Vollkommen abgebrannt landet Michael Williams in dem Kaff Red Rock. Dort wird er für einen Profikiller gehalten und erhält auch gleich das Honorar für den Mordauftrag. Dummerweise trifft kurz darauf der wirkliche Killer ein.
„‚Red Rock West‘ ist ein Film noir mit allen Qualitäten eines modernen Western, wie sie in den Romanen und Figuren von Jim Thompson zu finden sind. Es geht um Liebe, Mord und Verrat – schnörkellos, direkt und lakonisch inszeniert.“ (Fischer Film Almanach 1994)
Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.
„Red Rock West“ ist ein Film aus einer Zeit, als man sich noch auf den nächsten Nicolas-Cage-Film freute.
mit Nicolas Cage, Dennis Hopper, Lara Flynn Boyle, J. T. Walsh
Quartett Bestial (Sept morts sur ordonannce, Frankreich/Deutschland/Spanien 1975)
Regie: Jacques Rouffio
Drehbuch: Georges Concon, Jacques Rouffio, Jean-Louis Chevriér
Dr. Brézé möchte, dass seine vier Söhne, alles lausige Quacksalber, in der Provinz in der von ihm gebauten Klinik gut Geld verdienen. Dafür müssen alle anderen Ärzte aus der Gegend vertrieben werden. Nur Dr. Losseray leistet Widerstand.
„Der Film wurde begeistert aufgenommen, und Depardieu erhielt seine erste Nominierung für einen César. (…) Vor dem düsteren Hintergrund eines einsamen Kampfes gegen die Medizinermafia erinnert das Sujet des Films an Geschichten von Balzac. Depardieu und Piccoli wurden von der angesehenen Les Nouvelles Littéraires als beste Schauspieler ihrer jeweiligen Generation bejubelt. Laut Le Figaro hatte Regisseur Jacques Rouffio ‚einen Volltreffer gelandet, indem er uns in den vollklimatisierten Alptraum einer Klinik führt‘. Alle schätzten diesen Film, besonders weil er das korrupte Gesundheitssystem in Frankreich attackierte.“ (Marianne Gray: Gérard Depardieu – Der europäische Superstar, 1992)
Die andere Meinung: „Verworrenes Psychodrama; oberflächlich, langatmig und blutrünstig.“ (Lexikon des internationalen Films)
Rouffio inszenierte auch „Violette und Francois“ und „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“.
Arte zeigt die neue, digital restaurierte Fassung.
mit Michel Piccoli, Gérard Depardieu, Jane Birkin, Marina Vlady, Charles Vanel
Das Gesetz der Begierde (Spanien 1986, Regie: Pedro Almodóvar)
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Pablo liebt Juan. Antonio liebt Pablo und Pablos Schwester Tina, die früher ein Mann war. Und schon dreht sich das Liebes- und Eifersuchtskarussell.
„Der Showdown ist schlichtweg genial, und zwar gerade weil er unüberbietbar kitschig ist. (…) Der Rest stellt sich als banale Eifersuchtsgeschichte unter Schwulen dar“, urteilte der Fischer Film Almanach damals über Almodóvars Frühwerk, das auch international Kasse machte.
mit Eusebio Poncela, Carmen Maura, Antonio Banderas, Miguel Molina
Wiederholung: Montag, 29. Mai, 03.00 Uhr (Taggenau!)
Stockholm-Syndrom: „ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert.“ (Wikipedia)
„Berlin Syndrom“ könnte der Titel eines Films von Dario Argento sein. Dann wäre es ein herrlich durchgeknallter Horrorfilm der den Exzess zum Stilprinzip erhebt.
Es ist aber der Titel des neuen Films der Australierin Cate Shortland („Lore“), der in Berlin spielt und, wenig subtil, auf das Stockholm-Syndrom anspielt.
Die australische Rucksackreisende Clare Havel (Teresa Palmer) trifft in Berlin-Kreuzberg Andi Werner (Max Riemelt). Er ist ein charmanter, literarisch interessierter Englischlehrer, der ihr Berlin abseits der Touristenpfade zeigt. Weil man als Reisende an keinen festen Terminkalender gebunden ist, verbringt sie etwas Zeit mit ihm. Inclusive einer Nacht in seinem Bett. Das ist, immerhin ist „Berlin Syndrom“ ein Thriller, ein böser Fehler. Denn Andi sperrt sie in seiner hermetisch abgeschlossenen Hinterhofwohnung in einem leeren, renovierungsbedürftigen und daher menschenleeren Wohnblock ein.
In diesem Moment ist das Fundament für einen klassischen Konflikt zwischen Entführer und Gefangener gelegt, der natürlich unterschiedlich ausformuliert werden kann. Einerseits, wie in dem Kriegsfilm-Klassiker „Gesprengte Ketten“ oder der Stephen-King-Verfilmung „Misery“, indem die Gefangene von der ersten Minute alles versucht, um auszubrechen. Andererseits indem die Gefangene Sympathie für den Täter entwickelt und sich vielleicht sogar in ihn verliebt.
Shortland beschreitet keinen dieser Wege konsequent. Zwar benutzt Clare etwaige Fluchtmöglichkeiten, wenn sie ihr auf dem Silbertablett serviert werden. Aber das sieht immer nach einer halbherzigen Pflichterfüllung aus. Die üblichen Thrillermechanismen einer Ausbruchsgeschichte werden in diesen Momenten höchst halbherzig bis zum vorhersehbaren Ende, das seine eigenen Probleme hat, bedient.
Als Thriller ist „Berlin Syndrom“ daher eine ziemliche Enttäuschung.
Auf der anderen Seite entwickelt sich keine Beziehung zwischen Clare und Andi. Sie leben fast wie ein altes Ehepaar nebeneinander her. Sie macht mehr oder weniger den Haushalt. Er verdient als Lehrer das Geld und er erzählt auch seinen Arbeitskollegen von seiner neuen Freundin. Dass diese Beziehung nur eine begrenzte Haltbarkeit hat, wird schon früh in einem Gespräch zwischen Andi und seinem Vater (Matthias Habich) deutlich. Er fragt seinen Sohn, warum er immer Berlin-Besucherinnen als Freundin habe.
In diesen Momenten könnte „Berlin Syndrom“ ein Drama über eine eine verquere Beziehung, über die Dynamik zwischen Anziehung und Ablehnung, und über Abhängigkeiten werden. Aber dafür geschieht einfach zu wenig zwischen Clare und Andi und das, was geschieht, bleibt zu sehr an der Oberfläche.
Immerhin liefert Max Riemelt ein hübsches Psychopathenporträt (natürlich mit DDR-Trauma) und es gibt Berlin-Impressionen von dem schon oft abgefilmten Kreuzberg (was bei Berlinern natürlich immer bestimmte Gefühle auslöst), während der Film das Potential seiner Prämisse verschenkt.
