Arte, 00.40 Oh Boy (Deutschland 2012, Regie: Jan-Ole Gerster)
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Der Endzwanziger und gescheiterte Langzeitstudent Niko driftet durch Berlin. Er trifft seltsame Menschen und fragt sich nach dem Sinn des Lebens.
Wunderschöne Berlin-Komödie, die bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut ankam. Wir warten immer noch auf Jan-Ole Gerstes zweiten Spielfilm.
mit Tom Schilling, Marc Hosemann, Friederike Kempter, Justus von Dohnány, Ulrich Noethen, Katharina Schüttler, Frederick Lau, Michael Gwisdek Hinweise Filmportal über „Oh Boy“ Film-Zeit über „Oh Boy“ Moviepilot über „Oh Boy“ Rotten Tomatoes über „Oh Boy“ Wikipedia über „Oh Boy“
Vier im roten Kreis (Le cercle rouge, Frankreich 1970)
Regie: Jean-Pierre Melville
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
Nach einer Haftstrafe plant Einbrecher Corey (Alain Delon) gleich seinen nächsten Coup. Den Einbruch in ein gut gesichertes Juweliergeschäft. Mit zwei Kumpanen (Gian Maria Volonté, Yves Montand) will er das Ding durchziehen. Ein Kommissar (André Bourvil) jagt sie.
Mehr Story braucht Jean-Pierre Melville in seinem vorletzten Film „Vier im roten Kreis“ nicht, um ein weiteres Meisterwerk zu inszenieren. Der Gangsterfilm ist nur deshalb bei der breiten Masse unbekannter, weil Melvilles „Der eiskalte Engel“ und sein letzter Film „Der Chef“ (beide ebenfalls mit Alain Delon) bekannter sind. Denn „Vier im roten Kreis“ hat alles, was Melville-Fans lieben und auf der großen Leinwand wirkt der Film noch besser.
Legendär und in die Kinogeschichte eingegangen ist der Einbruch in das Juweliergeschäft: eine gute halbe Stunde verfolgen wir atemlos den Einbruch, bei dem keiner der Einbrecher ein Wort sagt. Großes Kino.
Anschließend, um 00.40 Uhr, läuft „Der Chef“, ein weitere Film von Melville.
mit Alain Delon, André Bourvil, Yves Montand, Gian Maria Volontè, Francois Périer, Paul Crauchet
Nach der Pressevorführung nannte ich den Film „unterhaltsam“, was rückblickend etwas despektierlich klingt. Schließlich hat mir „Solo“ besser als „Rogue One“ und „Die letzten Jedi“ gefallen. Im Gegensatz zu diesen „Star Wars“-Filmen erzählt „Solo“ eine stringente Geschichte, in denen die Charaktere sich so verhalten, wie es ihrem Charakter entspricht und ihre Handlungen immer verständlich sind.
„Solo: A Star Wars Story“ erzählt, wie Han Solo zu seinem Nachnamen kommt, wie er Chewbacca trifft, den Millenium Falken in seinen Besitz bringt und wie er seine Laserpistole erhält. Nur woher seine Kleider kommen, erfahren wir nicht. Nichts davon hat uns auch wirklich interessiert. Immerhin war der von Harrison Ford erstmals in „Krieg der Sterne“ (Star Wars, 1977) gespielte Weltraumbandit, Hasardeur und Glücksritter Han Solo schon bei seinem ersten Auftritt eine der mythischen Figuren, die keine Vergangenheit brauchen, um in der Gegenwart zu leben. Schon kurz nach dem Kinostart erschienen mehrere Romane mit Han Solo als Protagonisten, in denen er seiner Profession nachging. Insofern war es naheliegend, auch einen Film mit ihm als Protagonisten zu drehen und ihn eines der Abenteuer erleben zu lassen, die man mit ihm assoziiert.
Alden Ehrenreich übernahm für den Film die Rolle des jungen Han Solo. Einige haben ihn vielleicht in „Blue Jasmine“, „Hail, Caesar!“ oder „Regeln spielen keine Rolle“ bemerkt. Als Han Solo muss er jetzt vor allem immer optimistisch in die Kamera blicken und tödliche Gefahren mit einem Schulterzucken, Lächeln und flotten Spruch meistern. Das verlangt von einem Schauspieler vor allem Charisma. Bei Ehrenreich ist es noch ausbaufähig.
In „Solo“ will Han Solo mit einigen anderen Weltraumbanditen für den zwielichtigen Geschäftsmann Dryden Vos (Paul Bettany) einen besonders wertvollen und seltenen Rohstoff (halt der MacGuffin) stehlen.
