Sie retten Leben – und sind deshalb hoch umstritten: die im Mittelmeer tätigen Seenotretter. Sie retten Menschen, die aus Afrika nach Europa flüchten, vor dem Ertrinken und bringen sie nach Europa. Das ist das nächste rettende Ufer. Die in Deutschland bekannteste Organisation ist Sea-Watch.
Im Juli 2021 fuhr Adrian Pourviseh auf einem ihrer Schiffe, der Sea-Watch 3, mit. Er sollte dolmetschen und den Einsatz als Fotograf dokumentieren.
Diese mehrwöchige Fahrt bildet die Grundlage für den von ihm geschriebenen und gezeichneten Comic „Das Schimmern der See – Als Seenotretter auf dem Mittelmeer“.
Der Comic ist eine eindrucksvolle Schilderung seiner Erlebnisse und der widerstreitenden Gefühle, die er dabei hatte. Im Mittelpunkt des Buches stehen drei Rettungen. Fast immer gibt es Probleme mit der libyschen Küstenwache und der mangelnden Bereitschaft Italiens, die Geretteten aufzunehmen. Einmal wird mit den italienischen Behörden über Stunden über die Aufnahme eines Jungen, der schwere Verbrennungen hat und sofort in ein Krankenhaus muss, verhandelt. Einmal befindet sich ein Holzboot mit vierhundert Menschen in Seenot. Die Rettung, bei der mehrere Schiffe beteiligt waren, dauert mehrere Stunden.
Die Zeichnungen und die knappen Dialoge machen die Not der aus Afrika geflüchteten Menschen und die Arbeit der Retter begreifbar. Die Retter berufen sich dabei auf internationales Seerecht, das Seeleute verpflichtet, „allen Personen, selbst feindlichen, die auf See in Lebensgefahr angetroffen werden, Beistand zu leisten“ (Übereinkommen zur einheitlichen Feststellung von Regeln über die Hilfeleistung und Bergung in Seenot von 1910).
Für die Kriminalakte war die Veröffentlichung von „Das Schimmern der See“ ein willkommener Anlass, sich mit Adrian Pourviseh und Giulia Messmer, einer Sprecherin von Sea-Watch, zu treffen.
Wir sprachen über Sea-Watch, wie die Mitglieder einer Mannschaft ausgewählt werden, wie sie sich auf die Fahrt vorbereiten, wie das Leben auf dem Schiff ist (im Comic wird das nur kurz gestreift zugunsten der Schilderung der Rettungseinsätze) und warum Pourviseh sich entschloss, seine Fahrt auf der Sea-Watch 3 in einen Comic zu verarbeiten.
Das Gespräch fand im Sommer 2023 in Berlin statt.
Adrian Pourviseh: Das Schimmern der See – Als Seenotretter auf dem Mittelmeer
Das Ende von Robert Kirkmans Comicserie „The Walking Dead“ und der „The Walking Dead“-TV-Serie (elf Staffeln, 177 Folgen) bedeutet nicht das Ende der Welt von „The Walking Dead“. Im Fernsehen gibt es aktuell vier Serien, die in der „The Walking Dead“-Welt spielen. Es gibt Romane und Videospiele. Und jetzt gibt es einen weiteren Comic, der in dieser Welt spielt, die eigentlich ziemlich schnell beschrieben werden kann: nach einer Zombieapokalypse brach die uns bekannte Zivilisation zusammen. Seitdem kämpfen die Menschen um ihr Überleben und sie versuchen, eine neue Gesellschaft aufzubauen. Meistens scheitern sie. Die Zombies sind in dieser Welt sich langsam bewegende Untote, die Menschenfleisch essen. Halt genauso wie bei George A. Romero.
In dieser Welt lebt Clementine, eine junge Frau, die bei einem Zombieangriff ihren linken Unterschenkel verlor. Sie will nach Norden, Richtung Kanada, gehen. Dort soll es besser sein.
Auf der Reise triff sie den gleichaltrigen Amos. Der Amish-Junge will ebenfalls Richtung Norden zur Siedlung Killington gehen. Sie soll in die Berge entstehen und sie ist schwer erreichbar. Clementine begleitet den naiven Jungen.
Als sie in der verschneiten, fast nicht erreichbaren Bergsiedlung sind, fragt Clementine sich, wie sehr sie den Gründern der Siedlung vertrauen kann.
Ihre Befürchtungen sind, wie fast immer, wenn im „The Walking Dead“-Universum auf eine andere Gruppe von Menschen getroffen wird, berechtigt.
Schon der Titel „Clementine – Buch Eins“ verrät, dass Tillie Walden nach dem Auftakt weitere Geschichten aus Clementines Leben erzählen will. Insgesamt sind drei Bücher mit Clementine geplant.
Ihren ersten Auftritt hatte Clementine 2012 als eine der Hauptfiguren in dem „The Walking Dead“-Computerspiel. Waldens Comic spielt chronologisch nach den Ereignissen in den Computerspielen. Einige kurze Rückblenden geben einen Einblick in ihr bisheriges Leben. Doch insgesamt erzählt Walden eine Geschichte, die problemlos ohne das Wissen über den Inhalt der Computerspiele und Clementines Leben gelesen werden kann.
Tillie Walden ist bekannt als Erzählerin queerer, teils autobiographischer und witziger Comics, wie „Piroutten“ und „Auf einem Sonnenstrahl“. Für ihre bisherigen Werke erhielt sie, oft mehrmals, den Ignatz Award, den Eisner-Award, den Los Angeles Times Book Prize, den Rudolph-Dirks-Award und den Luchs des Monats (vergeben von der „Zeit“ und Radio Bremen).
In „Clementine“ orientieren sich ihre Zeichnungen, im Gegensatz zu ihren früheren Werken, stärker an dem ins Detail gehenden Stil von „The Walking Dead“-Zeichner Charlie Adlard. Außerdem ist „The Walking Dead“-Colorist Cliff Rathburn auch bei ihr für die Grautöne zuständig. Das führt dazu, dass „Clementine“ wirklich wie ein „The Walking Dead“-Comic aussieht.
Ihre aus früheren Werke bekannten Themen kommen in „Clementine“ bestenfalls in homöopathischen Dosen vor. Insofern ist die sich stringent erzählte Survival-Story eine interessante Erweiterung ihres Œuvre. Für die Fans ihrer anderen Geschichten ist diese Fingerübung in einer von einem anderen Autor geschaffenen Welt allerdings nicht wirklich essenziell.
Das gesagt ist „Clementine“ eine spannende Zombie-Geschichte mit glaubwürdigen Figuren und Konflikten. Das liest sich sehr gut, kann aber nicht verhehlen, dass die einzelnen Elemente und Konflikte inzwischen sehr vertraut sind.
„Das Ende des Punisher“ ist auch das Ende der von Jason Aaron erfundenen, auf zwölf Hefte angelegten „Punisher“-Geschichte, die kurz nach ihrem Erscheinen in den USA vollständig auf Deutsch vorliegt.
In dieser Geschichte ist der Punisher Frank Castle in den Fängen der Ninjas vom mystischen Clan der Hand. Inzwischen ist er zu deren Anführer aufgestiegen. Er und die Ninjas morden weltweit Bösewichter. Währenddessen versuchen Superhelden wie Captain America, Black Widow, Dr. Strange, Wolverine und Moon Knight, Castle von seinem Rachefeldzug an allen Verbrechern abzuhalten.
Und wir fragen uns, ob Castle sozusagen undercover die Hand unterwandert, um sie später zu vernichten, ober ob er von der Hohepriesterin der Hand manipuliert wird mit seiner wieder zum Leben erweckten Frau und falschen Erinnerungen an seine Jugend und dem Mord seiner Familie während eines Picknicks im Central Park. Sie waren die Zufallsopfer eines Mafiamordes. Dieser Mord an Castles Frau und seinen beiden Kindern ist der Gründungsmythos des Punishers. An dem Tag wurde aus dem Vietnam-Veteran Frank Castle der Punisher, der zunächst alle die Menschen, die für den Tod seiner Familie verantwortlich waren, tötete. Danach mordete er nach der „Nur ein toter Verbrecher ist ein akzeptabler Verbrecher“-Methode weiter. Selbstjustiz in Reinkultur eben.
Jason Aaron und die Zeichner Paul Azaceta und Jesús Saiz erzählen ihrer zwölfteiligen „Punisher“-Geschichte in jedem Fall eine untypische „Punisher“-Geschichte. Dieses Mal geht es nicht um einen banalen Rachefeldzug, in dem Bösewichter wie Unkraut vernichtet werden. Dieses Mal wird der Punisher manipuliert und er befindet sich, aus etwas rätselhaften Gründen, in den Fängen eines mächtigen Clans. Es geht daher auch darum, wie Menschen sich manipulieren lassen oder manipuliert werden, bestimmte Dinge zu tun.
Gleichzeitig, und das ist während des Lesens eine weitere Möglichkeit, könnte sich die gesamte Geschichte im Kopf von Frank Castle abspielen.
Das ändert aber nichts daran, dass Aarons „Punisher“-Geschichte als Neudefinition des Punishers nicht überzeugt. Er macht aus einem emotionslosem Rächer ohne Bindungen einen weinerlichen, von seiner toten (?) Frau abhängigen Auftragskiller.
Immerhin findet Jason Aaron am Ende einen, wenn auch merkwürdigen, Ausgang aus der Sackgasse, in der er den Punisher vorher hineinschrieb.
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Jason Aaron/Paul Azaceta/Jesús Saiz: Punisher – Das Ende des Punishers
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2023
140 Seiten
17 Euro
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Originalausgabe/enthält:
The King of Killers, Book 2, Chapter 3: If it be the will of the beast – Punisher (2022) 9, Marvel, März 2023
The King of Killers, Book 2, Chapter 4: Bride of the Punisher – Punisher (2022) 10, Marvel, Mai 2023
The King of Killers, Book 2, Chapter 5: A day in the park – Punisher (2022) 11, Marvel, Juni 2023
The King of Killers, Epilogue: Punisher no more – Punisher (2022) 12, Marvel, Juli 2023
Einen schnellen Überblick über die Welt der Mangas können sich neue Manga-Fans und Manga-Interessierte am Samstag während des „Manga Day 2023“ verschaffen. Dann werden in 1200 Buchhandlungen, Comicshops, Manga-Stores und Bibliotheken 27 Sonderausgaben von Mangas kostenlos verteilt. Darunter ist auch „Children of Grimm“, ein von den deutschen Autoren Aljoscha Jelinek und Blackii geschriebener Fantasy-Manga, der erst nächstes Jahr erscheint und gerade fertig geschrieben und gezeichnet wird. Auf den letzten Seiten des in einer von den Märchen der Brüder Grimm inspirierten Welt spielenden Mangas gibt der Verlag einen Einblick in den Schreibprozess. Er druckte nämlich die Rohfassung der Geschichte ab.
Der zweite deutsche Manga ist von Sozan Coskun. „Kiela und das letzte Geleit“ ist gerade erschienen. In diesem Manga will Kiela ihren verstorbenen Zwillingsbruder wiedersehen. Die Helsheim AG könnte ihr ihren Wunsch erfüllen. Der Verlag labelt die vielversprechend beginende Geschichte als Fantasy und Mystery.
