Da dürften sich einige „Tatort“-Fans freuen: Der RBB zeigt bis Ende September jeden Montag um 22.15 Uhr einen alten, oft schon seit Jahren (Jahrzehnten?) nicht mehr gezeigten Berlin-„Tatort“ und das in brandneu restaurierten Fassungen. Sie könnten also besser als bei der Erstausstrahlung aussehen und wir können prüfen, ob die damaligen Urteile heute immer noch stimmen. Denn nicht jeder „Tatort“ aus Berlin wurde euphorisch abgefeiert.
Gezeigt werden „Der Boss“ (heute), „Rattennest“ (mit Götz George, am 3. Juli), „Transit ins Jenseits“ (mit Götz George und Marius Müller-Westernhagen, am 10. Juli), „Feuerzauber“ (am 17. Juli), „Sterne für den Orient“ (am 24. Juli), „Gefährliche Träume“ (am 31. Juli), „Beweisaufnahme“ (am 7. August), „Katz und Mäuse“ (am 15. August), „Sterben und sterben lassen“ (am 22. August), „Fluppys Masche“ (am 29. August), „Freiwild“ (Wolfgang Staudtes letzter Film, am 4. September), „Blutwurstwalzer“ (ein Klassiker, von Wolfgang Becker, mit Jürgen Vogel, am 11. September), „Berlin – Beste Lage“ (von Matti Geschonneck, am 18. September) und „Die Sache Baryschna“ (ebenfalls von Matti Geschonneck und, wie die vorherigen beiden „Tatorte“, mit Günter Lamprecht, am 25. September).
In „Der Boss“, dem ersten „Tatort“ des RBB (damals Sender Freies Berlin [SFB]), geht es um eine Bande von Pelzdieben. Als deren Boss an der Zonengrenze ermordet aufgefunden wird, sucht Kommissar Kasulke (Paul Esser) den Mörder; – wobei es damals noch möglich war, den „Tatort“ als Gangsterkrimi zu erzählen und den Ermittler zum Nebendarsteller zu machen. Es war auch möglich, die Geschichte innerhalb einer Stunde zu erzählen.
Der zweite und letzte Kasulke-Fall wird am kommenden Montag gezeigt.
mit Paul Esser, Hugo Panczak, Heribert Sasse, Elke Aberle, Günther Dockerill, Gustl Bayrhammer (Gastkommissar)
„I’m not real. I’m just like you. You don’t exist in this society. If you did, your people wouldn’t be seeking equal rights. You’re not real. If you were, you’d have some status among the nations of the world. So we’re both myths. I do not come to you as a reality. I come to you as the myth, because that’s what black people are. Myths. I came from a dream that the black man dreamed a long time ago. I’m actually a presence sent to you by your ancestors.“ (Sun Ra)
Lexika behaupten, dass Sun Ra bürgerlich Herman ‚Sonny‘ Blount hieß, am 22. Mai 1914 in Birmingham, Alabama, geboren und am 30. Mai 1993 in Birmingham, Alabama, starb.
Nun ja. Das kann man so sehen. Muss man aber nicht. Denn Sun Ra ist ein göttliches Wesen aus dem Weltall und mit seinem Arkestra landete er auf der Erde um seine befreiende Musik und Botschaft für die Menschheit zu spielen.
In John Coneys „Space is the Place“ wird erzählt, wie Sun Ra nach einer jahrelangen Reise durch Raum und Zeit mit seinem Raumschiff auf die Erde zurückkehrt. In Kalifornien sucht er schwarze Brüder, die er in seinem Raumschiff mitnehmen will. Die Erde selbst ist im Wahn von Rassismus und Repression dem Untergang geweiht. An einer Ausfallstraße in Oakland gründet er eine Agentur für Zeitarbeit, in der sich ein bunter Querschnitt von der Gesellschaft Ausgestoßener vorstellt, wenn Sun Ra nicht gerade einen Jugendclub besucht und dort seine revolutionäre Botschaft der Liebe verkündet.
Aber nicht jeder ist von Sun Ras Mission begeistert. Die NASA und der mysteriöse Overseer kämpfen gegen ihn und man braucht nicht viel Fantasie, um sie in den damaligen politischen Kämpfen zu verorten; wenn man sich nicht noch tiefer in die afroamerikanische Mythologie begeben will.
Das liest sich jetzt wie die Inhaltsbeschreibung eines halbwegs konventionellen B-Pictures, das etwas Subtext für die Intellektuellen hat und den damaligen revolutionären Zeitgeist der frühen siebziger Jahre widerspiegelt.
Nichts könnte falscher sein. „Space is the Place“ ist eine vom Blaxploitation-Kino beeinflusste afrofuturistische Collage mit dokumentarischen Einschüben, die mehr eine Jazzimprovisation (und ein großer Spaß) als ein auch nur halbwegs normaler Film ist. Es gibt wiederkehrende Themen und Motiven, viele kurzen Episoden, die manchmal wieder aufgenommen werden, manchmal nicht, Improvisationen, viele Anspielungen auf die Popkultur, die aktuelle Politik (wir reden von den frühen Siebzigern), abgedrehten Dialoge und einem Sun Ra im Mittelpunkt, der dem Begriff Deadpan-Schauspiel eine neue Dimensionen verleiht. Sun Ra verzieht keine Mine und ist dabei gleichzeitig umwerfend komisch und todernst, geerdet und abgespact und er lässt keinen Zweifel an seiner friedlichen Mission aufkommen.
„Space is the Place“ ist in jedem Fall kultiger Film, den Rapid Eye Movies hier ausgegraben, Bild für Bild restauriert und digitalisiert hat. Von der letzten noch existierenden 35-mm-Kopie, die im Keller des Produzenten Jim Newman gefunden wurde und in einem erbärmlichen Zustand war. Das zeigt sich immer wieder an Verschmutzungen im Bild, die man sonst nur von alten Filmkopien kennt. Das gilt auch für den Ton, die Farbgebung und das Bildformat. „Space is the Place“ wird wieder im ursprünglichen Academy-Format (1:1,33) gezeigt. Insgesamt verleiht das dem Film einen sehr angenehmen Retro-Charme.
Schade ist nur, dass man in dem Film wenig von Sun Ra und seinem Arkestra hört. Denn sie spielten einen sehr zugänglichen und witzigen Big-Band-Free-Jazz. Im Film gibt es nur einige kurze, experimentell-freejazzigen Konzertausschnitte.
Da muss man dann doch einmal auf YouTube herumstöbern.
„The earth cannot move without music. The earth moves in a certain rhythm, a certain sound, a certain note. When the music stops the earth will stop and everything upon it will die.“ (Sun Ra)
Die Weltpremiere der restaurierten Fassung ist am Montag, den 26. Juni, um 20.00 Uhr im Babylon Kino. Mit Jim Newman, dem Produzenten des Films, und einem Auftritt des Sun Ra Arkestra, das die Botschaft Sun Ras immer noch in die Welt hinausträgt.
Einen Tag später, am Dienstag, den 27. Juni, gibt es um 20.00 Uhr im Festsaal Kreuzberg ein Konzert des Arkestra.
Und danach will Rapid Eye Movies den Film – „eine Ode an die Kraft von Musik und Kunst, sozialen Wandel voranzutreiben und sich von politischen Zwängen nicht beeindrucken zu lassen“ (Rapid Eye Movies) – an möglichst vielen Orten zeigen.