Die Geschichte wird interessanter, weil Han Solos erste und große Liebe Qi’ra (Emilia Clarke) in die Geschichte verwickelt ist. Sie ist jetzt die, ähem, Gespielin und Vertraute von Dryden Vos. Außerdem ist Solo hier noch der Rookie im Outlaw-Team, das von Beckett (Woody Harrelson) angeführt wird. Aber das ist nicht weiter wichtig. Denn Han Solo ist schon in der ersten Szene, als er auf seinem Heimatplaneten in großen Schwierigkeiten steckt und mit Qi’ra flüchten will, der Han Solo den wir kennen. Er erlebt mehrere Abenteuer, in denen er einige Accessoires erhält und sich mit Chewbacca und Lando Calrissian befreundet. Er macht dabei keine Entwicklung durch. Er hat, wie auch die anderen Charaktere, keinen Character Arc. Sie sind am Ende immer noch die Personen, die sie am Anfang waren. Deshalb ist „Solo“ auch keine Origin Story, sondern ein unterhaltsames, von Ron Howard professionell inszeniertes Weltraumabenteuer, das zwischen Fan-Service und Auftragsarbeit genau so ist, wie man es erwartet.
Die Geschichte bewegt sich angemessen flott vorwärts. Man verliert nie den Überblick. Die Action sieht gut aus. Es gibt genug Momente für die Fans und ein Überraschungscameo, um sie zu befriedigen. Die Nicht-Fans und alle die nichts über die „Star Wars“-Welt wissen (falls das in dieser Galaxie überhaupt möglich ist) werden in diesem Weltraumwestern trotzdem alles verstehen. Und obwohl der Film in sich abgeschlossen ist, gibt es genug Anknüpfungspunkte für weitere Filme mit Han Solo. Die sollten dann – wenn sie kommen – eigenständiger als „Solo“ sein.
Ron Howard übernahm während der Dreharbeiten die Regie von Phil Lord und Chris Miller („Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“, „21 Jump Street“, „The LEGO Movie“). Es heißt, das Arbeitstempo und der Stil des Regieduos hätten Produzentin Kathleen Kennedy nicht gefallen. Sie wacht über die ihr anvertraute „Star Wars“-Welt wie eine Helikoptermutter und veranlasste auch bei den anderen „Star Wars“-Filme in verschiedenen Stadien der Produktion Regiewechsel und Nachdrehs. Am Erfolg bei der Kritik (bei Rotten Tomatoes sind alle Filme weit im grünen Bereich) und an der Kinokasse änderte das Drama hinter den Kulissen nichts. Und vielleicht gibt es irgendwann eine große Reportage oder ein Buch, in dem wir alles darüber erfahren. Dann erfahren wir auch, ob Ron Howard wirklich, wie man hört, fast nichts von Lord und Miller übernahm.
Bis dahin gibt es den Film, der nichts wirklich falsch macht, vieles richtig macht, ohne dass man jemals wirklich begeistert und mitgerissen ist von der doch sehr vorhersehbaren Geschichte. Am Ende ist man dann doch etwas unbeeindruckt.
Solo: A Star Wars Story (Solo: A Star Wars Story, USA 2018)
Regie: Ron Howard
Drehbuch: Jonathan Kasdan, Lawrence Kasdan (nach Charakteren von George Lucas)
mit Alden Ehrenreich, Woody Harrelson, Emilia Clarke, Donald Glover, Thandie Newton, Phoebe Waller-Bridge, Joonas Suotamo, Paul Bettany
Es gibt diese Tage, an denen man einfach genug hat und zurückschlägt. Damián Szifrón erzählt in seinem argentinischen Kinohit sechs solcher Geschichte, die alle überzeugen und nicht nachgeahmt werden sollten. „Wild Tales“ ist ein großer Spaß, der heute zum ersten Mal im Fernsehen läuft.
mit Ricardo Darin, Dario Grandinetti, Oscar Martinez, Leonardo Sbaraglia, Érica Rivas, Rita Cortese, Julieta Zylberberg, Maria Marull, Mónica Villa, César Bordón, Walter Donado, Ricardo Darín, Nancy Dupláa, María Onetto, Alan Daicz, Osmar Núnez, German de Silva, Diego Gentile
Saul Ausländer ist 1944 einer der Juden im Sonderkommando im KZ Auschwitz-Birkenau. Als ein Junge zunächst die Gaskammer überlebt, möchte er ihn später nach jüdischem Ritus beerdigen.
Beeindruckendes, aufwühlendes Drama, das zahlreiche Preise erhielt: unter anderem den FIPRESCI und den Großen Preis der Jury in Cannes und den Bafta, Golden Globe und Oscar als bester ausländischer Film. „Son of Saul“ gelingt es das Grauen des KZ zu zeigen, ohne es zu zeigen.
Inside Llewyn Davis (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich 2013)
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
Meisterwerk der Coen-Brüder über den erfolglosen Folkmusiker Llewyn Davis und die New Yorker Folkmusikszene der frühen Sechziger. Kurz bevor ein Mann in Greenwich Village auftauchte, der 2016 den Literaturnobelpreis erhielt.
Spielfilmlange Doku über die Jazz Ambassadors. Das war ein Mitte der fünfziger Jahre begonnenes Kulturprogramm, in dem die US-Regierung Jazzmusiker als Botschafter der USA und der Werte der USA in die Welt schickte. Die Musiker, darunter Größen wie Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Duke Ellington und Dave Brubeck standen dabei vor dem Dilemma, in der Welt das Bild einer multikulturellen Gesellschaft zu zeigen, während in den Südstaaten noch eine strikte Rassentrennung herrschte. Auf ihren Auslandsgastspielen sprachen sie auch darüber.
mit Quincy Jones, Darius Brubeck, Bill Crow, Charlie Persip, Leslie Odom Jr. (Erzähler, im Original)
Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones(A Walk among the Tombstones, USA 2014)
Regie: Scott Frank
Drehbuch: Scott Frank
LV: Lawrence Block: A Walk among the Tombstones, 1992 (Endstation Friedhof, Ruhet in Frieden)
Matt Scudder, Ex-Polizist, Ex-Alkoholiker und Privatdetektiv ohne Lizenz, soll für den Dealer Kenne Kristo die Mörder seiner Frau suchen. Dass Kristo sie umbringen will, stört ihn nicht sonderlich.
