Neu im Kino/Filmkritik: Der Oscar-Gewinner „Son of Saul“

März 12, 2016

Oscar als bester ausländischer Film – das ist nach den zahlreichen Preisen, die „Son of Saul“ seit dem Großen Preis der Jury in Cannes erhielt, der Höhepunkt an Ehrungen für den bedrückenden und nicht unumstrittenen Film. Denn es geht auch um die Frage, ob man den Holocaust zeigen kann und wie man ihn zeigt, ohne zum Voyeur zu werden. Dass László Nemes‘ Debütfilm jetzt endlich, mit dem Oscar-Gewinn als Rückenwind, in einigen Kinos bei uns anläuft ist, nun, eine glückliche Fügung, die hoffentlich für mehr Aufmerksamkeit und auch mehr Zuschauer sorgt. Denn „Son of Saul“ ist wirklich kein einfacher Film und auch kein Film, den man sich als Feierabendvergnügen ansieht. Dafür gibt es ja genug andere Filme, die man teilweise schon Stunden nach dem Abspann vergisst. „Son of Saul“ ist da anders.
Im Mittelpunkt steht Saul Ausländer. Er gehört im Oktober 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau zum Sonderkommando und was er und die anderen Häftlinge, die zu diesem Arbeitskommando tun, sehen wir in den ersten Minuten in einer langen, komplizierten Plansequenz: er treibt die neu angekommenen jüdischen Häftlinge von den Bahngleisen in das Gebäude, in die Umkleidekabine und in die Gaskammer. Danach schrubben sie hastig die Böden, zerren die Leichen zur Verbrennung und plündern sie.
Nemes, der bei drei Filmen von Béla Tarr dessen Assistent war (unter anderem bei „Der Mann aus London“), schildert dieses Grauen vor allem über die Tonspur und am Bildrand. Oft verschwommen, aber immer deutlich genug erkennbar, um den Blick auf genau diese Ränder zu lenken, die man genauer erkennen will und die man aufgrund seines Vorwissens entziffern kann. Im Mittelpunkt des Bildes ist dabei immer Géza Röhrig, der Saul Ausländer spielt. Mal von vorne, mal von hinten. Entsprechend subjektiv ist der Blick des Films, der auch den zunehmenden Tunnelblick Ausländers spiegelt.
Denn Ausländer glaubt, dass einer Toten, ein Kind, aus seinem Heimatort kommt und sein Sohn ist. Er will ihm ein richtiges jüdisches Begräbnis verschaffen. Dafür benötigt er einen Rabbi.
Ausgehend von dieser Prämisse schickt Nemes seinen Protagonisten auf eine Reise durch das KZ, die er durchgehend in bis zu zehn Minuten langen Szenen erzählt, die, neben dem Bildformat und dem Ton, eine bedrückende Qualität entwickeln. Es ist eine Welt ohne Hoffnung. Und Ausländers Suche nach einem Rabbi für ein ordentliches jüdisches Begräbnis wird, angesichts des um ihn herum tobenden Wahnsinns, zunehmend irrational. Unabhängig davon, ob es sein Sohn ist oder nicht. Es ist der Strohhalm, an den er sich klammert, während gleichzeitig einige KZ-Häftlinge einen historisch verbürgten Aufstand planen.
Der Aufstand scheiterte.

Son of Saul - Plakat

Son of Saul (Saul fia, Ungarn 2015)
Regie: László Nemes
Drehbuch: László Nemes, Clara Royer
mit Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn, Todd Charmont, Sándor Zsótér, Marcin Czarnik, Jerzy Walczak
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Son of Saul“
Metacritic über „Son of Saul“
Rotten Tomatoes über „Son of Saul“
Wikipedia über „Son of Saul“ (deutsch, englisch)

DP/30 unterhält sich mit Lászlo Nemes, dem Regisseur des Films, und Mátyás Erdély, dem Kameramann

und, wieder mit dem Regisseur und Hauptdarsteller Géza Röhrig


Neu im Kino/Filmkritik: „Der Spion und sein Bruder“ sind die Brothers Grimsby

März 12, 2016

Vor 28 Jahren hat Nobby (Sacha Baron Cohen) seinen kleinen Bruder Sebastian zuletzt gesehen. Trotzdem sucht er ihn immer noch und auch Sebastians Kinderzimmer in dem viel zu kleinen Haus ist unverändert.
Sebastian (Mark Strong) arbeitet inzwischen als Top-Agent für den MI6 und er denkt überhaupt nicht mehr an Nobby. Nobby und das im Nordosten England liegende, heruntergekommene, von der Moderne übersehene Arbeiterdorf Grimsby sind schon lange nicht mehr Teil seiner Welt.
Als Nobby erfährt, dass Sebastian noch lebt und er demnächst in London einen Wohltätigkeitsball der oberen Zehntausend besuchen wird, schleicht er sich ebenfalls ein und sabotiert ein von langer Hand geplantes Mordkomplott so gründlich, dass nicht nur der Anschlag schief geht (es gibt dafür andere Verletzte und Tote), sondern auch die Tarnung von Sebastian auffliegt. Außerdem wird er jetzt von seinen Leuten als Attentäter verfolgt. Soviel zum Vertrauen des MI6 in seinen besten Mann.
Es gibt nur einen Ort, an dem Sebastian – jedenfalls in der kruden Theorie von Nobby, einem wahren Trottel vor dem Herrn – von niemand gesucht wird: Grimsby.
„Der Spion und sein Bruder“ ist vor allem ein Film von Sacha Baron Cohen, der mit der Ali G. Show bekannt wurde, mit „Borat“, „Brüno“ und „Der Diktator“ seinen Ruf als respektloser Komiker zementierte und der sich in „Der Spion und sein Bruder“ den Agentenfilm in der globetrottend-eskapistischen „James Bond“-Tradition und die ultrarealistischen „This is England“-Sozialdramen vornimmt. Dabei schreckt er erwartungsgemäß vor keiner Peinlichkeit zurück. Der Humor ist immer reichlich derb und oft vulgär, wozu auch eine Szene in einem Elefanten gehört. Aber im Gegensatz zu chauvinistisch-reaktionärem US-Klamauk, wie zuletzt „Dirty Grandpa“, gehen die Witze nicht nur auf Kosten von Minderheiten. Es wird gleichmäßig gegen alle ausgeteilt. Oft werden Klischees umgedreht. So liebt Nobby seine Frau, die zu ihren Pfunden steht und auch später, in Südafrika, hält er das sehr kräftige afrikanische Zimmermädchen für das Zielobjekt, während er das wirkliche Zielobjekt, das locker eine Playboy-Photostrecke erhalten könnte, links liegen lässt und sie sogar später für das Zimmermädchen hält, die für ihn eine unangenehme Aufgabe im Badezimmer (denkt euch euren Teil) erledigen soll. In diesem Moment ist „Der Spion und sein Bruder“ schon länger nur noch eine knallige Nummernrevue, die einfach nur, garniert mit etwas Action, mehr oder weniger gelungene Gags aneinanderreiht, während die beiden Brüder von Südafrika nach Chile zum Fußballendspiel fliegen. Dort will der Bösewicht während des Spiels seinen teuflischen Plan in die Tat umsetzten.
Seine stärksten Szenen hat der von „Transporter“- und „Die Unfassbaren – Now you see me“-Regisseur Louis Leterriers inszenierte Film in Grimsby. Dort malt er zuerst das Leben der Arbeiter- und Arbeitslosenklasse breit aus (wegen des Dialekts empfiehlt sich die Originalfassung) und zeichnet dabei ein vor Klischees strotzendes Bild, das nichts, aber auch überhaupt nichts mit der Welt der Hightech-Spionage zu tun hat. Aus diesem Zusammenprall der beiden Welten hätte man etwas machen können. Aus dem Gegensatz von High-Tech-Spionage und der schusswaffenstarrenden Welt der Spione und dem Zusammenhalt der Arbeiterklasse und den trinkfreudigen Fußballhooligans im Pub, die ihr Revier mit ungeahnter Effektivität verteidigen, hätte man viel mehr komödiantisches Gold schöpfen können.
Letztendlich ist „Der Spion und sein Bruder“ nur ein derber Cartoon mit übertriebener Action, reichlich Klamauk und zotigem Humor.

