Columbo: Etude in Schwarz (Columbo: Étude in Black, USA 1972)
Regie: Nicholas Colasanto, Peter Falk [ungenannt], John Cassavetes [ungenannt]
Drehbuch: Steven Bochco
Erfinder: Richard Levinson , William Link
Der verheiratete Stardirigent Alex Benedict will nicht auf die unverschämten Forderungen seiner Geliebten eingehen. Also bringt er sie um und tarnt es als Selbstmord. Aber Lt. Columbo mag Selbstmorde, vor allem Selbstmorde von jungen Frauen, nicht. Er sucht ihren Mörder.
Bochcos Drehbuch war für einen Emmy nominiert.
Und die Besetzung ist auch nicht schlecht.
mit Peter Falk, John Cassavetes, Blythe Danner, James Olson, Myrna Loy, Pat Morita
Als Kind überlebt Rebecca als Einzige einen Flugzeugabsturz im Amazonasgebiet.
Neun Jahre später tritt die Missionarstochter (Helene Zengel) in der entlegen im Amazonas liegenden Kirche ihres Vaters Lawrence Byrne (Jeremy Xido) als Wunderheilerin auf. Ob Rebecca diese Heilungen wirklich vollbringt oder alles nur ein Schwindel ist, ist unklar. Aber die Menschen glauben an ihre Fähigkeiten. Dazu gehört auch der Besitzer des lokalen Sägewerks, dessen Frau schwer erkrankt ist. Er bittet sie um eine Wunderheilung.
In dem Moment gesellt sich in Pia Marais‘ „Transamazonia“ ein weiteres großes Thema zu den bereits vorhandenen, locker abendfüllenden Themen. Bis jetzt ging es vor allem um Missionierungen christlicher Kirchen und irgendwie christlicher Sekten in Südamerika und um Wunderheilungen. Dabei ist Byrne in dem Film der Anführer einer Sekte, die von den Spenden der Gläubigen lebt. Wunderheilungen sind normalerweise ein Betrug, der zu Spenden führt. Ob das bei Rebecca auch so ist, lässt der Film in der Schwebe. Jedenfalls fragt Rebecca sich, ob sie die Frau des Sägewerkbesitzers heilen kann.
Neben diesen christlich-religiösen Fragen, geht es fortan auch um die Zerstörung der Indigenen Kultur und der Natur. Es geht um die Ausbeutung des Amazonas für kapitalistische Interessen. Es geht um den Bau von Straßen und die damit verbundene Zerstörung der Natur. Es geht auch um den Kampf der Einheimischen gegen diesen Straßenbau. Und es geht um eine junge Frau, die beginnt, an sich und ihrem bisherigen Leben in der von ihrem Vater geleiteten religiösen Gemeinschaft zu zweifeln. Die Zweifel sind, soviel kann verraten werden, berechtigt.
Zwischen diesen Themen, die sich gegenseitig behindern und nur oberflächlich behandelt werden, verzettelt sich das langsam und sehr atmosphärisch erzählte Drama. Marais präsentiert diese Probleme und, mit mehr oder weniger deutlichen Andeutungen, das Geflecht zwischen den Personen und Ereignisse aus deren Vergangenheit. Auf Antworten, über die dann diskutiert werden könnten, verzichtet sie. Ebenso auf Dramatisierungen.
Die vielen verschenkten Möglichkeiten in ihrem Film wecken immer wieder Erinnerungen an andere Filme, die diese und ähnliche Fragen besser behandelten, wie John Boormans „Der Smaragdwald“ (1985) und Niklaus Hilbers „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ (2019) über die Zerstörung des Regenwaldes oder Florian Gallenberger „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ (2015) über die titelgebende Sekte.
„Transamazonia“ ist dröges Arthauskino mit gut gemeinten Absichten, schönen Bildern, einer unbefriedigenden Ausführung und einem Ende mit fehlenden und unglaubwürdigen Antworten.
Iron Sky: The coming Race (Iron Sky: The coming Race, Finnland 2019)
Regie: Timo Vuorensola
Drehbuch: Dalan Musson, Timo Viorensola
Zwanzig Jahre nach den in „Iron Sky“ geschilderten Ereignissen leben die Menschen auf der inzwischen baufälligen Nazi-Mondbasis. Als die Mondbewohner erfahren, dass es in der Hohlen Erde eine Energiequelle geben soll, macht sich die junge Obi mit zwei Freunden auf den Weg.
TV-Premiere. Ein kurzweiliger Spaß für den geneigten Trash-Fan.
Seltsame Planung oder ein dummer Zufall. Jedenfalls starten heute zwei Filme mit Cate Blanchett. Der eine ist ein stylischer Agententhriller, in dem ein Verräter gesucht wird. Der andere eine misslungene Nicht-Satire auf Politiker und Gipfeltreffen.
Auf Einladung der deutschen Kanzlerin Hilda Ortmann (Cate Blanchett) gastieren die Staatschefs der G7-Nationen im Sommer in Dankerode in einem Luxushotel. Die Ankunft der Staatsgäste in dem von der Öffentlichkeit hermetisch abgeschirmten Hotel und das gemeinsame Essen verlaufen nach Protokoll. Eine auf dem Gelände gefundene Moorleiche sorgt für etwas historisches Amüsement.
Als Ortmann und ihre hochrangigen Gäste Maxime Laplace, Premierminister von Kanada (Roy Dupuis), Cardosa Dewindt, Premierministerin von Großbritannien (Nikki Amuka-Bird), Edison Wolcott, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (Charles Dance), Tatsuro Iwasaki, Premierminister von Japan (Takehiro Hira), Sylvain Broulez, Staatspräsident der Französischen Republik (Denis Ménochet), Antonio Lamorte, Ministerpräsident von Italien (Rolando Ravello), Jonas Glob, Präsident des Europäischen Rates (Zlatko Burić) und Celestine Sproul, Präsidentin der Europäischen Kommission (Alicia Vikander) am Abend bemerken, dass sie allein sind, sind sie zunächst mild irritiert. Anscheinend haben ihre Mitarbeiter und das Hotelpersonal das Gelände verlassen. Aus dem Wald kommen seltsame Geräusche.
