TV-Tipp für den 6. November: Verleugnung

November 5, 2020

MDR, 00.15

Verleugnung (Denial, USA/Großbritannien 2016)

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: David Hare

LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005

Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.

Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Rachel Weisz, Timothy Spall, Tom Wilkinson, Andrew Scott, Jack Lowden, Caren Pistorius, Alex Jennings, Harriet Walter

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Verleugnung“

Metacritic über „Verleugnung“

Rotten Tomatoes über „Verleugnung“

Wikipedia über „Verleugnung“ (deutsch, englisch)

Wer gerade Zeit hat: die Dokumentation des Prozesses

Meine Besprechung von Mick Jackson „Verleugnung“ (Denial, USA/Großbritannien 2016)


TV-Tipp für den 5. November: The House that Jack built

November 5, 2020

Arte, 00.30

The House that Jack built (The House that Jack built, Dänemark/Schweden/Frankreich/Deutschland 2018)

Regie: Lars von Trier

Drehbuch: Lars von Trier

Ein Serienmörder erzählt Episoden aus seinem Leben.

TV-Premiere. Und, ja, die Sendezeit geht in Ordnung. Denn der Film ist „frei ab 18 Jahre“ und diese Freigabe hat er sich redlich verdient.

Von Triers bitterböser Humor, die Metaebenen und auch die Interpretationsmöglichkeiten machen aus „The House that Jack built“ einen interessanten und sehenswerten Film. Es ist allerdings auch ein Kunstwerk, das auf die moralische Kategorien verzichtet und das mit hundertfünfzig Minuten länger als nötig ist. Wahrscheinlich kein Film, den man sich öfter ansehen will, aber doch mindestens einmal ansehen sollte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Matt Dillon, Bruno Ganz, Uma Thurman, Siobhan Fallon Hogan, Sofie Gråbøl, Riley Keough

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The House that Jack built“

Metacritic über „The House that Jack built“

Rotten Tomatoes über „The House that Jack built“

Wikipedia über „The House that Jack built“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lars von Triers „Nymphomaniac – Teil 1 (Nymphomaniac – Volume 1, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Schweden 2013)

Meine Besprechung von Lars von Triers „Nymphomaniac – Teil 2“ (Nymphomaniac – Volume 2, Dänemark/Deutschland/Frankreich/Schweden 2013)

Meine Besprechung von Lars von Triers „The House that Jack built“ (The House that Jack built, Dänemark/Schweden/Frankreich/Deutschland 2018)

Diaphanes: Mehdi Belhaj Kacem und Raphaëlle Milone unterhalten sich mit Lars von Trier (17. Juli 2018)

 


TV-Tipp für den 4. November: No Country for Old Men

November 3, 2020

Kabel 1, 22.35

No Country for Old Men (No Country for Old Men, USA 2007)

Regie: Ethan Coen, Joel Coen

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005 (Kein Land für alte Männer)

Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.

Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).

Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald

Wiederholung: Freitag, 6. November, 01.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über “No Country for Old Men”

Rotten Tomatoes über “No Country for Old Men”

Wikipedia über “No Contry for Old Men” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. November: Wahlen in den USA

November 2, 2020

ARD, 22.50

ZDF, 20.15 (unterbrochen von der „Anstalt“ und „Markus Lanz“)

3sat, 22.00

RTL, 20.15

Arte, 20.15 (mit den spielfilmlangen Dokus „U$A“ [Luxemburg/Frankreich 2020] um 20.15 Uhr, „Aus der Traum – Die Amerikaner im Wahljahr“ [Deutschland 2020; genaugenommen der vierte und fünfte Teil einer fünfteiligen Dokureihe] um 21.45 Uhr und „America“ [Frankreich 2017] um 23.35 Uhr setzt Arte gewohnt souverän eigene Duftmarken zur Wahlnacht. Alle Dokus sind TV-Premieren.)

Heute wird in den USA gewählt und die TV-Sender berichten ausführlich darüber.

Auch wenn das endgültige Wahlergebnis erst in einigen Tagen feststehen wird, ist zu Hoffen, dass Joe Biden mit einem deutlichen Vorsprung gewinnt und die Demokraten die Mehrheit im Senat bekomment und im Repräsentantenhaus ihre Mehrheit halten und ausbauen können. Danach können sie beginnen, den Saustall, den Trump und die Republikaner hinterlassen haben, aufzuräumen.


TV-Tipp für den 2. November: Anatomie eines Mordes

November 1, 2020

Arte, 20.15

Anatomie eines Mordes (Anatomy of a Murder, USA 1959)

Regie: Otto Preminger

Drehbuch: Wendell Mayes

LV: Robert Traver: Anatomy of a Murder, 1958 (Anatomie eines Mordes)

Provinzanwalt Paul Biegler verteidigt einen Soldaten, der einen Barbesitzer erschossen haben soll.

Der gut dreistündige Film (die deutsche Version wurde um elf Minuten gekürzt) basiert auf dem dicken Roman des ehemaligen Richters John D. Voelker (1903 – 1991), der in dem Justizkrimi einen seiner Fälle fiktionalisiert. Beide Werke schöpfen ihre Spannung aus dem minutiösen Verfolgen der Vorbereitung und dem anschließenden Gerichtsverfahren. Im Buch umfasst die Verhandlung fast zwei Drittel der Geschichte. Der Film war damals wegen seiner Sprache und dem Thema (Vergewaltigung) kontrovers. Die Schauspielerleistungen des Gerichtsdramas wurden einhellig gelobt. James-Stewart-Biograph Howard Thompson nennt es seine beste Leistung. Der Filmrichter wurde von Richter Joseph N. Welch (er verteidigte 1954 die US Army gegen Senator Joseph McCarthy und trug zum Sturz des Senators bei) gespielt. Gedreht wurde vor Ort. Duke Ellington schrieb die Musik.