Feine Verfilmung eines gewohnt feinen Matt-Scudder-Romans.
Delphine (Emmanuelle Seigner) ist eine erfolgreiche Autorin, die von dem Rummel um ihr neues Buch, in dem sie ihre Beziehung zu ihrer Mutter schildert, zunehmend geschlaucht ist. Während einer Signierstunde und einem anschließenden Empfang trifft sie auf Elle (Eva Green). Sie ist ebenfalls Autorin. Ghostwriterin. Und sie sieht schon bei ihrer ersten Begegnung wie Glenn Close im Finale von „Eine verhängnisvolle Affäre“ aus. Elle ist die schon auf den ersten Blick leicht durchgeknallte Person, zu der man im realen Leben einen wohltuenden Abstand hält. Nicht so Delphine. Sie freut sich, in ihrem größten Fan endlich eine verständnisvolle Gesprächspartnerin gefunden zu haben. Elle versteht sie besser, als sie sich selbst versteht. Elle will ihr auch bei ihrem neuem Buch, das nach Elles Ansicht noch persönlicher und radikaler als ihr letztes Buch werden sollte, helfen und sie sei bereit einen beratenden Blick auf das Manuskript zu werfen.
Schnell wird Elle für Delphine zu der Freundin, die auch die Aufgaben einer persönlichen Sekretärin und Beraterin übernimmt. Delphine verlässt sich immer mehr auf Elle, während wir Zuschauer das für einen gewaltigen Fehler halten. Denn Elle wirkt immer, als spiele sie nur die gute Freundin, während sie einen ganz anderen Plan verfolgt.
Roman Polanskis neuer Film „Nach einer wahren Geschichte“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Delphine de Vigan. Als das Buch vor drei Jahren in Frankreich erschien, wurde heftig darüber diskutiert, wie autobiographisch de Vigans Geschichte ist. Denn es gibt frappierende Parallelen zwischen ihrem Leben und dem Romangeschehen. Und der Buchtitel heizte die Spekulationen an. Sie selbst sagt dazu: „Es ist ein Buch, das sich liest, wie ein Buch nach wahren Begebenheiten, ein Roman, der sich an wirkliche Begebenheiten anlehnt, aber in dem doch fast alles ausgedacht ist.“
Es geht, wie im Film, um die Beziehung zwischen einer Erfolgsautorin und ihrer Freundin, die von einer Vertrauten zur Fanatikerin wird. Als Leser soll man auch an die Romanverfilmungen „Weiblich, ledig, jung sucht…“, „Shining“ und „Misery“ denken.
Im Film denkt man mehr an die Filme von Claude Chabrol und seine kalten Bestandsaufnahme der Bourgeoisie. Auch wenn „Nach einer wahren Geschichte“ weniger ein Psychothriller und mehr eine langsam erzählte Studie über eine ausgewachsene Schreibblockade und den Schaffensprozess des Künstlers ist. Im Presseheft sagt Polanski: „Ich leide sehr, wenn ich schreibe. Ich weiß aus Erfahrung, dass es nichts Schrecklicheres gibt als eine leere Seite. Man fühlt sich dann schon besser, wenn man irgendetwas zu Papier gebracht hat.“
Sein Co-Drehbuchautor Olivier Assayas beschäftigte sich in seinen letzten beiden Spielfilmen „Die Wolken von Sils Maria“ und „Personal Shopper“ mit der Arbeit einer Künstlerin und der für seine Protagonistinnen verschwimmenden Grenze zwischen Realität und, wertfrei und sehr breit verstanden, Fantasie und Wahn.
Und Delphines Geschichte ist, wie öfter bei Polanski, vor allem in „Ekel“ und „Der Mieter“, die Geschichte einer Reise in den Wahnsinn. Denn Delphine wird immer abhängiger von Elle. Die Ghostwriterin bestimmt immer mehr über das Leben der Schriftstellerin, die sogar Elles Geschichte erzählen will.
Das funktioniert als langsam erzähltes Kammerspiel ganz gut. Auch wenn die Beschränkung auf zwei Personen arg reduziert ist und eine verzweifelt auf einen leeren Bildschirm (vulgo „das leere Blatt“) starrende Schriftstellerin doch eher ein Arthaus-Publikum anspricht, das von langen statischen Bildern auf bewegungslose Menschen angesprochen wird.
„Nach einer wahren Geschichte“ ist ein guter und, wenn man beginnt ihn zu analysieren, komplexer Film, der allerdings nie wirklich packt. Dafür ist die Geschichte etwas zu künstlich und Delphine verhält sich, für eine erfolgreiche Autorin, doch zu unvorsichtig und vertrauensselig.
