TV-Tipp für den 26. März: Tatort: Tempelräuber

März 26, 2015

WDR, 20.15

Tatort: Tempelräuber (Deutschland 2009, Regie: Matthias Tiefenbacher)

Drehbuch: Magnus Vattrodt

Buch zum Film: Martin Schüller: Tempelräuber, 2010

In Münster wird ein Priester ermordet. Während Kommissar Thiel versucht, den Mörder des Leiters des Sankt-Vincenz-Seminars zu finden, mischt sich Gerichtsmediziner Boerne mal wieder, auch mit zwei gebrochenen Armen, ungefragt in die Ermittlung ein.

Gewohnt witziger „Tatort“ des Teams Thiel/Boerne, in dem die Witze Hauptsache und die Mördersuche Nebensache sind.

mit Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Friederike Kempter, Christine Urspruch, Mechthild Grossmann, Claus Dieter Clausnitzer, Ulrich Noethen , Rosalie Thomass, Johanna Gastdorf, Wolf-Niklas Schykowski, Marita Breuer

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Thiel

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tempelräuber“


TV-Tipp für den 25. März: Auf offener Straße

März 25, 2015

Arte, 20.15
Auf offener Straße (Frankreich 1992, Regie: Bertrand Tavernier)
Drehbuch: Michel Alexandre, Bertrand Tavernier
Grandioser Polizeithriller über eine Einheit von Drogenfahndern, die vor allem durch mangelhafte Ausrüstung und fehlende Rückendeckung von der Arbeit abgehalten werden und vor allem gegen die kleinen Fische ermitteln müssen.
„Der Linke Tavernier zieht hier ein desaströses Fazit der Sozialpolitik nach zehn Jahren sozialistischer Regierung. Er beleuchtet die Gründe der Attraktivität rechtsradikaler Scharlatane à la Le Pen n den Köpfen allzuvieler Franzosen. Er verdeutlicht, wie die Berührungsangst staatlicher Stellen gegenüber nord- und zentralafrikanischen Dealern den täglichen Rassismus verstärkt und den Fremdenhaß unter Einheimischen eher schürt, weil eine partielle, gern verschwiegene Wahrheit als Makel auf alle Farbigen und Immigranten übertragen wird.
Tavernier hat (…) einen eminent politischen Film gedreht.“ (Fischer Film Almanach 1993), der heute, angesichts der Wahlergebnisse in Frankreich und der Diskussionen in Deutschland (googelt mal „Görlitzer Park“) immer noch brennend aktuell ist.
Co-Autor Michel Alexandre war damals selbst bei der Pariser Drogenfahndung.
„Auf offener Straße“ war als bester Film des Jahres für den César nominiert.
In Deutschland lief er als „Original mit Untertitel“ und wenn der Film nicht so unbekannt wäre, wäre er ein potentieller Klassiker. Insofern: eine lohnende Entdeckung!
mit Didier Bezace, Jean Paul Comart, Charlotte Kady, Jean-Roger Milo, Nils Tavernier, Philippe Torreton
Wiederholung: Donnerstag, 26. März, 23.35 Uhr
Hinweise
Arte über „Auf offener Straße“ (und ein Essay von Olivier Père)
AlloCiné über „Auf offener Straße“
Moviepilot über „Auf offener Straße“ (noch keine Bewertung)
Wikipedia über „Auf offener Straße“

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers Georges-Simenon-Verfilmung “Der Uhrmacher von St. Paul” (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Meine Besprechung von Bertrand Tavernier James-Lee-Burke-Verfilmung „In the electric mist“ (In the electric mist, USA 2009)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)

 


TV-Tipp für den 24. März: Terrorgefahr! Überwachung total?

März 24, 2015

Arte, 20.15
Terrorgefahr! Überwachung total? (Frankreich 2015, Regie: Alexandre Valentin)
Drehbuch: Alexandre Valentin
Spielfilmlange Doku über die zunehmende Überwachung in westlichen Demokratien, die vor allem mit der Bedrohung durch den Terrorismus begründet wird, aber auch für ganz andere Dinge benutzt werden kann.
Die Macher unterhiteln sich mit Politikern, Managern, Geheimdienstlern und Datenschützern.
Hinweis
Arte über die Doku


TV-Tipp für den 23. März: Gewagtes Alibi

März 23, 2015

Arte, 20.15
Gewagtes Alibi (USA 1949, Regie: Robert Siodmak)
Drehbuch: Daniel Fuchs
LV: Don Tracy: Criss Cross, 1934
Als Steve Thompson, Fahrer bei einem Geldtransport-Unternehmen, seine Ex-Frau Anna wieder trifft, verlieben sie sich wieder ineinander. Dummerweise ist sie inzwischen mit dem Gangster Slim Dundee zusammen. Als Dundee die beiden miteinander erwischt, schlägt Steve ihm einen Überfall auf einen Geldtransporter vor.
Ein Noir-Klassiker von Robert Siodmak, der seit Ewigkeiten nicht mehr im Fernsehen lief, und der einer „der tragischsten und stärksten Film Noirs“ (Alain Silver/Elizabeth Ward: Film Noir) mit einem grandios inszeniertem Überfall ist.
„Während die Story weiterhin klassischer Film Noir ist, ist das kontrollierte Hell/Dunkel des Studios von Filmen wie ‚The Killers‘ oder ‚Phantom Lady‘ in ‚Criss Cross‘ den harten Schatten der kalifornischen Sonne gewichen. Und wenn der von Burt Lancaster gespielte Steve nach Jahren des Umherziehens bei seiner Familie in Bunker Hill, Downtown Los Angeles ankommt, dann ist eine Unmittelbarkeit erlebbar, wie sie auch ‚Menschen am Sonntag‘ auslöst.“ (Deutsches Historisches Museum, Herausgeber: Robert Siodmak)
1995 inszenierte Steven Soderbergh das weitgehend überflüssige Remake „Die Kehrseite der Medaille“ (Underneath).
mit Burt Lancaster, Yvonne De Carlo, Dan Duryea, Stephen McNally, Richard Long, Raymond Burr, Tony Curtis (fast sein Debüt)
Wiederholungen
Donnerstag, 26. März, 13.50 Uhr
Dienstag, 31. März, 13.50 Uhr
Hinweise
Arte über „Gewagtes Alibi“
Rotten Tomatoes über „Gewagtes Alibi“
Wikipedia über „Gewagtes Alibi“ (deutsch, englisch)
Noir of the Week über „Gewagtes Alibi“ (der erste Blick, der zweite Blick)
Vintage Hardboiled Reads über Don Tracys „Criss Cross“

Meine Besprechung von Robert Siodmaks „Zeuge gesucht“ (Phantom Lady, USA 1943)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks „Der schwarze Spiegel“ (The dark mirror, USA 1946)


TV-Tipp für den 22. März: Der Panther wird gehetzt

März 22, 2015

Arte, 20.15

Der Panther wird gehetzt (Frankreich/Italien 1960, Regie: Claude Sautet)

Drehbuch: José Giovanni, Claude Sautet, Pascal Jardin

LV: José Giovanni: Classe tous risques, 1958 (Das Ende vor Augen)

Gangster Abel Davos kehrt aus seinem italienischen Versteck nach Frankreich zurück. Seine alten Freunde wollen nichts mehr von ihm wissen. Nur der Einzelgänger Eric Stark hält zu ihm.

