Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il west, Italien/USA 1968)
Regie: Sergio Leone
Drehbuch: Sergio Leone, Sergio Donati (nach einer Geschichte von Dario Argento, Bernardo Bertulucci und Sergio Leone)
Die Story – Killer Frank will für die Eisenbahn an das Land der Exhure Jill gelangen, während ‚Mundharmonika‘ ihm einen Strich durch die Rechnung macht – ist eher Nebensache gegenüber den von Ennio Morricone untermalten Bildern von Tonino Delli Colli.
Ein Western-Klassiker, der eigentlich auf die große Leinwand gehört.
mit Charles Bronson, Henry Fonda, Claudia Cardinale, Jason Robards, Frank Wolff, Gabriele Ferzetti, Keenan Wynn, Lionel Stander, Jack Elam, Woody Strode
Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.
Ein zukünftiger Western-Klassiker
mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper
No Country for Old Men (USA 2007, Regie: Ethan Coen, Joel Coen)
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
Der alleinstehende Florist Fiorante (John Turturro) ist mit seinem Leben zufrieden. Da schlägt ihm sein Freund Murray (Woody Allen), ein Buchhändler, der nachdem er sein Geschäft schließen musste, viel Zeit und viele Ideen hat, ein wundervolles Geschäft vor. Fiorante soll mit seiner Hautärztin und deren Freundin ins Bett gehen. Für Geld. Aus der einmaligen Sache entwickelt sich schnell mehr, viel mehr als Fiorante und Murray sich in ihren kühnsten Träumen ausgemalt haben.
TV-Premiere einer wundervollen New-York-Liebeskomödie zu einer unmöglichen Uhrzeit.
Obwohl Woody Allen nur mitspielt, John Turturro die Hauptrolle hat, das Drehbuch schrieb und die Regie übernahm, ist „Plötzlich Gigolo“ eine waschechte Woody-Allen-Komödie mit dem vertrauten Woody-Allen-New-York-Flair.
Zerrissene Umarmungen (Spanien 2009, Regie: Pedro Almodóvar)
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Die Erinnerungen eines erblindeten Drehbuchautoren an eine nicht fertig gestellte Komödie, seine große Liebe und einen für sie tödlichen Autounfall dienen Almodóvar als Ausgangspunkt für einen Film im Film im Film – und wir Zuschauer sind nie verwirrt, sondern verzaubert, wenn flugs und zitatreich die Zeitebenen und Genres gewechselt werden.
Für das „Lexikon des internationalen Films“ gehört „Zerrissene Umarmungen“ „zum Anrührendsten und Schönsten, was das europäische Kino aktuell zu bieten hat“.
mit Penélope Cruz, Lluís Homar, Blanca Portillo, José Luis Gómez, Rubén Ochandiano, Tamar Novas
One, 21.45 Night Moves (Night Moves, USA 2013)
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jon Raymond, Kelly Reichardt
Drei junge Öko-Aktivisten wollen einen Staudamm sprengen.
Insgesamt sehenswerter Arthaus-Thriller, der gelungen die gängigen Thrillerkonventionen unterläuft und ein Nicht-Hollywood-Bild von den USA zeichnet. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard, Alia Shawkat, Logan Miller, Kai Lennox, Katherine Waterston, James Le Gros
Fares Fares kennen wir aus den Jussi-Adler-Olsen-Verfilmungen als Assad. In diesen Krimis spielt er einen syrischen Immigranten mit ungeklärter Vergangenheit im Sicherheitsdienst, der in Kopenhagen dem Kommissar bei seinen Ermittlungen hilft. Mit seinem Vollbart und seinem Glauben verkörpert er das Bild des Arabers.
In „Die Nile Hilton Affäre“ spielt Fares Fares jetzt einen ägyptischen Polizisten, der wie ein Überbleibsel aus einem alten französischen Kriminalfilm aussieht. Er raucht und trinkt und sein letztes Gebet ist schon ewig her. Und seine Frau ist tot. Vielleicht trägt er deshalb immer eine Lederjacke, hat bei seinem Hemd die obersten Knöpfe offen und den Schlips gelockert. Wie man es von einem US-Hardboiled-Privatdetektiv kennt.
Auch die Story könnte aus einem französischen Krimi stammen. Oder einem US-Noir. Fares spielt Noredin, einen korrupten, desillusionierten Polizisten, der ohne zu zögern das Geld der toten Sängerin einsteckt. Ihre Leiche wurde in einem Zimmer des Nobelhotels Nile Hilton gefunden. Mit durchgeschnittener Kehle. Dennoch wollen seine Vorgesetzten den offensichtlichen Mord schnell als Selbstmord zu den Akten legen.
Aber in dem Moment verfolgt Noredin schon eine Spur in die ägyptische High Society.
