Belle de jour – Schöne des Tages (Frankreich/Italien 1967, Regie: Luis Buñuel)
Drehbuch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière
LV: Joseph Kessel: Belle de jour, 1928 (Belladonna; La belle de jour- Die Schöne des Tages)
Arztgattin Séverine langweilt sich. Als Lebemann Husson sie mit Madame Anais und ihrem Etablissement für erotische Wünsche und Fantasien bekannt macht, beginnt Séverine ein Doppelleben.
Einer von Buñuels zugänglichsten Filmen über die Doppelmoral des Großbürgertums. Er erhielt den Goldenen Löwen in Venedig und war bei Kritik und Zuschauern ein Erfolg. Deneuve war danach auf die Rolle der kühlen Blondine festgelegt.
Davor zeigt ZDFkultur, ebenfalls mit Catherine Deneuve, um 20.15 „Die schönen Wilden“ (Frankreich 1975) und um 21.55 Uhr „Place Vendôme – Heiße Diamanten“ (Frankreich 1998).
Mit Catherine Deneuve, Jean Sorel, Michel Piccoli, Geneviève Page
3sat, 22.45 Der Fall Paradin (USA 1947, Regie: Alfred Hitchcock)
Drehbuch: David O. Selznick, Alma Reville (Adaption), Ben Hecht (ungenannt), James Bridie (ungenannt)
LV: Robert Hitchens: The Paradine case, 1933 (Wege im Zwielicht)
Der verheiratete Staranwalt Keane soll die des Mordes angeklagte Mrs. Paradine verteidigen. Er verliebt sich in die Angeklagte und möchte ihre Unschuld beweisen. Aber die Beweise sprechen eine andere Sprache.
„Der Fall Paradin“ war ein Lieblinsprojekt von David O. Selznick. Hitchcock hielt nie besonders viel von dem Stoff, aber er drehte den Film, um seinen Vertrag mit Selznick zu erfüllen. Selznick begann die Dreharbeiten ohne ein vollständiges Drehbuch, mischte sich immer wieder in die Drehbarbeiten ein (er gab Hitchcock täglich die zu drehenden Seiten), es wurde endlos unnützes Material gedreht, die Drehbarbeiten dauerten 92 Tage, die Kosten explodierten. Mit vier Millionen Dollar, so Donald Spoto in seiner Hitchcock-Biografie, kostete „Der Fall Paradin“ etwas mehr als Selznicks Epos „Vom Winde verweht“. Das kostete 3,9 Millionen Dollar; die allerdings auch im Film zu sehen sind. Eine erste Fassung von „Der Fall Paradin“ war fast drei Stunden. Für die Kinoauswertung wurde dann eine Stunde herausgekürzt. Dennoch ist „Der Fall Paradin“ immer noch ein dröger, langatmiger Gerichtsfilm. Halt zu viel Selznick und zu wenig Hitchcock.
Mit Gregory Peck, Ann Todd, Charles Laughton, Ethel Barrymore, Louis Jordan, Alida Valli, Leo G. Carroll
Wiederholung: Mittwoch, 8. April, 02.50 Uhr (Taggenau!)
Ich kämpfe um dich (USA 1945, Regie: Alfred Hitchcock)
Drehbuch: Ben Hecht, Angus MacPhail (Adaption)
LV: Francis Beeding: The house of Dr. Edwardes, 1927 (Pseudonym von John Palmer und Hilary St. George Sanders)
Dr. Edwardes kommt als neuer Direktor in die Psychiatrie. Seine Kollegin Constance Petersen findet heraus, dass der wirkliche Dr. Edwardes ermordet wurde. Der Falsche behauptet, er könne sich an nichts erinnern.
Hitchcock wollte den ersten Film über die Psychoanalyse drehen. Nach eigenen Worten gelang ihm allerdings nur ein Thriller mit einer imposanten, von Salvador Dali gestalteten, Traumsequenz.
Davor, um 20.15 Uhr, zeigt 3sat den Hitchcock-Film „Berüchtigt“. Ebenfalls mit Frau Bergman in Trouble.
Mit Ingrid Bergman, Gregory Peck, Rhonda Fleming, Leo G. Carroll
3sat, 22.20 Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel (USA 1980, Regie: Michael Cimino)
Drehbuch: Michael Cimino
Michael Ciminos epische, lose vom Johnson County War inspirierte Chronik eines blutigen Krieges zwischen neuen Siedlern aus Osteuropa und alteingesessenen Großgrundbesitzern in Wyoming um 1890, bei dem die Nationalgarde den Großgrundbesitzern zum Sieg verhalf.
Ein jeder Beziehung grandioser Western, der damals auch grandios floppte. Heute ist er als Klassiker anerkannt, erhielt 2012 den Ehrenlöwen der Filmfestspiele Venedig – und wartet in Deutschland immer noch auf eine würdige DVD/Blu-ray-Ausgabe, die es in den USA schon lange gibt.
In Deutschland lief der Film erst 1985 im Kino an und der Fischer Film Almanach schrieb: „irgendwann einmal wird (…) ‚Heaven’s Gate‘ – vermutlich in der langen Originalfassung – als Meisterwerk und Kultfilm entdeckt werden.“
In Deutschland lief die 219-minütige Originalfassung. In den damals Ronald-Reagan-patriotisch besoffenen USA wurde der Film kurz nach dem Kinostart auf 149 Minuten gekürzt und immer noch wollte niemand das kritische Geschichtsbild sehen.
Cimino drehte davor „Die letzten beißen die Hunde“ und „Die durch die Hölle gehen“. Beides hochgelobte und an der Kinokasse erfolgreiche Filme. Danach kämpfte er um jeden Film, schaffte aber noch „Im Jahr des Drachen“, „Der Sizilianer“ (eher nett) und „24 Stunden in seiner Gewalt“.
mit Kris Kristofferson, Christopher Walken, John Hurt, Isabelle Huppert, Joseph Cotten, Jeff Bridges, Sam Waterston, Brad Dourif, Richard Masur, Mickey Rourke (fast sein Debüt) Hinweise Rotten Tomatoes über „Heaven’s Gate“
Wikipedia über „Heaven’s Gate“ (deutsch, englisch) Kriminalakte: Publikumsgespräch über „Heaven’s Gate“ mit Michael Cimino und Kris Kristofferson
700 Meilen westwärts (USA 1975, Regie: Richard Brooks)
Drehbuch: Richard Brooks
Selten gezeigter, 1906 spielender Spätwestern über ein Pferderennen: dem Sieger des 700 Meilen langen Rennens quer durch die Pampa winkt ein erkleckliches Preisgeld. Richard Brooks konzentriert sich, vor einer traumhaften Landschaft, vor allem auf die Motive der Charaktere und ihren Kampf gegeneinander.