Tolles Unterweltdrama über die letzten Tage eines Gangsters. Jean-Pierre Melville war begeistert. „Für mich bedeutete dieser Film einen Wendepunkt in meiner Karriere, rein gefühlsmäßig zählt er sehr viel. Er gehört zu jenen Filmen, die ich liebe. Aber das ist ganz persönlich.“ (Lino Ventura)

Damals fand die kirchliche Filmkritik keine lobenden Worte: „Was soll eigentlich der Film? Eine spannende Handlung hat er nicht zu bieten…Dann wird zu unserer berechtigten Empörung das Leben eines Verbrechers ganz unverfroren als Beruf hingestellt. In der gleichen Weise wird die Freundestreue hier so erstaunlich gewürdigt, dass man beinahe vergisst, dass hier Menschen durch Gewaltverbrechen aneinander gebunden sind. Die Kinder des Panthers sind schließlich noch der Gipfel der Unverfrorenheit, denn sie dienen nur dem Zweck, den eiskalten Mörder außerberuflich zum rührenden Familienvater zu verklären.“ (Evangelischer Filmbeobachter)

Arte zeigt heute – erstmals – eine rekonstruierte Fassung, in der die bislang in der deutschen Fassung fehlenden Minuten enthalten sind. Sie wurden sogar nachsynchronisiert.

Mit Lino Ventura, Jean-Paul Belmondo, Sandra Milo

Wiederholung: Dienstag, 24. März, 14.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Panther wird gehetzt“

Wikipedia über „Der Panther wird gehetzt“ (deutsch, englisch, französisch)

Noir of the Week über „Der Panther wird gehetzt“


Neu im Kino/Filmkritik: Über J. C. Chandors „A most violent Year“

März 21, 2015

Zuletzt sank in New York die Mordrate auf ein über fünfzigjähriges Rekordtief. Vielleicht sogar auf den tiefsten Stand, seitdem dort eine Kriminalitätsstatistik erhoben wird. Letztes Jahr wurden in der Millionenstadt 328 Menschen ermordet. Auch die Zahl der Gewaltverbrechen sank auf Zahlen, die man vor einigen Jahren noch für utopisch hielt.
Zum Beispiel gab es 1981 1826 Morde. 1981 war auch das Jahr mit der höchsten Kriminalitätsrate. So wird jedenfalls am Anfang von J. C. Chandors neuem, bei den Oscars seltsamerweise vollkommen übergangenem Film „A most violent Year“ gesagt und, obwohl ich jetzt keinen Beleg dafür finde, könnte es stimmen. Denn New York war damals keine harmlose Stadt.
Auch die Heizöllaster von Abel Morales (Oscar Isaac) werden regelmäßig überfallen. Aber im Gegensatz zu seinen Konkurrenten will der Einwanderersohn ehrlich bleiben. Und er vertraut der Polizei. Dennoch ermittelt der Stellvertretende Bezirksstaatsanwalt Lawrence (David Oyelowo) gegen ihn. Er vermutet, dass Morales Kontakte zur Mafia hat. Die Gründe dafür liegen, neben dem allgemeinen Geschäftsgebaren der Branche, auf der Hand: Abel Morales ist mit Anna (Jessica Chastain), der Tochter eines bekannten Gangsters, verheiratet und er hat das Geschäft von ihrem Vater übernommen.
Die aus seiner Sicht ebenso lästigen wie überflüssigen Ermittlungen des Staatsanwalts werden, neben den Überfällen auf seine Fahrzeuge und dem damit verbundenem Diebstahl seiner kostbaren Ladung, allerdings zu einer Bedrohung seiner Existenz, als er eine Option auf ein Industriegelände am Fluss erwirbt. Mit den auf diesem Gelände stehenden Tanks hätte er die Grundlage für eine ordentliche Geschäftsvergrößerung. Er könnte größer als seine Konkurrenten werden. Die Besitzer des Grundstücks verlangen, dass in einem Monat die restliche Kaufsumme im sechsstelligen Bereich bezahlt wird. Da würden polizeiliche Ermittlungen bei seiner Hausbank seine Kreditwürdigkeit nur unnötig schmälern und seine Expansionspläne gefährden. Wenn es dumm läuft, könnte er sogar pleite gehen.
In seinem dritten Spielfilm, nach dem Finanzthriller „Der große Crash – Margin Call“ und dem Ein-Mann-Segler-Thriller „All is Lost“, die beide von der Kritik abgefeiert wurden, legt J. C. Chandor grandios nach. „A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.
Während Abel Morales noch hadert, hat seine Frau Anna schon längst Fakten geschaffen. Das ist, vor allem nachdem sie fast während des gesamten Films als treue, die Buchhaltung erledigende, sich um die Kinder kümmernde Hausfrau mit Hang zu teuren Kleidern gezeigt wurde, eine Überraschung, die von Chandor aber – wie alles in dem Film – gut vorbereitet wurde. Bereits bei einem Wildunfall reagierte sie schneller und konsequenter als ihr Mann. Außerdem sahen wir sie nie bei der Hausarbeit und die Kinder tauchen kaum auf, weil sie im Geschäftsleben von Abel und Anna nicht im Mittelpunkt stehen.
Gleichzeitig zeigt J. C. Chandor präzise, wie Strukturen und kurzfristige Interessen zu Ergebnissen führen, die niemand wirklich will.
„A most violent Year“ ist ein düsteres Drama mit einem bitteren Ende, obwohl es keine Schuldigen gibt und auch niemand wirklich böse ist. Das ist klassisches, gut gespieltes Schauspielerkino in der Tradition von Sidney Lumet mit stimmigem Zeitkolorit, klug platzierten Anspielungen, einem feinen Blick auf die vielen Gruppen, die in New York leben und um ihren Platz kämpfen, und moralischen Ambivalenzen und Fragen, die auch heute noch aktuell sind.

A most violent year - Plakat

A most violent Year (A most violent Year, USA 2014)
Regie: J. C. Chandor
Drehbuch: J. C. Chandor
mit Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo, Albert Brooks, Alessandro Nivola, Elyses Gabel, Catalina Sandino Moreno
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most violent Year“
Moviepilot über „A most violent Year“
Metacritic über „A most violent Year“
Rotten Tomatoes über „A most violent Year“
Wikipedia über „A most violent Year“
Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

DP/30 bittet J. C. Chandor und Oscar Isaac zum Verhör

 


TV-Tipp für den 21. März: Die Truman Show

März 21, 2015

Servus TV, 20.15

Die Truman Show (USA 1998, Regie: Peter Weir)

Drehbuch: Andrew Niccol

Als „Die Truman-Show“ im Kino lief, war es Science-Fiction. Aber das war auch, bevor es die TV-Show „Big Brother“ gab und danach erschien „Die Truman Show“ nicht mehr soo abwegig. Denn der titelgebende Truman Burbank wird ständig von Kameras überwacht. Sein Leben ist eine Reality Show mit einem Millionenpublikum. Dummerweise hat Truman davon keine Ahnung. Als eines Tages ein Scheinwerfer vom Himmel fällt, beginnt der Dreißigjährige Fragen zu stellen.

Die grandiose Mediensatire gewann unter anderem einen Hugo.