The Gingerbread Man – Eine nächtliche Affäre (USA 1998, Regie: Robert Altman)
Drehbuch: Clyde Hayes
LV: John Grisham (Originalstory – soweit bekannt nicht veröffentlicht)
Anwalt Rick Magruder verknallt sich in Mallory Doss und bemerkt nicht, wie sehr sie ihn für ihre Interessen benutzt.
Die erfolgloseste und – so auch meine Ansicht – die beste Grisham-Verfilmung. Altman verfilmte einen Drehbuch-Entwurf, den Grisham vor seinem Leben als Bestseller-Autor schrieb, und das Studio startete den Film – nach einem Streit mit Altman über die endgültige Fassung – fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu den erfolgreichen Grisham-Bücher und deren Verfilmungen löst der Held, natürlich ein Anwalt, nicht das Problem, sondern er ist das Problem. In dem düsteren Südstaaten-Thriller glänzen etliche Stars: Kenneth Branagh, Robert Downey Jr., Embeth Davidtz, Robert Duvall, Tom Berenger, Daryl Hannah, Famke Janssen
Seinen neuen Film drehte Terrence Malick in Austin, Texas. Unter anderem bei den dortigen Rockmusikfestivals und neben den Filmstars sind auch etliche Rockmusiker, wie Patti Smith, Iggy Pop und John Lydon (aka Johnny Rotten), dabei. Das macht „Song to Song“ allerdings nicht zu einem Film über die Musikszene von Austin oder die Rockmusik. Sie ist nur der beliebig austauschbare Hintergrund für Malickrismen, die in der richtigen Stimmung ihren Reiz entfalten können, meistens aber nur als Kunstkitsch nerven. Auch in seinem vorherigen Film „Knight of Cups“, in dem Christian Bale einen erfolgreichen Hollywood-Comedy-Drehbuchautor in einer Midlife-Crisis spielte, war es so. Da wurde im Presseheft zwar behauptet, dass Bale einen Autor spielte, aber man sah ihn nie bei der Arbeit und man erfuhr nichts, aber auch absolut nichts über Hollywood. Bale hätte genausogut jeden anderen Beruf ausüben können.
Im Gegensatz zu Malicks vorherigen Filmen ist in „Song to Song“ fast eine Geschichte erkennbar. Wenn man „Geschichte“ als eine weitgehende Übereinstimmung zwischen Synopse, Film und Wahrnahme des Films sieht. Bei „Knight of Cups“ war die Synopse dagegen nur eine mögliche Zusammenfassung des Films. Bei „Song to Song“ geht es um eine junge Musikerin (Rooney Mara), die zwischen zwei Männern steht. Der eine ist ein erfolgreicher Musikproduzent (Michael Fassbender). Der andere ein aufstrebender Songwriter (Ryan Gosling). Sie ist mit beiden mal zusammen, mal getrennt. Mit einem gründet sie dann eine Familie.
An dieser „Geschichte“ hängt Terrence Malick seine Bilder auf, die sich nie um eine nachvollziehbare Chronologie kümmern und bei denen man auch überhaupt nicht versuchen sollte, sie in eine Chronologie zu pressen. Das war schon bei seinen vorherigen Filmen, die er seit 2011 mit „The Tree of Life“ in einem wahren Schaffensrausch heraushaute, so. Es geht Malick nicht um eine Geschichte, sondern nur um eine ästhetisch ansprechende Symphonie von Bildern und Tönen. Und genauso sehr, wie sich die Filme ähneln, könnte man einfach eine alte Besprechung recyclen. Denn wie in Malicks vorherigen Filmen ist der pompös herausgestellte Ort und das achsowichtige Milieu der Geschichte für die Handlung und die Charaktere vollkommen egal. So dürfen die Schauspieler in „Song to Song“ zwar, wie Groupies, im Backstage-Bereich der Bühne herumstehen und über das Festivalgelände streunen, aber sie könnten genausogut beliebige Festivalbesucher oder Freunde der Veranstalter sein. Am Ende der zwei Stunden wissen wir noch nicht einmal, welche Musik Faye, Cook und BV machen; außer dass es keine Klassik ist. Dann wären sie durch ein Opernhaus gestolpert.
Entsprechend beliebig ist der Soundtrack, den wahrscheinlich ein jüngerer Mitarbeiter von Malick als Mix-Tape zusammenstellen durfte, und die Auftritte der teils groß herausgestellten Rockmusiker. Bis auf Patti Smith beschränken sich ihre Auftritte auf Ein-Satz-Statements im Backstage-Bereich. Gedreht wurde während dem 2012er Austin City Limits Festival, dem South by Southwest Festival (SXSW) und dem Fun Fun Fun Fest. Im Film gibt es einige kurze Konzertausschnitte und Backstage-Impressionen mit mehr oder weniger bekannten Musikern und Bands.
Immerhin können die Austin-Festivalmacher sich über einen großen Werbefilm für Austin freuen. Die Weltpremiere des Films war dann auch am 10. März 2017 auf dem SXSW.
Fans der neuen Malick-Filme werden in „Song to Song“ all das finden, was ihnen an seinen in diesem Jahrzehnt gedrehten Filmen gefiel. Die schwebenden Bilder von Kameramann Emmanuel Lubezki; wobei die Festivalimpressionen sich nicht so wahnsinnig von anderen Konzertfilmen und Festivalberichten unterscheiden und sie auch nicht so schön wie Sonnenuntergänge in der Wüste sind. Die bedeutungsschwangeren Off-Texte, die dieses Mal von den verschiedenen Charakteren geflüstert werden und die die Liebesgeschichte etwas strukturieren. Über Kalenderweisheiten kommen sie allerdings nie hinaus. Und alles wird mit religiösem Kitsch zugekleistert.
Wobei es dieses Mal sehr lange dauert, bis der religiöse Kitsch in seiner ganzen Kraft zuschlägt. Dafür ist er am Ende des Films noch penetranter als in seinen vorherigen Filmen. Immerhin sorgte das Ende im Kinosaal für einen ungläubigen halbkollektiven Lacher und Oh-my-god-Stöhner. Denn Ironie, Witz, eine gewisse Doppeldeutigkeit oder ein Interpretationsspielraum bei der Botschaft kommen in Malicks Welt und im gesamten Film nicht vor. Dafür dürfen die Schauspieler, wie in seinen vorherigen Filmen, ohne Drehbuch improvisieren und so die Dreharbeiten als befreiende Selbsterfahrung erleben. Sie hatten sicher ihren Spaß. Für das Publikum ist das Ergebnis dann prätentiöser Quark mit banalreligiöser Beigabe, die immerhin schön aussieht.
Mit seinem grandiosen Frühwerk – „Badlands“ (1973), „In der Glut des Südens“ (Days of Heaven, 1978), „Der schmale Grad“ (The Thin Red Line, 1998) und, wenn auch sehr eingeschränkt, „The New World“ (2005) – hat „Song to Song“ nichts zu tun.
