauenes Werk, für das Gardner neben dem Drehbuch über keine weiteren Informationen über den Film oder Bilder von den Dreharbeiten verfügte. Er verzichtet, weil sie im Film anders als in seinem Buch aussehen könnten, auf jegliche Beschreibungen von Menschen und Orten.
Neueinsteiger sollten unbedingt, je nachdem, wo sie gerade einsteigen und weiterlesen wollen, zuerst einen anderen Bond-Roman von John Gardner oder irgendeinen Bond-Roman lesen. Es ist in diesem Fall fast egal, wo sie beginnen, aber natürlich sind die Bond-Romane von Ian Fleming und Anthony Horowitz (der bei seinen Bond-Romanen auf Ideen von Fleming zurückgriff) gute Startpunkte. Ebenso die anderen Bond-Romane von John Gardner. Gardner schrieb von 1981 bis 1996 vierzehn eigene James-Bond-Romane. Er versetzte Bond in die damalige Gegenwart der achtziger und neunziger Jahre.
–
Wenige Wochen vor „GoldenEye“ erschien Gardners letzter Bond-Roman „KALT“ erstmals auf Deutsch. Im Original erschien er 1996.
Der Thriller spielt 1990 und 1994 und bevor Bonds Vorgesetzter M von einem Mann zu einer Frau wurde; also vor „GoldenEye“. Am Ende von „KALT“ fährt Bond zu seinem ersten Treffen mit der neuen M, die für uns immer wie Judi Dench aussehen wird.
James Bond wird nach Washington geschickt. Dort explodierte während der Landung auf dem Dulles International Airport eine vollbesetzte Passagiermaschine von Bradbury Airlines. Schon als Bond und M das Unglück am Fernseher sehen, wissen sie, dass es sich um einen Anschlag handelt. Aber sie wissen nicht wer ihn warum verübte.
In Washington trifft er Principessa Sukie Tempesta, eine frühere Geliebte von ihm. Sie hätte, wie der Selfmade-Multimillionär Harley Bradbury, der Besitzer der Airline, in dem Flugzeug hätte sitzen sollen. Kurz darauf stirbt Sukie durch eine Autobombe.
Bond will mehr über ihren Tod herausfinden.
Als Täter bieten sich die Familie Tempesta und die geheminisumwitterte Organisation KALT an. Die Tempestas sind eine italienische Verbrecherfamilie, die so sehr im Hintergrund operiert, dass sie bislang von den Geheimdiensten übersehen wurde. KALT ist die Abkürzung für eine geheimnisvolle Organisation, die sich „Kinder der Allerletzten Tage“ nennt. Zu ihr gehören Verbrecher jeglicher Couleur, die durch die Arbeit der Strafverfolgungsbehörden aus dem Geschäft gedrängt wurden und jetzt, so erklärt es der FBI-Beamte Rhabb Bond, eine Mission haben: „Diese Leute glauben, dass die einzige Möglichkeit, das Verbrechen zu bekämpfen, darin besteht, Kriminelle in die Regierung zu bringen. Diese netten Leute, die an der Spitze von KALT stehen, wollen, dass das Land fast wie ein Polizeistaat geführt wird. Sie nennen sich selbst Kinder der Allerletzten Tage, weil sie glauben, dass wir uns in der Endzeit befinden, die der Demokratie ein Ende bereiten wird.“
Ihre Methoden sind die von Mafiosi. Und eine Zusammenarbeit zwischen KALT und der Familie Tempesta wäre für die Demokratie ein Alptraum.
Auf Einladung von Toni Nicolletti, einer FBI-Undercover-Agentin, die sich über mehrere Jahre das Vertrauen der Tempestas erschlich, besucht Bond die in der Toskana abgelegen am Lago di Massaciuccoli gelegene Villa der Tempestas.
