Neu im Kino/Filmkritik: „The Gallows“ killt dumme Schüler

August 27, 2015

In den letzten Jahren mauserte sich Blumhouse Productions zu einer verläßlichen Bank für Horrorfilmfans. Allerdings, trotz einiger echter Hits und guter Filme, nicht unbedingt zu einer guten. Eher zu einer, die man mit Interesse beobachtet, immer auf einen guten Film hofft und oft enttäuscht ist. „Paranormal Activity“ war 2007 ihr großer Erfolg, dessen fünfter Teil als „Paranormal Activity: Ghost Dimension 3D“ (Yeah, der Horror erhält eine dritte Dimension) am 22. Oktober bei uns anläuft. Es ist ein Found-Footage-Horrorfilm: in einem Haus geschehen unheimliche Dinge, die von den überall platzierten Überwachungskameras in nicht gerade berauschender Bildqualität aufgenommen werden. Der Film kostete 15.000 US-Dollar und spielte weltweit fast 200 Millionen US-Dollar ein, was ihn zu einem der profitabelsten, vielleicht sogar zu dem profitabelsten Hollywood-Film aller Zeiten machte. Danach kamen „Sinister“, „Insidious“, „Unknown User“ (wird fortgesetzt), zahlreiche Fortsetzungen und die beiden „The Purge“-Filme, die sogar richtig gut und keine Horrorfilme sind. Aber der typische Blumhouse-Film ist ein billig produzierter Horrorfilm mit unbekannten Schauspielern, gedreht im Found-Footage-Stil (also mit Überwachungskameras, Videokameras und, inzwischen, Handy-Kameras), einer entsprechend improvisierten Geschichte und oft mit Geistern. Das führt dann dazu, dass wenig Blut fließt (was nicht unbedingt schlecht ist) und es wenige Schockmomente gibt, die oft schon im Trailer, der den Film ja verkaufen soll, gezeigt werden.
„The Gallows“, das Regiedebüt von Chris Lofing und Travis Cluff, reiht sich nahtlos in das Blumhouse-Oeuvre ein. In diesem Fall geht es um eine Schule, die nach zwanzig Jahren wieder das Stück „The Gallows“ aufführen will. Damals erhängte sich der Hauptdarsteller des Stücks während der Premiere durch einen bedauerlichen Unfall am nicht richtig präpariertem Galgen.
In der Nacht vor der Premiere schleichen sich die Schüler Cassidy, Reese und Ryan in die Schule. Sie wollen die Bühnendekoration zerstören und so die Premiere sabotieren. Aber bevor sie mit ihrem schändlichen Tun beginnen können, taucht Pfeifer auf und Reese, der in sie verknallt ist und sich deshalb als Schauspieler in dem Stück versucht, versucht sich an einer weit hergeholten Erklärung. Kurz darauf geschehen in der dunklen Schule seltsame Dinge, wie seltsame Geräusche und plötzlich auf- und zugehende Türen. Außerdem, und hier hört der Spaß für die vier Schüler auf, sterben sie der Reihe nach, ohne dem Täter oder der Lösung einen erkennbaren Schritt näher zu kommen.
Obwohl der Film mit knapp achtzig Minuten (ohne Abspann) angenehm kurz geraten ist, bleibt genug Zeit, sich Gedanken über den seltsamen Grundriss der Schule zu machen, die eher ein Escher-Labyrinth als eine real existierende Schule ist, und warum die Eingeschlossenen nicht die Polizei anrufen (denn jede Schule hat Telefone) oder die Feuerwehr rufen (denn jede Schule hat einen Feueralarm) oder ganz einfach aus der Schule flüchten. Denn eine Schule ist kein Hochsicherheitsgefängnis. Eine Flucht, vor allem wenn man Todesangst hat und sich deshalb über eine zerbrochene Fensterscheibe keine Gedanken mehr machen muss, wäre einfach zu bewältigen. Aber lieber stehen sie ratlos vor einer verschlossenen Tür und stolpern dann durch den Keller oder hinter der Bühne herum, bis der Bösewicht sein Werk vollenden kann.
Dazu kommt die nervige Handykamera, die immer wackelt und mal wieder am Verstand des Kameramanns zweifeln lässt, der in höchster Not doch nur an das Filmen der Ereignisse denkt.
Dabei ist die Auflösung dieses Mal gar nicht so übel geraten. Ich bin sogar überzeugt, dass „The Gallows“, wenn er konventionell gedreht worden wäre (also mit einem ausformuliertem Drehbuch und ohne Found-Footage-Gedöns), ein ganz ordentlicher kleiner Horrorfilm geworden wäre.
Aber so ist es, mal wieder, typischer Blumhouse-Mist, der aufgrund des geringen Budgets von 100.000 US-Dollar sein Geld mehr als einmal einspielen wird, bis nächstes Jahr „The Gallows 2 – Der Galgen steht immer noch“ (oder wie auch immer die unvermeidliche Fortsetzung heißt) in unseren Kinos anläuft. Laut Box Office Mojo hat „The Gallows“ bis jetzt weltweit fast 38 Millionen US-Dollar eingespielt.

Gallows - Plakat

The Gallows – Jede Schule hat ein Geheimnis (The Gallows, USA 2015)
Regie: Chris Lofing, Travis Cluff
Drehbuch: Chris Lofing, Travis Cluff
mit Reese Mishler, Pfeifer Brown, Ryan Shoos, Cassidy Gifford
Länge: 81 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Gallows“
Moviepilot über „The Gallows“
Metacritic über „The Gallows“
Rotten Tomatoes über „The Gallows“
Wikipedia über „The Gallows“ 


TV-Tipp für den 27. August: Heimat – Eine deutsche Chronik: Fernweh/Die Mitte der Welt

August 27, 2015

Arte, 22.15
Heimat – Eine deutsche Chronik: Fernweh (1919 – 1928), Die Mitte der Welt (1929 – 1933) (Deutschland 1984)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Peter Steinbach
Toll, dass „Heimat“, das Werk, mit dem Edgar Reitz seinen Durchbruch hatte, das damals wirklich ein TV-Ereignis war und das eindrucksvoll zeigt, was im Fernsehen möglich war, bevor es diese langen „Fernsehen ist der neue Roman“-Elogen gab, wieder im Fernsehen läuft.
Schade, dass Arte das Opus in einer von Reitz selbst von 924 Minuten auf 888 Minuten gekürzten Fassung in Doppelfolgen heute und an den kommenden Donnerstagen zeigt. D. h., dass um 01.45 Uhr der Abspann läuft und das Aufnahmegerät seine Arbeit beendet, während einige Nachteulen den Fernseher ausschalten.
In „Heimat“ erzählt Reitz anhand der in dem fiktiven Hunsrückdorf Schabbach lebenden Maria Simon (1900 – 1982) die wechselvolle Geschichte Deutschlands vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zu Marias Tod aus der Perspektive der kleinen Leute, die nicht in einer Metropole leben.
Großes Kino! Auch in der Mediathek.
Mit Marita Breuer, Gertrud Bredel, Willi Burger, Michael Lesch, Rüdiger Weigang, Karin Rasenack

Hinweise

Arte über „Heimat – Eine deutsche Chronik“

Wikipedia über „Heimat – Eine deutsche Chronik“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)


TV-Tipp für den 26. August: Die andere Heimat

August 26, 2015

Arte, 20.15
Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Deutschland 2013)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich
Grandioses, fast vierstündiges Alterswerk von Edgar Reitz, in dem er vom Leben der Familie Simon im Hunsrückdorf Schabbach um 1840, zwischen hartem Alltag, Hungersnöten und revolutionärem Aufbruch erzählt. Einer der Simon-Jungs möchte, wie viele Hunsrücker, nach Brasilien auswandern, wo er auf ein besseres Leben hofft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung zum Kino- und DVD-Start (mit unterschiedlichem Bonusmaterial).
mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Die andere Heimat“