Mit James Stewart, Lee Remick, Ben Gazzara, Arthur O’Connell, Eve Arden, Kathryn Grant, George C. Scott, Duke Ellington

Wiederholung: Mittwoch, 4. November, 13.45 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Anatomie eines Mordes“

Wikipedia über „Anatomie eines Mordes“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Otto Premingers „Unternehmen Rosebud“ (Rosebud, USA 1975)


TV-Tipp für den 1. November: Mord im Orient-Express

Oktober 31, 2020

Wegen Sean Connery

3sat, 20.15/23.45

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Paul Dehn

LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)

Millionär Ratchett wird im Orient-Express ermordet. Der Zug bleibt im Schnee stecken und der Mörder muss noch im Zug sein. Hercule Poirot befragt die Passagiere.

Starbesetzer Edelkrimi mit Albert Finney (als Hercule Poirot), Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark (als Leiche). Wolf Donner meinte: „Kulinarisches Kino, angenehm überflüssig und verwirrend nutzlos.“ (Donner in Die Zeit)

Die Vorlage

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Mord im Orient-Express”

Wikipedia über Agatha Christie

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Meine Besprechung von Michael Winners Agatha-Christie-Verfilmung „Rendezvous mit einer Leiche“ (Appointment with Death, USA 1988)

Meine Besprechung von Gilles Paquet-Brenner Agatha-Christie-Verfilmung „Das krumme Haus“ (Crooked House, USA 2017) (und Buchbesprechung)


TV-Tipp für den 31. Oktober: Coco – Lebendiger als das Leben

Oktober 30, 2020

Sat.1, 20.15

Coco – Lebendiger als das Leben (Coco, USA 2017)

Regie: Lee Unkrich, Adrian Molina (Ko-Regie)

Drehbuch: Adrian Molina, Matthew Aldrich (nach einer Geschichte von Lee Unkrich, Jason Katz, Matthew Aldrich und Adrian Molina)

Der zwölfjährige Miguel würde gerne Musiker werden. Seine Familie ist entschieden dagegen. Am Día de los muertos, dem Tag der Toten, betritt Miguel die Welt der Toten und kann erfahren, warum seine Familie keine Musiker in ihrer Familie haben möchte. Allerdings hat er nur bis zum Sonnenaufgang Zeit, um das Geheimnis zu lösen und wieder in seine Welt zurückzukehren.

TV-Premiere. Gewohnt gelungener Pixar-Film, der einige ernste Themen behandelt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit (im Original den Stimmen von) Anthony Gonzalez, Gael García Bernal, Benjamin Bratt, Alanna Ubach, Renée Victor, Jaime Camil, Alfonso Arau, Herbert Siguenza, Ana Ofelia Murguía, Edward James Olmos, Cheech Marin

Wiederholung: Sonntag, 1. November, 15.30 Uhr

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Coco“

Metacritic über „Coco“

Rotten Tomatoes über „Coco“

Wikipedia über „Coco“ (deutsch, englisch)

Mein Besprechung von Lee Unkrich/Adrian Molinas „Coco – Lebendiger als das Leben“ (Coco, USA 2017)


TV-Tipp für den 30. Oktober: Die zwölf Geschworenen

Oktober 29, 2020

Bayern, 22.45

Die zwölf Geschworenen (12 Angry Men, USA 1957)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Reginald Rose

LV: Reginald Rose (Story, Bühnenstück)

Hat der angeklagte Puertoricaner seinen Vater ermordet? Die Geschworenen beraten.

Lumets erster Spielfilm ist ein Klassiker des Gerichtsfilms: ein Raum, zwölf Personen, die eine Entscheidung fällen müssen: unerträgliche Spannung. Ausgangspunkt für den Spielfilm war ein einstündiges Fernsehspiel von Reginald Rose, der dafür von eigenen Erfahrungen als Geschworener inspiriert wurde. Beim Start wurde der Film von der Kritik gelobt, für zahlreiche Preise nominiert und floppte – trotz des niedrigen Budgets – an der Kasse. „Sidney Lumets Erstlingsfilm verleiht dem Geschehen durch die Begrenzung des Ortes und der Personen eine große Dichte und Spannung. Die Wahrheitsfindung entsteht aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Menschentypen, Ideologien und Interessen – ein Modellfall ´demokratischer´ Aufklärungsarbeit. Hervorragend besetzt, gespielt und fotografiert (Preis der OCIC in Berlin)“ (Lexikon des Internationalen Films)

Mit Henry Fonda, L. J. Cobb, Ed Begley, E. G. Marshall, Jack Warden, Martin Balsam, Jack Klugman, Joseph Sweeney

Hinweise

Wikipedia über “Die zwölf Geschworenen” (deutsch, englisch)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Schlaf“ – Bin ich wach?

Oktober 29, 2020

Lohnt es sich jetzt noch Kinokritiken zu schreiben und zu veröffentlichen? Schließlich sollen die Lichtspielhäuser ab Montag bis Ende November geschlossen sein und mein Postfach füllt sich mit Absagen von Pressevorführungen und Startterminen. Manchmal wird gleich ein neuer Starttermin genannt. Manchmal nicht.

Aber andererseits laufen die Filme jetzt an und sie können in den nächsten Tagen (und dann ab Dezember) auf der großen Leinwand gesehen werden. Dazwischen gibt es vielleicht wieder Kooperationsangebote, bei denen der Film auf einer speziellen Plattform gezeigt und der Erlös zwischen Verleih und Kino geteilt wird. Bei „Now“ (sehenswerte Doku von Jim Rakete über die aktuelle Umweltbewegung) ist das wahrscheinlich so. Bei „Schlaf“ vielleicht auch. Deshalb:

Marlene hat Alpträume. Jetzt glaubt sie, dass sie für das Hotel, das sie aus ihren Träumen kennt, eine Anzeige gesehen hat. Anstatt ihrer Arbeit als Stewardess nachzugehen, macht sie sich, ohne es ihrer Tochter zu sagen, auf den Weg zu dem Hotel Sonnenhügel in Stainbach.