Wie werden die Staatschefs auf die ungewohnte Situation reagieren?
Das fragen sich die Politiker, die sich erst einmal mit dem Erstellen einer Erklärung beschäftigen Nach Anlaufschwierigkeiten wird sie zu einer atemberaubend nichtssagenden Ansammlung allgemein zustimmngsfähiger Platitüten.
Das fragen sich die Zuschauer, die sich fragen, wohin sich die Geschichte bewegen soll, während die Regisseure sich wahrscheinlich köstlich über die Zuschauer amüsieren, die eine irgendwie realistische Geschichte erwarten. Denn ihr „Tanz der Titanen“ ist ein surrealistisches Werk, das damit quer zu den üblichen Erzählkonventionen liegt. Es beginnt als sanfte Politsatire, die wohlwollend den freundschaftlichen Umgang der Politiker untereinander zeigt, und sie in einer sehr künstlichen Sprache voller Floskeln reden lässt. Als sie bemerken, dass sie allein sind, mutiert der Film zu einem Horrorfilm, in dem sie sich fragen, was in dem dunklen Wald auf sie lauert. Und sie fragen sich, ob sie überhaupt etwas tun oder nicht einfach besser in dem malerisch am See gelegenem Pavillon abwarten sollen, bis jemand kommt.
Und dann entdecken sie ein riesiges Gehirn, das aus einem Fünfziger-Jahre-B-Picture stammen könnte. Ab und an werden Stil und Genre gewechselt, ohne dass sich etwas an dem Grundproblem der Komödie ändert. Guy Maddin, Evan Johnson und Galen Johnson hatten nur eine Idee für einen SNL-Sketch ohne eine Pointe. Diese dehnten sie auf Spielfilmlänge. Die spielfreudigen Schauspieler kämpfen erfolglos gegen die allumfassende Langeweile an. Denn auch absurde Filme sollten mehr bieten als die endlose Wiederholung des immergleichen Gags ohne eine nennenswerte Variation.
Erarbeitet, geschrieben und inszeniert wurde „Tanz der Titanen“ von Guy Maddin, Evan Johnson und seinem Bruder Galen Johnson. Maddin ist der bekannteste Künstler des Regie-Trios, das in den vergangenen zehn Jahren gemeinsam „The Forbidden Room“ (2015), „The Green Fog“ (2017) und das interaktive Internetprojekt „Seances“ (2016) realisierte. Maddins bekannteste Filme sind „The Saddest Music in the World“ (2003) und „My Winnipeg“ (2007).
Tanz der Titanen (Rumours, USA/Kanada/Deutschland/Großbritannien/Ungarn 2024)
Regie: Guy Maddin, Evan Johnson, Galen Johnson
Drehbuch: Evan Johnson (nach einer Geschichte von Guy Maddin, Evan Johnson und Galen Johnson)
mit Cate Blanchett, Roy Dupuis, Nikki Amuka-Bird, Charles Dance, Takehiro Hira, Denis Ménochet, Rolando Ravello, Zlatko Burić, Alicia Vikander
Drehbuch: François Ozon (freie Adaption des Stücks „Der Junge aus der letzten Reihe“ von Juan Mayorga)
Kleinstadt-Lehrer Germain ist begeistert von den gut geschriebenen Aufsätzen seines sechzehnjährigen Schülers Claude. Der schleicht sich in die Familie eines Mitschülers ein. Germain fordert Claude auf, weiterzuschreiben. Und wir fragen uns, wie nah Claude bei der Wahrheit bleibt.
Ein auf mehreren Ebenen, mit einer ordentlichen Portion Claude Chabrol,.gekonnt und gewitzt erzählter Krimi ohne Mord und Totschlag.
Um Geheimagenten und ihre Spiele geht es in Steven Soderberghs neuem Film „Black Bag – Doppeltes Spiel“.
Der britische Geheimagent George Woodhouse (Michael Fassbender, bieder mit Michael-Caine/Harry-Palmer-Brille) soll innerhalb einer Woche einen Verräter in den eigenen Reihen finden, der das streng geheime und gefährliche Schadprogramms „Severus“ gestohlen hat. Pikant wird der Auftrag, weil auch seine Frau Kathryn St. Jean (Cate Blanchett) zu dem Kreis der Verdächtigen gehört und er sie möglicherweise töten muss. Als sein Chef ihn fragt, ob er ein Problem damit habe, verneint Woodhouse. Ob er lügt, wissen wir nach schlanken neunzig Minuten Filmzeit.
Woodhouse kennt auch die anderen vier Verdächtigen. Teils sind er und St. Jean mit ihnen befreundet. Er lädt sie zu einem ersten Abendessen bei ihnen ein.
Die Gäste sind Freddie Smalls (Tom Burke), ein ehemaliges hoffnungsvolles Nachwuchstalent mit chaotischem Privatleben, die junge, sexuellen Abenteuern gegenüber sehr aufgeschlossene Kollegin Clarissa Dubose (Marisa Abela), Dr. Zoe Vaughan (Naomie Harris), die Psychiaterin der Belegschaft, die Kraft ihrer Arbeit alle Geheimnisse kennen sollte, und ihr Liebhaber Colonel James Stokes (Regé-Jean Page). Nicht bei dem Abendessen, aber natürlich auch potentiell verdächtig, ist ihr Vorgesetzter Arthur Stieglitz (Pierce Brosnan).
