In „Street Cop“ erzählt Avantgarde-Autor Robert Coover die Geschichte eines etwas einfältigen Polizisten, der lieber in der Vergangenheit als in der Gegenwart leben möchte. Weil er Computer nicht versteht. Weil er in einem dystopischen New York lebt, das sich ständig verändert. Nicht auf die harmlose Art, die uns allen vertraut ist, sondern „einmal um den Block herum und der Block war ein anderer“. „Sein letzter Partner verschwand, zusammen mit einem Gebäude, das er eben erst betreten hatte und das, genau wie sein Partner, auch nie wieder gesehen wurde.“
Jetzt soll er einen Mord aufklären. Wenn er am Tatort ist, bevor der Tatort und die Leiche verschwunden sind.
Coover entwirft eine Noir-Cyberpunk-Welt, in der der Street Cop besinnungslos durch eine Welt ohne Gewissheiten, voller Überraschungen und Absurditäten taumelt.
„Street Cop“ ist eine etwas längere, sehr witzige und anspielungsreiche Kurzgeschichte, die gerade wegen ihrer Kürze gefällt. Art Spiegelman („Maus“) illustrierte die Geschichte.
Das Buch enthält auch ein informatives Gespräch zwischen Robert Coover und Art Spiegelman über „Street Cop“.
Weil es in Christian Hardinghaus‘ neuem Buch „Kriegspropaganda und Medienmanipulation“ auch und vor allem um Propaganda und Krieg geht, kommen wir nicht um das Bonmot „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ herum. Denn natürlich will jede Seite sich in so einem Konflikt als besonders Gut und den Gegner als besonders Böse darstellen. Es handelt sich um Schwarzweiß-Malerei, die der Mobilisierung der eigenen Seite dient. Die Äußerungen der Gegenseite werden dann oft als Propaganda bezeichnet. Denn Propaganda ist im Volksmund ein anderes Wort für Lügen.
Hardinghaus benutzt in seinem Buch den Begriff „Propaganda“ dagegen neutral und weitgehend Synonym mit positiv besetzten, heute üblichen Begriffen wie „Politische Kommunikation“, „Public Relations“ und „Öffentlichkeitsarbeit“. Es geht um zielgerichtete Kommunikation mit dem Ziel, die öffentliche Meinung im Sinne des Redners (oder Senders) zu beeinflussen. Hardinghaus verengt diese Definition auf die Kommunikation von Regierungen. Weil normalerweise Staaten gegeneinander Kriege führen, ist eine solche Engführung im Fall der Kriegspropaganda nachvollziehbar.
Aber Kriegspropaganda ist ein Sonderfall der politischen Kommunikation, weil Kriege, also bewaffnete Konflikte zwischen zwei oder mehr Staaten, selten sind.
Es gibt auch Kriege innerhalb eines Staates. Dann wird von einem Bürgerkrieg gesprochen. Aber die an die Öffentlichkeit gerichtete Kommunikation von Bürgerkriegsparteien fällt nicht unter diese Definition, weil mindestens eine Konfliktpartei keine Regierung eines Staates ist. Es sind Freiheitskämpfer (Selbstbeschreibung) oder Terroristen (Fremdbeschreibung). Und sie kämpfen in einem Land um die Macht.
Ebenso fällt die Kommunikation von Parteien (also den Oppositionsparteien) und nichtstaatlichen Gruppen, die gegen den Regierungskurs protestieren, nicht unter diese Defintion von Propaganda. Das sind, um nur die zuletzt in Deutschland aktiven Gruppen zu nennen, Gruppierungen wie die „Querdenker“, „Corona-Leugner“, „Reichsbürger“ oder auch „Putin-Versteher“.
Dabei bedienen sich diese Gruppen auch den Mitteln der Propaganda, die Hardinghaus im dritten Kapitel lexikalisch aufzählt. Er nennt 75 Formen und Techniken der Propaganda. Er beschreibt sie kurz und meistens ohne konkrete Beispiele. Unklar ist bei dieser Sammlung von Methoden auch, welche öfter, welche seltener und welche erfolgreicher angewandt werden.
Bei diesem Lexikon fällt auf, dass jede „Propagandatechnik der Täuschung“, wie „Anekdotische Evidenz“, „Framing“ und „Gaslighting“, in der politischen Kommunikation von allen Gruppen, die sich an der politischen Kommunikation beteiligen, angewandt wird. Unterschiede ergeben sich erst bei der Art der Anwendung dieser Techniken (auf die Hardinghaus nicht eingeht) und welche Regierungen sie anwenden. Es ist ein Unterschied, ob sie in einer Demokratie oder einer Diktatur angewandt werden. Aber auch darauf geht Hardinghaus nicht ein. Einige Methoden, wie die Benutzung von „Fake News“ werden in Demokratien eigentlich nur von Systemgegnern benutzt. Sie wollen Demokratien destabilisieren.
Im vierten und fünften Kapitel, die zusammen über die Hälfte des 232-seitigen Buches ausmachen, stellt Hardinghaus kurz verschiedene Fälle von Kriegspropaganda vor. Die ältesten Beispiele sind aus dem Ersten Weltkrieg. Die neuesten aus dem Ukraine-Krieg. Hier geht er auf die russische und die ukrainische ‚Propaganda‘ und die Berichte deutscher Medien über den Krieg ein. Ihm fehlt hier vor allem eine Auseinandersetzung mit der russischen Perspektive. Bei den von ihm gewählten Beispielen handelt es sich meist um bekannte Fälle, die er kurz zusammenfasst. Entsprechend oft, beim Vietnamkrieg, dem Zweiten Golfkrieg, dem Kosovo-Krieg und dem Irakkrieg, konzentriert er sich dabei auf die politische Kommunikation der USA. Er verzichtet weitgehend auf aussagekräftige Zitate, die zeigen könnten, welche Propagandatechniken wie angewandt wurden. Am Ende muss ihm geglaubt werden, dass seine Darstellung der Ereignisse der Wahrheit entspricht..
Dabei beginnt das Buch mit der Ankündigung, dass die Leser „von der Pike auf lernen können, was Propaganda war und ist und wie Sie ihre manipulativen Techniken in Zukunft erkennen und selbst entlarven können“.
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Christian Hardinghaus: Kriegspropaganda und Medienmanipulation – Was Sie wissen sollten, um sich nicht täuschen zu lassen
Letztes Jahr sagte Don Winslow, „City on Fire“ sei der Auftakt einer Trilogie und dass dies seine letzten drei Bücher seien. Der zweite Band der Trilogie, „City of Dreams“, wurde jetzt veröffentlicht. Der abschließende Band „City of Ashes“ erscheint nächstes Jahr. Als „City on Fire“ veröffentlicht wurde, hatte er schon alle die drei Romane der Trilogie geschrieben. Seine Zeit, so Winslow, werde er dem Kampf gegen Donald Trump widmen. Das sei wichtiger als ein weiterer Roman. Es geht ihm (und vielen anderen US-Amerikanern) darum, Trump für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen und Trumps Wiederwahl zu verhindern. Angesichts aktueller Umfragen ist das eine riesige Aufgabe, die hoffentlich noch vor der nächsten Wahl zu hohen Haftstrafen für Trump und seine Gefolgsleute führt. – Und vielleicht schreibt Don Winslow, das sage ich jetzt, danach weiter.
Bis dahin gibt es die Saga um Danny Ryan, einem Mitglied der irischen Mafia von Providence, Rhode Island.
In „City on Fire“ wurde aus einer Liebesgeschichte ein Gangsterkrieg. Ein Mitglied der irischen Mafia verliebt sich im Sommer 1986 in die Frau eines Mitglieds der italienischen Moretti-Mafia-Familie und spannt sie ihm aus. Damit endet die bis dahin über viele Jahre etablierte friedliche Ko-Existenz zwischen den beiden Verbrecherfamilien. Der sich daraus entwickelnde Gangsterkrieg endet, mit einigen Umwegen, in einem Blutbad.
„City of Dreams“ schließt unmittelbar an „City on Fire“ an. Danny Ryan, inzwischen Boss des irischen Verbrechersyndikats, und seine überlebenden Männer flüchten aus Rhode Island. Sie tauchen an verschiedenen Orten in den USA unter und versuchen, nicht aufzufallen. Denn sie werden immer noch vom FBI und der Moretti-Familie gesucht. Es geht dabei um Heroin im Wert von zwei Millionen Dollar, das Danny ins Meer geworfen hat. Aber das Wissen seine Verfolger nicht. Sie glauben, dass er das Heroin mitgenommen hat. Das FBI verdächtigt sie außerdem, den korrupten FBI-Agenten Phil Jardine getötet zu haben.
Während in „City on Fire“ die Ereignisse immer etwas forciert und zufällig wirkten, ergeben sie sich dieses Mal stärker und folgerichtiger aus den Handlungen der einzelnen Akteure. Gleichzeitig herrscht über weite Teile des Romans ein in einem Thriller unbekanntes Gefühl des Stillstands. Denn die Verbrecher müssen zuerst untertauchen. D. h. nicht auffallen. Und danach Geld verdienen, ohne aufzufallen oder irgendwie in den Fokus der Polizei zu geraten. Dabei haben sie keine Ahnung, wie lange sie ein unauffälliges bürgerliches Leben führen müssen. Einige finden sogar Gefallen an diesem für sie vollkommen neuem Leben.
Gleichzeitig entwirft Don Winslow ein Porträt der damaligen USA.
So fragt der für eine klandestine, aber sehr einflussreiche US-Behörde arbeitende Brent Harris Danny, ob er und seine Männer Domingo Abbarca, das Oberhaupt des Baja-Kartells, bestehlen wollen. Sie dürfen die Hälfte der Beute, mehrere Millionen US-Dollar, behalten. Das Geld können sie gut gebrauchen. Außerdem verspricht Harris ihnen Immunität vor einer Strafverfolgung. Danny ist einverstanden. Der Überfall endet mit einer erklecklichen Beute, einigen Toten und neuen Feinden.
Über einige Umwege landet Danny dann in Los Angeles. Hollywood dreht gerade einen Spielfilm über den Gangsterkrieg von Providence. Weil zwei von Dannys früheren Männern die Produktion gefährden, soll Danny mit ihnen reden. Das Gespräch endet damit, dass Danny ein Mitproduzent des Films wird.