Natürlich erzählt Tarik Saleh („Metropia“, „Tommy“) eine altbekannte Noir-Detektivgeschichte, die direkt aus einem Hammett-Roman oder einem seiner unzähligen Epigonen stammen könnte. Aber durch den Handlungsort – Kairo im Januar 2011, wenige Tage vor den Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz und dem Beginn des Arabischen Frühlings – verleiht Saleh der bekannten Geschichte eine neue und sehr spannende Facette. Noredin muss in einer durch und durch korrupten Gesellschaft ermitteln, in der Verdächtige keine Rechte haben. Außer sie gehören zu den Reichen und Mächtigen. Dann müssen sie sich an kein weltliches und religiöses Gesetz halten. Sowieso scheint hier jeder den Islam sehr liberal auszulegen.
Kairo selbst wird, vor allem in den Nachtaufnahmen, zu einer einzigen heruntergekommene Betonwüste; einer Stadt, die mühelos als Dystopie funktioniert. Die Räume, vor allem in der Polizeistation, erinnern dagegen an die Innenräume von Noirs aus den vierziger, fünfziger und frühen sechziger Jahren. Auch die meisten Charaktere und ihre Moral würden in einem dieser Filme nicht auffallen. Immerhin geht es, wie Noredin herausfindet, um Erpressung mit Sexfotos.
Der spannende Neo-Noir hatte dieses Jahr auf dem Sundance Festival seine Weltpremiere im Internationalen Wettbewerb, wo er den Hauptpreis gewann.
Die Inspiration für seine Geschichte erhielt Tarik Saleh von einem wahren Mordfall: 2008 wurde in Dubai in in einem Hotelzimmer die bekannte Sängerin Suzan Tamim tot aufgefunden. Kurz darauf wurde ein ägyptischer Ex-Polizist verhaftet. Der behauptete, er habe den Mord im Auftrag des ägyptischen Geschäftsmann Talaat Mustafa begangen. Mustafa war eifersüchtig, weil seine Geliebte ihn verlassen hatte. Wegen seiner Freundschaft zur Präsidentenfamilie genoss er Immunität. Sein Name wurde in den Medien nicht erwähnt, bis der Geheimdienst ihn über das Fernsehen zur Rückkehr aus der Schweiz nach Ägypten aufforderte. 2009 kam es zum Prozess, der mit einer fünfzehnjährigen Haftstrafe für Mustafa und einer lebenslangen Haft für den Mörder endete.
Aber das ist eine andere Geschichte. Saleh übernahm für seinen Noir nur die Ausgangslage: die im Hotelzimmer ermordete Sängerin. Schon bei ihrem Liebhaber entfernt Saleh sich von dem Mordfall Tamim. .
Die Nile Hilton Affäre (The Nile Hilton Incident, Schweden/Deutschland/Dänemark 2017)
Regie: Tarik Saleh
Drehbuch: Tarik Saleh
mit Fares Fares, Mari Malek, Yaser Maher, Ahmed Seleem, Slimane Dazi, Hania Amar, Hichem Yacoubi, Mohamed Yousry, Ger Duany
Seine SW-Bilder von muskelbepackten Männern in Lederjacken und Uniformen mit riesigen – – – Dingern kenne ich seit Ewigkeiten. Wahrscheinlich von den zahlreichen Taschen-Bücher über Tom of Finland und aus verschiedenen Zeitschriften, die irgendetwas mit Jugendkultur und Subkultur zu tun haben. Aber besonders interessierten sie mich nicht und auch der Mann hinter den Zeichnungen war mir egal. Außerdem war seine wahre Identität lange unbekannt, es gab keine ausführlichen Reportagen über ihn und er trat nicht, wie Andy Warhol, in der Öffentlichkeit auf.
Dabei ist seine Geschichte, wie Dome Karukoski in seinem Biopic „Tom of Finland“ über Touku Laaksonen (1920 – 1991) zeigt, durchaus erzählenswert. Als Künstlerbiographie und auch als Sittengemälde der Nachkriegsjahrzehnte.
Karukoskis Film beginnt im zweiten Weltkrieg. Touku Laaksonen kämpft als Soldat gegen sowjetische Soldaten. Er erhält das Freiheitsabzeichen Vierter Klasse und er zweifelt nicht an seiner Homosexualität. Nachts in Parks lebt er sie aus. Tagsüber ist er Soldat und, nach dem Krieg, Zeichner in einer Werbeagentur in Helsinki. Er lebt mit seiner Schwester Kaija zusammen. Heimlich zeichnet er Bilder von seinen Traummännern, die er auch veröffentlichen möchte. Ebenso heimlich sucht er sich seine Sexualpartner für meist flüchtigen Sex. In Finnland wurden damals, wie in Deutschland, Homosexuelle verfolgt und drakonisch bestraft.
Ein Ausflug nach Berlin endet in einem Desaster. Seine Bilder ist er los. Aber anders als erhofft.
1953 trifft er Veli ‚Nipa‘ Mäkinen, die Liebe seines Lebens. Nipa zieht bei Touku als ‚Mitbewohner‘ ein. Toukus Schwester ahnt, obwohl sie mit ihnen zusammenlebt, nichts von deren Beziehung.
1957 werden Toukus Zeichnungen in den USA in dem Magazin „Physique Pictorial“ veröffentlicht. In dem Moment erhält er von dem Herausgeber der Zeitschrift, im Einklang mit der üblichen Namenspraxis des Heftes, auch das Pseudonym „Tom of Finland“, unter dem er zuerst in der Schwulenszene und später darüber hinaus bekannt wurde.