Kurz darauf erhält Mona die Nachricht, ihre Mutter liege katatonisch in einer Klinik. Mona macht sich auf den Weg nach Stainbach. Sie will herausfinden, was mit ihrer Mutter geschah.

Schnell ist sie in einem Geflecht zwischen Realität und (Alp)traum gefangen, in dem es nicht nur Mona zunehmend schwer fällt zu unterscheiden, ob sie gerade wach ist oder träumt. Für den Genrefan eröffnet sich in diesem Moment in Michael Venus‘ Kinospielfilmdebüt „Schlaf“ die Möglichkeit, die einzelnen Zeichen zu deuten. Das erinnert natürlich an David Lynch; vor allem „Twin Peaks“, aber auch „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“. Venus nennt noch Grimms Märchen, George A. Romeros „Night of the Living Dead“ und Mario Bavas „Operazione paura“ (Die toten Augen des Dr. Dracula) als Einflüsse. Er hätte auch jeden anderen Horrorfilm von Mario Bava oder einen der Klassiker von Dario Argento nennen können. Es sind Filme, die sich einer banalen Erklärung entziehen, während sie sich mit verdrängten Gefühlen, Ereignissen und Wünschen beschäftigen.

Auch in „Schlaf“ haben alle Figuren mindestens ein Geheimnis. Sie verhalten sich immer etwas seltsam. Und wenn Mona als einziger Hotelgast durch das riesige leere, einsam im Wald liegende Hotel streift, sind Gedanken an das Overlook Hotel naheliegend.

Neben diesen Anspielungen, die das Herz der Genrefans erfreuen ohne den Film zu einer reinen Zitat-Parade verkommen zu lassen, enthüllt Michael Venus in seinem Horrorfilm langsam eine mehrfach miteinander verwobene Familiengeschichte zwischen deutscher Gegenwart und Vergangenheit, über die hier nichts verraten werden soll.

Schlaf“ ist ein gelungener, visuell überzeugender und stilsicherer Horrorfilm aus Deutschland, der wegen seiner Geräuschkulisse auf der richtigen Anlage in der nötigen Lautstärke genossen werden sollte.

Schlaf (Deutschland 2020)

Regie: Michael Venus

Buch: Thomas Friedrich, Michael Venus

mit Gro Swantje Kohlhof, Sandra Hüller, August Schmölzer, Marion Kracht, Max Hubacher, Martina Schöne-Radunski, Katharina Behrens, Agata Buzek, Andreas Anke, Benjamin Heinrich, Josefin Schäferhoff, Samuel Weiss

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Schlaf“

Moviepilot über „Schlaf“

Rotten Tomatoes über „Schlaf“

Wikipedia über „Schlaf“

Berlnale über „Schlaf“


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Hexen hexen“ – im Buch, Comic und Film

Oktober 29, 2020

Echte Hexen tragen ganz normale Kleider und sehen auch wie ganz normale Frauen aus. Sie wohnen in normalen Häusern, und sie üben ganz normale Berufe aus.

Eine echte Hexe hasst Kinder so glühend, dass es zischt, und dieser Hass ist verzehrender und verheerender als alle anderen Gefühle, die ihr euch selbst in euren ärgsten Träumen vorstellen könntet.“

(der Erzähler in Roald Dahl: Hexen hexen)

1983 veröffentlichte Roald Dahl „The Witches“, das bei uns den viel schöneren Titel „Hexen hexen“ hat. Ein Kinderbuch, in dem Junge gegen eine böse Oberhexe kämpft, die alle Kinder in Mäuse verwandeln will.

Das Buch war ein Erfolg. Bereits vor über dreißig Jahren wurde es von Nicolas Roeg mit Anjelica Huston als böser Hexe und Figuren von „Muppets“-Erfinder Jim Henson verfilmt. Roegs in der Gegenwart spielender Film beeindruckt durch Hensons lebensechte Figuren und erstaunt, jedenfalls für einen Kinderfilm, durch mehrere furchterregend orgiastische Hexenszenen, die an entsprechende Orgien-Szenen aus Siebziger-Jahre-Filme erinnern. Und er besitzt eine ordentliche Portion schwarzen Humors. Da verzeiht man auch das neue Ende.

Jetzt wurde Dahls Buch wieder verfilmt. Dieses Mal von Robert Zemeckis, dem Regisseur von „Zurück in die Zukunft“, „Forrest Gump“, „The Walk“ und, für „Hexen hexen“ besonders wichtig, „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, „Der Tod steht ihr gut“, „Der Polarexpress“, „Die Legende von Beowulf“ und „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“. Auch in seinem neuesten Film verknüpft Zemeckis reale mit animierten Szenen. Wobei es sich, der Zeit folgend, nicht mehr um gezeichnete Szenen oder traditionelle Spezialeffekte, sondern um computergenerierte Animationen handelt. Und das ist eines der Probleme von seinem Film.

Doch beginnen wir mit der Geschichte, die auch in diesem Film Dahls Geschichte ziemlich genau folgt.

Ginder sind zum Gotzen! Wir werden sie alle verschwinden lassen! Wir werden sie wegpusten vom Angesicht der Erde. Ginder riechen nach Hündegötteln!“

(die Hoch- und Großmeisterhexe in Roald Dahl: Hexen hexen)

1968 verliert in der Nähe von Chicago ein achtjähriger afroamerikanischer Junge bei einem Autounfall seine Eltern. Seine in Demopolis, Alabama, lebende Großmutter nimmt ihn auf. Sie ist eine strenge, aber auch herzensgute Raucherin, die viel über Hexen weiß. Sie entwickelt einen asthmatischen Husten, der sie zu einem Aufenthalt an der Küste bewegt.

Sie steigen im mondänen Grand Orleans Imperial Island Hotel ab. Der Junge stromert durch das Hotel. In einem leeren Ballsaal, in dem die Königliche Gesellschaft zur Verhinderung von Kindesmissbrauch ihr Jahrestreffen abhalten will, beginnt er seine beiden Mäuse Kunststücke zu trainieren. Währenddessen stürmen die Kinderschützerinnen in den Saal und beginnen ihr Treffen. Erschrocken bemerkt der Junge, als sie ihre Handschuhe und Schuhe ausziehen und ihre Perücken absetzen, dass diese Damen keine Kinderschützerinnen sind. Sie sind Hexen, die ihre nächsten Aktionen planen.