Neben Dannys Geschichte, zu der auch sein zweijähriger Sohn, sein zunehmend pflegebedürftiger Vater und seine bestens vernetzte, in Las Vegas lebende Mutter gehören, erzählt Don Winslow mindestens ein halbes Dutzend weiterer Geschichten über Dannys Freunde, seine staatlichen und nicht-staatlichen Verfolger und den Menschen, denen sie begegnen. In knappen Szenen wechselt er spannungssteigernd zwischen den einzelnen Plots, ohne dass man als Leser jemals den Überblick verliert. Jede einzelne Figur ist schnell wiedererkennbar. Trotzdem wäre ein umfangreiches Personenregister hilfreich.
Durch die vielen, oft parallel nebeneinander verlaufenden Plots wird die zwischen 1988 und 1991 spielende Geschichte auch etwas episodisch und es wird immer deutlicher, dass diese Trilogie wirklich eine Trilogie im traditionellen Sinn ist. Oder ein großer Roman, der in diesem Fall auf drei Bücher aufgeteilt wurde.
Deshalb sollten sie – auch wenn ich den Abschluss der Trilogie noch nicht kennen – in einem Rutsch gelesen werden.
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Don Winslow: City of Dreams
(übersetzt von Conny Lösch)
HarperColllins, 2023
368 Seiten
24 Euro
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Originalausgabe
City of Dreams
William Morrow, New York, 2023
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Wieder erhältlich
„Die Sprache des Feuers“ ist einer der Romane, mit denen Don Winslow bei Krimifans seinen Ruf als einen der besten zeitgenössischen Krimiautoren weiter festigte und das breitere Publikum ihn entdeckte. Seinen endgültigen Durchbruch hatte er in den USA mit dem Epos „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005), einer Jahrzehnte umspannenden Saga über den US-amerikanischen ‚war on drugs‘ in Südamerika und wie er scheiterte. In „Das Kartell“ (The Cartel, 2015) und „Jahre des Jägers“ (The Border, 2019) erzählte er die Geschichte weiter. In der deutschen Ausgabe umfasst die Saga insgesamt zweitausendfünfhundert Seiten.
Dagegen ist „Die Sprache des Feuers“ ein kleiner Kriminalroman. Im Mittelpunkt des Einzelromans steht Jack Wade, Schadensregulierer der California Fire and Life Mutual Insurance. Als das Anwesen des Immobilienmoguls Nicky Vale abbrennt und dabei seine jüngere Frau, die 34-jährige Pamela Vale, verbrennt, glaubt Wade an einen Mord, der mit einem Brand vertuscht werden soll. Er beginnt Beweise für seine Vermutung zu suchen – und er stößt in das sprichwörtliche Wespennest, das wir so ähnlich bereits aus anderen in Kalifornien spielenden Hardboiled-Krimis kennen und lieben.
„Die Sprache des Feuers“ ist einer der Romane, mit denen man problemlos sein Don-Winslow-Fantum beginnen kann.
„It’s a fascinating study by an insurance investigator into a fire which he believes was arson to hide a murder. The book won Don Winslow the Shamus award.“ (Mike Ashley, Hrsg.: The Mammoth Encyclopedia of Modern Crime Fiction, 2002)
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Don Winslow: Die Sprache des Feuers
(übersetzt von Chris Hirte)
HarperCollins, 2023
432 Seiten
14 Euro
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Originalausgabe
California Fire & Life
Simon & Schuster, Inc., New York, 1999
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Deutsche Erstausgabe des Romans und dieser Übersetzung
Vier Jahre nach den Ereignissen in Steve Altens Thriller „Meg“ (die Verfilmung nimmt sich da einige Freiheiten) fristet ein Carcharodon Megalodon, kurz Meg, in einer riesigen künstlichen Lagune in Monterey, Kalifornien, sein Dasein als Touristenattraktion. Der Megalodon ist ein riesiger Hai, der nicht vor Ewigkeiten, ungefähr zur Zeit der Dinosaurier, ausstarb, sondern im Marianengraben überlebte. Der Hai lebt dort in über zehn Kilometern Tiefe in einer warmen Wasserschicht, über der kaltes Wasser ist. Das eiskalte Wasser hinderte ihn am Auftauchen. Bis die Menschen in seinen Lebensbereich eindrangen und ihn aus seinem natürlichen Lebensbereich herauslockten. Mit fatalen Folgen für etliche Boote und Menschen, die zu Fischfutter wurden.
Eines Tages bricht Angel, so heißt der in Gefangenschaft lebende zweiundzwanzig Meter große, 28 Tonnen schwere Hai, aus. Ehe er sich auf seinem Weg nach Norden durch die Strände an der Ostküste der USA frisst und dabei nicht unterscheidet zwischen anderen Fischen, Menschen und Boten, versucht Jonas Taylor ihn wieder zu fangen. Genaugenommen will er ihn dieses Mal nicht fangen, sondern töten.
Währenddessen wird seine Frau Terry, die aus „Meg“ bekannte Tochter von Masao Tanaka, dem vermögenden Gründer des Tanaka Oceanographic Institute, von dem milliardenschwerden Energiemagnaten Benedict Singer gebeten, herauszufinden, was mit einem Mini-U-Boot und einigen unbemannten nautischen Informationssonden im Marianengraben geschah. Um an die Daten von dem für vier Männer tödlichen Unfall heranzukommen, muss sie in ein sich im Mariannengraben befindendes U-Boot in das ursprüngliche Jagdrevier des Riesenhais begeben. Das müssen wir einfach als eine Mischung aus altmodischer Computertechnik (der Roman erschien vor über zwanzig Jahren) und Suspension of Disbelief akzeptieren. Denn wenn Terry nicht in das U-Boot geht, kann Singer seinen bösen Plan nicht ausführen. Singer ist einer der typischen, skrupellosen, vermögenden James-Bond-Bösewichter.
Neben dem Meg sind noch einige andere sehr, sehr große Fische im Mariannengraben, vor allem in dem titelgebenden und für Singer wichtigen „Höllenschlund“. An dem Ort begegnete Jonas vor elf Jahren erstmals dem Megalodon.
In seinem Debütroman „Meg“ erzählte Steve Alten eine Geschichte. Es handelt sich um eine klassische Urviecher-gehen-auf-Menschen-los-Geschichte. Die Fortsetzung „Meg: Höllenschlund“, die vollkommen unabhängig von „Meg“ gelesen werden kann, erzählt parallel zwei Geschichten. Jonas‘ Geschichte ist eine Jagdgeschichte. Er will nur den aus der Lagune geflüchteten Fisch fangen, ehe er zu viele andere Fische, Menschen und Boote vernichtet. Und er will, weil Angel gerade brünstig ist, verhindern, dass der Hai sich paart und Nachkommen zeugt. Alten wechselt bis zum Finale zwischen diesen beiden Erzählsträngen.
Beide Bücher sind Thriller, Pageturner und…früher nannte man sie Strandkorb- oder Airportlektüre. In jedem Fall sind es Schmöker für einen laaangen Nachmittag außerhalb der Hai-Gefahrenzone.
Am Donnerstag, den 3. August, läuft die Verfilmung „Meg 2: Die Tiefe“ an. Nach den Trailer sieht der Filme mehr wie ein Remake von „Meg“ mit mehr Urviechern als wie eine sklavische Verfilmung von Altens Roman aus. Weil es trotz einem an der Kinokasse erfolgreichem Teil, einer guten Besetzung (Jason Statham spielt wieder Jason Taylor) und einem guten Regisseur (Ben Wheatley) keine Pressevorführung gab, wird es keine Besprechung des Films geben.
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Steve Alten: Meg: Höllenschlund
(übersetzt von Bernhard Kleinschmidt)
Heyne, 2018
9,99 Euro (E-Book; die gedruckte Ausgabe ist nicht mehr erhältlich)
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Originalausgabe
The Trench
Kensington Books, 1999
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Die Verfilmung
Meg 2: Die Tiefe (Meg 2: The Trench, USA/Volksrepublik China 2023)
Regie: Ben Wheatley
Drehbuch: Jon Hoeber, Erich Hoeber, Dean Georgaris
LV: Steve Alten: The Trench, 1999 (Meg: Höllenschlund)
mit Jason Statham, Wu Jing, Sophia Cai, Page Kennedy, Sergio Peris-Mencheta, Skyler Samuels, Cliff Curtis
Tommy Logan ist im Viertel der aufstrebende Gangster. Ein Ire, der wie ein kolumbianischer Gangster denkt und der vollkommen skrupellos ist. So beschreibt ihn jedenfalls ein Spitzel gegenüber Detective Sergeant Brant von der Metropolitan Police. Danach steht Logan auf Brants Watchlist.
Zur gleichen Zeit sagt der in einer verwüstenden Wohnung liegende Tony Roberts seinem Bruder, Chief Inspector Roberts, dass Tommy Logan für seine lebensgefährlichen Verletzungen verantwortlich ist. Sekunden später ist er tot. Roberts verspricht, ihn zu rächen – und alle, die das von Ken Bruen erfundene Polizistenteam Brant/Roberts kennen, wissen, dass in dem Moment Logans Chancen auf ein erfülltes Verbrecherleben und einen beschaulichen Lebensabend rapide sinken.
Während Brant und Roberts sich Logan vorknöpfen, soll ihre Kollegin WPC Falls, schwarz, schön und fies aussehend, den Lockvogel für den Clapham-Vergewaltiger spielen. Der Serientäter hat es auf afrokaribische Frauen abgesehen.
Es ist also, wieder einmal, einiges los in London im Revier von Brant und Roberts. Und Noir-Poet Ken Bruen erzählt das gewohnt pointiert, sarkastisch und mit ätzendem schwarzen Humor. Da ist jeder Satz ein Treffer.
Eine Kostprobe gefällig? Zum Beispiel dieses Gespräch zwischen Brant und Roberts:
Brant sagte: „Ihr Schützling, der Schotte, hofft, mich dranzukriegen.“
„McDonald?“
„Ja, der.“
„Sie sind paranoid, Sarge, der ist in Ordnung.“
„Ich hab’s gehört, wie der Super ihn beauftragt hat.“
Roberts trank einen Schluck, sagte: „Klar, wie haben sie das gemacht…sein Büro verwanzt?“
„Ja.“
Das musste erst mal sacken. Dann Ungläubigkeit. „Nein…so verrückt sind nicht mal Sie!“
Das sind die guten Jungs.
„McDead“ ist, wie die anderen Brant/Roberts-Polizeiromane, meilenweit von jeglicher „Tatort“- und SOKO-TV-Heimeligkeit und den gängigen deutschen Kommissar-Romanen (Polizeiromane sind es ja eher nicht) entfernt. Und das ist gut so.