Der Spion und sein Bruder - Hauptplakat

Der Spion und sein Bruder (The Brothers Grimsby, USA 2016)
Regie: Louis Leterrier
Drehbuch: Sacha Baron Cohen, Phil Johnston, Peter Baynham (nach einer Geschichte von Sacha Baron Cohen und Phil Johnston)
mit Sacha Baron Cohen, Mark Strong, Isla Fisher, Rebel Wilson, Gabourey Sidibe, Penélope Cruz
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Der Spion und sein Bruder“
Metacritic über „Der Spion und sein Bruder“
Rotten Tomatoes über „Der Spion und sein Bruder“
Wikipedia über „Der Spion und sein Bruder“

Meine Besprechung von Louis Letteriers „Die Unfassbaren – Now you see me“ (Now you see me, USA 2013) und der DVD

Und so hört sich die Originalversion an


TV-Tipp für den 12. März: Der Krieg des Charlie Wilson

März 12, 2016

ZDFneo, 20.15

Der Krieg des Charlie Wilson (USA 2007, Regie: Michael Nichols)

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: George Crile: Charlie Wilson’s War: The Extraordinary Story of the Largest Covert Operation in History, 2003 (Der Krieg des Charlie Wilson)

Auf Tatsachen basierende, von der Kritik abgefeierte und für viele Preise nominierte Polit-Komödie über den liberal-demokratischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, der in den Achtzigern half den afghanischen Widerstand gegen die Sowjets finanziell und mit Waffen zu unterstützten.

Die Folgen – nun, heute kennen wir die weitere Geschichte von Afghanistan, den Taliban und von Al-Qaida.

Mit Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffmann, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Michael Spellman

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Krieg des Charlie Wilson“

Rotten Tomatoes über “Der Krieg des Charlie Wilson”

Wikipedia über “Der Krieg des Charlie Wilson” (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 11. März: Der amerikanische Freund

März 10, 2016

3sat, 22.35

Der amerikanische Freund (Deutschland/Frankreich 1976, Regie: Wim Wenders)

Drehbuch: Wim Wenders

LV: Patricia Highsmith: Ripley´s Game, 1974 (Ripley´s Game oder Regel ohne Ausnahme, Ripley´s Game oder Ein amerikanischer Freund)

Restaurator Jonathan hat Leukämie. Ripley bietet ihm einen gut bezahlten Mordauftrag an. Jonathan nimmt an und sein Leben gerät aus den Fugen.

Die freie Verfilmung des dritten Ripley-Romans ist eine der besten Highsmith-Verfilmungen. Wenders zu den Veränderungen: „Ich möchte, dass meine Filme von der Zeit handeln, in der sie entstehen, von den Städten, den Landschaften, den Gegenständen, von allen, die mitarbeiten, von mir. Diesen Spielraum hat mir Ripley´s Game gelassen. Weil er in der Arbeitsweise der Highsmith auch schon enthalten ist. Deshalb glaube ich, dass ich dem Buch doch nahe geblieben bin, so sehr ich mich auch davon entfernt habe. Es gibt nicht ´die Verfilmung´. Es gibt zwei grundverschiedene Sachen: Bücher und Filme. In ihnen kann eine gleiche ´Einstellung´ zu den Dingen vorhanden sein, aber nicht die gleichen Dinge.“

Stellvertretend für die vielen euphorischen Kritiken Hans C. Blumenberg: „Wenders zeigt den urbanen Alptraum, wie man ihn noch nie in einem europäischen Film gesehen hat: halb als uraltes, verkommenes Abbruchviertel, halb als futuristische Schreckenslandschaft…Die große Faszination dieses Films hat direkt mit seiner Vielschichtigkeit zu tun. Man kann ihn als pessimistischen Kommentar zur nachrevolutionären Bewußtseinskrise der späten siebziger Jahre verstehen, aber auch als brillanten Kriminalfilm, man kann ihn als urbanen Alptraum von der Zerstörung der Städte bewundern, aber man kann ihn auch als poetische Ballade einer Freundschaft lieben. Sein Reichtum, der nicht ohne Gefahren ist, erlaubt bei jedem Sehen neue Abenteuer, neue Entdeckungen.“ Außerdem entwarf er eine Gleichung: „Hitchcock + Ray + Scorsese = Wenders“ (die Gültigkeit dieser Gleichung für andere Wenders-Filme darf bezweifelt werden.)

Mit Bruno Ganz, Dennis Hopper, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Nicholas Ray, Samuel Fuller, Peter Lilienthal, Daniel Schmid, Lou Castel

Hinweise

Wikipedia über Patricia Highsmith (deutsch, englisch)

Times: The 50 Greatest Crime Writers No 1: Patricia Highsmith

Kaliber .38 über Patricia Highsmith (Bibliographie)

Krimi-Couch über Patricia Highsmith

Kirjasto über Patricia Highsmith

Wired for Books: Don Swain redet mit Patricia Highsmith (1987)

Gerald Peary redet mit Patricia Highsmith (Sight and Sound – Frühling 1988 )

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Meine Besprechung von Wim Wenders/Juliano Ribeiro Salgados “Das Salz der Erde” (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)

Meine Besprechung von Wim Wenders‘ „Every thing will be fine“ (Deutschland/Kanada/Norwegen/Schweden 2015)

Wim Wenders in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „London has fallen“, aber Präsidenten-Bodyguard Banning ist vor Ort

März 10, 2016

In „Stirb langsam 2“ konstatiert John McClane leicht ungläubig: „How can the same shit happen to the same guy twice?“ (oder in der deutschen Übersetzung: „Dieselbe Scheiße passiert dem selben Mann zum zweiten mal.“) Denn schon wieder muss er sich an Weihnachten mit Terroristen, die zwecks einer Gefangenenbefreiung einen Flughafen kapern, herumschlagen. Und das ist, auch wenn es mehr Action und mehr Tote gibt und der Spielplatz größer ist, nur eine Variation der Geschichte des ersten Films. In „Stirb langsam“ war es ja nur ein Hochhaus.

In „London has fallen“ weist Mike Banning, den wir aus dem 2013er Actionfilm „Olympus has fallen“ kennen, nicht auf diese Parallelität der Ereignisse hin. Denn Banning (Gerald Butler) ist immer noch der Bodyguard des Präsidenten der USA und mögliche Attentate auf ihn sind ein Teil der Jobbeschreibung.

„Olympus has fallen“ war – zur Erinnerung und damit ihr ihn nicht mit „White House Down“ verwechselt – der Film in dem in einem „Stirb langsam“-Szenario, Terroristen das Weiße Haus zerdeppern und nur Bodyguard Banning Präsident Benjamin Asher (Aaron Eckhart) retten kann.