Und schon beginnt das Spiel, in dem jeder jeden betrügt, jeder mindestens fünf Backup-Pläne hat und munter so viele falsche Spuren ausgelegt werden, dass selbst der geneigte Zuschauer sich irgendwann fragt, ob wenigstens der Drehbuchautor – in diesem Fall Blockbuster-Profi David Koepp („Jurassic Park“, „Mission: Impossible“, „Spider-Man“) – den Überblick behalten hat. Das ist in anderen Agententhriller, wie John le Carrés mehrfach verfilmten Agentenroman „Dame, König, As, Spion“, ähnlich schwierig nachzuverfolgen, und führt, kompetent gemacht, zu zwei gelungenen Kinostunden. Wenn es schlecht gemacht ist, ist der Film ein verwirrender, schnell vergessener Langweiler.
Die Möglichkeit, dass „Black Bag – Doppeltes Spiel“ ein Langweiler wird, ist denkbar gering, weil Langweiler sich nicht im Portfolio von David Koepp und Steven Soderbergh befinden. Einige Fehlschlage, erinnert sei an die letzten beiden „Indiana Jones“-Film für die Koepp die Bücher schrieb (einmal allein, einmal mit anderen Autoren), und missglückte Experimente und überflüssige Filme, wie Soderberghs letzten „Magic Mike“-Film, schon.
„Black Bag“ ist jetzt, nach „Kimi“ und „Presence“, in schneller Folge die dritte Zusammenarbeit von Koepp und Soderbergh.
David Koepp schrieb eine verschachtelte Geschichte, in der es nicht auf Schauwerte und Action, sondern auf die Dialoge und das Spiel der Schauspieler ankommt. Die erste Inspiration für „Black Bag“ hatte Koepp in den neunziger Jahren bei seinen Recherchen für „Mission: Impossible“. Als er mit Spionen über ihre Arbeit sprach, erfuhr er auch, wie schwierig für sie ein normales Leben ist: „All der Spionagekram war für sich genommen schon sehr cool. Noch dazu habe ich aber mehr über die Menschen erfahren, als ich je erwartet hätte. Eine Frau hat mir zum Beispiel erzählt, dass ihre Arbeit es ihr unmöglich macht, eine Beziehung zu führen. Eine Zeile im Film geht auf meine Gespräche mit ihr zurück: ‚Wenn man bei allem lügt – wie soll man dann bei irgendetwas die Wahrheit sagen?‘ Denken Sie mal darüber nach. Wenn man zum Beispiel eine heimliche Affäre beginnen möchte, dann könnte das gar nicht einfacher sein. Man sagt ganz einfach: ‚Ich bin jetzt mal für drei Tage weg. Du darfst mich aber nicht fragen, wo ich hingehe, du hast nämlich keine Befugnis dazu.‘“
Ausgehend von Koepps damals gewecktem Interesse an dem Privatleben der Agenten, nehmen die Beziehungen und damit verbundene Beziehungsprobleme einen großen Raum in der Geschichte ein. Ihr Privatleben, Sex und Beziehungen machen sie potentiell erpressbar. Weil sie nur mit ihren Kollegen über ihre Arbeit sprechen können, sind im Geheimdienst Beziehungen zu Kollegen erwünscht, die natürlich wiederum ausgenutzt werden können. Das trifft auf alle Dinnergäste und die beiden Einlader zu.
Soderbergh inszeniert Koepps Geschichte als elegantes Schauspielerkino mit Starbesetzung. Auf den Humor früherer Filme, wie zuletzt in dem Noir-Gangsterkrimi „No Sudden Move“ (mit dem auch für diesen Film passendem Plakat-Untertitel „Vertrauen ist eine Falle“) oder seine zunehmend spaßigen Ocean’s-Filme, vierzichtet er hier. „Black Bag“ ist ein intellektuelles Spiel mir reduziert spielenden Schauspielern, unterkühlt inszeniert in, für mein Gefühl, durchgängig zu dunklen Bildern.
Black Bag – Doppeltes Spiel(Black Bag, USA 2025)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: David Koepp
mit Michael Fassbender, Cate Blanchett, Tom Burke, Marisa Abela, Regé-Jean Page, Naomie Harris, Kae Alexander, Ambika Mod, Gustaf Skarsgard, Pierce Brosnan
Eigentlich kann man einen Almodóvar-Film nicht in wenigen Worten nacherzählen – und das ist gut so. Jedenfalls geht es hier um Frauen aus drei Generationen einer Familie, es gibt einen ermordeten Stiefvater (er hatte es verdient) und eine tote Mutter, deren Geist zurückkehrt.
„Die Hommage an die pragmatische Lebensweisheit der Frauen überzeugt durch die souveräne Kombination widersprüchlicher Elemente, wobei vor allem der gelassene Umgang mit dem Tod angenehm überrascht.“ (Lexikon des internationalen Films)
mit Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Duenas, Blanca Portillo, Chus Lampreave
Selenskyj: Vom Entertainer zum Staatsmann(Frankreich 2025)
Regie: Yves Jeuland, Lisa Vapné
Drehbuch: Ariane Chemin, Yves Jeuland, Lisa Vapné
TV-Premiere einer aus zwei Teilen bestehenden Doku über Wolodymyr Selenskyj, die insgesamt über zwei Stunden dauert und die heute an einem Stück gezeigt wird.
TV-Premiere, nachdem der Film, der in Cannes im Wettbewerb lief, hier nur digital in der Originalfassung mit Untertiteln veröffentlicht wurde.
Serebrennikov konzentriert sich auf Pjotr Tschaikowskis Frau Antonia Miljukova, die von 1877 bis 1893 mit dem Komponisten, der sich lieber mit Männern umgab, unglücklich verheiratet war.