„Ein fetter Brocken Americana, gut gewürzt mit einem Optimismus und Positivismus, wie sie im heutigen Film selten geworden ist. Brooks’ Drehbuch ist ein Wunder an Kompression und Humor. Wenn Coburn eine Dame von immensen Proportionen tätschelt und wie zu sich selber sagt ‘Ich hatte fast vergessen, wie gut sich eine schlechte Frau anfühlt’, sagt er in einem einzigen Satz sehr viel über sich selbst.“ (Arthur Knight, The Hollywood Reporter)
mit Gene Hackman, Candice Bergen, James Coburn, Ben Johnson, Ian Bannen, Jan-Michael Vincent, Robert Donner, Mario Arteaga, Paul Stewart
Eigentlich ist die Geschichte von „Das blaue Zimmer“ einfach, aber Mathieu Amalric, der am Drehbuch mitschrieb, die Regie führte und die Hauptrolle übernahm, erzählt sie mit zahlreichen Rückblenden so verschachtelt, dass man bis kurz vor dem Ende am Rätseln ist, worum es geht und was Julien Gahyde (Mathieu Amalric) vorgeworfen wird.
Gahyde lebt, glücklich verheiratet, in der französischen Provinz. Als armes Einwandererkind bewunderte er die aus vermögendem Haus kommende Schönheit Esther (Amalrics Partnerin Stéphanie Cléau) nur aus der Ferne. Nach der Schule war er beruflich einige Jahre weg. Jetzt ist er wieder zurückgekommen. Zufällig treffen sie sich auf einer eisamen Landstraße und sie gestehen sich, beginnend mit einem leidenschaftlichem Kuss, dass sie sich schon auf der Schule liebten. In den kommenden Monaten treffen sie sich öfters heimlich im titelgebenden blauen Zimmer des Dorfhotels. Esther ist mit dem älteren, kränklichen Dorfapotheker verheiratet. Als er stirbt, verdächtigt die Polizei das Liebespaar des Mordes.
Bis wir das erfahren, ist der Film allerdings schon fast vorbei und es gibt eine Gerichtsverhandlung, die noch einmal eine große Crux des kühl inszenierten Films demonstriert. Georges Simenon, von dem die ebenfalls in Rückblenden erzählte Vorlage stammt, schrieb den Roman bereits 1963. Damals herrschte eine vollkommen andere Sexualmoral und Scheidungen waren extrem selten. Damals verfügten die Kriminaltechniker noch nicht über die heutigen Möglichkeiten.
Heute hätte Esther sich problemlos scheiden lassen können. Oder Regisseur Amalric hätte einen besseren Grund als Liebe für ihr Mordkomplott liefern müssen. Zum Beispiel ein Ehevertrag. Sowieso erscheinen die gesellschaftlichen Zwänge und Vorurteile mit denen Julien und Esther konfrontiert werden, heute hoffnungslos veraltet. Außerdem wäre die gesamte Anklage an den forensischen Beweisen gescheitert.
Und so hat man am Ende von „Das blaue Zimmer“ nicht eine heiße Liebesgeschichte oder einen mitreisenden Kriminalfilm gesehen, sondern eine formale Übung, die einen vor allem über die einfachsten Dinge rätseln lässt und mit den expliziten Nacktszenen erstaunlich offensiv auf eine Ab-18-Freigabe spekuliert.
In den USA gab es dafür ein R-Rating. Die FSK gab, wahrscheinlich um die Macher zu ärgern und weil „Das blaue Zimmer“ ein Arthaus-Film ist und damit Teenager sich den Film nicht ansehen, den Film ab 12 Jahre frei.
Als Paul Walker am 30. November 2013 tödlich verunglückte, gab es viele Gerüchte und Meldungen über „Fast & Furious 7“ und wie sein Tod die Dreharbeiten, die Filmgeschichte und damit auch den Film beeinflusste. Denn es waren noch nicht alle Szenen mit ihm gedreht. Seine Brüder Caleb und Cody würden und wurden als Doubles eingesetzt. Es sollte auch mit CGI gearbeitet werden. Es wurde über Veränderungen am Drehbuch gesprochen und gesagt, dass dieser Film, der sein letzter Film ist, ein würdiger Abschied von ihm sein solle. Immerhin wurde er mit der „The Fast and the Furious“-Serie zum Star.
Jetzt, wo der Film in den Kinos anläuft, kann man nachvollziehen, wie groß die nötigen Umarbeiten waren und, ohne jetzt etwas über die Handlung zu verraten, Paul Walker hat etliche beeindruckende Actionszenen, die an Spannung gewinnen, weil er dieses Mal jederzeit sterben kann.
Die Story von „Fast & Furious 7“ knüpft unmittelbar an den vorherigen Film an: Deckard Shaw (Jason Statham) will seinen schwer verletzt im Krankenhaus liegenden Bruder Owen rächen. Als großer Bruder will er sich die Männer vorknöpfen, die seinen Bruder umbringen wollten. Als ersten bringt er in Tokio Han (Sung Kang) um. Zur gleichen Zeit platziert er vor Dominic Torettos Haus eine Bombe. In letzter Sekunde können sich Dominic ‚Dom‘ Toretto (Vin Diesel), sein bester Freund Brian O’Conner (Paul Walker), Brians Frau und sein Sohn retten.
Durch ihren FBI-Freund Luke Hobbs (Dwayne Johnson), der nach einer Begegnung mit Shaw mit einigen gebrochenen Knochen im Krankenhaus liegt, erfährt Dom, wer sie jagt – und die Jagd über den halben Globus ist eröffnet.
Überraschende Hilfe erhält die Toretto-Verbrecherbande mit einem Faible für schnelle Autos, die inzwischen fast im Staatsdienst ist (naja, ihr kennt ja die vorherigen Filme), von Mr. Nobody (Kurt Russell), einem Geheimagenten der sehr geheimen Sorte. Sozusagen Nick Fury von S. H. I. E. L. D., aber ohne dessen Avengers-Superheldenteam. Deshalb bittet Mr. Nobody Dom und seine verbrecherischen Freunde um Hilfe bei bei der Jagd nach dem Computergenie Ramsey. Ramsey hat einen Supercode entwickelt, mit dem man alle Computer auf der Welt gleichzeitig ansteuern kann. Neben dem guten Mr. Nobody will auch der skrupellose Terrorist Jakande (Djimon Hounsou, der nur sein Gesicht präsentieren durfte) den Code haben.
Und viel mehr muss man über die Story nicht wissen. Denn sie ist erschreckend vernachlässigbar, absolut unlogisch und wird mit jedem Nachdenken noch abstruser. Aber James Wan erzählt dieses Best-of von Action- und Agentenfilmtopoi ziemlich flott über alle Unwahrscheinlichkeiten hinweg mit einem Blick auf das, was die Ticketkäufer wollen: eine leinwandsprengende Version von „Alarm für Cobra 11“.