Insgesamt wurden für den Manga Day 800.000 Mangas gedruckt. In einigen Verteilorten gibt es auch Veranstaltungen und besondere Aktionen. Welche Buchhandlung sich im deutschsprachigen Sprachraum am Manga Day beteiligen und welches zusätzliche Programm sie anbietet, kann hier nachgesehen werden.
Mangas sind japanische Comics, die dort seit Ewigkeiten populär sind. In Deutschland wurden die ersten Mangas vor etwas über dreißig Jahren gedruckt und, noch mehr als andere Comics, haben sie immer noch den Ruf, eine reine Lektüre für Kinder und pubertierende Jugendliche zu sein. In den vergangenen Jahren wurden die taschenbuchgroßen Bücher, die man von hinten nach vorne liest, immer populärer. So wurde auf der Leipziger Buchmesse der Manga-Bereich immer weiter ausgebaut. Auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse konnte ich auch deutlich mehr Cosplayer als in den vergangenen Jahren sehen. Aktuell entfallen fast zwei Drittel des Umsatzes im Comicsegment auf Mangas. Immer mehr Comic-und Buchverlage publizieren Mangas. Für die nächsten Jahre werden weitere Umsatz-Steigerungen erwartet. Und es gibt immer mehr Mangas für alle Altersgruppen und Interessen.
Diese Diversität zeigt sich auch an den 27 Sonderausgaben, die auf dem „Manga Day 2023“ verteilt werden und einen Einblick in das Programm von Altraverse, TOKYOPOP, Carlsen, Egmont Manga, Crunchyroll, Manga Cult, Panini und TOPP (mit „Manga zeichnen – Step by Step“) geben.
Trotzdem richten sich die meisten der für den Manga Day gedruckten Geschichten an Teenager. Viele sind reine Fantasy-Geschichten oder spielen mit Fantasy-Elementen. Die Schule ist, immerhin stehen normalerweise Teenager im Mittelpunkt der Geschichte, fast immer ein wichtiger Handlungsort. Liebe ist eigentlich immer ein großes Thema. Vor allem natürlich in den Romance-Mangas, in denen Mädchen sich in Jungs verlieben. Seltener werden homosexuelle Liebesgeschichten erzählt. Diese Geschichten, wie Akilis „Vampeerz“ (wobei ein Mädchen ein Vampir ist) oder Eku Takeshimas „Flüster mir ein Liebeslied“ (über die Beziehung zwischen einer Sängerin und einem ihrer Fans) halte ich für interessanter, weil sie nicht einfach noch einmal eine sattsam bekannte Boy-meets-Girl-Liebesgeschichte erzählen. Wenn Liebe zu Hass wird, erzählt Yoshiki Nakamura in „Skip Beat!“. In dieser Geschichte will ein Mädchen, als sie erfährt, dass ihr zum Popstar gewordener Freund sie ausnutzt, selbst eine erfolgreiche Sängerin werden.
George Asakuras „Dance Dance Danseur“ fällt auch aus dem Rahmen, weil hier ein Junge im Mittelpunkt steht, der nicht in die Fußstapfen seines Vaters, eines Martial-Arts-Kämpfes, treten will, sondern als Kind Ballettänzer werden wollte. Aber das ist lange her.
Etwas aus diesem Rahmen fallen Gosho Aoyamas „Detektiv Conan“ (eine seit 1994 erscheinende Serie um einen oberschlauen Schüler, der als großer Sherlock-Holmes-Fan Verbrechen aufklärt), Shun Umezawas „Darwin’s Incident“ (über einen Mensch-Schimpansen, der eine normale Schule besuchen möchte und der vor zehn Jahren in einen Vorfall verwickelt war) und Sousuke Tokas „Ranking of Kings“ (über einen in einem mittelalterlichem Reich lebenden Thronfolger, der für dieses Amt denkbar ungeeignet ist).
Und dann gibt es noch die Horrorgeschichten. Shin’ichi Sakamoto interpretiert in „#DRCL – Midnight Children“ Bram Stokers „Dracula“ neu. Im Auftaktheft wird die Fahrt der Demeter (dem Schiff, das Graf Dracula nach England fährt) ausführlich geschildert.
In „MADK/Zombie Hide Sex“ werden zwei Mangas vorgestellt in denen es, ziemlich explizit, um einen Jungen, der das Fleisch eines Dämons essen will, um Sex zwischen Männern und ihre Beziehung bedrohende Zombies geht.
In seinen ersten beiden Hercule-Poirot-Verfilmungen „Mord im Orient-Express“ und „Tod auf dem Nil“ erzählte Kenneth Branagh bekannte und bereits sehr erfolgreich verfilmte Poirot-Romane noch einmal. Dabei hielt er sich weitgehend an die von Agatha Christie geschriebenen Romane. In seinem dritten Hercule-Poirot-Film ist alles anders. Die von Agatha Christie geschriebene Vorlage ist unbekannter. „Hallowe’en Party“ wurde einmal, 2010 im Rahmen der langlebigen ITV-Poirot-TV-Serie mit David Suchet als Ermittler, verfilmt. Auch diese Verfilmung ist unbekannter. Dieses Mal hielten die Macher sich kaum bis überhaupt nicht an die Vorlage. Bei Agatha Christie spielt die jetzt als „A Haunting in Venice“ verfilmte Geschichte 1969 in einem englischen Dorf.
Der Film spielt, wie der Titel andeutet, in Venedig. Er spielt auch nicht in den späten sechziger Jahren, sondern 1947. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog der weltberühmte Detektiv Hercule Poirot sich zurück. In Venedig genießt er seinen Ruhestand. Da bittet ihn die erfolgreiche und mit ihm befreundete Krimi-Autorin Ariadne Oliver um einen Gefallen. Er soll sie zu einer Séance begleiten.
In dem Palazzo der früheren Opernsängerin Rowena Drake soll die bekannte Hellseherin Joyce Reynolds an Halloween auftreten und den Kontakt zu Drakes vor einem Jahr verstorbener Tochter Alicia herstellen.
Poirots Freundin Oliver hat eine ihrer Shows besucht. Seitdem fragt sie sich nun, ob Reynolds eine Schwindlerin ist oder ob sie wirklich Kontakt zu den Toten hat. Denn ihr gelang es nicht, die Tricks von Reynolds zu durchschauen. Das soll jetzt ihrem Freund Hercule Poirot gelingen. Poirot, der auch nicht an Hellseherei, Wahrsagerei und Gesprächen mit den Toten glaubt, begleitet seine Freundin zu der Abendgesellschaft.
Die Séance nimmt einen ungeahnten dramatischen Verlauf. Und kurz darauf ist Reynolds tot. Spätestens in dem Moment sind im Palazzo und im Kinosaal die letzten Zweifler überzeugt, dass Reynolds eine Betrügerin ist. Eine echte Hellseherin hätte ihren Tod doch vorhersehen können.
In den nächsten Stunden versucht Poirot in dem düsteren Palazzo den Mord und viele weitere große und kleine Verbrechen und Lügen aufzuklären. Dabei zweifelt er mehr als einmal an seiner Beobachtungsgabe und seinen legendären kleinen grauen Zellen.
Das klingt doch ganz spannend. Aber Michael Green, der auch für Branaghs vorherige Poirot-Filme die Drehbücher schrieb, gelingt es nie, Poirots Ermittlungen und Überlegungen nachvollziehbar zu erzählen. Allerdings, das muss gesagt werden, haben Green und Branagh dieses Mal kein Interesse an einem konventionellem Rätselkrimi. Sicher, Poirot sucht den Täter, er verhört die Anwesenden, dröselt die Hinweise auf und enttarnt am Ende den Täter. Aber dieses Mal versammelt er dafür nicht, wie wir es bei einem Rätselkrimi erwarten, alle Tatverdächtigen und Anwesenden in einem Raum und präsentiert ihnen ein halbes Dutzend verschiedener Täter, ehe er, zu unserer Verblüffung, den wahren Täter enthüllt. In „A Haunting in Venice“ geschieht die Enttarnung des Mörders quasi nebenbei.
Branagh erzählt die Tätersuche und Enttarnung des Mörders so lustlos und chaotisch, dass wahrscheinlich niemand diesen Teil des Films nacherzählen kann. Es kann auch nicht mitgerätselt werden.
Als Rätselkrimi ist „A Haunting in Venice“ ein ziemlicher Totalausfall.
Aber schon in den ersten, sehr atmosphärischen Minuten entwirft Branagh ein Bild von Venedig als Geisterstadt, in der Maskierte und Tote in Gondeln durch die Stadt gleiten. Nach dem Mord ermittelt Poirot in einem sehr dunklem Palazzo. Fast jedes von Branaghs Stammkameramann Haris Zambarloukos aufgenommene Bild ist schräg und arbeitet mit teils extrem verschobenen Perspektiven. Unterbrochen von wenigen exzessiven Kamerafahrten und vielen desorientierenden Schnitten. Das bedient durchgehend die Klaviatur des Gothic-Horrorfilms.
Als sich wenig um erzählerische Konventionen kümmernder Horrorfilm voller echter und falscher Gespenster ist „A Haunting in Venice“ ziemlich gelungen.
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Und jetzt zur Vorlage: Agatha Christies „Die Halloween-Party“. In seinem Vorwort zur Neuausgabe schreibt Michael Green, er habe einen Mord begangen und das Opfer sei Agatha Christies drittletzter Hercule-Poirot-Roman „Die Halloween-Party“. Denn die Verfilmung hat mit dem Roman, bis auf einige zufällige und vermeidbare Ähnlichkeiten und Namen, nichts zu tun.
Während einer von Rowena Drake in ihrem Haus für die Kindes des Dorfes Woodleigh Common veranstalteten Halloween-Party, behauptet die dreizehnjährige Joyce Reynolds, sie habe vor längerer Zeit einen Mord beobachtet. Das sei ihr damals nicht bewusst gewesen. Kurz darauf ist sie tot. Sie wurde in der Bibliothek des Hauses in einem für ein Spiel mit Wasser gefülltem Metalleimer ertränkt.
Die Krimiautorin Ariadne Oliver (ja, sie könnte Agatha Christie sein), die während der Tatzeit in Drakes Haus war, bittet ihren Freund Hercule Poirot um Hilfe. Er soll den Täter finden.
Poirot beginnt in dem Dorf mit der Mördersuche. Dabei will er auch herausbekommen, ob Joyce einen Mord beobachtet hat und, wenn ja, wer das Opfer und wer der Täter ist.
„Die Halloween-Party“ (bzw. früher „Die Schneewittchen-Party“ oder, im Original, „Hallowe’en Party“) ist einer von Agatha Christies letzten Romanen. Und er hat nicht die Qualität ihrer früheren Geschichten. Die Figuren sind blass. Der Rätselplot ist bestenfalls solala. Und am Ende wird der Täter, wie in der Verfilmung, nicht in einer großen Versammlung aller Tatverdächtigen enttarnt. Er wird auf frischer Tat ertappt.