Mit „McDead“ liegt Ken Bruens „The White Trilogy“ vollständig auf Deutsch vor. Sie umfasst die ersten drei Brant-Romane „Saubermann“. „Aliens Bändigung“ und „McDead“. „Ammunition“, der siebte und letzte Kriminalroman mit Detective Sergeant Brant ist für Juni 2024 angekündigt.
Ken Bruen ist der Erfinder des in Galway ermittelnden Privatdetektivs Jack Taylor. Die Taylor-Romane wurden mit Shamus-, Barry- und Macavity-Award ausgezeichnet. Zwei waren für den Edgar Allan Poe Award nominiert.
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Ken Bruen: McDead
(übersetzt von Karen Witthuhn, mit einem Nachwort von Peter Henning)
Hauptkommissar Vincent Veih verbringt mit seiner Kollegin und inzwischen auch Freundin Melia Adan in Berlin ein gemeinsames Wochenende. Das Programm für verliebte Paare wird von Melias Vater, ein sich ‚im Ruhestand‘ befindender einflussreicher Politiker, gestört. Er bittet sie zu einem Gespräch mit der Bundeskanzlerin Ute Frings-Fassbinder. Sie wird von Tristan Bovert erpresst. Er ist Staatssekretär im Kanzleramt und Geheimdienstbeauftragter der Bundesregierung. Die Kanzlerin möchte, dass Adan ihr beim Beschaffen der Beweise gegen ihren Erpresser hilft.
Zur gleichen Zeit werden in Düsseldorf auf dem Gelände des ehemaligen Kaufhof am Wehrhahn, das von Immobilientycoon Hartmut Osterkamp gewinnbringend umgebaut wird, Teile einer zerstückelten Leiche entdeckt. Veih beginnt in dem Fall zu ermitteln. Er entdeckt dabei Jahre zurückreichende Verbindungen zwischen dem Toten, dem TV-Moderator Christoph Urban und rechten Netzwerken zwischen Politik und Großkapital.
Urban arbeitete früher als Sportreporter im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Nach seiner Entlassung betrieb er einen rechtspopulistischen YouTube-Kanal. Inzwischen ist er mit seiner Talkshow „Urban direkt“ auf dem TV-Sender Deutschland-TV der Quotenbringer. Finanziert wird der Sender und damit auch seine Sendung von dem Milliardär Hartmut Osterkamp. Dieser bietet Urban die Führung einer sich in Gründung befindenden rechtskonservativ-nationalistischen Partei an. Die Partei soll bei der nächsten Bundestagswahl antreten und diese Wahl wird bald kommen. Denn, so versichert er Urban, die Kanzlerin werde innerhalb der nächsten Tage zurücktreten. Das wisse er aus einer sehr zuverlässigen Quelle.
In ihrem vierten gemeinsamen Fall stehen die beiden Mordermittler Melia Adan und Vincent Veih eher an der Seitenlinie. Für den Mordfall interessiert Horst Eckert sich in „Die Macht der Wölfe“ kaum. Beim Erpressungsplot hat Adan nur eine kleine Rolle als Beschafferin von Überwachungstechnik und Begleiterin zu einer Familie. Im Zentrum seines neuesten Polit-Thrillers steht der Versuch Russlands, Deutschland zu destabilisieren, das Vertrauen in die Demokratie zu untergraben und eine Russland-hörige Regierung einzusetzen. Dafür bedient sich der Geheimdienst eines breiten Geflechts unterschiedlicher über Geld, Macht und Einfluss verfügender Männer.
Protagonist der Geschichte ist letztendlich Christoph Urban. Der TV-Journalist ohne politische Erfahrung soll zuerst vom rechten Polit-Journalisten zum Parteivorsitzenden einer auf ihn zentrierten Partei und dann zum Bundeskanzler gemacht werden. Er genießt bei Parteiveranstaltungen den Zuspruch aus dem Volk. Er stellt allerdings auch schnell fest, dass Osterkamp und seine Vertrauten ihm sagen, was er über Russland und andere Themen sagen kann. Er muss sich entscheiden, ob er das will und ob er den Preis dafür zahlen möchte.
Eckert erzählt, gewohnt nah an den aktuellen Schlagzeilen entlang, wie ein solcher Regime Change stattfinden könnte. Dabei gelingt es ihm, dass die Faschisten, Nazis und Rechtsextremisten bei ihm vernünftiger klingen als in anderen deutschen Krimis, in denen sie zu grenzdebilen, Floskeln absondernden Dumpfbacken werden.
Die Gruppe Konservativer, die den Umsturz plant, erinnert beim Lesen an die Gruppe Reichsbürger um Heinrich XIII. Prinz Reuß, die Anfang Dezember 2022 verhaftet wurden. Eckert hat das Manuskript für „Die Macht der Wölfe“ bereits im November abgegeben.
Die Spannung entsteht dieses Mal gerade aus dem Wissen, was geplant ist und der Frage, ob Veih und Adan das Schlimmste verhindern können. Denn natürlich sind die beiten Mordermittler nicht nur unbeteiligte Zuschauer.
In seinem Rundbrief hat Horst Eckert bereits seinen nächsten Roman angekündigt. Er erscheint nächstes Jahr und er hat eine neue Hauptfigur. Mehr will Eckert noch nicht verraten.
Nach vier Adan/Veih-Romanen in Folge und davor bereits drei aufeinander folgenden Vincent-Veih-Romanen ist das eine willkommene Rückkehr zu seinen Anfängen. Denn vor den sieben Romane mit Vincent Veih als Hauptfigur, die nur von „Der Preis des Todes“ (2018) unterbrochen wurde, hatte jeder seiner Romane eine andere Hauptfigur. Die Kontinuität zwischen den Romanen wurde hergestellt durch den Handlungsort Düsseldorf, dass KK11 (Kommissariat für Todesermittlungen) und immer wiederkehrenden Figuren, wie den in „Die Macht der Wölfe“ kurz vor der Pension stehenden Kriminaldirektor Ben Engel. Am Anfang des Romans ist noch unklar, wer sein Nachfolger wird, aber Veih wird von Engel schon einmal darauf hingewiesen, dass Liebesbeziehungen zwischen Vorgesetzten und direkten Untergebenen heute nicht mehr geduldet werden.
Fünf Morde werden ihm zugeschrieben. Heute, über 130 Jahre nach seinen Taten, ist seine Identität immer noch unbekannt. Dafür ist er ein popkultureller Mythos und es gibt zahlreiche mehr oder weniger plausible Theorien über seine Identität. Alan Moore fabulierte, zusammen mit Zeichner Eddie Campbell, in seinem Comic-Klassiker „From Hell“ über die Identität von Jack the Ripper.
Jahrzehnte früher fabulierte Victor von Falk in „Jack der Aufschlitzer – Das blutige Rätsel Londons“ über die Identität und Motive von Jack the Ripper. Ursprünglich erschien der Kolportage-Roman 1908 im A. Weichert Verlag als zehnter Band der „Sammlung interessanter Brigantenromane“ unter dem vollständigen Titel „Jack der Ausschlitzer – Das blutige Rätsel Londons. Eine Erzählung aus der Londoner Verbrecherwelt“. Der Jaron Verlag veröffentlichte ihn jetzt in seiner neuen Reihe „Jarons geheime Kriminalbibliothek“ wieder.
Von Falk behauptet im Vorwort, dass er an Dokumente gelangte, die die Identität von Jack dem Aufschlitzer enthüllten. Und am Ende des hundertsechzigseitigen Romans wissen wir, wer der Dirnenmörder ist und warum er die Freudenmädchen aufschlitzte.
Davor präsentiert von Falk verschiedene Figuren, deren Bedeutung für die Enthüllung des Aufschlitzers sich darin erschöpft, die Zeit bis zur Enthüllung des Täters zu verlängern. So beginnt der Roman mit zwei Kapiteln über die Familie Flint, der unglücklichen Heirat ihrer Tochter und dem Tod des Familienoberhaupts. Diese 28 Seiten spielen über zehn Jahre vor den ersten Taten von Jack dem Aufschlitzer und sie haben offensichtlich nichts mit ihm zu tun. Das nächste Kapitel spielt zwölf Jahre später. Eine Polizistin soll undercover Jack den Aufschlitzer, der im Londoner Stadtteil White Cheapel (so wird Whitechapel im Buch geschrieben) mordet, finden. Sie wird von ihm getötet. Eine Spur zum Täter gibt es nicht. Im nächsten Kapitel wird die Frau eines Briefträgers, die sich als Teilzeitprostituierte ein Zubrot verdient, getötet.
Erst als auf Seite 73 der aus Indien nach London zurückgekehrte Arzt Dr. Edgar Remender auftaucht, kehrt Ruhe in das Personenkarusell. Denn er stirbt nicht einige Seiten später, sondern er hilft dem Londoner Polizeidirektor Fred Gouvernant in dem Fall.
Diese Konstruktion, in der nicht zusammen hängende, in sich durchaus spannende Episoden aneinandergereiht werden, führt dazu, dass das anfängliche Interesse an einem Tätersuchspiel schnell erlahm. Es ist einfach nicht erkennbar, was die einzelnen Episoden mit dem Dirnenmörder zu tun haben. Und es ist auch nicht erkennbar, wer der Täter sein könnte. Im Vorwort behauptet von Falk, es sei ihm gelungen „Einsicht in Aktenstücke zu erlangen, die sonst nur den allerhöchsten Beamten der englischen Polizei zugänglich sind“. In seinem Roman werde er wahrheitsgetreu erzählen, was in den Akten stehe. Das weist auf einen Täter hin, dessen Identität unter keinen Umständen enthüllt werden darf. Und dieses Privileg geniesen nur sehr wenige Menschen oder Institutionen. Die Menschen, die von Falk in seinem Roman beschreibt, gehören eher nicht dazu.
So erlahmt das Interesse an der Enthüllung mit zunehmender Seitenzahl. Denn mit jeder gelesenen Seite wird es wahrscheinlicher, dass kein Täter präsentiert oder einer aus dem Hut gezaubert wird. Das ist am Ende nicht der Fall, aber es ist auch kein Täter, der eine größere Geheimhaltung bedarf.
Als Kolportageroman, der einen Einblick in das damalige Denken vermittelt, ist „Jack der Aufschlitzer – Das blutige Rätsel Londons“ vor allem für Fans historischer Geschichten einen Blick wert. Und er leuchtet die heute kaum bekannte und kaum erforschte Frühgeschichte der deutschen Kriminalliteratur ein wenig aus. Denn diese alten Kriminalromane sind heute höchstens noch antiquarisch erhältlich und die Autoren unbekannt.
Victor von Falk ist ein Pseudonym des Schriftstellers und Verlegers Hans Heinrich Sochaczewski (1861–1922).