Space is the Place (Space is the place, USA 1974)
Regie: John Coney
Drehbuch: Joshua Smith, Sun Ra
mit Sun Ra, Raymond Johnson, Barbara Deloney, Erika Leder, Christopher Brooks, Clarence Brewer, John Gilmore, Marshall Allen, Danny Davis, Eloe Omoe, Kwame Hadi, Danny Thompson, Tommy Hunter, Ken Moshesh, Lex Humphries
LV: Joseph D. Pistone, Richard Woodley: Donnie Brasco: My Undercover Life in the Mafia, 1990
FBI-Agent Joe Pistone arbeitete von 1975 bis 1981 als Undercover-Agent in New York gegen den Bonanno Clan. Dabei befreundete er sich mit dem Kleingangster Lefty Ruggiero.
Intensives Porträt über Mafiosi am unteren Ende der Futterleiter, den persönlichen Folgen gefährlicher Einsätze, über Beziehungen, Freundschaft und Verrat.
Mit Al Pacino, Johnny Depp, Michael Madsen, James Russo, Anne Heche
Lachsfischen im Jemen (Salmon Fishing in the Yemen, Großbritannien 2011)
Regie: Lasse Hallström
Drehbuch: Simon Beaufoy
LV: Paul Torday: Salmon Fishing in the Yemen, 2006 (Lachsfischen im Jemen)
Dr. Alfred Jones, Lachsexperte und Angestellter des englischen Fischereiministeriums, hält die Idee des Scheichs, Lachse im Jemen heimisch zu machen, für absolut hirnverbrannt. Aber viel Geld und der eiserne Wille der Politik, eine dringend benötige positive anglo-amerikanische Geschichte zu produzieren, zwingen Jones dazu, sich dem idiotischen Projekt zu widmen. Außerdem ist der Scheich sehr sympathisch und die Projektleiterin äußerst liebenswert.
Ein normaler Tag im Leben einer in einer Großstadt in einem Mietshaus lebenden Familie. Was soll daran besonderes sein?
Nun, das Apartment ist in Syrien in Damaskus, mitten im Kriegsgebiet. Um Scharfschützen kein Ziel zu bieten, sind die Vorhänge zugezogen. Die Wohnungstür ist, um sich vor Plünderern zu schützen, verbarrikadiert.
Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist ein Kampf ums Überleben. Auch wenn Oum Yazan mit einem mütterlich strengem Regiment die Ordnung aufrecht erhält und dafür sorgt, dass die Abläufe zwischen Aufstehen, regelmäßigen Mahlzeiten und Zähne putzen so normal wie möglich sind. Auch wenn sie einige ungeplante Dauergäste, wie ihren Schwiegervater, der die meiste Zeit passiv schweigend am Tisch sitzt, ihre Nachbarin Halima, eine junge Mutter, und Halimas Freund Samir beherbergt.
Oum und ihre Mitbewohner haben sich so gut es geht, mit der Situation ihres selbst auferlegten Hausarrests arrangiert. Sie geben nicht auf. Auch wenn sie nicht wissen, was passiert und, immerhin kennen wir aus den Nachrichten die Lage in Syrien, es keinen Hoffnungsschimmer auf eine kurzfristige Lösung gibt.
Aber heute ist kein normaler Tag. Denn Samir wird auf dem Weg zu seinem Fluchthelfer im Hinterhof von einem Scharfschützen niedergestreckt. Oums Hausmädchen Delhani hat die Tat beobachtet. Sie erzählt Oum von ihrer Beobachtung. Oum will Halima erst zu einem geeigneten Zeitpunkt davon erzählen. Nur: wann sagt man einer Mutter, dass sie eine Witwe ist?
Und schaffen sie es, den Plünderern, die an die Tür klopfen, den Zutritt zu verwehren?
„Innen Leben“ hatte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale und erhielt den Panorama Publikumspreis. Philippe Van Leeuw erzählt in seinem zweiten Spielfilm ganz konkret von einer bestimmten Situation an einem bestimmten Ort. Dabei interessieren ihn nicht die Motive der verschiedenen Kriegsparteien, sondern die Auswirkungen des Krieges und der Gewalt auf eine normale, bürgerlich-gebildete Familie, die einfach nur, möglichst unbehelligt von den Wirren des Krieges, überleben möchte. Er beobachtet mit dem geduldigen Blick des langjährigen Dokumentarfilmers die in der Wohnung lebenden Menschen und ihre Handlungen, ohne über sie zu urteilen. Das müssen wir Zuschauer machen.
Und, weil man keine große Fantasie benötigt, um „Innen Leben“ als Metapher zu verstehen, erzählt an Leeuw sehr universell vom Leben.
Die Inspiration für seinen Film war ein Gespräch im Dezember 2012 mit einer Freundin aus Damaskus, die ihm erzählte, dass ihr Vater ohne Telefon oder eine andere Kommunikationsmöglichkeit drei Wochen in seiner Wohnung in Aleppo eingesperrt war. Aus diesem Bild von einem in seiner Wohnung eingesperrten Mann wurde eine Familie, die mit einigen Bekannte in einer Wohnung eingesperrt ist, während in der Stadt Krieg herrscht.
Aufgrund mehrere Arbeitsaufenthalte Van Leeuws im Libanon und Gesprächen mit befreundeten syrischen Filmemachern konnte der Belgier die Geschichte an die Situation in Syrien anpassen. Er besetzte alle Rollen, bis auf „Die syrische Braut“ Hiam Abbas (Oum Yazan), Diamand Bou Abboud (Halima) und Juliette Navis (Delhani), mit syrischen Flüchtlingen, die natürlich Teile ihrer Biographie in die Filmgeschichte einbrachten.
„Das Aufbegehren des syrischen Volkes begann vor sechs Jahren und der Krieg wütet seit über fünf Jahren. Und der Rest der Welt hat nichts getan, um ihn zu stoppen. Die Syrer, die gerade in Europa Zuflucht suchen, hatten keine andere Wahl, als ihre Häuser und ihr Land zu verlassen. Sie alle entflohen einem Leben, zu dem uns die Bilder fehlen. Unabhängig von der Katastrophe in Syrien und anderswo, ob heute oder in vergangenen Zeiten, möchte ich den Blick auf die Würde der zivilen Bevölkerung richten, die in modernen Kriegen mehr und mehr die Leidtragende ist.“ (Philippe Van Leeuw)
Innen Leben (InSyriated, Belgien/Frankreich/Libanon 2017)
Regie: Philippe Van Leeuw
Drehbuch: Philippe Van Leeuw
mit Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis, Mohsen Abbas, Moustapha Al Kar, Alissar Kaghadou, Ninar Halabi, Mohammad Jihad Sleik, Elias Khatter
Vittoria ist die neue Staatsanwältin in Kalabrien. Die süditalienische Region wird seit Ewigkeiten von der ‚Ndrangheta, der dortigen Version der Mafia beherrscht. Alle halten zusammen und schweigen gegenüber der Polizei. Die Kinder der Verbrecher werden früh zu einem Leben als Verbrecher erzogen; falls sie nicht in jungen Jahren ermordet werden. Oft von anderen Verbrechern. Die Frauen werden zwangsverheiratet und sie halten zu ihren Männern. Bis der Tod sie scheidet. Es ist ein gut abgeschottetes verbrecherisches System, das gegen Angriffe von außen gut geschützt ist.
Vittoria will die ‚Ndrangheta bekämpfen und sie hat eine Idee, wie sie an die teilweise untergetauchten Bosse herankommen kann. Sie will die Ehefrauen der Verbrecher zu Aussagen bewegen.