A Haunting in Venice(A Haunting in Venice, USA 2023)
Regie: Kenneth Branagh
Drehbuch: Michael Green
LV: Agatha Christie: Hallowe’en Party, 1969 (Die Schneewittchen-Party; Die Halloween-Party, und neuerdings A Haunting in Venice)
mit Kenneth Branagh, Kyle Allen, Michelle Yeoh, Camille Cottin, Jamie Dornan, Tina Fey, Jude Hill, Ali Khan, Emma Laird, Kelly Reilly, Riccardo Scamarcio
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage in der Filmausgabe
Agatha Christie: A Haunting in Venice
(übersetzt von Hiltgunt Grabler) (mit einem Vorwort von Michael Green)
Atlantik, 2023
256 Seiten
14 Euro
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Ältere deutsche Titel
Die Schneewittchen-Party (ursprünglicher Titel)
Die Halloween-Party (Titel der Neuausgabe von 2018)
Vor drei Jahren erfuhr Maria Zimmermann, dass sie im „Autistischen Spektrum“ sei. Das war, einerseits, für sie eine Erleichterung. Schließlich erklärte die Diagnose warum sie seit ihrer Kindheit immer Schwierigkeiten mit der normalen, alltäglichen Welt hatte und sich in ihr immer falsch verhielt. Andererseits fragte sie sich, was denn Autismus sei. Sie besorgte sich Bücher darüber. Und war von keinem restlos begeistert. Gleichzeitig versuchte sie anderen Menschen ihren Autismus zu erklären. Denn, so Zimmermann in „Anders nicht falsch“: „Wer eine Autistische Person kennt, kennt nur eine Autistiche Person.“
Und so begann sie ein Buch zu schreiben, das vor allem ihren Autismus, ihre Sicht und Wahrnahme der Welt erklärt. Selbstverständlich skizziert sie dabei auch, wo sie sich von anderen Menschen im Autistichen Spektrum unterscheidet und wo nicht.
Ihr inzwischen schon in der dritten Auflage erschienenes Buch „Anders nicht falsch“ ist kein trockenes Sachbuch oder eine textlastige Biographie, sondern ein kurzes, knackiges Buch mit kurzen Texten, einfachen Sätzen und aussagekräftigen Zeichnungen.
Maria Zimmermann wurde 1991 in Zürich geboren. Sie studierte an der Zürcher Hochschule der Künste und schloss es mit der Diplomarbeit „299 Kleider“ ab. Seit 2018 arbeitet sie als Textilkünstlerin.
In „Street Cop“ erzählt Avantgarde-Autor Robert Coover die Geschichte eines etwas einfältigen Polizisten, der lieber in der Vergangenheit als in der Gegenwart leben möchte. Weil er Computer nicht versteht. Weil er in einem dystopischen New York lebt, das sich ständig verändert. Nicht auf die harmlose Art, die uns allen vertraut ist, sondern „einmal um den Block herum und der Block war ein anderer“. „Sein letzter Partner verschwand, zusammen mit einem Gebäude, das er eben erst betreten hatte und das, genau wie sein Partner, auch nie wieder gesehen wurde.“
Jetzt soll er einen Mord aufklären. Wenn er am Tatort ist, bevor der Tatort und die Leiche verschwunden sind.
Coover entwirft eine Noir-Cyberpunk-Welt, in der der Street Cop besinnungslos durch eine Welt ohne Gewissheiten, voller Überraschungen und Absurditäten taumelt.
„Street Cop“ ist eine etwas längere, sehr witzige und anspielungsreiche Kurzgeschichte, die gerade wegen ihrer Kürze gefällt. Art Spiegelman („Maus“) illustrierte die Geschichte.
Das Buch enthält auch ein informatives Gespräch zwischen Robert Coover und Art Spiegelman über „Street Cop“.
Weil es in Christian Hardinghaus‘ neuem Buch „Kriegspropaganda und Medienmanipulation“ auch und vor allem um Propaganda und Krieg geht, kommen wir nicht um das Bonmot „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ herum. Denn natürlich will jede Seite sich in so einem Konflikt als besonders Gut und den Gegner als besonders Böse darstellen. Es handelt sich um Schwarzweiß-Malerei, die der Mobilisierung der eigenen Seite dient. Die Äußerungen der Gegenseite werden dann oft als Propaganda bezeichnet. Denn Propaganda ist im Volksmund ein anderes Wort für Lügen.
Hardinghaus benutzt in seinem Buch den Begriff „Propaganda“ dagegen neutral und weitgehend Synonym mit positiv besetzten, heute üblichen Begriffen wie „Politische Kommunikation“, „Public Relations“ und „Öffentlichkeitsarbeit“. Es geht um zielgerichtete Kommunikation mit dem Ziel, die öffentliche Meinung im Sinne des Redners (oder Senders) zu beeinflussen. Hardinghaus verengt diese Definition auf die Kommunikation von Regierungen. Weil normalerweise Staaten gegeneinander Kriege führen, ist eine solche Engführung im Fall der Kriegspropaganda nachvollziehbar.
Aber Kriegspropaganda ist ein Sonderfall der politischen Kommunikation, weil Kriege, also bewaffnete Konflikte zwischen zwei oder mehr Staaten, selten sind.
Es gibt auch Kriege innerhalb eines Staates. Dann wird von einem Bürgerkrieg gesprochen. Aber die an die Öffentlichkeit gerichtete Kommunikation von Bürgerkriegsparteien fällt nicht unter diese Definition, weil mindestens eine Konfliktpartei keine Regierung eines Staates ist. Es sind Freiheitskämpfer (Selbstbeschreibung) oder Terroristen (Fremdbeschreibung). Und sie kämpfen in einem Land um die Macht.
Ebenso fällt die Kommunikation von Parteien (also den Oppositionsparteien) und nichtstaatlichen Gruppen, die gegen den Regierungskurs protestieren, nicht unter diese Defintion von Propaganda. Das sind, um nur die zuletzt in Deutschland aktiven Gruppen zu nennen, Gruppierungen wie die „Querdenker“, „Corona-Leugner“, „Reichsbürger“ oder auch „Putin-Versteher“.
Dabei bedienen sich diese Gruppen auch den Mitteln der Propaganda, die Hardinghaus im dritten Kapitel lexikalisch aufzählt. Er nennt 75 Formen und Techniken der Propaganda. Er beschreibt sie kurz und meistens ohne konkrete Beispiele. Unklar ist bei dieser Sammlung von Methoden auch, welche öfter, welche seltener und welche erfolgreicher angewandt werden.
Bei diesem Lexikon fällt auf, dass jede „Propagandatechnik der Täuschung“, wie „Anekdotische Evidenz“, „Framing“ und „Gaslighting“, in der politischen Kommunikation von allen Gruppen, die sich an der politischen Kommunikation beteiligen, angewandt wird. Unterschiede ergeben sich erst bei der Art der Anwendung dieser Techniken (auf die Hardinghaus nicht eingeht) und welche Regierungen sie anwenden. Es ist ein Unterschied, ob sie in einer Demokratie oder einer Diktatur angewandt werden. Aber auch darauf geht Hardinghaus nicht ein. Einige Methoden, wie die Benutzung von „Fake News“ werden in Demokratien eigentlich nur von Systemgegnern benutzt. Sie wollen Demokratien destabilisieren.
Im vierten und fünften Kapitel, die zusammen über die Hälfte des 232-seitigen Buches ausmachen, stellt Hardinghaus kurz verschiedene Fälle von Kriegspropaganda vor. Die ältesten Beispiele sind aus dem Ersten Weltkrieg. Die neuesten aus dem Ukraine-Krieg. Hier geht er auf die russische und die ukrainische ‚Propaganda‘ und die Berichte deutscher Medien über den Krieg ein. Ihm fehlt hier vor allem eine Auseinandersetzung mit der russischen Perspektive. Bei den von ihm gewählten Beispielen handelt es sich meist um bekannte Fälle, die er kurz zusammenfasst. Entsprechend oft, beim Vietnamkrieg, dem Zweiten Golfkrieg, dem Kosovo-Krieg und dem Irakkrieg, konzentriert er sich dabei auf die politische Kommunikation der USA. Er verzichtet weitgehend auf aussagekräftige Zitate, die zeigen könnten, welche Propagandatechniken wie angewandt wurden. Am Ende muss ihm geglaubt werden, dass seine Darstellung der Ereignisse der Wahrheit entspricht..
Dabei beginnt das Buch mit der Ankündigung, dass die Leser „von der Pike auf lernen können, was Propaganda war und ist und wie Sie ihre manipulativen Techniken in Zukunft erkennen und selbst entlarven können“.
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Christian Hardinghaus: Kriegspropaganda und Medienmanipulation – Was Sie wissen sollten, um sich nicht täuschen zu lassen
Letztes Jahr sagte Don Winslow, „City on Fire“ sei der Auftakt einer Trilogie und dass dies seine letzten drei Bücher seien. Der zweite Band der Trilogie, „City of Dreams“, wurde jetzt veröffentlicht. Der abschließende Band „City of Ashes“ erscheint nächstes Jahr. Als „City on Fire“ veröffentlicht wurde, hatte er schon alle die drei Romane der Trilogie geschrieben. Seine Zeit, so Winslow, werde er dem Kampf gegen Donald Trump widmen. Das sei wichtiger als ein weiterer Roman. Es geht ihm (und vielen anderen US-Amerikanern) darum, Trump für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen und Trumps Wiederwahl zu verhindern. Angesichts aktueller Umfragen ist das eine riesige Aufgabe, die hoffentlich noch vor der nächsten Wahl zu hohen Haftstrafen für Trump und seine Gefolgsleute führt. – Und vielleicht schreibt Don Winslow, das sage ich jetzt, danach weiter.
Bis dahin gibt es die Saga um Danny Ryan, einem Mitglied der irischen Mafia von Providence, Rhode Island.
In „City on Fire“ wurde aus einer Liebesgeschichte ein Gangsterkrieg. Ein Mitglied der irischen Mafia verliebt sich im Sommer 1986 in die Frau eines Mitglieds der italienischen Moretti-Mafia-Familie und spannt sie ihm aus. Damit endet die bis dahin über viele Jahre etablierte friedliche Ko-Existenz zwischen den beiden Verbrecherfamilien. Der sich daraus entwickelnde Gangsterkrieg endet, mit einigen Umwegen, in einem Blutbad.
„City of Dreams“ schließt unmittelbar an „City on Fire“ an. Danny Ryan, inzwischen Boss des irischen Verbrechersyndikats, und seine überlebenden Männer flüchten aus Rhode Island. Sie tauchen an verschiedenen Orten in den USA unter und versuchen, nicht aufzufallen. Denn sie werden immer noch vom FBI und der Moretti-Familie gesucht. Es geht dabei um Heroin im Wert von zwei Millionen Dollar, das Danny ins Meer geworfen hat. Aber das Wissen seine Verfolger nicht. Sie glauben, dass er das Heroin mitgenommen hat. Das FBI verdächtigt sie außerdem, den korrupten FBI-Agenten Phil Jardine getötet zu haben.
Während in „City on Fire“ die Ereignisse immer etwas forciert und zufällig wirkten, ergeben sie sich dieses Mal stärker und folgerichtiger aus den Handlungen der einzelnen Akteure. Gleichzeitig herrscht über weite Teile des Romans ein in einem Thriller unbekanntes Gefühl des Stillstands. Denn die Verbrecher müssen zuerst untertauchen. D. h. nicht auffallen. Und danach Geld verdienen, ohne aufzufallen oder irgendwie in den Fokus der Polizei zu geraten. Dabei haben sie keine Ahnung, wie lange sie ein unauffälliges bürgerliches Leben führen müssen. Einige finden sogar Gefallen an diesem für sie vollkommen neuem Leben.