Der Präsident der Vereinigten Staaten ist immer noch Asher. Sein aus „Olympus has fallen“ bekanntes Gefolge ist ebenfalls immer noch im Amt, weshalb wir auch, oft nur kurz, wieder viele bekannte Gesichter, die uns am Filmanfang arg länglich vorgestellt werden, sehen dürfen: Morgan Freeman als Vizepräsident Trumbull, Melissa Leo als Verteidigungsministerin McMillan, Angela Bassett als Secret-Service-Chefin Jacobs und Robert Forster als General Clegg. Bannings Frau Leah (Radha Mitchell) ist auch wieder dabei und hochschwanger; was für die Filmgeschichte unwichtig ist.

Dieses Mal muss Präsident Asher kurzfristig London besuchen. Der britische Premierminister verstarb überraschend in seinem Bett und jetzt gibt es ein großes Staatsbegräbnis, zu dem alle wichtigen und weniger wichtigen Staatsoberhäupter kommen. Die Gefahr eines Anschlages ist hoch. Die Sicherheit ist hoch – und dennoch gelingt es Terroristen, in einer Abfolge von präzise geplanten Anschlägen, halb London und seine allseits bekannten Wahrzeichen innerhalb weniger Minuten in ein Trümmerfeld zu verwandeln.

Banning kann Asher bei dem Anschlag vor der St. Paul Cathedral beschützen. Sie versuchen, verfolgt von einer Hundertschaft schießwütiger Attentäter, an einen sicheren Ort zu flüchten. Denn der Organisator der Anschläge, der Waffenhändler Aamir Barkawi (Alon Moni Aboutboul), hat es eigentlich nur auf den US-Präsidenten, der seine Familie mit einem Drohnenangriff während einer Hochzeitsfeier tötete, abgesehen.

„London has fallen“ hat die allseits bekannte und gefürchtete Fortsetzungskrankheit. Es wird einfach alles genommen, was wir aus dem ersten Teil kennen, inclusive dem Cast, und alles noch einmal, aber viel größer erzählt. Also mit mehr Explosionen, mehr Toten, mehr Angreifern und nicht mehr in einem Gebäude, sondern in einer Millionenstadt. Es gibt mehr CGI, weil dieses Mal die Terroristen nicht mehr nur ein Gebäude, sondern gleich mehrere Wahrzeichen zerstören. Und aus einem kleinen, harten Thriller wird eine erschreckend unglaubwürdige Actionplotte, die sich keinen Deut um auch nur ein Minimum an Plausibilität schert. Vor allem nicht bei dem Plan der Terroristen.

Das beginnt schon mit dem ersten Angriff, der mehrere Minuten vor der Trauerfeier in der St. Paul’s Cathedral beginnt: plötzlich verwandeln sich alle Polizisten, die die Trauerfeier bewachen sollen, in schießwütige Terroristen, die wild auf die ankommenden Staatsoberhäupter ballern. Die echte Polizei und alle westlichen Sicherheitsdienste haben von dieser Unterwanderung nichts mitbekommen. Auch nicht von den abertausend anderen schießfreudigen Terroristen und Söldnern, die sich schneller als ein Computervirus verbreiten und flugs ganz London bei ihrer Jagd nach Banning und Asher bevölkern.

Gleichzeitig greifen die Bösewichter mehrere Wahrzeichen an und die Staatsoberhäupter, die noch an anderen, oft sehr touristischen Orten sind, werden ebenfalls angegriffen. Immerhin spielen die Macher in diesen Szenen durchaus humorvoll mit einigen Klischeevorstellungen über verschiedene europäische Länder und auch die deutsche Kanzlerin hat einen kurzen Auftritt.

Aber insgesamt ist der Plan der Terroristen absurd und vollkommen realitätsfern. Denn es hätte viele andere Möglichkeiten gegeben, einfacher und schneller zum Ziel zu kommen. Und jede dieser Pläne hätte schon im Planungsstadium weniger Risiken für eine Entdeckung gehabt.

Zum Beispiel hätten sie warten können, bis alle Staatsoberhäupter in der Kirche sind und sie dann angreifen können (was natürlich sehr an „Olympus has fallen“ erinnern würde) oder sie hätten nur ein Staatsoberhaupt töten wollen.

Dabei haben die Terroristen dieses Mal sogar ein ziemlich gutes Motiv, aus dem das Drehbuchautorenkollektiv (vier Autoren!) deutlich mehr hätte machen können. Der Drahtzieher ist Aamir Barkawi, der sich an den USA für einen Drohnenangriff, bei dem, während einer Hochzeitsfeier fast seine gesamte Familie starb, rächen will.

Zwar ist Barkawi als Waffenhändler der besonders skrupellosen Art auch kein Unschuldslamm, aber ausgehend von diesen Motiven hätten die Macher einige Grauzonen ausloten können. Grau sind allerdings höchstens die Anzüge. Der Rest ist altbekannte Schwarz-Weiß-Malerei mit eindimensionalen Charakteren (was auch für die aus „Olympus has fallen“ bekannte US-Administration gilt) in einem typischen B-Movie-Actionplot, in dem Kugeln Argumente ersetzen.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger und natürlich sehr patriotisch.

London has fallen - Plakat

London has fallen (London has fallen, USA 2016)
Regie: Babak Najafi
Drehbuch: Creighton Rothenberger, Katrin Benedikt, Christina Gudegast, Chad St. John
mit Gerald Butler, Aaron Eckhart, Morgan Freeman, Alon Moni Aboutboul, Angela Bassett, Robert Forster, Jackie Earle Haley, Melissa Leo, Radha Mitchell, Sean O’Bryan, Charlotte Riley, Waleed F. Zuaiter
Länge: 99 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „London has fallen“
Metacritic über „London has fallen“
Rotten Tomatoes über „London has fallen“
Wikipedia über „London has fallen“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „The Choice – Bis zum letzten Tag“ soll unsere Liebe nie enden