Während Dome Karukoski („Helden des Polarkreises“) die Geschichte bis dahin als bedrückendes Sittengemälde einer repressiven und verklemmten Zeit ausführlich erzählt, macht er jetzt mehrere große Zeitsprünge zu Toukus erstem USA-Besuch in den Siebzigern (wo er ein in der Schwulenszene gefeierter und stilbildender Künstler ist), zu die ersten Jahre nach der Entdeckung von AIDS und zu Toukus letzten Tagen. In diesen Momenten ist unübersehbar, dass „Tom of Finland“ mit den typischen Biopic-Problemen zu kämpfen hat. Anstatt sich auf einen Moment in Toukus Leben zu konzentrieren oder zu zeigen, warum Toukus Leben heute noch relevant ist, wird einmal durch sein Leben gehetzt, vieles angesprochen, aber nichts wirklich vertieft.
„Tom of Finland“ ist das filmische Äquivalent zum Lexikonartikel über Touku Laaksonen, der brav die Fakten aneinanderreiht, ohne irgendjemand zu verstören. In dem konventionellen Biopic wird Touku Laaksonen zu einer unumstrittenen Ikone Finnlands. Der Film ist der Vorschlag Finnlands für den Oscar als bester ausländischer Film und er ist Teil der Feierlichkeiten zur hundertjährigen Unabhängigkeit Finnlands.
Tom of Finland(Tom of Finland, Finnland 2017)
Regie: Dome Karukoski
Drehbuch: Aleksi Bardy
mit Pekka Strang, Lauri Tilkanen, Jessica Grabowsky, Seumas Sargent, Jakob Oftebro
Und ungefähr so sieht „Blood Simple“, nach der von Joel und Ethan Coen und Kameramann Barry Sonnenfeld beaufsichtigten 4K-Restaurierung des Director’s Cut, aus
Das ist wie Nacht und Tag. Der Film sieht jetzt wieder wie zu seiner Premiere (oder besser) aus. Und allein wegen des fantastischen Bildes sollte man sich den Film im Kino ansehen.
Die in Texas spielende Filmgeschichte ist ein klassischer Noir-Stoff über Ehebruch, Hass, Neid, Missgunst und Mord, in dem die Menschen sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen.
Schon in ihrem Spielfilmdebüt gingen die Coen-Brüder mit ihren Charakteren angemessen respektlos um. Niemand ist besonders sympathisch. Jeder wird während des 96-minütigen Films vollständig demontiert.
Abby betrügt ihren Mann, den Barbesitzer Marty, mit einem seiner Angestellten. Der von Marty beauftragte Privatdetektiv Visser findet das heraus und Marty beauftragt ihn, seine Frau und ihren Liebhaber Ray umzubringen. Der Plan geht – selbstverständlich – gründlich schief. Tote gibt es trotzdem. Und das Sterben zieht sich oft quälend in die Länge.
„Blood Simple“ ist ein feiner Noir, der schon damals von der Kritik breit abgefeiert wurde. Zum Beispiel steht im Fischer Film Almanach: „Furios und bewusst überfrachtet, ansonsten mit genau der richtigen Mischung aus Spannung, Verzwicktheit, Erotik und schicksalhafter Ironie haben die Brüder Joel und Ethan Coen ihr B-Picture-Debüt in Szene gesetzt, das mit seiner großen Portion Originalität weit über ein bloßes Stil-Remake (und gelegentliches Plagiat) hinausgeht.“
Das Lexikon des internationalen Films meint zum Original: „Was als Ehedrama beginnt, entwickelt sich zu einem düsteren, handwerklich nicht uninteressanten Psycho-Thriller in der Tradition der Suspense-Filme; dabei können formale Brillanz und das Bemühen um einen atmosphärisch dichten Erzählstil einzelne Ungereimtheiten und Längen nicht verdecken.“
Zum 2001 von den Coen-Brüdern erstellten Director’s Cut meint das Lexikon: „Gänzlich überarbeitet und jetzt vier Minuten kürzer (…) eine glattere Wirkung und hat einen Teil seiner spröden Aura verloren. Dadurch wirkt der Film zwar weniger beklemmend als das 15 Jahre ältere Original, er fesselt aber nach wie vor durch seinen atmosphärisch dichten Erzählstil.“
Beim Sundance-Filmfestival gewann der Film den Großen Preis. Joel Coen erhielt Independent Spirit Award als bester Regisseur. Das Drehbuch der Coen-Brüder war für den Edgar nominiert.
„Blood Simple“ ist allerdings auch unverkennbar ein Debütfilm mit all den Schwächen, die man mit einem Debüt assoziiert. Das Budget war überschaubar. Das Erzähltempo ist teilweise arg schleppend und einige Szenen werden über Gebühr gedehnt. Die Schauspielerführung ist oft amateurhaft, weshalb vor allem John Getz als Liebhaber Ray und Frances McDormand als Ehebrecherin Abby (in ihrem Filmdebüt) nicht so präsent sind, wie in späteren Filmen. M. Emmet Walsh, der den Privatdetektiv Visser spielt, würde unerträglich chargieren, wenn es nicht ein fester Bestandteil seiner Rolle als Arschloch wäre.