Weil dies nicht mit moralischen Appellen funktioniert, nimmt sie ihnen die minderjährigen Söhne weg und stellt sie unter staatliche Aufsicht. So zeigt sie, was in „Das Land der Heiligen“ nicht weiter vertieft wird, den Kindern der Verbrecher erstmals, dass es ein Leben außerhalb des Clans gibt. Ihr Ziel sind allerdings deren Mütter, die ihre Kinder über alles lieben und die ihre Kinder wieder sehen können, wenn sie gegen ihre Männer aussagen. Sie hofft, mit dieser Erpressung das Schweigekartell zu brechen. Besonders zwei Frauen stehen im Zentrum ihres Interesses: Caterina, die Frau des untergetauchten ‚Ndrangheta-Bosses Alfredo, und ihre jüngere, 35-jährige Schwester Assunta, die zwei Kinder hat, kürzlich Witwe wurde und schon wieder mit einem Verbrecher, den sie abgrundtief hasst, zwangsverheiratet wurde.
Trotzdem sind, als Vittoria ihnen ihre Söhne per Gerichtsbeschluss wegnimmt, die Mütter erbost und die ‚Ndrangheta überlegt, was sie gegen die junge Staatsanwältin tun können.
Indem Regisseur Fernando Muraca in seinem Spielfilmdebüt „Das Land der Heiligen“ die Mütter und ihre Beziehung zu ihren Söhnen in den Mittelpunkt rückt, verschafft er seinem Mafiathriller eine neue Perspektive. Gleichzeitig zeigt er, in welchem totalitären System die Ehefrauen der Mafiosi leben. Sie erziehen ihre Söhne zu Verbrechern, anstatt ihnen einen Weg zu einem anderen Leben aufzuzeigen. Um ihre Familie und den Clan zu schützen, lassen sie lieber ihre Kinder sterben, als sie vor dem Tod zu beschützen.
Dieser Einblick in das Leben der ‚Ndrangheta-Frauen und das soziale Gefüge der Verbrecher gelingt Muraca gut. Allerdings bleibt er über weite Strecken des Films bei einer analytischen Situationsbeschreibung. Das und weil die Geschichte ohne große Wendungen oder Überraschungen auf ihr offensichtliches Ende zusteuert, wirkt „Das Land der Heiligen“ trotzt seiner kurzen Laufzeit arg zäh.
Insofern ist „Das Land der Heiligen“ durchaus interessant, aber eher für einen TV-Abend geeignet.
Das Land der Heiligen – La terra dei santi(La terra dei santi, Italien 2015)
Regie: Fernando Muraca
Drehbuch: Fernando Muraca, Monica Zapelli
mit Valeria Solarino, Lorenza Indovina, Antonia Daniela Marra, Ninni Bruschetta, Francesco Colella, Marco Aiello, Tommaso Ragno, Piero Calabrese
Der neueste Transformers-Film „Transformers: The Last Knight“ ist kein typischer Michael-Bay-Film. In zwei Punkten. Es gibt eigentlich kein Product Placement. Keine übergroßen, sinnlos im Bild herumstehenden Werbetafeln für Damenunterwäsche. Das liegt auch daran, dass der Film zu großen Teilen an Orten spielt, die naturgegeben werbefrei sind. Wobei Michael Bay schon immer eine herzliche Ignoranz gegenüber der Logik hatte.
Es gibt nur zwei größere Frauenrollen im Film. Die eine ist ein vierzehnjähriges Mädchen, das wie eine jüngere Version der Heldinnen der letzten beiden „Star Wars“-Filme aussieht. Die andere ist eine super gebildete Wissenschaftlerin, die schon vor einigen Jahren ihren zwanzigsten Geburtstag hatte. Beide kriegen zwar ein, zwei Michael-Bay-Shoots, aber sie sind mehr Pflicht als Kür.
In allen anderen Punkten ist der fünfte Transformers-Film ein typischer Michael-Bay-Film. Allerdings erschreckend lustlos inszeniert.
Es gibt wieder eine Story zum Haare ausraufen. Im Endeffekt geht es um ein wichtiges Artefakt, das von den Transformers (äh, das sind Roboter-Wesen von einem anderen Planeten, die sich in Autos verwandeln können) zu König Artus Zeiten auf die Erde gebracht wurde. Später wurde es über den Globus verstreut. Jetzt wollen die bösen Transformers und ein gehirngewaschener Optimus Prime (eigentlich einer der Guten) das Artefakt wieder zusammenfügen und die Erde vernichten. Die guten Transformers kämpfen dagegen. Und Cade Yeager (Mark Wahlberg, der schon durch den vorherigen Transformers-Film stolperte) ist der titelgebende letzte Ritter, der die Katasrophe verhindern kann.
Begleitet wird er von der Waisen Izabella (Isabelle Moner), der Historikerin Vivian Wembley (Laura Haddock [Fun Fact: sie ist älter als Megan Fox]), Lord Edmund Burton (Anthony Hopkins) und seinem putzigen Droiden. Gejagt und später begleitet werden sie von einer Trupp unerschrockener Kanonenfutter-Soldaten.
Der Weg zur großen Endschlacht im und unter Wasser, in der Luft, in Raumschiffen und bei Stonehenge (liegt in Bay-Welt alles direkt nebeneinander) ist mit epischen Kämpfen, Frotzeleien, Logiklöchern und Anschlussfehlern gepflastert, die von einem erschreckenden Desinteresse an der Geschichte und dem Publikum zeugen. Da liegt eine Metropole neben einem Wüstenkaff. Da hat Yeager sein Artus-Schwert in der Hand. Sekunden später ist es verschwunden. Und man hat immer die passenden Kleider dabei.
Die Story selbst, soweit sie überhaupt erkennbar ist, wirkt wie eine Resteverwertung aus den letzten „Star Wars“-Filmen (die Story, das Finale, Burtons Hausroboter, Izabellas Roboterfreund,…), gekreuzt mit der Artus-Sage. In der Version von Guy Ritchies vor wenigen Wochen gestartetem „King Arthur: Legend of the Sword“. Da werden einfach Bilder, Szenen und Dialoge hintereinander geklatscht, ohne dass jemals darauf geachtet wird, wie das alles miteinander zusammenhängt und man sich schon fast einen Extended Cut zum Stopfen der schlimmsten Drehbuchlöcher wünscht; – nein, nur ein Witz.
Unter den Schauspielern finden sich einige aus den vorherigen Filmen bekannte Namen und einige prominente Neuzugänge; und wenn man deren Name nicht kennt, kennt man ihr Gesicht. Sie alle haben nur kurze, teilweise nur knapp über der Cameo-Länge liegende Auftritte und sie alle sind nur wegen des Geldes dabei. Es sind Mark Wahlberg, Josh Duhamel (ein „Transformers“-Veteran), Stanley Tucci (kurz, sehr kurz), John Turturro (dito), Anthony Hopkins, Glenn Morshower (als, reden wir über kreative Namenswahl, General Morshower) und die schon erwähnten Bay-Babes Isabelle Moner und Laura Haddock. In der Originalfassung werden die Roboter, unter anderem, von Peter Cullen (wieder als Optimus Prime), John Goodman, Ken Watanabe, Jim Carter (von „Downtown Abbey“) und Omar Sy gesprochen; falls jemand ihre Stimmen erkennt.
Wie die vier vorherigen, kommerziell sehr erfolgreichen „Transformers“-Filme ist „The Last Knight“ ein Film für Kinder. Mit hundertfünfzig Minuten ist er für sie allerdings zu lang geraten. Und auch sie verdienen gute Filme. Davon ist „Transformers: The Last Knight“ meilenweit entfernt.