März 10, 2016


Willkommen in Sparks-Land! Wieder einmal und natürlich ist alles sehr vertraut: die schönen Menschen, die große Liebe und die Taschentuchszenen. Und dennoch gibt es Unterschiede zwischen, nun, gutem und schlechtem Kitsch. „The Choice – Bis zum letzten Tag“ zeigt dabei eindrucksvoll, wie man die Geschichte der großen Liebe besser nicht erzählt und dafür verantwortlich ist nicht Nicholas Sparks, der Autor der Vorlage.
Dieses Mal erzählt er und damit der Film von Travis Parker (Benjamin Walker), einem allein lebendem Frauenschwarm, der sich dann doch unsterblich in die neue Nachbarin Gabby Holland (Teresa Palmer) verliebt. Dass ihre erste Begegnung eher ein veritabler Nachbarschaftsstreit um, nun, abendlichen Lärm ist, ist nicht störend. Denn bekanntlich ziehen Gegensätze sich an.
Dass spätestens ab diesem Moment die Geschichte von „The Choice“ absolut vorhersehbar ist, ist gerade angesichts des Drehbuchs und der Inszenierung sogar ein Vorteil. Immerhin wissen wir, wohin sich die Geschichte bewegen soll. Der Film selbst plätschert dagegen vor sich hin, reiht schöne Bilder und harmonische Szenen hintereinander, ohne dass es ihm gelingt, diese Szenen so zu einer Geschichte zusammenzufügen, dass jede Szene auf die titelgebende Entscheidung hinausläuft und das ganze Drama dieser Entscheidung für Travis Parker begreifbar wird. Denn er muss sich entscheiden, ob Gabby, die Liebe seines Lebens, nach einem Autounfall weiterleben oder sterben soll. Genau diesen Punkt, diese Entscheidung über das Leben eines anderen Menschen, hätte Drehbuchautor Bryan Sipe (demnächst „Demolition: Lieben und Leben“, auf den ich wegen Regisseur Jean-Marc Vallée und Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal gespannt bin) herausarbeiten müssen. Er tat es nicht. Stattdessen erzählt er eine rundum harmonische Love Story, die von einem Unfall unterbrochen wird.
Wenn schon das Drehbuch schwach ist, können die Schauspieler immer noch einiges herausreißen. Aber vor allem Teresa Palmer legt die Rolle der Gabby so widersprüchlich an, dass ich mich fragte, warum der Regisseur sie nicht bremste. Jetzt beendet sie eine Wutrede gegen Parker mit einem Lachen, das signalisiert, dass sie doch nicht wütend ist. Bei einem Liebesgeständnis geschieht das Gleiche. Die anderen Schauspieler sind da nicht viel besser und Tom Wilkinson beschränkt sich einfach auf seine Präsenz.
Eine Schnulze, bei der alle immer wieder überdeutlich signalisieren, dass sie das Ganze, den Kitsch und auch das Pathos, nicht ernst nehmen, scheitert an ihrem eigenen Anspruch und verachtet auch ihr Zielpublikum, das eben genau für diesen Kitsch und auch das Pathos ins Kino geht.
Da helfen auch keine Sonnenuntergänge über dem Meer.
„The Choice – Bis zum letzten Tag“ ist von all den Nicholas-Sparks-Verfilmungen, die ich kenne, die mit Abstand schwächste und ärgerlichste.

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The Choice – Bis zum letzten Tag (The Choice, USA 2016)
Regie: Ross Katz
Drehbuch: Bryan Sipe
LV: Nicholas Sparks: The Choice, 2007 (Bis zum letzten Tag)
mit Teresa Palmer, Benjamin Walker, Maggie Grace, Tom Wilkinson, Tom Welling, Alexandra Daddario
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „The Choice“
Metacritic über „The Choice“
Rotten Tomatoes über „The Choice“
Wikipedia über „The Choice“ (deutsch, englisch)
Homepage von Nicholas Sparks


TV-Tipp für den 10. März: Hannah Arendt

März 10, 2016

SWR, 00.00 Uhr
Hannah Arendt (Deutschland 2012)
Regie: Margarethe von Trotta
Drehbuch: Pamela Katz, Margarethe von Trotta
Grandioses Biopic über Hannah Arendt und den Eichmann-Prozess.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Barbara Sukowa, Axel Milberg, Janet McTeer, Julia Jentsch, Ulrich Noethen, Michael Degen, Victoria Trauttmansdorff, Klaus Pohl, Nicholas Woodeson

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hannah Arendt“

Rotten Tomatoes über „Hannah Arendt“

Wikipedia über „Hannah Arendt“

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)


TV-Tipp für den 9. März: L. A. Confidential

März 9, 2016

Kabel 1, 22.40

L.A. Confidential (USA 1997, Regie: Curtis Hanson)

Drehbuch: Brian Helgeland

LV: James Ellroy: L. A. Confidential, 1990 (Stadt der Teufel, L. A. Confidential)

Drei unterschiedliche Polizisten versuchen einen Mord aufzuklären und müssen dabei einen tiefen Sumpf aus Drogen, Sex, Gewalt und Abhängigkeiten trockenlegen.

Grandiose Verfilmung eines grandiosen Buches, das den Deutschen Krimipreis erhielt.

Brian Helgeland schaffte das scheinbar unmögliche: er raffte den 500-seitigen Thriller gelungen zu einem etwa zweistündigen Film zusammen und erhielt dafür einen Oscar. Kim Basinger für ihre Rolle als Edelhure erhielt ebenfalls die begehrte Trophäe. Den Edgar gab es natürlich ebenfalls.

mit Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce, James Cromwell, Kim Basinger, Danny DeVito, David Strathairn, Ron Rifkin, Paul Guilfoyle, Simon Baker

Wiederholung: Freitag, 11. März, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

SPLICEDwire: Interview mit James Ellroy zu “L. A. Confidential” (1997)

Drehbuch „L. A. Confidential“ von Brian Helgeland

Homepage von James Ellroy

Wikipedia über James Ellroy (deutsch, englisch)

Meine Besprechung der James-Ellroy-Verfilmung “Rampart – Cop außer Kontrolle” (Rampart, USA 2011)

Meine Besprechung von James Ellroys Underworld-USA-Trilogie (Ein amerikanischer Thriller, Ein amerikanischer Albtraum, Blut will fließen)

Meine Besprechung von James Ellroys “Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau” (The Hilliker Curse – My Pursuit of Women, 2010)

Meine Teilbesprechung von James Ellroys “Perfidia” (Perfidia, 2014)

James Ellroy in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 8. März: Rosa Luxemburg

März 8, 2016

3sat, 22.40
Rosa Luxemburg (Deutschland 1986, Regie: Margarethe von Trotta)
Drehbuch: Margarethe von Trotta
Äußerst sehenswertes Biopic über Rosa Luxemburg.
Margarethe von Trotta „geht es nicht um eine dokumentarische Rekonstruktion zeitgeschichtlicher Fakten, sondern um das persönliche Porträt einer Frau, bei der Haltungen im Privatleben und in politischen Aktionen nahtlos übereinstimmten. (…) Mit ihrem Film hat Margarethe von Trotta eine historische Figur ins politische Tagesgespräch gebracht, innerparteiliche Empfindsamkeiten bloßgelegt und heftige Diskussionen provoziert, die auch beabsichtigt sind.“ (Fischer Film Almanach 1987)
mit Barbara Sukowa, Daniel Olbrychski, Otto Sander, Adelheit Arndt, Jürgen Holtz, Hannes Jaenicke, Karin Baal, Winfried Glatzeder
Hinweise
Filmportal über „Rosa Luxemburg“
Moviepilot über „Rosa Luxemburg“
Rotten Tomatoes über „Rosa Luxemburg“
Wikipedia über „Rosa Luxemburg“ (deutsch, englisch) und Rosa Luxemburg
Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)


TV-Tipp für den 7. März: Zwei Tage, eine Nacht

März 7, 2016

WDR, 23.25
Zwei Tage, eine Nacht (Deux Jours, Une Nuit, Belgien/Frankreich/Italien 2014)
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Arbeiterin Sandra hat ein Wochenende, um ihre Kollegen zu überzeugen, sich für ihre Weiterbeschäftigung und damit gegen eine Prämie zu entscheiden. Und ihre Kollegen stehen vor der Frage: Solidarität oder Geld?
Starkes Sozialdrama, das als konsequent zugespitzte Versuchsanordnung eine glasklare Analyse des modernen Kapitalismus ist.
mit Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne, Simon Caudry, Catherine Salée, Baptiste Sornin, Alain Eloy

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Zwei Tage, eine Nacht“
Moviepilot über „Zwei Tage, eine Nacht“
Metacritic über „Zwei Tage, eine Nacht“
Rotten Tomatoes über „Zwei Tage, eine Nacht“
Wikipedia über „Zwei Tage, eine Nacht“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Pierre und Luc Dardennes „Zwei Tage, eine Nacht (Deux Jours, Une Nuit, Belgien/Frankreich/Italien 2014)