Die Hoch- und Großmeisterhexe, eine extrem herrische, ungeduldige und bösartige Person, will, dass die Hexen alle Kinder mit einem von ihr gebrautem Elixier in Mäuse verwandeln. Die Wirksamkeit ihres Elixiers demonstriert sie an dem ständig essendem Bruno Jenkins, der sich vor ihren Augen schwuppdiwupp in eine Maus verwandelt.

Als sie kurz vor dem Ende ihrer Versammlung den Jungen entdecken, verwandeln sie ihn ebenfalls in eine Maus, die sie sofort töten wollen. Er kann ihnen entkommen.

Jetzt will er den teuflischen Plan der Oberhexe vereiteln. Seine Großmutter und Bruno Jenkins, wenn er nicht gerade mit Essen beschäftigt ist, sollen ihm helfen.

Kinder sollten niemals baden. Es ist eine lebensgefährliche Gewohnheit.“

(die Großmutter in Roald Dahl: Hexen hexen)

Soweit die Filmgeschichte. Im Roman ist die Großmutter eine Norwegerin, das Hotel ist in England und der Junge ist ein Weißer. Davon abgesehen veränderten die Macher nicht viel.

Trotzdem ist Robert Zemeckis „Hexen hexen“ eine ziemliche Enttäuschung. Der eine Grund sind die schon erwähnten Spezialeffekte. Bei Roeg waren es liebevoll hergestellte Puppen und traditionelle Spezialeffekte. Bei Zemeckis stammt dagegen alles aus dem Computer und das sieht in diesem Fall, vor allem bei den Hexen, sehr künstlich und wenig furchterregend aus. Das kann auch an dem fehlendem schwarzen Humor liegen.

Das zweite Problem ist das Drehbuch. Es dauert zu lange, bis die Oberhexe auftaucht und die eigentliche Filmgeschichte beginnt. Erst ungefähr in der Filmmitte wird der Junge verwandelt. Entsprechend wenig Zeit bleibt dann für seine Versuche, den teuflischen Plan der Hexe zu vereiteln. Die Figuren sind arg eindimensional gezeichnet. Das durch den Handlungsort und -zeit und die Hautfarbe des Jungen und seiner Großmutter angedeutete Thema ‚Rassismus‘ wird nicht weiterverfolgt.

So ist die neueste Version von „Hexen hexen“ eine seelenlose CGI-Schau mit vielen verpassten Chancen, die niemals auch nur den Hauch des Schreckens von Roegs Version versprüht.

Wenige Wochen vor Zemeckis Version erschien Pénélope Bagieus Comicversion von „Hexen hexen“. Auch sie hält sich an Dahls Geschichte. Aber sie verändert das Geschlecht von Bruno Jenkins. Im Comic ist Bruno Jenkins ein Mädchen, das weniger als Bruno isst (was leicht ist) und schlauer ist. Damit verändert sich auch die Beziehung zwischen ‚Bruno‘ und dem Jungen. Diese behutsame Modernisierung und ihre Zeichnungen machen diese Version zu einem witzigen Lesevergnügen.

Hexen hexen (The Witches, USA 2020)

Regie: Robert Zemeckis

Drehbuch: Robert Zemeckis, Kenya Barris, Guillermo del Toro

LV: Roald Dahl: The Witches, 1983 (Hexen hexen)

mit Jahzir Bruno, Octavia Spencer, Anne Hathaway, Stanley Tucci, Charles Edwards, Morgana Robinson, Codie-Lei Eastick, Chris Rock (im Original eine wichtige Stimme)

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Roald Dahl: Hexen hexen

(übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt)

rowohlt rotfuchs, 2020

240 Seiten

10 Euro

Deutsche Erstübersetzung 1986

Der aktuellen Ausgabe liegt die Neuausgabe von September 2016 zugrunde

Originalausgabe

The Witches

Jonathan Cape Ltd., London, 1983

Der Comic

Pénélope Bagieu: Hexen hexen

(übersetzt von Silv Bannenberg)

Reprodukt,2020

304 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

Sacrées sorcières

Gallimard Jeunesse, 2020

Die erste Verfilmung

Hexen hexen (The Witches, Großbritannien 1989)

Regie: Nicolas Roeg

Drehbuch: Allan Scott

LV: Roald Dahl: The Witches, 1983 (Hexen hexen)

mit Anjelica Huston, Mai Zetterling, Jasen Fisher, Rowan Atkinson, Bill Paterson

Hinweise

Moviepilot über „Hexen hexen“

Metacritic über „Hexen hexen“

Rotten Tomatoes über „Hexen hexen“

Wikipedia über „Hexen hexen“ (deutsch, englisch)

Homepage von Roald Dahl

Homepage von Pénélope Bagieu

Meine Besprechung von Steven Spielbergs Roald-Dahl-Verfilmung „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)


TV-Tipp für den 29. Oktober: Birds of Passage – Das grüne Gold von Wayuu

Oktober 29, 2020

WDR, 23.30

Birds of Passage – Das grüne Gold von Wayuu (Pájaros de Verano, Kolumbien/Dänemark/Mexiko 2018)

Regie: Ciro Guerra, Cristina Gallego

Drehbuch: Maria Camila Arias, Jacques Toulemonde (nach einer Geschichte von Cristina Gallego)

TV-Premiere eines bildgewaltigen Drogendramas, das die Anfänge des kolumbianischen Drogenhandels, beginnend in den späten Sechzigern, erzählt. „Birds of Passage“ bedient dabei selbstverständlich Genrekonventionen. Mit seinen ethnographischen Blick eröffnet er gleichzeitig eine vollkommen neue Perspektive. Er zeigt nämlich, wie sehr Traditionen unser Leben bestimmen, welche wichtige Rolle Frauen bei den Wayuus hatten und wie sich das Leben eines abgeschieden lebenden Volkes durch den Drogenhandel verändert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Carmina Martinez, José Acosta, Jhon Narváez, Natalia Reyes, José Vincentes Cotes, Juan Martinez, Greider Meza