Schon der nächste Film der Coen-Brüder, „Arizona Junior“ (Raising Arizona), war ein gewaltiger Schritt nach vorne. Dann kamen „Miller’s Crossing“, „Barton Fink“, „Hudsucker – Der große Sprung“ (The Hudsucker Proxy; okay, das ist quasi ihr ‚großer altmodischer Hollywood-Film‘), „Fargo“, „The Big Lebowski“ undundund.
Dank der Restaurierung läuft der Film jetzt wieder im Kino und es ist eine lohnende Wiederbegegnung mit ihrem Debüt.
Vielleicht erleben ihre anderen Filme – ich sage nur „The Big Lebowski“ – auch eine Wiederaufführung im Kino.
Blood Simple – Director’s Cut (Blood Simple, USA 1984/2000)
Regie: Joel Coen (damals wurde nur einer der Brüder als Regisseur genannt)
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
mit John Getz, Frances McDormand, Dan Hedaya, M. Emmet Walsh, Samm-Art Williams, Deborah Neumann, Raquel Gavia, Holly Hunter (Frauenstimme auf dem Anrufbeantworter; natürlich nur in der Originalfassung)
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 18 Jahre
–
auch bekannt als „Blood Simple – Eine mörderische Nacht“ (Kinotitel 1985), „Blood Simple – Blut für Blut“ (Videotitel)
Eine arbeitslose Schauspielerin soll einen Schauspielworkshop des Jobcenters leiten. Die Kursteilnehmer sind zunächst wenig begeistert von der deutlich überforderten Lehrerin, die auch keine Ahnung von ihrer Aufgabe hat. Dennoch beginnen sie, während der Proben für „Antigone“, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen.
„Ein Geschenk der Götter“ ist eine sehenswerte deutsche Komödie (meine Besprechung), die deutlich von britischen Arbeiterklassenkomödien beeinflusst ist. Auch in „Ein Geschenk der Götter“ nehmen die Menschen ihr Schicksal in die eigene Hand. Die Milieuzeichnungen sind stimmig. Und es gibt viel Humor, der sich wohltuend vom üblichen deutschen Komödienhumor unterscheidet.
mit Katharina Marie Schubert, Adam Bousdoukos, Marion Breckwoldt, Paul Faßnacht, Katharina Haufer, Rainer Furch, Canan Kir, Maik Solbach, Rick Okon, Eva Löbau, Luise Heyer
Wenige Tage vor dem Kinostart von Michael Hanekes „Happy End“ (ebenfalls mit Jean-Louis Trintignant und Isabelle Huppert) kann man sich noch einmal seinen vorherigen Film ansehen:
Arte, 20.15 Liebe(Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise. Warum ich den Film so gut finde, obwohl er nicht unproblematisch ist, habe ich hier erklärt.
mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco
Zum Abschluss eines kleinen Edgar-Wallace-Festivals („Der Fälscher von London“ um 16.30 Uhr, „Das indische Tuch“ um 18.25 Uhr und „Der Frosch mit der Maske“ um 20.15 Uhr) gibt es
Kabel 1, 22.05
Edgar Wallace: Der grüne Bogenschütze (Deutschland 1961, Regie: Jürgen Roland)
Drehbuch: Wolfgang Menge, Wolfgang Schnitzler
LV: Edgar Wallace: The green archer, 1923 (Der grüne Bogenschütze)
Millionär und Ex-Gangster Abel Bellamy will sich auf dem Schloß Garre Castle zur Ruhe setzen. Aber ein geheimnisvoller grüner Bogenschütze beginnt auf seinem Anwesen Menschen umzubringen.
Der zweite und letzte Wallace-Film von Jürgen Roland ist „Wallace ohne Gänsehaut“ (Joachim Kramp: Hallo – Hier spricht Edgar Wallace!), aber mit Gert Fröbe.
Mit Gert Fröbe, Karin Dor, Klausjürgen Wussow, Eddi Arent, Harry Wüstenhagen, Wolfgang Völz
Spurlos – Die Entführung der Alice Creed (The Disappearance of Alice Creed, Großbritannien 2009)
Regie: J Blakeson
Drehbuch: J Blakeson
Hochspannendes Drei-Personenstück über die Entführung der Millionärstochter Alice Creed, das einen anderen Verlauf nimmt, als man es nach den ersten Minuten erwarten könnte.
Gosford Park (Großbritannien/Italien/USA/Deutschland 2001)
Regie: Robert Altman
Drehbuch: Julian Fellowes (nach einer Idee von Robert Altman und Bob Balaban)
Auf dem Landsitz Gosford Park trifft sich eine Jagdgesellschaft mit ihrer Dienerschaft. Als der Hausherr ermordet wird, muss ein Inspektor den Mörder suchen.
Tolle Gesellschaftskomödie mit einem Hauch Agatha Christie und einem „Was? Die ist auch dabei?“-Ensemble.