„ein modernes Märchen mit existentieller Tiefenschärfe (…) ein Filmereignis“ (Fischer Film Almanach 1999)

Die Musik ist von Philip Glass.

mit Jim Carrey, Laura Linney, Noah Emmerich, Natascha McElhone, Peter Krause, Paul Giamatti

Wiederholung: Sonntag, 22. März, 17.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die Truman Show“

Wikipedia über „Die Truman Show“ (deutsch, englisch)

Drehbuch “The Truman Show” von Andrew Niccol

Meine Besprechung von Andrew Niccols “Seelen” (The Host, USA 2013)

Meine Besprechung der “Peter Weir Collection” (mit “Die Autos, die Paris auffrassen”, “Picknick am Valentinstag”, “Die letzte Flut” und “Wenn der Klempner kommt”)


Neu im Kino/Filmkritik: Schillers „Die Räuber“ in der Bankenwelt

März 20, 2015

Ein so klares Scheitern am eigenen Anspruch hat man selten. Theaterregisseur Frank Hoffmann sagt im Presseheft für seine mit Pol Cruchten inszenierte Friedrich-Schiller-Adaption „Die Räuber“, dass sie ein eigenständiges Kinowerk schaffen wollten und sein Co-Drehbuchautor Erick Malabry es geschafft habe, von Anfang an das potentiell Theatralische aus dem Drehbuch zu eliminieren. Und dass die Oper überhaupt keine Referenz gewesen sei. Co-Regisseur Pol Cruchten weist vor allem auf den Film Noir als Vorbild hin und dass von Schillers Stück nicht viel übrig geblieben sei.
Dafür verlegten sie Schillers Drama in die Gegenwart in die luxemburgische Bankenwelt. Bankierssohn Karl Escher (Eric Caravaca) hat gerade eine dreijährige Haftstrafe wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung verbüßt. Er war zwar unschuldig, aber er nahm die Schuld auf sich, um seinen Vater und ihre Bank zu schützen.
Jetzt will er wieder zurück in den Schoß der Familie. Sein Vater (Maximilian Schell in seiner letzten Rolle) hadert. Seine Schwester glaubt ihm und sie versucht ihren Vater zu überzeugen, dass Karl wieder in den Bankvorstand zurückkehren kann.
Außerdem glaubt Karl, dass sein Bruder Franz der Drahtzieher hinter den Manipulationen war, für die er ins Gefängnis ging. Mit einem namenlosen Gangsterboss, den er im Gefängnis kennenlernte, will er bei Überfällen auf Banken und Wohnhäuser die nötigen Beweise beschaffen.
Das ist natürlich ein potentieller Thriller-Plot mit Lug und Trug in einer Bankerdynastie, die gut als Spielfilm funktionieren kann. Aber genau das inszenierten Hoffmann und Cruchten nicht. Beim Sehen hatte ich sogar den Eindruck, dass sie keinen herkömmlichen Spielfilm, sondern einen eigentümlichen und sperrigen Bastard zwischen Theater, Kunstkino und Gangsterthriller, garniert mit einigen Landschaftsaufnahmen aus der Saar-Lor-Lux-Region inszenieren wollten. Denn die meisten Dialoge können und wollen nie ihre Herkunft vom Theater verleugnen. Das Spiel der Schauspieler ist extrem künstlich. Die Sets konzentrieren sich ebenfalls auf die künstlichen Aspekte. Es sind oft menschenleere Hotelflure und Hotelzimmer. Das Anwesen der Escher-Familie ist für den großen Auftritt vor potentiellen Geschäftspartnern als musealer Ausstellungsraum, als Theaterbühne, inszeniert. Die Szenen mit den Gangstern scheinen aus einem älteren französischen Gangsterfilm herauskopiert worden zu sein. Die Überfälle zitieren eher das US-amerikanische Actionkino. Und vor allem bleibt man als Zuschauer immer, wie beim Theater, in einer Beobachterposition. Man sitzt im Saal und sieht sich das kaum modernisierte Geschehen auf der Bühne an.
Als sich zwischen die Stühle setzendes Experiment ist „Die Räuber“, das seine Herkunft vom Theater nie verleugnen kann und will, durchaus einen Blick wert.
Am eigenen Anspruch sind Hoffmann und Cruchten mit ihrer plakativen und nicht besonders glaubwürdigen Räuberpistole (Ein Banker, der zum Räuber wird um seine Unschuld zu beweisen?) allerdings vollkommen gescheitert.

Die Räuber - Plakat

Die Räuber (Les Brigands, Luxemburg/Deutschland/Belgien 2014)
Regie: Frank Hoffmann, Pol Cruchten
Drehbuch: Erick Malabry, Frank Hoffmann (sehr frei nach Friedrich Schiller)
mit Eric Caravaca, Isild Le Besco, Robinson Stévenin, Maximilian Schell, Tchéky Karyo, Wolfram Koch, Luc Schiltz
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Die Räuber“
Film-Zeit über „Die Räuber“
Moviepilot über „Die Räuber“
Wikipedia über Friedrich Schillers „Die Räuber“


TV-Tipp für den 20. März: Fear X

März 20, 2015

3sat, 22.35
Fear X (USA 2003, Regie: Nicolas Winding Refn)
Drehbuch: Nicolas Winding Refn, Hubert Selby jr.
Der introvertierte Sicherheitsbeamte Harry Caine sucht den Mörder seiner Frau. Er glaubt, dass er den Täter auf den Überwachungsbändern einer Shopping-Mall findet. Da entdeckt er in einen Nachbarhaus einen Hinweis und er macht sich auf den Weg nach Montana.
„Fear X“ ist ein zunehmend surrealer Thriller, der gerade wegen seiner Andersartigkeit gefällt.
mit John Turturro, Deborah Kara Unger, James Remar, Stephen McIntyre
Hinweise

Rotten Tomatoes über „Fear X“

Wikipedia über „Fear X“

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Fear X“ (Fear X, USA 2003)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Drive“ (Drive, USA 2011)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Only God Forgives“ (Only God Forgives, Frankreich/Dänemark 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Brenner hat „Das ewige Leben“

März 19, 2015

Jetzt sitzt der Brenner beim Arbeitsamt und dank seines Lebenslaufes ist er ein gesellschaftliches Neutron, das keinen Anspruch auf einen Cent Unterstützung hat. Da fällt ihm ein, dass in seinem Geburtsort Puntigam noch immer das ihm vererbte Haus seiner Eltern steht.
Er kehrt nach Ewigkeiten zurück nach Puntigam. Das elterliche Anwesen ist eine Ruine, der Nachbar nicht erfreut über seine ein veritables Chaos verursachenden Instandsetzungsarbeiten und die alten Freunde sind – nun, alte Freunde, mit denen er damals die Polizeischule absolvierte. Der eine ist ein Trödelhändler, der vor allem mit Erpressungen sein Geld verdient. Der andere ist der Polizeichef von Graz, der ihn gleich mit einer Pistole bedroht.
Kurz darauf liegt Brenner mit einer Schussverletzung im Krankenhaus. Seine Therapeutin sagt, er habe versucht, sich umzubringen. Er ist dagegen felsenfest davon überzeugt, dass jemand ihn umbringen wollte und er wird den Täter überführen. Er vermutet, dass es der Polizeichef ist.
Das Motiv für den Mordversuch liegt nämlich in Brenners Vergangenheit, als er und seine Freunde vor Jahrzehnten auf der Polizeischule nicht nur Gesetze büffelten.
Kurz darauf wird der Trödelhändler ermordet und Brenner, der von der Polizei neben der Leiche gefunden wird, meint nur, er sei es nicht gewesen.
Jetzt muss Brenner auch noch einen vollendeten Mord aufklären.
„Das ewige Leben“ ist nach „Komm, süßer Tod“ (2000), „Silentium“ (2005) und „Der Knochenmann“ (2009) der vierte Brenner-Film, der wieder von dem bewährten Team Wolfgang Murnberger (Regie und Drehbuch), Wolf Haas (Vorlage und Drehbuch) und Josef Hader (Hauptrolle und Drehbuch) gedreht wurde. Deshalb ist „Das ewige Leben“, das gewohnt frei mit der Vorlage von Wolf Haas umgeht, in erster Linie ein willkommenes, dieses Mal etwas melancholischer geratenes Wiedersehen mit dem abgeklärtesten Privatdetektiv von Österreich, der älter, aber nicht weißer wurde. Entsprechend gering, aber durchaus deutlich sind die Unterschiede zu den vorherigen Brenner-Filmen. Und das ist gut so.