„Jarons geheime Kriminalbibliothek“ wird von Mirko Schädel herausgegeben. Er veröffentlichte mehrere Bücher zur Frühgeschichte der deutschsprachigen Kriminalliteratur, wie „Illustrierte Bibliographie der Kriminalliteratur im deutschen Sprachraum von 1796 – 1945“ und „Spannung 90 Grad. 333 ausgewählte Schutzumschläge der deutschen Spannungsliteratur von 1912 – 1942“.
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Victor von Falk: Jack der Aufschlitzer – Das blutige Geheimnis Londons
(Jarons geheime Kriminalbibliothek Band 2, herausgegeben von Mirko Schädel)
Gut, im Moment haben wir nicht gerade vierzig Grad im Schatten. Es gewittert sogar ziemlich heftig und hier in Berlin ist eine Brücke immer wieder überschwemmt, aber das ändert nichts daran, dass Christopher Goldens neuer Roman „Road of Bones – Straße des Todes“ die perfekte für Abkühlung sorgende Sommerlektüre ist.
Felix ‚Teig‘ Teigland, ein junger, verschuldeter Dokumentarfilmer, und sein Freund und Gläubiger Jack Prentiss, wollen eine mit Geister- und Horrorgeschichten garnierte Reportage über die R504 Kolyma drehen. Es handelt sich um eine zweitausend Kilometer lange Schotterpiste in Sibirien. Erbaut wurde sie von Gulag-Häftlingen. Zwischen 250.000 und 1.000.000 Million Häftlinge sollen bei dem Bau gestorben sein. Deshalb wurde die Straße auch ‚Straße des Todes‘ genannt. Als Christopher Golden diese Geschichte hörte, wollte er, wie er mir in einem Gespräch sagte, eine spannende Geschichte über die Straße und die Gegend erzählen, bevor es jemand anderes macht.
Dort ist es im Sommer kalt. Im Winter ist es noch kälter. Ohne mehrere Lagen Kleider geht niemand auch nur eine Sekunde vor die Tür. Trotzdem leben dort einige Menschen. Und die beiden Dokumentarfilmer Teig und Prentiss wollen in der kalten Jahreszeit sogar den kältesten bewohnten Ord der Erde besuchen. Ihr Führer Kaskil, soll sie mit den dort lebenden Menschen bekannt machen. Sie treffen ihn in der Nähe von Magadan, einer Hafenstadt im Nordosten Sibiriens.
Als sie in Achust, dem Heimatdorf von Kaskil, eintreffen, sind alle vierhundert Einwohner spurlos verschwunden. Die Türen ihrer Häuser sind auf. Das Essen steht, gefroren, auf dem Tisch. Sie entdecken Spuren von nackten Füßen, die in den Wald führen.
Noch während sie darüber rätseln, was hier vorgefallen ist, werden sie von einem Rudel Wölfe überfallen. Es sind allerdings keine normalen Wölfe. Sie sind sehr schnell, ausdauernd, scheinbar unverletztlich und werden von einem geheimnisvollem Wesen, dem Parnee, einem Mischwesen aus Schamane und Geist des Waldes, angeführt.
Dieser kann die Gedanken der Menschen so beeinflussen, dasssie das tun, was er will. Zum Beispiel vom Essen aufstehen und ohne richtige Kleidung die Wohnung verlassen.
Als die Wölfe sie in dem Haus, in dem sie sich verschanzt haben, angreifen, beschließen sie, zum nächsten Ort zu flüchten.
„Road of Bones – Straße des Todes“ ist etwas kürzer als die anderen auf Deutsch erschienenen Horrorthriller von Christopher Golden. Das liegt daran, dass er sich in diesem Roman auf eine kurze Zeitspanne und wenige Menschen konzentriert. Er verzichtet auch auf Nebengeschichten und lange Rückblenden. Es geht in der Geschichte nur um eine Handvoll Menschen, die in einer eisigen Nacht um ihr Überleben kämpft. Ihre Chancen, den nächsten Tag zu erleben, sind denkbar schlecht. Denn sie können keine Hilfe rufen, die Umgebung ist menschenfeindlich und ihr Gegner übermächtig. Die Figuren, die Landschaft, das Klimia und die Bedrohung sind gewohnt überzeugend beschrieben.
Goldens neuer Horrorroman ist ein spanneder Thriller, der die Temperatur im Zimmer um einige Grad senkt.
In Deutschland ist der sehr produktive Suspense-Autor Christopher Golden, obwohl er immer beliebter wird, immer noch eher unbekannt. Seit 1995 hat er zahlreiche Horror-, Fantasy- und Thrillerromane geschrieben. Teilweise mit anderen Autoren wie Mike Mignola und Tim Lebbon, teilweise für bestehende Serien, wie die Vampirjägerin Buffy. Er schrieb auch Filmromane, wie „King Kong“, Comics und Jugendromane. Und er wechselt kontinuierlich zwischen Serien- und Einzelromanen. Seine Thriller standen auf der „New York Times“-Bestsellerliste. Sie wurden für den British Fantasy Award, den Eisner Award und, mehrmals, den Bram Stoker Award nominiert. Zu seinen Fans gehören Stephen King, George R. R. Martin, Jonathan Maberry, David S. Goyer, Tad Williams („Otherland“) und Josh Malerman („Bird Box“).
Christopher Golden: Road of Bones – Straße des Todes
(übersetzt von Johannes Neubert)
Cross Cult, 2023
336 Seiten
26 Euro
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Originalausgabe
Road of Bones
St. Martin’s Press, 2022
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Kriminalakte unterhält sich mit Christopher Golden und Kim Sherwood auf der Leipziger Buchmesse
Christopher Goldens Buchtipps
John Irving: A Prayer for Owen Meany, 1989 (Owen Meany)
S. A. Cosby: Blacktop Wasteland, 2020 (Blacktop Wasteland)
Tana French: The Secret Place, 2014 (Geheimer Ort)
Chris Cleave: Everyone Brave is Forgiven, 2016 (Die Liebe in diesen Zeiten)
Erik Larson: The Devil in the White City, 2003 (Der Teufel von Chicago: ein Architekt, ein Mörder und die Weltausstellung, die Amerika veränderte)
Das ist jetzt eine dieser kleinen, obskuren Geschichten aus der Welt des Films, die heute noch unbekannter als damals sind. Es geht um eine Entführung, einen Diktator und einen Monsterfilm.
Kim Jong-il, der Sohn von Kim Il-sung, dem damaligen Herrscher von Nordkorea, war ein großer Filmfan. Seine Lieblingsfilme waren anscheinend „Rambo“ (First Blood), „Freitag, der 13.“ und die James-Bond-Filme. Solche Filme wollte er in seinem Land drehen. Den richtigen Regisseur und die richtige Hauptdarstellerin hatte er auch schon. Es gab nur ein Problem: Shin Sang-ok und Choi Eun-hee lebten in Südkorea. Dort war das Paar mit ihren selbst produzierten Filme erfolgreich. Der Höhepunkt ihrer Popularität war in den fünfziger und sechziger Jahren.
Doch wie konnte er sie überzeugen, in Nordkorea zu arbeiten?
Seine Idee war dann eine Idee, die nur einem Diktator einfallen konnte. Anstatt sie zu fragen, ob sie für ihn einen Film drehen möchten, ließ er 1978 die Schauspielerin Choi Eun-hee in Hongkong entführen. Als ihr Ex-Mann Shin Sang-ok sie suchte, wurde er ebenfalls entführt.
Die nächsten Jahre verbrachten sie getrennt und ohne voneinander zu wissen in verschieden komfortablen Gefängnissen, in denen sie von den Vorzügen des nordkoreanischen Gesellschaftsmodell und den edlen Taten des Führers überzeugt wurden. 1983 sahen sie sich wieder. Kim Jong-il eröffnete ihnen, warum er sie entführen ließ: Sie sollen für ihn „Meisterwerke von internationalem Format“ inszenieren.
Der bekannteste Film, den sie in Nordkorea drehten ist „Pulgasari“, ein 1985 entstandener Monsterfilm, der überdeutlich von den „Godzilla“-Filmen beeinflusst und zwar trashig unterhaltsam, aber beileibe kein Meisterwerk ist.
Er interpretiert den jahrhundertealten koreanischen Mythos von Pulgasari (bzw. Bulgasari) neu. Pulgasari ist ein Eisen fressendes Monster, das die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Denn mit jeder Eisenmahlzeit wird er größer und hungriger. Im Film und im Comic wird er von Mina mit einem Tropfen ihres Blutes zum Leben erweckt. Sie ist die Tochter eines vom König entführten Schmieds. Dieser despotische König unterdrückt seine Untertanen, führt Kriege und zerstört beim Abbau von Eisenerz die Natur. Zum Herstellen von Schwertern benötigt er neben dem Eisen Schmiede, die ihm gute Waffen anfertigen. Und das soll Minas Vater für ihn tun. Mina hofft, mit Pulgasari ihren Vater befreien und den Despoten vernichten zu können.
Den Plot des Monsterfilms erzählen Zeichnerin Sheree Domingo und Szenarist Patrick Spät in ihrer Version der eben geschilderten Geschichte der Entführung der Schauspielerin und des Regisseurs nach. Dabei spiegelt die Geschichte des Monsterfilms auch die Geschichte von Choi Eun-hee und Shin Sang-ok und ihrem Kampf gegen ihren Entführer wieder. Insofern kommentiert und ergänzt gelungen die Geschichte von Pulgasari die des entführten Paares.
„Mme Choi & die Monster“ ist eine äußerst gelungene und unterhaltsame Liebeserklärung an die japanischen Monsterfilme und eine historischen Nachhilfestunde über eine ziemlich unglaubliche Entführung. Schließlich entführen Diktatoren normalerweise Systemgegner, die sie dann foltern, inhaftieren und töten.
Bekannt wurde die Geschichte, als Choi Eun-hee und Shin Sang-ok 1986 in Wien die Flucht in den Westen gelang.
Sommerzeit. Lesezeit für eine Abenteuergeschichte, die einen fremde Länder besuchen und gefährliche Abenteuer erleben lässt, ohne dabei die Hängematte verlassen zu müssen. Zum Beispiel mit der 2001 spielenden „Corto Maltese“-Geschichte.