Es gibt spärlich bekleidete Schönheiten, getunte Autos, atemberaubende Autostunts, Faustkämpfe, Explosionen, einige Witzeleien, viel Kameradie in der Familie Toretto und fotogene Schauplätze. Angeordnet wurden die Elemente, die den Erfolg der „Fast & Furious“-Serie ausmachen, dann in einer Comic-Manier, in der es nur auf das nächste Panel, das nächste Episödchen in einer scheinbar furchtbar komplexen Mythologie (die Toretto-Familie, ihre Beziehungen, die früheren Filme), ankommt.
Am Ende von „Fast & Furious 7“ sind dann erstaunlich wenige Menschen gestorben. Also von den Helden und den Hauptbösewichtern. Kollateralschäden gibt es dann einige. Wenn irgendwo im aserbaidschanischen Gebirge ein Militärkonvoi überfallen wird, in Abu Dhabi ein teurer Flitzer von einem Hochhaus zum nächsten fliegen darf und in Los Angeles die halbe Innenstadt zerstört wird, dann sterben etliche größtenteils gesichtslose Bösewichter und es gehen etliche Autos zu Bruch, während auch nach den längsten Faustkämpfen Dominics weißes Langarm-Shirt immer noch blütenweiß ist und Hobbs‘ überdimensionale Muskeln auch nach einem Krankenhausaufenthalt jungfräulich glänzen.
Allerdings ist die Action unglaublich konfus geschnitten. Damit steht Horrorfilm-Regisseur James Wan in der neuen Actionfilm-Tradition, in der die Abläufe der Kämpfe und Stunts kaum noch erahnbar sind. Viel zu oft wird geschnitten. Die Kamera ist zu nah. Wan wählt auch oft so ungewöhnliche Perspektiven, dass die Orientierung schwerfällt, sie aber wie Comic-Panels aussehen. Er setzt die Zeitlupe immer wieder falsch ein und immer wieder, zum Beispiel bei den zahlreichen Explosionen, verschenkt er potentielle Schauwerte. Sowieso hinterlässt kein Action-Set-Pieces bleibenden Eindruck und die besten Momente sind, wie das Umsteigen von einem Auto zum anderen Auto bei voller Fahrt und die legendär-unmöglichen Sprüngen, fast immer Reminiszensen an frühere „Fast & Furious“-Filme. Am Ende des über zweistündigen Comic-Films ist man geschüttelt, aber nicht gerührt.
Die schwarze Dahlie (USA 2006, Regie: Brian de Palma)
Drehbuch: Josh Friedman
LV: James Ellroy: The Black Dahlia, 1987 (Die Schwarze Dahlie)
Hollywood, 1947: Zwei Polizisten versuchen herauszufinden, warum das Starlet Elizabeth Short, die titelgebende schwarze Dahlie, ermordet wurde. Sie stolpern in das typische Ellroy-Gestrüpp aus Mord, Verrat, Sex, Gier, Geld und Gewalt.
Machen wir’s kurz: langatmiges, vollkommen gescheitertes Ausstattungskino. Schade um das Geld.
Mit Josh Hartnett, Aaron, Eckhart, Scarlett Johansson, Hilary Swank, Mia Kirshner, Gregg Henry
Bei der DVD-Ausgabe der Arne-Dahl-Verfilmungen „Rosenrot“ und „Tiefer Schmerz“, erschienen als „Arne Dahl: Vol. 2“, ging Edel vorbildlich vor, während das die Filme mitproduzierende ZDF eine seltsame Politik verfolgt. Immerhin wurden die beiden Filme bereits 2011 produziert, 2013 synchronisiert und erst vor Kurzem ausgestrahlt in einer auf jeweils zwei Stunden gekürzten Version. Die Originalversion ist jeweils drei Stunden und sie wurde in Schweden als Zweiteiler ausgestrahlt.
Diese rabiate Kürzung kennen die Arne-Dahl-Fans schon von den ersten drei A-Gruppe-Verfilmungen „Misterioso“, „Böses Blut“ und „Falsche Opfer“. Auf DVD wurden „Misterioso“ und „Böses Blut“ in der jeweils etwa zweistündigen deutschen TV-Version und „Falsche Opfer“ in der dreistündigen Originalversion, die auch als Zweiteiler im TV lief, veröffentlicht.
Jetzt veröffentlichte Edel die TV-Version und die dreistündige, ebenfalls synchronisierte Originalversion, die keine spürbaren Längen hat. Allerdings sind in „Rosenrot“ und „Tiefer Schmerz“ die Mordermittlungen eher Nebensache und wir erfahren viel über das Privatleben der Ermittler (was nicht so wahnsinnig spannend ist) und es gibt nicht mehr den einen Protagonisten. In den ersten drei Filmen war es noch Paul Hjelm. Jetzt funktioniert die A-Gruppe als Team und, je nach Bedarf, rücken einzelne Mitglieder in den Fokus.
In „Rosenrot“ ist es Kerstin Holm. Sie war mit dem Polizisten Dag Lundmark vor Jahren liiert. Jetzt soll er, kurz nach einem Entzug, während einer Razzia gegen illegale Einwanderer einen von ihnen auf der Flucht erschossen haben. Die A-Gruppe soll sich den Fall ansehen, weil der Flüchtling der Sohn eines Ministers war. Schnell finden sie heraus, dass Winston Motisane illegal als Putzmann bei einem Pharmakonzen arbeitete. Spätestens jetzt sind wir im bekannten gesellschaftskritischen skandinavishen Krimi-Sumpf.
Apropos Sumpf: Dort suchen die Polizisten, nachdem sie einen Abschiedsbrief entdeckten, die von einem Serienmörder versteckten Leichen.
In „Tiefer Schmerz“ ist es Arto Söderstedt, der Denker der Gruppe. Am Ende des ersten Teils wird er nach Italien geschickt und er verbeißt sich zunehmend, auch aus persönlicher Betroffenheit, in die Ermittlungen. Denn vor kurzem erhielt er von einem Verwandten eine beträchtliche Erbschaft.
Auch hier beginnt der sich über halb Europa erstreckende Fall harmlos. Auf einem Friedhof wird die kopfüber hängende Leiche eines KZ-Überlebenden gefunden. In Verdacht gerät eine Gruppe jugendlicher Neonazis. Zur gleichen Zeit fliehen aus einem schäbigem Hotel einige Migrantinnen, die auch als Prostituierte arbeiteten. Und fast zur gleichen Zeit wird im Zoo eine zunächst unbekannte Leiche gefunden.
In beiden Filmen gibt es mehrere Fälle, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Am Ende doch. Das ist, auch wenn sich bei den Ermittlungen stark auf die Tradition von Ed McBains „87. Polizeirevier“ (der Blaupause für jede Polizeiserie) bezogen wird, dann beide Male doch eine hochgradig konstruierte Geschichte, die, beide Male, eher schlampig und hastig mit vielen Toten aufgelöst wird.
Die Fälle sind eher schwach und plätschern, verzögert durch die privaten Plots, in einem durchaus sympathisch gemütlichen Tempo vor sich hin und weil man dem sympathischen A-Team gerne zusieht, bleibt man bis zum Ende dran.