Nach einer wahren Geschichte (D’après une histoire vraie, Frankreich 2017)
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Olivier Assayas, Roman Polanski
LV: Delphine de Vigan: D’après une histoire vraie, 2015 (Nach einer wahren Geschichte)
mit Emmanuelle Seigner, Eva Green, Vincent Perez, Josée Dayan, Camille Chamoux, Brigitte Roüan, Dominique Pinon
Der Spion, der aus der Kälte kam The Spy who came in from the Cold, Großbritannien 1965)
Regie: Martin Ritt
Drehbuch: Paul Dehn, Guy Trosper
LV: John le Carré: The spy who came in from the cold, 1963 (Der Spion, der aus der Kälte kam)
Der britische Geheimdienstler Leamas wechselt zum Schein die Seiten – und gerät in Teufels Küche.
Realistischer, kritischer, kalter Agententhriller über die Suche nach Doppelagenten und Überläufern. Mit le Carrés Buch (ein Welterfolg) und der gelungenen Verfilmung wandelte sich das heroische Bild des Spions zu eines sehr gewöhnlichem. Denn überall sind Spione „eine schmutzige Prozession von hohlen Narren und Verrätern. Ja, auch von Schwulen, Sadisten und Trinkern, von Leuten, die Räuber und Gendarm spielen, im ihrem erbärmlichen Leben etwas Reiz zu geben.“ (John le Carré: Der Spion, der aus der Kälte kam).
Mit Richard Burton, Oskar Werner, Claire Bloom, Peter van Eyck, Rupert Davies, Sam Wanamaker, Cyril Cusack, Bernard Lee
Vor zwei Jahren war „Deadpool“ ein Überraschungserfolg. Ein R-rated-Superheldenfilm, der Gewalt zelebriert, respektlos über alles herzieht und der einen sehr robusten Humor hat, das klang in der gepflegten Marvel-, X-Men-, Spider-Man- und Supermansuperheldenwelt nach dem Rezept für ein kommerzielles Desaster. An dieser kommerziellen Prognose änderte auch die Beliebtheit der quasi unverfilmbaren Deadpool-Comics nichts. Wer will auf der Leinwand schon einen Helden sehen, der ständig mit dem Publikum redet, kein Interesse an Weltrettung hat und dessen Zimmer wie eine Studentenbude aussieht?
Entsprechend lange musste Hauptdarsteller Ryan Reynolds nach seinem ersten, kurzen Auftritt als Deadpool in „X-Men Origins: Wolverine“ (2009) für den Film kämpfen. Letztendlich erhielt er ein überschaubares Budget, setzte alles auf eine Karte und gewann. Denn schon die ersten Minuten von „Deadpool“ zeigten: der Kampf hat sich gelohnt und der Comic-Deadpool wurde ohne große Veränderungen zum Film-Deadpool. Das weltweite Einspielergebnis von über 750 Millionen Dollar machte die Fortsetzung zu einen No Brainer. Und weil „Deadpool“ damit auch der R-rated-Film mit dem höchsten Einspiel war, wurde das Erfolgsrezept nicht geändert. Man liefert einfach das gleiche noch einmal ab. Nur eine Nummer größer.
Dieses Mal will Deadpool, nach dem gewaltsamen Tod seiner schwangeren Freundin, einen Teenager beschützen. Im Broadstone House, Essex School for the Young, wird ‚Firefist‘ Russell (Julian Dennison) von allen gemobbt. Vor allem der Direktor dieser Mutantenschule (Eddie Marsan!) malträtiert ihn. Er verfolgt auch ein gänzlich anderes Erziehungskonzept als Professor Xavier mit seiner noblen X-Men-Mutantenschule.
Als Russell ausflippt und Feuerkugeln durch die Luft schleudert, versucht Deadpool ihn zu beruhigen. Die eh schon chaotische Situation gerät vollkommen außer Kontrolle und Deadpool und Russell werden in ein Hochsicherheitsgefängnis gesteckt. Dort besucht Cable, der Soldat aus der Zukunft (Josh Brolin), sie. Er will Russell töten – und schon sind wir mitten drin in einer wunderschönen Endlosklopperei, in der Deadpool auch ein Superheldenteam, die X-Force (weil X-Men ein so laaangweiliger Name ist), zusammenstellt. Dessen erster Einsatz verläuft dann auch wie der erste Einsatz der Avengers. Nur anders. Außer für Domino (Zazie Beetz), deren Superkraft „Glück“ ist.
‚Nur anders‘ bezeichnet ziemlich treffend, was „Deadpool 2“ von anderen Superheldenfilmen unterscheidet. Es ist zwar alles da, was man aus den Marvel-Filmen kennt, aber „John Wick“- und „Atomic Blonde“-Regisseur David Leitch und die Drehbuchautoren Rhett Reese, Paul Wernick und Ryan Reynolds bürsten alles hemmungslos gegen den Strich und runden es mit einem Pennälerwitz und einem Insider-Witz ab.