Das ewige Leben - Plakat 4

Das ewige Leben (Österreich 2015)
Regie: Wolfgang Murnberger
Drehbuch: Josef Hader, Wolfgang Murnberger, Wolf Haas
LV: Wolf Haas: Das ewige Leben, 2003
mit Josef Hader, Tobias Moretti, Nora von Waldstätten, Roland Düringer, Margarethe Tiesel, Christopher Schärf, Sasa Barbul, Johannes Silberschneider, Wolf Haas (Cameo)
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die selbstverständlich lesenswerte Vorlage

Haas - Das ewige Leben - Movie-Tie-In

Wolf Haas: Das ewige Leben
dtv, 2015
208 Seiten
8,95 Euro

Erstausgabe
Hoffmann und Campe Verlag, 2003

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das ewige Leben“

Film-Zeit über „Das ewige Leben“

Moviepilot über „Das ewige Leben“ 

Wikipedia über „Das ewige Leben“

Krimi-Couch über Wolf Haas

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Wikipedia über Wolf Haas

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)

Meine Besprechung von Wolf Haas‘ „Brennerova“ (2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Jennifer Lopez vernascht „The Boy next Door“

März 19, 2015

Jennifer Lopez spielt Claire Peterson, High-School-Lehrerin und alleinerziehende Mutter eines siebzehnjährigen Sohnes. Ihr fremdgehender Ehemann würde gerne wieder in den Schoß der Familie zurückkehren und umwirbt sie und seinen Sohn entsprechend galant. Aber sie kann ihm den Seitensprung mit seiner Sekretärin nicht verzeihen.
Als in das Nachbarhaus Noah (Ryan Guzman) einzieht, um seinen pflegebedürftigen Onkel zu pflegen, gefällt ihr der gut aussehende, freundliche, hilfsbereite und handwerkliche begabte Junge. Eines Nachts, nach einem desaströsen Date, ist sie alleine in ihrer Wohnung und, als er sie unter einem Vorwand anruft, geht sie rüber in das Nachbarhaus und sie haben heißen Sex, den er ohne ihr Wissen aufnimmt.
Am nächsten Tag bereut sie es. Denn der neunzehnjährige Noah ist einer ihrer Schüler, der wegen einiger Probleme die Schule wechselte und noch nicht mit ihr fertig ist. Er ist auch schlau und belesen. Vor allem in der antiken Literatur, die sie in diesem Schuljahr unterrichtet. Eigentlich ist er ein echter Vorzeigeschüler, der, wie Claire jetzt schnell herausfindet, einen kleinen psychischen Schaden hat. Denn er will jetzt ihr ein gemeinsames Leben beginnen und er ist bereit, alle Hindernisse, die seiner Fantasie im Weg stehen könnten, mit Psychospielchen, Erpressung und Mord aus dem Weg zu räumen.
Nachdem zuletzt in den USA an einigen Universitäten sogar Beziehungen zwischen Hochschullehrern und Studierenden verboten wurden, ist, vor dem derzeitigen gesellschaftlichen Klima in den USA, diese Bettgeschichte von Claire so hirnverbrannt, dass die weitere Handlung ziemlich egal ist.
Aber Drehbuchautorin Barbara Curry hätte trotzdem eine Geschichte erfinden können, die nicht in jeder Sekunde wie eine 08/15-Version von „Eine verhängnisvolle Affäre“ mit vertauschten Geschlechtern aussehen würde. Wobei der größere Altersunterschied und die Lehrer-Schüler-Beziehung der Geschichte jeden Anschein von Plausibilität nimmt.
„The Fast and the Furious“-Regisseur Rob Cohen gewinnt dieser munter die bekannten Erotik-Thriller-Klischees aneinanderreihenden Geschichte auch keine neuen Aspekte oder überraschenden Wendungen ab. Von der ersten bis zur letzten Minute spult „The Boy next Door“ überraschungsfrei sein Programm ab. Und ohne die immer wieder fotogen in Szene gesetzten Kurven von Jennifer Lopez wäre ‚der Junge von nebenan‘ direkt im DVD-Regal neben all den anderen vernachlässigbaren Erotik-Thrillern gelandet.

The Boy next Door - Plakat

The Boy next Door (The Boy next Door, USA 2015)
Regie: Rob Cohen
Drehbuch: Barbara Curry
mit Jennifer Lopez, Ryan Guzman, Ian Nelson, John Corbett, Kristin Chenoweth, Lexik Atkins, Hill Harper
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Film-Zeit über „The Boy next Door“
Moviepilot über „The Boy next Door“
Metacritic über „The Boy next Door“
Rotten Tomatoes über „The Boy next Door“
Wikipedia über „The Boy next Door“

Meine Besprechung von Rob Cohens James-Patterson-Verfilmung „Alex Cross“ (Alex Cross, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Bestimmung – Insurgent“ in der zweiten Runde