Moment mal, werden jetzt einige ältere Semester sagen. Corto Maltese kenne ich. Aber der erlebte seine Abenteuer zu Beginn des 20. Jahrhunderts und traf immer wieder bekannte Persönlichkeiten, wie Rasputin, Jack London, Butch Cassidy, Joseph Roth und Marlene Dietrich (Nur Alan Moores Liga der außergewöhnlichen Gentlemen traf er nicht.). Hugo Pratt hat diesen Kapitän ohne Schiff und Glücksritter erfunden. Von 1967 bis 1991 erzählte er in zahlreichen Comics seine Abenteuer. 1995 starb Hugo Pratt.
Seit 2015 erzählen Juan Díaz Canales und Rubén Pellejero weitere Abenteuer des Seemanns. Und sie planen schon das nächste Abenteuer des Kapitäns.
2021 betraten Zeichner Bastien Vivès und Autor Martin Quenehen die „Corto Maltese“-Welt. Ihre Geschichte spielt in die Gegenwart. Das ist kein Problem. Denn Corto Maltese ist vor allem ein Archetyp und eine bestimmte Haltung zur Welt. Er ist ein Seemann, Glücksritter, Abenteurer, der mehr am Entdecken als am Geldverdienen interessiert ist. Deshalb solidarisiert er sich immer wieder mit den Schwachen. Und er hat in jedem Hafen mindestens einen Freund.
Die von Quenehen und Vivès erzählte Geschichte „Schwarzer Ozean“ beginnt im Chinesischen Meer. Corto Maltese hat auf einem kleinen Boot als Steuermann angeheuert. Dass er so bei einem Verbrechen hilft, stört ihn nicht. Aber als er mitbekommt, dass es nicht um irgendeinen Diebstahl von einem anderen Schiff geht, sondern die Passagiere dieser Yacht ermordet werden, haut er ab. Auf seiner Flucht kann er einen der Passagiere des anderen Schiffes retten. Gemeinsam fahren sie nach Tokio, wo Fukuda dann doch ermordet wird. Vor seinem Tod kann er Corto ein wertvolles Buch über einen verschwundenen Goldschatz der Inka geben.
Mit dem Buch als Schatzplan macht sich Corto auf den Weg nach Peru. In einer einsam in den Bergen gelegenen Mine will er den Schatz finden. An dem Schatz sind auch die ultra-nationalistische Terroristengruppe Black Ocean, die ihn schon seit Tokio verfolgt, und ein Drogenkartell interessiert.
Dabei ist für ihn der Weg zum Ziel ein großer, im Vergnügen bereitender Teil des Abenteuers. Vor allem wenn er eine gut aussehende Frau, wie die Kriegsreporterin Freya, wieder trifft und mit ihr auf einem Boot einige Tage verbringen kann.
Vivès und Quenehen erzählen ihre Geschichte als flotte Abenteuergeschichte, die angenehm an klassische Abenteuergeschichten erinnert. Es gibt, weil die Geschichte um 9/11 spielt, einen deutlich erkennbaren historischen Hintergrund. Aber in ihrem Herzen ist Cortos neus Abenteuer eine dieser Kolportage-Geschichten, in denen ein tapferer Einzelgänger (heute wäre es eine ganze Fußballmannschaft mit Frau, Kind und Kegel – und Oma und Opa) gegen Bösewichter kämpft, Freundschaften schließt, Menschen hilft und gut aussehende Frauen trifft, die sofort seinem Charme verfallen. Kein Wunder, wenn er wie der junge Alain Delon aussieht.
Heute werden solche Geschichten nicht mehr erzählt. In den Fünfzigern und Sechzigern, zum Beispiel mit Alain Delon und Lino Ventura in „Die Abenteurer“, schon. Und sie unterhielten uns, wenn wir sie als Teenager entdeckten, prächtig.
Das gilt auch für „Schwarzer Ozean“. Nach hundertsechzig kurzweiligen Seiten ist diese Geschichte zu Ende.
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Hugo Pratt/Martin Quenehen/Bastien Vivès: Corto Maltese: Schwarzer Ozean
Schon vor George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ (Night of the Living Dead) tauchten Zombies in Horrorfilmen auf. Aber diese, zugegeben wenigen, lebenden Toten haben nichts mit den von Romero und seinem Drehbuchautor John A. Russo erfundenen lebenden Toten zu tun. Romero und Russo erfanden in dem Moment auch die Regeln, nach denen Zombies Menschen töten. Nämlich stumpf, mal einzeln, mal in Gruppen, auf ihr Opfer zuschlurfen und dann zubeißen. Und wie sie getötet werden. Mit einem Kopfschuss oder einer Enthauptung. Der Film wurde 1968 in den USA und drei Jahre später, 1971, in Deutschland veröffentlicht. Ihr Werk war auch eine äußerst rabiate Kritik am Vietnamkrieg und der US-Gesellschaft. Es sorgte für Kontroversen und war ein Hit, dem viele weitere, ähnliche Filme folgten. Die meisten dieser Filme sind inzwischen vergessen. Romero selbst drehte, teil mit jahrelangen Pausen, weitere Zombiefilme, von denen vor allem „Zombie“ (Dawn of the Dead; das ist der Zombiefilm, in dem die Menschen sich in einer Shopping-Mall vor den angreifenden Zombies verstecken) einflussreich war.
Die erste große Zombiewelle, die damals durch die Kinos schwappte, ebbte in den ausgehenden achtziger Jahren ab.
Mit „28 Days later“, „Shaun of the Dead“ und Robert Kirkmans Comicserie „The Walking Dead“ kehrten die Zombies in den frühen Nuller-Jahren zurück in das öffentliche Bewusstsein. Mit der erfolgreichen TV-Serie „The Walking Dead“ (die Niasseri nicht gefällt) eroberten sie 2010 sogar das Fernsehen. Das diee und andere Zombieserien im Fernsehen gezeigt wurden, sagt einiges über den gesellschaftlichen Wandel in den vergangenen fünfzig Jahren. Denn ein richtiger Zombiefilm ist ein blutiges Massaker, das nicht von Kindern gesehen werden sollte.
Mit „Shoot ‚em in the Head“ schrieb „Rolling Stones“-Redakteur Sassan Niasseri jetzt „Eine Film- und Seriengeschichte der Zombies“. Beginnend mit der „Nacht der lebenden Toten“ rekapituliert er die Geschichte des Zombiefilms in den vergangenen über fünfzig Jahren. Ausführlich geht er selbstverständlich auf Romeros Zombiefilme und die unmittelbar mit diesen Filmen zusammenhängenden Filme ein.
Er streift auch die mit den Zombiefilmen und anderen harten Horrorfilmen aus den Siebzigern und Achtzigern untrennbar verbundene Zensurgeschichte. Mit dem Aufkommen der Videocassette gab es erstmals die Möglichkeit, problemlos in der eigenen Wohnung ungeschnittene Fassungen von Filmen zu gucken, die im Kino nur von Erwachsenen gesehen werden durften. Moral- und Sittenwächter, die eine Verrohung der Kinder befürchteten, begannen panisch diese Filme großflächig zu verbieten. In Großbritannien gab es die „Video Nasties“; in Deutschland Listen verbotener Filme. Für Jugendliche waren diese Listen, auch das erzählt Niasseri, Einkaufslisten.
Für das Buch hat er sich mit John A. Russo, Judith O’Dea, Gaylen Ross, Lori Cardille, Terry Alexander, Eugene Clark (alle in Romeros erste vier Zombie-Filmen involviert) und Matthias Schweighöfer (der in Zack Snyders Netflix-Zombiefilm „Army of the Dead“ mitspielt) unterhalten.
Das klingt vielversprechend, aber „Shoot ‚em in the Head“ ist dann doch eine enttäuschende Lektüre. Niasseri strukturiert sein Buch mild chronologisch von Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ bis hin zur Gegenwart. In den einzelnen Kapiteln springt er immer wieder, mehr assoziativ und essayistisch als analytisch, hin und her. Da geht es, auf wenigen Seiten, von den britischen Video Nasties über die 1984er ZDF-Dokumentation „Mama, Papa, Zombie“ und Niasseris Leben auf dem Dorf zu Michael Jacksons Musikvideo „Thriller“. Da wird von Film zu Film und wieder zurück gesprungen.
Er verzichtet auf präzisere Inhaltsangaben, weil die Fans des Zombiefilms die Klassiker in- und auswendig kennen. Nicht-Fans müssen dann halt öfter die Lektüre unterbrechen und bei Wikipedia nachgucken.
Und er benutzt die deutschen Filmtitel. Heute sind bei einigen Filmen die Originaltitel bekannter. Und bei einigen Filmen herrscht ein munteres Titel- und Fassungskuddelmuddel, das ganze Promotionen inspirieren kann. So wurde Lucio Fulcis „Paura nella città dei morti viventi“ in Deutschland unter dem Kinotitel „Ein Zombie hing am Glockenseil“ (das ist immer noch der bekannteste Titel), „Die Stadt der lebenden Toten“, „Ein Toter hing am Glockenseil“, „Eine Leiche hängt am Glockenseil“, „Ein Kadaver hing am Glockenseil“, „Eine Leiche hing am Glockenseil“ und „City of the Living Dead“ veröffentlicht und verboten.
Eine Filmographie, die hier Abhilfe schaffen könnte, gibt es nicht. Es gibt nur ein Titelregister, das einem immerhin hilft, den Film im Text zu finden.
Das alles erschwert beim Lesen die Orientierung und verleidet einem nach der Lektüre ein wiederholtes Blättern in dem faktenreichen Werk.
Sassan Niasseri: Shoot ‚em in the Head – Eine Film- und Seriengeschichte der Zombies
In den vergangenen Jahrzehnten hat Stephen King, neben seinen Romanen, über zweihundert Kurzgeschichten und Kurzromane geschrieben, die sich alle für eine Verfilmung eignen. Trotztdem ist „Nachtschicht“, seine erste Sammlung von Kurzgeschichten, für Kino- und TV-Verfilmungen immer noch eine äußerst beliebte Sammlung von Kurzgeschichten. Sie wurden erstmals zwischen 1970 und 1978 in verschiedenen Magazinen veröffentlicht. In den USA erschien der Sammelband 1978. In Deutschland sechs Jahre später.
„Children of the Corn“, „Trucks“ (verfilmt von Stephen King als „Maximum Overdrive“ [Rhea M. – Es begann ohne Warnung]), „The Lawnmover Man“ (obwohl King erfolgreich gegen die Verwendung seines Namens klagte, weil der Film sich zu sehr von der Kurzgeschichte entfernte), „Graveyard Shift“ und „The Mangler“ (verfilmt von Tobe Hooper) basieren auf Geschichten aus dem Sammelband. Und jetzt „The Boogeyman“ (Das Schreckgespenst). Die Geschichte wurde bereits zweimal verfilmt. Beide Male als Kurzfilm. Und jetzt erstmals als Spielfilm.