Song to Song (Song to Song, USA 2017)
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
mit Ryan Gosling, Rooney Mara, Michael Fassbender, Natalie Portman, Cate Blanchett, Holly Hunter, Val Kilmer, Bérénice Marlohe, Lykke U, Tom Sturridge, Patti Smith, Iggy Pop, John Lydon, Florence Welch, The Black Lips, The Red Hot Chili Peppers (die meisten Auftritte bewegen sich im Cameo-Bereich)
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
–
Aus der Freigabebegründung der FSK
Kindern im Grundschulalter bietet die Handlung praktisch keine Anknüpfungspunkte, weshalb sie eine große Distanz zu den Geschehnissen wahren können. Zugleich werden Kinder ab 6 Jahren von den teils mysteriös-poetischen Bilderwelten des Films nicht überfordert oder geängstigt.
Der dritte Mann (Großbritannien 1949, Regie: Carol Reed)
Drehbuch: Graham Greene
LV/Buch zum Film: Graham Greene: The third man, 1950 (Der dritte Mann)
Wien, kurz nach dem Krieg: Holly Martins kann es nicht glauben. Sein toter Freund Harry Lime soll ein skrupelloser Geschäftemacher sein. Holly will Harrys Unschuld beweisen.
Na, den Film kennen wir – das kaputte Wien, die grandiosen Leistungen der Schauspieler, die Verfolgung durch die Wiener Kanalisation, die Zither-Melodie von Anton Karas – und sehen ihn immer wieder gern.
3sat zeigt die restaurierte HD-Fassung von 2015.
Mit Joseph Cotten, Orson Welles, Alida Valli, Trevor Howard, Bernard Lee, Erich Ponto, Paul Hörbiger
Wiederholung: Freitag, 26. Mai, 02.20 Uhr (Taggenau!)
Mit einem feinen Doppelschlag setzt Koch Media seine uneingeschränkt lobenswerte „Film Noir Collection“ fort. „Die Narbenhand“ ist ein echter Noir-Klassiker. „Die rote Schlinge“ ist eine äußerst unterhaltsame Screwball-Comedy, in der man die Noir-Anteile mit der Lupe suchen muss.
Duke Halliday (Robert Mitchum) flüchtet im Hafen von Vera Cruz vor Vincent Blake (William Bendix). Dort trifft er auf Joan ‚Chiquita‘ Graham (Jane Greer), der er wenige Minuten später in einem Hotelzimmer wieder begegnet. Sie will von Jim Fiske (Patrick Noles) das Geld haben, das sie ihm geliehen hat, bevor er nach Mexiko verschwand. Fiske kann sie beschwatzen und flüchtet mit einem Koffer voll gestohlenem Army-Geld, das Halliday unbedingt haben will. In dem Moment wissen wir noch nicht, warum Halliday das Geld will, warum Blake ihn jagt und ob Halliday zu den Guten oder den Bösen zählt.
Aber weil Halliday und Joan das Gleiche wollen, verfolgen sie gemeinsam den flüchtigen Fiske quer durch Mexiko. Dabei werden sie von dem wutschnaubenden Blake verfolgt und von Inspector General Ortega (Ramon Novarro), dem bauernschlauen mexikanischen Polizeichef, der amüsiert das erregte Treiben der Amerikaner beobachtet.
In seinem dritten Spielfilm „Die rote Schlinge“ erzählt Don Siegel die Geschichte so flott, das man kaum darüber nachdenken kann wer wen warum verfolgt und ob das schlüssig ist.
Dafür gibt es umwerfend komische Wortgefechte zwischen Robert Mitchum und Jane Greer, die bereits in „Goldnes Gift“ (Out of the Past, USA 1947) ein Paar waren. Sie hatten erkennbar ihren Spaß. Wie auch die anderen Schauspieler.
Bei den Schlägereien und einer langen, auch heute noch ziemlich beeindruckende Autoverfolgungsjagd zeigt Don Siegel sein Können als Action-Regisseur. Sowieso beeindruckt, wie souverän Don Siegel die Geschichte inszenierte und an wie vielen Schauplätzen sie spielt. Gedreht wurde in Mexiko und auf der Ray Corrigan Ranch in Simi Valley, Kalifornien. Allerdings, das muss auch gesagt werden, hatte Siegel hier viele Drehtage zur Verfügung und ein großzügiges Budget. Das Budget für seinen später gedrehten Science-Fiction-Klassiker „Die Dämonischen“/“Invasion der Körperfresser“ (Invasion of the Body Snatchers, USA 1956) betrug 382.190 Dollar. „Die rote Schlinge“ kostete letztendlich 780.000 Dollar und war teurer als geplant. Das lag vor allem an dem komplizierten Drehplan. Während des Drehs musste Robert Mitchum eine Haftstrafe wegen des Konsums von Marihuana antreten und damit wurde der gesamte Drehplan obsolet. Das sieht man unter anderem daran, dass Mitchum und Bendix, der eine andere Verpflichtung hatte, nur zwei gemeinsame Szenen haben (den Rest erledigte der Schnitt), Jane Greer am Ende des Drehs hochschwanger war (hier halfen passende Kleider) und das Drehbuch umgeschrieben werden musste. Doch am Ende des Tages zählt das Ergebnis und das stimmt bei „Die rote Schlinge“.
Zusätzlich neben dem üblichen Bonusmaterial der „Film Noir Collection“ (Booklet, Trailer, Bildergalerie) gibt es dieses Mal ein kleines „Making of“ (von 2007), einen interessanten Audiokommentar von Filmhistoriker Richard B. Jewell und eine später ohne die Urheber des Originalfilms entstandene Farbversion, die gegenüber der originalen SW-Version sehr blass aussieht.
„Die Narbenhand“ ist einer der großen Noirs, „einer der Schlüsselfilme des frühen Film noirs“ (Paul Werner: Film noir) und wenn man sich den Film heute wieder ansieht, sieht man auch sofort warum: „Die Schattenspiele des Kameramanns [John F.] Seitz waren ebenso stilbildend und vorbildlich für die späteren Filme wie die wulgärpsychologische Motivierung des Killers.“ (Paul Werner: Film noir)
Die Geschichte basiert auf einem Roman von Graham Greene, der eine archetypische Noir-Geschichte erzählt (weshalb der Roman offiziell nur zweimal, inoffiziell tausend Mal verfilmt wurde).
Profikiller Philip Raven (Alan Ladd), der eine ‚Narbenhand‘ hat, erledigt seine Jobs präzise und unauffällig. Als „der eiskalte Engel‘ von seinem letzten Auftraggeber Willard Gates (Laird Cregar) mit markierten Scheinen (die angeblich von der Nitro Chemical Corporation geklaut wurden) bezahlt wird und so auf die Fahndungsliste der Polizei gerät, beginnt er ihn zu suchen. Seine Spur führt nach Los Angeles. Dort trifft er die Barsängerin Ellen (Veronica Lake), die ebenfalls an Gates interessiert ist.