Im Gegensatz zu anderen Bond-Geschichten, in denen Bond von seinem Vorgesetzten M einen Auftrag bekommt und er diesen dann erfüllt, steht Bond hier mehr am Rand des Geschehens. Zuerst soll er in einem Team mit anderen Agenten und Spezialisten aus mehreren Ländern herausfinden, wie und warum das Flugzeugunglück geschah. Später hilft er in der Villa der Tempestas einer anderen Agentin und auch ins Finale wird er primär als Mitglied einer größeren Operation geschoben. Das und dass die Geschichte sich in zwei Teile teilt, von denen der 1990 spielende Teil der umfangreichere Teil des Thrillers ist, macht „KALT“ zu einem ungewöhnlichen Bond-Roman mit einem etwas blassem Gegner. Dafür ist deren teuflischer, im Buch nur skizzierter Plan fast schon eine prophetische Vorwegnahme aktueller Probleme.
„KALT“ ist der würdige Abschluss von John Gardners James-Bond-Serie, die immer noch im Schatten von Ian Flemings Werk steht.
–
John Gardner: James Bond 007: GoldenEye
(übersetzt von Johannes Neubert)
Cross Cult, 2024
288 Seiten
18 Euro
–
Originalausgabe
GoldenEye
Hodder & Stoughton, 1995
–
Die Vorlage
James Bond 007: GoldenEye (GoldenEye, Großbritannien 1995)
Regie: Martin Campbell
Drehbuch: Michael France, Jeffrey Caine
LV: Charakter von Ian Fleming
Buch zum Film: John Gardner: GoldenEye, 1995 (GoldenEye)
mit Pierce Brosnan, Sean Bean, Izabella Scorupco, Famke Janssen, Judi Dench, Gottfried John, Joe Don Baker, Robbie Coltrane, Alan Cumming, Samantha Bond, Desmond Llewelyn, Tcheky Karyo, Michael Kitchen,
Gosford Park (Gosford Park, Großbritannien/Italien/USA/Deutschland 2001)
Regie: Robert Altman
Drehbuch: Julian Fellowes (nach einer Idee von Robert Altman und Bob Balaban)
Auf dem Landsitz Gosford Park trifft sich eine Jagdgesellschaft mit ihrer Dienerschaft. Als der Hausherr ermordet wird, muss ein Inspektor den Mörder suchen.
Sehr gelungene Gesellschaftskomödie mit einem Hauch Agatha Christie und einem „Was? Die ist auch dabei?“-Ensemble.
Der Film erhielt, neben vielen anderen Preisen, den BAFTA als bester Film, eine Golden Globe für die Regie, einen Oscar für das Drehbuch und die Screen Actors Guild zeichnete gleich das gesamte Ensemble aus.
Drehbuchautor Julian Fellowes ist auch der Erfinder von „Downtown Abbey“.
mit Maggie Smith, Michael Gambon, Kristin Scott Thomas, Camilla Rutherford, Charles Dance, Geraldine Somerville, Tom Hollander, Natasha Wightman, Jeremy Northam, Bob Balaban, James Wilby, Claudie Blakley, Laurence Fox, Ryan Phillippe, Stephen Fry, Kelly Macdonald, Clive Owen, Helen Mirren, Eileen Atkins, Emily Watson, Alan Bates, Derek Jacobi, Richard E. Grant
„Berlin Nobody“ ist kein Thriller und auch kein Krimi. Er hat zwar die Zutaten für einen Thriller – Leichen, viele Leichen, ermittelnde Kriminalbeamte, ein Uni-Professor, der Teil der Ermittlungen ist, eine Sekte, die irgendetwas mit den Morden zu tun hat, eine böse Sektenführerin und eine junge Frau (die Tochter des Professors), die in die Fänge der Sekte gerät – , aber „Berlin Nobody“ ist ein zähes, absolut vorhersehbares und absurdes Drama.