Die Drehbuchautoren Scott Beck, Bryan Woods und Mark Heymen und Regisseur Rob Savage nahmen Kings Geschichte als Sprungbrett für ihre Geschichte. Eigentlich übernehmen sie nur die Ausgangslage. Nämlich die Situation, in der ein Mann gegenüber einem Psychiater sagt, er habe seine drei Kinder getötet und er könne nicht zur Polizei gehen, weil sie ihm nicht glauben werde. Und er hat Angst vor geschlossenen Schränken, weil sich in ihnen das Schreckgespenst befinden könnte. Dieses Gespenst ist dabei anscheinend nicht an einen Ort, sondern an eine Person gebunden.
Kings Kurzgeschichte „Das Schreckgespenst“ besteht nur aus dem ersten Gespräch zwischen dem Therapeuten Dr. Harper und seinem neuen Patienten Billings. Die Geschichte endet nach sechzehn Seiten mit einer fiesen Schlusspointe. King liefert schon davor eine Erklärung für den Geist, die heute ‚toxische Männlichkeit‘ genannt wird. Aber schon damals, in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren wurde das konservative Familienmodell und konservative Vorstellungen von Männlichkeit angegriffen. Und damit auch die Stellung und Rolle von Billings als Herr im Haus.
Rob Savage verlegte die letztendlich zeitlose Geschichte von dem Schreckgespenst im Schrank in die Gegenwart, erweiterte sie und veränderte das Thema. Bei ihm geht es um Trauer. Denn Dr. Harper hat erst vor kurzem seine Frau verloren. Er und seine beiden Töchter versuchen noch, den Verlust zu verarbeiten.
Lester Billings hat nur noch eine kleine Nebenrolle. Er bringt sich in den ersten Minuten des Films in Will Harpers Haus während ihrer ersten Begegnung um. Danach beginnt der titelgebende „Boogeyman“ Harpers Kinder, die zehnjährige Sawyer und, später, ihre sechzehnjährige Schwester Sadie zu ängstigen. Sadie will ihre kleine Schwester beschützen. Sie begibt sich auf die Suche nach den Ursprüngen des Boogeymans.
Die sich aus dieser Prämisse entwickelnde Geschichte folgt dann bis zum Finale dem sattsam bekannten Muster dieser Gespentergeschichten. Nur dass Savage seine Geschichte sehr langsam in eher dunklen Räumen erzählt.
„The Boogeyman“ besteht aus vertrauten Elementen, die in der vertrauten Reihenfolge mit weitgehend vertrauten Schreckmomente (es geht doch nichts über plötzliche laute Geräusche und plötzlich auftauchende monströse Monsterfinger) präsentiert werden.
Das ist kompetent gemacht, nie überraschend und, wegen des langsamen Erzähltempos, auch länglich. Es ist der Stoff eines Kurzfilms, der auf Spielfilmlänge gedehnt wird.
P. S.: ’nie überraschend‘ stimmt nicht so ganz. Denn am Ende gibt es eine kleine, sehr kleine, fast übersehbare Überraschung.
The Boogeyman (The Boogeyman, USA 2023)
Regie: Rob Savage
Drehbuch: Scott Beck, Bryan Woods, Mark Heyman (nach einer Geschichte von Scott Beck und Bryan Woods)
LV: Stephen King: The Boogeyman, 1973 (Kurzgeschichte, Cavalier 1973) (Das Schreckgespenst) (später erschienen in dem Sammelband „Nightshift“, 1978 [Nachtschicht])
mit Sophie Thatcher, Chris Messina, Vivien Lyra Blair, Marin Ireland, Madison Hu, LisaGay Hamilton, David Dastmalchian
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
Wer hätte das vor über vierzig Jahren gedacht? Nämlich dass ein Buch, und dazu noch eine Kurzgeschichtensammlung (die als notorisch unverkäuflich eingeschätzt werden), seit seiner Erstaufflage im Original und in der Übersetzung nie ‚out of print‘ war? Im Fall von „Nachtschicht“ ist Stephen King genau das gelungen. Außerdem inspiriert diese Sammlung von zwanzig spannenden Kurzgeschichten immer noch Filmemacher. 2020 gab es eine neue, anscheinend grottenschlechte Verfilmung von „Children of the Corn“, jetzt eine von „The Boogeyman“ und dazwischen verschiedene Ein-Dollar-Verfilmungen. Das ist eine von Stephen King jungen Filmemachern gewährte Option: sie dürfen für einen eher symbolischen Dollar eine seiner Kurzgeschichten verfilmen. Es gibt nur eine Bedingung: sie dürfen ihren Film danach nur in einem sehr begrenzten, nicht-kommerziellem Rahmen aufführen. Und Stephen King sieht sich das Werk an.
Stephen Kings erste Sammlung von Kurzgeschichten enthält:
Briefe aus Jerusalem (Jerusalem’s Lot, 1978)
Spätschicht (Graveyard Shift, 1970)
Nächtliche Brandung (Night Surf, 1974)
Ich bin das Tor (I Am the Doorway, 1971)
Der Wäschemangler (The Mangler, 1972)
Das Schreckgespenst (The Boogeyman, 1973)
Graue Masse (Gray Matter, 1973)
Schlachtfeld (Battleground, 1972)
Lastwagen (Trucks, 1973)
Manchmal kommen sie wieder (Sometimes They Come Back, 1974)
Erdbeerfrühling (Strawberry Spring, 1975)
Der Mauervorsprung (The Ledge, 1976)
Der Rasenmähermann (The Lawnmower Man, 1975)
Quitters, Inc. (Quitters, Inc. 1978)
Ich weiß, was du brauchst (I Know What You Need, 1976)
Kinder des Mais (Children of the Corn, 1977)
Die letzte Sprosse (The Last Rung on the Ladder, 1978)
Der Mann, der Blumen liebte (The Man Who Loved Flowers, 1977)
Einen auf den Weg (One for the road, 1978)
Die Frau im Zimmer (The Woman in the Room 1978)
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Stephen King: Nachtschicht
(übersetzt von Barbara Heidkamp, Harro Christensen, Michael Kubiak, Karin Balfer, Ulrike A. Pollay, Sabine Kuhn, Ingrid Herrmann, Wolfgang Hohlbein, Bernd Seligmann und Stefan Sturm)
Das ist ein Angebot, das Luca Stoffels unbedingt ablehnen sollte. Aber Stoffels, ein kleinkrimineller, vom Pech verfolgter Loser mit Beziehungsproblemen, steckt gerade in einer saublöden Situation. Da könnten die 6000 Euro, die ihm der bärtige Fremde anbietet, ein Ausweg aus seiner aktuellen Bredouillie sein. Dass er dafür fortan von einem nur für ihn sichtbaren Dämon begleitet wird, ist für Luca kein Problem. Denn was soll schon passieren?
Kurz darauf, als er einem psychopathischem Mörderpärchen, einem waschechten Dämon und einem gewaltgeneigtem Gangsterboss gejagt und er im Kölner Dom in eine Karnevalsversammlung stolpert, merkt er, dass er in gewaltigen Schwierigkeiten steckt und die Nacht nur mit viel Glück überleben wird. Nur Glück hat er normalerweise nicht.
„Ein verdammter Handschlag“ ist eine herrlich durchgeknallte schwarzhumorige Fantasy-Horrorgeschichte mit einer wohltuenden Missachtung der körperlichen Unversehrtheit seiner Protagonisten. Diese Mischung kennen wir, vor allem auf diesem Niveau, vor allem von angloamerikanischen Künstlern.
Allerdings spielt die Geschichte von „Ein verdammter Handschlag“ nicht in den USA, sondern in Köln. Geschrieben wurde sie von TV-Drehbuchautor Matze Ross. Gezeichnet wurde sie von Illustrator Jan Bintakies. Beide haben für ihr Comicdebüt in jahrelanger Arbeit (mehr dazu im Video-Interview) ihre inneren Dämonen, ihre Liebe zum Horrorfilm und zu grundsympathischen Loosern entfesselt. Wer will, kann in Luca Stoffels (Was für ein Name!) etwas von „Bang Boom Bang“ Oliver Korittke und „Trainspotting“ Ewan McGregor entdecken. Bintakies‘ satirisch überspitzten Zeichnungen erinnern, immer wieder, etwas an Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss!“.
„Ein verdammter Handschlag“ ist ein großes Vergnügen und ein dämonisch gelungener Einstand.
Das Gespräch mit Jan Bintakies fand am 25. Mai 2023 während des Salon der Graphischen Literatur in Berlin in der Bibliothek am Luisenbad statt.
Wir sprechen über „Ein verdammter Handschlag“, die Entwicklung der Geschichte, warum zwischen der ersten Idee und der Veröffentlichung mehrere Jahre vergingen, welche Einflüsse erkennbar sind, das Crowdfunding für die Deluxe-Edition des Comics und welche Pläne Matze Ross und Jan Bintakies haben.
Matze Ross/Jan Bintakies: Ein verdammter Handschlag
Natürlich blickt das „Lexikon des Internationalen Films“ nicht, wie der Titel „Filmjahr 2022/2023“ auf den ersten Blick suggeriert, auf das aktuelle Filmjahr zurück. Denn einige für dieses Jahr wichtige Filme, wie die aktuell in Cannes laufenden Filme, sind noch nicht in den deutschen Kinos gestartet. In dem jährlich erscheinenden Filmlexikon wird auf das letzte Jahr zurückgeblickt. Und zwar in der seit einigen Jahren etablierten Form.
Das Lexikon besteht aus Kurzkritiken von fast 1400 mindestens einstündigen Spiel-, TV- und Dokumentarfilmen, die in Deutschland 2022 im Kino liefen, gestreamt, im TV ausgestrahlt oder auf DVD veröffentlichet wurden, und aus einem Berichteteil. Dieser nimmt seit einigen Jahren gut die Hälfte des Lexikons ein. Mit seinen zahlreichen bestimmte Aspekte des vergangenen Kinojahres vertiefenden Texten ist dieser Teil ein weiterer Grund, das Lexikon zu kaufen. Es geht in der aktuellen Ausgabe um Perspektiven des ukrainischen Kinos, subversive Filme, die Darstellung von Demenz in aktuellen Spielfilmen, Nordische Mythen und Filme und Serien zur Pandemie. Es gibt Porträts von Filmschaffenden, wie Andrew Dominik, Alex Garland, Bruno Dumont, Céline Sciamma und der immer sehenswerten Tilda Swinton. Es gibt Interviews mit, unter anderem, Aelrun Goette („In einem Land, das es nicht mehr gibt“), Kenneth Branagh („Belfast“), Jacques Audiard („Wo in Paris die Sonne aufgeht“) und Carla Simón („Alcarràs – Die letzte Ernte“). Es gibt kürzere und länger Nachrufe. Unter anderem auf den zu früh verstorbenen Gaspard Ulliel, Alain Tanner, Klaus Lemke und Jean-Luc Godard, der nach seinem Debüt „Außer Atem“ keinen weiteren Film mehr hätte drehen müssen, um eine Legende zu sein. Es gbt, wie in den vorrherigen Jahren, einige Preislisten, von den Oscars über die Gewinner der Festivals in Cannes, Locarno, Venedig und Berlin bis hin zum Deutschen Filmpreis.