Moviepilot über „Die andere Heimat“

Wikipedia über „Die andere Heimat“

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)

Homepage von Michael Riessler


DVD-Kritik: Über die Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung „Schändung – Die Fasanentöter“

August 25, 2015

Zum Kinostart schrieb ich wenig begeistert über „Schändung – Die Fasanentöter“, die zweite Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung:

Es hilft nichts. Auch die Veränderungen im Drehbuch von Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg machen aus Jussi Adler-Olsen spannungsloser Geschichte „Schändung“ keinen Thriller. Die Täter sind beide Male von Anfang an bekannt, was ja nicht unbedingt ein Nachteil ist. So basiert die grandiose Krimiserie „Columbo“ auf dieser Idee. Aber in „Columbo“ sind die Verbrecher intelligent, die Konfrontationen zwischen dem Ermittler und dem Mörder sind vergnügliche Schlagabtäusche, Katz-und-Maus-Spiele zwischen intelligenten Kontrahenten, und in jeder Szene erfahren wir etwas neues.
In „Schändung“, und da unterscheiden sich der Roman seine Verfilmung nicht, ist es anders. Es gibt einfach keine nennenswerten Konfrontationen und, nachdem wir die Ausgangssituation kennen, auch keine neuen Erkenntnisse. Die gesamte Geschichte quält sich über 450 Seiten (im Roman) oder gut 120 Minuten (im Film) auf ihr Ende zu. Schon am Anfang erfahren wir, dass eine Gruppe stinkreicher Internatsschüler vor zwanzig Jahren zwei Jugendliche ermordeten. Bjarne Thøgersen gestand den Doppelmord und sitzt dafür im Gefängnis. Der Fall ist offiziell abgeschlossen.
Jetzt beginnt Carl Mørck vom Sonderdezernat Q, der Abteilung für alte, nicht abgeschlossene Fälle, den Fall neu aufzurollen. Im Roman weil die Akte wie von Geisterhand auf seinem schon gut gefülltem Schreibtisch auftaucht und es, anstatt sich irgendeinen ungeklärten alten Mordfall vorzunehmen, natürlich grundvernünftig ist, einfach einen geklärten alten Mordfall noch einmal zu untersuchen. Vielleicht haben die Kollegen ja Mist gebaut und vielleicht ist der geständige Täter, der sein Geständnis nicht widerrufen möchte, doch nicht der Täter. Wer jetzt glaubt, dass Mørcks Verhalten idiotisch ist, wird an Adler-Olsens Roman keine Freude haben. Aber eigentlich sollte er nach dem ersten Sonderdezernat-Q-Roman „Erbarmen“ schon vorgewarnt sein.
Im Film ist Mørcks Verhalten immerhin besser motiviert: Eines Nachts begegnet er im Regen (wegen der atmosphärischen Bilder) einem offensichtlich verwirrten Mann, der ihm die alte Akte gibt. Am nächsten Tag ist er tot. Suizid. Er war ein Ex-Polizist und der Vater der beiden toten Teenager. Getrieben von dem Gefühl, dem Mann nicht geholfen zu haben, sieht Mørck sich den Fall wieder an.
Zur gleichen Zeit läuft die Obdachlose Kimmie durch Kopenhagen. Sie ist eine der damaligen Täter und jetzt will sie sich an den anderen Tätern rächen. Ohne jetzt allzutief in die Psychologie einzusteigen: weil Jussi Adler-Olsen es so will und es in der Theorie doch gut klingt: während die Polizei die Täter sucht, will einer der Täter die anderen umbringen und jetzt haben wir einen Wettlauf mit der Zeit. Denn wer erreicht zuerst sein Ziel? Die Ausführung steht dann auf einem anderen Blatt und das Ende bringt diese beiden Plots mit mehr Zufall als Verstand oder innerer Logik zusammen.
Unglaubwürdige Charaktere, eine unplausible Geschichte, fehlende Konfrontationen, fehlende Konflikte – das ist das Rezept für einen veritablen Langweiler, der in diesem Fall immerhin Mørcks Privatleben links liegen lässt. Dieses Fazit gilt für den Roman und die Verfilmung.

Jetzt, nach der zweiten Sichtung, fällt mir auf, dass ich die gewohnt wertige skandinavische Optik nicht lobte. Und in zwei Punkten war ich etwas ungenau. Bjarne Thøgersen hat seine Strafe nämlich schon verbüßt und er wurde für sein Geständnis, was den beiden Ermittlern sofort auffällt, fürstlich entlohnt. Und Kimmie ist im Film nur noch eine gequälte Seele; – was einige Wendungen psychologisch umso unverständlicher macht. Im Roman verfolgt sie konsequenter ihren Racheplan; – was psychologisch auch nicht sonderlich nachvollziehbar ist. Immerhin ist die Verfilmung gelungener als der Roman.
Ob ich jemals ein Adler-Olsen-Fan werde? Immerhin gibt es mit „Erlösung“ einen dritten Versuch, der ab Mitte Juni 2016 in unseren Kinos laufen soll und der, bis auf den Regisseur (Hans Petter Moland übernahm), mit dem bewährtem Team gedreht wird. Vielleicht ist dieser Mørck-Film, in dem es um verschwundene Kinder geht, kein Murks, für den vor allem Romanautor Jussi Adler-Olsen verantwortlich ist.
Das Bonusmaterial ist ziemlich umfangreich und auch informativ geraten, was vor allem daran liegt, dass Regisseur Mikkel Nørgaard im 26-minütigem „Making of“ ausführlich zu Wort kommt. Mit den beiden Hauptdarstellern Nikolaj Lie Kaas und Fares Fares gibt es außerdem kürzere Interviews (8 und 6:30 Minuten), die im Rahmen der Werbung für den deutschen Kinostart gemacht wurden.

Schändung - DVD-Cover - 4

Schändung – Die Fasanentöter (Fasandræberne, Dänemark/Deutschland/Schweden 2014)
Regie: Mikkel Nørgaard
Drehbuch: Nikolaj Arcel, Rasmus Heisterberg
LV: Jussi Adler-Olsen: Fasandræberne, 2008 (Schändung)
mit Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Pilou Asbaek, David Dencik, Danica Curcic, Johanne Louise Schmidt
–
DVD
NFP marketing & distribution (Vertrieb: Warner Bros.)
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Dänisch
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Making of, Interviews mit Nikolaj Lie Kaas und Fares Fares, Trailer, Teaser, Hörfilmfassung
Länge: 115 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–

Die Vorlage

Adler-Olsen - Schändung - Movie-Tie-In

Jussi Adler-Olsen: Schändung
(übersetzt von Hannes Thiess)
dtv, 2015 (Filmausgabe)
464 Seiten
9, 95 Euro
–
Deutsche Erstausgabe
dtv premium, 2010
–
Originalausgabe
Fasandræberne
Politikens Forlagshus A/S, Kopenhagen, 2008
–
Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Schändung“
Moviepilot über „Schändung“
Rotten Tomatoes über „Schändung“
Dänische Homepage von Jussi Adler-Olsen

Deutsche Homepage von Jussi Adler-Olsen

Krimi-Couch über Jussi Adler-Olsen

Wikipedia über Jussi Adler-Olsen

Meine Besprechung von Jussi Adler-Olsens „Erbarmen“ (Kvinden i buret, 2008)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards „Erbarmen“ (Kvinden i buret, Dänemark/Deutschland/Schweden 2013)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards „Erbarmen“ (Kvinden i buret, Dänemark/Deutschland/Schweden 2013) (DVD)

Meine Besprechung von Mikkel Nørgaards Jussi-Adler-Olsen-Verfilmung „Schändung – Die Fasanentöter“ (Fasandræberne, Dänemark/Deutschland/Schweden 2014)


TV-Tipp für den 25. August: Das Gesetz der Begierde

August 25, 2015

Eins Festival, 23.40

Das Gesetz der Begierde (Spanien 1986, Regie: Pedro Almodóvar)

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Pablo liebt Juan. Antonio liebt Pablo und Pablos Schwester Tina, die früher ein Mann war. Und schon dreht sich das Liebes- und Eifersuchtskarussell.