Gleichzeitig entwirft Don Winslow ein Porträt der damaligen USA.
So fragt der für eine klandestine, aber sehr einflussreiche US-Behörde arbeitende Brent Harris Danny, ob er und seine Männer Domingo Abbarca, das Oberhaupt des Baja-Kartells, bestehlen wollen. Sie dürfen die Hälfte der Beute, mehrere Millionen US-Dollar, behalten. Das Geld können sie gut gebrauchen. Außerdem verspricht Harris ihnen Immunität vor einer Strafverfolgung. Danny ist einverstanden. Der Überfall endet mit einer erklecklichen Beute, einigen Toten und neuen Feinden.
Über einige Umwege landet Danny dann in Los Angeles. Hollywood dreht gerade einen Spielfilm über den Gangsterkrieg von Providence. Weil zwei von Dannys früheren Männern die Produktion gefährden, soll Danny mit ihnen reden. Das Gespräch endet damit, dass Danny ein Mitproduzent des Films wird.
Neben Dannys Geschichte, zu der auch sein zweijähriger Sohn, sein zunehmend pflegebedürftiger Vater und seine bestens vernetzte, in Las Vegas lebende Mutter gehören, erzählt Don Winslow mindestens ein halbes Dutzend weiterer Geschichten über Dannys Freunde, seine staatlichen und nicht-staatlichen Verfolger und den Menschen, denen sie begegnen. In knappen Szenen wechselt er spannungssteigernd zwischen den einzelnen Plots, ohne dass man als Leser jemals den Überblick verliert. Jede einzelne Figur ist schnell wiedererkennbar. Trotzdem wäre ein umfangreiches Personenregister hilfreich.
Durch die vielen, oft parallel nebeneinander verlaufenden Plots wird die zwischen 1988 und 1991 spielende Geschichte auch etwas episodisch und es wird immer deutlicher, dass diese Trilogie wirklich eine Trilogie im traditionellen Sinn ist. Oder ein großer Roman, der in diesem Fall auf drei Bücher aufgeteilt wurde.
Deshalb sollten sie – auch wenn ich den Abschluss der Trilogie noch nicht kennen – in einem Rutsch gelesen werden.
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Don Winslow: City of Dreams
(übersetzt von Conny Lösch)
HarperColllins, 2023
368 Seiten
24 Euro
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Originalausgabe
City of Dreams
William Morrow, New York, 2023
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Wieder erhältlich
„Die Sprache des Feuers“ ist einer der Romane, mit denen Don Winslow bei Krimifans seinen Ruf als einen der besten zeitgenössischen Krimiautoren weiter festigte und das breitere Publikum ihn entdeckte. Seinen endgültigen Durchbruch hatte er in den USA mit dem Epos „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005), einer Jahrzehnte umspannenden Saga über den US-amerikanischen ‚war on drugs‘ in Südamerika und wie er scheiterte. In „Das Kartell“ (The Cartel, 2015) und „Jahre des Jägers“ (The Border, 2019) erzählte er die Geschichte weiter. In der deutschen Ausgabe umfasst die Saga insgesamt zweitausendfünfhundert Seiten.
Dagegen ist „Die Sprache des Feuers“ ein kleiner Kriminalroman. Im Mittelpunkt des Einzelromans steht Jack Wade, Schadensregulierer der California Fire and Life Mutual Insurance. Als das Anwesen des Immobilienmoguls Nicky Vale abbrennt und dabei seine jüngere Frau, die 34-jährige Pamela Vale, verbrennt, glaubt Wade an einen Mord, der mit einem Brand vertuscht werden soll. Er beginnt Beweise für seine Vermutung zu suchen – und er stößt in das sprichwörtliche Wespennest, das wir so ähnlich bereits aus anderen in Kalifornien spielenden Hardboiled-Krimis kennen und lieben.
„Die Sprache des Feuers“ ist einer der Romane, mit denen man problemlos sein Don-Winslow-Fantum beginnen kann.
„It’s a fascinating study by an insurance investigator into a fire which he believes was arson to hide a murder. The book won Don Winslow the Shamus award.“ (Mike Ashley, Hrsg.: The Mammoth Encyclopedia of Modern Crime Fiction, 2002)
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Don Winslow: Die Sprache des Feuers
(übersetzt von Chris Hirte)
HarperCollins, 2023
432 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
California Fire & Life
Simon & Schuster, Inc., New York, 1999
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Deutsche Erstausgabe des Romans und dieser Übersetzung
Vier Jahre nach den Ereignissen in Steve Altens Thriller „Meg“ (die Verfilmung nimmt sich da einige Freiheiten) fristet ein Carcharodon Megalodon, kurz Meg, in einer riesigen künstlichen Lagune in Monterey, Kalifornien, sein Dasein als Touristenattraktion. Der Megalodon ist ein riesiger Hai, der nicht vor Ewigkeiten, ungefähr zur Zeit der Dinosaurier, ausstarb, sondern im Marianengraben überlebte. Der Hai lebt dort in über zehn Kilometern Tiefe in einer warmen Wasserschicht, über der kaltes Wasser ist. Das eiskalte Wasser hinderte ihn am Auftauchen. Bis die Menschen in seinen Lebensbereich eindrangen und ihn aus seinem natürlichen Lebensbereich herauslockten. Mit fatalen Folgen für etliche Boote und Menschen, die zu Fischfutter wurden.
Eines Tages bricht Angel, so heißt der in Gefangenschaft lebende zweiundzwanzig Meter große, 28 Tonnen schwere Hai, aus. Ehe er sich auf seinem Weg nach Norden durch die Strände an der Ostküste der USA frisst und dabei nicht unterscheidet zwischen anderen Fischen, Menschen und Boten, versucht Jonas Taylor ihn wieder zu fangen. Genaugenommen will er ihn dieses Mal nicht fangen, sondern töten.
Währenddessen wird seine Frau Terry, die aus „Meg“ bekannte Tochter von Masao Tanaka, dem vermögenden Gründer des Tanaka Oceanographic Institute, von dem milliardenschwerden Energiemagnaten Benedict Singer gebeten, herauszufinden, was mit einem Mini-U-Boot und einigen unbemannten nautischen Informationssonden im Marianengraben geschah. Um an die Daten von dem für vier Männer tödlichen Unfall heranzukommen, muss sie in ein sich im Mariannengraben befindendes U-Boot in das ursprüngliche Jagdrevier des Riesenhais begeben. Das müssen wir einfach als eine Mischung aus altmodischer Computertechnik (der Roman erschien vor über zwanzig Jahren) und Suspension of Disbelief akzeptieren. Denn wenn Terry nicht in das U-Boot geht, kann Singer seinen bösen Plan nicht ausführen. Singer ist einer der typischen, skrupellosen, vermögenden James-Bond-Bösewichter.
Neben dem Meg sind noch einige andere sehr, sehr große Fische im Mariannengraben, vor allem in dem titelgebenden und für Singer wichtigen „Höllenschlund“. An dem Ort begegnete Jonas vor elf Jahren erstmals dem Megalodon.
In seinem Debütroman „Meg“ erzählte Steve Alten eine Geschichte. Es handelt sich um eine klassische Urviecher-gehen-auf-Menschen-los-Geschichte. Die Fortsetzung „Meg: Höllenschlund“, die vollkommen unabhängig von „Meg“ gelesen werden kann, erzählt parallel zwei Geschichten. Jonas‘ Geschichte ist eine Jagdgeschichte. Er will nur den aus der Lagune geflüchteten Fisch fangen, ehe er zu viele andere Fische, Menschen und Boote vernichtet. Und er will, weil Angel gerade brünstig ist, verhindern, dass der Hai sich paart und Nachkommen zeugt. Alten wechselt bis zum Finale zwischen diesen beiden Erzählsträngen.
Beide Bücher sind Thriller, Pageturner und…früher nannte man sie Strandkorb- oder Airportlektüre. In jedem Fall sind es Schmöker für einen laaangen Nachmittag außerhalb der Hai-Gefahrenzone.
Am Donnerstag, den 3. August, läuft die Verfilmung „Meg 2: Die Tiefe“ an. Nach den Trailer sieht der Filme mehr wie ein Remake von „Meg“ mit mehr Urviechern als wie eine sklavische Verfilmung von Altens Roman aus. Weil es trotz einem an der Kinokasse erfolgreichem Teil, einer guten Besetzung (Jason Statham spielt wieder Jason Taylor) und einem guten Regisseur (Ben Wheatley) keine Pressevorführung gab, wird es keine Besprechung des Films geben.
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Steve Alten: Meg: Höllenschlund
(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)
Heyne, 2018
9,99 Euro (E-Book; die gedruckte Ausgabe ist nicht mehr erhältlich)
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Originalausgabe
The Trench
Kensington Books, 1999
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Die Verfilmung
Meg 2: Die Tiefe (Meg 2: The Trench, USA/Volksrepublik China 2023)
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Jon Hoeber, Erich Hoeber, Dean Georgaris
LV: Steve Alten: The Trench, 1999 (Meg: Höllenschlund)
mit Jason Statham, Wu Jing, Sophia Cai, Page Kennedy, Sergio Peris-Mencheta, Skyler Samuels, Cliff Curtis
Tommy Logan ist im Viertel der aufstrebende Gangster. Ein Ire, der wie ein kolumbianischer Gangster denkt und der vollkommen skrupellos ist. So beschreibt ihn jedenfalls ein Spitzel gegenüber Detective Sergeant Brant von der Metropolitan Police. Danach steht Logan auf Brants Watchlist.
Zur gleichen Zeit sagt der in einer verwüstenden Wohnung liegende Tony Roberts seinem Bruder, Chief Inspector Roberts, dass Tommy Logan für seine lebensgefährlichen Verletzungen verantwortlich ist. Sekunden später ist er tot. Roberts verspricht, ihn zu rächen – und alle, die das von Ken Bruen erfundene Polizistenteam Brant/Roberts kennen, wissen, dass in dem Moment Logans Chancen auf ein erfülltes Verbrecherleben und einen beschaulichen Lebensabend rapide sinken.
Während Brant und Roberts sich Logan vorknöpfen, soll ihre Kollegin WPC Falls, schwarz, schön und fies aussehend, den Lockvogel für den Clapham-Vergewaltiger spielen. Der Serientäter hat es auf afrokaribische Frauen abgesehen.
Es ist also, wieder einmal, einiges los in London im Revier von Brant und Roberts. Und Noir-Poet Ken Bruen erzählt das gewohnt pointiert, sarkastisch und mit ätzendem schwarzen Humor. Da ist jeder Satz ein Treffer.
Eine Kostprobe gefällig? Zum Beispiel dieses Gespräch zwischen Brant und Roberts:
Brant sagte: „Ihr Schützling, der Schotte, hofft, mich dranzukriegen.“
„McDonald?“
„Ja, der.“
„Sie sind paranoid, Sarge, der ist in Ordnung.“
„Ich hab’s gehört, wie der Super ihn beauftragt hat.“
Roberts trank einen Schluck, sagte: „Klar, wie haben sie das gemacht…sein Büro verwanzt?“
„Ja.“
Das musste erst mal sacken. Dann Ungläubigkeit. „Nein…so verrückt sind nicht mal Sie!“
Das sind die guten Jungs.