TV-Tipp für den 6. März: Wilde Western – 3sat-Thementag

März 5, 2016

„Wilde Western“ – ein 3sat-Thementag, an dem ein Western auf den nächsten folgt und auch wenn nicht jeder dieser Western ein Klassiker ist, ist die Auswahl auch ohne John Wayne als Mix aus alten und neueren Werken, Klassikern und, nun, Merkwürdigkeiten äußerst gelungen.
Hier das Programm:
06.20: Im Zauber der Wildnis – Yellowstone
07.05: Reisen in ferne Welten: Der Oregon Trail – Pionierpfad ins Paradies (und das war’s dann mit den Dokumentationen für die nächsten Stunden)
07.50: Freddy und das Lied der Prärie (Deutschland/Jugoslawien 1964 – Ein Schlagerfilm mit Freddy Quinn)
09.25: Buffalo Bill und die Indianer (USA 1976 – ein Klassiker von Robert Altman mit Paul Newman)
11.25: Winnetous Rückkehr (Deutschland/Österreich 1998 – Beide Teile des TV-Films, in dem Pierre Brice wieder einmal in die Rolle seines Lebens schlüpft)
14.20: Bandidas (USA/Frankreich 2006 – Spaß mit Salma Hayek und Penélope Cruz)
15.45: American Outlaws (USA 2001 – mit Colin Farrell als Jesse James)
17.15: Meuterei am Schlangenfluß (USA 1952 – Westernklassiker von Anthony Mann mit James Stewart)
18.40: Der letzte Zug von Gun Hill (USA 1959 – Westernklassiker von John Sturges)
20.15: Zwei rechnen ab (USA 1957 – noch ein Klassiker von John Sturges und wieder ist Kirk Douglas dabei)
22.15: Tombstone (USA 1993 – eine andere Version des Schusswechsels am OK Corral, die auch in „Zwei rechnen ab“ erzählt wird)
00.20: Südwest nach Sonora (USA 1966 – kein Klassiker. Jedenfalls noch nicht, aber ein sehr sehenswerter Western mit Marlon Brando)
01.55: Gott vergibt…Django nie! (Italien/Spanien 1967 – Italowestern mit Terence Hill und Bud Spencer, der da noch nicht Buddy haut den Lukas war)
03.30: Zwei rechnen ab (USA 1957 – die Nachtwiederholung)
05.30: Der Santa Fé Trail (zum Ausklang noch eine Doku)
Mehr Infos zum Thementag


TV-Tipp für den 5. März: Der einzige Zeuge

März 5, 2016

Servus TV, 20.15

Der einzige Zeuge (USA 1985, Regie Peter Weir)

Drehbuch: Earl W. Wallace, William Kelley (nach einer Geschichte von William Kelley, Pamela Wallace und Earl W. Wallace)

In Philadelphia beobachtet ein achtjähriger Amish-Junge einen Polizistenmord. Auf dem Polizeirevier kann der Junge die Mörder identifizieren: es sind Kollegen des ermittelnden Detective John Book. Book muss mit dem Zeugen und seiner Mutter bei den Amish untertauchen. Dort entdeckt er eine Welt, die das Gegenteil seiner Eigenen ist.

Polizeifilmklassiker, der im Genrekostüm die Geschichte eines Culture Clash erzählt.

„Weir hat einen überaus spannenden (Kriminal-)Film geschaffen, der auf Action – mit Ausnahme der gewalttätigen Schlusssequenz, die sich aber aus der Fabel völlig motiviert – weitgehend verzichten kann, weil er von Menschen handelt, die von sich aus faszinierend genug sind.“ (Fischer Film Almanach 1986)

Das Drehbuch erhielt den Edgar Allan Poe Award, den Writers Guild of America Award (WGA Award) und den Drehbuchoscar. Peter Weir und Harrison Ford waren für Oscars nominiert und als bester Film war „Der einzige Zeuge“ ebenfalls nominiert. Die Schmonzette „Jenseits von Afrika“ erhielt dann den Oscar als bester Film.

mit Harrison Ford, Kelly McGillis, Jan Rubes, Josef Sommer, Lukas Haas, Alexander Godunov, Danny Glover, Viggo Mortensen (Debüt)

Wiederholung: Sonntag, 6. März, 17.10 Uhr

Hinweise

Metacritic über “Der einzige Zeuge”

Rotten Tomatoes über “Der einzige Zeuge”

Wikipedia über „Der einzige Zeuge“ (deutsch, englisch)

Harrison Ford in der Kriminalakte

Wikipedia über Peter Weir (deutsch, englisch)

Senses of Cinema über Peter Weir

The Peter Weir Cave (eine Fanseite)

Meine Besprechung der “Peter Weir Collection” (mit “Die Autos, die Paris auffrassen”, “Picknick am Valentinstag”, “Die letzte Flut” und “Wenn der Klempner kommt”)

Peter Weir in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Zoomania“, eine tierische Metropole in der Fuchs und Hase Gangster jagen

März 4, 2016

„Sie haben 48 Stunden.“ Nicht nur dieser Satz in dem neuen Disney-Trickfilm „Zoomania“ verrät, wohin die Reise geht.
Judy Hopps ist eine Häsin und, auch wenn immer von Chancengleichheit gesprochen wird, war noch niemals eine Häsin Polizistin. Sie sind einfach nicht dafür geeignet. Zu klein. Zu ängstlich. Halt Hasen.
Trotzdem verwirklicht sie gegen alle Widerstände ihren Traum. Als erste Häsin schafft sie die Aufnahmeprüfung und wird später als Jahrgangsbeste nach Zoomania abkommandiert. In dieser Metropole leben alle Tiere friedlich zusammen. Naja, ziemlich friedlich. Denn sonst bräuchten sie keine Polizei, die sich aus größeren und robusteren Tieren rekrutiert.
Schon an ihrem ersten Arbeitstag wird sie von ihrem Vorgesetzten Chief Bogo, ein afrikanischer Büffel, zur Überwachung des ruhenden Verkehrs abkommandiert. Als Politesse fühlt sie sich hoffnungslos unterfordert, schließt aber schnell eine Zweckfreundschaft zu dem Fuchs Nick Wilde, der sich durch das Leben schlawinert. Er ist halt ein schlauer Fuchs und ein Verbrecher.
Als sie die verzweifelte Mrs. Otterton trifft, die ihren spurlos verschwundenen Mann sucht, sieht Judy Hopps ihre große Chance. Sie will den verschwundenen Mr. Otterton suchen. Widerwillig gewährt ihr Chief Bogo die schon erwähnten 48 Stunden in der Hoffnung, dass er Judy Hopps, die er nur für ein nerviges Prestigeprojekt des Bürgermeisters hält, danach los ist. Aber er hat nicht mit ihrem Grips gerechnet. Denn Judy Hopps überzeugt Nick Wilde mit einer kleinen Erpressung (eigentlich will ihr Nick helfen) dazu, ihr bei der Suche nach Mr. Otterton und den vierzehn anderen spurlos verschwundenen Tieren von Zoomania zu suchen.
Dieser Hauptplot von „Zoomania“ ist natürlich ein klassisches Buddy-Movie, in dem zwei gegensätzliche Partner einen Verbrecher jagen, sich dabei streiten und befreunden und in ’nur 48 Stunden‘ erheblichen Sachschaden verursachen. Garniert wird diese witzige Geschichte von zahlreichen Anspielungen auf Filmklassiker, die vor allem ältere Zuschauer ziemlich mühelos erkennen.
„Zoomania“ ist mit 109 Minuten (inclusive Abspann) für einen Kinderfilm sehr lang geraten. Es ist, nach dem Anthologiefilm „Fantasia“ (1940), der längste Walt-Disney-Animationsfilms und das ist nicht unbedingt ein Vortel. Denn in der zweiten Hälfte, wenn die Jagd nach den Bösewichtern und deren Enttarnung im Mittelpunkt stehen, ist der Film arg vorhersehbar. Jedenfalls wenn man schon einige Buddy-Cop-Movies gesehen hat. Und die Figuren sind, aus der Sicht eines Erwachsenen, etwas zu eindimensional.
Für Kinder, für die „Zoomania“ ja in erster Linie gemacht ist, gibt es dagegen herzige Tiere, Situationskomik, gelungene Witze, reichlich Action, eine sympathische und in ihrem übergroßen Optimismus aufbauende Du-kannst-es-schaffen-Botschaft (was für Kinder ja wichtig ist; naja, für Erwachsene auch) und am Ende einen herzerwärmenden Aufruf zur Toleranz. Denn natürlich ist Zoomania kein Sin City, sondern die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens aller Tiere, die sich mit ihren Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringen, die sich gegenseitig respektieren und, trotz aller Unterschiede, als im Grunde gleich behandeln.
Allein schon diese Botschaft, die von den Machern aus einer tiefen inneren Überzeugung präsentiert wird, macht „Zoomania“ sehenswert.