„Der Showdown ist schlichtweg genial, und zwar gerade weil er unüberbietbar kitschig ist. (…) Der Rest stellt sich als banale Eifersuchtsgeschichte unter Schwulen dar“, urteilte der Fischer Film Almanach damals über Almodóvars Frühwerk, das auch international Kasse machte.

mit Eusebio Poncela, Carmen Maura, Antonio Banderas, Miguel Molina

Hinweise

Wikipedia über „Das Gesetz der Begierde” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Pedro Almodóvars “Fliegende Liebende” (Los amates Pasajeros, Spanien 2013)


TV-Tipp für den 24. August: Der Falke und der Schneemann

August 24, 2015

ServusTV, 23.50

Der Falke und der Schneemann (USA 1984, Regie: John Schlesinger)

Drehbuch: Steven Zaillian

LV: Robert Lindsey: The Falcon and the snowman, 1979

Musik: Pat Metheny (und dem David-Bowie-Hit „This is not america“)

Auf Tatsachen basierendes Drama über zwei Jugendliche, die mäßig brisante Geheimdokumente an die UdSSR verkauften und 1977 zu lebenslanger beziehungsweise 40-jähriger Haft verurteilt wurden. Inzwischen sind sie auf Bewährung entlassen.

Nach 9/11, der Hatz auf islamistische Terroristen und ihr Umfeld und den Whistleblowern der vergangenen Jahre, zuletzt Edward Snowden, ist „Der Falke und der Schneemann“ als düsteres Drama über jugendlichen Idealismus wieder sehr aktuell.

Mit Sean Penn, Timothy Hutton, Pat Hingle, Joyce Van Patten

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Der Falke und der Schneemann”

Wikipedia über “Der Falke und der Schneemann” (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 23. August: Fesseln der Macht

August 22, 2015

Tele 5, 20.15

Fesseln der Macht (USA 1981, Regie: Ulu Grosbard)

Drehbuch: John Gregory Dunne, Joan Didion

LV: John Gregory Dunne: True Confessions, 1977

Los Angeles, 1948: In einem Bordell wird die Leiche eines Priesters gefunden. Bei den Ermittlungen stößt Tom Spellay auf seinen Bruder, der inzwischen Sekretär des Erzbischofs ist. Beide wollen den Fall vertuschen. Aber eine ermordete Prostituierte vereitelt diesen Plan.

Spannendes, stimmiges Krimidrama, das sich an ein erwachsenes Publikum richtet. Die deutsche Premiere erlebte der Film 1986 auf Video.

Georges Pelecanos zum Film: “Released in 1981, it represents a kind of studio-picture craftsmanship that is sadly absent in most movies made today. Read the book, then wait for a rainy Saturday afternoon and see the film. This is one that has stood the test of time.”

Mit Robert De Niro, Robert Duvall, Charles Durning, Burgess Meredith, Cyril Cusack

Auch „Gefährliche Beichte“

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Fesseln der Macht“

Wikipedia über „Fesseln der Macht“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 22. August: Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest

August 22, 2015

WDR, 00.30

Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest (USA 2009, Regie: Antoine Fuqua)

Drehbuch: Michael C. Martin

Hochkarätig besetzter Ensemblefilm über drei Polizisten, die versuchen in Brooklyn ihren Weg zu gehen: der eine wartet nur noch auf seine Pensionierung, der andere will einen Undercover-Einsatz beenden und muss dafür einen Freund verraten, der dritte will Geld für seine Familie besorgen und geht dafür über Leichen.

Die Geschichten mögen etwas zu sehr die bekannten Cop-Film-Klischees bedienen, aber insgesamt ist „Brooklyn’s Finest“ ein sehenswerter, vor Ort gedrehter Cop-Film und damit auch eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft.

mit Richard Gere, Don Cheadle, Ethan Hawke, Wesley Snipes, Vincent D’Onofrio, Will Patton, Lili Taylor, Ellen Barkin, Brían F. O’Byrne, Michael K. Williams

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gesetz der Straße“

Rotten Tomatoes über “Gesetz der Straße”

Metacritic über “Gesetz der Straße”

Wikipedia über “Gesetz der Straße” (deutsch, englisch)

The Root: Interview mit Michael C. Martin über „Brooklyn’s Finest“

Go into the Story: Interview mit Michael C. Martin über „Brooklyn’s Finest“

Variety über Michael C. Martin (10. Juni 2008)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas „Southpaw“ (Southpaw, USA 2015)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Antoine Fuquas Boxerfilm „Southpaw“

August 21, 2015

Die Regeln des Boxerfilms sind ja bekannt und „Southpaw“ folgt ihnen auch mit einem Boxkampf am Anfang, der Herausforderung eines Konkurrenten, einer krachenden Niederlage, dem langen Training für den nächsten Kampf und schließlich dem Schlußkampf, bei dem der Held siegreich den Ring verlässt. Das kennt man spätestens aus den „Rocky“-Filmen.
Aber Regisseur Antoine Fuqua (zuletzt „The Equalizer“) und Drehbuchautor Kurt Sutter („The Shield“, „Sons of Anarchy“) setzen eigene Akzente, die „Southpaw“ innerhalb des Genres zu einem sehr interessanten Film machen. Dabei ist die Besetzung der Hauptrolle mit Jake Gyllenhaal der uninteressanteste Punkt. Immerhin spielte schon Robert De Niro in Martin Scorseses grandiosem SW-Boxerfilm „Raging Bull – Wie ein wilder Stier“ einen Boxer.
Der interessante Punkt ist, wie viel Zeit sich Fuqua nimmt, um das Leben abseits des Boxkampfes und abseits des Boxrings zu zeigen. Es geht um die Einsamkeit nach dem Kampf in ranzigen Hinterzimmer, in denen man sich wenige Minuten früher auf den Kampf vorbereitete. Nach dem Lärm der jubelnden Menge in dem bis zum letzten Platz gefüllten Veranstaltungssaal ist die Stille und Einsamkeit in dem anonymen, funktionalem und fensterlosen Zimmer noch bedrückender. Es geht um die Schmerzen, die man nach einem Boxkampf am ganzen Körper spürt. So stolpert Billy Hope wie ein Schwerverletzter durch sein mondänes Anwesen. Es geht um die Geschäfte, die das Profiboxen begleiten. Also um das Abschließen von Verträgen, Auftritte bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Entscheidungen über das Leben nach der Sportkarriere. Es geht auch um die große Entourage, die man hat, so lange man Geld hat.
Diese Gefolgschaft verlässt Billy ‚The Great‘ Hope (Jake Gyllenhaal), ein impulsiv-jähzorniges Waisenkind, das sich von ganz unten aus dem Kinderheim nach oben zum Halbschwergewichtsmeistertitel boxte, mit seiner Jugendliebe Maureen (Rachel McAdams), die sein Leben in jeder Beziehung organisiert, glücklich verheiratet ist und mit ihr eine zehnjährige Tochter (Oona Laurence) hat, die er abgöttisch liebt, nachdem Maureen während einer Wohltätigkeitsveranstaltung bei einer Rangelei mit einem anderen Boxer durch einen Schuss tödlich verletzt wird. Ohne Maureen ist Billy ein vom Leben überfordertes Häufchen selbstmitleidiges Elend, das nach einem missglückten Boxkampf, der für ihn mit einer einjährigen Kampfsperre endet, auch schnell sein Vermögen verliert. Seine Tochter Leila kommt in ein Heim und er weiß nicht, wann er wieder mit ihr zusammen leben darf.
Weil Leila sein einziger Halt ist, will er für sie ein anständiger Vater sein. Deshalb nimmt er bei dem Amateur-Boxtrainer Titus ‚Tick‘ Wills (Forest Whitaker), der für die Kinder im Viertel auch ein Sozialarbeiter ist, eine Arbeit als Putzmann an. Und selbstverständlich trainiert er dort für seinen nächsten Kampf.
Wichtiger als die furios inszenierten Boxkämpfe sind in „Southpaw“, wie gesagt, die sonst nicht gezeigten Momente, die den Film, innerhalb der bekannten Regeln und absolut ironiefrei, zu einer intensiven und düsteren Charakterstudie machen. Und Jack Gyllenhaal überzeugt nach „Nightcrawler“, wo er ebenfalls einen – höflich formuliert – schwierigen Charakter spielte, wieder einmal als ein auch an seine körperlichen Grenzen gehender Schauspieler restlos.