Das ist, wie die „Deadpool“-Comics, ein großer Spaß für Fans von Superheldengeschichten, die sich eine wohltuende Distanz und ein kindliches Gemüt bewahrt haben. Denn alle kriegen ihr Fett weg. Auch „Green Lantern“, der Film. Und es gibt, nach dem Tod von ‚Deadpool‘ Wade Wilson (Keine Panik. Deadpool ist unsterblich.) eine wunderschöne James-Bond-Titelsequenz, mit Deadpool als Objekt des Begehrens.
Bei dieser ununterbrochenen Abfolge von Gags und Action bemerkt man kaum, dass sogar eine ziemlich komplizierte Geschichte erzählt wird, die auch einige überraschende Wendungen hat. Und dass nebenbei einige sehr ernste Themen angesprochen werden. Nicht mit einem erhobenen Zeigefinger, sondern im Deadpool-Stil.
Nach all dem Werbeoverkill in den letzten Tagen und Wochen, wo Deadpool anscheinend überall war und auf YouTube ein „Deadpool 2“-Clip nach dem nächsten auftauchte, kann ich euch beruhigt versichern, dass „Deadpool 2“ den Hype aushält Es gibt immer noch etliche Gags und Plotwendungen, die man aus den Trailern und Clips nicht ahnt. Die Gags im Film sind besser als die aus den Clips und der Film ist in jeder Beziehung besser als die ganze Werbemaschinerie für das Franchise, dessen nächsten Filme schon, mehr oder weniger offiziell, angekündigt sind.
Deadpool: Gut gemacht, du XXXXX.
Deadpool 2 (Deadpool 2, USA 2018)
Regie: David Leitch
Drehbuch: Rhett Reese, Paul Wernick, Ryan Reynolds
LV: Charaktere von Rob Liefeld und Fabian Nicieza
mit Ryan Reynolds, Josh Brolin, Zazie Beetz, Julian Dennison, Morena Baccarin, Brianna Hildebrand, Shioli Kutsuna, Karan Soni, Leslie Uggams, Eddie Marsan, T. J. Miller, Andre Tricoteux, Jack Kesy, Terry Crews, Lewis Tan, Bill Skarsgård, Rob Delaney
Il Divo – Der Göttliche (Il Divo, Italien/Frankreich 2008)
Regie: Paolo Sorrentino
Drehbuch: Paolo Sorrentino
Mit „Il Divo“ wurde der 1970 in Neapel geborene Paolo Sorrentino international bekannt. In diesem satirischen Mix aus Polit-Thriller und Biopic porträtiert er den „Democrazia Cristiana“-Politiker Giulio Andreotti (1919 – 2013). Er war zwischen 1947 und 1992 an 33 Regierungen beteiligt, davon sieben Mal als Ministerpräsident. 1992 wurde er zum Senator auf Lebenszeit ernannt. Er wurde immer wieder beschuldigt, Verbindungen zur Mafia zu haben.
In dem vor allem in den frühen Neunziger spielenden Film ist Andreotti bereits ein alter Mann, der keine Miene verzieht und der sich durch ein Panoptikum ebenso versteinerter Gestalten bewegt. Formal knüpft „Il Divo“ sehr gekonnt an die Tradition des italienischen Polit-Thrillers an. Vor allem den Filmen von Francesco Rosi. Beide scheuen sich nicht, den Zuschauer in jeder Beziehungen zu fordern und das italienische politische System bis in seine feinsten Verästelungen zu analysieren.
mit Toni Servillo, Anna Bonaiuto, Piera Degli Espositi, Paolo Graziosi, Giulio Bosetti, Flavio Bucci
Für Sean Haggerty (Daniel Radcliffe) soll es der letzte Flug als Drogenkurier sein. Danach hat er das Geld zusammen, um die Operation seiner Frau zu bezahlen (Kleine Nebenbemerkung: mit einer ordentlichen Krankenversicherung wäre das nicht nötig.).
Während des Flugs muss Haggerty sich gleichzeitig um mehrere Probleme kümmern. Denn er ist nicht nur Drogenkurier, sondern auch Spitzel für die DEA und seine Frau ruft ihn ständig an. Sie hat nämlich herausgefunden, dass er sie über seine Arbeit und die damit verbundene Herkunft des Geldes belügt.
Daniel Radcliffe springt in seiner Post-Harry-Potter-Phase weiter munter hin und her zwischen Nebenrollen in hoch budgetierten Mainstreamfilmen, wie „Die Unfassbaren 2“, und Independent-Filmen, in denen er Dinge ausprobiert. Gerade bei diesen Filmen achtet er nicht sonderlich auf die kommerzielle Verwertbarkeit, sondern auf andere Dinge, wie die Wichtigkeit des Themas oder, wie in „Der Kurier – In den Fängen des Kartells“, die Herausforderung, während des gesamten Films an einen Ort gefesselt zu sein. Fast der gesamte Film spielt im Cockpit eines kleinen Flugzeugs. Der von Radcliffe gespielte Drogenpilot sitzt allein am Steuer des Flugzeugs und redet ständig mit seiner Frau und seinen Auftraggebern.