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Zoomania (Zootopia, USA 2016)
Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (Ko-Regisseur)
Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston, Dan Fogelman (zusätzliches Material) (Nach einer Geschichte von Byron Howard, Jared Bush, Rich Moore, Phil Johnston, Jennifer Lee, Josie Trinidad und Jim Reardon)
mit vielen Tieren und vielen Sprechern
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
(in England heißt „Zootopia“ „Zootropolis“, was natürlich an einen anderen großen Science-Fiction-Film erinnert. Als Grund wurde „Marketing“ genannt.)

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Zoomania“
Metacritic über „Zoomania“
Rotten Tomatoes über „Zoomania“
Wikipedia über „Zoomania“ (englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Pablo Traperos argentinischen True-Crime-Krimi „El Clan“

März 4, 2016

Argentinien, in den frühen achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, kurz nach dem Ende der Militärdiktatur und vor der Etablierung der Demokratie, betreibt Patriarch Arquimedes Puccio Entführung und Mord als äußerst lukratives Familiengeschäft. Mitten in einem gutbürgerlichen Wohnviertel bei Buenos Aires, zwischen Küche, Wohn- und Schlafzimmer, hält er seine Opfer gefangen und die ganze Familie weiß es, hilft mit und bemüht sich erfolgreich, die Gefangenen zu übersehen. Man lebt ja schließlich unter einem Dach. Die Opfer besorgt der älteste Sohn Alejandro, der Star-Spieler der Rugby-Nationalmannschaft.
Auch Puccio gehört zur geachteten High Society Argentiniens. Schon während der Militärdiktatur, als er für den Geheimdienst arbeitete und gegen echte und vermeintliche Systemgegner vorging, hatte er Einfluss und heute helfen ihm seine einflussreichen Freunde im Staatsapparat. Deshalb vermutet auch niemand, dass sie die gesuchten Entführer der vermögenden Personen sind.
Und weil diese auf den ersten Blick unglaubliche Geschichte wahr ist, war ich auch sehr gespannt auf Pablo Traperos „El Clan“, der in Argentinien mit über 2,6 Millionen Zuschauern (bei 43 Millionen Bewohnern) ein Kassenhit war und der 2015 in Venedig den Silbernen Löwen für die Beste Regie erhielt.
Aber weil Trapero seine Geschichte nicht chronologisch, sondern frei assoziierend erzählt und dabei immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her springt, langweilte ich mich schnell. Denn anstatt eine Geschichte mit einem Protagonisten und einem Konflikt, der einen emotional in die Geschichte hineinzieht, zu erzählen, gibt es nur eine Abfolge von Szenen, die auch in einer anderen Reihenfolge präsentiert werden könnten.
Es ist, als ob irgendjemand vor dem Filmstart die zufällige Wiedergabe ausgewählt hat. Aus einem wahren Gangsterdrama, einer Familiengeschichte voller Dramatik und einem Vater-Sohn-Drama wurde so eine frustrierende Abfolge gut inszenierter Kabinettstückchen, die außerhalb einer nachvollziehbaren Ursache-Wirkungskette und damit ohne irgendeine Entwicklung nur vor sich hin plätschern. Es ist, als betrachte man zwei Stunden das Stillleben einer erschreckend biederen Horrorfamilie, die ihre Verbrechen beim Abendessen verdrängt.

El Clan - Plakat

El Clan (El Clan, Argentinien/Spanien 2015)
Regie: Pablo Trapero
Drehbuch: Pablo Trapero, Esteban Student (Mitautor), Julián Loyala (Mitautor)
mit Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich, Giselle Motta, Gastón Cocchiarale, Franco Masini, Antonia Bengoechea, Stefania Koessl
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Moviepilot über „El Clan“
Metacritic über „El Clan“
Rotten Tomatoes über „El Clan“
Wikipedia über „El Clan“


TV-Tipp für den 4. März: Eine Farm in Montana

März 4, 2016

3sat, 22.35

Eine Farm in Montana (USA 1978, Regie: Alan J. Pakula)

Drehbuch: Dennis Lynton Clark

Nach dem zweiten Weltkrieg kehrt Frank Athearn nach Montana zurück. Er will dort eine Farm betreiben, gerät in einen Konflikt mit einem Viehbaron, der das Land aufkaufen will, verbündet sich mit einer Rancherin, die ebenfalls um ihr Land kämpft, und eine Ölfirma will Öl fördern.

Schöner, melancholischer Spätwestern, der damals nicht gut aufgenommen wurde. Denn: „Sie erwarteten von Pakula neue Impulse für das Western-Genre. Doch viele der Überzeugungen, die die Figur von Jane Fonda auszeichnen und die Jane Fonda selbst damals vertrat, gehören zur Grundausstattung des Westerns: die Schlechtigkeit der Großgrundbesitzer, die Liebe zur Natur und die Nähe der Ölmanager zum Gaunertum. In einem Film der fest in der Jetztzeit angesiedelt ist, wären diese Motive revolutionär, aber im Western klingen sie abgedroschen.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)

Das Drehbuch erhielt 1979 den Spur Award der Western Writers of America.

mit James Caan, Jane Fonda, Jason Robards, George Grizzard, Richard Farnsworth, Jim Davis, Mark Harmon, James Keach

Hinweise

Wikipedia über „Eine Farm in Montana“ (deutsch, englisch)

Rotten Tomatoes über “Eine Farm in Montana”

Reelz: Trailer zum Film


Neu im Kino/Filmkritik: „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ kämpfen bis zur letzten Patrone