Wirklich ärgerlich an dem Film ist die durchgehende Abwesenheit einer auch nur irgendwie erkennbaren Bemühung zu unterhalten. Michael Bays neueste CGI-Actionplotte ist das filmische Äquivalent zu einem Überfall, bei dem der Räuber, weil er weiß, dass er seine Beute erhalten wird, jegliches Engagement vermissen lässt.
In Interviews bekundeten Michael Bay und Mark Wahlberg, dass sie beim nächsten „Transformers“-Film nicht dabei sein wollen.
Aber auch ohne sie – wobei Michael Bay als Produzent involviert ist – wird es mit den Transformers weitergehen. Die nächsten Filme sind schon angekündigt.
Transformers: The Last Knight (Transformers: The Last Knight, USA 2017)
Regie: Michael Bay
Drehbuch: Matt Holloway, Art Marcum, Ken Nolan (nach einer Geschichte von Akiva Goldsman, Art Marcum, Matt Holloway und Ken Nolan)
mit Mark Wahlberg, Anthony Hopkins, Stanley Tucci, John Turturro, Josh Duhamel, Laura Haddock, Isabela Moner, Santiago Cabrera, Jerod Carmichael, Peter Cullen (Stimme), Frank Welker (Stimme), John Goodman (Stimme), Ken Watanabe (Stimme), Jim Carter (Stimme), Omar Sy (Stimme)
Biopic über den Aufstieg und Fall des Drogenbarons Frank Lucas in Harlem in den frühen Siebzigern.
Das Zeitkolorit ist toll, weniger toll ist, dass Denzel Washington als Drogenhändler Frank Lucas und Russell Crowe als den ihn jagenden Detective Richie Roberts erst am Ende eine gemeinsame Szene haben. Davor bekommen wir zwei Filme präsentiert: einen tollen Gangsterfilm (so als Best-of-Gangsterfilm), einen weniger tollen Polizeifilm und insgesamt einen doch ziemlich durchschnittlichen Film, der sich nie entscheiden kann welche Geschichte er erzählen soll und er deshalb in deutlich über zwei Stunden (Hey, früher gab’s für die Spielzeit auch zwei Filme) beide Geschichten erzählt. Das kommt dabei heraus, wenn man zwei Stars hat, die auf ihrer Filmzeit bestehen. Vielleicht hätte Ridley Scott Val Kilmer für die Rolle des Polizisten anfragen sollen.
mit Denzel Washington, Russell Crowe, Cuba Gooding jr., Josh Brolin, RZA, John Ortiz, Ted Levine, Chiwetel Eliofor, Armand Assante, Carla Gugino
LV/Roman zum Film: Jack Ketchum/Lucky McKee: The Woman, 2011 (Beuterausch)
Kleinstadtanwalt Chris Cleek entdeckt eine im Wald lebende Frau. Er nimmt sie gefangen und sperrt sie im Keller ein. Er will sie, mit der Hilfe seiner Familie, zivilisieren. Er hat allerdings keine Ahnung, wen er gefangen hält.
Düsterer, gewalttätiger, zum Nachdenken anregender Horrorfilm.
Mit „Hacksaw Ridge“ endete für Mel Gibson im Herbst die jahrelange Hollywood-Durststrecke, in der er vor allem mit verschiedenen unappetitlichen Ausfällen Schlagzeilen produzierte und er ab und an, meistens in einer Nebenrolle, in einem Film auftrat. Seine letzte Regiearbeit war vor zehn Jahren „Apocalypto“.
Zum US-Kinostart von „Hacksaw Ridge“ im November 2016 gab es euphorische Kritiken und, in den folgenden Monaten, etliche Preise.
Er erhielt zwei Oscars (Editing, Sound Mixing), war als bester Film des Jahres, für die beste Regie und den besten Schauspieler nominiert.
Bei der IMDB steht er derzeit auf dem 160. Platz der „top rated movies“; – einen Platz vor dem Antikriegsfilmklassiker „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter, USA 1978).
In seinem Kriegsfilm erzählt Gibson die wahre Geschichte von Desmond Doss (1919 – 2006), einem Sieben-Tage-Adventisten, der aufgrund seines Glaubens keine Waffe in die Hand nehmen und keinen Menschen töten wollte. Aber er wollte seinen Teil zur Verteidigung der USA beitragen. Seine Lösung für den Konflikt war, dass er als Sanitäter auf dem Schlachtfeld die verletzten Kameraden versorgt und ihr Leben rettet.
Er war der erste Kriegsdienstverweigerer, der im Oktober 1945 von Präsident Harry Truman die ‚Medal of Honor‘, die höchste militärische Auszeichnung der USA, erhielt. Als unbewaffneter Sanitäter hatte Doss unzählige US-Soldaten gerettet. Auf der Insel Okinawa brachte er 75 schwer verwundete Kameraden in Sicherheit.
Diese Schlacht auf Okinawa im Mai 1945 am titelgebenden Hacksaw Ridge bestimmt die zweite Stunde des Films. Auf dem Plateau einer 122 Meter hohen Felswand kämpfen amerikanische gegen japanische Soldaten, die das Gebiet mit ihrem Leben verteidigen und sich in einem riesigen Höhlensystem versteckt, das sie vor Bombeneinschlägen schützt.
Bei diesem Gefecht; – genaugenommen mehrere, von kurzen Pausen unterbrochene Gefechte -; fährt Gibson das ganze Arsenal des Kriegsfilm auf mit Explosionen, spritzendem Blut, herausquellenden Gedärmen und unzähligen Toten und schwer Verletzten, die von Doss gerettet werden, während die Kugeln links und rechts von ihm einschlagen. Das ist technisch perfekt inszeniert und erfüllt in jeder Hinsicht die voyeuristischen Bedürfnisse der Fans von Kriegsfilmen.
In der ersten Stunde stellt Gibson, in ungefähr zwei gleich langen Teilen, Doss im Kreis seiner Familie und mit seiner Freundin Dorothy Schulte, die er noch vor seinem Kriegseinsatz heiratet, und während der Ausbildung vor. Während seiner Ausbildung beim Militär ist Doss‘ Gewissensdilemma, dass er seinem Land dienen will, aber aufgrund seines Glaubens bestimmte Dinge nicht tun kann, wichtig. Weniger als moralische, ethische oder religiöse Frage, sondern als eine Frage der militärischen Struktur, in der einfach alle Männer gleich behandelt werden und da ist das Nicht-Tragen einer Waffe ein esoterischer Sonderwunsch, der die normalen Abläufe stört.
Dafür, dass Doss ein bekennender Sieben-Tage-Adventist war und dass dieser Glaube sein gesamtes Leben bestimmte, ist „Hacksaw Ridge“ erstaunlich desinteressiert an seinem Glauben. So ist bis zum Beginn von Doss‘ Ausbildung beim Militär, zu dem er sich freiwillig meldete, nicht ersichtlich, dass er besonders gläubig ist und einer besonderen Form des christlichen Glaubens angehört. Damit umschifft Gibson durch Auslassung all die Fallen eines Faith-based-Movie.
Auch der Patriotismus von Doss wird nicht weiter, vor allem nicht als Dilemma zwischen Glaube und Patriotismus, thematisiert.
Das macht „Hacksaw Ridge“ zu einem gewöhnlichen und strunzdummen Kriegsfilm, bei dem sich niemals die Frage stellt, ob der Film ein Kriegs- oder ein Antikriegsfilm ist. In „Hacksaw Ridge“ ist Krieg von der ersten bis zur letzten Minute die sinnstiftende, niemals auch nur ansatzweise hinterfragte Schule, die den Mann zum Mann macht. Auch Doss findet den Sinn des Lebens auf dem Schlachtfeld.