„Indem der Film in Miljukowas Innenleben eintaucht, macht er einen großen Schmerz greifbar, verharrt aber gleichzeitig in reaktionären Bildern von Weiblichkeit, sodass sich eine spannende, mitunter aber auch arg befremdliche Mischung ergibt.“ (Lexikon des Internationalen Films)
mit Alyona Mikhailova, Odin Lund Biron, Miron Fedorov, Nikita Elenev, Philip Avdeev
Streaming-Titel: Madame Tschaikowski bzw. Madame Tchaikovsky
Wenige Tage bevor am 15. Mai Steven Soderbergs neuer Film, der elegante Agententhriller „Black Bag – Doppeltes Spiel“ startet, können wir uns einen seiner früheren Filme ansehen
Tele 5, 22.50
Traffic – Macht des Kartells(Traffic, USA 2000)
Regie: Steven Soderbergh
Drehbuch: Stephen Gaghan (basierend auf der Miniserie „Traffik“ [GB 1989] von Simon Moore)
Der Kampf der USA gegen die aus Südamerika hereinkommenden Drogen, erzählt in drei parallelen Handlungssträngen.
Ein fantastischer, nah an der Realität entlang erzählter Drogenthriller
mit Michael Douglas, Benicio Del Toro, Catherine Zeta-Jones, Don Cheadle, Luis Guzman, Dennis Quaid, Stephen Bauer, Miguel Ferrer, Topher Grace, Rena Sofer, Albert Finney, Steven Bauer, James Brolin, Viola Davis, Benjamin Bratt
Im Rausch der Tiefe – The Big Blue (La grand bleu, Frankreich/USA/Italien 1988)
Regie: Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson, Roger Garland
Bildgewaltiges Drama über zwei Kinderfreunde, die begeisterte Taucher sind und jetzt gegeneinander antreten. Es geht um den Weltrekord im Tauchen ohne Sauerstoffgerät.
Ein frühes Werk von Luc Besson, das in Frankreich ein Kassenhit war.
mit Jean-Marc Barr, Jean Reno, Rosanna Arquette, Paul Shenar, Sergio Castellitto, Jean Bouise, Griffin Dunne
Wie gut ist „Last Breath“? Ziemlich gut. Denn auch wer das Ende der Geschichte kennt, verfolgt das Geschehen atemlos.
Am 18. September 2012 begeben sich in der Nordsee, vor der Küste von Aberdeen/Schottland, die beiden Sättigungstaucher Chris Lemons (Finn Cole) und sein erfahrener Kollege Dave Yuasa (Simu Liu) auf einen Routinetauchgang. In über neunzig Metern Tiefe sollen sie Kabel und Teile einer Anlage zur Ölförderung reparieren. Ihr Kollege Duncan Allcock (Woody Harrelson) bleibt in der Tauchglocke. Von ihrem Unterstützungsschiff, das gerade mit stürmischem Wetter kämpft, wird jede ihrer Bewegungen überwacht. Als Teile des Schiffsystems überraschend ausfallen, soll der Tauchgang abgebrochen werden. Yuasa kann zurück in die Tauchglocke schwimmen. Lemons‘ Versorgungsleine verhakt sich. Sie reißt und er bleibt zurück. Er hat noch Sauerstoff für zehn Minuten. Ohne Sauerstoff kann ein Mensch fünf Minuten überleben. Seine Kameraden versuchen ihn zu retten. Auch nachdem er keinen Sauerstoff mehr hat und sie davon ausgehen müssen, seine Leiche bergen zu müssen.
Sie können ihn ungefähr eine halbe Stunde nach dem Riss seiner Versorgungsleine bergen – und wie alle wissen, die Alex Parkinsons Dokumentarfilm „ Der letzte Atemzug – Gefangen am Meeresgrund“ (Last Breath, 2019), den er jetzt als Spielfilm verfilmte, gesehen haben, überlebte Chris Lemons diesen Tauchgang ohne bleibende Schäden. Eine wirkliche Erklärung dafür gibt es nicht. Vermutet wird, dass es an einer Kombination aus kaltem Wasser und dem Sauerstoffgemisch, das er einatmete, lag.
Parkinson verfilmte diese in der Welt der Sättigungstaucher spielende Geschichte als straffen Unterwasserthriller. Nach einer kurzen Einführung der wichtigsten Figuren und des Lebens auf dem Schiff, zeigt er ungefähr in Echtzeit diesen Tauchgang und wie Lemons gerettet wurde.
Last Breath(Last Breath, USA/Großbritannien 2025)
Regie: Alex Parkinson
Drehbuch: Mitchell LaFortune, Alex Parkinson, David Brooks
mit Woody Harrelson, Simu Liu, Finn Cole, Cliff Curtis, Mark Bonnar, MyAnna Buring, Josef Altin
1995 verlegte Richard Loncraine William Shakespeares Stück „Richard III.“ in die dreißigerJahre in ein faschistisches London. Wenige Monate später begab Al Pacino sich in „Looking for Richard“ in seiner sehr, sehr freien „Richard III“-Interpretation im gegenwärtigem Manhattan auf die Suche nach der Essenz des Stückes. Und jetzt verlegt Burhan Qurbani („Berlin Alexanderplatz“) in seinem neuen Film „Kein Tier. So Wild.“ das Shakespeare-Stück in das heutige Berlin, das weniger wie das heutige Berlin, sondern wie eine Mischung aus dystopischer „Gotham City“-Metropole und exzessiv genutzter Theaterbühne aussieht. Die Shakespeare-Sätze funktionieren auch in diesem Umfeld prächtig.
In diesem Kunst-Berlin kämpfen die in Neukölln residierenden arabischen Verbrecherclans York und Lancaster gegeneinander.
Im Mittelpunkt steht Rashida York (Kenda Hmeidan), die die Macht übernehmen möchte, keinerlei Skrupel hat und doch eine Ehe mit Ali Lancaster akzeptieren soll. Sie ist Burhan Qurbanis Richard III. Ihr Gebrechen ist ihr Geschlecht.