Die Drehbuchautoren Albert Maltz und W. R. Burnett erzählen die Noir-Thrillergeschichte, was in einem Noir selten ist, vor dem aktuellen politischen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs. Deshalb ist der Bösewicht in illegale Geschäfte mit dem Feind verwickelt. Regisseur Frank Tuttle erzählt die Geschichte mit der Präzision und Genauigkeit eines Handwerkers, der in allen Genres reüssierte ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen.
Im direkten Vergleich mit der umfangreich ausgestatteten DVD zu „Die rote Schlinge“ enttäuscht die DVD-Ausgabe von „Die Narbenhand“. Angesichts der normalen Veröffentlichungspraxis von Koch Media scheint es kein Bonusmaterial zu geben. Das sollte einen aber nicht vom Kauf abhalten. Denn „Die Narbenhand“ ist ein echter Noir-Klassiker, der laut der OFDb noch nie im Fernsehen lief. Auch ich kann mich an keine Ausstrahlung des Films erinnern.
Die rote Schlinge (The big Steal, USA 1949)
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Geoffrey Homes (aka Daniel Mainwaring), Gerald Drayson Adams
LV: Richard Wormser: The Roads to Carmichael’s, 1942 (Erzählung)
mit Robert Mitchum, Jane Greer, William Bendix, Patrick Knowles, Ramon Novarro, Don Alvarado, John Qualen, Pascual Garcia Pena
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DVD
Koch Media (Film Noir Collection # 25)
Bild: 1.33:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: Farbversion, Making of, Audiokommentar von Filmhistoriker Richard B. Jewell, Englischer Trailer, Bildergalerie
Ohio, 1979: Als eine filmverrückte Gruppe Jugendlicher nachts auf einer Bahnstation eine Filmszene für ihren Zombiefilm drehen wollen, beobachten sie ein Zugunglück. Am nächsten Tag besetzt das Militär die Stadt.
Spannender Science-Fiction-Film, der durchaus als zeitgemäßes Update von „E. T.“ gesehen werden kann.
Zum Kinostart der beeindruckenden Dokumentation „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ über einen möglichen Justizirrtum schrieb ich:
Damals war der Fall eine Boulevardsensation, der alles hatte, was ein deftiger Hollywoodthriller benötigt. Aber seltsamerweise wurde der Fall bislang noch nicht zu einem Spielfilm verarbeitet und jetzt, nach mehreren US-TV-Dokumentationen, gibt es eine spielfilmlange Dokumentation darüber. In „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“ zeichnen Marcus Vetter und Karin Steinberger die Geschichte von Jens Söring und Elisabeth Haysom nach.
Im August 1984 lernt der am 1. August 1966 in Thailand geborene deutsche Diplomatensohn und Hochbegabtenstipendiat Jens Söring auf dem Orientierungsabend der Universität von Virginia Elizabeth Roxanne Hawson, die am 15. April 1964 geborene Tochter eines Stahlbarons kennen. Sie verlieben sich.
Am 30. März 1985 werden die Eltern von Elizabeth, Derek und Nancy Haysom, in ihrem Haus in Lynchburg, Virginia bestialisch ermordet.
Elizabeth Haysom und Jens Söring, die zunächst nicht verdächtigt werden, flüchten nach Thailand und Europa, wo sie am 30. April 1986 in London wegen Scheckbetrugs verhaftet werden. Bei den Verhören gestehen sie die Tat. Später widerrufen sie ihre Geständnisse.
1990 wird Haysom wegen Anstiftung zum Mord zu neunzig Jahren verurteilt. Söring wird am 4. September 1990 zu zweimal lebenslänglicher Haft verurteilt.
Damit könnte die Geschichte enden, wenn Söring nicht seitdem um seine Freilassung kämpfen würde. Er behauptet, an dem Doppelmord nicht beteiligt gewesen zu sein, sondern, nachdem Haysom ihm den Doppelmord gestanden hatte, beschloss, ihr mit einem Geständnis zu helfen. Er dachte, dass er als Diplomatensohn diplomatische Immunität genieße und höchstens für einige Jahre in den Jugendknast kommen könne. Das war ihm seine große Liebe wert.
Es gab auch während des Verfahrens, wie „Das Versprechen“ zeigt, Probleme und Merkwürdigkeiten, wie ein Richter, der schon vor dem Prozess von Sörings Schuld überzeugt war, ein spurlos verschwundenes FBI-Täterprofil, das Söring entlastet und Experten, die zu Themen aussagten, von denen sie keine Ahnung hatten.
Seitdem gab es auch einen Zeugen, der Haysom mit einen anderen Mann in einem blutverschmiertem Auto gesehen haben will. Und, das dürfte der wichtigste Punk für eine immer noch nicht erfolgte Neuaufnahme des Verfahrens sein, keine DNA-Blutspuren von Söring am Tatort. Dafür seien die Spuren einer anderen, nicht identifizierten Person gefunden worden.
Das alles und noch viel mehr (so war Haysom drogenabhängig und behauptete von ihrer Mutter sexuell missbraucht worden zu sein) dröseln Vetter und Steinberger in ihrem zweistündigem, niemals langweilig werdendem Film auf, der sich auch als Plädoyer für Jens Söring, an dessen Unschuld sie glauben, versteht. Auch die im Film befragten Personen glauben an Sörings Unschuld. Söring, der auch zu Wort kommt, beteuert sie ebenfalls. Die andere Seite, Elizabeth Haysom und die Ankläger kommen dagegen nicht zu Wort. Sie verweigerten Interviews.
Weil die beiden Filmemacher sachlich und schlüssig argumentieren und die neuen Fakten die offizielle Version fraglich erscheinen lassen, ist die Forderung nach einer Neuaufnahme des Verfahrens in jedem Fall gerechtfertigt. Es spricht auch einiges dafür, dass Söring als über beide Ohren verliebter Pennäler die Tat gestand, um seiner Freundin zu imponieren. Wie sehr sie ihn benutzte, ist dagegen unklar.
Insofern ist „Das Versprechen“, wenn man sie mit der gebotenen Skepsis ansieht, sehenswert.
Seit dem Kinostart Ende Oktober 2016 gab es neue Entwicklungen. Die wichtigste ist ein neues Gutachten. Sheriff J. E. „Chip“ Harding erstellte es im Auftrag der Verteidigung. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Söring tatsächlich unschuldig sein könnte. In jedem Fall hält er jeden Beweis der Staatsanwaltschaft für ungenau, unverlässlich und im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen. Auch aufgrund der in den vergangenen Jahren aufgetauchten Beweise würde Söring heute nicht mehr verurteilt werden.