Bei dieser Haltung bleibt keine Zeit für Ambivalenzen, theologische Erörterungen, Gewissenskonflikte oder andere Lösungen für Doss‘ Problem, als Gläubiger seinem Land im Krieg dienen zu wollen. Doss hat auch keine Probleme, beim Töten zu helfen. Er will nur keine Waffe in die Hand nehmen und es direkt selbst tun. Er ist ja kein Pazifist.
Das Herzstück des Bonusmaterials auf der DVD (die Blu-ray hat noch mehr Bonusmaterial) ist die 67-minütige sehr informative Doku „The Soul of War: Making Hacksaw Ridge“, die sehr offen auf alle Aspekte des Films eingeht. Außerdem gibt es einige geschnittene Szenen.
Hacksaw Ridge – Die Entscheidung (Hacksaw Ridge, USA/Australien 2016)
Regie: Mel Gibson
Drehbuch: Robert Schenkkan, Andrew Knight
mit Andrew Garfield, Teresa Palmer, Hugo Weawing, Rachel Griffiths, Luke Bracey, Sam Worthington, Vince Vaughan
–
DVD
Universum Film
Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: The Soul of War: Making Hacksaw Ridge, Deleted Scenes, 3 Trailer
Ein ermordeter Binnenschiffer treibt im Hafenbecken von Duisburg-Ruhrort. Die Kommissare Schimanski und Thanner suchen seinen Mörder.
Der erste Auftritt von Götz George als Horst Schimanski. Damals ein Skandal (Seine Manieren! Seine Sprache! Sein Umgang mit den Dienstvorschriften!), heute ein „Tatort“-Klassiker. Schimanski war schnell der beliebteste „Tatort“-Kommissar, der auch zweimal im Kino ermitteln durfte.
Danach, um 23.40 Uhr, zeigt der WDR einen weiteren „Tatort“-Klassiker: Samuel Fullers Kressin-“Tatort“ „Tote Taube in der Beethovenstraße“ (Deutschland 1973).
mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Michael Lech, Michael Rastl, Brigitte Janner, Max Volkert Martens, Barbara Focke
„The Salesman“ ist für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert und ich hoffe, dass er ihn erhält. Nicht weil er unbedingt der beste der nominierten Filme ist (ich kenne ja nicht alle Nominierten), sondern weil Asghar Farhadi und alle, die an dem Film mitarbeiteten, nicht in die USA einreisen dürfen, weil Donald Trump und seine Entourage gerade einen „Muslim ban“ verhängten. Als Mittel gegen den Terrorismus dürfen Staatsbürger aus sieben Ländern (auch Doppelstaatler und Green-Card-Inhaber und Menschen, die aus diesen Ländern kommen und schon seit Ewigkeiten in den USA leben [so aufgeschrieben erinnert mich das an etwas aus unserer deutschen Geschichte]) nicht einreisen. Nach Protesten wurde zwar – vielleicht – einiges geändert und die Trump-Administration widerspricht sich öfters, aber es ändert nichts: Moslems dürfen nicht rein. Christen aus den Ländern schon. Und der „Muslim ban“ kann, auch das hat die Trump-Administration schon gesagt, auf weitere Länder ausgeweitet werden. Dann vielleicht auch auf Länder, von denen für die USA wirklich aufgrund früherer Anschläge eine Gefahr ausgeht.
Da wäre ein Oscar für „The Salesman“ ein gutes Signal.
Auch weil der Film, ohne explizit politisch zu werden, ein Iran im Umbruch zeigt. Der Film spielt in Teheran – einer 8-Millionen-Einwohnerstadt mit einer ähnlichen Bevölkerungsdichte wie New York – in der dortigen Mittelschicht, die sich gar nicht so sehr von westlichen Mittelschichten, ihren Ansichten und ihren Problemen unterscheidet.
Auch deshalb hat Farhadi als zweite Ebene eine Theaterinszenierung von Arthur Millers Theaterklassiker „Tod eines Handlungsreisenden“ von 1949 eingeflochten. Das Stück erweitert und spiegelt die Handlung von „The Salesman“.
Im Mittelpunkt des Films stehen Emad und seine Ehefrau Rana. Er ist ein beliebter Lehrer für Literatur in einer Jungenschulklasse. In seiner Freizeit inszeniert er eine freie Adaption von Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Er spielt auch die Hauptrolle. Seine Frau spielt die Frau des Handlungsreisenden; was dazu führt, dass ihr Leben in dem Stück – in den Texten, den teils spontanen Abweichungen von Millers Text und der freien Interpretation des Stückes – eine Fortsetzung findet. Und umgekehrt.
Das liegt auch daran, dass ihr Leben aus den Fugen gerät. Nachdem durch Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück ihr Mietshaus unbewohnbar wird, müssen sie sich eine neue Wohnung suchen. Allerdings sind in der neuen Wohnung noch viele Gegenstände der Vormieterin, die sie irgendwann abholen will, vorhanden und die Nachbarn machen Andeutungen über ihr Leben.
Eines Abends, als Emad noch länger im Theater ist, wird Rana in der Wohnung überfallen und vergewaltigt. Sie redet nicht darüber und will auch keine Anzeige erstatten. Er fragt sich, wie er mit der Tat und den Fragen der Nachbarn umgehen soll.
Diese Geschichte entfaltet Farhadi langsam und oft mit Andeutungen, die vor allem für dortige Zuschauer sofort verständlich sind. Manchmal auch mit sehr leicht erkennbaren Anspielungen, wie das unbewohnbare Haus, die sich nicht meldende Vormieterin und ihre persönlichen Habseligkeiten, um die sie sich nicht kümmert. Farhadi zeichnet auch ein Bild der städtischen, kulturell interessierten Mittelschicht und einer Gesellschaft im Wandel zwischen Tradition und Moderne. Dass dabei die Parallelisierung zwischen dem Leben von Emad und Rana und Millers Stück teilweise wie ein Gimmick wirkt, teilweise etwas platt ist und dass der Film mit über zwei Stunden etwas lang geraten ist, sei ihm verziehen. Denn Farhadi erzählt seine Geschichte sehr offen. Er gibt damit keine eindeutige Sichtweise vor, sondern lädt zu verschiedenen Interpretationen ein. So lernen wir auch den Täter und seine Familie kennen.
In seiner Heimat hat Farhadis Film einen Nerv getroffen. Seit seinem Kinostart hat „The Salesman“ im Iran alle Zuschauerrekorde gebrochen. Dabei ist das Drama kein einfacher Film und kein Film, den man sich aus eskapistischen Motiven ansieht. Es ist ein Film, der sich mit den Dingen beschäftigt, die für seine Zuschauer wichtig sind. Auf die Jury, die über den iranischen Oscar-Kandidaten entscheiden sollte, wurde massiv Druck ausgeübt. Trotzdem schlug sie ihn als iranischen Oscar-Beitrag vor. In einem mehrstufigem Verfahren nominierte die Academy of Motion Picture Arts and Sciences (die die Oscars verleiht) „The Salesman“ für den Oscar als bester ausländischer Film.
Und allein diese Nominierung sollte bei uns doch einige Leute ins Kino locken. Sie können den Kinobesuch sogar als politisches Statement verkaufen.
Ach ja: Farhadi inszenierte vorher „Nader und Simin – Eine Trennung“ und „Le Passé – Das Vergangene“.