März 19, 2015

Kann man ohne die Kenntnis von „Die Bestimmung – Divergent“ oder der Lektüre der enorm erfolgreichen „Die Bestimmung“-Jugendbuchromantrilogie von Veronica Roth überhaupt „Die Bestimmung – Insurgent“ verstehen und vollumfänglich genießen? Ich befürchte, obwohl Regisseur Robert Schwentke sich viel Mühe gibt, nicht. Wobei auch der vorherige Film beim Verständnis der Handlung und Konflikte kaum hilft.
„Die Bestimmung – Insurgent“ ist der Mittelteil einer in der Zukunft spielenden Trilogie, die 2016 und 2017 im Kino als Zweiteiler „Allegiant“ (Die Bestimmung – Letzte Entscheidung), wieder inszeniert von Schwentke, ihren Abschluss finden soll. Die Heldin der Serie ist Beatrice ‚Tris‘ Prior (Shailene Woodley). Sie ist ein sogenannter Divergent, eine Unbestimmte. Denn in dieser sektenhaft christlich konnotierten und Dystopie werden die Menschen ausgehend von ihren Fähigkeiten in fünf Fraktionen aufgeteilt: die Altruan sind die Selbstlosen, die Amite die Freundlichen und Friedfertigen, die Candor die Freimütigen, die Ferox die Furchtlosen und die Ken die Gelehrten. Jede Fraktion übt dann in der friedlichen Gesellschaft, die auch keine äußeren Feinde hat, eine bestimmte Tätigkeit aus: zum Beispiel die Landarbeit, die Forschung oder die Verteidigung. Und obwohl die Sechzehnjährigen (in dem Alter wird der Eignungstest gemacht) sich danach freiwillig für eine Fraktion entscheiden können, sind sie implizit verpflichtet, die Fraktion zu wählen, zu der sie nach dem Eignungstest gehören. Ein späterer Wechsel ist ausgeschlossen. Und dann gibt es noch die Fraktionslosen. Sie sind die Ausgestoßenen, die in „Die Bestimmung – Divergent“ als eine Mischung aus Zombie und Obdachloser stumm in der Gegend herumhängen. In „Die Bestimmung – Insurgent“ sind sie dann eine äußerst kämpferische Widerstandsbewegung, die aus nie geklärten Gründen gegen das System kämpft. Naja, die Revolution ist in dem Film auch nur eine vernachlässigbare Nebensache und gegen das System zu kämpfen ist ja prinzipiell in Ordnung.
Im Mittelpunkt steht eine superwichtige, fünfeckige Box mit einem unbekannten Inhalt. Jeanine Matthews (Kate Winslet), die schon im ersten Teil mit blonder Betonfrisur und viel Schminke die Bösewichtin war, hat sie in ihrem Besitz. Sie sucht jetzt Unbestimmte. Denn nur sie haben, so glaubt Jeanine, die Fähigkeit, die Box zu öffnen, weil, – ähem -, die Unbestimmten in ihrem Denken die Fähigkeiten von allen Fraktionen aufnehmen können und nur so kann die Box geöffnet werden.
Jeanine, die zu der Fraktion der Gelehrten zählt (die es in dieser Gesellschaft wohl nicht so mit dem freien Denken haben), schickt die Soldaten (also die furchtlosen Ferox) los. Sie sollen in der gesamten Stadt Unbestimmte suchen und, wenn ihr Unbestimmtheitsgrad (vulgo die Fähigkeit zum freien Denken) hoch genug ist, verhaften und in Jeanines bestens gesichertes Forschungslabor bringen.
Tris, die am Ende von „Die Bestimmung – Divergent“ mit ihren Freunden aus Chicago in das nahe gelegene Umland flüchtete, ist in einer friedlichen Landkommune untergetaucht. Als Eric (Jai Courtney) und seine Soldaten auf der Suche nach Unbestimmten die Kommune verwüsten, können Tris und einige ihrer Freunde, auch weil die Bösewichter alle extrem schlechte Schützen sind, flüchten. In Chicago treffen sie auf eine Gruppe Widerstandskämpfer. Der Kopf der Widerstandsbewegung ist Evelyn (Naomi Watts), die totgeglaubte Mutter von ihrem Freund Tobias ‚Four‘ Eaton (Theo James).
Und dann beginnt ein furchtbar kompliziertes, aber auch furchtbar banales und fürchterlich unlogische Spiel zwischen den verschiedenen Gruppen. Ich hatte immer das Gefühl, dass im Film nur einige Höhepunkte und wichtige Szenen aus dem Roman aneinandergereiht werden. Die jugendlichen, eher weiblichen Fans freuen sich über die Bebilderung des ihnen bekannten Buches. Die anderen runzeln die Stirn über die mangelnde erzählerische Stringenz dieses zweistündigen Trailers zum Buch. Denn obwohl es mehrere Szenen gibt, in denen die Vorgeschichte ausführlich ausgebreitet und die Motivationen angesprochen werden, stolpern die Charaktere kopflos und fremdbestimmt durch den Plot.


Zum Beispiel nachdem Tris und ihre Freunde gerade einen großen Angriff der Ferox auf ihre zeitweilige Unterkunft bei den freimütig-wahrheitsliebenden Candor (fragt nicht warum. Es ist halt so und im Roman wird das sicher schlüssig erklärt) abwehren konnten und, ziemlich früh im Film, ein wichtiger Bösewicht umstandslos erschossen wird (da sieht man, dass der Film nicht der Dramaturgie eines Einzelspielfilms, sondern der Dramaturgie einer TV-Serie oder eines Fortsetzungsromans folgt), begibt Tris sich freiwillig und ohne Not in die Hände von Jeanine. Sie hat nur die irrationale Hoffnung, dass sie, ein ziemlich normales und bis jetzt unwichtiges Mädchen, den Krieg von Jeanine gegen die anderen Fraktionen beenden könne. Natürlich wird sie von Jeanine gezwungen, mit ihren geistigen Kräften die Box zu öffnen, die bis jetzt zum Tod von jeder Person führte, die es vor ihr versuchte. Um die Box zu Öffnen, begeben wir uns mit Tris in eine halluzinatorische Simulation, das SIM. Diese Illusionen sind natürlich ein Fest für die Programmierer, während wir emotional unbeteiligt ein CGI-Effektgewitter bestaunen dürfen.
Währenddessen und off screen stürmt ihr Freund Four die Festung und, gerade als er Tris aus ihrer gefährlichen Lage befreien konnte (Merke: auch Amazonen wollen vor allem von Männern gerettet werden), geht sie freiwillig wieder zurück in das Labor. Dabei hat Tris in dem Moment viele Gründe, das Gebäude, mit oder ohne Box, zu verlassen und keinen in ihm zu bleiben.
Genauso konfus wie die Handlung sind auch die Strukturen der Gesellschaft. Auch wenn man den ersten Teil gesehen hat, kann man mit dieser Welt wenig anfangen. Denn furchtbar viel Sinn ergibt das System nicht. Aber dafür gibt es jetzt auch eine plötzlich aufpoppende Untergrundgewegung und irgendein Beziehungsgeflecht und Konflikte zwischen den Fraktionen, die alle in einem Chicago leben, das ein fotogener Mix aus Ruinenstadt und High Tech ist. Ich meine: hätten sie in den vergangenen Jahrzehnten nicht die Stadt wieder aufbauen und für ein einheitliches Technik-Niveau sorgen können? So ist die „Die Bestimmung“-Welt einer Siedlergemeinschaft um 1900 im Wilden Westen nachempfunden, die unter einer Käseglocke lebt und einige moderne Computer und High-Tech-Spielereien, aber keine Videoüberwachung oder ein anderes Ortungssystem hat.
Und, wenn wir zum Konzept der Fraktionen zurückkehren: einerseits basiert es auf Vorherbestimmung und einer Negation des freien Willens. Diese Prämisse wird aber nicht stringent durchgehalten. Einen freien Willen und einen moralischen Kompass, der uns bestimmte Handlungen verbietet, gibt es immer dann, wenn es den Machern gerade passt. Deshalb müssen am Ende von „Die Bestimmung – Divergent“ die Soldaten auch mit einer Droge infiziert werden, die sie zu willenlosen Werkzeugen von Jeanine machen.
Das Ende von „Die Bestimmung – Insurgent“ ist in ähnlicher Weise idiotisch und hat noch nicht einmal einen vielversprechenden Cliffhanger.
Die schlüssigste Erklärung vor die von der bekennenden Christin Veronica Roth in ihren Romanen entworfene Welt ist, dass sie eine Metapher für ihrer eigenen, widersprüchlichen Gefühle am Beginn ihres Studiums ist. Sie steht, wie Tris, nach einigen Beratungsgesprächen über ihre Interessen vor der Frage, welches Studienfach sie wählen soll und sie glaubt, dass diese Wahl ihr gesamtes Leben bestimmen wird.
Das erklärt dann auch, warum Tris, die keine Probleme hat, Männer zu verkloppen und zu töten, am liebsten die ‚damsel in distress‘ ist, die natürlich immer wieder von ihrem Traumprinz aus der Bredouillie gerettet werden muss. Der kriegt dann dafür einen Augenaufschlag und einen dicken Schmatzer.
Da ist die „The Hunger Games/Die Tribute von Panem“-Heldin Katniss Everdeen erheblich selbstständiger und die Welt von Panem ist auch deutlich schlüssiger.
Immerhin ist die immer unblutige Action in „Die Bestimmung – Insurgent“ von Robert Schwentke kompetent inszeniert. Die Tricks sind gut, aber nicht weltbewegend. Vor allem die Szenen, die im Kopf von Tris spielen, sind ein Fest für die CGI-Crew. Dann darf die Heldin durch Glas springen, aus einem Hochhaus springen und durch die Hochhäuserschluchten fliegen, während um sie herum Hochhäuser fotogen zerfallen. Sie muss auch ihre ‚Mutter‘ aus einem fliegendem Containerhaus retten. Das sieht zwar gut aus, wurde in den vergangenen Jahren, seit „Matrix“, aber auch so oft gezeigt, dass es inzwischen nicht mehr besonders aufregend ist.
Der 3D-Effekt störte mich fast während des gesamten Film. Das lag vielleicht auch an meinem Sitzplatz am linken Rand des Kinosaals.
Aber, das muss konstatiert werden: Regisseur Robert Schwentke, der mit „Tattoo“, „Flightplan“ und „R. E. D.“ kompetente Genrefilme ablieferte, gelingt es, die Geschichte, die nur auf den dritten und abschließenden Teil vorbereiten soll, so zügig zu erzählen, dass es nie wirklich langweilig wird. Und Schwentkes Stammkameramann Florian Ballhaus fand schöne Bilder.
Für die Filmgeschichte sind sie ja nicht verantwortlich.