Es gibt, von der Redaktion des „filmdienst“ ausgewählt, fünfzehn Serien und zwanzig Kinofilme, die die wichtigsten Filme und Serien des lezten Jahres sind. Sie werden ausführlicher vorgestellt. Bei den in jedem Fall sehens- und diskussionswürdigen Spielfilmen handelt es sich um
Der schlimmste Mensch der Welt (in ihrer ganzen Pracht, fast wie „Lola rennt“, ist Renate Reinsve auf dem Buchcover abgebildet und mit einem sehr freundlichen Blick läuft ‚der schlimmste Mensch der Welt‘ auf den Käufer zu)
Everything Everywhere all at once (der Oscar-Liebling und Everybody’s Darling)
Die jährliche Ausgabe des Lexikons des Internationalen Films ist ein Buch, das als gedrucktes Buch in jeden gut ausgestatteten cineastischen Haushalt gehört. Und das jedes Jahr wertvoller wird. Denn während man im Internet immer nur eine spezielle Filmkritik sucht, erschließt sich beim Blättern im „Lexikon des Internationalen Film“ das Filmjahr wieder, inclusive der Erkenntnis, welche gruseligen Filme in dem Kinojahr neben Klassikern anliefen und, manchmal, wie sich im Lauf der Zeit die Bewertung bei einem Film grundlegend ändert.
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Filmdienst.de/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Jörg Gerle, Felicitas Kleiner, Josef Lederle, Marius Nobach): Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2022/2023
„Alles begann an einem kalten Dienstag im Januar, morgens um halb zwei, als Martin Turner, Straßenkünstler und nach einengen Worten Gigolo in Ausbildung, vor der Säulenvorhalle von St. Paul’s am Covent Garden über eine Leiche stolperte.“
So beginnt Ben Aaronovitchs erster Roman mit Peter Grant. Peter Grant ist in dem Moment ein junger Police Constable bei der Metropolitan Police. Wenige Zeilen später begegnet er einem Geist. Und der Rest ist Geschichte. Denn „Die Flüsse von London“ war 2011 (in Deutschland ein Jahr später) der Auftakt für eine erfolgreiche Urban-Fantasy-Reihe um Peter Grant, Polizist und Zauberlehrling. Bis heute sind neun reguläre, sich exzellent verkaufende Romane, etliche Kurzromane, Kurzgeschichten und Comics, die sich teils auf bestimmte Figuren aus dem „Die Flüsse von London“-Universum konzentrieren, erschienen. Seit einigen Tagen gibt es außerdem ein Rollenspiel.
In den Geschichten verbindet Aaronovitch gelungen britischen Humor mit Fantasy (Geister, Hexen, Dämonen, Flußgötter, Zauberer) und einer, bis auf die Sache mit der schon erwähnten Zauberei, realistischen Kriminalgeschichte. Damit sind seine Bücher etwas für Krimi- und Fantasy-Fans.
Am Dienstag, den 2. Mai 2023, besuchte Ben Aaronovitch, zwischen Leipziger Buchmesse und weiteren Leseterminen, für eine von der Science-Fiction/Fantasy-Buchhandlung „Otherland“ zusammen mit dtv organisierten Lesung Berlin. Im bis zum letzten Sitzplatz gefüllten Ballhaus Walzerlinksgestrickt sagte Aaronovitch, er habe bereits einige weiter „Die Flüsse von London“-Geschichten geschrieben. Und er werde weitere schreiben.
Vor der Lesung sprach Ben Aaronovitch mit mir über seine beiden neuesten Romane, den neunten Peter-Grant-Roman „Die Silberkammer in der Chancery Lane“ (Amongst our Weapons) und den Kimberly-Reynolds-Kurzroman „Die schlafenden Geister des Lake Superior“ (Winter’s Gifts), Peter Grant, die von ihm geschaffene Welt und das Schreiben.
Ben Aaronovitch: Die schlafenden Geister des Lake Superior – Eine Kimberley-Reynolds-Story
(übersetzt von Christine Blum)
dtv, 2023
240 Seiten
11,95 Euro
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Originalausgabe (die erst in einigen Tagen erscheint)
Winter’s Gift
Orion, 2023
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Ben Aaronovitch: Die Silberkammer in der Chancery Lane
(übersetzt von Christine Blum)
dtv, 2022
416 Seiten
15,95 Euro
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Originalausgabe
Amongst our Weapons
Gollancz, London 2022
Ben Aaronovitch (Schöpfer)/Celeste Bronfman (Story)/Andrew Cartmel (Skript-Lektorat)/José María Beroy (Zeichnungen): Die Flüsse von London: Und wenn sie nicht gestorben sind… (Band 10)
(übersetzt von Kerstin Fricke)
Panini, 2023
116 Seiten
17 Euro
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Originalausgabe
Rivers of London: Deadly ever after
Titan Comics, Januar 2023
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Ben Aaronovitch (Story)/Andrew Cartmel (Story)/José María Beroy (Zeichnungen): Die Flüsse von London: Ein mieser Montag (Band 9)
Ben Aaronovitchs „Die schlafenden Geister des Lake Superior – Eine Kimberley-Reynolds-Story“ (Winter’s Gift, 2023)
Ben Aaronovitchs „Die Silberkammer in der Chancery Lane“ (Amongst our Weapons, 2022)
Ben Aaronovitch (Schöpfer)/Celeste Bronfman (Story)/Andrew Cartmel (Skript-Lektorat)/José María Beroy (Zeichnungen) „Die Flüsse von London: Und wenn sie nicht gestorben sind… (Band 10)“ (Rivers of London: Deadly ever after, 2023)
Ben Aaronovitch (Story)/Andrew Cartmel (Story)/José María Beroy (Zeichnungen) „Die Flüsse von London: Ein mieser Montag (Band 9)“ (Rivers of London: Monday, Monday, 2021)
Einlass ist ab 19.00 Uhr. Um eine Anmeldung unter service@Otherland-berlin.de wird gebeten. Ebenso um eine Spende.
Im Gepäck hat Ben Aaronovitch, der Erfinder von Peter Grant und der witzigen „Die Flüsse von London“-Urban-Fantasy-Krimiserie, eine Vorspeise (den Kurzroman „Die schlafenden Geister des Lake Superior“), eine Hauptspeise (den Roman „Die Silberkammer in der Chancery Lane“) und zwei Nachspeisen (die Comics „Ein mieser Montag“ und „Und wenn sie nicht gestorben sind“).
„Die schlafenden Geister des Lake Supeior“ ist sein neuestes Buch. In Deutschland erschien die Geschichte mit FBI-Agentin Kimberley Reynolds über einen Monat vor der englischen Ausgabe. Die ist erst für den 8. Juni angekündigt.
Eifrige Leser der Peter-Grant-Romane kennen die FBI-Agentin seit „Ein Wispern unter Baker Street“ (Whispers Under Ground, 2012). In dem Fantasykrimi lernte die tiefreligiöse Kimberley Reynolds bei einem Auslandseinsatz Peter Grant kennen. Der Besuch in London war gleichzeitig ihre erste Begegnung mit der Welt der Magie und der Beginn ihrer Freundschaft zu Peter Grant. Jetzt gibt er ihr den entscheidenden Hinweis im Kampf gegen die „schlafenden Geister des Lake Superior“.
Der Fall beginnt mit einem Anruf des Ex-FBI-Agenten Patrick Henderson. Er warnt vor einem möglichen X-RAY SIERRA INDIA und bittet um eine Einschätzung. Genauere Informationen werde er dem FBI-Einsatzteam geben. Kimberley, die beim FBI in der Abteilung für die seltsamen, okkulten „Akte X“-Fälle arbeitet, wird mitten im tiefsten Winter nach Eloise, Wisconsin, geschickt. Als sie in der Kleinstadt eintrifft, ist Henderson spurlos verschwunden, ein Eistornado hat die Gemeindeverwaltung und das Poliizeirevier zerstört und es geschehen wirklich seltsame Dinge in der Gegend.
Ihr bleiben nur wenige Stunden, um eine Katastrophe zu verhindern.
Die flott gelesene, vergnügliche Geschichte, die Ben Aaronovitch in seinem gewohnt humorvollem Ton erzählt, gehört zu den kürzeren Geschichten, die mal als Kurzroman, mal als Novelle bezeichnet werden. Sie können an einem langen Abend gelesen werden und sie eignen sich gut als Einstieg in die Welt der „Flüsse von London“.
Schon letztes Jahr erschien „Die Silberkammer in der Chancery Lane“, der neunte Roman mit Peter Grant. Der in London lebende Grant ist Polizist. Er gehört zu der bei seinen Kollegen allgemein unbeliebten Einheit für Spezielle Analysen. Sie kümmert sich um abstruse Fälle, die normalerweise irgendetwas mit Zauberei und Okkultismus zu tun haben und mit denen normale Polizisten nichts zu tun haben wollen. Außerdem ist Grant der erste Zauberlehrling seit 1945. Sein Ausbilder, Mentor und Vorgesetzter ist Thomas Nightingale. Sein Alter ist nicht bekannt. Aber der Zauberer hat im Zweiten Weltkrieg gedient und ist seitdem nicht merklich gealtert.
In „Die Silberkammer in der Chancery Lane“ geht es um einen seltsamen Todesfall in der titelgebenden Silberkammer. In der unterirdischen Shoppingmal werden, bestens gesichert vor Diebstählen, seit Ewigkeiten wertvolle Gegenstände aus Silber verkauft. Jetzt wurde in ihr ein Mann, der gerade ein Geschäft überfiel, ermordet. Sein Herz wurde von einer unbekannten Macht herausgerissen. Die zahlreichen Überwachungskameras haben nichts aufgenommen. Also muss Peter Grant herausfinden, welcher böse Geist hier am Werk war. Und warum.
Nach gut vierhundert Seiten haben Peter Grant und seine Kollegen den Fall geklärt.