Bis September will der demokratische Gouverneur Terry McAuliffe über ein Gnadengesuch entscheiden.
Die DVD enthält letztendlich nur den Film.
Das Bonusmaterial besteht aus auch auf der Film-Homepage ansehbaren Werbeclips, die in die Kategorien „Die Liebesbriefe“ und „Die Protagonisten“ eingeteilt wurden. Hier werden Chuck Reid, Ricky Gardner, Richard Zorn, Gail Marshall, Tom Elliott, Gail Ball & Dave Watson, Steven Rosenfeld, William Sweeney, Tony Buchanan, Ed Sulzbach und Carlos Santos in kurzen Cklips gezeigt, die es in teilweise minimal längeren Versionen auch auf der Film-Homepage gibt. Hinter „Die Liebesbriefe“ verbergen sich die Clips „Wie alles begann“, „Eine schicksalhafte Entscheidung“ und „Der Verrat“.
Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich (The Promise, Deutschland 2016)
Regie: Marcus Vetter, Karin Steinberger
Drehbuch: Marcus Vetter, Karin Steinberger
mit Jens Söring, Gail Marshall, Tom Elliott, William Sweeney, Ricky Gardner, Gail Ball, Chuck Reid, Rich Zorn, Dave Watson, Tony Buchanan, Carlos Santos, Steven Rosenfield
und den Stimmen von Imogen Poots und Daniel Brühl
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DVD
Farbfilm Home Entertainment
Bild: 1:2,35 (Cinemascope)
Ton: Originalfassung (Deutsch/Englisch, Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: Hörfilmfassung, Die Protagonisten, Die Liebesbriefe
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Zum Lesen
Die Autobiographie von Jens Söring, der im Gefängnis mehrere Bücher schrieb
Jens Söring: Zweimal lebenslänglich – Wie ich seit drei Jahrzehnten für meine Freiheit kämpfe
(mit einem aktuellen Vorwort von Karin Steinberger)
(aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Strerath-Bolz)
Der gerade aus der Haft entlassene „The Cimarron Kid“ Bill Doolin (Audie Murphy) will sich bessern. Auf der Zugfahrt nach Cimarron County, Oklahoma, gerät er in einen Überfall der Dalton-Bande. Weil er ein Mitglied der Bande war, glaubt der Eisenbahndetektiv, dass Doolin an dem Überfall beteiligt war.
Notgedrungen nimmt Doolin sein altes Verbrecherleben wieder auf – und Budd Boetticher liefert einen flotten Western ab, in dem bis zum Abspann etliche Banken und Züge überfallen werden und bei den zahlreichen Schusswechseln zwischen den Banditen und der Staatsgewalt etliche Menschen sterben.
Das hat nicht die psychologische Tiefe seiner später mit Randolph Scott gedrehten, inzwischen legendären sieben Western, für die Burt Kennedy öfter das Drehbuch schrieb und die auch, nach der Produktionsfirma, als „Ranown-Zyklus“ bekannt sind.
Sein erster Western „Flucht vor dem Tode“ ist dagegen ein höchst konventionelles Werk, in dem der Protagonist zwar durch widrige Umstände wieder zum Verbrecherleben gedrängt wird, während er sich nur nach einem ruhigen Leben sehnt. Auf einer Ranch in Südamerika mit einer patenten Rancherstochter, die ihm im Film immer wieder hilft. Das mündet in einer moralisch so eindeutigen Botschaft, die heute aus einem Pilcher-Film stammen könnte. Aber mehr war 1952 halt nicht möglich.
„Flucht vor dem Tode“ ist ein sehr unterhaltsames, wenn auch historisch nicht sehr akkurates Werk; – was auch Budd Boetticher unumwunden zugibt und was echte Western-Fans nie störte. Die werden hier vorzüglich bedient.
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Flucht vor dem Tode (The Cimarron Kid, USA 1952)
Regie: Budd Boetticher
Drehbuch: Louis Stevens
mit Audie Murphy, Beverly Tyler, John Hudson, James Best, Leif Erickson, Noah Beery jr.
The Reach – In der Schusslinie (Beyond the Reach, USA 2014)
Regie: Jean-Baptiste Léonetti
Drehbuch: Stephen Susco
LV: Robb White: Deathwatch, 1972
Mojave-Wüste: der arrogante Manager Madec erschießt bei einem Jagdausflug zufällig einen Menschen. Als sein Fährtenleser Ben ihm nicht bei der Vertuschung des Unfalls helfen will, will Madec Ben töten.
„In der Schusslinie“ (DVD-Titel war „The Reach – In der Schusslinie“) ist ein netter kleiner Survival-Thriller.
Als der zehnjährige Jack nicht von seiner Mutter aus dem Heim abgeholt wird, haut er ab. In Berlin wartet allerdings niemand auf ihn. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder beginnt Jack seine, mal wieder, spurlos verschwundene Mutter zu suchen.
Mitreisendes, mehrfach ausgezeichnetes Sozial- und Jugenddrama, das immer auf Jacks Augenhöhe bleibt, während er durch die große Stadt läuft.
Broken City – Stadt des Verbrechens (USA 2013, Regie: Allen Hughes)
Drehbuch: Brian Tucker
Billy Taggart, Ex-Cop und inzwischen glückloser Privatdetektiv, soll die Frau des Bürgermeisters observieren. Dieser glaubt, dass sie ihn betrügt.
Biederer Neo-Noir, der mitten im Wahlkampf um den Bürgermeisterposten spielt und bei dem es um Korruption und illegale Immobiliengeschäfte geht. Die Geschichte ist vertraut (selbstverständlich hat Bürgermeister Hostetler einige Hintergedanken, selbstverständlich stolpert Taggart in eine „Chinatown“-Geschichte, selbstverständlich…). Er ist prominent besetzt. Er liefert einige ungewöhnliche Ansichten von New York und es gibt etwas Action. Am Auffallendsten ist die oft beunruhigende Musik/Soundcollage von Atticus Ross, Leopold Ross und Claudia Sarne. Ross schrieb mit Trent Reznor die Musik für die David-Fincher-Filme „The Social Network“, „Verblendung“ und „Gone Girl – Das perfekte Opfer“.
mit Mark Wahlberg, Russell Crowe, Catherine Zeta-Jones, Jeffrey Wright, Barry Pepper, Natalie Martinez, Kyle Chandler, Griffin Dunne
„National Bird“ lief bereits letztes Jahr auf der Berlinale und kommt erst jetzt, aus was für unerfindlichen Gründen auch immer, in unsere Kinos und er hat, was man ja nicht über jeden investigativen Dokumentarfilm sagen kann, nichts von seiner Aktualität verloren. Unter Präsident Trump wurde, soweit man es erfährt, der Einsatz von Drohnen im Vergleich zur Obama-Präsidentschaft intensiviert. Bei Luftangriffen kam es zu zahlreichen zivilen und, falls überhaupt, wenigen nicht-zivilen Opfern.