Nervig ist in „Tiefer Schmerz“ allerdings die als Stilmittel angewandte ständige Überbelichtung und, in beiden Folgen, die damals trendige Wackelkamera. Diese Mode scheint inzwischen ja halbwegs überstanden zu sein.
In Schweden sind bereits die nächsten fünf Geschichten mit dem Stockholmer Ermittlerteam verfilmt. Damit wären dann die zehn ursprünglichen A-Gruppe-Romane von Arne Dahl verfilmt.
Ach ja: Bei den Verfilmungen wurde die Reihenfolge vertauscht. Der fünfte Roman ist der vierte TV-Film und der vierte Roman der fünfte TV-Film, was sich natürlich auf die privaten Subplots, die Ehekrisen und die Sorgen mit den Kindern, auswirkt.
Arne Dahl – Vol. 2
mit Malin Arvidsson (Kerstin Holm), Irene Lindh (Jenny Hultin), Claes Ljungmark (Viggo Norlander), Shanti Roney (Paul Hjelm), Magnus Samuelsson (Gunnar Nyberg), Matias Varela (Jorge Chavez), Vera Vitali (Sara Svenhagen), Niklas Åkerfelt (Arto Söderstedt), Frida Hallgren (Cilla Hjelm)
– enthält
Rosenrot (Arne Dahl: De största vatten, Schweden/Deutschland 2012)
Regie: Tova Magnusson
Drehbuch: Cilla Börjlind, Rolf Börjlind
LV: Arne Dahl: De största vatten, 2002 (Rosenrot)
–
Tiefer Schmerz (Arne Dahl: Europa Blues, Schweden/Deutschland 2012)
Regie: Niklas Ohlson, Matthias Ohlson
Drehbuch: Cilla Börjlind, Rolf Börjlind
LV: Arne Dahl: Europa blues, 2001 (Tiefer Schmerz)
– DVD
Edel
Bild: 1,78:1 (16:9 PAL)
Ton: Deutsch, Schwedisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 594 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
–
Dritter Jesse-Stone-Film nach dem dritten Jesse-Stone-Roman. Dieses Mal muss Kleinstadtcop Jesse Stone den Mord an einer 14-jährigen aufklären. Seine Ermittlungen führen ihn in die besseren Kreise von Boston.
Ein weiterer feiner Polizeifilm.
Mit Tom Selleck, Edward Edwards, Viola Davis, John Diehl, William Devane
Vor einigen Tagen eingetroffen und der Anfang ist, wie immer bei Robert B. Parker, grandios. Mal sehen, wie der Kampf zwischen Paradise-Polizeichef Jesse Stone und dem Killer Wilson Cromartie, einem alten Bekannten, ausgeht.
Robert B. Parker: Der Killer kehrt zurück – Ein Fall für Jesse Stone
Young Adam – Dunkle Leidenschaft (Frankreich/Großbritannien 2003, Regie: David Mackenzie)
Drehbuch: David Mackenzie
LV: Alexander Trocchi: Young Adam, 1954/1957 (Wasserläufe)
Glasgow, um 1950: Der gescheiterte Schriftsteller Joe heuert auf Les Lastkahn an. Schnell beginnt er ein Verhältnis mit dessen Frau. Als Joe und Les eine tote Frau im Wasser entdecken, verschweigt Joe, dass er die Tote kennt.
David Mackenzie beschreibt „Young Adam – Dunkle Leidenschaft“ als eine unmoralische Parabel über die Moral. Über den innerlich zerrissenen Helden Joe sagt er: “Von reiner Unschuld ist er so weit entfernt wie man nur sein kann, und doch trifft ihn andererseits keine Schuld.”
Düstere Erotiktragödie, bei der die Sexszenen in den USA für den erwarteten Skandal sorgten, während auf dem Kontinent das Interesse mehr der Geschichte galt.
„Der Film lebt von seiner atmosphärischen Dichte und einem erstklassigen Ensemble, das dem unnachgiebigen Blick der Kamera standhält.“ (Martin Schwickert, AZ, 9. Dezember 2004) oder “Ein wunderschöner, trauriger, lyrischer Film, ein kleines Meisterstück.” (film-dienst)
Die Musik schrieb David Byrne („Talking Heads“).
Mit Evan McGregor, Tilda Swinton, Peter Mullan, Emily Mortimer, Jack McElhone, Therese Bradley
Wiederholung: Mittwoch, 1. April, 01.35 Uhr (Taggenau!)
Das Warten hat sich gelohnt. Jedenfalls für Fans von Lawrence Block und seiner Serie um Privatdetektiv Matt Scudder, die schon seit einer Ewigkeit auf eine zweite Scudder-Verfilmung warteten. Die erste war 1986 „8 Millionen Wege zu sterben“. Jeff Bridges spielte Scudder. Oliver Stone war einer der Drehbuchautoren, dem das Ergebnis nicht gefiel, und Hal Ashby führte Regie indem er die Schauspieler improvisieren ließ. Es war sein letzter Spielfilm. Davor drehte er Klassiker wie „Harold und Maude“, „Coming home – Sie kehren heim“ und „Willkommen, Mr. Chance“. Tolle Filme, aber Dramen, bei denen die Charaktere im Mittelpunkt stehen und der Plot Nebensache ist. Aber diese Plotvergessenheit war nicht das größte Problem von „8 Millionen Wege zu sterben“. Die Geschichte wurde von New York, vulgo Manhattan, nach Los Angeles verlegt. Von einer Stadt, in der man ohne Auto leben kann, in eine Stadt, in der man ohne Auto nicht leben kann. So wurde aus einem Charakter, der untrennbar mit seiner Stadt verbunden ist, ein Heimatloser; weshalb diese Scudder-Verfilmung als Romanverfilmung nicht besonders beliebt ist. Seitdem war eine zweite Scudder-Verfilmung im Gespräch. Immerhin sind die siebzehn zwischen 1976 und 2011 erschienen Scudder-Romane, in denen der Ich-Erzähler Matt Scudder in Echtzeit altert, bei Krimifans beliebt und die Romane erhielten auch alle wichtigen Krimipreise. Teilweise mehrfach. „A Walk among the Tombstones“ war der auserwählte Roman. In den vergangenen Jahren fanden immer wieder Gespräche statt. Unter anderem war Harrison Ford als Matt Scudder im Gespräch, aber vor dem Drehbeginn wurde das Projekt immer wieder gestoppt. „Die Scudder-Verfilmung kommt.