März 3, 2016

Auch wenn man beim Ansehen von „13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ glaubt, ein Remake von „Black Hawk Down“ zu sehen, erzählt Michael Bay eine ganz andere Geschichte als Ridley Scott vor fünfzehn Jahren. Er erzählte von der Gefangennahme eines Warlords und seiner Untergebenen am 3. Oktober 1993 in Mogadischu, Somalia, durch US-Elitesoldaten. Der Einsatz geht schief und es entwickelt sich eine Straßenschlacht, bei der viele, sehr viele namenlose Einheimische und einige US-Soldaten, die im Abspann namentlich erwähnt werden, sterben.
Michael Bay erzählt von einer Nacht in Libyen. Am 11. September 2012 greifen Libyer das US-Generalkonsulat in Bengasi an. Der Angriff entwickelt sich zu einer veritablen Straßenschlacht, weil einige Ex-US-Elitesoldaten, die gerade eine gar nicht so geheime CIA-Basis bewachen, den Botschafter retten wollen. Viele, sehr viele namenlose Einheimische und einige US-Soldaten (Ex und nicht Ex), die im Abspann namentlich erwähnt werden, sterben.
Das ist natürlich eine ganz andere Geschichte. Jedenfalls solange man sich auf die Ausgangslage konzentriert. Aber nicht die Prämisse, sondern die Geschichte und wie sie erzählt wird, macht den Film aus und in beiden Filmen geht es, nach einer arg länglichen Vorstellung der Hauptpersonen, die trotzdem austauschbar und ohne individuelle Züge bleiben, nur noch um die bleihaltige und bombige Schlacht zwischen einigen tapferen Amerikanern, die versuchen ihre Kameraden und Landsleute vor einer Horde gesichtsloser Somalis (in „Black Hawk Down“) oder Libyer (in „13 Hours“) zu retten. Die Angreifer sind zwar mordgierig, aber letztendlich nur Kanonenfutter. Wie wir es aus zahllosen Western kennen, in denen tapfere Cowboys, Siedler und Soldaten die zahlenmäßig überlegenen Indianer, die reihenweise mit Kriegsgeheul in das Mündungsfeuer laufen, abknallen.
Diese Schlacht, die im Film um die zwei Stunden dauert, wird von Michael Bay dann auch kompetent und durchaus spannend als ohrenbetäubendes Action-Feuerwerk mit wenigen ruhigen Minuten erzählt.
Es ist allerdings auch ein Film, der sich nicht für die Gegner und ihre Motive interessiert. Die Libyer sind eine Horde gesichtsloser Angreifer, die auch als Somalis durchgehen könnten (halt wie es früher egal war, ob der Angriff von Apachen oder Comanchen oder irgendwelchen anderen Indianern erfolgte), und die möglichst fotogen in den Kugelhagel unserer Helden laufen und sterben sollen. Der politische Konflikt und die Situation in Libyen wird in einigen Texttafeln angesprochen, die gerade so als Alibi für den Waffenporno durchgehen, der noch im Abspann die tapferen US-Amerikaner feiert. Sie werden, Gefallene und Überlebende, namentlich und mit Bild gezeigt. Die über hundert Libyer, die ebenfalls starben, werden gerade mit einem Halbsatz erwähnt.
„13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi“ will, und nur ein Narr hätte bei Michael Bay ernsthaft etwas anderes erwartet, nicht mehr als eine pathetische Heldenverklärung von einer Handvoll Söldner sein, die einigen Landleuten das Leben retten.
Am Ende des Films wissen wir deshalb, was in Bengasi geschah. Aber nicht warum.

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13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi (13 Hours: The Secret Soldiers of Benghazi, USA 2016)
Regie: Michael Bay
Drehbuch: Chuck Hogan
LV: Mitchell Zuckoff: Thirteen Hours: The inside account of what really happened in Benghazi, 2014 (13 Hours – Der Insider-Bericht über die wahren Ereignisse in Benghazi)
mit John Krasinski, Pablo Schreiber, Toby Stephens, Freddie Stroma, David Giuntoli, James Badge Dale, David Denman, Dominic Fumusa, Max Martini, Alexia Barlier, David Costabile, Peyman Moaadi, Matt Letscher, Demetrius Grosse
Länge: 145 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „13 Hours“
Metacritic über „13 Hours“
Rotten Tomatoes über „13 Hours“
Wikipedia über „13 Hours“ (englisch)
History vs. Hollywood über „13 Hours“

Meine Besprechung von Michael Bays „Pain & Gain“ (Pain & Gain, USA 2013, ebenfalls mit Mark Wahlberg)

Meine Besprechung von Michael Bays „Transformers: Ära des Untergangs (Transformers: Age of Extinction, USA 2014)


Neu im Kino/Film- und Buchkritik: Über Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“

März 3, 2016

Schullektüre sei „Das Tagebuch der Anne Frank“. So heißt es, aber ich habe es nicht in der Schule gelesen. Wir lasen „Der Untertan“.
„Das Tagebuch der Anne Frank“ wurde auch schon öfter verfilmt. Die erste Verfilmung von 1959 war für den Oscar als bester Film nominiert. George Stevens‘ hundertsiebzigminütige Verfilmung kam in einer um fast zwanzig Minuten gekürzten Fassung in die deutschen Kinos und inzwischen dürften nur noch ältere Semester und Cineasten sie kennen. Denn im Fernsehen lief sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Die späteren Verfilmungen sind noch unbekannter und sie kamen auch immer aus dem Ausland.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist jetzt der erste deutsche Kinofilm, der ihre Geschichte erzählt. Das ist insofern erstaunlich, weil ihre Geschichte eine deutsche Geschichte ist und es immer heißt, alles, was mit der Nazi-Diktatur zu tun habe, sei schon verfilmt worden.
Die Geschichte und die damit zusammenhängenden Fakten dürften bekannt sein.
Anne Frank wird am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren. Otto Frank, ihr Vater, organisiert, aus Angst vor weiter zunehmenden Repressionen gegen die Juden, schon 1933 den Umzug der Familie nach Amsterdam. Im Februar 1934 ziehen Anne Frank, ihre 1926 geborene Schwester Margot und ihre Mutter Edith nach Amsterdam. 1940 kapitulierten die Niederlande vor den Nazis. Im Mai 1942 wird auch in den Niederlande der ‚Judenstern‘ eingeführt. Am 5. Juli 1942 erhält Margot Frank den Aufruf, sich zum ‚Arbeitseinsatz im Osten‘ zu melden. Am nächsten Tag taucht die Familie Frank in dem schon länger von Otto Frank mit einigen Vertrauten vorbereiteten Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263, das zu Otto Franks Firma gehört, unter. Einige Tage später werden Auguste und Hermann van Pels und ihr Sohn Peter aufgenommen. Im November 1942 wird mit Fritz Pfeffer eine achte Person aufgenommen.
Anne Frank, die ihr Tagebuch am 12. Juni 1942 beginnt, schreibt bis zum 1. August 1944 vor allem über das Leben in dem Versteck.
Am 4. August 1944 werden sie in ihrem Versteck verhaftet. Sie werden nach Auschwitz deportiert, getrennt und, bis auf Otto Frank, sterben alle in verschiedenen KZs.
Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Fred Breinersdorfer schrieb das Drehbuch, das den Abschluss seiner Trilogie über Opfer- und Heldenbiographien aus der NS-Zeit bildet. Davor beschäftigte er sich mit Sophie Scholl (Sophie Scholl – Die letzten Tage, 2005) und Georg Elser (Elser – Er hätte die Welt verändert, 2015) und wie bei diesen beiden Filmen konnte er für sein Anne-Frank-Drehbuch auch auf umfangreiche Originaldokumente zurückgreifen. So stand ihm das Archiv des Anne Frank Fonds, das den Film initiierte, offen. Deshalb erzählt er nicht nur die aus Anne Franks Tagebuch aus der Perspektive der Schreiberin bekannte Geschichte, sondern auch die Geschichte vor ihrem ersten und nach ihrem letzten Tagebucheintrag. Also wie sie und ihre Familie vor dem Untertauchen in Amsterdam leben und wie sie den zunehmenden Hass auf und die zunehmenden Repressionen gegen Juden erlebt und wie ihre Familie und die Mitbewohner verhaftet und, während der letzten Kriegstage in Konzentrationslager deportiert werden.
An dem Drehbuch ist auch nichts auszusetzen. Es ist eine berührende Geschichte, die keine wirklichen Dramatisierungen benötigt und, auch mit direkten Übernahmen, den Originaltext in dem Mittelpunkt stellt. Es gibt natürlich kleinere Änderungen und Wiederholungen, die sich im Tagebuch finden, wurden gestrichen. Anne Franks sexuelles Erwachen, das in ihrem Tagebuch (in der finalen Fassung, der Version d) ausführlich geschildert wird, wird im Film eher nebenbei behandelt. Was auch dazu führt, dass die Liebesgeschichte zwischen ihr und Peter unwichtig ist.
Gleichzeitig wird Anne Frank als Teenager gezeigt, der mit seiner Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit auch nerven kann.
Im Film zeigt sich dann immer wieder, dass Regisseur Hans Steinbichler dieser Geschichte und der Kraft der Worte nicht genug vertraut. Schon in der ersten Szene, – ein Monolog von Anne Frank, während Amsterdam gerade bombardiert wird, und die Kamera langsam auf sie zufährt -, kleistert die Musik jede originäre Emotion zu. Sebastian Pilles Musik entwickelt sich, nachdem sie sich schon in den ersten Minuten absolut unpassend in den Vordergrund drängt, zu einem konstanten Ärgernis.
Störend ist auch Steinbichlers exzessiv ausgelebte Vorliebe für Großaufnahmen, die im Fernsehen vielleicht weniger störend sind. Im Kino hätte ich mir – und dass das geht, hat Quentin Tarantino vor wenigen Wochen mit seinen langen, nur in einer Hütte spielenden Szenen in „The Hateful 8“ gezeigt – eine Kamera gewünscht, die den Schauspielern mehr Raum für die Interaktion gegeben hätte.
Abseits dieser Kritteleien ist „Das Tagebuch der Anne Frank“ ein insgesamt gelungener und sehenswerter Film, der wieder die Aufmerksamkeit auf Anne Frank und das Schicksal der verfolgten Juden lenkt. Es ist auch ein Film, der heute wieder erschreckend aktuell ist. Denn die Familie Frank musste sich im Hinterhaus verstecken, weil Bitten von Otto Frank um Asyl in den USA für sich und seine Familie abschlägig beschieden wurde. Eine Entscheidung, die zu ihrem Tod führte. Nur Otto Frank überlebte den Holocaust.