Hinweise

Moviepilot über „Birds of Passage“

Metacritic über „Birds of Passage“

Rotten Tomatoes über „Birds of Passage“

Wikipedia über „Birds of Passage

Meine Besprechung von Ciro Guerra/Cristina Gallegos „Birds of Passage – Das grüne Gold von Wayuu“ (Pájaros de Verano, Kolumbien/Dänemark/Mexiko 2018)


TV-Tipp für den 28. Oktober: Rush – Alles für den Sieg

Oktober 27, 2020

Nitro, 20.15

Rush – Alles für den Sieg (Rush, USA/Großbritannien/Deutschland 2013)

Regie: Ron Howard

Drehbuch: Peter Morgan

Packender Rennfahrerfilm über das legendäre Duell zwischen den beiden gegensätzlichen Formel-1-Fahrern Niki Lauda und James Hunt und ihrem Kampf um die Weltmeisterschaft in den siebziger Jahren.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Chris Hemsworth, Daniel Brühl, Olivia Wilde, Alexandra Maria Lara, Pierfrancesco Favino, Christian McKay

Hinweise

Moviepilot über „Rush“

Metacritic über „Rush“

Rotten Tomatoes über „Rush“

Wikipedia über „Rush“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Rush“

Meine Besprechung von Ron Howards „Rush – Alles für den Sieg“ (Rush, USA/Großbritannien/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Ron Howards „Im Herzen der See“ (In the Heart of the Sea, USA 2015)

Meine Besprechung von Ron Howards „Inferno“ (Inferno, USA 2016)

Meine Besprechung von Ron Howards „Solo: A Star Wars Story“ (Solo: A Star Wars Story, USA 2018)


TV-Tipp für den 27. Oktober: Amerika hat die Wahl: Trump gegen Biden

Oktober 27, 2020

Arte, 20.15

Amerika hat die Wahl: Trump gegen Biden (The Choice 2020: Trump vs. Biden, USA 2020)

Regie: Michael Kirk

Drehbuch: Mike Wiser, Michael Kirk

Zweistündige PBS-“Frontline“-Doku über die Präsidentschaftskandidaten Joe Biden und Donald Trump.

Danach zeigt Arte von 22.15 Uhr bis 00.55 Uhr die ersten drei Teile der fünfteiligen Dokureihe „Aus der Traum? – Die Amerikaner im Wahljahr“, in der mehrere US-Amerikaner über mehrere Monate begleitet werden. Die abschließenden beiden Teile zeigt Arte kommenden Dienstag, den 3. November, ab 21.45 Uhr.

Hinweise

Arte über „Amerika hat die Wahl: Trump gegen Biden“

PBS über „Amerika hat die Wahl: Trump gegen Biden“

Wikipedia über „Amerika hat die Wahl: Trump gegen Biden“ 


DVD-Kritik: Jessica Chastain wählt den „Code Ava“

Oktober 26, 2020

Ein Film mit Jessica Chastain, Colin Farrell, John Malkovich, Common, Geena Davis und Joan Chen, inszeniert von Tate Taylor, der bei uns direkt auf DVD erscheint. Das wäre zu normalen Zeiten ein deutliches Warnsignal. Aber im Moment sieht das anders aus. Viele Filme, die eigentlich jetzt im Kino laufen sollten, werden auf ein späteres Datum verschoben oder gleich auf DVD und bei den Streamingdiensten veröffentlicht. Das prominenteste Beispiel für diese Politik ist Disneys „Mulan“. Insofern sagt eine Direct-to-DVD-Veröffentlichung im Moment noch weniger als sonst über die Qualität eines Films aus.

Die Story von „Code Ava – Trained to kill“ liest sich wie ein weiterer Frauen-übernehmen-Männerrollen-in-Actionfilmen-Plot: Ava (Jessica Chastain) ist eine eiskalte Profikillerin, die für eine anonym bleibende Organisation, die nur Management genannt wird, Menschen tötet. Sie ist selbstverständlich die beste Killerin der Firma. Allerdings ist sie auch eine trockene Alkoholikerin und sie hat die Marotte, ihre Opfer zu fragen, warum sie sie töten soll. Bevor sie sie tötet. Ihr aktueller Job verläuft aufgrund fehlerhafter Informationen anders als geplant. Anstatt einem als Unfall getarntem Mord, veranstaltet sie notgedrungen ein wahres Schlachtfest an ihrem Opfer und einer halben Hundertschaft flugs herbeigeeilter Soldaten. Danach soll sie eine Auszeit nehmen. Diese will sie in ihrem Geburtsort Boston machen. Dort war sie seit acht Jahren nicht mehr. Ihre Schwester und ihre Mutter leben immer noch in Boston.

In der Stadt ist sie schnell in alte Familien- und Beziehungsprobleme verwickelt. Sie trifft alte Bekannte aus der Halbwelt, was Ärger bedeutet. Das Management, vertreten durch ihren Chef Simon (Colin Farrell), will sie aus bestenfalls halbherzig erklärten Gründen umbringen.

Das klingt nach einer Actionthrillerstory vom Reißbrett. Aber nach Filmen wie „Nikita“, bzw. dem US-Remake „Codename: Nina“ und einer TV-Serie, die uns hier nicht weiter interessieren muss, Luc Bessons überflüssigem de facto „Nikita“-Remake „Anna“ , „Lucy“ (ebenfalls von Besson, aber etwas eigenständiger als „Anna“) und „Atomic Blonde“ kann das Endergebnis ein verdammt guter Film sein.