“ war unter Lawrence-Block-Fans ein Running Gag, bis jetzt Scott Frank, der auch die Bücher für die grandiosen Elmore-Leonard-Verfilmungen „Get Shorty“ und „Out of Sight“ schrieb und mit „Die Regeln der Gewalt“ (The Lookout) ein gelungenes Regiedebüt gab, mit Liam Neeson, der seit einigen Jahren als Action-Star ein neues Publikum eroberte und der jetzt Matt Scudder verkörpert, endlich die langerwartete Verfilmung von „A Walk among the Tombstones“ gelang, die jetzt bei uns als „Ruhet in Frieden“ (nicht gerade der beste Titel) in die Kinos kommt. Scudder ist ein Ex-NYPD-Cop, ein trockener Alkoholiker, der seinen Dienst quittierte, nachdem er betrunken ein Kind erschoss. Naja, nicht direkt erschoss. Es war ein Querschläger, der die siebenjährige Estrellita Rivera tötete, während er die beiden Räuber verfolgte, einen verletzte und den anderen erschoss. Scudder wurde dafür belobigt und während es in den Romanen lange dauerte, bis Scudder sich eingestand, ein Alkoholiker zu sein, und er lange mit seiner Sucht und den Rückfällen kämpfte, während er Treffen der Anonymen Alkoholiker besuchte, geht das im Film schneller. Acht Jahre später, 1999, lebt er ein unauffälliges Leben in Manhattan, besucht AA-Treffen und erweist Menschen Gefälligkeiten. Er ist ein Privatdetektiv ohne Lizenz. Jetzt wird er von einem AA-Mitglied gebeten, dessen Bruder Kenny Kristo (im Roman Kenan Khoury) zu besuchen und ihm bei einem Problem zu helfen. Kennys Frau wurde entführt und bestialisch ermordet. Kenny will die Mörder finden und töten. Schon mit diesem Rachewunsch könnte Kenny keine Hilfe von der Polizei erwarten. Es gibt aber noch einen weiteren Grund: Kenny ist ein Drogendealer; einer der unauffällig lebt, wohlhabend ist und mit wenigen Drogenimporten innerhalb eines Jahres seinen Lebensstandard sichert. Er sieht sich als Importeur einer x-beliebigen Ware. Scudder übernimmt den Auftrag. Bei seiner Suche entdeckt er mehrere ähnlich Fälle: jemand scheint die Frauen und Kinder von Drogenhändler zu entführen, ein Lösegeld zu erpressen und dann seine Opfer bestialisch umzubringen. Scott Frank aktualisierte für den Film den schon 1992 erschienenen Roman etwas, indem er die Geschichte in die späten Neunziger verlegte. Er lässt, wie im Roman, den jugendlichen Computerexperten TJ, ein Straßenkind, mit dem Matt Scudder sich befreundet, auftreten. TJ hilft Scudder mit seinen Computerkenntnissen. Matts Freundin Elaine Mardell, eine Prostituierte, die ihr Geld klug investierte, und Mick Ballou, ein mit Matt befreundeter irischer Gangsterboss, fehlen. Doch auch ohne diese den Fans der Romanen vertrauten Charaktere bleibt Scott Frank dem Geist der Romanvorlage treu. „Ruhet in Frieden“ ist ein melancholischer Noir-Privatdetektiv-Krimi, bei dem die Atmosphäre, die Charaktere und moralische Fragen im Mittelpunkt stehen, ohne explizit angesprochen zu werden. Denn Scudders Auftraggeber ist ein Verbrecher. Die anderen Opfer ebenso. Es geht um Selbstjustiz, aber auch ausgleichende Gerechtigkeit. Das führt dazu, dass zunehmend die sattsam bekannten Grenzen zwischen Gut und Böse zu einem einzigen Graubereich verschwimmen.
Beim zweiten Ansehen fällt auf, wie zügig und ruhig Scott Frank in den ersten Minuten alle wichtigen Charaktere etabliert und er jede Schwarz-Weiß-Malerei vermeidet. So hat Matt Scudder in der ersten Minute einen Auftritt in bester Dirty-Harry-Manier. Aber er ist betrunken. Bei seinem ersten Treffen mit Kenny Kristo sagt er, dass für ihn die Korruption in der Polizei kein Problem war. Sie habe es ihm ermöglicht, seine Familie zu ernähren. Kurz darauf nimmt er den Auftrag an. In diesem Moment läuft der Film noch keine zwanzig Minuten.
Und Liam Neeson kann endlich wieder als Schauspieler in einem Kriminalfilm, Abteilung Privatdetektiv-Krimi, ohne übertriebenen Action-Bohei und Sekundenschnitten überzeugen.
Das Bonusmaterial besteht aus den informativen Featurettes „Ein Blick hinter die Kulissen“ und „Privatdetektiv Matt Scudder“ (in dem auch Lawrrence Block zu Wort kommt) und Interviews mit den Schauspielern Liam Neeson, Dan Stevens, David Harbour, Boyd Holbrook, den Produzenten Michael Shamberg, Stacey Sher und Tobin Armbrust und Regisseur Scott Frank. Das längste Interview ist mit Liam Neeson, weil es auch aus einem vor der Premiere in Berlin aufgenommenen Interview besteht. Dieses Interview könnte exclusiv auf der deutschen DVD sein. Die anderen Interviews sind Rohmaterial für die beiden Featurettes.
P. S.: Natürlich ist der Roman lesenswert. Wie alle Bücher von Lawrence Block.
Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones (A Walk among the Tombstones, USA 2014)
Regie: Scott Frank
Drehbuch: Scott Frank
LV: Lawrence Block: A Walk among the Tombstones, 1992 (Endstation Friedhof, Ruhet in Frieden)
mit Liam Neeson, Dan Stevens, Boyd Holbrook, Brian ‘Astro’ Bradley, Ólafur Darri Ólafson, David Harbour, Adam David Thompson
– DVD
Universum Film
Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial (48 Minuten): Featurettes, Interviews mit Cast & Crew, Deutscher und Originaltrailer, Wendecover
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
–
ZDF, 22.45 London Boulevard (London Boulevard, USA/GB 2010)
Regie: William Monahan
Drehbuch: William Monahan
LV: Ken Bruen: London Boulevard, 2001 (London Boulevard)
Ex-Knacki Mitchel will jetzt ehrlich leben, wird Bodyguard einer berühmten Schauspielerin und hat dann doch mächtig Ärger mit einem Gangster.
Ken Bruen!
William Monahan!
Colin Farrell!
Keira Knightley!
Ray Winstone!
Und dann sind noch David Thewlis, Eddie Marsan und London dabei. Die Begründung meiner offensichtlichen und schamlosen Begeisterung gibt es hier.
mit Colin Farrell, Keira Knightley, David Thewlis, Anna Friel, Ben Chaplin, Ray Winstone, Eddie Marsan, Sanjeev Bhaskar, Stephen Graham, Ophelia Lovibon
Pro7, 20.15 Django Unchained (Django Unchained, USA 2012)
Regie: Quentin Tarantino Drehbuch: Quentin Tarantino
Wilder Westen: Nachdem der Kopfgeldjäger Dr. King Schultz Django aus der Sklaverei befreite und sie das erkleckliche Kopfgeld für die Brittle-Brüder kassierten, machen sie sich auf die Suche nach Djangos Frau Broomhilda (oder Brunhilde). Ihre Suche führt sie nach Candyland, der Farm des durchtriebenen Südstaatlers und Sklavenhalters Calvin Candie.