Einige Tage nach dem deutschen Kinostart erhielt „The Salesman“ den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Asghar Farhadi war bei der Preisverleihung nicht dabei. Für ihn nahmen Anousheh Ansari, US-amerikanisch-iranische Unternehmerin und erste Weltraumtouristin, und Dr. Firouz Naderi, ein iranisch-amerikanische Wissenschaftler und Leiter des Programms zur Erforschung des Sonnensystems im JPL (Jet Propulsion Laboratory) den Preis entgegen.
Und mit „Moonlight“ gab es sogar einen Überraschungssieger für den besten Film des Jahres; mit einer ungeplanten Überraschung bei der Verleihung.
Donald Trump versucht immer noch seinen „muslim ban“ durchzusetzen. Bis jetzt erhielt er vor Gericht eine Niederlage nach der nächsten.
Im Iran wurde Hassan Rohaniam 19. Mai bei der Präsidentschaftswahl wiedergewählt. Er war der moderate Kandidat. Er verfolgt eine Reformpolitik, die der Bevölkerung mehr Freiheiten und eine Erholung der Wirtschaft verspricht.
Das Bonusmaterial der DVD besteht aus einem enttäuschendem 23-minütigem Making of, das letztendlich eine B-Roll mit einigen, kurzen Statements vom Regisseur und den Hauptdarstellern ist.
The Salesman (Fourshande, Iran/Frankreich 2016)
Regie: Asghar Farhadi
Drehbuch: Asghar Farhadi
mit Shahab Hosseini, Taraneh Alidoosti, Babak Karimi, Farid Sajjadihosseini, Mina Sadati, Maral Bani Adam, Mehdi Kooshki
–
DVD
Panorama Entertainment
Bild: 1,85:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Farsi
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Deutscher Kinotrailer, Original-Kinotrailer
In seinem letzten Film „Only Lovers left alive“ standen Vampire im Mittelpunkt. In „Paterson“ schleichen die Charaktere wie Untote durch den Film, in dem letztendlich nichts geschieht.
Adam Driver spielt den Busfahrer Paterson, der jeden Tag mit stoischer Mine den Linienbus durch die Straßen von Paterson, New Jersey, lenkt. Dabei schreibt er Gedichte. Zu Hause wartet seine Frau Laura (Golshifteh Farahani), die täglich neue Projekte hat, die er stoisch erträgt, auf ihn. Und seine Englische Bulldogge Marvin (Nellie, ausgezeichnet in Cannes mit dem Palm Dog Award), den Paterson nach Feierabend eher widerwillig Gassi führt. Bei dem Spaziergang pausiert er für ein Bier in einer Kneipe. Ein Tag vergeht dabei, mit kleinen Variationen, wie der andere.
Jim Jarmusch meint zu seinem neuesten Film: „’Paterson‘ ist eine ruhige Geschichte, ihre zentralen Figuren haben keine wirklich dramatischen Konflikte. Die Struktur ist einfach und folgt lediglich sieben Tagen im Leben der Figuren. ‚Paterson‘ ist als Feier der Poesie von Details, Variationen und alltäglichen Begegnungen gedacht und als eine Art Gegenentwurf zu hochdramatischem oder Action-orientiertem Kino. Es ist ein Film, dem man es erlauben sollte, einfach an einem vorbeizuziehen – so wie Bilder, die man durchs Fenster eines Linienbusses wahrnimmt, der sich wie eine mechanische Gondel durch eine kleine, vergessene Stadt bewegt.“
Und das fasst den formvollendeten Film voller Jarmusch-Bilder (wenn auch meist beschränkt auf enge Räume und Zimmer) und Jarmusch-Manierismen wirklich gut zusammen. Entweder lässt man sich Zen-artig durch den Film treiben oder man verlässt spätestens am dritten Tag das Kino.
„Paterson“ ist eine Liebeserklärung an den kleinen Mann und das einfache Leben. Paterson ist auch Jarmuschs alltäglichster Held, der als Mann ohne Eigenschaften in einer durch und durch kleinbürgerlichen Arbeiterwelt lebt: ein Busfahrer, dessen einzige Flucht das Schreiben von Gedichten ist und der schon lange seinen Frieden mit der Welt geschlossen hat.
Jetzt ist der wunderschöne Film auf DVD erschienen. Leider ohne Bonusmaterial; wobei Jim Jarmusch auch bei seinen vorherigen Filmen mit Bonusmaterial geizte.
Paterson (Paterson, USA 2016)
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
mit Adam Driver, Golshifteh Farahani, Nellie (Wuff!)
Bevor am Donnerstag mit „Das Land der Heiligen“ ein gänzlich anderer Mafiafilm in unseren Kinos anläuft, kann man sich davor oder danach Stefano Sollimas grandiosen Thriller über das organisierte Verbrechen in Italien ansehen.
Wer ein gutes Namensgedächtnis hat, hat jetzt alle nötigen Informationen, um sich auf den Weg ins Kino zu machen. Denn „Suburra“ basiert auf einem Roman von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini, die bereits in mehreren hochgelobten Romanen eine inzwischen Jahrzehnte umspannende Chronik über römische Gangsterbanden und die Verstrickungen von ihnen mit der Politik schrieben. Giancarlo de Cataldo schrieb auch „Romanzo Criminale“ über die Magliana-Verbrecherbande, die in den siebziger und achtziger Jahren Rom beherrschte.
Stefano Sollima war der Regisseur der TV-Serie „Romanzo Criminale“ und, später, der TV-Serie „Gomorrha“ (die auf Roberto Savianos Tatsachenroman über die neapolitanische Mafia basiert) und des Polizeidramas „ACAB – All Cops are Bastards“, das auf dem Roman von Carlo Bonini basiert. Derzeit dreht Sollima „Soldado“, die Fortsetzung von „Sicario“. Das fällt dann wohl in die Kategorie: anderer Schauplatz, gleiches Thema.
„Suburra“ erzählt dann die Geschichte von „Romanzo Criminale“ weiter. Jedenfalls insofern, dass der Film in Rom spielt und er wieder ein Porträt der Organisierten Kriminalität ist. In dem Roman gibt es dann auch einige sehr kurze Verweise auf die aus „Romazo Criminale“ bekannten und verstorbenen Bandenchefs.
In „Suburra“ plant der Samurai, der skrupellose Kopf des Verbrechens in Rom mit guten Verbindungen in die Wirtschaft und Politik, ein großes Bauprojekt, bei dem alle viel Geld verdienen können und einige Habenichtse gegen ihren Willen, mehr oder weniger handgreiflich, umgesiedelt werden.
Aufgrund der Größe und der notwendigen Baugenehmigungen sind auch die Politik und die katholische Kirche involviert. Und das einzige, was der Samurai im Moment nicht gebrauchen kann, ist Unruhe und unerwünschte Aufmerksamkeit von der Polizei, der Presse und der Öffentlichkeit.
Als während einer kleinen Orgie in einem Nobel-Hotelzimmer eine von dem konservativen Abgeordneten Filippo Malgradi (im Roman Pericle Malgradi, „ein Musterbeispiel christlicher Lebensführung“) bezahlte minderjährige Prostituierte an einer Überdosis stirbt, beginnt eine Kette von Ereignissen, die Samurais Pläne gefährdet.