Solche Ein-Personen-Filme stehen und fallen mit dem Drehbuch, dem Hauptdarsteller und dem Regisseur, der das in Echtzeit spielende Ein-Personen-Ein-Ort-Stück so einfallsreich inszenieren muss, dass man diese Begrenzung auf einen Ort und eine Person nicht negativ wahrnimmt. Rodrigo Cortés‘ „Buried – Lebendig begraben“ (Spanien 2010) mit Ryan Reynolds in einem Sarg und Steven Knights „No turning back“ (Locke, USA/GB 2014) mit Tom Hardy in einem Auto fallen einem spontan als überzeugende Beispiele ein.
„Der Kurier“ kommt noch nicht einmal in die Nähe dieser Filme. Das von Adam Hoelzel geschriebene Drehbuch ist für einen Spielfilm zu einfach gestrickt. Es ist überraschungs- und konfliktarm. Die Charaktere sind nicht mehr als sparsam skizzierte Pappkameraden. Daniel Radcliffe hat hier einfach zu wenig Material, um den von ihm gespielten Haggerty zu einem dreidimensionalen Charakter mit nachvollziehbaren Problemen zu machen. Er ist einfach nur ‚der Mann am Funkgerät‘.
Regisseur Jesper Ganslandt inszeniert die Geschichte ohne erkennbare Ambitionen als verfilmtes Hörspiel, bei dem die Kamera noch bewegungsloser als Radcliffes Mimik ist. Da helfen auch die wenigen atmosphärischen Gegenlicht-Bilder während des arg verwirrend inszenierten Showdowns nicht.
Als Bonusmaterial gibt es gut dreizehn Minuten Interviews mit Daniel Radcliffe, Robert Wisdom, Pablo Schreiber und Grace Gummer. Sie vermitteln interessante Informationen über die Charaktere und ihre Motive. Vielleicht sollt man sich in diesem Fall zuerst das Bonusmaterial ansehen.
Der Kurier – In den Fängen des Kartells (Beast of Burden, USA 2018)
Regie: Jesper Ganslandt
Drehbuch: Adam Hoelzel
mit Daniel Radcliffe, Grace Gummer, Pablo Schreiber, Robert Wisdom, Cesar Perez
Nachdem Lale und ihre vier Schwestern mit einigen Jungs am Meer herumtollen, gelten sie als unzüchtig und werden in das Haus des konservativen Onkels verbannt, der sie traditionell erziehen soll.
Von der Kritik abgefeiertes Drama und „Plädoyer für Freiheit und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, das über den engen regionalen Kontext der Handlung hinausweist. (Lexikon des internationalen Films) In der Türkei wurden auch die Anspielungen sofort verstanden.
Im Anschluss, um 21.45 Uhr, zeigt Arte die gut einstündige Doku „Es war einmal…Mustang“ über die Entstehung und Hintergründe des Films.
mit Günes Sensoy, Doga Zeynep Doguslu, Elit Iscan, Tugba Sunguroglu, Ilayda Akdogan, Nihal G. Koldas
Iran – Vom Gottesstaat zur Großmacht(Frankreich 2017)
Regie: Vincent de Cointet
Drehbuch: Vincent de Cointet
Auftakt des sehr kurzen Arte-Themenabend „Iran – Gefährliche Großmacht?“, der jetzt natürlich brennend aktuell.
Über „Iran – Vom Gottesstaat zur Großmacht“ schreibt Arte: „Der Iran wurde in wenigen Jahren vom vermeintlichen Mitglied der von George W. Bush ausgerufenen „Achse des Bösen“ zu einem zentralen Akteur im Nahen Osten. Im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ ist das Land inzwischen unverzichtbar. Die Doku zeigt, wie und warum Teheran seine militärische und politische Stellung im Nahen Osten kontinuierlich ausgebaut hat.“
Anschließend, um 21.10 Uhr läuft die 45-minütige Doku „Dürre-Alarm: Wassernotstand im Iran“.
Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte „Kirschblüten und rote Bohnen“ von Naomi Kawase. Danach, um 01.00 Uhr, „Heart of a Dog“ von Laurie Anderson. Das nennt man „cineastische Vollbedienung“.
Arte, 22.05
Blau ist eine warme Farbe (La vie d’Adèle, chapitres 1 & 2, Frankreich 2013)
Regie: Abdellatif Kechiche
Drehbuch: Abdellatif Kechiche, Ghalya Lacroix
LV: Julie Maroh: Le bleu est une couleur chaude, 2010 (Blau ist eine warme Farbe)
Abdellatif Kechiche erzählt die Geschichte der Liebe zwischen der 17-jährigen Adèle und der etwas älteren Emma, einer lesbischen Kunststudentin.
Ein wundervolles, dreistündiges Liebesdrama, das 2013 in Cannes die Goldene Palme erhielt.
LV: Michael Crichton: Disclosure, 1993 (Enthüllung)
Mobbing andersrum: Ein glücklicher Familienvater wird von seiner Vorgesetzten sexuell belästigt.
Ziemlicher Langweiler, bei dem die Mobbing-Story noch der „intelligente“ Teil des Films ist. Der Teil ist allerdings ziemlich schnell abgehakt. Danach folgt eine grottige Intrige, fernab jeglicher Logik und Plausibilität. Als Seismograph gesellschaftlicher Stimmungen und männlicher Ängste ist „Enthüllung“ durchaus interessant.