Southpaw - Plakat

Southpaw (Southpaw, USA 2015)
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Kurt Sutter
mit Jake Gyllenhaal, Rachel McAdams, Forest Whitaker, Naomie Harris, Curtis `50 Cent`Jackson, Oona Laurence, Miguel Gomez, Skylan Brooks, Beau Knapp, Victor Ortiz
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Southpaw“
Moviepilot über „Southpaw“
Metacritic über „Southpaw“
Rotten Tomatoes über „Southpaw“
Wikipedia über „Southpaw“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Self/Less – Der Fremde in mir“ verschenkt sein Potential

August 21, 2015

Damian Hale (Ben Kingsley) ist ein milliardenschwerer Selfmade-Industrieller, der unheilbar an Krebs erkrankt ist und bald daran sterben wird. Da erfährt er, dass es eine Möglichkeit gibt, seinen Geist in einen jungen gesunden Körper zu transportieren. Hale ist zwar misstrauisch – immerhin wirkt die Geschichte zu unglaublich und es könnte ein großer Schwindel sein -, aber er lässt sich darauf ein. Und hier erleben wir die erste Überraschung in Tarsem Singhs in der Gegenwart spielendem Science-Fiction-Film „Self/Less – Der Fremde in mir“. Die Methode der Seelenübertragung, Shedding genannt, funktioniert. Durchgeführt wird sie von einer im geheimen operierenden Organisation, die sich ihre Dienstleistung teuer bezahlen lässt.
Hale erwacht im Körper eines jungen Mannes (Ryan Reynolds). In New Orleans soll er sich an seinen neuen Körper und, immerhin ist er offiziell tot und begraben, seine neue Identität gewöhnen. Aber er wird von Alpträumen heimgesucht. Hale will den Ursprung der Träume finden.
Ab diesem Moment gerät „Self/Less“ zunehmend in das Fahrwasser eines okayen actionlastigen Verschwörungsthrillers, der sich nicht mehr für das Potential seiner Prämisse interessiert. Denn der junge Hale ist ein Soldat, verheiratet und Vater, der seinen Körper an die Shedding-Firma verkaufte und der, nachdem die Firma ihn anscheinend umbringen will, Gewalt mit Gewalt beantwortet. Diese Actionplotte ist nicht ohne Reiz, aber auch arg konventionell.
Dabei hätte Hales Geist, wenn man auf ihn gehört hätte, sicher einige sehr fiese Ideen gehabt, wie man mit einer dubiosen Firma umgehen kann. Vor allem wenn sie im Geheimen agiert (worüber man nicht zu sehr nachdenken sollte, aber auch diese Idee hätte man genauer beleuchten können). Das hätte ein wirklich spannender Film, der auch die mit dem Shedding verbundenen ethnischen Fragen tiefgehender diskutiert, werden können.

Self-Less - Plakat
Self/Less – Der Fremde in mir (Self/Less, USA 2015)
Regie: Tarsem Singh
Drehbuch: Àlex Pastor, David Pastor
mit Ryan Reynolds, Ben Kingsley, Natalie Martinez, Matthew Goode, Victor Garber, Derek Luke, Michelle Dockery
Länge: 118 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Self/Less“
Moviepilot über „Self/Less“
Metacritic über „Self/Less“
Rotten Tomatoes über „Self/Less“
Wikipedia über „Self/Less“


TV-Tipp für den 21. August: Männer, die auf Ziegen starren

August 20, 2015

3sat, 22.35

Männer, die auf Ziegen starren (USA 2009, Regie: Grant Heslov)

Drehbuch: Peter Straughan

LV: Jon Ronson: The men who stare at goats, 2004 (Durch die Wand; Männer, die auf Ziegen starren)

Ein Journalist hört von einer Armeeeinheit, die ihre Gegner mit gewaltfreien, teils übersinnlichen Methoden bekämpft. Er macht sich auf die Suche nach ihr.

Die Story von „Männer, die auf Ziegen starren“ klingt erfunden, ist aber wahr und der Film folgt dem Sachbuch erstaunlich genau.

Köstlich durchgeknallte Militärsatire (alles weitere in meiner ausführlichen Besprechung von Buch und Film).

mit George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges, Kevin Spacey, Stephen Lang, Robert Patrick, Waleed Zuaiter, Stephen Root, Glenn Morshower

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Männer, die auf Ziegen starren“

Metacritic über “Männer, die auf Ziegen starren”

Rotten Tomatoes über “Männer, die auf Ziegen starren”

Wikipedia über “Männer, die auf Ziegen starren” (deutsch, englisch)

Homepage von Jon Ronson

Den of Geek: Interview mit Jon Ronson (5. November 2009)

UGO: Interview mit Jon Ronson (6. November 2009)

Homepage des 1st Earth Battalion

Meine Besprechung von Jon Ronsons “Männer, die auf Ziegen starren” (The men who stare at Goats, 2004)

Meine Besprechung von Jon Ronsons “Die Psychopathen sind unter uns – Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht” (The Psychopath Test – A Journey through the Madness Industry, 2011)