Aufgrund des großen Erfolgs seiner Peter-Grant-Romane gibt es seit 2015 auch Comics, denn, so Aaronovitch auf der Leipziger Buchmesse: „Wer will nicht Comicautor sein?“. Ben Aaronovitch schreibt die Comics zusammen mit Andrew Cartmel. Beide schrieben Drehbücher für die TV-Serie „Doctor Who“. Cartmel schreibt außerdem die „Vinyl Detektiv“-Krimis, die auf Deutsch bei Suhrkamp erscheinen.
Die Comics gehören zur Kontinuität der Romane. Sie können aber unabhängig von den Romanen gelesen werden. Wie die Romane unabhängig von den Comics gelesen werden können. Sie sind kurze Zwischenhappen, die die Zeit zwischen den Romanen verkürzen.
Zuletzt erschienen, mit jeweils einer großen Geschichte, der neunte und zehnte Comicband. Im neunten Comicband sind außerdem vier einseitige Comics enthalten.
In „Ein mieser Montag“ jagt DI Miriam Stephanopoulos eine Bande Teenager-Taschendiebe. Mehrere Razzien der Metropolitan Police bleiben ohne Ergebnis. Wahrscheinlich wurde die Gang gewarnt. Außerdem geht ein Undercover-Einsatz schief. Der Undercover-Polizist liegt jetzt im Krankenhaus. Er hat einen schwedischen Werwolf gesehen. Und damit handelt es sich um eine Angelegenheit für Peter Grant und die Einheit für okkulte Angelegenheiten.
Aaronovitch und Cartmel erzählen die zu verschiedenen Zeiten spielende Geschichte kapitelweise aus verschiedenen Blickwinkeln mit verschiedenen Protagonisten. Das Ergebnis ist dann eher unbefriedigend.
Der neueste „Die Flüsse von London“-Comic „Und wenn sie nicht gestorben sind…“ wurde von Celeste Bronfman geschrieben. Aaronovitch und Cartmel beaufsichtigten die Arbeit. Im Mittelpunkt ihrer Geschichte stehen die Zwillinge Chelsea und Olympia. Die Töchter der Flussgöttin Themse brechen in einem Park versehentlich einen Bannzauber. Das führt dazu, dass die in einem alten Märchenbuch zusammengestellten und illustrierten Märchen, wie „Der Froschkönig“ und „Schneewittchen“ jetzt zum Leben erweckt werden.
Weil Grant und Nightingale gerade mit anderen Geistern beschäftigt sind, versuchen die beiden Zwillinge das von ihnen angerichtete Unheil rückgängig zu machen.
„Und wenn sie nicht gestorben sind…“ ist eine witzige Urban-Fantasy-Geschichte, bei der Peter Grant nur in einem Panel auftaucht.
Am 3. Mai liest er um 20.30 Uhr in Würzburg in der Buchhandlung Hugendubel (Kürschnerhof 4-6)
Am 4. Mai liest er um 20.15 Uhr in München in der Buchhandlung Hugendubel am Stachus (Karlsplatz 11-12).
Beide Abende werden von Uve Techner moderiert.
Ben Aaronovitch: Die schlafenden Geister des Lake Superior – Eine Kimberley-Reynolds-Story
(übersetzt von Christine Blum)
dtv, 2023
240 Seiten
11,95 Euro
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Originalausgabe (die erst in einigen Tagen erscheint)
Winter’s Gift
Orion, 2023
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Ben Aaronovitch: Die Silberkammer in der Chancery Lane
(übersetzt von Christine Blum)
dtv, 2022
416 Seiten
15,95 Euro
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Originalausgabe
Amongst our Weapons
Gollancz, London 2022
Ben Aaronovitch (Schöpfer)/Celeste Bronfman (Story)/Andrew Cartmel (Skript-Lektorat)/José María Beroy (Zeichnungen): Die Flüsse von London: Und wenn sie nicht gestorben sind… (Band 10)
(übersetzt von Kerstin Fricke)
Panini, 2023
116 Seiten
17 Euro
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Originalausgabe
Rivers of London: Deadly ever after
Titan Comics, Januar 2023
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Ben Aaronovitch (Story)/Andrew Cartmel (Story)/José María Beroy (Zeichnungen): Die Flüsse von London: Ein mieser Montag (Band 9)
Wie andere Großveranstaltungen legte sie wegen der Coronavirus-Pandemie eine Zwangspause ein. Letztes Jahr fand sie nur als spontane Ad-hoc-Messe statt.
Dieses Jahr findet sie, bis Sonntag, am gewohnten Ort im gewohnten Rahmen statt.
Für die erste Post-Pandemie-Ausgabe wurde das Hallenkonzept geändert. Comics und Mangas, die immer populärer werden, sind jetzt in zwei von fünf Hallen präsent. Und wer wollte, konnte, schon vor dem Cosplay-Wettbewerb am 29. April, viele Cosplayer fotografieren.
In den restlichen drei Hallen sind Belletristik- und Sachbuchverlage. Dieses Jahr fielen mir, neben den vielen altbekannte, vertrauten und beliebten Verlagen, mehrere Musikbuchverlage auf. Und es gibt einen von mir ignorierten „Fokus Bildung“. Gefühlt gab es mehr Essensstände. Und es gab selbstverständlich viele Buchvorstellungen und Gesprächsrunden.
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Ben Aaronovitch, der Erfinder von Peter Grant und der „Flüsse von London“-Krimifantasyserie, und „Panini“ Steffen Volkmer beim Signieren. Also, natürlich nur Ben Aaronovitch. Die deutschen Ausgaben seiner Werke erschienen bei dtv und Panini.
Else Laudan vom Argument Verlag vor ihrem Ariadne-Krimiprogramm und ihrer aktuellen Top-Empfehlung für alle, die einen guten Krimi lesen wollen: der neue Roman von Mary Paulson-Ellis „Das Erbe von Solomon Farthing“.
Die helle Macht hinter den immer lesenswerten Noirs des „Polar“-Verlages: Jürgen Ruckh, Britta Kuhlmann und Wolfgang Franßen (von links nach rechts)
So langsam werden auch bei uns japanische Trickfilme populärer. In den vergangenen Jahren wurden viele Animes auf DVD/Blu-ray veröffentlicht. Sie hatten keinen oder nur einen Pseudo-Kinostart der Marke „nur ein Tag, nur in ausgewählten Kinos“. Manchmal waren es dann doch mehrere Tage oder verdammt lange Tage. „Suzumu“ hat jetzt einen richtigen Kinostart. Die in Japan schon sehr erfolgreiche Fantasy-Romanze läuft mehrere Tage in mehreren Kinos und wird, je nach Zuschauerzahlen, natürlich weiter gezeigt werden.
In Makoto Shinkais neuem Film geht es um die siebzehnjährige Suzume und die Abenteuer, die sie mit Souta erlebt.
Auf dem Weg zur Schule trifft sie auf Souta und sie verliebt sich sofort in ihn. Schließlich sieht er wie ein Rockstar-Traumprinz aus. Seine offensichtliche Traurigkeit und Weltmüdigkeit macht ihn noch attraktiver für Suzume. Er sucht in dem Küstenort nach Ruinen. Sie verfolgt ihn, entdeckt dabei in einem verlassenen Bad eine im Wasser stehende Tür, durch die eine andere Welt betreten werden kann. Sie ist ein Portal in eine andere Dimension. Souta ist ein Portalwächter, der dieses und andere Portale schließen muss, bevor aus der anderen Dimension ein Wurm kommt und in unserer Welt Erdbeben verursacht.
Mehr soll hier nicht über die komplexe, vor allem für Mädchen gemachte Fantasy-Romanze, die zwischen Räumen und Zeiten spielt, verraten werden. Wobei alle, die Shinkais frühere Filme kennen, ziemlich schnell eine ziemlich gute und zutreffende Idee über den weiteren Verlauf der Geschichte haben werden. „Suzume“ bedient sich nämlich sehr offensichtlich an dem Plot von Shinkais bislang größtem Erfolg „Your Name. – Gestern, heute und für immer“. Diese Fantasy-Romanze war ein Kritiker- und Publikusliebling und der aktuell dritterfolgreichste Anime. Auf dem vierten Platz steht, im Moment noch mit deutlichem Abstand, „Suzume“.
Shinkais neuer Anime ist absolut sehenswert, aber nicht ganz so gut wie „Your Name. – Gester, heute und für immer“.
Suzume (Suzume no Tojimari, Japan 2022)
Regie: Makoto Shinkai
Drehbuch: Makoto Shinkai
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Lektürehinweis
Wer mehr über die Welt der Animes erfahren möchte, kommt um die von Michael Leader und Jake Cunningham geschriebenen, reichhaltig illustrierten Bücher „Die Anime-Bibliothek – Die ultimative Guide zum japanischen Animationsfilm“ und „Gibliothek – Der inoffizielle Guide zu den Filmen von Studio Ghibli“.
Lasst euch nicht von der Seitenzahl täuschen. Die umfangreichen Texte sind sehr klein gedruckt. Und sehr informativ.
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Michael Leader/Jake Cunningham: Die Anime Bibliothek – Der ultimative Guide zum japanischen Animationsfilm
(übersetzt von Ruben Grest)
Panini, 2022
192 Seiten
30 Euro
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Michael Leader/Jake Cunningham: Ghibliothek – Der inoffizielle Guide zu den Filmen von Studio Ghibli
Marc Raabe (Marc Raabe, links) und seine Erfindung Art Mayer (Mario Klischies, rechts) am Dienstag, den 11. April 2023, im Berliner Kriminal-Theater.
Der überaus sympathische Thrillerautor Marc Raabe stellte dort seinen neuen Thriller „Der Morgen“ und sein neues Ermittlerteam vor. Der BKA-Ermittler Art Mayer und seine neue Kollegin Nele Tschaikowski suchen den Mörder der Frau des Gesundheitsministers. Und sie wollen herausfinden, warum der Mörder die Adresse des Bundeskanzlers auf ihren Bauch schrieb.
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Die nächsten Lesungen von Marc Raabe
Köln, 20. April 2023, 20:15 Uhr, Thalia Neumarkt//Mayersche
Leipzig, 26. April 2023, LangeKriminacht – Blauer Salon im Central Kabarett
Leipzig, 27. April 2023, 14:00 Uhr, Leipziger Buchmesse „Forum Literatur und Audio“, Halle: 2, Stand
Leipzig, 28. April 2023, 19:00 Uhr, KrimiClub
Kerpen, 24. Mai 2023, 19:30 Uhr, Buchhandlung Wortreich