Der Film erhielt, neben vielen anderen Preisen, den BAFTA als bester Film, eine Golden Globe für die Regie, einen Oscar für das Drehbuch und die Screen Actors Guild zeichnete gleich das gesamte Ensemble aus.
Drehbuchautor Julian Fellowes ist auch der Erfinder von „Downtown Abbey“.
mit Maggie Smith, Michael Gambon, Kristin Scott Thomas, Camilla Rutherford, Charles Dance, Geraldine Somerville, Tom Hollander, Natasha Wightman, Jeremy Northam, Bob Balaban, James Wilby, Claudie Blakley, Laurence Fox, Ryan Phillippe, Stephen Fry, Kelly Macdonald, Clive Owen, Helen Mirren, Eileen Atkins, Emily Watson, Alan Bates, Derek Jacobi, Richard E. Grant
1887 überreicht zum fünfzigsten Thronjubiläum von Königin Victoria ein extra für diesen Anlass aus Indien herbeigeschaffter Inder der Königin eine Münze.
Die Königin, die auch die Kaiserin von Indien ist, findet den mit den höfischen Ritualen nicht vertrauten 24-jährigen Abdul Karim interessant, freundet sich mit ihm an und blüht wieder auf. Der in seiner Heimat einfache Schreiber wird ein Vertrauter und ihr Sprachlehrer, während die Verwandtschaft der Königin von dieser Beziehung nicht begeistert ist.
Diese Geschichte wurde erst vor einigen Jahren einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Shrabani Basu erfuhr bei ihren Recherchen über ein Buch über die Geschichte des Curry, dass Königin Victoria Currygerichte liebte. In den königlichen Archiven entdeckte sie einige ihrer Tagebücher, die auf Urdu geschriebene Texte enthielten. Basu ließ sie übersetzen. In Indien entdeckte sie bei einem Großneffen von Abdul ein von Abdul geschriebenes Tagebuch über seine Reise nach England.
Basu schrieb darüber das 2010 erschienene Buch „Victoria & Abdul: The true Story of The Queen’s closest Confidant“ (Victoria & Abdul), das das Interesse der Filmemacher weckte. Immerhin hat diese historische Anekdote all die Elemente, die das Interesse des Zuschauers wecken könnten. Allerdings handelt sich auch um ein Episödchen, das bislang für Historiker nicht weiter interessant war, weil es keine historische Bedeutung in irgendeiner Form hat. In so einem Fall muss der Drehbuchautor etwas Finden, das einen Film über diese Beziehung rechtfertigt.
Denn nur dass zwei Menschen gut miteinander auskommen, ist noch keine Geschichte. Es braucht irgendeinen eindeutig ausformulierten Konflikt, der über den gesamten Film trägt. Die im Film angedeutete platonische Liebe zwischen der Königin und ihrem Munshi (aka Lehrer) ist es nicht. Und natürlich müsste man sich entscheiden, ob man Abdul jetzt als den Freund, den einzigen Freund, der Königin oder als einen Betrüger, der sie für seine Zwecke ausnutzt, zeigt. Wobei man hier noch klären müsste, was er von ihr will: Geld, eine höhere gesellschaftliche Stellung oder nur schnell zurück nach Indien? Weil Lee Hall („Billy Elliot“, „Gefährten“) diese Frage konsequent umgeht, bleibt Abdul passiv. Er wurschtelt sich durch, ohne jemals übermäßig aktiv zu werden. Er nimmt einfach alle Ereignisse als gottgegeben hin. Während des gesamten Films ist daher unklar, was er will. Und warum. Ali Fazal spielt ihn deshalb entsprechend unauffällig als höfliche Projektionsfläche.
Mohammed, sein Mitreisender, ist dagegen als notorischer Bedenkenträger, der die Kolonialherren hasst und nur zurück in sein geliebtes, warmes Indien will, viel eindeutiger gezeichnet. Wobei seine Bemerkungen vor allem altbekannte Klischees bestätigen. Er ist, bis zu seinem Tod, der klassische Comic Relief.
Die von Judi Dench gespielte Königin ist, wenn sie mit diebischer Freude den Inder benutzt, um ihren Hofstaat in Aufruhr zu versetzten, deutlich aktiver als Abdul, ohne dass es zu viel mehr als ‚viel Lärm um nichts‘ führt.
Über die anderen Schauspieler kann auch nicht gemeckert werden. Die Kostüme und Schlösser, in denen Stephen Frears teilweise erstmals drehen durfte, sehen gut aus, aber all die Bemühungen helfen nichts, wenn das Drehbuch nicht überzeugt.
Entsprechend spannungs- und ereignislos plätschert der Kostümfilm vor sich hin, wirft einen leicht ironischen Blick auf die höfischen Rituale, feiert erstaunlich unkritisch die große Zeit des British Empire und lässt das Königshaus das hochverehrte Königshaus sein.
Victoria & Abdul (Victoria & Abdul, Großbritannien 2017)
Regie: Stephen Frears
Drehbuch: Lee Hall
LV: Shrabani Basu: Victoria & Abdul: The true Story of The Queen’s closest Confidant, 2010 (Victoria & Abdul)
mit Judi Dench, Ali Fazal, Eddie Izzard, Tim Pigott-Smith, Olivia Williams, Penella Woolgar, Paul Higgins, Michael Gambon, Adeel Akhtar
Die Story ist einfach und altbekannt: ein Polizist jagt einen ihm geistesverwandten Dieb.