DVD-Kritik: Eine Nacht in Belfast „’71“

August 20, 2015

Ich kann euch wirklich nicht sagen, warum „’71“ bei uns, nachdem er schon letztes Jahr auf der Berlinale im Wettbewerb seine Premiere hatte, von der Kritik gelobt wurde und eine spezielle Erwähnung bei der Vergabe des Preises der Ökumenischen Jury erhielt, nicht im Kino lief. Denn dass der Nordirland-Konflikt mit seinen unübersichtlichen Frontlinien bei uns nicht mehr so bekannt ist, kann es nicht sein. Eher schon, dass „’71“ sich etwas unglücklich zwischen Blockbuster-Unterhaltung und Arthouse-Kino positioniert. Aber das war bei „Herz aus Stahl“ (Fury, USA 2014) nicht wirklich anders.
In seinem Spielfilmdebüt (nach mehreren TV-Arbeiten) erzählt Yann Demange die Geschichte von Gary Hook (Jack O’Connell) und seinem ersten Einsatz in Belfast 1971. Gary ist ein junger englischer Soldat, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat. Er ist ein Waisenkind, das sich um seinen in einem Heim lebenden kleineren Bruder kümmert und der vor allem, wie viele junge Männer, wegen der gesicherten Arbeitsperspektive, Soldat wurde. Er hofft, nach der Ausbildung in Deutschland stationiert zu werden. Aber er und seine Kameraden werden nach Nordirland, mitten in den blutig geführten Bürgerkrieg, geschickt. Dort sollen sie die Polizei unterstützen. Aber schon ihr erster Einsatz geht schief: die Polizei agiert äußerst brutal, die Bevölkerung wirft Steine, ein Soldat wird kaltblütig erschossen und Gary wird von seiner Truppe getrennt. Auf der Flucht vor IRA-Männern, die auch ihn ermorden wollen, kann er sich in einer Toilette (yep, damals gab es noch Außentoiletten) verstecken. In der Nacht versucht er, mitten im Kriegsgebiet, zurück zu seiner Einheit zu kommen, während er von allen gesucht wird und er nicht weiß, wem er vertrauen kann. Denn fast niemand will ihm helfen.
An seiner Oberfläche ist „’71“ ein packender Kriegsthriller, der seine Geschichte vor allem durch seine die frühen Siebziger heraufbeschwörenden Bilder erzählt. Das ist insofern erstaunlich, weil Demange ein TV-Regisseur und Drehbuchautor Gregory Burke ein Theaterautor ist und beide daher vor allem mit wortlastigen Stoffen vertraut sind. In „’71“ gibt es allerdings nur wenige Dialoge, aber viel Action und einen geschickten Spannungsaufbau. Und es gelingt ihnen, die Ansichten der schon damals fast unüberschaubaren Zahl beteiligter Gruppen und Splittergruppen und die moralischen Dilemma, in die sie die plötzliche Anwesenheit eines Soldaten stürzt, aufzuzeigen.
So grandios der für keine der beteiligten Gruppen Partei ergreifende Film auch ist, so vernachlässigbar ist das Bonusmaterial. Etwas B-Roll und kurze, nicht sonderlich informative Interviews mit zwei Darstellern, die während des Drehs entstanden. Hätte man nicht wenigstens die Berlinale-Pressekonferenz oder Interviews mit dem Regisseur und dem Autor besorgen können?

71 - DVD-Cover

’71 – Hinter feindlichen Linien (’71, Großbritannien 2014)
Regie: Yann Demange
Drehbuch: Gregory Burke
mit Jack O’Connell, Paul Anderson, Richard Dormer, Sean Harris, Barr Keoghan, Martin McCann, Charlie Murphy, Sam Reid, Killian Scott, David Wilmot
–
DVD
Ascot-Elite
Bild: 2,39:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Interviews mit Jack O’Connell und Jack Lowden, B-Roll, Trailer, Wendecover
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „’71“
Moviepilot über „’71“
Metacritic über „’71“
Rotten Tomatoes über „’71“
Wikipedia über „’71“ (deutsch, englisch)
Berlinale über „’71“ (die Pressekonferenz in voller Länge)


Neu im Kino/Filmkritik: „Vacation – Wir sind die Griswolds“ und das ist unser Land

August 20, 2015

Über „Die schrillen Vier auf Achse“ (National Lampoon’s Vacation) schrieb das Lexikon des internationalen Films „Als Satire auf den ‚american way of life‘ angelegte Slapstickkomödie, gelegentlich etwas zu sehr überdreht.“
Und im Fischer Film Almanach 1985 steht: „Wer Slapstick und Satire mag, dabei aber auch einige grobe Hämmer in Kauf nimmt, kann sich als Zuschauer hier an dem Unglück anderer Menschen freuen.“
Damals unternahm Clark Griswold (Chevy Chase) mit seiner Frau Ellen (Beverly D’Angelo) und ihren Kindern im Auto die Reise quer durch die USA von Chicago nach Walley World, einem in Kalifornien liegendem Vergnügungspark.
Heute, dreißig Jahre später, unternimmt in „Vacation – Wir sind die Grisworlds“ Clarks Sohn Rusty Griswold (Ed Helms), weil Jugenderinnerungen so schön sind, mit seiner Frau Debbie (Christina Applegate) und ihren beiden Jungs die Reise durch die USA von Chicago nach Walley World.
Die Dramaturgie hangelt sich dabei von einem Ferienerlebnis zum nächsten, zwischen banal und klamaukig wechselnd. Wobei der Klamauk meist unter die Gürtellinie zielt und immer irgendetwas mit Sex zu tun hat. Das ist aber nie witzig oder befreiend, sondern verklemmt. Als hätte es niemals so etwas wie die sexuelle Revolution gegeben. Und als seien Busengrapscher und in enge Hosen eingezwängte Riesenpenisse (auch wenn er zu ‚Thor‘ gehört) der Höhepunkt der Höhepunkt des Humors.
Die im Original vorhandene Satire auf den ‚american way of life‘ ist nicht mehr erkennbar. Slapstick gibt es nur noch in einigen wenigen Momenten. Dabei ist die Titelsequenz – eine Abfolge von Urlaubsfotos, die teilweise erst nach einem kurzen Augenblick ganz gezeigt werden und den Schnappschüssen so eine vollkommen neue Perspektive geben – gelungen in ihrem Blick auf die Biederkeit und Absurdität von ganz normalen Familienurlauben und Situation, in denen das Lachen zwischen Schadenfreude und Betroffenheit über die unsensiblen Erwachsenen schwankt. Beim restlichen Film stellt sich diese Frage, warum man worüber lachen soll, nicht mehr. Zu altbacken und zu verklemmt sind die Witze. Auch Chevy Chase, der gegen Filmende seinen Auftritt hat, kann diesen biederen Klamauk nicht mehr retten.

Vacation - Plakat

Vacation – Wir sind die Griswolds (Vacation, USA 2015)
Regie: Jonathan Goldstein, John Francis Daley
Drehbuch: Jonathan Goldstein, John Francis Daley (basierend auf Charakteren von John Hughes)
mit Ed Helms, Christina Applegate, Skyler Gisondo, Steele Stebbins, Chris Hemsworth, Leslie Mann, Chevy Chase, Beverly D’Angelo, Ron Livingston, Keegan-Michael Key, Regina Hall, Charlie Day, Michael Peña, Kaitlin Olson, Norman Reedus, Hannah Davis, Colin Hanks
Länge: 99 Minuten
FSK: ?
–
Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Vacation“
Moviepilot über „Vacation“
Metacritic über „Vacation“
Rotten Tomatoes über „Vacation“
Wikipedia über „Vacation“ 


TV-Tipp für den 20. August: 5 Jahre Leben

August 20, 2015

ARD, 22.45
5 Jahre Leben (Deutschland 2013, Regie: Stefan Schaller)
Drehbuch: Stefan Schaller, David Finck
Es trifft ja nur Terroristen. Zum Beispiel diesen Deutschtürken Murat Kurnaz, der kurz nach 9/11 als „feindlicher Kämpfer“ nach Guantánamo gebracht wurde. Nach fünf Jahren – auch weil die Bundesregierung absolut keine Eile hatte, den unschuldig Inhaftierten Kurnaz wieder in Deutschland einreisen zu lassen – kehrte er 2006 nach Bremen zurück.
Stefan Schallers beeindruckener Spielfilm konzentriert sich auf die Verhöre durch Gail Holford und Kurnaz’ Kampf um seine Würde. Gerade dank dieser Beschränkung gewinnt er an erzählerischer Kraft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Films.
mit Sascha Alexander Gersak, Ben Miles, Trystan Pütter, John Keogh, Timur Isik, Kerem Can, Siir Eloglu, Tayfun Bademsoy
Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über “5 Jahre Leben”