„Django Unchained“ ist ein typischer Quentin-Tarantino-Film, mit vielen bekannten Gesichtern, teilweise in Kleinstrollen, die dieses Mal unter der Maske von Bart und Dreck kaum bis überhaupt nicht erkennbar sind. Als Tarantino- und Western-Fan hat mir die Nummernrevue, bei der Tarantino einfach die vertrauten Pfade in einem anderen Setting abschreitet, durchaus gefallen. – Genaueres steht in meiner ausführlichen Filmbesprechung.
Inzwischen dreht Quentin Tarantino (Nachträglich noch Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!) seinen zweiten Western. „The Hateful Eight“ hat noch keinen Starttermin.
mit Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Kerry Washington, Walton Goggins, Dennis Christopher, Don Johnson, Laura Cayouette, James Remar, James Russo, Nichole Galacia, Dana Gourrier, Don Stroud, Bruce Dern, Lee Horsley, Zoe Bell, Michael Bowen, Robert Carradine, Tom Savini, Rex Linn, Ned Bellamy, Michael Parks, Quentin Tarantino, Franco Nero Wiederholung: Montag, 30. März, 01.15 Uhr (Taggenau! – Und wahrscheinlich ungekürzt. Immerhin ist der Film FSK-16)
– Die Bildergeschichte zum Film
Mehr oder weniger parallel zum Film erschien auch eine Comic-Version von „Django Unchained“, über die Quentin Tarantino sagt: „Dieser Comic ist im Grunde die erste Entwurfsfassung des Drehbuchs. Sämlichtes Material, das es am Ende doch nicht in den Film geschafft hat, ist in der vorliegenden Ausgabe sehr wohl enthalten.“ Dafür wurde dann an anderen Stellen, vor allem bei den Dialogen, gekürzt. Aber insgesamt ist der Comic eine schöne Ergänzung zum Film, die für Tarantino- und Western-Fans eine unterhaltsame Lektüre ist.
Dass die Geschichte mir im Comic schlüssiger als im Film erschien, hat wohl damit zu tun, dass ich die Spaghettiwestern-Geschichte schon bis zur letzten Wendung kannte und, so meine Erinnerung an den Film, einige Szenen umgestellt wurden.
In jedem Fall ist „Django Unchained“ ein großer Spaß für den Western-Fan.
– Quentin Tarantino (Originaldrehbuch)/Reginald Hudlin (Adaption)/R. M. Guéra/Jason Latour/Denys Cowan/Danijel Zezelj/John Floyd (Zeichnungen): Django Unchained (übersetzt von Dietmar Schmidt) Eichborn, 2013 272 Seiten
19,99 Euro
– Originalausgabe
Django Unchained
Vertigo/DC Comics, 2013
–
Es ist eine unglaubliche Geschichte, die John (Sarah Snook) in einer Kneipe in New York 1970 dem Barkeeper (Ethan Hawke) erzählt. Er ist ein Findelkind, das früher ein Mädchen war, das in einem Raumfahrtprojekt als weibliche Stütze für die Raumfahrer mitmachen wollte, und nach einer Schwangerschaft umoperiert wurde. Es ist eine Geschichte, in der ein Unglück von einem noch größerem Unglück gefolgt wird und, so schicksalhaft es sich anhört, so grotesk zufällig wirkt es auch. Denn kein einzelner Mensch kann so viel Pech haben.
Ihr schweigsamer Zuhörer könnte allerdings auch eine ziemlich unglaubliche Geschichte erzählen. Er ist ein Mann aus der Zukunft. Ein Zeitreise-Agent, der einen Terroristen schnappen soll. Und wenn er ihn vor seinem ersten Anschlag unschädlich machen kann, wäre die Welt ein sicherer Ort.
Beide Schicksale sind miteinander verknüpft und die Spierig-Brüder Michael und Peter Spierig, die bereits mit „Daybreakers“ überzeugten, häufen, ohne dass wir jemals den Überblick verlieren, eine Wendung an die nächste, bis die Geschichte durch die Rückblenden und vielen Zeitsprünge wie ein mehrmals gewendetes Möbiusband miteinander und ineinander verflochten ist. Ob sie dabei wirklich einer logischen Überprüfung standhält: wer weiß es und wen kümmert es?
Schließlich sind Zeitreisen auch eine ziemlich paradoxe Angelegenheit, die, wie Science-Fiction-Fans wissen, für viele Probleme sorgen.
Der Film, der wie eine äußerst gelungene spielfilmlange „The Twilight Zone“-Geschichte wirkt, hatte ein niedriges Budget, was in einer seltsamen Weise einerseits ein Nachteil (man sieht die Budgetbeschränkungen), andererseits auch ein Vorteil ist. Denn so kamen die Macher nie in die Versuchung, mit großen Set-Pieces vom Kern der Geschichte abzulenken. Sie konzentrierten sich auf die beiden Hauptdarsteller und wenige Schauplätze, die sie atmosphärisch überzeugend inszenierten.
Ach ja: „Predestination“ ist die Verfilmung der dreizehnseitigen Kurzgeschichte „All you Zombies“ von Robert A. Heinlein, der die Macher ziemlich akkurat folgen. Deshalb sollte man sie auch erst nach dem Filmgenuss lesen.
Predestination (Predestination, Australien 2014)
Regie: Michael Spierig, Peter Spierig
Drehbuch: Michael Spierig, Peter Spierig (aka The Spierig Brothers)
LV: Robert A. Heinlein: All you Zombies -, 1960 (Kurzgeschichte, Entführung in die Zukunft)
mit Ethan Hawke, Sarah Snook, Noah Taylor, Christopher Kirby, Christopher Sommers
– DVD
Tiberius Film
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DD 2.0, DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Trailer
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
– Die lesenswerte Vorlage
Mein Bruder Kain (USA 1992, Regie: Brian De Palma)
Drehbuch: Brian De Palma
Der angesehene Kinderpsychologe Carter Nix hat Probleme mit seinen verschiedenen Persönlichkeiten. Besonders Kain löst Probleme mit anderen Menschen gerne final.
Unterschätzter De-Palma-Film. Denn: “Raising Cain is (…) one of De Palma’s most challenging, elliptical and darkly comic films. Because of its refusal to ‘make it easy’ for the audience, it is also the least understood and appreciated film from his ‘red phase’.” (Senses of Cinema)
Mit John Lithgow, Lolita Davidovich, Steven Bauer, Frances Sternhagen, Gregg Henry
Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.
Ein zukünftiger Western-Klassiker
mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper
Vor ein, zwei Jahren habe ich irgendwo gelesen, dass es keine Filme über die Musik und die Jugendkultur der achtziger Jahre gebe. Es sei ein aus dem kollektiven Gedächtnis gefallenes Jahrzehnt, während die sechziger und siebziger Jahre in der Popkultur immer noch lebendig seien.