Der Film ist sogar ein Remake. Michael Mann nahm einfach sein altes Drehbuch für „Showdown in L. A.“ (L. A. Takedown, 1989) und machte aus einem anderthalbstündigem TV-Piloten einen dreistündigen Kinofilm. Dank des größeren Budgets und guter Schauspieler (eine aus heutiger Sicht sehr beeindruckende Liste von Mann-Vertrauten, Stars und damals noch unbekannteren Namen) entstand ein Klassiker.
Berater bei dem Film waren Chuck Adamson (vor seinem Tod: Polizist und Autor für „Miami Vice“ und „Crime Story“), Dennis Farina (heute: Ex-Polizist und Schauspieler) und Andy McNab (heute: Ex-SAS und Schriftsteller).
mit Al Pacino, Robert De Niro, Val Kilmer, Jon Voight, Tom Sizemore, Amy Brenneman, Ashley Judd, Mykelti Williamson, Wes Studi, Diane Venora, Ted Levine, Dennis Haysbert, William Fichtner, Natalie Portman, Tom Noonan, Danny Trejo, Henry Rollins, Jeremy Piven, Xander Berkeley, Marty Ferrero, Rick Avery, Bud Curt (ungenannt, als Restaurantmanager Solenko)
Der siebenjährige Adrian ist ein aufgeweckter Junge, der die Natur liebt, in seiner Fantasie gegen Monster kämpft und später Abenteuer werden möchte; – nun, ja, das will in dem Alter ungefähr jeder zweite Junge. Die anderen schwanken noch zwischen Cowboy, Feuerwehrmann und Polizist.
Seine Mutter Helga muss ihn allein groß ziehen. Aber sie liebt ihn über alles und versucht auch alles, um ihm eine glückliche Kindheit in der heruntergekommenen Sozialwohnung am Salzburger Stadtrand zu ermöglichen.
Allerdings ist sie drogensüchtig. An eine geregelte Arbeit ist nicht zu denken. Das Jugendamt kommt immer wieder vorbei. Und ihre Freunde sind ebenfalls drogensüchtig.
Warum diese Welt für Adrian trotzdem „Die beste aller Welten“ ist, erzählt Adrian Goiginger in seinem Debütfilm, der auf einer wahren Geschichte basiert. Es ist seine Geschichte und die seiner Mutter, die im Juli 2012 mit 39 Jahren starb. Das war für den 1991 geborenen Goiginger die Initialzündung, um über sie, ihre Beziehung und sein Leben nachzudenken: „Mir wurde bewusst, wie krass die Geschichte meiner Kindheit ist. Zum anderen aber auch die für die meisten Menschen unvorstellbare Tatsache, dass man auch mit einer schwer drogensüchtigen Mutter eine sehr schöne Kindheit haben kann. Da ich das am eigenen Leib erlebt habe, schlicht und einfach gesund herausgekommen bin und es wahrscheinlich nur wenige Menschen gibt, die diese Erfahrung machen und diese auch reflektieren können, wurde in mir ein Gefühl stark, dass ich es der Welt in gewisser Weise schuldig bin, meine Geschichte zu erzählen.“
Das tat er in einem Film, der die Geschichte konsequent aus Adrians Sicht erzählt, der sich auf die Beziehung zwischen Adrian und seiner Mutter konzentriert und der das Drogenmilieu nicht glorifiziert, sondern realistisch und authentisch schildert. Dabei hilft ihm der gewählte Blickwinkel. Adrian sieht vieles, aber er begreift, im Gegensatz zu uns, nur teilweise, was die Erwachsenen tun, wenn sie Drogen konsumieren, ihm eine andere Flasche zum Trinken geben oder seine Mutter ihn in seinem Zimmer einsperrt.
Weil Goiginger in „Die beste aller Welten“ seine Geschichte erzählt, spielt der Film in den späten Neunzigern. Es wird noch in Schilling bezahlt und am Ende erfahren wir, wie sich das Leben der Filmcharaktere weiter entwickelte.
Abgesehen von diesen Details, die den Film an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit verorten (soweit für Drogensüchtige Jahreszahlen überhaupt wichtig sind), erzählt Goiginger eine universelle Geschichte, die auch in jeder anderen Sozialbausiedlung spielen könnte. Denn mit sieben Jahren ist Mutter die Größte und man hat man sein Leben noch vor sich.
Außerdem meint Goiginger: „Ein Kind muss keinen Reichtum haben, keine Spielsachen, kein gesundes Essen, sondern nur eines: Liebe.“
Bei dem Essen werden ihm alle Nudel- und Nutella-begeisterten Kinder zustimmen.