Film-Zeit über „5 Jahre Leben“

Wikipedia über Murat Kurnaz

Meine Besprechung von Stefan Schallers „5 Jahre Leben“ (Deutschland 2013)


Neu im Kino (mit Kinotour)/Filmkritik: „California City“ ist ein verlassener Ort

August 19, 2015

Howe Gelb, der Kopf der Alternative-Countryrock-Band „Giant Sand“, schrieb die grandios spartanische Musik zu Bastian Günthers „California City“, einer herrlich unverkrampft zwischen Spiel-, Dokumentar- und Essayfilm pendelnden allzu realen Fantasie über einen Kammerjäger, der in den nach der Finanzkrise verlassenen Wohnhäusern von California City in den Swimmingpools nach Moskitos sucht und sie vernichtet. Während seiner Fahrt durch die menschenleere Gegend trifft er einige Menschen, die noch in der Einöde leben, hängt seinen Erinnerungen an seine Freundin nach und fragt sich, ob es die Welt überhaupt noch gibt.
In Bastian Günthers Film, der vorher „Houston“ über einen Headhunter dem in der Fremde die Kontrolle über sein Leben entgleitet, inszenierte, wird in einer Endzeitlandschaft Kalifornien zu einem Sehnsuchtsort, deren Versprechen auf ein besseres Leben sich nicht erfüllten. Der amerikanische Traum ist in „California City“, zwischen verlassenen, uniformen Fertighäusern und Ruinen, schon lange ausgeträumt und die Menschen, die noch in California City leben, vor allem gesellschaftliche Außenseiter und Aussteiger, suchen nicht mehr danach.
Und weil Günther immer um diesen thematischen Kern kreist, wird „California City“ zu einer interessanten Fallstudie eines Stillstandes, der nach einem umfassenden Scheitern, das für California City das Blatzen der Immobilienblase war, kommt. Dabei sieht sich keiner der Porträtierten als gescheitert, sondern als jemand, der einen Traum hat (wie der Teilnahme an einem Flug zum Mars), oder, frei von allen gesellschaftlichen Zwängen, seine Nische gefunden hat. Zum Beispiel auf einem abgesperrtem Militärgelände Schrott auf der Suche nach Verkäuflichem auszuschlachten. Insofern und auch wegen der Americana-Bilder und Musik (wobei Howe Gelbs Soundtrack noch reduzierter als Ry Cooders spartanischer „Paris, Texas“-Soundtrack ist) verbreitet der Essayfilm, der natürlich nur ein begrenztes Publikum anspricht, eine fast schon positive Botschaft.
„’California City‘ ist für mich eine Meditation über Verlust, Krise und deren Auswirkungen an deren Ende ein Aufbruch steht. Eine Reflexion über uns und unser Leben, immer auch mit einem Sinn für Humor und mit einem Auge für bizarre Momente und Begegnungen.“ (Bastian Günther)
Gedreht wurde der Film in der realen, in der Mojave-Wüste liegenden Stadt California City, die von Nat Mendelsohn als eine aus dem Nichts entstehende Utopie einer neuen Stadt geplant wurde. 1958 kaufte er dort Land. California City sollte die größte Stadt Kaliforniens werden. 1970 lebten dort 1300 Menschen. Heute leben dort etwas über dreizehntausend Menschen, aber von der Fläche her ist California City mit über 527,401 km² die zweitgrößte Stadt des Bundesstaates; – zum Vergleich: Berlin hat 891,68 km², Hamburg 755,29 km² und Köln, als drittgrößte deutsche Stadt 405,01 km², bei deutlich höheren Einwohnerzahlen.

California City - Plakat - 4

California City (Deutschland 2014)
Regie: Bastian Günther
Drehbuch: Bastian Günther
mit Jay Lewis, Daniel C. Peart, Chelsea Williams
Länge: 84 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
Gespräche mit Bastian Günther
Mittwoch, 19. August, um 20.00 Uhr im filmkunst 66 Kino in Berlin
Donnerstag, 20. August, um 20.00 Uhr im Mal Seh´n Kino in Frankfurt
Freitag, 21. August, um 21.00 Uhr in der Filmpalette Köln
Samstag, 22. August, um 20.00 Uhr im Lichtblick Kino in Berlin
Sonntag, 23. August, um 19.00 Uhr im 3001 Kino in Hamburg
Dienstag, 25. August, um 20.30 Uhr Central Kino Berlin
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Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „California City“
Film-Zeit über „California City“
Moviepilot über „California City“
All Music über Howe Gelb
Homepage von Howe Gelb

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Howe Gelbs 2014er Sea-Rock-Konzert


TV-Tipp für den 19. August: Die sieben Samurai

August 19, 2015

Arte, 00.10 (VPS 00.15)

Die sieben Samurai (Japan 1954, Regie: Akira Kurosawa)

Drehbuch: Shinobu Hashimoto, Hideo Oguni, Akira Kurosawa

Japan 1586: Weil Banditen immer wieder ihre Ernte stehlen, beschließen die Bauern eine Gruppe von Samurai zu bezahlen. Die Samurai sollen sie und ihre Ernte vor den Banditen beschützen.

Arte zeigt die 2006 restaurierte Langfassung von Kurosawas Klassiker. Kurosawa erstellte für den japanischen Markt eine 203-minütige Fassung (das dürfte auch die heute Abend gezeigte Version sein) und für den internationalen Markt eine 160-minütige Version.

Diese internationale Version sah ich vor ungefähr zwanzig Jahren im Kino und ich war sprachlos. Denn obwohl ich lange Filme nicht mag, verging die Zeit wie im Flug. Nichts wirkte veraltet. Die Kämpfe sind immer noch atemberaubend und unglaublich direkt inszeniert (Er nahm sie mit mehreren Kameras auf.). Die Betrachtungen über das Leben der armen Bauern, der Samurai und ihrem Ethos sind als prägnante Zeichnung unterschiedlicher Kulturen zeitlos. Das Ende ist bitter-ironisch. Die Kameraarbeit erstaunlich zeitgemäß. Immerhin reden wir hier von einem Film, der als ich ihn sah bereits vor über vierzig Jahren entstand.

„Die sieben Samurai“ ist ein Klassiker, der kein Patina angesetzt hat und kraftvolles Kino.

„‘Shichinin No Samurai’ ist episches Kino in Vollendung, das heißt: es ist vor allem Erzählung.“ (Karsten Visarius in Akira Kurosawa, Hanser Reihe Film Band 41, 1988)

„Doch wie kunstvoll Kurosawa die verschiedenen Bedeutungsebenen verknüpft, wie kongenial er im Vordergrund eine packende, mal tragische, mal komische Geschichte und dazu einen bitteren historisch-geschaftlichen Subtext entwickelt – das macht ‘Shichinin No Samurai’ zu einem zeitlosen Meisterwerk.“ (Heinz-Jürgen Köhler in Bodo Traber/Hans J. Wulf, Hrsg.: Filmgenres – Abenteuerfilm, 2004)

Es wurden mehrere Remakes und Quasi-Remakes gedreht. Das bekannteste ist „Die glorreichen Sieben“ (The magnificent seven, USA 1960) von John Sturges.