In diesem Fall sendet der Verleih mit der Werbung für den Thriller schon ein deutliches Signal zur Qualität des Films. Er nennt von Regisseur Tate Taylor prominent nur seinen Thriller „Girl on the Train“. Der ist ein ziemlich banaler ‚Frauenkrimi‘, bei dem Genrefans das Ende von Buch (ein Bestseller) und Film schon nach dem Lesen der Kurzsynopse kennen. Taylors andere Filme – „The Help“, „Get on Up“ und „Ma“ – spielen in einer ganz anderen Liga. Einer Liga, an die „Code Ava“ noch nicht einmal im Ansatz heranreicht.

Denn „Code Ava“ ist ein vermurkster Actionthrillers, der bestenfalls wie ein Torso wirkt, dem irgendwo zwischen der ersten Idee und dem finalen Schnitt die Geschichte abhanden gekommen ist. Jetzt ist es eine missglückte Mischung aus Actionthriller von der Stange (die Organisation will ihren besten Mann umbringen, der wehrt sich) und Familiendrama von der Stange mit aufgesetztem Noir-Touch (das verlorene Schaf kehrt nach Jahren wieder zurück in seine alte Heimat und alte Wunden brechen auf). Die Story wird zunehmend abstrus. Die Dialoge wären sogar in einer TV-Serie bestenfalls funktional. Die Schauspieler sind konsequent unterfordert in diesem B-Picture.

Code Ava“ ist einer der wenigen Fehlschläge in Jessica Chastains Filmographie.

Code Ava – Trained to kill (Ava, USA 2020)

Regie: Tate Taylor

Drehbuch: Matthew Newton

mit Jessica Chastain, John Malkovich, Colin Farrell, Common, Geena Davis, Jess Weixler, Ioan Gruffudd, Diana Silvers, Joan Chen, Efka Kvaraciejus, Christopher J. Domig

DVD (Blu-ray identisch)

EuroVideo

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Untertitel für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Trailer

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Ava“

Metacritic über „Ava“

Rotten Tomatoes über „Ava“

Wikipedia über „Ava“

Meine Besprechung von Tate Taylors „The Help“ (The Help, USA 2010)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Get on Up“ (Get on Up, USA 2014)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Girl on the Train“ (Girl on the Train, USA 2016)

Meine Besprechung von Tate Taylors „Ma“ (Ma, USA 2019)


TV-Tipp für den 26. Oktober: Der Mann, der die Frauen liebte/Auf Liebe und Tod

Oktober 26, 2020

Ein langer Abend mit Filmen von François Truffaut. Denn nach Der Mann, der die Frauen liebte“ und „Auf Liebe und Tod“ zeigt Arte um Mitternacht „Playland USA“ (hat nichts mit Truffaut zu tun), und danach, um 01.25 Uhr Truffauts „Der Wolfsjunge“ (Frankreich 1969).

Arte, 20.15

Der Mann, der die Frauen liebte (L’homme qui aimait les femmes, Frankreich 1977)

Regie: François Truffaut

Drehbuch: Michel Fermaud, Suzanne Schiffman, François Truffaut

Warum kamen zur Beerdigung von Bertrand Morane so viele Frauen? Lektorin Geneviève Bigey erzählt uns von Moranes Leben, dem titelgebenden Mann, der Frauen liebte.

Einer der schönsten Filme Truffauts gilt dem eigentlichen Kultobjekt des Kinos: den Frauen.“ (Willi Winkler: Die Filme von François Truffaut)

mit Charles Denner, Brigitte Fossey, Nelly Borgeaud, Genevieve Fontanel, Leslie Caron, Nathalie Baye, Valerie Bonnier

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Mann, der Frauen liebte“

Wikipedia über „Der Mann, der Frauen liebte“ (deutsch, englisch, französisch)

Arte, 22.10

Auf Liebe und Tod (Vivement Dimanche!, Frankreich 1983)

Regie: François Truffaut

Drehbuch: François Truffaut, Suzanne Schiffman, Jean Aurel

LV: Charles Williams: The long saturday night, 1962 (Die lange Samstagnacht, Auf Liebe und Tod)

Sekretärin Barbara versucht zu beweisen, dass ihr Chef nicht den Liebhaber seiner Frau und anschließend sie umgebracht hat. Aber die Beweise sprechen eine andere Sprache.

Kriminalkomödie, die darüber hinaus formal und inhaltlich wie eine Anthologie eines Vierteljahrhunderts Truffaut wirkt, und das ohne Staubwolken und Nostalgie. ‘Auf Liebe und Tod’ ist ein frischer kleiner Spaß, den der Regisseur sich (um sich von ‘La femme d’à côte’ zu erholen) und den Samstagabendzuschauern gönnt, die sich unterhalten lassen sollen, ohne sich hinterher schämen zu müssen.“ (Fischer Film Almanach 1985)

Auf Liebe und Tod“ „ist eine Rückbesinnung auf seine Kino-Vorlieben der Zeit, in der er mit dem Filmemachen begann, es ist eine Hommage an den ‘Film Noir’. Allerdings eine, die sich vor allem auf die ästhetischen Muster bezieht und weniger die Figuren und Geschichten umschließt.“ (Meinolf Zurhorst: Lexikon des Kriminalfilms, 1985/1993)

mit Fanny Ardant, Jean-Lous Trintignant, Philippe Laudenbach, Caroline Sihol, Philippe Morier-Genoud

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Auf Liebe und Tod“

Wikipedia über „Auf Liebe und Tod“ (deutsch, englisch, französisch), Charles Williams (deutsch, englisch) und Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Erster Teil meines Francois-Truffaut-Porträts (mit einer Besprechung von Emmanuel Laurents “Godard trifft Truffaut”)

Zweiter Teil meines Francois-Truffaut-Porträts: Die Antoine-Doinel-Filme

Kriminalakte über Francois Truffaut


TV-Tipp für den 25. Oktober: Eine Leiche zum Dessert

Oktober 24, 2020

Tele 5, 20.15

Eine Leiche zum Dessert (Murder by Death, USA 1976)

Regie: Robert Moore

Drehbuch: Neil Simon

Ein Millionär lädt die berühmtesten Detektive der Welt ein. Er behauptet, sie könnten einen Mord nicht aufklären, der um Mitternacht stattfinden wird. Die Detektive sehen das anders.