Jetzt, mit Oskar Roehlers greller und sehr kurzweiliger Nummernrevue „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ und Mark Reeders „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin“ (läuft am 21. Mai an und sollte unbedingt als Ergänzung zu Roehlers Film gesehen werden) scheint sich da etwas zu ändern. Beide Filme spielen im Westberlin der Achtziger. Beide porträtieren die damalige Kunst- und Subkulturszene. Beide Filme sind autobiographisch. Während der Engländer Reeder sich in „B-Movie“ ungeniert und sympathisch selbst inszeniert und der Dokumentarfilm aus einer erstaunlichen Menge damals gedrehter Filme schöpfen kann, verbirgt Oskar Roehler sich in seinem Spielfilm hinter dem Kunstcharakter Robert (Tom Schilling, grandios stoisch), der in Westdeutschland Anfang der achtziger Jahre auf einem von Hippies belagertem Internat ist. Sein einziger Freund ist der pickelige Nazi Gries (Frederick Lau), der, wie er später in Berlin erfährt, auch noch schwul und masochistisch ist. Für Robert ist angesichts der ganzen Kiffer in der Schule klar: „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“
Er schneidet sich seine eh schon kurzen Haare, randaliert ein wenig, fliegt unverzüglich von der Schule und macht sich auf den Weg nach Berlin, der Stadt, in der alles möglich ist und der Punk lebt. Im gelobten Land kommt er bei seinem Kumpel Schwarz (Wilson Gonzalez Ochsenknecht, ebenfalls stoisch) in einem besetztem Haus unter und er hat auch gleich einen Job. Während Schwarz in der Peepshow die Gäste empfängt und die Attraktionen anpreist, darf er als Mädchen für alles Scheiben putzen (Unangenehm!) und Essen für die Damen (Angenehm!) holen.
Aber viel wichtiger als dieser Brotjob, der auch seine Reize hat, ist für Robert die damalige Kulturszene. Gleich am ersten Abend trifft er Blixa Bargeld und Nick Cave. Sie gehen in das „Risiko“, wo Blixa Bargeld als Barkeeper arbeitet, im Hinterzimmer Konzerte stattfinden und viel zu viele, mehr oder weniger flüssige Drogen konsumiert werden.
Und so reiht sich eine Episode an die nächste. Schnell entsteht ein Bild des damaligen Berlins, das sich sehr locker an einer klassischen Bildungsgeschichte entlanghangelt, aber das vor allem mit durchaus groben Strichen die damalige Zeit verklärt und auch das heutige Bild des damaligen Berlins bedient als aus der Zeit gefallenes Dorf, in dem man gut Leben konnte und in dem sich alle Spinner und Künstler des Universums in dem „Schutzraum für Verrückte“ (Oskar Roehler) trafen und, im Angesicht des nahenden Weltuntergangs, kreativ waren. So will Robert Schriftsteller werden. Über Blixa Bargeld und Nick Cave, die beide vor allem sehr abwesend blicken, muss nichts gesagt werden. Gegen Ende hat auch Rainer Werner Fassbinder (uh, am 30. April startet die Doku „Fassbinder“) einen Auftritt, in dem er, in Lederjacke, sehr dem populären Bild von RWF entspricht.
Es geht auch um Roberts Beziehung zu seinen geschiedenen und ziemlich abgedrehten Eltern. Sie (Hannelore Hoger) will, um an Geld zu kommen, einen nichtsnutzigen Verwandten umbringen und erklärt nonchalant in einer Talkshow, dass sie ihr Kind nie wollte. Er (Samuel Finzi) verwahrt in seiner Wohnung RAF-Geld, das Robert und Schwarz während eines extrem dilletantisch ausgeführten Einbruchs klauen wollen. Und Robert verliebt sich in eine der Tänzerinnen aus der Peepshow, die natürlich höhere Ambitionen hat und eine bezaubernde Mischung aus Englisch und Deutsch spricht.
Roehlers Tonfall ist dabei immer anekdotisch und auf eine mal mehr, mal weniger gelungene Pointe, die mal mehr, mal weniger derb ist, getrimmt. Einige Anekdoten sind auch Stimmungsbilder. Und immer sind es Geschichten, die man sich nach dem dritten Bier erzählt oder erzählt bekommt. Dabei hat Roehler vor allem die Indie-Rock-Gemeinde im Visier, die etwas über Nick Cave, Blixa Bargeld, die Einstürzenden Neubauten und die damals wilden und zügellosen Jahre in der Ruinenstadt Berlin und ihrem pulsierendem Kulturleben gehört haben. Deshalb ist „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ im Studentenkino bestimmt ein großer Spaß.
Den Abgleich zwischen Roehlers Film und seinem Leben, das er hier, wieder einmal, kaum verschleiert be- und verarbeitet, kann man dann ja im Seminar machen.
Weil es eine wunderschöne Überraschung gibt, die in anderen Besprechungen oft sofort verraten wird und deshalb wahrscheinlich keine Überraschung mehr ist. Aber dennoch:
Achtung. Der Trailer verrät sie nicht, verspricht aber einen vollkommen anderen Film. Meine Kritik enthält Spoiler und verrät diese Überraschung, weil ich mehr als „gefällt mir“ sagen will.
Wenn wir Claude Chabrol, diesen kühlen Analysten der französischen Bourgeoisie, nicht vermissen, dann liegt das auch an Francois Ozon, der mit seinem neuen Film „Eine neue Freundin“ wieder, allerdings mit anderen Schwerpunkten, tief in das Chabrol-Territorium vorstößt.
Auf einer Trauerfeier hält Claire vor der versammelten, gutbürgerlichen Trauergemeinde eine ergreifende Trauerrede über die lebenslange, innige, von jedem Neid und Konkurrenzdruck freie Beziehung zwischen ihr und ihrer besten Freundin, der verstorbenen Laura. Ozon illustriert Claires Rede mit Rückblenden, die eine etwas andere Geschichte erzählen. Am Ende ihrer Rede versichert sie pathetisch dem trauerndem Ehemann, dass sie sich um ihn und Lauras Baby kümmern werde. In dem Moment hört sich das wie eine Drohung an.
Kurz darauf, wenn Claire David und sein Baby zum ersten Mal besucht, nimmt die Geschichte ihre erste überraschende Wendung. Denn die Frau im Haus, die Lauras Kleider an hat, ist David. Er zieht gerne Frauenkleider an. Seine Frau wusste es und er tut es auch nur, unbeobachtet von den Nachbarn, in ihrer Wohnung. Niemand weiß davon und niemand soll davon erfahren. Claire versichert ihm, dass sein Geheimnis bei ihr gut aufgehoben ist – und wir erinnern uns noch gut an ihr während der Trauerrede gegebenes Versprechen.