Qurbani und seine vom Theater kommende Co-Autorin Enis Maci interpretieren Shakespeare frei, dekonstruieren und rekonstruieren ihn – und das ist für Shakespeare-Kenner sicher aufregend. Für alle anderen ist ihre Interpretation ein immer wieder zwiespältiges Vergnügen, das von der Inszenierung und dem Schauspiel überzeugender als vom Inhalt ist. Die Story und die Konfliktlinien sind in den Details kaum nachvollziehbar. Dafür gibt es immer wieder große Auftritte, meistens in Innenräumen, expressives Spiel, sich in den Vordergrund drängende Bilder und ein dissonant-laut dröhnender Sound, der kaum Musik genannt werden kann.
In der zweiten Hälfte, nachdem der von Rashida befohlene Mord an zwei jugendlichen Thronfolgern, die im Tower sitzen, durchgeführt wurde, wird der Film zu einem an einem Ort spielendem Kammerspiel. Dieser Ort ist eine Theaterbühne in einer Lagerhalle, die zu einem Wüstenset mit einem Autowrack umgebaut und expressiv ausgeleuchtet wurde. In dem Auto fantasiert Rashida zwischen Gegenwart, Vergangenheit, Traum und wohl auch Irrsinn über ihr Leben. Ungefähr vierzig Minuten pausiert der Plot zugunsten eines, vor allem in dieser Länge, nicht weiter erhellenden, sondern todsterbenslangweiligen Aneinanderreihung von Gedanken- und Erinnerungsfetzen.
Schauspielerisch und visuell ist der Film dagegen durchgehend aufregend. Qurbani besetzte die Rollen fast ausschließlich mit unbekannten, oft vom Theater kommenden Gesichtern. So gehörte Rashida-Darstellerin Kenda Hmeidan, die auch in Tom Tykwers „Das Licht“ mitspielte, von 2016 bis 2024 zum Ensemble des Maxim-Gorki-Theaters. Diese Schauspieler können die Theatersätze unfallfrei, mit Verve und großer theatralischer Geste in oft langen Szenen präsentieren.
Qurbanis Stammkameramann Yoshi Heimrath findet dazu die passenden Bilder, die aus einem Gerichtssaal oder einem Büro eine große Bühne machen. Es sind Bilder, die an bildgewaltige französische Filme, wie zuletzt Gilles Lellouches „Beating Hearts“ oder die frühen Filme von Luc Besson, wie „Subway“ und „Nikita“, erinnern.
„Kein Tier. So Wild.“ ist, wie sein vorheriger Film „Berlin Alexanderplatz“ (in dem er Alfred Döblins Roman in die Gegenwart verlegte), in jedem Fall mutiges und aufregendes Kino, das nichts mit dem Mittelmaß der meisten deutschen Filme zu tun haben will und das aus Bildern für die Kinoleinwand komponiert wurde. Allerdings ist nicht alles gelungen und gerade die zweite Hälfte, wenn die Geschichte sich in Rashidas Kopf abspielt, ist größtenteils unerträglich langweilig in einem Film der genau das nicht sein will.
Kein Tier. So Wild. (Deutschland/Frankreich/Polen 2025)
Regie: Burhan Qurbani
Drehbuch: Burhan Qurbani, Enis Maci
LV: William Shakespeare: Richard III., 1597 (erste Druckfassung) (Richard III.)
mit Kenda Hmeidan, Verena Altenberger, Hiam Abbass, Mona Zarreh Hoshyari Khah, Mehdi Nebbou, Meriam Abbas, Banafshe Hourmazdi
Drehbuch: Volker Schlöndorff, Jean-Claude Carrière, Franz Seitz, Günther Grass (Dialogbearbeitung)
LV: Günter Grass: Die Blechtrommel, 1959
Die Geschichte von Blechtrommler Oskar Matzerath, der am 12. September 1927 als Dreijähriger beschließt, nicht weiter zu wachsen.
Ein Klassiker des deutschen Films, ausgezeichnet, u. a., mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar als bester ausländischer Film und ein Kassenerfolg.
Mit David Bennent, Mario Adorf, Angela Winkler, Daniel Olbrychski, Katharina Thalbach, Heinz Bennent, Andrea Ferréol, Fritz Hakl, Ernst Jacobi, Otto Sander, Charles Aznavour
Noir sei, meinte vor Jahren ein Autor, als er nach einer Definition von Noir gefragt wurde, das Gegenteil von Disney. Mit dieser damals flott formulierten, insgesamt erstaunlich zutreffenden Definition im Gepäck ist Jan-Ole Gersters neuer Film „Islands“ ein Noir. Auch wenn es in dem Film für einen klassischen Noir erstaunlich wenig bis überhaupt keine Verbrechen, keine Betrügereien und auch keine sexuellen Verwicklungen gibt.
Aber Noir ist, wie Disney, ein Blick auf die Welt. Es ist eine Haltung, die Gersters Film von der ersten bis zur letzten Minute prägt.
Auf Fuerteventura arbeitet Tom (Sam Riley) seit längerem und ohne weitere Ambitionen als Tennislehrer in einem All-Inclusive-Hotel. Schon während der Arbeit trinkt er. Den Feierabend verbringt er in der Disco und anschließend geht der Samenspender gerne für einige Stunden mit jungen Inselbesucherinnen ins Bett. Flüchtiger Urlaubssex ohne weitere Verpflichtungen eben.
Eines Tages fragt ihn die im Hotel mit ihrem Mann und Sohn urlaubende Anne (Stacy Martin), ob er ihrem siebenjährigen Sohn Anton (Dylan Torrell) Einzelunterricht geben könne. Er tut es. Er bringt sie auch, nachdem Annes Mann Dave (Jack Farthing), ein ziemliches Arschloch, sich über das Zimmer beschwerte, in einem ruhigeren Zimmer unter. Und er zeigt ihnen die schönen, von Touristen noch nicht entdeckten Seiten der Insel.
Warum er sich so ungewöhnlich intensiv um diese Hotelgäste kümmert, bleibt lange unklar. Er wird auch immer mehr zu Annes und Antons potentiellem Beschützer gegenüber Dave.