Neil Simon zieht in seiner Krimikomödie die Images der bekanntesten, literarischen Detektive der Welt (hier: Miss Marple, Hercule Poirot, Sam Spade, Nick Charles aka Der dünne Mann mit Gattin Nora, Charlie Chan) und die Prinzipien des Whodunits durch den Kakao. Ein köstlicher Spaß – nicht nur für Genre-Fans.

Verkörpert werden die Meisterdetektive und Tatverdächtige u. a. von Truman Capote, Peter Falk, Alec Guiness, David Niven, Peter Sellers, Maggie Smith, Eileen Brennan, James Cromwell

Hinweise

Thrilling Detective über „Murder by Death“ (Eine Leiche zum Dessert)

Rotten Tomatoes über “Eine Leiche zum Dessert”

Wikipedia über „Eine Leiche zum Dessert“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ wird das Schwein geschlachtet

Oktober 24, 2020

Beim DOK.fest München erhielt „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ den Megaherz Student Award. Beim Saarbrücker Filmfestival den Max Ophüls Preis als bester Dokumentarfilm und jetzt ist er, fast als Film der Stunde, im Kino. Denn im Juni 2020 beherrschte der Coronavirus-Massenausbruch im Tönnies-Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück die Schlagzeilen. In dem Moment wurde viel über die Zustände in der Fabrik für Schlachtvieh und Mensch, in den Unterkünften für die Leiharbeiter und der großen Bedeutung der Firma für den Ort und die Region geschrieben.

Yulia Lokshina liefert die Bilder dazu. Für ihren Abschlussfilm von der Hochschule für Fernsehen und Film München recherchierte die 1986 in Moskau geborene Regisseurin, schon Jahre vor dem Coronavirus-Ausbruch, in Rheda-Wiedenbrück. Sie sprach mit den osteuropäischen, nur für wenige Wochen und Monate in der Fabrik arbeitenden Leiharbeitern. Sie nahm sie auch in ihren Quartieren und kärglichen Zimmern, die den Charme einer Jugendherbergsunterkunft haben, auf. Sie filmte den schon lange bestehenden Protest vor Ort gegen die Arbeits- und Vertragsbedingungen. In der Fabrik am Fließband drehte sie nicht und Tönnies verweigerte jede Stellungnahme. Immerhin gibt es eine Szene, in der ein Mitarbeiter der Firma während einer Diskussion auf dem Marktplatz die Firma mit den üblichen Floskeln verteidigt.

Zwischen diese Szenen schneidet Lokshina die Proben einer Münchner Gymnasialklasse für Bertold Brechts Stück „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“. Die zunächst desinteressierten Schüler bemerken schnell, wie aktuell Brechts Stück von 1931 immer noch ist. Am Ende sehen wir Ausschnitte aus ihrer Aufführung des Stücks.

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ ist ein beobachtender Dokumentarfilm. Die Regisseurin schaut zu, lässt die Protagonisten reden und verzichtet auf ein Voice-Over, mit dem Hintergründe, Zusammenhänge und Regeln erklärt werden könnten, die außerhalb des Wissens oder Interesses der Gesprächspartner liegen. Das ist ein generelles Problem dieses Ansatzes, der sich auf das Sichtbare beschränkt. Oder, um es anders zu sagen: die Regeln eines Fußballspiels erschließen sich durch das reine Beobachten des Spiels nicht.

Die Gegenüberstellung von Brecht und der Situation in den Schlachthöfen und der Conclusio, dass Brechts Analyse heute immer noch zutrifft, ist für eine tiefergehende Analyse unseres Kaufverhaltens, kapitalistischer Strukturen und sie verändert werden können, doch etwas platt.

Dabei sind die Situation für Mensch und Tier in Schlachthöfen durchaus einige Dokumentarfilme wert. Nur informativer und analytischer sollten sie dann sein. In „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“ erfährt man, außer dem Blick in die Arbeiterunterkünfte, nicht viel mehr, als man sich sowieso schon gedacht hat.

Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit (Deutschland 2020)

Regie: Yulia Lokshina

Drehbuch: Yulia Lokshina

mit Peter Kossen, Inge Bultschnieder, Alexander Klessinger

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“

Moviepilot über „Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit“


TV-Tipp für den 24. Oktober: Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula

Oktober 23, 2020

WDR, 23.15

Wild at Heart – Die Geschichte von Sailor und Lula (Wild at Heart, USA 1990)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch

LV: Barry Gifford: Wild at Heart: The Story of Sailor and Lula, 1984 (Die Saga von Sailor und Lula)

Sailor und Lula flüchten vor einem Detektiv und einem Killer, die beide im Auftrag von Lulas durchgeknallter Mutter reinen Tisch machen sollen. Und dann treffen sie auf den Gangster Bobby Peru und dessen Komplizin Perdita Durango.

Lynchs wildes Roadmovie, ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes, ist ein hemmungslos übertriebener Trip durch einen Alptraum namens Amerika. Ein Meisterwerk.

Barry Gifford schrieb später das Drehbuch für den Lynch-Film „Lost Highway”. Außerdem publizierte er neben seinen Romanen, wie „Perdita Durango“ (ebenfalls verfilmt), lesenswerte Sachbücher, wie „Out of the past“ über den Film Noir.

Mit Nicolas Cage, Laura Dern, Diane Ladd, Willem Dafoe, Isabella Rossellini, Harry Dean Stanton, Crispin Glover

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wild at Heart“

Wikipedia über „Wild at Heart“ (deutsch, englisch)

Homepage von Barry Gifford

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)


TV-Tipp für den 23. Oktober: Die Lincoln Verschwörung

Oktober 22, 2020

3sat, 22.15

Die Lincoln Verschwörung (The Conspirator, USA 2010)

Regie: Robert Redford

Drehbuch: James D. Solomon

Nach dem Attentat auf US-Präsident Abraham Lincoln soll dem Täter und den Mitverschwörern schnell der Prozess gemacht werden. Aber ein junger Anwalt wird zum Verteidiger rechtsstaatlicher Prinzipien.