Das Tagebuch der Anne Frank - Plakat

Das Tagebuch der Anne Frank (Deutschland 2016)
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch: Fred Breinersdorfer
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Anne Frank - Gesamtausgabe TB - 4

Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.

Anne Frank: Gesamtausgabe
(herausgegeben vom Anne Frank Fonds)
(übersetzt von Mirjam Pressler)
Fischer, 2015
816 Seiten
12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch, englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch)
Der Anne Frank Fonds

Anne-Frank-Seite des Fischer Verlags

Homepage von Fred Breinersdorfer


TV-Tipp für den 3. März: Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll

März 3, 2016

Vox, 20.15
Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Richard LaGravenese
LV: Scott Thorson, Alex Thorleifson: Behind the Candelabra, 1988
Grandioses, mit Preisen überschüttetes Biopic über den klavierspielenden, stockschwulen Las-Vegas-Entertainer Liberace, der jeden verklagte, der behauptete, er sei schwul.
Derzeit ist „Liberace“ immer noch Steven Soderberghs letzter Kinofilm, obwohl die HBO-Produktion in den USA nur im Fernsehen lief.
Soderbergh erzählt pointiert, mit einem scharfen Blick auf die damalige Bigotterie und die Schauwerte, die Liebesgeschichte zwischen den beiden Männern, in der der ältere Mann den anderen verführt, ausnutzt und letztendlich verstößt. Es ist auch ein Blick auf die Schattenseiten des Showgeschäfts, in denen ein Star wie ein kleiner König herrschen kann.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Michael Douglas, Matt Damon, Scott Bakula, Dan Akroyd, Debbie Reynolds
Wiederholung: Freitag, 4. März, 01.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liberace“

Moviepilot über „Liberace“

Metacritic über „Liberace“

Rotten Tomatoes über „Liberace“

Wikipedia über „Liberace“

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 2. März: Philip K. Dick und wie er die Welt sah

März 2, 2016

Arte, 22.00
Philip K. Dick und wie er die Welt sah (Frankreich 2014, Regie: Yann Coquart)
Drehbuch: Yann Coquart
Gut einstündige Doku über Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, dessen Romane und Kurzgeschichten immer noch gelesen und verfilmt werden und dessen Themen heute teilweise aktueller sind als damals, als er die Geschichten schrieb.
Wiederholung: Dienstag, 29. März, 02.45 Uhr (Taggenau!)
Hinweise

Arte über Philip K. Dick

Homepage von Philip K. Dick

Meine Besprechung von Len Wisemans Philip-K.-Dick-Verfilmung „Total Recall“ (Total Recall, USA 2012)

Mein Hinweis auf die Neuauflage der Philip-K.-Dick-Romane “Marsianischer Zeitsturz”, “Ubik” und “Der dunkle Schirm”

Philip K. Dick in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 1. März: Der Ghostwriter

Februar 29, 2016

Pro7 Maxx, 20.15

Der Ghostwriter (Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010. Regie: Roman Polanski)

Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski

LV: Robert Harris: The Ghost, 2007 (Ghost, Der Ghostwriter)

Ein Autor soll innerhalb weniger Tage die Biographie des ehemaligen britischen Premierministers Adam Lang ghostwriten. Als Lang wegen Kriegsverbrechen im „Krieg gegen den Terror“ angeklagt wird, beginnt der gänzlich unpolitische Autor auf eigene Faust zu recherchieren.

Glänzend besetzter, grandioser Paranoia-Thriller, der an Polanskis frühere Filme, wie „Chinatown“ und „Der Mieter“, anknüpft. Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Ewan McGregor, Pierce Brosnan, Olivia Williams (die eigentlich viel zu jung für ihre Rolle ist), Kim Cattrall, Tom Wilkinson, James Belushi, Timothy Hutton, Eli Wallach (die letzten drei haben nur Kleinstrollen)

Wiederholung: Mittwoch, 2. März, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Ghostwriter“

Metacritic über “Der Ghostwriter”

Rotten Tomatoes über “Der Ghostwriter”

Wikipedia über “Der Ghostwriter” (deutsch, englisch)

Tagesspiegel: Kurzes Interview mit Robert Harris zum Film (13. Februar 2010)

Die Welt: Interview mit Robert Harris zum Film (12. Februar 2010)

Krimi-Couch über Robert Harris

Wikipedia über Robert Harris (deutsch, englisch)

Drehbuch “The Ghostwriter” (aka The Ghost” von Robert Harris und Roman Polanski (nach dem Roman von Robert Harris)

Die Berlinale-Pressekonferenz zu “Der Ghostwriter” (12. Februar 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Der Ghostwriter“ (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis “Venus im Pelz” (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)