Als Dave nach einer gemeinsamen Sauftour verschwindet, beginnt die Polizei den spurlos verschwundenen Urlauber zu suchen. Er könnte ins Wasser gefallen sein. Oder jemand stieß ihn ins Wasser. Ein vom Festland abgestellter Kommissar vermutet, dass Dave ermordet wurde. Tatverdächtig sind selbstverständlich Anne und Tom.
In diesem Moment sind schon gut achtzig Minuten des zweistündigen Films vergangen, in denen für Fans eines konventionellen Noir-Krimis in dem ein Mann sich in die falsche Frau verliebt, es zu Mord und Verrat kommt, wenig bis nichts passierte. Das ändert sich auch im letzten Drittel des Films nicht. Gerster will hier keine Erwartungen erfüllen. Er benutzt Noir-Motive und lässt anschließend die Erwartungen des Publikums an eine spannende Noir-Geschichte konsequent ins Leere laufen.
Als Thriller ist „Islands“, obwohl die Macher den Film im Presseheft mehrmals so labeln, bestenfalls ein Slow-Burner, der erst mit dem Auftauchen des Kommissars, der sofort einen Mordfall mit zwei auf dem Silbertablett präsentierten Tatverdächtigen vermutet, etwas spannender wird. Wirklich spannend wird es nicht.
Aber als Noir-Charakterstudie, in der jede Person in ihrem eigenen Gefängnis gefangen ist und sie nicht aus ihrem selbstgewählte Gefängnis entkommt, ist „Islands“ ziemlich interessant. Der ehemalige Tennisprofi Tom vegetiert seit Jahren nur noch als letztklassiger Tennislehrer für Hotelgäste vor sich hin. Seine Tage sind seit Ewigkeiten nur eine immergleiche Abfolge aus Tennisstunden, Trinken und flüchtigem Sex. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen kümmert er sich um eine das Hotel besuchende Familie. Seine Gefühle gegenüber Anne sind weniger sexuell, sondern freundschaftllich und vielleicht sogar etwas beschützend. Anne ist in einer gewalttätigen Ehe gefangen. Trotzdem bleibt sie bei ihrem Mann Dave, der ebenfalls in seinem Verhalten gefangen ist.
„Am Ende ist alles beim Alten – der Urlaub ist vorüber und jeder geht zurück in sein gewohntes Leben“, sagt Jan-Ole Gerster über seinen dritten Spielfilm, der im Presseheft fälschlicherweise als Noir und Thriller verkauft wird. Denn dieses Labeling weckt Erwartungen, die Gerster in seiner deprimierenden Charakterstudie über Menschen, die in ihrem Leben gefangen sind und die im Kreis herumlaufen, nicht erfüllen will.
Das ist nicht uninteressant, durchaus gut gemacht und gut gespielt. Trotzdem ist „Islands“ mit zwei Stunden als langsam erzählter Soft Noir ohne Verbrechen zu lang. Gerster hätte sich besser an der Länge seiner vorherigen und gelungeneren Charakterstudien „Oh Boy“ (83 Minuten) und „Lara“ (98 Minuten) orientieren sollen. Oder an Billy Wilders 99-minütiger Noir-Trinkerstudie „Das verlorene Wochenende“ (The lost Weekend, USA 1945).
„Islands“ ist für den Deutschen Filmpreis, der am Freitag verliehen wird, in den Kategorien „Bester Film“, „Beste männliche Hauptrolle“, „Beste Filmmusik“ und „Beste Tongestaltung“ nominiert.
Islands(Deutschland 2025)
Regie: Jan-Ole Gerster
Drehbuch: Jan-Ole Gerster, Blaž Kutin, Lawrie Doran (nach einer Geschichte von Jan-Ole Gerster)
mit Sam Riley, Stacy Martin, Jack Farthing, Dylan Torrell, Pep Ambròs, Bruna Cusí, Ramiro Blas, Ahmed Boulane
Mami und Papi waren mal supergeheime und supergefährliche Geheimagenten. Seit einigen Jahren kümmern sie sich unter einer Tarnidentität um ihren Sohn. Als der Vater mit dem Sohn in einen Banküberfall gerät, wählt er keine der vernünftigen Optionen, wie einfach den Anweisungen der Bankräuber zu folgen und der Polizei die Arbeit zu überlassen. Stattdessen macht er die Bankräuber in einer schnellen Action mehr oder weniger endgültig kampfunfähig. Selbstverständlich wird diese Aktion von den Überwachungskameras aufgezeichnet und, schwuppdiwupp, erfährt der frühere Chef von Isaac Sarr (Omar Sy) und Kyrah Owens (Kerry Washington) davon. Sie gehörten zur von Jack Cinder (Mark Strong) gegründeten Shadow Force, einer multinationalen, ultrageheimen Gruppe, die Bösewichter tötet. Kyrah und Isaac verstießen gegen die Regeln der Shadwo Force, indem sie sich ineinander verliebten, ein Kind bekamen und untertauchten. Cinder will diese vor Jahren erfolgte Fahnenflucht nicht akzeptieren. Er gibt den verbliebenen Shadow-Force-Mitglieder den Befehl, die Flüchtigen zu jagen und zu töten.
Irgendeinen Innovationspokal wird „Shadow Force – Die letzte Mission“ nicht erhalten. Es ist eine Actionkomödie mit einer vorhersehbaren, bescheuerten und sogar innerhalb der Grenzen der Filmgeschichte vollkommen sinnfreien Geschichte. Die Schauspieler, immerhin Hochkaräter, wie Kerry Washington, Omar Sy und Mark Strong (der diese Rolle schon unzählige Male spielte, aber noch nie so lustlos spielte), haben keinerlei spürbare Chemie miteinander. Es wirkt sowieso die meiste Zeit so, als hätten sie ihre Aufnahmen immer an verschiedenen Tagen gemacht. Die Action ist läppisch. Dafür sind die Drehorte in Kolumbien halbwegs exotisch.