Mit Takashi Shimura, Toshiro Mifune, Yoshio Inaba, Seiji Miyaguchi, Minoru Chiaki, Daisuke Kato, Ko Kimura

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Die sieben Samurai“

Wikipedia über „Die sieben Samurai“ (deutsch, englisch)

Arte über “Die sieben Samurai”


TV-Tipp für den 18. August: Layer Cake

August 17, 2015

Pro7 Maxx, 20.15

Layer Cake (Großbritannien 2004, Regie: Matthew Vaughn)

Drehbuch: J.J. Connolly

LV: J.J. Connolly: Layer Cake, 2000 (Layer Cake: Willkommen im Club)

Ein Drogenhändler der besseren Art will aussteigen. Sein Boss hat vorher noch zwei Aufträge für ihn: er soll eine Junkie-Tochter aufspüren und eine riesige Menge Ecstasy aufkaufen. Das ist beides nicht so einfach.

Allgemein abgefeierter Gangsterthriller, der leider nie in die deutschen Kinos kam. Eine euphorische Stimme: „Aktionsreicher, beinharter Thriller in bester britischer Tradition. Hervorragend gespielt, fotografiert und inszeniert, bis ins kleinste Detail präzise entwickelt.“ (Lexikon des internationalen Films)

Und die Herren Vaughn, Craig und Hardy legten seitdem beachtliche Karrieren hin.

Mit Daniel Craig, Tom Hardy, Jamie Foreman, Sally Hawkins, Burn Gorman, Sienna Miller, Colm Meaney, George Harris

Wiederholung: Mittwoch, 19. August, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

BBC-Interview mit Matthew Vaughn

Metacritic über „Layer Cake“

Rotten Tomatoes über „Layer Cake“

Wikipedia über „Layer Cake“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matthew Vaughns „Kingsman: The Secret Service (Kingsman: The Secret Service, USA/Großbritannien 2015)


TV-Tipp für den 17. August: Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren

August 17, 2015

BR, 23.40 (VPS 00.10)

Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren (USA 1981, Regie: Brian De Palma)

Drehbuch: Brian De Palma, Bill Mesce Jr. (ungenannt)

Jack Terry ist Toningenieur für Horrorfilme. Eines Nachts beobachtet er, während er auf der Jagd nach Geräuschen ist, den tödlichen Autounfall eines Präsidentschaftskandidaten. Als er sich später sein Tonband anhört, hört er einen Schuss. Wurde der Kandidat ermordet?

Spannender Thriller von Brian De Palma, der damals eine Reihe guter Filme hintereinander inszenierte.

Der Titel erinnert an Michelangelo Antonionis auch inhaltlich sehr ähnlichen Klassiker „Blow Up“. Die Kritiker fanden (eines ihrer liebsten Hobbys) zahlreiche Hitchcock-Anleihen, die Polit-Junkies durften über die Ähnlichkeiten zu dem JFK-Attentat, Watergate und Chappaquiddick (während in dem Film der Politiker stirbt, starb in Wirklichkeit die Beifahrerin von Ted Kennedy) nachdenken, die Cineasten über das Kino und den Zusammenhang zwischen Film und Wirklichkeit sinnieren und alle über die Schlusspointe lachen. Das ist doch ziemlich viel für ein Genrewerk, das einfach nur zwei Stunden unterhalten will.

Der Fischer Film Almanach urteilte damals über den Thriller: „einer seiner spannendsten und besten Arbeiten überhaupt.“

DVD Verdict zwanzig Jahre später: “One could make an argument that Blow Out is the most underrated, overlooked film of the entire 1980s.”

Und, jaja, auch Quentin Tarantino gefällt der Film. Ist einer seiner Lieblingsfilme

mit John Travolta, Nancy Allen, John Lithgow, Dennis Franz

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Blow Out“

Wikipedia über „Blow Out“ (deutsch, englisch)

Spiegel: Filmbesprechung von Hellmuth Karasek (Heft 19/1982)

New York Times: Vincent Canby über “Blow Out” (24. Juli 1981)

DVD Verdict: Gary Militzer über “Blow Out” (21. Dezember 2001)

Fast Rewind: Simon Barber über “Blow Out” (9 von 10 Punkte)

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Kameramann Garrett Brown, der die Steadicam erfand, spricht über die Dreharbeiten zu „Blow Out“

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DP/30 unterhielt sich 2012 in Toronto sich mit Brian De Palma über seinem Film „Passion“ (der nicht gut ist) und auch seine vorherigen Filme

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Und Josh Olson (u. a. das Drehbuch für „A History of Violence“) spricht bei „Trailers from Hell“ über „Blow Out“

 

 


TV-Tipp für den 16. August: Woodstock

August 16, 2015

Arte, 22.50
Woodstock (USA 1970, Regie: Michael Wadleigh)
Drehbuch: Michael Wadleigh
Verdammt langer, verdammt selten gezeigter Film (der den Oscar als bester Dokumentarfilm erhielt) über ein legendäres Musikfestival mit einem Haufen legendärer Bands und Musiker. Im Film treten auf: Richie Havens, Joan Baez, The Who, Sha-Na-Na, Joe Cocker, Country Joe and the Fish, Arlo Guthrie, Crosby Stills & Nash, Ten Years After, John Sebastian, Santana, Sly & the Family Stone, Jimi Hendrix, Canned Heat, Jefferson Airplane, Janis Joplin und Canned Heat. Und wer die beiden „Woodstock“-CDs hat, kann noch einige weitere Musiker hören.
Am Schnitt arbeiteten unter anderem Martin Scorsese (der ja später noch einige Konzerte filmte) und Thelma Schoonmaker mit. Beide werden auch als „Assistant Director“ aufgeführt.
Arte zeigt heute den 216-minütigen Director’s Cut. Die Kinoversion dauerte nur 184 Minuten.
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Woodstock“
Wikipedia über „Woodstock“ (deutsch, englisch)
All Music über „Woodstock“ und „Woodstock Two“


Neu im Kino (nach Kinotour)/Filmkritik: „Boy 7“ – der nächste Versuch im deutschen Genrekino