Die investigative ARD- und CNN-Journalistin Sonia Kennebeck wollte einen Dokumentarfilm über diesen geheimen Drohnenkrieg der USA machen: „Als ich 2013 mit diesem Projekt begann, wollte ich mehr über das US-Drohnenprogramm in Erfahrung bringen. Ein Programm, das die Obama-Regierung um ein Vielfaches vergrößert hat und welches nach Ansicht vieler seine Wunderwaffe im Kampf gegen den Terror ist. Für jemanden, der an die Pressefreiheit und eine transparente Regierung glaubt, war diese Form der Geheimhaltung und der Mangel an öffentlichem Diskurs über ein so gigantisches Tötungsprogramm einfach nicht nachvollziehbar.“ (Das Zitat ist von 2016.)
Im Lauf der Dreharbeiten veränderte sich der Fokus. Jetzt stehen nicht mehr die Folgen des Drohnenkrieges für die Angegriffenen im Mittelpunkt. Darüber gibt es inzwischen auch etliche mehr oder weniger ausführliche, mehr oder weniger seriöse Dokumentationen.
Kennebeck konzentriert sich auf drei junge US-Amerikaner, die auf der Täterseite in den Drohnenkrieg verwickelt waren. Jung und naiv und weil sie das Geld brauchten und die Werbung bunt war, bewarben sie sich bei der US-Air-Force.
Heather ist eine Drohnen Video Analystin, die mit 18 Jahren von der Air Force rekrutiert wurde und zwei Jahre später an ihrer ersten Mission teilnahm. Sie war in den USA stationiert und arbeitete mit Predator und Reaper Drohnen, die über Afghanistan und dem Irak eingesetzt wurden.
Lisa begann als Krankenschwester bei der Armee. Sie wurde dann zur Combat Communications Squadron (später Intelligence Squadron) versetzt und steuerte auf der Beale Air Force Base (Kalifornien) Drohneneinsätze von der Datensammlung über Ziele bis hin zur Zerstörung der Ziele. Wobei sie auch Ziele zerstören, bei denen sie nicht wissen, ob es sich um Terroristen oder Zivilisten handelt.
Daniel arbeitete, im Gegensatz zu Heather und Lisa, im Kriegsgebiet. In Afghanistan war er als Geheimdienstmitarbeiter und Spezialist für elektronische Überwachungen Teil des Joint Special Operations Command (JSOC). Er wurde Soldat, weil er nach seinem Studium die Studiengebühren nicht bezahlen konnte, in seinem Job nicht genug zum Leben verdiente und, trotz Arbeit, obdachlos war.
Inzwischen arbeiten sie nicht mehr bei der US-Air-Force.
Sie alle hatten Zugang zu Verschlusssachen der höchsten Geheimhaltungsstufe; – was dann an einige andere Whistleblower erinnert.
Im Film, der für sie auch eine Art Therapie ist, versuchen sie mit ihrer Schuld und ihren psychischen Erkrankungen, wie Posttraumatische Belastungsstörung, umzugehen. So reiste Lisa nach Afgahnistan. Sie wollen auch über das Drohnenprogramm reden. Aber sie dürfen es nicht. Auch nicht gegenüber einem Therapeuten.
Für den Film wurden deshalb alle ihre Aussagen vorher von ihrer Anwältin Jesselyn Radack geprüft. Die Whistleblower-Anwältin redet ebenfalls über die Folgen des Drohnenkrieges.
Schon diese Aussagen, die die nationale Sicherheit nicht gefährden, geben einen Einblick in den Krieg mit Drohnen, wie er funktioniert, welche Konflikte es in der US Air Force gibt und die seelischen Belastungen der weit ab vom tatsächlichen Kriegsgeschehen arbeitenden Soldaten. Sie haben die gleichen psychischen Probleme, die auch die vor Ort kämpfenden Soldaten haben.
Allein das würde „National Bird“ sehenswert machen. Der von Wim Wenders und Errol Morris, einem Doyen des parteiischen, klug analytischen und filmisch überzeugenden Dokumentarfilms, produzierte Film geht einen Schritt weiter. Kennebeck schneidet nicht einfach die Interviews in 08/15-TV-Manier zusammen, sondern sie verknüpft die einzelnen Schicksale, Statements und Bilder mit einer Analyse des Drohnenkrieges. Auch filmisch ist der Film ein Genuss. Die drei porträtierten Soldaten öffnen mehrere Zugänge zu dem Thema. Die Opfer erhalten ebenfalls eine Stimme. In Kabul redet sie mit den Mitgliedern afghanischer Familien. Am 21. Februar 2010 wurden sie in einer bergigen Region angegriffen. Bei dem Angriff wurden weit über zwanzig Menschen getötet. Keiner von ihnen war ein Terrorist. Die Politiker, die für diese Art des Krieges verantwortlich sind, werden ebenfalls gezeigt. Allerdings als Bösewichter, die an der Fantasie eines sauberen Krieges festhalten und sich nicht um ihre Soldaten, die auch Opfer dieser Kriegsform sind, kümmern.
„National Bird“ fügt der Diskussion über den Drohnenkrieg eine weitere Facette hinzu.
Die Polizisten Crockett und Tubbs jagen einen mächtigen Drogenhändler.
Optisch überzeugendes, inhaltlich schwaches Remake der erfolgreichen von Michael Mann und Anthony Yerkovich erfundenen bahnbrechenden TV-Serie. Denn in dem Spielfilm zeigt Mann nichts, was er nicht schon besser in der Serie gezeigt hat. Der Film ist nur ein optisch (also Mode, Musik und Technik) auf den aktuellen Stand gebrachtes Best-of der ersten Staffel von „Miami Vice“.
Mit Colin Farrell, Jamie Foxx, Gong Li, Naomie Harris, Ciarán Hinds, Justin Theroux
Ob Ältere die Vergangenheit verklären, wenn sie mit leuchtenden Augen von Künstlern erzählen, die mit ihren Aktionen eine große öffentliche Resonanz erfuhren, ihre Werke von Kreti und Pleti diskutiert wurden und die Künstler aktiv in die Politik eingriffen?
Immerhin gibt es heute in Deutschland das „Zentrum für politische Schönheit“, „Die Partei“ beteiligt sich munter an Wahlen und hier in Berlin sind von Gerhard Seyfried für Christian Ströbele gestalteten Wahlplakate legendär.
Außerdem hat eine Fettecke heute keinen Neuigkeitswert mehr. So wurde über Joseph Beuys Kunstaktion „7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“, 1982 auf der documenta 7 1982 in Kassel begonnen, groß berichtet. Neuere Kunstaktionen, in denen Baumpflanzungen mit einer politischen Botschaft verbunden sind, werden medial kaum beachtet oder gehen unter in den zahlreichen TV-Programmen, Zeitungen und Facebook-Seiten.