Ein wesentlich besserer Film zum Thema Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist David Mamets fast zeitgleich entstandene Verfilmung seines Theaterstücks „Oleanna“ (mit dem immer vorzüglichen William H. Macy).
Damals, in den Neunzigern, standen die Bücher von „Jurassic Park“ Michael Crichton neben denen von John Grisham regelmäßig auf den Bestsellerlisten und die Verfilmungen ihrer Bücher waren Kassenknüller.
Mit Michael Douglas, Demi Moore, Donald Sutherland, Caroline Goodall, Dylan Baker
Wiederholung: Montag, 14. Mai, 00.45 Uhr (Taggenau!)
Drehbuch: David Rabe, Robert Towne, David Rayfield
LV: John Grisham: The firm, 1991 (Die Firma)
Unmittelbar nach seinem Abschluss in Harvard erhält Mitch McDeere ein Jobangebot einer renommierten Kanzlei. Er nimmt an und erfährt, dass sie für die Mafia arbeitet. Das allein wäre schon schlimm genug. Aber McDeere will der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen und gerät zwischen alle Fronten.
Die erste Grisham-Verfilmung ist – wie die folgenden – überlanges Hollywood-Starkino. Bis 1998 liefen noch sechs weitere Grisham-Verfilmungen in unseren Kinos. 2003 gab es mit „Das Urteil – Jeder ist käuflich“ (ebenfalls mit Gene Hackman) einen Nachklapp. Seitdem gab es im Kino keine weiteren Grisham-Justizthriller mehr, während Grisham selbst emsig und erfolgreich weitere Justizthriller schrieb.
„Die Firma“ ist Grishams zweiter Roman und es war für ihn der Durchbruch, der es ihm ermöglichte, seine Anwaltskarriere zugunsten einer Schriftstellerkarriere zu beenden.
„Wer das Buch unter anderem wegen der kompetenten Darstellung von Interna amerikanischer Rechtsanwaltskollektive und der Interaktion von Wirtschaft und organisiertem Verbrechen schätzte, wird die vorliegende Verfilmung ärgerlich finden.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Mit Tom Cruise, Gene Hackman, Jeanne Tripplehorn, Ed Harris, Holly Hunter, Hal Holbrook, Wilford Brimley, David Strathairn, Gary Busey
Einerseits hat „Forderung“, der neue, gerade auf Deutsch erschienene Thriller des bekennenden Demokraten John Grisham nichts mit Donald Trump zu tun.
Andererseits erinnert die Prämisse an die höchst unseriöse Trump University. Auch wenn Grishams Inspiration für seinen Roman Paul Campos‘ „The Atlantic“-Reportage „The Law-School Scam“.
In dem Roman bemerken die Studenten Zola, Todd und Mark kurz vor ihrem Juraexamen, dass sie betrogen wurden. Die teure Ausbildung auf der von ihnen besuchten privaten Hochschule war bodenlos schlecht. Sie werden niemals die Prüfungen bestehen. Ihre Studiengebühren müssen sie allerdings bezahlen. Also beschließen die Drei, die Verantwortlichen für den Betrug zur Rechenschaft zu ziehen – und wir erleben einen Fall von poetischer Gerechtigkeit.
–
John Grisham: Forderung
(übersetzt von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter und Imke Walsh-Araya)
Beginnen wir gleich mit dem größten Problem von „Isle of Dogs – Ataris Reise“: die Synchronisation. Im Original verleihen Hollywoodstars Hunden und Menschen ihre Stimme. Bei uns sind es dann deutlich unbekanntere Synchronsprecher.
Die meisten Zuschauer werden sich, im Gegensatz zu den Cineasten und „ich will jeden Film von xyz sehen“-Fans, daran nicht stören. Sie kennen eh nur die Synchronstimmen von Scarlett Johansson und Greta Gerwig. Und die Fans von Originalfassungen, zu denen ich gehöre, sind eine überschaubare Minderheit. Sogar im CineStar im Berliner Sony Center, das nur Originalfassungen zeigt, wird man an der Kasse immer gefragt, ob man die Originalfassung sehen möchte.
Damit ist, ehrlich betrachtet, die Synchronisation und das damit verbundene Verschwinden der Starpower, etwas zwischen Schein- und Luxusproblem. Der Reiz der Bilder bleibt in dem witzigen Stop-Motion-Film in jeder Fassung erhalten.
Stop-Motion ist eine altbewährte Filmtechnik, die auch sehr aufwendig ist. Zuerst werden dreidimensionale Objekte, in diesem Fall Hunde und Menschen, gefertigt. Diese werden für jede Aufnahme minimal bewegt. Erst wenn man die so entstandenen Aufnahmen schnell zeigt, entsteht der Eindruck von Bewegung. Weil „Isle of Dogs“-Regisseur Wes Anderson statt der normalen 24 Bilder pro Sekunde eine Vorliebe für 12 Einzelbilder pro Sekunde hat, mussten für den Film nur 130.000 handgefertigte Standbilder angefertigt werden. Die Bewegungen erscheinen so etwas abgehackter als normal. Am Arbeitstempo änderte sich dadurch wenig. Täglich konnten nur wenige Sekunden Film entstehen. Insgesamt dauerte die Produktion des Films fast zwei Jahre. Und davor wurde das Drehbuch geschrieben und in einem Storyboard die einzelnen Einstellungen festgelegt. „Isle of Dogs“ ist daher kein Film, in dem mal schnell etwas improvisiert wurde.