Sollima erzählt diese Geschichte, die in einer Woche im November 2011 spielt, bildgewaltig und mit großem epischen Atem. Dabei hat er mit seinen Drehbuchautoren Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia und Stefano Rulli (beide ebenfalls das Buch für den Spielfilm „Romanzo Criminale“ und mehrere Episoden für die legendäre TV-Serie „Allein gegen die Mafia“) das Dickicht der Personen und Handlungsstränge des Romans zurechtgestutzt, ohne es zu übermäßig zu vereinfachen. Es gibt immer noch viele Personen und viele Handlungsstränge, die sich langsam miteinander verknüpfen und gegenseitig beeinflussen. Meist, immerhin ist „Suburra“ ein Noir, in Richtung Abgrund. Nicht umsonst werden die Tage bis zur Apokalypse immer wieder eingeblendet.
Das ist großes Kino, das wegen seiner Bilder (Rom bietet halt immer einiges für das Auge) auf der großen Leinwand seinen vollen Reiz entfaltet.
Der Roman liest sich dagegen wie eine faktenversessene Reportage, die auf ausführlichen Recherchen (de Cataldo ist Richter, Bonini Investigativ-Journalist) basiert und wirklich keine Ecke des römischen Sumpfes und der Verflechtungen zwischen den verschiedenen Ebenen, Hierarchien, Personen und Organisationen unbeleuchtet lassen will. Für Italiener, die die Hintergründe, Personen (auch wenn sie im Roman andere Namen haben) und Anspielungen kennen, wird sich „Suburra“ wie eine lange Reportage lesen. Für uns ist das Geflecht des Enthüllungsromans mit den vielen handelnden Personen oft mühsam zu durchschauen.
In der aktuellen Ausgabe des Romans bei Heyne Hardcore gibt es daher dankenswerterweise auf der zweiten Umschlagseite ein Namensverzeichnis mit 37 Namen und etliche namenlose „Sonstige“.
Die bedächtige Erzählweise des Spielfilms und die vielen Personen erinnern dann an eine TV-Serie. Und die ist auch geplant. Für Netflix soll dieses Jahr die Geschichte von „Suburra“ weiter erzählen werden. Und das könnte wieder eine Serie sein, die man sich ansehen muss.
Das Bonusmaterial besteht aus einem nicht uninteressanten, aber auch nicht sonderlich in die Tiefe gehendem 13-minütigem „Blick hinter die Kulissen“ und einer umfassenden, selbstablaufenden Bildergalerie.
Suburra(Suburra, Frankreich/Italien 2015)
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Carlo Bonini, Giancarlo de Cataldo, Sandro Petraglia, Stefano Rulli
LV: Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Suburra, 2013 (Suburra)
mit Pierfrancesco Favino, Elio Germano, Claudio Amendola, Alessandro Borghi, Greta Scarano, Giuila Elettra Gorietti, Antonello Fassari, Jean-Hugues Anglade
Drehbuch: Christopher McQuarrie (nach einer Geschichte von Christopher McQuarrie und Drew Pearce) (basierend auf der von Bruce Geller erfundenen TV-Serie)
IMF-Agent Ethan Hunt kämpft gegen die Verbrecherorganisation Das Syndikat und gegen seine Vorgesetzten, die die IMF auflösen wollen, weil deren vorherige Aktionen spektakulär aus dem Ruder liefen. Oder will Das Syndikat die IMF auflösen, weil sie ihnen gefährlich wird?
Feiner Actionfilm, dieses Mal mit einer ordentlichen Portion James Bond, gelungenen Anspielungen, viel Humor und atemberaubender Action.
Ein alljährliches Gedenken an ein Gerichtsurteil, ein Feiertag in einigen Städten und in Caroline County, Virginia, und die größte multirassische Feier in den USA.
Denn am 12. Juni 1967 urteilte der Oberste Gerichtshof einstimmige, dass ein Verbot von Eheschließungen aufgrund von Rassenmerkmalen verfassungswidrig und eine Verletzung des 14. Zusatzes der Gleichstellungsgarantie sei.
In seinem Film „Loving“, der jetzt endlich bei uns anläuft, erzählt Regisseur Jeff Nichols („Take Shelter“, „Midnight Special“) wie es zu dem Urteil kam. Dabei geht es ihm nicht um die juristischen Winkelzüge, sondern um die beiden Kläger: das Ehepaar Loving. Sie heirateten am 2. Juni 1958 in Washington, D. C., weil sie schwanger war und sie in Virginia, ihrer Heimat, nicht heiraten durften. Denn Richard Loving war ein Weißer und Mildred Jeter eine Schwarze. Sie waren schon als Kinder miteinander befreundet, lebten ärmlich auf dem Land in Central Point im Regierungsbezirk Caroline County, einem ländlichen, von Armut gekennzeichnetem Gebiet.
Richard, wahrlich kein Intellektueller, ignorierte einfach, wie andere County-Bewohner, die damals gültigen und allgemein akzeptierten Rassengrenzen. Mit seinen afroamerikanischen Freunden konnte der Maurer besser an Autos herumbosseln. Außerdem arbeitete sowieso die meiste Zeit gemeinsam, lebte nah beieinander und half sich gegenseitig. Warum, so dachte der schweigsame Richard, sollte er also nicht mit den Menschen zusammen sein, mit denen er sich verstand?
Die anderen Weißen in Caroline County sahen das nicht so entspannt und sie erwirkten – mühelos – ein Gerichtsurteil, das die beiden Lovings verbannte. Der Richter verurteilte sie im Januar 1959 zu einer einjährigen Haftstrafe, die er unter Auflagen aussetzte. Sie mussten den Staat Virginia sofort verlassen und durften in den nächsten 25 Jahren nicht gemeinsam zurückkehren oder sich zur gleichen Zeit in Caroline County aufhalten. Das galt selbstverständlich ohne irgendeine Ausnahme, zum Beispiel für Familienfeiern oder Trauerfälle.
Sie fuhren nach Washington, D. C., zu Mildreds Cousin. Trotzdem fühlten sie sich in der Großstadt unwohl.
Über einen Brief an Präsident John F. Kennedy, den Mildred 1963 in ihrem Exil in Washington, D. C., schrieb, kamen sie in Kontakt mit Anwälten von der Bürgerrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union), die ihren Fall zu einem Grundsatzstreit machten.
Dabei wollte sie nur zurück zu ihrer Familie nach Central Point und dort auf dem Land mit ihrem Mann und ihren Kindern leben.
Jeff Nichols erzählt diese in den USA bekannte (in jedem Fall bekanntere) Geschichte strikt chronologisch, langsam und mit dem Ehepaar Loving im Mittelpunkt. Joel Edgerton und, vor allem, Ruth Negga wurden, zu Recht, für ihre Interpretation des Ehepaares Loving mehrfach ausgezeichnet und für etliche prestigeträchtige Preise, wie den Golden Globe, nominiert. Ruth Negga war auch für den Oscar nominiert. Sie gibt Mildred eine stille Kraft, die die Familie zusammen hält und die für ihre Rückkehr in ihr Heimatdorf kämpft. Dafür geht sie auch in die Öffentlichkeit. Richard, ein introvertierter Mann, der auch wenn es sein Anliegen befördern würde, nicht in die Öffentlichkeit geht, ist das Gegenteil. Aber sie liebten sich.
Der Film selbst ist klassisches Hollywood-Erzählkino. Dabei erzählt Nichols die Geschichte etwas spröde, indem er bewusst auf Schmalz, große Emotionen, kitschige Taschentuchszenen und Nicholas-Sparks-Sonnenuntergänge verzichtet und sehr naturalistisch, fast wie ein Dokumentarfilm, erzählt. „Loving“ ist auch eine gelungene Geschichtsstunde über einen Sieg der Bürgerrechtsbewegung. In erster Linie ist es aber die Geschichte zweier Menschen, deren Verbrechen es war, dass sie sich liebten, heirateten, Kinder bekamen und in ihrer Heimat leben wollten.