Der Film hatte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale in der „Perspektive Deutsches Kino“. Dort erhielt er eine Nominierung als bester Debütfilm und den Kompass-Perspektive-Preis. Danach tourte er sehr erfolgreich über die Filmfestivals. Zuletzt erhielt er auf den 13. Ahrenshooper Filmnächten den Preis für den besten Film und den Publikumspreis. Außerdem erhielt er vor wenigen Tagen den Nachwuchspreis „First Steps“ mit folgender Begründung: „Regisseur Adrian Goiginger denunziert keine Figur, macht die Sucht als Lebensgrundlage verständlich. Er hat dafür großartige Schauspieler gefunden, allen voran der mitreißende [Adrian-Darsteller] Jeremy Miliker. Einer der bewegendsten Filme des Jahres.“
Jetzt hoffen wir, dass Adrian Goiginger schnell das Geld für seinen zweiten Film zusammenbekommt und dass wir von ihm genauso begeistert sind.
Die beste aller Welten (Österreich/Deutschland 2017)
Regie: Adrian Goiginger
Drehbuch: Adrian Goiginger
mit Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Lukas Miko, Michael Pink, Reinhold G. Moritz, Philipp Stix, Georg Veitl
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Am Samstag, den 30. September stellen Regisseur Adrian Goiginger und Michael Pink („der Grieche“) den Film in Berlin und Potsdam persönlich vor:
Am 19. September starb Jake La Motta. Das ist eine gute Entschuldigung, sich Martin Socrseses grandioses Biopic über ihn wieder (?) anzusehen
3sat, 22.25
Wie ein wilder Stier (USA 1980, Regie: Martin Scorsese)
Drehbuch: Paul Schrader, Mardik Martin
LV: Jake La Motta mit Joseph Carter und Peter Savage: Raging Bull: My Story, 1970
Düsteres Biopic über den Boxer Jake La Motta. Scorsese drehte die zwischen 1941 und 1964 spielende Geschichte eines schnellen Aufstiegs und tiefen Falls stilbewusst in Schwarzweiß und Hauptdarsteller Robert De Niro ging vollständig in seiner Rolle auf. Dafür erhielt er einen Oscar und einen Golden Globe als bester Hauptdarsteller.
Mit Robert De Niro, Cathy Moriarty, Joe Pesci, Frank Vincent
In den USA wird die neue Stephen-King-Verfilmung seit dem Kinostart von der Kritik abgefeiert, die Fans jubeln und an der Kinokasse ist „Es“ ein richtiger Blockbuster. Er hat an der US-Kinokasse das beste Einspielergebnis, das jemals eine Stephen-King-Verfilmung hatte. Weltweit ist „Es“ schon jetzt der nach seinem Einspiel erfolgreichste Horrorfilm. „Es“ hat bereits über 480 Millionen US-Dollar eingespielt und das ist, schon jetzt, mehr als ein verdammt gutes Ergebnis. Denn ein Ende ist noch nicht abzusehen.
Dabei ist die Geschichte auf den ersten Blick eine 08/15-Horrorgeschichte, die man schon hunderttausendmal gesehen hat: ein Dämon sucht eine Stadt heim und nur eine handvoll Menschen, denen niemand glaubt, können etwas dagegen tun.
Und die Vorlage, der Klassiker „Es“ von Stephen King, ist mit tausendfünfhundert Seiten so umfangreich geraten, dass man sofort Mitleid mit den Machern bekommt, die dieses Opus in zwei Kinostunden pressen sollen. Zuletzt, bei „Der dunkle Turm“, gelang das ja nicht so gut. Aber „Der dunkle Turm“ ist auch eine aus acht Romane bestehende, entsprechend umfangreiche Fantasy-Saga von Stephen King. „Es“ ist dagegen ein fast schon handlicher, auf zwei Zeitebenen (1958 und 1985) spielender Roman und die Macher entschlossen sich, einfach nur das halbe Buch zu verfilmen (ohne jetzt genau auf die Seiten zu achten). Das heißt: der Film spielt nur auf einer Zeitebene.
Außerdem verlegten sie die Geschichte von 1958 in das Jahr 1989. Das ist allerdings fast egal. Einerseits weil die Geschichte in einer dieser typischen, lauschigen Stephen-King-Kleinstädte spielt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum veränderten, andererseits weil die Welt für Elfjährige doch ziemlich gleich aussieht. Vor allem wenn sie gegen das Böse, verkörpert durch den Clown Pennywise, kämpfen müssen.
Und jetzt bin ich faul und zitiere die offizielle Synopse:
„Im Mittelpunkt stehen sieben junge Außenseiter, die in dem Städtchen Derry in Maine aufwachsen – sie bezeichnen sich als Club der Loser. Aus dem einen oder anderen Grund sind sie alle ausgegrenzt worden, die Rowdys des Ortes haben sie ins Visier genommen…und alle haben erlebt, wie ihre innere Angst plötzlich real wurde als uralter, aggressiver Gestaltwandler, den sie einfach nur „Es“ nennen.