Die Bestimmung - Insurgent - Plakat

Die Bestimmung – Insurgent (The Divergent Series: Insurgent, USA 2015)
Regie: Robert Schwentke
Drehbuch: Brian Duffiled, Akiva Goldsman, Mark Bomback
LV: Veronica Roth: Divergent #2: Insurgent, 2012 (Die Bestimmung – Tödliche Wahrheit)
mit Shailene Woodley, Theo James, Octavia Spencer, Jai Courtney, Ray Stevenson, Zoë Kravitz, Miles Teller, Ansel Elgort, Maggie Q, Naomi Watts, Kate Winslet, Mekhi Phifer, Ashley Judd, Jonny Feston
Länge: 119 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Die Bestimmung – Insurgent“
Moviepilot über „Die Bestimmung – Insurgent“
Metacritic über „Die Bestimmung – Insurgent“
Rotten Tomatoes über „Die Bestimmung – Insurgent“
Wikipedia über „Die Bestimmung – Insurgent“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 19. März: 96 Hours

März 19, 2015

Vox, 22.35
96 Hours (Taken, Frankreich 2008)
Regie: Pierre Morel
Drehbuch: Luc Besson, Robert Mark Kamen
Ein überraschend gelungener Actionkracher aus der Fabrik von Luc Besson. Dieses Mal jettet ein Ex-CIA-Spezialagent nach Paris. Er will seine Tochter aus den Klauen von einigen widerwärtigen Entführern retten und nimmt dabei wenig Rücksicht auf die körperliche Unversehrtheit der Bösewichte.
Liam Neeson, bis dahin vor allem als seriöser Schauspieler bekannt, wollte auch mal einen richtigen Actionfilm drehen. Aber dann war der Film so erfolgreich, dass er sich mit „96 Hours“ als Actionstar neu erfand. Seitdem spielt er vor allem in mehr oder weniger gelungenen Thrillern mit. Die beiden Fortsetzungen von „96 Hours“ zählen zu den weniger gelungenen.
Mit Liam Neeson, Maggie Grace, Famke Janssen, Leland Orser, Jon Gries, Xander Berkeley
Wiederholung: Freitag, 20. März, 02.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „96 Hours“

Rotten Tomatoes über „96 Hours“

Wikipedia über „96 Hours“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Olivier Megatons „96 Hours – Taken 2“ (Taken 2, Frankreich 2012)

Meine Besprechung von Olivier Megatons „96 Hours – Taken 3“ (Taken 3, Frankreich 2014)

Und es gibt schon einen Teaser-Trailer für „Taken 4“, der irgendwie die gesamte Handlung verrät


TV-Tipp für den 18. März: Equilibrium

März 18, 2015

Tele 5, 00.15

Equilibrium (USA 2002, Regie: Kurt Wimmer)

Drehbuch: Kurt Wimmer

Nach dem nächsten Weltkrieg verbietet ein Diktator, der sich „Vater“ nennt, die Ursache für alles Übel: Gefühle. Als einer seiner Vollstrecker, der gnadenlos gegen Menschen, die doch Gefühle entwickeln (und damit so etwas wie einen freien Willen haben), jagt, dann doch Gefühle entwickelt…

Kleiner Kultfilm, der ganz hübsch „Fahrenheit 451“ (und ähnliche Dystopien, in denen die Regierung alles ausmerzt, was ihnen nicht in den Kram passt und eine Schöne Neue Welt errichtet) mit „Matrix“-artigen Kämpfen verbindet und das alles mit vielen Aufnahmen aus Berlin (einerseits weil in Babelsberg gedreht wurde, andererseits weil die Architektur zwischen Faschismus und Moderne einfach toll aussieht), etwas „Metropolis“-Style und Faschismus-Look garniert. Die meisten Kritiker mochten den Film nicht (der Rotten-Tomatoes-Frischegrad ist 38 Prozent), die wenigen Zuschauer (in Deutschland war’s eine DVD-Premiere) mochten den durchaus geschickt bekannte Versatzstücke miteinander verbindenden Film und die Phoenix Film Critics Society nominierte den Film in der Kategorie „Übersehener Film des Jahres“.

Kurt Wimmer verspielte seinen Credit in der SF-Szene mit dem komplett misslungenen SF-Film „Ultraviolet“, rehabilitierte sich etwas mit seinem “Total Recall”-Drehbuch und Christian Bale wurde Batman.

mit Christian Bale, Emily Watson, Taye Diggs, William Fichtner, Sean Bean, Dominic Purcell, Angus MacFadyen, Mehmet Kurtulus, David Hemmings

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Equilibrium“

Wikipedia über „Equilibrium“ (deutsch, englisch)

Fanseite zum Film

SciFi Dimensions: Interview mit Kurt Wimmer über “Equilibrium” (Mai 2003)


TV-Tipp für den 17. März: Drive

März 17, 2015

WDR, 23.15
Drive (Drive, USA 2011)
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Hossein Amini
LV: James Sallis: Drive, 2005 (Driver, später wegen des Films „Drive“)
Der namenlose Fluchtwagenfahrer führt ein ruhiges, zurückgezogenes Leben, bis er sich in eine Frau verliebt und ihrem Freund bei einem Überfall helfen will. Der Überfall geht schief…
Allseits abgefeierten Neo-Noirs, der schon jetzt als Kultfilms gelabelt wird. Mehr gibt es in meiner ausführlichen Besprechung.
mit Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks, Oscar Isaac, Christina Hendricks, Ron Perlman, Kaden Leos
Hinweise

Amerikanische Homepage für “Drive”

Deutsche Homepage für “Drive”

Film-Zeit über “Drive”

Rotten Tomatoes über “Drive”