Loving (Loving, USA/Großbritannien 2016)
Regie: Jeff Nichols
Drehbuch: Jeff Nichols
LV: Nancy Buirski: The Loving Story, 2011 (Dokumentarfilm)
mit Joel Edgerton, Ruth Negga, Marton Csokas, Nick Kroll, Terri Abney, Alano Miller, Jon Bass, Christopher Mann, Sharon Blackwood, Michael Shannon
State of Play – Der Stand der Dinge (USA/Großbritannien 2009, Regie: Kevin Macdonald)
Drehbuch: Matthew Michael Carnahan, Tony Gilroy, Billy Ray (nach der gleichnamigen TV-Serie von Paul Abbott)
In Washington, D. C., verunglückt die sehr junge Mitarbeiterin eines Kongressabgeordneten tödlich in der U-Bahn. Zur gleichen Zeit wird ein Kleindealer von einem Killer erschossen. „Washington Globe“-Reporter Cal McAffrey beginnt zu recherchieren.
Auf de Insel war der spannende Sechsteiler „State of Play“ von „Cracker“-Autor Paul Abbott, der bei uns eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit als „Mord auf Seite 1“ auf Arte lief, ein Riesenerfolg. Natürlich interessierte Hollywood sich für ein Remake. Die guten Politthriller-Autoren Carnahan, Gilroy und Ray machten aus der Vorlage einen hochkarätig besetzten Paranoia-Thriller, der natürlich nie die Komplexität des Originals erreicht und eigentlich perfekte Unterhaltung wäre, wenn Russell Crowe nicht wie der Mann aus den Bergen aussehen würde. Aber anscheinend kann Hollywood sich heute einen investigativen Journalisten nur noch als verspätetes Hippie-Modell aus den Siebzigern vorstellen.
Da waren Robert Redford, Dustin Hoffman, Warren Beatty (okay, die hatten zeitgenössisch ziemlich lange Matten) und John Simm (der Original McAffrey) besser frisiert.
Die Kritiker (vulgo Journalisten) waren von der okayen Kinoversion der BBC-Miniserie begeistert.
mit Russell Crowe, Ben Affleck, Rachel McAdams, Helen Mirren, Robin Wrigth Penn, Jason Bateman, Jeff Daniels, Viola Davis
Letzte Woche liefen das im Zweifelsfall immer erfrischend faktenfreie Biopic „Born to be Blue“ über den Jazz-Trompeter Chet Baker und die Dokumentation „Whitney – Can I be me“ über die Soul-Sängerin Whitney Houston an. Diese Woche geht es mit „All Eyez on Me“, einem Biopic über den Rapper 2Pac, der 1996 erschossen wurde, musikalisch weiter.
Vor über zwanzig Jahren tobte in den USA der Krieg zwischen Eastcoast- und Westcoast-Rappern. Sie griffen sich verbal an. Es kam auch zu Schlägereien und Schusswaffengebrauch. Und Rap wurde Mainstream. Man konnte plötzlich unglaublich viel Geld damit verdienen.
Einer der bekanntesten Vertreter dieses Krieges war Tupac Shakur, oder 2Pac, geboren am 16. Juni 1971 in Manhattan, New York City, gestorben am 13. September 1996 in Las Vegas, Nevada. Er war ein Westcoast-Rapper, kommerziell auch nach seinem Tod unglaublich erfolgreich, von der Kritik als Künstler gefeiert und ständig mit dem Gesetz in Konflikt.
Er war auch ein Gangsta-Rapper. Das ist eine Stilrichtung, die das Leben im Ghetto als Verbrecher plakativ verklärt und öffentlich mit den Insignien eines Gangster hausieren geht. Die Grenzen zwischen Künstler und Verbrecher waren in jeder Beziehung fließend. So wurde 2Pac 1994 in New York auf dem Weg ins Studio angeschossen und schwer verletzt. Er wurde wegen sexueller Belästigung verurteilt und saß 1995 acht Monate im Gefängnis, bevor er auf Kaution freikam. Das Geld kam von Death-Row-Records-Chef Suge Knight, für den er dafür drei Platten aufnehmen musste. Und vor seiner Musikerkarriere versuchte er sich als Jugendlicher als Drogenhändler, weil im Ghetto die Drogenhändler mit ihrem Geld protzten.
Die damals lebhaft geführte Diskussion über die oft in jeder Beziehung hochproblematischen Texte muss hier nicht interessieren. Schließlich ist ein Spielfilm kein „Spex“-Aufsatz. In diesen Texten wurde auch immer darauf verwiesen, dass Rap „CNN for black people“ (Chuck D von Public Enemy) sei. Aber bei Public Enemy ging es um Politik und nicht um die Verherrlichung eines Lebens als homophober und frauenverachtender Verbrecher.
Das ist der Hintergrund vor dem sich Tupac Shakurs kurzes Leben abspielte, das genug Stoff für einen Film hergibt. Und mit 140 Minuten ist Benny Booms Biopic „All Eyez on Me“ über den Rapper auch lang geraten. Es ist allerdings auch ein Film der falschen Entscheidungen. „All Eyez on Me“ erzählt Tupac Shakurs Leben aus der Sicht von Tupac Shakur. Damit ist, auch wenn anfangs eine scheinbar komplizierte Rückblendenstruktur verwandt wird, nur eine Perspektive vorhanden. Nämlich die des Erzählers Tupac Shakur, der sich durchgehend als verfolgte Unschuld präsentiert und sich, wenn er nicht gerade unschuldig verfolgt und vom Gesetz drangsaliert wird, einen messianischen Heiligenschein aufsetzt. Auf die Dauer – auch wenn man nichts über das Leben des Rappers weiß – entbehrt diese eindimensionale, von sich selbst und seinem Handeln restlos überzeugte Weltsicht jeder Logik. Es überzeugt einfach nicht, dass er und nur er immer vollkommen unschuldig und unbeteiligt in Schwierigkeiten gerät.
So wird der Film schnell zu einem banalen Rechtfertigungstraktat. Jeder Konflikt und jede Ambivalenz des Stoffes werden unelegant umschifft und mit zunehmender Laufzeit ärgert man sich immer mehr über all die verpassten Chancen.
Außerdem hat „All Eyez on Me“ die typische Biopic-Krankheit. Anstatt sich auf einen bestimmten Aspekt oder Konflikt zu konzentrieren, wird das ganze Leben des Porträtierten von der Geburt bis zum Tod abgehandelt. In kurzen, plakativen Szenen, die auch der blödeste Zuschauer im Saal begreifen muss und die sich einfach, wie Bilder in einem Photoalbum, ohne tiefere Erkenntnis, aneinanderreihen.
Benny Boon, der bereits zahlreiche Hip-Hop-Vidoes inszenierte, erzählt das alles ohne jegliche Distanz zu Tupac Shakur als Übung in blinder Heldenverehrung.
Dabei hat F. Gary Gray vor zwei Jahren in seinem grandiosen Bandporträt „Straight Outta Compton“ über N. W. A. gezeigt, wie man es besser macht.
All Eyez on Me(All Eyez on Me, USA 2017)
Regie: Benny Boom
Drehbuch: Jeremy Haft, Eddie Gonzalez, Steven Bagatourian
mit Demetrius Shipp Jr., Kat Graham, Lauren Cohan, Hill Harper, Danai Gurira