Stop-Motion-Szenen hat jeder schon gesehen. Meistens in Science-Fiction- und Fantasy-Filmen. In „King Kong und die weiße Frau“ und den „Krieg der Sterne“-Filmen wurde die Technik für einige Szenen verwandt. Ray Harryhausen war ein Meister dieser Technik. Seine Arbeit kann in „Sindbads 7. Reise“, „Jason und die Argonauten“, „Eine Million Jahre vor unserer Zeit“ und „Kampf der Titanen“ bewundert werden. In den letzten Jahren inszenierten Tim Burton („Nightmare before Christmas“ [Regie: Henry Selick], „Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche“ und „Frankenweenie“) und, für Erwachsene, Charlie Kaufman („Anomalisa“) Stop-Motion-Kinofilme. Mit „Der fantastische Mr. Fox“ inszenierte Wes Anderson bereits einen Stop-Motion-Animationsfilm.
In seinem neunten Spielfilm „Isle of Dogs – Ataris Reise“ erzählt Anderson die Geschichte von Atari Kobayashi (Koyu Rankin). Er ist der zwölfjährige Pflegesohn des autoritären Bürgermeisters von Megasaki City. Aufgrund einer grassierenden Hundegrippe werden alle Hunde aus der Stadt nach Trash Island verbannt. Die Insel, eigentlich eine Müllkippe, liegt in Sichtweite von Megasaki City.
Eines Tages wird Spots, der Wachhund von Atari, nach Trash Island deportiert.
Atari will seinen Freund retten. Er klaut ein Flugzeug, legt auf der Insel eine ordentliche Bruchlandung hin und will auf der riesigen Insel seinen besten Freund finden. Das ist eine ziemlich hoffnungslose Aufgabe, bis eine kleine Hundegruppe – bestehend aus Rex (Edward Norton), Boss (Bill Murray), King (Bob Balaban), Duke (Jeff Goldblum) und Chief (Bryan Cranston) – beschließt, dem Jungen zu helfen. Immerhin ist es das, was Hunde tun.
In diesem Moment sind wir schon mitten drin in einem Abenteuer, das Kindern und Erwachsenen gefallen dürfte. Für Kinder gibt es eine Geschichte über die Suche nach einem Hund, Freundschaft und den Kampf gegen einen Bösewicht. Denn die Hundegrippe wurde von Menschen verursacht. Genauso wie die Ausgrenzung und Deportation der einstmals geliebten Haustiere in den sicheren Tod. Denn auf Trash Island gibt es keine Nahrung. Anderson erzählt die Abenteuer von Atari und seinen Hundefreunden, mit vielen sehr vergnüglichen Um- und Abwegen, detailfreudig, voller Humor, Slapstick und Situationskomik.
Erwachsene und Cineasten werden in diesen Momenten auch etliche lässig eingestreute Anspielungen und Zitate erkennen. Stilistisch ist „Isle of Dogs“ unverkennbar inspiriert vom japanischen Film, vor allem von Akira Kurosawa („Die sieben Samurai“), und der japanische Kultur. Im Film wird auch ziemlich viel japanisch gesprochen. Anderson erzählt die Geschichte aus der Sicht der Hunde, die sich natürlich untereinander blendend verstehen. Sie sprechen daher, im Original, englisch. Japanisch verstehen die Hunde nicht. Deshalb gibt es, wenn Menschen japanisch sprechen, auch keine Untertitel. Wenn es wirklich wichtig ist, übersetzt eine Dolmetscherin (Frances McDormand im Original) ins Englische. Das ist nötig, weil eine junge US-Austauschstudentin, Hundefreundin und Journalistin eine gewaltige Verschwörung gegen die Hunde wittert.
Diese Verschwörung gegen die Hunde, ihre Ausgrenzung und die Pläne für ihre Vernichtung können mühelos als warnender Kommentar zum aktuellen politischen Geschehen gelesen werden. Dabei hat Wes Anderson den Film schon 2015 ankündigt und die Produktion begann 2016. Seine Premiere hatte er auf der diesjährigen Berlinale. Dort erhielt Anderson den Silbernen Bären als bester Regisseur.
Isle of Dogs – Ataris Reise (Isle of Dogs, USA 2018)
Regie: Wes Anderson
Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson, Roman Coppola, Jason Schwartzmann und Kunichi Nomura)
mit (im Original den Stimmen von) Liev Schreiber, Edward Norton, Bill Murray, Bob Balaban, Jeff Goldblum, Bryan Cranston, Scarlett Johansson, F. Murray Abraham, Tilda Swinton, Harvey Keitel, Ken Watanabe, Koyu Rankin, Kunichi Nomura, Akira Takayama, Greta Gerwig, Akaira Ito, Yoko Ono, Frances McDormand, Nijiro Murakami, Mari Natsuki, Yojiro Nada, Frank Wood, Courtney B. Vance (Wuff, ein All-Star-Voice-Film)