Seit es den Ort gibt, ist Derry immer schon das Jagdrevier dieses Monsters gewesen: Alle 27 Jahre steigt es aus der Kanalisation herauf, um sich vom Schrecken seiner bevorzugten Beute zu ernähren: nämlich den Kindern von Derry. Innerhalb eines ebenso grauenhaften wie mitreißenden Sommers tun sich die Loser zusammen und bilden eine unverbrüchliche Gemeinschaft, um so ihre eigene Angst zu überwinden und den mörderischen Amoklauf zu beenden, der an einem Regentag begonnen hat: Ein kleiner Junge rannte seinem Papierschiffchen hinterher, das in einen Gully gespült wurde, … und geriet so in die Fänge des Clowns Pennywise.“
Dieser Junge ist der jüngere Bruder von Bill Denbrough (Jaeden Lieberher), der so etwas wie der Anführer dieses Clubs der Verlierer ist und der Monate später immer noch hofft, seinen verschwundenen Bruder George zu finden, während weitere Kinder verschwinden. Den Erwachsenen, die in „Es“ nur eine Nebenrolle, irgendwo zwischen Cameo und Minirolle, haben, ist das Verschwinden der Kinder egal. Sie sind passive Nebenfiguren oder, mehr oder weniger unwissentliche Helfer von dem Bösen, das bevorzugt in der Gestalt eines Clowns auftaucht.
Im Mittelpunkt des Films stehen nämlich die Kinder, gespielt von Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Finn Wolfhard, Chosen Jacobs, Jack Dylan Grazer, Wyatt Oleff und Sophia Lillis (die Entdeckung des Films, obwohl auch die anderen Kinderdarsteller überzeugen), ihre Probleme, Gefühle und Sehnsüchte. Diese Konzentration auf sie ist eine der großen Stärken des Films.
Regisseur Andy Muschietti („Mama“) erzählt die Geschichte aus ihrer Perspektive, während der langen Sommerferien, in denen sie in Derry, dem Dorf, das ihre Welt ist, festsitzen und noch Kinder sind. Mehr vor der Pubertät als an der Schwelle zur Pubertät. Sie sind in dem Alter, in dem sie nicht mehr an das Monster unter dem Bett glauben, aber in der Kanalisation könnte eines seines.
Von seiner Stimmung und seinen Bildern erinnert „Es“ immer wieder, vor allem weil der halbstarke, sie herumstoßende Henry Bowers (Nicholas Hamilton) wie ein Wiedergänger von John ‚Ace‘ Merrill (Kiefer Sutherland) aussieht, an „Stand by me“. In dieser, ebenfalls sehr gelungenen Stephen-King-Verfilmung, sucht eine Gruppe Zwölfjähriger im Sommer 1959 die Leiche eines spurlos verschwundenen Gleichaltrigen.
Eine andere Stärke des Horrofilms ist natürlich der von Bill Skarsgård gespielte Pennywise, ein überhaupt nicht netter Clown, der in der Kanalisation lebt, alle 27 Jahre auftaucht und Kinder tötet.
Ohne die makellose, elegante Inszenierung von Andy Muschietti, der gekonnt an der Spannungsschraube dreht und uns in die Welt des selbsternannten Clubs der Verlierer (Hey, das sind wir Leseratten!) eintauchen lässt, wäre das alles höchstens ein laues Sommerlüftchen.
Diese Beschränkung auf den Kampf des Clubs der Verlierer gegen das Böse Es führt dann dazu, dass „Es“ wunderbar als in sich abgeschlossener Einzelfilm funktioniert.
Die Fortsetzung, die 27 Jahre später spielen wird und die andere Hälfte des Romans enthält, spielt dann in der Gegenwart und sie läuft am 6. September 2019 in den US-Kinos an. In einem Interview meinte Muschietti, dass sie auch einige Rückblenden enthalten solle, die natürlich gedreht werden müssen, bevor die Kinder zu alt werden.
Bis dahin kann man dann auch den Roman nochmal (?) lesen.
Es (It, USA 2017)
Regie: Andy Muschietti (eigentlich Andres Muschietti)
Drehbuch: Chase Palmer, Cary Fukunaga, Gary Dauberman
LV: Stephen King: It, 1986 (Es)
mit Jaeden Lieberher, Jeremy Ray Taylor, Sophia Lillis, Finn Wolfhard, Chosen Jacobs, Jack Dylan Grazer, Wyatt Oleff, Bill Skarsgård, Nicholas Hamilton, Jake Sim, Logan Thompson, Owen Teague, Jackson Robert Scott, Stephen Bogaert, Stuart Hughes
Länge: 135 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die Vorlage
Es von Stephen King
in der ungekürzten Übersetzung und daher bestens geeignet für lange Flüge, lange Winterabende ohne die doofe Verwandtschaft, ausgedehnte Strandurlaube ohne die Liebsten und Zugfahrten mit den üblichen, niemals angekündigten, mental fest eingeplanten Verspätungen.
Zum Filmstart spendiert der Verlag ein neues Titelbild.
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Stephen King: Es
(übersetzt von Alexandra von Reinhardt und Joachim Körber, bearbeitet und teilweise neu übersetzt von Anja Heppelmann)
Heyne, 2017 (Movie Tie-In)
1536 Seiten
14,99 Euro
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Erstausgabe der ungekürzten Übersetzung: 2011
Ältere Ausgaben enthalten eine gekürzte Übersetzung.