Fortan geht sie, und das ist die zweit überraschende Wendung, als ob es das natürlichste auf der Welt sei, öfters zu ihrer neuen Freundin Virginia und tauscht sich mit ihr über die richtige Kleidung, das Schminken und die Körperpflege aus. Sie werden zu richtigen Freundinnen.
Eines Tages möchte David als Virginia das Haus verlassen und alles das tun, was Frauen tun.
Francois Ozons Film „Eine neue Freundin“ basiert sehr lose auf der Kurzgeschichte „The new Girlfiriend“ von Ruth Rendell und obwohl er sich viele Freiheiten nimmt, erscheint die Geschichte, die sich auf zwei, drei Personen konzentriert, etwas dünn für einen Spielfilm. Das liegt auch daran, dass Ozon den satirischen Furor der ersten Minuten später nicht mehr erreicht und auch überhaupt nicht erreichen will. Denn die gefühlvoll erzählte Freundschaft zwischen Claire und David, in der es keine Konkurrenz gibt, wird immer wichtiger. Mit den damit verbundenem Problem, dass die verheiratete Claire jetzt immer öfter bei ihrer neuen Freundin ist, die dummerweise auch ein Mann mit einem Baby ist. Da könnte Claires Mann, wenn er in David einen Nebenbuhler vermuten würde, schon eifersüchtig werden.
Es gibt – und deshalb trägt der Vergleich zwischen Chabrol und Ozon auch nur bedingt – einen großen Unterschied zwischen ihnen. Bei Claude Chabrol schaffte das Bürgertum seine Probleme gerne mit einem Mord aus der Welt und Chabrol beobachtete sie mit einem scheinbar unbestechlichem, oft sardonischem und mitleidlosem Blick. Ozon hat einen freundlicheren, empathischeren und auch vorurteilsfreieren Blick auf seine Charaktere. Deshalb entfaltet das Verwirrspiel zwischen echten und falschen Identitäten auch immer wieder ein komödiantisches Potentizial und die Lösung des Problems wird nicht mit der Methode Chabrol versucht. Aber für das französische Bürgertum ist im Moment ein Crossdresser, der nicht verurteilt wird, wahrscheinlich genauso unangenehm wie damals ein Mörder, der nicht verurteilt wird. Und Ozon hat es geschafft, mit einer kleinen, scheinbar privaten Geschichte eine Gesellschaftsanalyse vorzulegen, die zielsicher die Tabuzonen vermisst, die die „Front National“–Wähler und die Demonstranten gegen die Homoehe haben.
In etlichen Kritiken wird Gerd Schneiders Debütspielfilm „Verfehlung“ über einen katholischen Seelsorger, der sich fragt, ob sein Freund Sex mit minderjährigen Schutzbefohlenen hatte, als eindringliches Gewissensdrama gelobt. Und auch ich kann dem Film nicht seine Ernsthaftigkeit absprechen. Schneider, der Theologie studierte, breitet die verschiedenen Aspekte des Themas gut aus. Dabei wählt er eine Beobachterperspektive. Er zeigt die Probleme und Auswirkungen des Missbrauchs. Er verteufelt den Täter nicht. Und er zeigt, wie eine Institution versucht, mit solchen Vorwürfen umzugehen.
Das ist nicht wenig.
Dennoch ist „Verfehlung“ kein guter Film, weil Schneider den falschen Protagonisten wählte und dieser unplausibel handelt. Unser Protagonist Jakob Völz (Sebastian Blomberg) ist ein Gefängnisseelsorger, der sich vorurteilsfrei um seine inhaftierten Schäfchen kümmert. Was sie getan haben ist ihm egal. Er urteilt nie über sie. Er will ihnen helfen und sie so auch zurück zum Glauben führen.
Als sein Freund Dominik Bertram (Kai Schumann) in Untersuchungshaft kommt, weil er einen seiner Schützlinge sexuell missbraucht haben soll, will Jakob den Vorwurf zuerst überhaupt nicht glauben. Sein anderer Freund Oliver (Jan Messutat) ist inzwischen als Stellvertretender Generalvikar ein wichtiger Mann im Bistum. Für ihn ist der Missbrauchsvorwurf nur ein Problem, das die Kirche, wie immer, intern löst.
Und Oliver hat dann auch die besten Szenen. Er ist ein Charakter, der aufgrund seiner Position Entscheidungen treffen muss. Er muss mit dem Problem umgehen. Er will die Kirche, seinen Freund Dominik und die Gläubigen schützen. Aber wie? Sind die alten Mechanismen zum Lösen des Problems heute immer noch tragfähig? Und gelingt es ihm, die widerstreitenden Interessen auszugleichen? Kurz: er muss Entscheidungen treffen und egal was er tut, er wird in jedem Fall gegen mindestens eines seiner Prinzipien verstoßen müssen. Es wird auch, in den wenigen Szenen die er hat, deutlich, in welchen Strukturen er steckt und welche geschriebenen und ungeschriebenen Regeln in der Kirche und zwischen Staat und Kirche existieren. Das ist großartiges Drama, bei dem man sich als Zuschauer letztendlich fragen muss, was man an der Stelle von Oliver tun würde.
Aber Schneider wählte Jakob zum Protagonisten. Jakob, der keines seiner Schäfchen verurteilt und der nichts über ihre Taten wissen will. Der jetzt aber von Dominik unbedingt wissen will, ob an den Vorwürfen etwas dran ist. Der selbst beginnt, zu ermitteln. Der dann auch, entgegen des sattsam bekannten Beichtgeheimnisses und dem dahinter stehendem Gedankengebäude, jetzt unbedingt möchte, dass öffentlich über die Vorwürfe verhandelt wird und dass sein bester Freund Dominik für seine Taten bestraft wird. Da spürt man in jeder Szene, dass der Autor etwas will und weil der Autor es will, muss auch sein Charakter es wollen.
Dabei Jakob muss keine Entscheidungen über das Schicksal von seinem Freund treffen. Aber er will sich entscheiden und er hat sich schon entschieden, als er seinen Freund zum ersten Mal fragt, ob die Vorwürfe stimmen. In diesem Moment verabschiedet sich der mitfühlende Geistliche aus der Handlung.
Und weil Dominik die gegen ihn gerichteten Vorwürfe schnell bestätigt, darf Jakob dann fast den gesamten Film mit sich selbst hadern. Er fragt sich, ob er nun seinen Freunden den Wölfen (ähem, dem Staat, der Justiz und der sensationsgierigen und kirchenfeindlichen Öffentlichkeit) zum Fraß vorwerfen soll. Dabei ist das von der Bevölkerung getragene moralisch korrekte Ende schon von Anfang an absehbar und Schneider weicht auch nie von dieser geraden und langweiligen Linie ab.
Darum ist „Verfehlung“ letztendlich nur ein biederes Drama, bei dem der Protagonist und die Zuschauer von Anfang an auf der richtigen Seite stehen und sie in ihren Werten bestätigt werden.