„McDead“ ist, wie die anderen Brant/Roberts-Polizeiromane, meilenweit von jeglicher „Tatort“- und SOKO-TV-Heimeligkeit und den gängigen deutschen Kommissar-Romanen (Polizeiromane sind es ja eher nicht) entfernt. Und das ist gut so.
Mit „McDead“ liegt Ken Bruens „The White Trilogy“ vollständig auf Deutsch vor. Sie umfasst die ersten drei Brant-Romane „Saubermann“. „Aliens Bändigung“ und „McDead“. „Ammunition“, der siebte und letzte Kriminalroman mit Detective Sergeant Brant ist für Juni 2024 angekündigt.
Ken Bruen ist der Erfinder des in Galway ermittelnden Privatdetektivs Jack Taylor. Die Taylor-Romane wurden mit Shamus-, Barry- und Macavity-Award ausgezeichnet. Zwei waren für den Edgar Allan Poe Award nominiert.
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Ken Bruen: McDead
(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Peter Henning)
Hauptkommissar Vincent Veih verbringt mit seiner Kollegin und inzwischen auch Freundin Melia Adan in Berlin ein gemeinsames Wochenende. Das Programm für verliebte Paare wird von Melias Vater, ein sich ‚im Ruhestand‘ befindender einflussreicher Politiker, gestört. Er bittet sie zu einem Gespräch mit der Bundeskanzlerin Ute Frings-Fassbinder. Sie wird von Tristan Bovert erpresst. Er ist Staatssekretär im Kanzleramt und Geheimdienstbeauftragter der Bundesregierung. Die Kanzlerin möchte, dass Adan ihr beim Beschaffen der Beweise gegen ihren Erpresser hilft.
Zur gleichen Zeit werden in Düsseldorf auf dem Gelände des ehemaligen Kaufhof am Wehrhahn, das von Immobilientycoon Hartmut Osterkamp gewinnbringend umgebaut wird, Teile einer zerstückelten Leiche entdeckt. Veih beginnt in dem Fall zu ermitteln. Er entdeckt dabei Jahre zurückreichende Verbindungen zwischen dem Toten, dem TV-Moderator Christoph Urban und rechten Netzwerken zwischen Politik und Großkapital.
Urban arbeitete früher als Sportreporter im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Nach seiner Entlassung betrieb er einen rechtspopulistischen YouTube-Kanal. Inzwischen ist er mit seiner Talkshow „Urban direkt“ auf dem TV-Sender Deutschland-TV der Quotenbringer. Finanziert wird der Sender und damit auch seine Sendung von dem Milliardär Hartmut Osterkamp. Dieser bietet Urban die Führung einer sich in Gründung befindenden rechtskonservativ-nationalistischen Partei an. Die Partei soll bei der nächsten Bundestagswahl antreten und diese Wahl wird bald kommen. Denn, so versichert er Urban, die Kanzlerin werde innerhalb der nächsten Tage zurücktreten. Das wisse er aus einer sehr zuverlässigen Quelle.
In ihrem vierten gemeinsamen Fall stehen die beiden Mordermittler Melia Adan und Vincent Veih eher an der Seitenlinie. Für den Mordfall interessiert Horst Eckert sich in „Die Macht der Wölfe“ kaum. Beim Erpressungsplot hat Adan nur eine kleine Rolle als Beschafferin von Überwachungstechnik und Begleiterin zu einer Familie. Im Zentrum seines neuesten Polit-Thrillers steht der Versuch Russlands, Deutschland zu destabilisieren, das Vertrauen in die Demokratie zu untergraben und eine Russland-hörige Regierung einzusetzen. Dafür bedient sich der Geheimdienst eines breiten Geflechts unterschiedlicher über Geld, Macht und Einfluss verfügender Männer.
Protagonist der Geschichte ist letztendlich Christoph Urban. Der TV-Journalist ohne politische Erfahrung soll zuerst vom rechten Polit-Journalisten zum Parteivorsitzenden einer auf ihn zentrierten Partei und dann zum Bundeskanzler gemacht werden. Er genießt bei Parteiveranstaltungen den Zuspruch aus dem Volk. Er stellt allerdings auch schnell fest, dass Osterkamp und seine Vertrauten ihm sagen, was er über Russland und andere Themen sagen kann. Er muss sich entscheiden, ob er das will und ob er den Preis dafür zahlen möchte.
Eckert erzählt, gewohnt nah an den aktuellen Schlagzeilen entlang, wie ein solcher Regime Change stattfinden könnte. Dabei gelingt es ihm, dass die Faschisten, Nazis und Rechtsextremisten bei ihm vernünftiger klingen als in anderen deutschen Krimis, in denen sie zu grenzdebilen, Floskeln absondernden Dumpfbacken werden.
Die Gruppe Konservativer, die den Umsturz plant, erinnert beim Lesen an die Gruppe Reichsbürger um Heinrich XIII. Prinz Reuß, die Anfang Dezember 2022 verhaftet wurden. Eckert hat das Manuskript für „Die Macht der Wölfe“ bereits im November abgegeben.
Die Spannung entsteht dieses Mal gerade aus dem Wissen, was geplant ist und der Frage, ob Veih und Adan das Schlimmste verhindern können. Denn natürlich sind die beiten Mordermittler nicht nur unbeteiligte Zuschauer.
In seinem Rundbrief hat Horst Eckert bereits seinen nächsten Roman angekündigt. Er erscheint nächstes Jahr und er hat eine neue Hauptfigur. Mehr will Eckert noch nicht verraten.
Nach vier Adan/Veih-Romanen in Folge und davor bereits drei aufeinander folgenden Vincent-Veih-Romanen ist das eine willkommene Rückkehr zu seinen Anfängen. Denn vor den sieben Romane mit Vincent Veih als Hauptfigur, die nur von „Der Preis des Todes“ (2018) unterbrochen wurde, hatte jeder seiner Romane eine andere Hauptfigur. Die Kontinuität zwischen den Romanen wurde hergestellt durch den Handlungsort Düsseldorf, dass KK11 (Kommissariat für Todesermittlungen) und immer wiederkehrenden Figuren, wie den in „Die Macht der Wölfe“ kurz vor der Pension stehenden Kriminaldirektor Ben Engel. Am Anfang des Romans ist noch unklar, wer sein Nachfolger wird, aber Veih wird von Engel schon einmal darauf hingewiesen, dass Liebesbeziehungen zwischen Vorgesetzten und direkten Untergebenen heute nicht mehr geduldet werden.
Fünf Morde werden ihm zugeschrieben. Heute, über 130 Jahre nach seinen Taten, ist seine Identität immer noch unbekannt. Dafür ist er ein popkultureller Mythos und es gibt zahlreiche mehr oder weniger plausible Theorien über seine Identität. Alan Moore fabulierte, zusammen mit Zeichner Eddie Campbell, in seinem Comic-Klassiker „From Hell“ über die Identität von Jack the Ripper.
Jahrzehnte früher fabulierte Victor von Falk in „Jack der Aufschlitzer – Das blutige Rätsel Londons“ über die Identität und Motive von Jack the Ripper. Ursprünglich erschien der Kolportage-Roman 1908 im A. Weichert Verlag als zehnter Band der „Sammlung interessanter Brigantenromane“ unter dem vollständigen Titel „Jack der Ausschlitzer – Das blutige Rätsel Londons. Eine Erzählung aus der Londoner Verbrecherwelt“. Der Jaron Verlag veröffentlichte ihn jetzt in seiner neuen Reihe „Jarons geheime Kriminalbibliothek“ wieder.
Von Falk behauptet im Vorwort, dass er an Dokumente gelangte, die die Identität von Jack dem Aufschlitzer enthüllten. Und am Ende des hundertsechzigseitigen Romans wissen wir, wer der Dirnenmörder ist und warum er die Freudenmädchen aufschlitzte.
Davor präsentiert von Falk verschiedene Figuren, deren Bedeutung für die Enthüllung des Aufschlitzers sich darin erschöpft, die Zeit bis zur Enthüllung des Täters zu verlängern. So beginnt der Roman mit zwei Kapiteln über die Familie Flint, der unglücklichen Heirat ihrer Tochter und dem Tod des Familienoberhaupts. Diese 28 Seiten spielen über zehn Jahre vor den ersten Taten von Jack dem Aufschlitzer und sie haben offensichtlich nichts mit ihm zu tun. Das nächste Kapitel spielt zwölf Jahre später. Eine Polizistin soll undercover Jack den Aufschlitzer, der im Londoner Stadtteil White Cheapel (so wird Whitechapel im Buch geschrieben) mordet, finden. Sie wird von ihm getötet. Eine Spur zum Täter gibt es nicht. Im nächsten Kapitel wird die Frau eines Briefträgers, die sich als Teilzeitprostituierte ein Zubrot verdient, getötet.
Erst als auf Seite 73 der aus Indien nach London zurückgekehrte Arzt Dr. Edgar Remender auftaucht, kehrt Ruhe in das Personenkarusell. Denn er stirbt nicht einige Seiten später, sondern er hilft dem Londoner Polizeidirektor Fred Gouvernant in dem Fall.
Diese Konstruktion, in der nicht zusammen hängende, in sich durchaus spannende Episoden aneinandergereiht werden, führt dazu, dass das anfängliche Interesse an einem Tätersuchspiel schnell erlahm. Es ist einfach nicht erkennbar, was die einzelnen Episoden mit dem Dirnenmörder zu tun haben. Und es ist auch nicht erkennbar, wer der Täter sein könnte. Im Vorwort behauptet von Falk, es sei ihm gelungen „Einsicht in Aktenstücke zu erlangen, die sonst nur den allerhöchsten Beamten der englischen Polizei zugänglich sind“. In seinem Roman werde er wahrheitsgetreu erzählen, was in den Akten stehe. Das weist auf einen Täter hin, dessen Identität unter keinen Umständen enthüllt werden darf. Und dieses Privileg geniesen nur sehr wenige Menschen oder Institutionen. Die Menschen, die von Falk in seinem Roman beschreibt, gehören eher nicht dazu.
So erlahmt das Interesse an der Enthüllung mit zunehmender Seitenzahl. Denn mit jeder gelesenen Seite wird es wahrscheinlicher, dass kein Täter präsentiert oder einer aus dem Hut gezaubert wird. Das ist am Ende nicht der Fall, aber es ist auch kein Täter, der eine größere Geheimhaltung bedarf.
Als Kolportageroman, der einen Einblick in das damalige Denken vermittelt, ist „Jack der Aufschlitzer – Das blutige Rätsel Londons“ vor allem für Fans historischer Geschichten einen Blick wert. Und er leuchtet die heute kaum bekannte und kaum erforschte Frühgeschichte der deutschen Kriminalliteratur ein wenig aus. Denn diese alten Kriminalromane sind heute höchstens noch antiquarisch erhältlich und die Autoren unbekannt.
Victor von Falk ist ein Pseudonym des Schriftstellers und Verlegers Hans Heinrich Sochaczewski (1861–1922).