August 15, 2015

Vor fünf Jahren, nachdem fast zeitgleich einige gute deutsche Kriminalspielfilme und Dominik Grafs TV-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ erschienen, wurde auf einer Tagung von der „Lust am Genre“ gesprochen und auch gefragt, warum es kein deutsches Genrekino gibt. Krimis laufen im Fernsehen in verschiedenen Serien und Reihen bis zum Abwinken. Science-Fiction und Horror existieren vor allem als Erinnerung an die seeligen Stummfilm- und frühen Tonfilmtage, als „Das Cabinet des Dr. Caligari“, „Dr. Mabuse, der Spieler“, „Das Testament des Dr. Mabuse“, „Metropolis“ und „M – Mörder unter uns“ gedreht wurden. In den Sechzigern und frühen Siebzigern waren dann die Edgar-Wallace-Filme und ihre zahlreichen mehr oder weniger direkten Ableger (Jerry Cotton, Kommissar X, St.-Pauli-Filme) an der Kinokasse erfolgreich, während Horror und Science-Fiction schon lange in andere Länder abgewandert waren.
Seitdem gab es immer wieder Versuche, deutsche Genrefilme zu drehen. Die meisten waren und sind höchstens schlechte Imitate besserer Filme. Meistens liegt es am Drehbuch und einem nervigen Stilwillen des Regisseurs, der überhaupt nicht zur Handlung passt. Da ist dann das pseudo-coole Spiel der Schauspieler auch egal.
Vor dieser Folie ist Özgür Yilderims dritter Spielfilm, nach dem Gangsterfilm „Chiko“ und der Musikkomödie „Blutzbrüdaz“, eine durchaus erfreuliche Überraschung. Das heißt jetzt nicht, dass „Boy 7“ ein Film ist, den man sich unbedingt ansehen muss. Dafür ist die Story dann doch zu bekannt und zu sehr auf ein jugendliches Publikum zugeschnitten.
Der PC-Nerd Samuel ‚Sam‘ Lubota („Knallhart“ David Kross) wird, nachdem er beim Manipulieren der Abi-Noten einer Klassenkameradin erwischt wurde, in eine ländlich gelegene Besserungsanstalt, die Kooperation X, geschickt. Dort werden sie nur noch mit ihrem Geschlecht und einer Nummer angesprochen. Er wird zu ‚Boy 7‘. Er fügt sich schnell in die hierarchisch strukturierte Gesellschaft ein. Immerhin sollen hier seine Fähigkeiten so eingesetzt werden, dass er zu einem wertvollen Mitglied der Gesellschaft wird. Der Anstaltsleiter, Direktor Thomas Fredersen, verspricht ihm sogar, wenn er das Programm erfolgreich absolviert, eine gut dotierte Stelle in einer Bank.
Aber dann bemerkt Sam, dass einige seiner Mitinsassen unter seltsamen Umständen sterben oder ihr Gedächtnis verlieren.
Yilderim erzählt diese Geschichte in mehreren Rückblenden, die einen in die Geschichte hineinziehen. Denn der Film beginnt gleich mitten in der Geschichte: Sam wird in einem U-Bahn-Schacht wach. Er erinnert sich an nichts. Aber er wird von der Polizei als Mörder gejagt. Auf einer Toilette entdeckt er ein von ihm geschriebenes Buch, das er dort vorher versteckte. In dem Tagebuch erzählt er sich und uns die Vorgeschichte. Garniert mit einigen hübschen Spitzen, denn er liest sein Buch Emilia (aka Girl 8) vor, die ebenfalls in der sektenähnlichen Besserungsanstalt war und die sich ebenfalls an nichts erinnern kann. Diese Konstruktion ist ein kluger erzählerischer Schachzug, weil wir wissen wollen, wie Sam in diese Situation kommen konnte und ob er der jungen Frau, die er auf seiner Flucht getroffen hat, vertrauen kann.
Dennoch geraten die Rückblenden, wenn Details aus dem Internatsleben breit ausgebreitet werden, etwas zu lang. Was auch daran liegt, dass die Charaktere eher blass geraten sind. Aber die Schauspieler spielen unverkrampft, die Dialoge sind natürlich (es handelt sich also nicht um hölzern-papierne Beamtensprache und die Jugendlichen müssen nicht in einem hippen Jugendslang sprechen), die Sets sehen gut aus (so befindet sich die Kooperation X im – Reisetipp – Schloss Nordkirchen) und die Story steht im Mittelpunkt.
Sogar den Stilwillen von Yildirim, der seine Kamera gerne in einer Schräglage hält, um ein expressionistisches „Dr. Caligari“-Gefühl heraufzubeschwören, verzeiht man da. Immerhin nervt es weniger als eine Wackelkamera und die Bilder (Kamera: Matthias Bolliger) und zahlreiche Anspielungen im Film und bei den Namen verweisen auf die deutschen Filmklassiker, in deren Tradition Yildirim seinen Film sieht. Und das ist nicht die schlechteste Referenz. Auch wenn in „Boy 7“ die Manipulation der Insassen nicht mehr mittels Hypnose erfolgt.
Natürlich ist „Boy 7“ eine weitere Variation der bekannt-erfolgreichen Dystopien, in denen ein Jugendlicher (oft weiblich) gegen eine verbrecherische Erwachsenenwelt kämpfen muss. „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ und „Die Bestimmung“ (The Divergent Series), beides Romantrilogien, die als vier Filme ins Kino kommen, sind die erfolgreichsten. Weniger erfolgreich waren, um nur zwei Filme zu nennen, „Maze Runner“ (der zweite Teil läuft am 24. September an) und „Seelen“. Und, wie die genannten Filme, basiert „Boy 7“ auf einem Jugendbuch-Bestseller, der eine in sich abgeschlossene Geschichte erzählt. Eine Fortsetzung ist ziemlich ausgeschlossen.
Unter den deutschen Genreexperimenten der letzten Jahre gehört „Boy 7“ zu den gelungeneren Filmen. Auch wenn er sich an ein jugendliches Publikum richtet und er mit den zahlreichen, deutlich höher budgetierten Vorgängern zu kämpfen hat. Aber immerhin bewahrt uns das vor einem CGI-Gewitter.
P. S.: Zeitgleich inszenierte Lourens Blok mit einer anderen Besetzung eine niederländische Version der Geschichte.

Boy 7 - Plakat

Boy 7 (Deutschland 2015)
Regie: Özgür Yildirim
Drehbuch: Philipp Delmaar, Marco van Geffen, Özgür Yildirim
LV: Mirjam Mous: Boy 7, 2009 (Boy 7)
mit David Kross, Emilia Schüle, Jens Harzer, Jörg Hartmann, Liv Lisa Fries, Ben Münchow, Nina Petri
Länge: 104 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
Kinostart: 20. August 2015
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Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Boy 7“

Film-Zeit über „Boy 7“

Moviepilot über „Boy 7“

Wikipedia über Özgür Yildirim
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Die Kinotour – oder, wo ich einen Film und die Macher schon vor dem Kinostart sehen kann:
Samstag, 15. August
CINESTAR Ingolstadt (Am Westpark 2, 85057 Ingolstadt)
Vor Ort: David Kross, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 16:00 Uhr
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Samstag, 15. August
CINEMAXX Augsburg (Willy-Brandt-Platz 2, 86153 Augsburg)
Vor Ort: David Kross, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 17:00 Uhr
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Samstag, 15. August
MATHÄSER München (Bayerstraße 3-5, 80336 München)
Vor Ort: David Kross, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 19:30 Uhr
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Sonntag, 16. August
Premiere im COMMERZ REAL CINEMA Düsseldorf (Robert-Lehr-Ufer, 40479 Düsseldorf)
Vor Ort: David Kross, Emilia Schüle, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim, Romanautorin Mirjam Mous
Filmstart: 21:25 Uhr
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Montag, 17. August
CINEMAXX Mannheim (N7 17, 68161 Mannheim)
Vor Ort: David Kross, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 18:00 Uhr
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Montag, 17. August
KINOPOLIS Sulzbach (Taunus) (Am Main-Taunus-Zentrum, 65843 Sulzbach (Taunus))
Vor Ort: David Kross, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 20:30 Uhr
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Dienstag, 18. August
ASTOR GRAND CINEMA Hannover (Nikolaistraße 8, 30159 Hannover)
Vor Ort: David Kross, Emilia Schüle, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 19:30 Uhr
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Dienstag, 18. August
C1 CINEMA Braunschweig (Lange Straße 60, 38100 Braunschweig)
Vor Ort: David Kross, Emilia Schüle, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 20:00 Uhr
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Mittwoch, 19. August
CINEMAXX DAMMTOR Hamburg (Dammtordamm 1, 20354 Hamburg)
Vor Ort: David Kross, Emilia Schüle, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 19:00 Uhr
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Donnerstag, 20. August
CUBIX Berlin (Rathausstraße 1, 10178 Berlin) (Endlich!!!)
Vor Ort: David Kross, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 19:30 Uhr
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Donnerstag, 20. August
CINESTAR Leipzig (Petersstraße 44, 04109 Leipzig)
Vor Ort: David Kross, Ben Münchow, Regisseur Özgür Yildirim
Filmstart: 20:30 Uhr