Insofern kann der Eindruck einfach täuschen; – wobei in den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern, Künstler aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten und offensiv in das öffentliche Leben eingriffen. Heinrich Böll war so präsent, dass Die Grünen ihren politischen Thinktank nach ihm benannten. Die Namenspaten der politischen Stiftungen der andren Parteien sind dagegen Parteipolitiker. Damals gehörten bei Open-Air-Konzerten politische Reden zum Programm.
Auch Joseph Beuys stürzte sich in die Parteipolitik, kandidierte 1979 für das Europarlament und machte in den folgenden Jahren Wahlkampf für die Grünen. Diese Bilder stehen am Ende von Andres Veiels Dokuporträt „Beuys“, das im Sauseschritt einmal durch das Leben und Wirken von Joseph Beuys (12. Mai 1921 – 23. Januar 1986) führt. Er spricht die großen Kontroversen (Was ist Kunst?), seine Kriegserlebnisse, sein Kunststudium, seine Anfänge in der Provinz, ausgewählte Ausstellungen, seine politischen Interventionen und auch heute eher vergessene Episoden an, wie seine Lehrtätigkeit an der Kunstakademie Düsseldorf und die damit zusammenhängende Proteste gegen seinen Arbeitgeber. Im Gegensatz zu seinen Kollegen nahm er alle Bewerber an.
Veiel beleuchtet das schlaglichtartig in einer Mischung aus aktuellen Interviews und viel Dokumentarmaterial, in dem Beuys ausführlich zu Wort kommt und seine Werke im Umfeld der ursprünglichen Ausstellungen gezeigt werden. Ihnen haftet daher auch nichts museales an.
Das ist unterhaltsam, kurzweilig und auch nicht besonders tiefgründig. Letztendlich ist sogar unklar, warum Beuys und sein erweiterter Kunstbegriff so wichtig waren. Abgesehen davon, dass er gegen die Konventionen und Regeln der Malerei und Bildhauerei verstieß und mit seinen ständigen Grenzverletzungen das Bildungsbürgertum provozierte. Dieser gesellschaftspolitische Hintergrund, vor dem Beuys als Künstler agierte, und die damaligen Umbrüche und Konflikte, die die 68er mit ihren Eltern hatten, erschließen sich teilweise durch die Bilder und die Diskussionen, an denen Beuys teilnahm.
Allerdings – und das ist ein unbestreitbarer Vorteil des Films gegenüber einem Lexikonartikel oder Aufsatz über Beuys – kommen wir durch die Collage von Bildern, Dokumenten und Filmausschnitten dem Menschen Beuys sehr nahe. Er begriff seine Kunst als Intervention in die Welt. Er wollte etwas verändern. Er glaubte, das mit seiner Arbeit machen zu können. Er suchte die Auseinandersetzung. Und er hatte Humor. Denn: „Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“
„Beuys“ funktioniert sehr gut als umfassender Überblick über Leben und Werk von Joseph Beuys, der für echte Beuys-Fans wahrscheinlich keine neuen Informationen, sondern nur einige neue Bilder hat. Für den Rest muss man dann eine Beuys-Ausstellung besuchen oder Texte über ihn lesen.
„Volksbegehren wie die Initiative ‚Tempelhofer Feld‘ oder die Initiativen zur Re-Demokratisierung der EU jenseits einer neoliberalen Wirtschafts- und Währungsunion folgen der Idee von Beuys von einer gestalterischen Teilhabe als Grundvoraussetzung gelebter Demokratie. Zahlreiche Initiativen greifen Ideen von Beuys wie dem bedingungslosem Grundeinkommen auf und entwickeln sie weiter.
Beuys stellt in einem beharrlichen, subversiv-anarchischen Sinn im Film die Fragen, die auch 30 Jahre nach seinem Tod aktueller denn je sind – etwas nach einer radikalen Demokratisierung, die auch vor einer neuen Ordnung des Geld- und Bankenwesens nicht Halt macht oder der Chancengleichheit in einer immer ungleicheren Welt. (…)
Ich habe mich oft gefragt, warum Beuys zu den wenigen Menschen gehört, die ich auch nach Jahrzehnten nie hinter mir lassen musste. Vielleicht liegt es daran, dass er seine Irrtümer mit Humor ertragen hat. Dass er unvoreingenommen mit jedem geredet hat – was nichts anderes hieß, als dass er jeden Ernst genommen hat, auch in seinem Anders-Sein.“ (Andres Veiel)
Beuys(Deutschland 2017)
Regie: Andres Veiel
Drehbuch: Andres Veiel
mit Joseph Beuys (Archivmaterial), Caroline Tisdall, Rhea Thönges-Stringaris, Franz Joseph van der Grinten, Johannes Stüttgen, Klaus Staeck
Einerseits könnte sich langsam eine gewisse Unübersichtlichkeit einstellen. Denn „Alien: Covenant“ spielt zehn Jahre nach „Prometheus“ und noch vor dem legendären ersten „Alien“-Film, der bei dem damaligen Kinostart 1979 einige Karrieren beflügelte. Vor allem natürlich die von Regisseur Ridley Scott und Hauptdarstellerin Sigourney Weaver. Es soll, so sagte Scott in Interviews, auch noch weitere Filme geben, die vor „Alien“ spielen.
Andererseits ist das mit der Chronologie zu einem guten Teil Marketinggedöns. Denn „Alien: Covenant“ kann, wie alle „Alien“-Filme, ohne die Kenntnis der anderen Filme gesehen und verstanden werden. „Alien: Covenant“ ist ein Einzelfilm, der sich kaum um „Prometheus“ kümmert, der mit viel tiefsinnigem Bohei die Geschichte einer Forschungsreise zu einem fremden Planeten schilderte und dabei als Film einen ziemlichen Schiffbruch erlitt.
Das wichtigste Verbindungsglied zu „Prometheus“ ist Michael Fassbender, der wieder einen Androiden spielt. Walter heißt er dieses Mal und er hält die Covenant in Schuss, während die rund zweitausend Passagiere schlafen. Die Covenant ist ein Siedlungsschiff auf dem Weg zu dem erdähnlichen Planeten Origae-6. Auf dem Weg dorthin beschädigt eine Planetenexplosion das Schiff und Walter muss die Crewmitglieder aus dem Tiefschlaf aufwecken. Dabei stirbt Captain Branson.
Noch während der Reparaturarbeiten empfangen sie einen kryptischen Funkspruch, den sie für einen Hilferuf halten und sie entdecken, als sie nach der Quelle des Signals suchen, in unmittelbarer Nähe einen Planeten, der als zweite Erde fungieren könnte.