„Jarons geheime Kriminalbibliothek“ wird von Mirko Schädel herausgegeben. Er veröffentlichte mehrere Bücher zur Frühgeschichte der deutschsprachigen Kriminalliteratur, wie „Illustrierte Bibliographie der Kriminalliteratur im deutschen Sprachraum von 1796 – 1945“ und „Spannung 90 Grad. 333 ausgewählte Schutzumschläge der deutschen Spannungsliteratur von 1912 – 1942“.
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Victor von Falk: Jack der Aufschlitzer – Das blutige Geheimnis Londons
(Jarons geheime Kriminalbibliothek Band 2, herausgegeben von Mirko Schädel)
Gut, im Moment haben wir nicht gerade vierzig Grad im Schatten. Es gewittert sogar ziemlich heftig und hier in Berlin ist eine Brücke immer wieder überschwemmt, aber das ändert nichts daran, dass Christopher Goldens neuer Roman „Road of Bones – Straße des Todes“ die perfekte für Abkühlung sorgende Sommerlektüre ist.
Felix ‚Teig‘ Teigland, ein junger, verschuldeter Dokumentarfilmer, und sein Freund und Gläubiger Jack Prentiss, wollen eine mit Geister- und Horrorgeschichten garnierte Reportage über die R504 Kolyma drehen. Es handelt sich um eine zweitausend Kilometer lange Schotterpiste in Sibirien. Erbaut wurde sie von Gulag-Häftlingen. Zwischen 250.000 und 1.000.000 Million Häftlinge sollen bei dem Bau gestorben sein. Deshalb wurde die Straße auch ‚Straße des Todes‘ genannt. Als Christopher Golden diese Geschichte hörte, wollte er, wie er mir in einem Gespräch sagte, eine spannende Geschichte über die Straße und die Gegend erzählen, bevor es jemand anderes macht.
Dort ist es im Sommer kalt. Im Winter ist es noch kälter. Ohne mehrere Lagen Kleider geht niemand auch nur eine Sekunde vor die Tür. Trotzdem leben dort einige Menschen. Und die beiden Dokumentarfilmer Teig und Prentiss wollen in der kalten Jahreszeit sogar den kältesten bewohnten Ord der Erde besuchen. Ihr Führer Kaskil, soll sie mit den dort lebenden Menschen bekannt machen. Sie treffen ihn in der Nähe von Magadan, einer Hafenstadt im Nordosten Sibiriens.
Als sie in Achust, dem Heimatdorf von Kaskil, eintreffen, sind alle vierhundert Einwohner spurlos verschwunden. Die Türen ihrer Häuser sind auf. Das Essen steht, gefroren, auf dem Tisch. Sie entdecken Spuren von nackten Füßen, die in den Wald führen.
Noch während sie darüber rätseln, was hier vorgefallen ist, werden sie von einem Rudel Wölfe überfallen. Es sind allerdings keine normalen Wölfe. Sie sind sehr schnell, ausdauernd, scheinbar unverletztlich und werden von einem geheimnisvollem Wesen, dem Parnee, einem Mischwesen aus Schamane und Geist des Waldes, angeführt.
Dieser kann die Gedanken der Menschen so beeinflussen, dasssie das tun, was er will. Zum Beispiel vom Essen aufstehen und ohne richtige Kleidung die Wohnung verlassen.
Als die Wölfe sie in dem Haus, in dem sie sich verschanzt haben, angreifen, beschließen sie, zum nächsten Ort zu flüchten.
„Road of Bones – Straße des Todes“ ist etwas kürzer als die anderen auf Deutsch erschienenen Horrorthriller von Christopher Golden. Das liegt daran, dass er sich in diesem Roman auf eine kurze Zeitspanne und wenige Menschen konzentriert. Er verzichtet auch auf Nebengeschichten und lange Rückblenden. Es geht in der Geschichte nur um eine Handvoll Menschen, die in einer eisigen Nacht um ihr Überleben kämpft. Ihre Chancen, den nächsten Tag zu erleben, sind denkbar schlecht. Denn sie können keine Hilfe rufen, die Umgebung ist menschenfeindlich und ihr Gegner übermächtig. Die Figuren, die Landschaft, das Klimia und die Bedrohung sind gewohnt überzeugend beschrieben.
Goldens neuer Horrorroman ist ein spanneder Thriller, der die Temperatur im Zimmer um einige Grad senkt.
In Deutschland ist der sehr produktive Suspense-Autor Christopher Golden, obwohl er immer beliebter wird, immer noch eher unbekannt. Seit 1995 hat er zahlreiche Horror-, Fantasy- und Thrillerromane geschrieben. Teilweise mit anderen Autoren wie Mike Mignola und Tim Lebbon, teilweise für bestehende Serien, wie die Vampirjägerin Buffy. Er schrieb auch Filmromane, wie „King Kong“, Comics und Jugendromane. Und er wechselt kontinuierlich zwischen Serien- und Einzelromanen. Seine Thriller standen auf der „New York Times“-Bestsellerliste. Sie wurden für den British Fantasy Award, den Eisner Award und, mehrmals, den Bram Stoker Award nominiert. Zu seinen Fans gehören Stephen King, George R. R. Martin, Jonathan Maberry, David S. Goyer, Tad Williams („Otherland“) und Josh Malerman („Bird Box“).
Christopher Golden: Road of Bones – Straße des Todes
(übersetzt von Johannes Neubert)
Cross Cult, 2023
336 Seiten
26 Euro
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Originalausgabe
Road of Bones
St. Martin’s Press, 2022
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Kriminalakte unterhält sich mit Christopher Golden und Kim Sherwood auf der Leipziger Buchmesse
Christopher Goldens Buchtipps
John Irving: A Prayer for Owen Meany, 1989 (Owen Meany)
S. A. Cosby: Blacktop Wasteland, 2020 (Blacktop Wasteland)
Tana French: The Secret Place, 2014 (Geheimer Ort)
Chris Cleave: Everyone Brave is Forgiven, 2016 (Die Liebe in diesen Zeiten)
Erik Larson: The Devil in the White City, 2003 (Der Teufel von Chicago: ein Architekt, ein Mörder und die Weltausstellung, die Amerika veränderte)
Das ist jetzt eine dieser kleinen, obskuren Geschichten aus der Welt des Films, die heute noch unbekannter als damals sind. Es geht um eine Entführung, einen Diktator und einen Monsterfilm.
Kim Jong-il, der Sohn von Kim Il-sung, dem damaligen Herrscher von Nordkorea, war ein großer Filmfan. Seine Lieblingsfilme waren anscheinend „Rambo“ (First Blood), „Freitag, der 13.“ und die James-Bond-Filme. Solche Filme wollte er in seinem Land drehen. Den richtigen Regisseur und die richtige Hauptdarstellerin hatte er auch schon. Es gab nur ein Problem: Shin Sang-ok und Choi Eun-hee lebten in Südkorea. Dort war das Paar mit ihren selbst produzierten Filme erfolgreich. Der Höhepunkt ihrer Popularität war in den fünfziger und sechziger Jahren.
Doch wie konnte er sie überzeugen, in Nordkorea zu arbeiten?
Seine Idee war dann eine Idee, die nur einem Diktator einfallen konnte. Anstatt sie zu fragen, ob sie für ihn einen Film drehen möchten, ließ er 1978 die Schauspielerin Choi Eun-hee in Hongkong entführen. Als ihr Ex-Mann Shin Sang-ok sie suchte, wurde er ebenfalls entführt.
Die nächsten Jahre verbrachten sie getrennt und ohne voneinander zu wissen in verschieden komfortablen Gefängnissen, in denen sie von den Vorzügen des nordkoreanischen Gesellschaftsmodell und den edlen Taten des Führers überzeugt wurden. 1983 sahen sie sich wieder. Kim Jong-il eröffnete ihnen, warum er sie entführen ließ: Sie sollen für ihn „Meisterwerke von internationalem Format“ inszenieren.
Der bekannteste Film, den sie in Nordkorea drehten ist „Pulgasari“, ein 1985 entstandener Monsterfilm, der überdeutlich von den „Godzilla“-Filmen beeinflusst und zwar trashig unterhaltsam, aber beileibe kein Meisterwerk ist.
Er interpretiert den jahrhundertealten koreanischen Mythos von Pulgasari (bzw. Bulgasari) neu. Pulgasari ist ein Eisen fressendes Monster, das die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Denn mit jeder Eisenmahlzeit wird er größer und hungriger. Im Film und im Comic wird er von Mina mit einem Tropfen ihres Blutes zum Leben erweckt. Sie ist die Tochter eines vom König entführten Schmieds. Dieser despotische König unterdrückt seine Untertanen, führt Kriege und zerstört beim Abbau von Eisenerz die Natur. Zum Herstellen von Schwertern benötigt er neben dem Eisen Schmiede, die ihm gute Waffen anfertigen. Und das soll Minas Vater für ihn tun. Mina hofft, mit Pulgasari ihren Vater befreien und den Despoten vernichten zu können.
Den Plot des Monsterfilms erzählen Zeichnerin Sheree Domingo und Szenarist Patrick Spät in ihrer Version der eben geschilderten Geschichte der Entführung der Schauspielerin und des Regisseurs nach. Dabei spiegelt die Geschichte des Monsterfilms auch die Geschichte von Choi Eun-hee und Shin Sang-ok und ihrem Kampf gegen ihren Entführer wieder. Insofern kommentiert und ergänzt gelungen die Geschichte von Pulgasari die des entführten Paares.
„Mme Choi & die Monster“ ist eine äußerst gelungene und unterhaltsame Liebeserklärung an die japanischen Monsterfilme und eine historischen Nachhilfestunde über eine ziemlich unglaubliche Entführung. Schließlich entführen Diktatoren normalerweise Systemgegner, die sie dann foltern, inhaftieren und töten.
Bekannt wurde die Geschichte, als Choi Eun-hee und Shin Sang-ok 1986 in Wien die Flucht in den Westen gelang.
Sommerzeit. Lesezeit für eine Abenteuergeschichte, die einen fremde Länder besuchen und gefährliche Abenteuer erleben lässt, ohne dabei die Hängematte verlassen zu müssen. Zum Beispiel mit der 2001 spielenden „Corto Maltese“-Geschichte.
Moment mal, werden jetzt einige ältere Semester sagen. Corto Maltese kenne ich. Aber der erlebte seine Abenteuer zu Beginn des 20. Jahrhunderts und traf immer wieder bekannte Persönlichkeiten, wie Rasputin, Jack London, Butch Cassidy, Joseph Roth und Marlene Dietrich (Nur Alan Moores Liga der außergewöhnlichen Gentlemen traf er nicht.). Hugo Pratt hat diesen Kapitän ohne Schiff und Glücksritter erfunden. Von 1967 bis 1991 erzählte er in zahlreichen Comics seine Abenteuer. 1995 starb Hugo Pratt.
Seit 2015 erzählen Juan Díaz Canales und Rubén Pellejero weitere Abenteuer des Seemanns. Und sie planen schon das nächste Abenteuer des Kapitäns.