Packendes Gerichtsdrama. „Dank der stimmigen Kameraarbeit und hervorragenden Darsteller entwickelt sich dabei auch eine große emotionale Dichte.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit James McAvoy, Robin Wright, Kevin Kline, Tom Wilkinson, Evan Rachel Wood, Justin Long, Danny Huston, James Badge Dale, Colm Meaney, Toby Kebbell, Norman Reedus, Shea Whigham

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Lincoln Verschwörung“

Wikipedia über „Die Lincoln Verschwörung“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Miranda Julys „Kajillionaire“

Oktober 22, 2020

Sie sind keine normale Familie: Robert (Richard Jenkins), Theresa (Debra Winger) und ihre Tochter Old Dolio (Evan Rachel Wood) sind Diebe am untersten Ende der Futterleiter. Der Film beginnt mit einem ihrer Diebstähle. Old Dolio klaut äußerst gelenkig ein Päckchen, irgendein Päckchen, aus einem Postfach. Danach sind einige Geldbeutel dran. Preisausschreiben werden mitgenommen (auch wenn sie nicht über jeden Gewinn erfreut sind) und natürlich hätte man gerne einen Finderlohn für geklaute Gegenstände. Zum Einsammeln des Finderlohns wird oft die immer noch wie ein Schulmädchen in der Kurt-Cobain-Slacker-Grunge-Phase aussehende Mittzwanzigerin Old Dolio vorgeschickt.

Für ihre gewaltfreien Diebestouren betreiben die Familie Dyne angesichts des realen und des möglichen Gewinns einen absurd hohen Aufwand. Die Gesellschaft mit ihren bürgerlichen Konventionen verachten sie. Sie halten zusammen und teilen alles durch drei. Das war schon immer so; – jedenfalls seitdem Old Dolio sich erinnern kann.

Robert und Theresa sind Verbrecher, die ihre Tochter zu einer Verbrecherin ausbildeten, manipulieren, ausnutzen und ihr den normalen Umgang mit anderen Menschen verwehren. Damit verhalten sie sich wie die Oberhäupter einer Sekte. Trotzdem sind sie nicht vollkommen unsympathisch.

Sie sind einem sogar ziemlich sympathisch. Das liegt an dem offensichtlichem Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Sie schlawinern sich durch das Leben. Sie agieren gewaltfrei und die akribische Vorbereitung ihrer kleinen Coups ist erheiternd.

Die Dynes wohnen in einem schäbigen Büro, das nur deshalb so günstig ist, weil von der Decke zu bestimmten Uhrzeiten Seifenschaum herunterfließt, den sie auffangen müssen. Mit der Miete sind sie schon einige Monate im Rückstand. Um an das Geld für die Miete zu kommen, ersinnen sie einen unglaublich komplizierten Plan mit vertauschten und verlorenen Koffern und einer Erstattung der Fluggesellschaft für verlorenes Gepäck.

Bevor sie diesen Plan ausführen, schicken Robert und Theresa Old Dolio zu einem reichen Ehepaar. Old Dolio bringt ihnen ihren ‚verlorenen‘ Geldbeutel zurück. Der Patriarch Robert erhofft sich einen satten Finderlohn. Aber Old Dolio erhält nur den Gutschein für eine Massage. Ihre Eltern sind enttäuscht. Was sollen sie mit einer Massage anfangen? Also soll Old Dolio versuchen, den Gutschein gegen Geld einzutauschen. Weil die Masseuse damit nicht einverstanden ist, erklärt sich Old Dolio bereit, sich massieren zu lassen. Obwohl sie panische Angst vor Berührungen hat.

Die darauf folgende berührungslose Massage ist der Beginn eines Prozesses, in dem Old Dolio ihr bisheriges Leben und ihre Beziehung zu ihren Eltern hinterfragt. Diese Emanzipation ist für Miranda July („The Future“) das erzählerische Rückgrat, um ihrem weitgehend episodischem und improvisiert wirkendem Film eine gewisse Struktur zu verleihen. Den zweiten, größeren Riss bekommt Old Dolios Leben, als ihre Eltern bei einem Rückflug von New York nach Los Angeles Melanie (Gina Rodriguez) kennen lernen. Sie finden sie sympathisch. Sie wird auch sofort in ihren nächsten Coup, der den Dynes das Geld für ihre Miete einbringen soll, einbezogen und in die Familie aufgenommen. Melanie ist fasziniert von dem gesetzlosen Leben der Dynes und sie zeigt Old Dolio die Möglichkeit eines normalen, eines bürgerlichen Lebens auf.

Für einen kleinen Independent-Film ist „Kajillionaire“ mit Evan Rachel Wood, Richard Jenkins, Debra Winger und Gina Rodriguez in den Hauptrollen erstaunlich hochkarätig besetzt. Denn „Kajillionaire“ sieht immer wie der kleine improvisierte Independent-Film aus, der vor allem mit Freunden des Regisseurs besetzt ist. Aber Multimediakünstlerin Miranda July ist eine bekannte Künstlerin und die Schauspieler verschwinden hinter ihren Rollen.

Kajillionaire (Kajillionaire, USA 2020)

Regie: Miranda July

Drehbuch: Miranda July

mit Evan Rachel Wood, Gina Rodriguez, Richard Jenkins, Debra Winger, Mark Ivanir, Diana Maria Riva, Adam Bartley, Michael Twaine

Länge: 105 Minuten

FKS: ab 0 Jahre (seltsame Bewertung; der Trailer ist „frei ab 6 Jahre“ und der Film ist für ein höheres Alter gedacht)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Kajillionaire“

Metacritic über „Kajillionaire“

Rotten Tomatoes über „Kajillionaire“

Wikipedia über „Kajillionaire“