Joe Carnahan, der Regisseur von „Narc“, „The A-Team“, „The Grey“ und „Boss Level“, macht hier nicht mehr als die Kamera an den richtigen Platz zu stellen und die Schauspieler durch das Bild laufen zu lassen.
Bei den Beteiligten hätte „Shadow Force – Die letzte Mission“ besser werden müssen. Vielleicht kein zukünftiger Klassiker, aber es hätte mindestens eine knackige Actionkomödie mit krachiger Actiion, launigen One-Linern und einem spielfreudigen Ensemble werden müssen. Herausgekommen ist generische Direct-to-Video/Streaming-Langeweile, die man sich höchstens ansieht, weil man gerade die Fernbedienung nicht findet.
Shadow Force – Die letzte Mission (Shadow Force, USA 2025)
Regie: Joe Carnahan
Drehbuch: Leon Chills, Joe Carnahan
mit Kerry Washington, Omar Sy, Jahleel Kamara, Da’Vine Joy Randolph, Method Man, Mark Strong, Marshall Cook, Ed Quinn, Marvin Jones III, Jénel Steven, Sala Baker, Natalia Reyes, Yoson An
Das ist der Vorteil von Kinostartterminen. Im Gegensatz zu zeitlich und örtlich auseinanderliegenden Festivals können sie dicht beieinander liegen. Dag Johan Haugeruds drei „Oslo Stories“ liefen 2024 auf der Berlinale im Panorama („Sehnsucht“), einige Monate später in Venedig im Wettbewerb („Liebe“), und, zuletzt, im Februar 2025, auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb. „Träume“ erhielt sogar den Goldenen Bären, den Hauptpreis des Festivals. Der Bären-Gewinner läuft am 8. Mai und „Sehnsucht“ am 22. Mai an.
Den Auftakt macht diese Woche „Liebe“, der für mich gelungenste Film der Trilogie, die ich jetzt zusammen besprechen werde und bei den Kinostarts von „Träume“ und „Sehnsucht“ in, so plane ich es im Moment, leicht veränderter Form reposten werde.
„Liebe“ ist der erzählerisch offenste Film der Trilogie und der Film mit dem größten Ensemble und den meisten Handlungssträngen, die locker miteinander verflochten sind. Es geht um den in einem Krankenhaus arbeitenden sanften und verständnisvollen Pfleger Tor, der Nachts auf der Suche nach flüchtigem Sex mit Männern mit der Fähre von einem Ufer zum anderen und zurück fährt. Es geht um die im gleichen Krankenhaus arbeitende Ärztin Marianne. Sie lebt ebenfalls allein und würde gerne ihre sexuellen Bedürfnisse ausleben. Eines Nachts trifft sie Tor auf der Fähre und redet mit ihm über ihre Gefühle und Sehnsüchte. Es geht um Mariannes beste Freundin Heidi, die für eine Stadtfeier gerne die überall in der Stadt sichtbaren Skulpturen und Fresken in einem feministischen und sexuellem Zusammenhang interpretieren würde. Wie das aussehen könnte, erklärt sie am Filmanfang im Rahmen einer ziemlich schrägen Stadtführung.
Sie alle sind Großstädter auf der Suche nach Liebe. Und, soviel kann verraten werden, sie finden sie auf überraschende Weise.
In „Träume“ geht es um die minderjährige Schülerin Johanne, die sich in ihre Lehrerin verliebt. Sie schreibt darüber und gibt ihrer Großmutter ihre Texte zum Lesen. Die früher erfolgreiche Schriftstellerin ist begeistert von der Qualität von Johannes tabulosen Texten. Sie regt eine Veröffentlichung an. Johannes Mutter ist von den literarischen Geständnissen ihrer Tochter weniger begeistert.
„Sehnsucht“ kreist um zwei heterosexuelle, glücklich verheiratete Schornsteinfeger. Aber dann träumt der eine davon, in seinen Träumen David Bowie zu begegnen und der Musiker ihn ansieht, als ob er eine Frau sei. Er ist von diesem Traum und Bowies Reaktion auf ihn verunsichert. Sein im Film ebenfalls namenloser Kollege erzählt ihm von einer kürzlich erfolgten Begegnung. Nachdem er bei einem schwulen Mann den Schornstein kontrolliert hatte, hatte er Sex mit ihm. Es gefiel ihm. Aber er besteht darauf, dass er nicht homosexuell sei oder seine Frau betrogen habe.
Nach diesen gegenseitigen Geständnissen könnten die Sachen erledigt sein. Aber beide Männer denken weiter darüber nach, reden darüber und erzählen es ihren Frauen, was zu weiteren Gesprächen führt.
Regisseur und Autor Dag Johan Haugerud fasste die drei Filme, die voneinander unabhängige Geschichten mit verschiedenen Schauspielern erzählen, unter dem Titel „Oslo Stories“ zusammen.
Diese Vorgehensweise erinnert an Eric Rohmer, der seine Filme in Zyklen wie „Moralische Erzählungen“ und „Komödien und Sprichwörter“ zusammenfasste und so ein schönes Gleichgewicht zwischen Offenheit und Geschlossenheit schuf. Jeder Film stand gleichzeitig für sich und war Teil von etwas Größerem.
Der Zusammenhang zwischen den „Oslo Stories“ ergibt aus dem Handlungsort, der von Haugerud verwendeten Sprache, der Inszenierung und dem Thema. Alle drei Filme beschäftigen sich, wie die Filme von Eric Rohmer, mit unterschiedlichen Formen von Liebe, Begehren und dem Verhältnis der Geschlechter zueinander. Alle drei Filme spielen in der Gegenwart.
Die Inszenierung ist spartanisch. Haugerud inszenierte die Gespräche und Gedanken seiner Figuren in langen, oft statischen Szenen, in denen die Schauspieler unglaubliche Textmengen ohne erkennbare äußere Regungen und mit wenigen Bewegungen vortragen. Im Mittelpunkt der drei Filme steht eindeutig das gesprochene Wort, das immer wie ein sorgfältig aufgeschriebenes Wort klingt.