2021 betraten Zeichner Bastien Vivès und Autor Martin Quenehen die „Corto Maltese“-Welt. Ihre Geschichte spielt in die Gegenwart. Das ist kein Problem. Denn Corto Maltese ist vor allem ein Archetyp und eine bestimmte Haltung zur Welt. Er ist ein Seemann, Glücksritter, Abenteurer, der mehr am Entdecken als am Geldverdienen interessiert ist. Deshalb solidarisiert er sich immer wieder mit den Schwachen. Und er hat in jedem Hafen mindestens einen Freund.
Die von Quenehen und Vivès erzählte Geschichte „Schwarzer Ozean“ beginnt im Chinesischen Meer. Corto Maltese hat auf einem kleinen Boot als Steuermann angeheuert. Dass er so bei einem Verbrechen hilft, stört ihn nicht. Aber als er mitbekommt, dass es nicht um irgendeinen Diebstahl von einem anderen Schiff geht, sondern die Passagiere dieser Yacht ermordet werden, haut er ab. Auf seiner Flucht kann er einen der Passagiere des anderen Schiffes retten. Gemeinsam fahren sie nach Tokio, wo Fukuda dann doch ermordet wird. Vor seinem Tod kann er Corto ein wertvolles Buch über einen verschwundenen Goldschatz der Inka geben.
Mit dem Buch als Schatzplan macht sich Corto auf den Weg nach Peru. In einer einsam in den Bergen gelegenen Mine will er den Schatz finden. An dem Schatz sind auch die ultra-nationalistische Terroristengruppe Black Ocean, die ihn schon seit Tokio verfolgt, und ein Drogenkartell interessiert.
Dabei ist für ihn der Weg zum Ziel ein großer, im Vergnügen bereitender Teil des Abenteuers. Vor allem wenn er eine gut aussehende Frau, wie die Kriegsreporterin Freya, wieder trifft und mit ihr auf einem Boot einige Tage verbringen kann.
Vivès und Quenehen erzählen ihre Geschichte als flotte Abenteuergeschichte, die angenehm an klassische Abenteuergeschichten erinnert. Es gibt, weil die Geschichte um 9/11 spielt, einen deutlich erkennbaren historischen Hintergrund. Aber in ihrem Herzen ist Cortos neus Abenteuer eine dieser Kolportage-Geschichten, in denen ein tapferer Einzelgänger (heute wäre es eine ganze Fußballmannschaft mit Frau, Kind und Kegel – und Oma und Opa) gegen Bösewichter kämpft, Freundschaften schließt, Menschen hilft und gut aussehende Frauen trifft, die sofort seinem Charme verfallen. Kein Wunder, wenn er wie der junge Alain Delon aussieht.
Heute werden solche Geschichten nicht mehr erzählt. In den Fünfzigern und Sechzigern, zum Beispiel mit Alain Delon und Lino Ventura in „Die Abenteurer“, schon. Und sie unterhielten uns, wenn wir sie als Teenager entdeckten, prächtig.
Das gilt auch für „Schwarzer Ozean“. Nach hundertsechzig kurzweiligen Seiten ist diese Geschichte zu Ende.
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Hugo Pratt/Martin Quenehen/Bastien Vivès: Corto Maltese: Schwarzer Ozean
Schon vor George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (Night of the Living Dead) tauchten Zombies in Horrorfilmen auf. Aber diese, zugegeben wenigen, lebenden Toten haben nichts mit den von Romero und seinem Drehbuchautor John A. Russo erfundenen lebenden Toten zu tun. Romero und Russo erfanden in dem Moment auch die Regeln, nach denen Zombies Menschen töten. Nämlich stumpf, mal einzeln, mal in Gruppen, auf ihr Opfer zuschlurfen und dann zubeißen. Und wie sie getötet werden. Mit einem Kopfschuss oder einer Enthauptung. Der Film wurde 1968 in den USA und drei Jahre später, 1971, in Deutschland veröffentlicht. Ihr Werk war auch eine äußerst rabiate Kritik am Vietnamkrieg und der US-Gesellschaft. Es sorgte für Kontroversen und war ein Hit, dem viele weitere, ähnliche Filme folgten. Die meisten dieser Filme sind inzwischen vergessen. Romero selbst drehte, teil mit jahrelangen Pausen, weitere Zombiefilme, von denen vor allem „Zombie“ (Dawn of the Dead; das ist der Zombiefilm, in dem die Menschen sich in einer Shopping-Mall vor den angreifenden Zombies verstecken) einflussreich war.
Die erste große Zombiewelle, die damals durch die Kinos schwappte, ebbte in den ausgehenden achtziger Jahren ab.
Mit „28 Days later“, „Shaun of the Dead“ und Robert Kirkmans Comicserie „The Walking Dead“ kehrten die Zombies in den frühen Nuller-Jahren zurück in das öffentliche Bewusstsein. Mit der erfolgreichen TV-Serie „The Walking Dead“ (die Niasseri nicht gefällt) eroberten sie 2010 sogar das Fernsehen. Das diee und andere Zombieserien im Fernsehen gezeigt wurden, sagt einiges über den gesellschaftlichen Wandel in den vergangenen fünfzig Jahren. Denn ein richtiger Zombiefilm ist ein blutiges Massaker, das nicht von Kindern gesehen werden sollte.
Mit „Shoot ‚em in the Head“ schrieb „Rolling Stones“-Redakteur Sassan Niasseri jetzt „Eine Film- und Seriengeschichte der Zombies“. Beginnend mit der „Nacht der lebenden Toten“ rekapituliert er die Geschichte des Zombiefilms in den vergangenen über fünfzig Jahren. Ausführlich geht er selbstverständlich auf Romeros Zombiefilme und die unmittelbar mit diesen Filmen zusammenhängenden Filme ein.
Er streift auch die mit den Zombiefilmen und anderen harten Horrorfilmen aus den Siebzigern und Achtzigern untrennbar verbundene Zensurgeschichte. Mit dem Aufkommen der Videocassette gab es erstmals die Möglichkeit, problemlos in der eigenen Wohnung ungeschnittene Fassungen von Filmen zu gucken, die im Kino nur von Erwachsenen gesehen werden durften. Moral- und Sittenwächter, die eine Verrohung der Kinder befürchteten, begannen panisch diese Filme großflächig zu verbieten. In Großbritannien gab es die „Video Nasties“; in Deutschland Listen verbotener Filme. Für Jugendliche waren diese Listen, auch das erzählt Niasseri, Einkaufslisten.
Für das Buch hat er sich mit John A. Russo, Judith O’Dea, Gaylen Ross, Lori Cardille, Terry Alexander, Eugene Clark (alle in Romeros erste vier Zombie-Filmen involviert) und Matthias Schweighöfer (der in Zack Snyders Netflix-Zombiefilm „Army of the Dead“ mitspielt) unterhalten.
Das klingt vielversprechend, aber „Shoot ‚em in the Head“ ist dann doch eine enttäuschende Lektüre. Niasseri strukturiert sein Buch mild chronologisch von Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ bis hin zur Gegenwart. In den einzelnen Kapiteln springt er immer wieder, mehr assoziativ und essayistisch als analytisch, hin und her. Da geht es, auf wenigen Seiten, von den britischen Video Nasties über die 1984er ZDF-Dokumentation „Mama, Papa, Zombie“ und Niasseris Leben auf dem Dorf zu Michael Jacksons Musikvideo „Thriller“. Da wird von Film zu Film und wieder zurück gesprungen.
Er verzichtet auf präzisere Inhaltsangaben, weil die Fans des Zombiefilms die Klassiker in- und auswendig kennen. Nicht-Fans müssen dann halt öfter die Lektüre unterbrechen und bei Wikipedia nachgucken.
Und er benutzt die deutschen Filmtitel. Heute sind bei einigen Filmen die Originaltitel bekannter. Und bei einigen Filmen herrscht ein munteres Titel- und Fassungskuddelmuddel, das ganze Promotionen inspirieren kann. So wurde Lucio Fulcis „Paura nella città dei morti viventi“ in Deutschland unter dem Kinotitel „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (das ist immer noch der bekannteste Titel), „Die Stadt der lebenden Toten“, „Ein Toter hing am Glockenseil“, „Eine Leiche hängt am Glockenseil“, „Ein Kadaver hing am Glockenseil“, „Eine Leiche hing am Glockenseil“ und „City of the Living Dead“ veröffentlicht und verboten.
Eine Filmographie, die hier Abhilfe schaffen könnte, gibt es nicht. Es gibt nur ein Titelregister, das einem immerhin hilft, den Film im Text zu finden.
Das alles erschwert beim Lesen die Orientierung und verleidet einem nach der Lektüre ein wiederholtes Blättern in dem faktenreichen Werk.
Sassan Niasseri: Shoot ‚em in the Head – Eine Film- und Seriengeschichte der Zombies
In den vergangenen Jahrzehnten hat Stephen King, neben seinen Romanen, über zweihundert Kurzgeschichten und Kurzromane geschrieben, die sich alle für eine Verfilmung eignen. Trotztdem ist „Nachtschicht“, seine erste Sammlung von Kurzgeschichten, für Kino- und TV-Verfilmungen immer noch eine äußerst beliebte Sammlung von Kurzgeschichten. Sie wurden erstmals zwischen 1970 und 1978 in verschiedenen Magazinen veröffentlicht. In den USA erschien der Sammelband 1978. In Deutschland sechs Jahre später.
„Children of the Corn“, „Trucks“ (verfilmt von Stephen King als „Maximum Overdrive“ [Rhea M. – Es begann ohne Warnung]), „The Lawnmover Man“ (obwohl King erfolgreich gegen die Verwendung seines Namens klagte, weil der Film sich zu sehr von der Kurzgeschichte entfernte), „Graveyard Shift“ und „The Mangler“ (verfilmt von Tobe Hooper) basieren auf Geschichten aus dem Sammelband. Und jetzt „The Boogeyman“ (Das Schreckgespenst). Die Geschichte wurde bereits zweimal verfilmt. Beide Male als Kurzfilm. Und jetzt erstmals als Spielfilm.
Die Drehbuchautoren Scott Beck, Bryan Woods und Mark Heymen und Regisseur Rob Savage nahmen Kings Geschichte als Sprungbrett für ihre Geschichte. Eigentlich übernehmen sie nur die Ausgangslage. Nämlich die Situation, in der ein Mann gegenüber einem Psychiater sagt, er habe seine drei Kinder getötet und er könne nicht zur Polizei gehen, weil sie ihm nicht glauben werde. Und er hat Angst vor geschlossenen Schränken, weil sich in ihnen das Schreckgespenst befinden könnte. Dieses Gespenst ist dabei anscheinend nicht an einen Ort, sondern an eine Person gebunden.
Kings Kurzgeschichte „Das Schreckgespenst“ besteht nur aus dem ersten Gespräch zwischen dem Therapeuten Dr. Harper und seinem neuen Patienten Billings. Die Geschichte endet nach sechzehn Seiten mit einer fiesen Schlusspointe. King liefert schon davor eine Erklärung für den Geist, die heute ‚toxische Männlichkeit‘ genannt wird. Aber schon damals, in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren wurde das konservative Familienmodell und konservative Vorstellungen von Männlichkeit angegriffen. Und damit auch die Stellung und Rolle von Billings als Herr im Haus.