Im Mittelpunkt stehen Ben Monroe, seine Tochter Mazzy und eine Endzeit-Sekte. Der allein lebende, kürzlich geschiedene Professor Ben Monroe (Eric Bana) unterrichtet seit kurzem in Berlin an einer Universität. Von der Polizei und dem Bundesverfassungsschutz wird der Sozialpsychologe, Bestsellerautor und Sektenexperte immer wieder als Experte angefragt. So auch jetzt bei einem Familienselbstmord in einem Vorstadthaus, das seltsamerweise wie eine bayerische Hütte aussieht. Es ist unklar, warum sich die Hausbewohner nacheinander töteten.
Zur gleichen Zeit besucht ihn seine Tochter Mazzy (Sadie Sink). Auf dem Weg vom Flughafen zur Wohnung ihres Vaters wird die Sechzehnjährige von Martin (Jonas Dassler) angesprochen. Sie findet den Jungen sympathisch. Als sie sich wieder mit ihm trifft, stellt er sie seinen Freunden vor. Sie sind alle Mitglieder in einer religiös motivierten, öko-fundamentalistischen Endzeit-Sekte.
Dass die Sekte etwas mit den Morden zu tun hat, ist bereits beim ersten Auftritt der fiesen Sektenführerin Hilma (Sophie Rois, irre) offensichtlich.
Inszeniert und geschrieben wurde der Film von Jordan Scott. Sie ist die Tochter von Ridley Scott, der auch zu den Produzenten des Films gehört. Ihr erster Spielfilm war 2009 „Cracks“. Außerdem inszenierte sie Kurz- und Werbefilme. Trotzdem wirkt ihr zweiter Spielfilm wie ein unbeholfen inszeniertes Debüt, das Potential hat. Das Drehbuch ist vorhersehbar, voller Lücken, krude und unglaubwürdig. Die Inszenierung lehnt sich an Ridley Scotts episch getragenen Stil an, in dem jedes Bild von seiner eigenen Wichtigkeit maßlos überzeugt ist. Hier führt er nur dazu, dass sich der Film wie Kaugummi zieht. Über die Sekte und warum Menschen von Hilma fasziniert sind und für sie Selbstmord begehen, bleibt nebulös. Warum Mazzy sich sofort in die Hände der Sekte begibt, erklärt sich nur aus den Erfordernissen der Geschichte und weil die Drehbuchautorin das so will.
Das, also dass die Sekte immer wie ein Fantasiekonstrukt wirkt, die Handlungen der Figuren keinen Bezug zu irgendeiner Realität haben und Scotts Deutschland wie aus einem Reiseprospekt zusammengestellt wirkt, kann an der Produktionsgeschichte liegen. Die Vorlage, der 2015 erschienene Roman „Tokyo“ von Nicholas Hogg, spielt in Japan. Wegen der Corona-Pandemie waren Dreharbeiten in Tokio nicht möglich. Also verlegte Scott die Geschichte nach Berlin und schrieb sie etwas um. Dummerweise unterscheidet sich die deutsche Kultur im für den Film wichtigen Punkten fundamental von der japanischen Kultur. Entsprechend absurd wirken die Kollektivsuizide der Sekte. Im Endergebnis spielt die Geschichte in einem luftleeren Raum irgendwo im nirgendwo.
„Berlin Nobody“ erzählt eine unglaubwürdige, edel gefilmte, arg langsam und todernst erzählte vollkommen absehbare und absurde Geschichte.
In der Originalfassung wird nachvollziehbar zwischen Deutsch und Englisch gewechselt. Die synchronisierte Fassung soll komplett eingedeutscht sein.
Berlin Nobody (A Sacrifice, USA/Deutschland 2024)
Regie: Jordan Scott
Drehbuch: Jordan Scott
LV: Nicholas Hogg: Tokyo, 2015
mit Sadie Sink, Eric Bana, Sophie Rois, Jonas Dassler, Sylvia Hoeks, Alexander Schubert, Lara Feith, Stephan Kampfwirth