Sie beschließen ihn sich anzusehen (Yep, böser Fehler).
Auf dem Planeten entdecken sie die Überreste eines Raumschiffes, das wir sofort als das altbekannte Alien-Raumschiff wieder erkennen. Sie trampeln auf einigen Alien-Eiern herum. Sie treffen David (ebenfalls Michael Fassbender), ein Vorgängermodell von Walter, das uns im Verlauf des Films auch sagt, wie die Forscherin Elisabeth Shaw, die Protagonistin von „Prometheus“, starb.
Und damit entsorgt Ridley Scott seinen vorherigen Alien-Film in wenigen Filmsätzen und -bildern. Denn „Alien: Covenant“ ist, mit wenigen Änderungen, ein Remake von „Alien“. Es ist in vielen Momenten auch gelungen und, wie man es von Ridley Scott kennt, optisch sehr gelungen. Scott kann einfach keine schlecht aussehenden Filme machen.
Es ist allerdings auch ein Film, der einfach noch einmal eine bekannte Geschichte erzählt. Und weil wir wissen, was passieren wird, kann er sich bis die Covenant-Besatzung auf dem Planeten landet und bis der erste Alien-Angriff erfolgt, viel Zeit lassen, in denen wir die Besatzung und die Covenant kennen lernen. Denn irgendwann werden die Aliens beginnen, die Besatzungsmitglieder der Covenant zu dezimieren und diese werden versuchen, sie zu töten. Und, weil es zu den Grundpfeilern der „Alien“-Welt gehört, wird eine Frau im Schlusskampf die Aliens besiegen. Dieses Mal wird die Heldin von Katherine Waterston gespielt. Sie trat vorher in „Inherent Vice“, „Steve Jobs“ und „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ auf. Sie spielt Daniels Branson, die Frau des verstorbenen Captain Branson.
Wenn die Covenant-Besatzung schwerbewaffnet den fremden Planeten erkundet, fügt Ridley Scott etwas Kriegsfilmpatina bei. Das erinnert dann an James Camerons „Aliens“, den zweiten „Alien“-Film. Sie benehmen sich ab dem Moment auch wie Soldaten auf einer Erkundungstour in feindlichem Gebiet. Bei den Raumfahrern, die bis dahin als Zivilisten porträtiert wurden, führt das dann zu der beständigen Irritation darüber, welche Ausbildung sie hatten. Sind sie, wie in „Alien“, Astronauten, die vor allem das Frachtschiff in Schuss halten sollen? Oder, was einige Dialoge nahe legen, die ersten Eroberer und Siedler eines neuen Planeten? Wobei man sich dann Gedanken über den Auswahlprozess machen sollte. So ist Bransons Stellvertreter ein tiefgläubiger Mensch, der von jeder Führungsaufgabe komplett überfordert ist. Oder, was ihr Verhalten im Kampf gegen die Aliens nahe legt, Elitesoldaten? Denn sie können nicht nur verdächtig gut mit Schusswaffen umgehen, sie bevorzugen auch eindeutig die militärische Konfliktlösungsstrategie des alles abschießen, was sich bewegt.
Aber untereinander verhalten sie sich nie wie Soldaten, sondern wie Arbeitskollegen, mehr wie bodenständige Fabrik- oder Lagerarbeiter, als wie feingeistige Wissenschaftler.
Mit David und auch Walter rückt die Frage, wie sehr Computer (und mehr sind Androiden ja nicht) über einen eigenen Willen verfügen, stärker in den Mittelpunkt der „Alien“-Welt als in den vorherigen Filmen, in denen die Androiden von verschiedenen Schauspielern gespielt wurden. Das ist eine interessante philosophische Frage, die in „Alien: Covenant“ erst spät gestellt und deshalb nicht großartig vertieft wird. Und bei der Antwort, die Scott in dem Film gibt, bin ich mir nicht sicher, wie sehr sie mit den in den anderen, zeitlich später spielenden „Alien“-Filmen gegebenen Antworten übereinstimmt. Oder ihr widerspricht; – wobei Scott ja noch einige „Alien“-Filme drehen will, die vor seinem 1979er „Alien“ spielen und in denen er die Franchise-Geschichte so zurechtbiegen kann, dass es am Ende keine Widersprüche mehr gibt.
„Alien: Covenant“ ist kein schlechter Film. Für einen Hollywood-Blockbuster hat er eine sehr durchdachte Story, die eher bedächtig erzählt wird. Die Schauspieler sind gut. Die Tricks sowieso. Und dennoch will sich keine rechte Begeisterung einstellen. Alles ist zu vertraut, um noch Angst auszulösen. Alles bewegt sich zu sehr in den erwartbaren Bahnen, um zu überraschen.
Genau diesen Vorwurf konnte man den ersten „Alien“-Filmen nicht machen. In ihnen drückten die Regisseure James Cameron („Aliens“), David Fincher („Alien 3“) und Jean-Pierre Jeunet („Alien – Die Wiedergeburt“) den Filmen ihren unverwechselbaren Stempel auf. Bis auf Ellen Ripley (Sigourney Weaver), die von H. R. Giger erfundenen Alien-Kreaturen und dem Mensch-kämpft-gegen-Monster-Grundplot gab es mehr Unterschiede als Ähnlichkeiten zwischen den Filmen. Es waren Filme von Regisseuren am Beginn ihrer Karriere, die eine Carte Blanche erhielten und sie für eine vollkommen eigenständige Interpretation der „Alien“-Welt nutzten.
Heute ist Sir Ridley Scott kein junger Mann mehr. Er ist ein alter Mann mit unbestrittenen Verdiensten, der hier noch einmal einen Hit aus seiner Jugend covert.
Insofern ist „Alien: Covenant“ das filmische Äquivalent zur x-ten Studioversion eines tollen Songs, der ohne große Variationen wieder eingespielt wird, weil die Fans genau das wollen.
P. S.: „Alien: Covenant“ läuft auch im IMAX: „Das CineStar IMAX im Sony Center (Potsdamer Straße 4, 10785 Berlin), das Filmpalast am ZKM IMAX in Karlsruhe (Brauerstraße 40, 76135 Karlsruhe) und das Auto & Technik Museum in Sinsheim (Museumsplatz, 74889 Sinsheim) zeigen den Film sowohl in der deutschen Fassung als auch in der englischen Originalversion.“
Könnte sich lohnen.
Alien: Covenant (Alien: Covenant, USA 2017)
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: John Logan, Dante Harper (nach einer Geschichte von Jack Paglen und Michael Green) (nach Charakteren von Dan O’Bannon und Ronald Shusett)
mit Michael Fassbender, Katherine Waterston, Billy Crudup, Danny McBride, Demián Bechir, Carmen Ejogo, Nathaniel Dean, Benjamin Rigby, Callie Hernandez, James Franco, Guy Pearce