Insofern sind alle „Oslo Stories“ verfilmte Literatur. „Träume“ und „Sehnsucht“ mehr, „ Liebe“ weniger.
„Liebe“ ist, so Haugerud, der Abschluss der Trilogie. „Sehnsucht“ ist der erste und „Träume“ der zweite Teil. Die internationalen Premieren auf Filmfestivals folgten einer anderen Reihenfolge. Die deutschen Kinostart drehen die Chronologie einfach um, indem der Abschluss der Trilogie zuerst und der Beginn der Trilogie zuletzt startet. Aber letztendlich ist die Reihenfolge egal.
„Liebe“ ist der am meisten an Rohmer und redselige, sexuell offene französische Beziehungsfilme erinnernde Film der „Oslo Stories“. Es geht um mehrere eher jüngere Menschen, die auf der Suche nach Liebe und Sex sind.
Der Berlinale-Gewinner „Träume“ ist der anspruchsvollste und literarischste Film der Trilogie. Eigentlich handelt es sich um ein auf mehreren Zeit- und damit verbundenen Interpretationsebenen spielendes Gedankenspiel über Begehren, Tabubrüche, ihre literarische Verarbeitung und wie diese Verarbeitung von anderen Menschen aufgenommen wird. Intellektuell ist das interessant, aber keine dieser nur auf dem Papier existierenden Figuren interessierte mich.
„Sehnsucht“ ist letztendlich ein Zwei-Personenstück über zwei in ihrer Sexualität verunsicherte Männer, die stundenlang darüber reden. Auch diesem Film fehlt die französische Leichtigkeit von „Liebe“. Dafür ist es der queerste Film der Trilogie, in dem die beiden Protagonisten ständig betonen, dass sie das nicht sind.
Haugerud schuf drei sehenswerte Filme, die eher bebilderte Hörspiele sind. Falls man die „Oslo Stories“ im Original mit Untertiteln sieht, muss man jeweils zwei Stunden ununterbrochen Untertitel lesen und sich dabei möglichst wenig von den Bildern und Geräuschen stören lassen. Insofern rate ich in diesem Fall zur mir unbekannten synchronisierten Fassung.
Oslo Stories: Träume (Drømmer, Norwegen 2024)
Regie: Dag Johan Haugerud
Drehbuch: Dag Johan Haugerud
mit Ella Øverbye, Selome Emnetu, Ane Dahl Torp, Anne Marit Jacobsen
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 6 Jahre
Kinostart: 8. Mai 2025
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Oslo Stories: Liebe (Kjærlighet, Norwegen 2024)
Regie: Dag Johan Haugerud
Drehbuch: Dag Johan Haugerud
mit Andrea Bræin Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Thomas Gullestad, Lars Jacob Holm, Marte Engebrigtsen
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Kinostart: 17. April 2025
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Oslo Stories: Sehnsucht(Sex, Norwegen, 2024)
Regie: Dag Johan Haugerud
Drehbuch: Dag Johan Haugerud
mit Jan Gunnar Røise, Thorbjørn Harr, Siri Forberg, Birgitte Larsen, Theo Dahl
Das Urteil von Nürnberg (Judgment at Nuremberg, USA 1961)
Regie: Stanley Kramer
Drehbuch: Abby Mann
LV: Abby Mann: Judgment at Nuremberg, 1959 (in Playhouse 90)
Drei Stunden Geschichtsunterricht: Stanley Kramers Gerichtsfilm über die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.
„Ein Klassiker des Gerichtsfilms mit hervorragenden Darstellern und perfekter Dramaturgie.“ (Lexikon des Internationalen Films)
mit Spencer Tracy, Burt Lancaster, Richard Widmark, Marlene Dietrich, Maximilian Schell, Judy Garland, Montgomery Clift, William Shatner, Edward Binns, Kenneth MacKenna
Seit zehn Jahren haben Matt (Nicolas Cage) und seine Tochter Ashley keinen Kontakt mehr. Er war, wie er unumwunden zugibt, ein schlechter Vater, der ständig im Ausland war und nicht über seine Arbeit sprach. Als seine fast zwölfjährige, naseweise Enkeltochter Sarah bei auf den Cayman Inseln am Strand auftaucht, erkennt er sie selbstverständlich zunächst nicht. Und schnell, als zwei Schläger bei ihm auftauchen und nach ihr und einem USB-Stick suchen, erfährt er, dass Ashley und ihr Mann tief in der Klemme stecken. Denn er stahl von einem Gangstersyndikat einen USB-Stick mit wichtigen Informationen. Die ursprünglichen Besitzer wollen ihn wieder haben. Eine US-Strafverfolgungsbehörde will ihn ebenfalls unbedingt haben. Und schon ist die Hölle los auf der Insel.
Zum Glück verfügt Matt als ehemaliger CIA-Killer über ‚besondere Fähigkeiten, die den Bösewichtern das Leben zur Hölle machen.
„The Retirement Plan“ ist ein launig-okayer vor Ort gedrehter Action-Thriller mit überschaubarer Action, einigen Lachern und einer weitgehend vorhersehbaren Handlung. Das ist die Art von Thrillern, die in den siebziger Jahren als wertig produzierter „Film der Woche“ im US-Fernsehen liefen.
Als Bonusmaterial gibt es ein knapp zwanzigminütiges, primär werbliches „Making of“.
The Retirement Plan(The Retirement Plan, USA 2023)
Regie: Tim Brown
Drehbuch: Tim Brown
mit Nicolas Cage, Ron Perlman, Ashley Greene Khoury, Jackie Earle Haley, Joel David Moore, Grace Byers, Ernie Hudson, Rick Fox, Lynn Whitfield, Thalia Campbell