Wikipedia über “Drive” (deutsch, englisch)

Cannes: Presseheft für “Drive”

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Vergangenheit“ (Cripple Creek, 2006)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Dunkles Verhängnis” (Salt River, 2007)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Der Killer stirbt” (The Killer is dying, 2011)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Driver 2″ (Driven, 2012)

James Sallis in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Fear X“ (Fear X, USA 2003)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Drive“ (Drive, USA 2011)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Only God Forgives“ (Only God Forgives, Frankreich/Dänemark 2013)

Nicolas Winding Refn in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 16. März: Die blaue Dahlie

März 16, 2015

Arte, 20.15
Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, USA 1945)
Regie: George Marshall
Drehbuch: Raymond Chandler
Johnny kehrt aus dem Krieg heim und erwischt seine Frau mit einem anderen Mann. Kurz darauf ist sie tot – und er ist natürlich der Hauptverdächtige. Aber die Frau des Nebenbuhler hilft ihm bei der Tätersuche.
Damals war der Film ein gewaltiger Kassenschlager. Alan Ladd und Veronika Lake spielten nach „Die Narbenhand“ (This gun for hire, USA 1942) und „Der gläserne Schlüssel“ (The glass key, USA 1942) wieder zusammen. Der beim amerikanischen Publikum sehr beliebte William Bendix hatte eine wichtige Nebenrolle und die Story verband gelungen einen Krimi mit einer pessimistischen Beschreibung der damaligen Gesellschaft. Dafür erhielt Raymond Chandler eine Oscar-Nominierung.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.
Anschließend, um 21.50 Uhr, läuft „Unter falschem Verdacht“ (Frankreich 1947, Regie: Georges Clouzot). Dranbleiben lohnt sich.
Mit Alan Ladd, Veronica Lake, Willam Bendix, Howard da Silva, Doris Dowling
Wiederholung: Donnerstag, 19. März, 23.35 Uhr

Hinweise

Noir of the Week über „The Blue Dahlia“

Thrilling Detective über Raymond Chandler

Kirjasto über Raymond Chandler

Krimi-Couch über Raymond Chandler

Mordlust über Raymond Chandler

Raymond Chandler in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Geroge Marshalls „Der große Bluff“ (Destry rides again, USA 1939)

Meine Besprechung von George Marshalls „Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, USA 1945)


TV-Tipp für den 15. März: Chinatown

März 15, 2015

Arte, 20.15

Chinatown (USA 1974, Regie: Roman Polanski)

Drehbuch: Robert Towne

Los Angeles, 1937: Evelyn Mulwray beauftragt Privatdetektiv Jake Gittes, das Verschwinden ihres Mannes, dem Chef der Wasserwerke, aufzuklären. Schnell gerät der kleine Detektiv in ein Komplott, das er nie ganz durchschaut.

Sozusagen die Essenz der Schwarzen Serie. Georg Seeßlen hält „Chinatown“ für den definitiven private eye-Film der siebziger Jahre.

Anschließend, um 22.20 Uhr, läuft „Die unglaubliche Geschichte des Hollywood-Produzenten Robert Evans“ (USA 2002), der auch „Chinatown“ produzierte.

Mit Jack Nicholson, Faye Dunaway, John Huston, Perry Lopez, John Hillerman, Diane Ladd, Roman Polanski, Bruce Glover, James Hong, Burt Young

Wiederholung: Dienstag, 17. März, 00.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Chinatown“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Chinatown“

Old School Reviews (John Nesbit) über „Chinatown“

Noir of the Week: David N. Meyer über „Chinatown“

Thrilling Detective über Jake Gittes

Meine Besprechung von Roman Polanskis “The Ghostwriter” (The Ghost Writer, Frankreich/Deutschland/Großbritannien 2010)

Meine Besprechung von Roman Polanskis „Venus im Pelz“ (La Vénus á la Forrure, Frankreich/Polen 2013)


TV-Tipp für den 14. März: Lady Vengeance – Leben für die Rache

März 14, 2015

RBB, 01.20

Lady Vengeance – Leben für die Rache (Sudkorea 2005, Regie: Park Chan-wook)

Drehbuch: Park Chan-wook, Jeong Seo-Gyeong

Geum-ja saß dreizehn Jahre im Gefängnis für den Mord an einem kleinen Jungen, den sie nicht begangen hat. Jetzt will sie sich an dem wirklichem Täter, einem honorigem Englischlehrer, rächen.

Ein weiteres Meisterwerk des Regisseurs von „Joint Security Area“, „Sympathy for Mr. Vengeance“ und „Oldboy“. Die Kritiker waren vom Abschluß der Rachetrilogie des Südkoreaners begeistert, die zahlenden Zuschauer ebenso – und das Erste zeigte die TV-Premiere, wie erwartet, nach Mitternacht.

Mit Lee Yeong-ae, Choi Min-sik, Oh Dal-su, Kim Shi-hoo, Kim Bu-seon

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über “Lady Vengeance”

Rotten Tomatoes über “Lady Vengeance”

Wikipedia über “Lady Vengeance” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Park Chan-wooks “Stoker” (Stoker, USA 2012)


TV-Tipp für den 13. März: Rampart

März 13, 2015

ServusTV, 22.00
Rampart – Cop außer Kontrolle (Rampart, USA 2011)
Regie: Oren Moverman
Drehbuch: James Ellroy, Oren Moverman
Los Angeles, kurz nach dem Rampart-Skandal: der rassistische Streifenpolizist Dave Brown verprügelt vor laufender Kamera einen Mann. Jetzt soll Brown geopfert werden, um das Image der Polizei wieder herzustellen.
Woody Harrelson hält diesen Film zusammen und als erstklassig besetzte Charakterstudie überzeugt „Rampart“, der eindeutig vom US-amerikanischen New Hollywood der siebziger Jahre, als der „Taxi Driver“ und „Der Pate“ das Publikum mit komplexen und wenig vorbildlichen Charakteren konfrontierte, und dem europäischen Kino inspiriert ist.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung, die mit vielen O-Tönen von Oren Moverman und Woody Harrelson garniert ist.
mit Woody Harrelson, Robin Wright, Anne Heche, Cynthia Nixon, Steve Buscemi, Ice Cube, Sigourney Weaver, Ben Foster, Ned Beatty, Jon Bernthal, Brie Larson
Wiederholung: Samstag, 14. März, 00.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Meine Besprechung der James-Ellroy-Verfilmung “Rampart – Cop außer Kontrolle” (Rampart, USA 2011)

Meine Besprechung von James Ellroys Underworld-USA-Trilogie (Ein amerikanischer Thriller, Ein amerikanischer Albtraum, Blut will fließen)

Meine Besprechung von James Ellroys “Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau” (The Hilliker Curse – My Pursuit of Women, 2010)

James Ellroy in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Kingsman: The Secret Service“ spielt James Bond