Rob Savage verlegte die letztendlich zeitlose Geschichte von dem Schreckgespenst im Schrank in die Gegenwart, erweiterte sie und veränderte das Thema. Bei ihm geht es um Trauer. Denn Dr. Harper hat erst vor kurzem seine Frau verloren. Er und seine beiden Töchter versuchen noch, den Verlust zu verarbeiten.
Lester Billings hat nur noch eine kleine Nebenrolle. Er bringt sich in den ersten Minuten des Films in Will Harpers Haus während ihrer ersten Begegnung um. Danach beginnt der titelgebende „Boogeyman“ Harpers Kinder, die zehnjährige Sawyer und, später, ihre sechzehnjährige Schwester Sadie zu ängstigen. Sadie will ihre kleine Schwester beschützen. Sie begibt sich auf die Suche nach den Ursprüngen des Boogeymans.
Die sich aus dieser Prämisse entwickelnde Geschichte folgt dann bis zum Finale dem sattsam bekannten Muster dieser Gespentergeschichten. Nur dass Savage seine Geschichte sehr langsam in eher dunklen Räumen erzählt.
„The Boogeyman“ besteht aus vertrauten Elementen, die in der vertrauten Reihenfolge mit weitgehend vertrauten Schreckmomente (es geht doch nichts über plötzliche laute Geräusche und plötzlich auftauchende monströse Monsterfinger) präsentiert werden.
Das ist kompetent gemacht, nie überraschend und, wegen des langsamen Erzähltempos, auch länglich. Es ist der Stoff eines Kurzfilms, der auf Spielfilmlänge gedehnt wird.
P. S.: ’nie überraschend‘ stimmt nicht so ganz. Denn am Ende gibt es eine kleine, sehr kleine, fast übersehbare Überraschung.
The Boogeyman (The Boogeyman, USA 2023)
Regie: Rob Savage
Drehbuch: Scott Beck, Bryan Woods, Mark Heyman (nach einer Geschichte von Scott Beck und Bryan Woods)
LV: Stephen King: The Boogeyman, 1973 (Kurzgeschichte, Cavalier 1973) (Das Schreckgespenst) (später erschienen in dem Sammelband „Nightshift“, 1978 [Nachtschicht])
mit Sophie Thatcher, Chris Messina, Vivien Lyra Blair, Marin Ireland, Madison Hu, LisaGay Hamilton, David Dastmalchian
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
Wer hätte das vor über vierzig Jahren gedacht? Nämlich dass ein Buch, und dazu noch eine Kurzgeschichtensammlung (die als notorisch unverkäuflich eingeschätzt werden), seit seiner Erstaufflage im Original und in der Übersetzung nie ‚out of print‘ war? Im Fall von „Nachtschicht“ ist Stephen King genau das gelungen. Außerdem inspiriert diese Sammlung von zwanzig spannenden Kurzgeschichten immer noch Filmemacher. 2020 gab es eine neue, anscheinend grottenschlechte Verfilmung von „Children of the Corn“, jetzt eine von „The Boogeyman“ und dazwischen verschiedene Ein-Dollar-Verfilmungen. Das ist eine von Stephen King jungen Filmemachern gewährte Option: sie dürfen für einen eher symbolischen Dollar eine seiner Kurzgeschichten verfilmen. Es gibt nur eine Bedingung: sie dürfen ihren Film danach nur in einem sehr begrenzten, nicht-kommerziellem Rahmen aufführen. Und Stephen King sieht sich das Werk an.
Stephen Kings erste Sammlung von Kurzgeschichten enthält:
Briefe aus Jerusalem (Jerusalem’s Lot, 1978)
Spätschicht (Graveyard Shift, 1970)
Nächtliche Brandung (Night Surf, 1974)
Ich bin das Tor (I Am the Doorway, 1971)
Der Wäschemangler (The Mangler, 1972)
Das Schreckgespenst (The Boogeyman, 1973)
Graue Masse (Gray Matter, 1973)
Schlachtfeld (Battleground, 1972)
Lastwagen (Trucks, 1973)
Manchmal kommen sie wieder (Sometimes They Come Back, 1974)
Erdbeerfrühling (Strawberry Spring, 1975)
Der Mauervorsprung (The Ledge, 1976)
Der Rasenmähermann (The Lawnmower Man, 1975)
Quitters, Inc. (Quitters, Inc. 1978)
Ich weiß, was du brauchst (I Know What You Need, 1976)
Kinder des Mais (Children of the Corn, 1977)
Die letzte Sprosse (The Last Rung on the Ladder, 1978)
Der Mann, der Blumen liebte (The Man Who Loved Flowers, 1977)
Einen auf den Weg (One for the road, 1978)
Die Frau im Zimmer (The Woman in the Room 1978)
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Stephen King: Nachtschicht
(übersetzt von Barbara Heidkamp, Harro Christensen, Michael Kubiak, Karin Balfer, Ulrike A. Pollay, Sabine Kuhn, Ingrid Herrmann, Wolfgang Hohlbein, Bernd Seligmann und Stefan Sturm)
Das ist ein Angebot, das Luca Stoffels unbedingt ablehnen sollte. Aber Stoffels, ein kleinkrimineller, vom Pech verfolgter Loser mit Beziehungsproblemen, steckt gerade in einer saublöden Situation. Da könnten die 6000 Euro, die ihm der bärtige Fremde anbietet, ein Ausweg aus seiner aktuellen Bredouillie sein. Dass er dafür fortan von einem nur für ihn sichtbaren Dämon begleitet wird, ist für Luca kein Problem. Denn was soll schon passieren?
Kurz darauf, als er einem psychopathischem Mörderpärchen, einem waschechten Dämon und einem gewaltgeneigtem Gangsterboss gejagt und er im Kölner Dom in eine Karnevalsversammlung stolpert, merkt er, dass er in gewaltigen Schwierigkeiten steckt und die Nacht nur mit viel Glück überleben wird. Nur Glück hat er normalerweise nicht.
„Ein verdammter Handschlag“ ist eine herrlich durchgeknallte schwarzhumorige Fantasy-Horrorgeschichte mit einer wohltuenden Missachtung der körperlichen Unversehrtheit seiner Protagonisten. Diese Mischung kennen wir, vor allem auf diesem Niveau, vor allem von angloamerikanischen Künstlern.
Allerdings spielt die Geschichte von „Ein verdammter Handschlag“ nicht in den USA, sondern in Köln. Geschrieben wurde sie von TV-Drehbuchautor Matze Ross. Gezeichnet wurde sie von Illustrator Jan Bintakies. Beide haben für ihr Comicdebüt in jahrelanger Arbeit (mehr dazu im Video-Interview) ihre inneren Dämonen, ihre Liebe zum Horrorfilm und zu grundsympathischen Loosern entfesselt. Wer will, kann in Luca Stoffels (Was für ein Name!) etwas von „Bang Boom Bang“ Oliver Korittke und „Trainspotting“ Ewan McGregor entdecken. Bintakies‘ satirisch überspitzten Zeichnungen erinnern, immer wieder, etwas an Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!“.
„Ein verdammter Handschlag“ ist ein großes Vergnügen und ein dämonisch gelungener Einstand.
Das Gespräch mit Jan Bintakies fand am 25. Mai 2023 während des Salon der Graphischen Literatur in Berlin in der Bibliothek am Luisenbad statt.
Wir sprechen über „Ein verdammter Handschlag“, die Entwicklung der Geschichte, warum zwischen der ersten Idee und der Veröffentlichung mehrere Jahre vergingen, welche Einflüsse erkennbar sind, das Crowdfunding für die Deluxe-Edition des Comics und welche Pläne Matze Ross und Jan Bintakies haben.
Matze Ross/Jan Bintakies: Ein verdammter Handschlag
Natürlich blickt das „Lexikon des Internationalen Films“ nicht, wie der Titel „Filmjahr 2022/2023“ auf den ersten Blick suggeriert, auf das aktuelle Filmjahr zurück. Denn einige für dieses Jahr wichtige Filme, wie die aktuell in Cannes laufenden Filme, sind noch nicht in den deutschen Kinos gestartet. In dem jährlich erscheinenden Filmlexikon wird auf das letzte Jahr zurückgeblickt. Und zwar in der seit einigen Jahren etablierten Form.
Das Lexikon besteht aus Kurzkritiken von fast 1400 mindestens einstündigen Spiel-, TV- und Dokumentarfilmen, die in Deutschland 2022 im Kino liefen, gestreamt, im TV ausgestrahlt oder auf DVD veröffentlichet wurden, und aus einem Berichteteil. Dieser nimmt seit einigen Jahren gut die Hälfte des Lexikons ein. Mit seinen zahlreichen bestimmte Aspekte des vergangenen Kinojahres vertiefenden Texten ist dieser Teil ein weiterer Grund, das Lexikon zu kaufen. Es geht in der aktuellen Ausgabe um Perspektiven des ukrainischen Kinos, subversive Filme, die Darstellung von Demenz in aktuellen Spielfilmen, Nordische Mythen und Filme und Serien zur Pandemie. Es gibt Porträts von Filmschaffenden, wie Andrew Dominik, Alex Garland, Bruno Dumont, Céline Sciamma und der immer sehenswerten Tilda Swinton. Es gibt Interviews mit, unter anderem, Aelrun Goette („In einem Land, das es nicht mehr gibt“), Kenneth Branagh („Belfast“), Jacques Audiard („Wo in Paris die Sonne aufgeht“) und Carla Simón („Alcarràs – Die letzte Ernte“). Es gibt kürzere und länger Nachrufe. Unter anderem auf den zu früh verstorbenen Gaspard Ulliel, Alain Tanner, Klaus Lemke und Jean-Luc Godard, der nach seinem Debüt „Außer Atem“ keinen weiteren Film mehr hätte drehen müssen, um eine Legende zu sein. Es gbt, wie in den vorrherigen Jahren, einige Preislisten, von den Oscars über die Gewinner der Festivals in Cannes, Locarno, Venedig und Berlin bis hin zum Deutschen Filmpreis.
Es gibt, von der Redaktion des „filmdienst“ ausgewählt, fünfzehn Serien und zwanzig Kinofilme, die die wichtigsten Filme und Serien des lezten Jahres sind. Sie werden ausführlicher vorgestellt. Bei den in jedem Fall sehens- und diskussionswürdigen Spielfilmen handelt es sich um
Der schlimmste Mensch der Welt (in ihrer ganzen Pracht, fast wie „Lola rennt“, ist Renate Reinsve auf dem Buchcover abgebildet und mit einem sehr freundlichen Blick läuft ‚der schlimmste Mensch der Welt‘ auf den Käufer zu)
Everything Everywhere all at once (der Oscar-Liebling und Everybody’s Darling)
Die jährliche Ausgabe des Lexikons des Internationalen Films ist ein Buch, das als gedrucktes Buch in jeden gut ausgestatteten cineastischen Haushalt gehört. Und das jedes Jahr wertvoller wird. Denn während man im Internet immer nur eine spezielle Filmkritik sucht, erschließt sich beim Blättern im „Lexikon des Internationalen Film“ das Filmjahr wieder, inclusive der Erkenntnis, welche gruseligen Filme in dem Kinojahr neben Klassikern anliefen und, manchmal, wie sich im Lauf der Zeit die Bewertung bei einem Film grundlegend ändert.
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Filmdienst.de/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach): Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2022/2023