März 12, 2015

Sie halten die Daniel-Craig-James-Bond-Filme für zu psychologisch? Sie lieben die alten James-Bond-Filme? Vor allem die mit Sean Connery? Und Sie sind keiner der James-Bond-Fans, die nur die von Eon produzierten Bond-Filme goutieren? Dann ist „Kingsman: The Secret Service“ definitiv einen Blick wert.
Am Anfang stand, während des Drehs von „Kick-Ass“, ein Gespräch zwischen Comicautor Mark Millar und Regisseur Matthew Vaughn, in dem sie sich fragten, warum die Macher des James-Bond-Films „Casino Royale“ in dem Film nicht die Ausbildung von James Bond, der damals erstmals von Daniel Craig gespielt wurde, gezeigt haben. Denn so eine Geheimagentenausbildung liefert Stoff für viele Anekdoten. Und sie erinnerten sich an die Geschichte zum ersten James-Bond-Film „James Bond 007 jagt Dr. No“/„Dr. No“, in der Regisseur Terence Young Sean Connery die richtige Kleidung und die richtigen Manieren für einen Geheimdienst ihrer Majestät beibrachte.
Ausgehend von diesem Gespräch entwickelten Autor Mark Millar („Kick-Ass“), Regisseur Matthew Vaughn (die Verfilmung von „Kick-Ass“) und Zeichner Dave Gibbons („Watchmen“) die Geschichte für den Comic „Secret Service“. Schon damals hatten sie eine Verfilmung im Hinterkopf, die jetzt von Matthew Vaughn auch realisiert wurde und die, trotz einiger Änderungen, dem Geist des Comics treu bleibt.
Im Film, und das ist die schönste und stilvollste Idee, wurde der Geheimdienst ihrer Majestät (der im Comic der Arbeitgeber unseres Helden wird) zum noblen Herrenschneider in der Savile Row. Diese Herrenschneider gründeten schon vor Jahrhunderten einen an König Arthurs Tafelrunde angelehnten Geheimbund und Geheimdienst, der von keiner Regierung Befehle entgegennimmt. Sie sind nur dem allgemeinen Wohl der Menschheit verpflichtet. Sie arbeiten im Verborgenen. Niemand weiß von ihnen. Und dank ihres Berufs haben sie Zugang zu allen Hinterzimmern der Mächtigen.
Als bei einem Einsatz einer der Kingsmen stirbt, wird ein Nachfolger gesucht. Jedes Mitglied der illustren Runde darf einen Kandidaten vorschlagen, der dann einem harten Auswahlprozess unterzogen wird. Harry Hart (Colin Firth), Codename Galahad, schlägt Gary ‚Eggsy‘ Price (Taran Egerton) vor.
Vor siebzehn Jahren starb Eggsys Vater bei einem Einsatz. Er rettete so Hart und sein Team. Seitdem steht er moralisch in der Schuld der Price-Familie. Und er glaubt, dass der Kleinverbrecher ohne Schulabschluss das Potential für einen echten Kingsman hat.
Währenddessen muss Hart auch gegen Richmond Valentine kämpfen. Valentine ist im Comic ein noch jugendlicher Milliardär, der mit Handys reich wurde. Er ist die größenwahnsinnige Ausgabe von Mark Zuckerberg. Im Film wird der Bösewicht von Samuel L. Jackson (mit einer gruseligen, immer irritierenden Synchronstimme) gespielt. Er ist ein ebenfalls durch technische Innovationen reich gewordener Milliardär mit eher nerviger HipHop-Attitüde. Denn auch wenn nicht mehr jeder HipHopper ein Zwanzigjähriger ist, ist Jackson zu alt für so ein pubertäres Gehabe.
Das verstrahlt-geniale Vorhaben von Valentine änderte sich nicht: er will etwas gegen die Überbevölkerung tun. Er will den Planeten retten, indem er fast die gesamte Menschheit durch ein Signal, das sich über seine Mobiltelefone verbreitet, vernichtet. Nur einige Auserwählte dürfe in seinem in den Bergen gelegenem Hauptquartier überleben.
Und nur unser James-Bond-Nachfolger Eggsy kann das verhindern.
„Kingsman: The Secret Service“ ist von der ersten bis zur letzten Sekunde eine James-Bond-Pastiche mit einem ordentlichen „Kick-Ass“-Vibe. Deshalb ist Matthew Vaughns Film auch deutlich brutaler als einer der klassischen Bond-Filme. Aber er ist auch enorm stilvoll. Immerhin müssen die Herrenausstatter für die gesellschaftliche Oberschicht selbst auch gut gekleidet sein und die richtigen Accessoires haben, teils mit verstecktem Q-Zubehör. Und natürlich ist ein Colin Firth (The King’s Speech, A single man) als James Bond ein Besetzungscoup. Da ist Michael Caine als Chef der Kingsmen (vulgo M) nur folgerichtig. Immerhin spielte Caine in den Sechzigern in drei Len-Deighton-Verfilmungen den Geheimagenten Harry Palmer, der einmal auch gegen „Das Milliarden Dollar Gehirn“ kämpfen musste.
Wenn Kenneth Branaghs „Cinderella“ der Film für achtjährige Mädchen, die gerne Prinzessin wären, ist, dann ist „Kingsman: The Secret Service“ der Film für pubertierende Jungs, die niemals einen Anzug anziehen würden, weil Anzüge uncool sind, und die sich niemals rasieren, weil Bartwuchs in dem Alter kein Problem ist. Ratet mal, zu welcher Gruppe ich gehöre?

Kingsman - Plakat

Kingsman: The Secret Service (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
LV: Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service, 2012/2013 (Secret Service)
mit Colin Firth, Samuel L. Jackson, Mark Strong, Taron Egerton, Michael Caine, Sofia Boutella
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage (meine Besprechung)

Millar - Secret Service - 2

Mark Millar/Dave Gibbons: Secret Service
(übersetzt von Claudia Fliege)
Panini, 2013
172 Seiten
19,95 Euro

Originalausgabe
Secret Service # 1- 6
Millarworld, Juni 2012 – April 2013

Hinweise
Britische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Kingsman“
Moviepilot über „Kingsman“
Metacritic über „Kingsman“
Rotten Tomatoes über „Kingsman“
Wikipedia über „Kingsman“ (deutsch, englisch)

Homepage von Mark Millar

Meine Besprechung von Mark Millar/Steve McNivens „Nemesis“ (Nemesis, 2010/2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/Grant Morrisons “Vampirella: Heiliger Krieg (Master Series 1)”

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 1)“ (Kick-Ass 2 – Issue 1 – 4, Dezember 2010 – November 2011)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Kick-Ass 2 (Band 2)“ (Kick-Ass 2 – Issue 5 – 7, Januar – Mai 2012)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita, Jr. „Hit-Girl – Kick-Ass 2: Die Vorgeschichte“ (Hit-Girl, Issue 1 – 5, August 2012 – April 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yus „Superior – Band 2“ (Superior, Issue 5 – 7, Dezember 2011 – März 2012)

Meine Besprechung von Jeff Wadlows Mark-Millar-Verfilmung “Kick-Ass 2″ (Kick-Ass 2, USA 2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/Dave Gibbons‘ „Secret Service“ (Secret Service # 1- 6, 2012/2013)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 1“ (Kick-Ass 3, # 1 – 5, 2013/2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/John Romita jr. „Kick-Ass 3 – Band 2“ (Kick-Ass 3 – # 6 – 7, 2014)

Meine Besprechung von Mark Millar/Leinil Yu/Nacho Vigalondos (Co-Autor/Drehbuch) „Super Croocks – Band 1: Der Coup“ (Super Crooks # 1 – 4, 2012)

Wikipedia über Dave Gibbons (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ “Watchmen” (Watchmen, 1986/1987)

Meine Besprechung von Frank Miller/Dave Gibbons’ “Martha Washington – Ein amerikanischer Traum (Band 1)” (Give me liberty, 1990)

Matthew Vaughn spricht über den Film