Neu im Kino/Filmkritik: Ein Staatsanwalt ermittelt „Im Labyrinth des Schweigens“

November 6, 2014

Am 20. Dezember 1963 begann im Frankfurter Rathaus, dem Römer, der Auschwitz-Prozess, der erstmals vor einem deutschen Gericht die Verbrechen in den Konzentrationslagern thematisierte. Der Prozess war ein nationales Ereignis, das auch zu einem Bewusstseinswandel bei den Deutschen beitrug.
Vor dem Prozessbeginn mussten Staatsanwälte jahrelang in mühseliger Kleinarbeit die Beweise für die Anklage sammeln und entscheiden, wenn sie anklagen. Da wurden, weil es keine deutschlandweite Datenbank mit allen Einwohnern gab und die Behörden mauerten, schon einmal alle deutschen Telefonbücher besorgt und in mühseliger Kleinarbeit auf der Suche nach Namen durchgeblättert. Und damit auch kein Täter gewarnt wurde, geschah das unter größter Geheimhaltung.
Diese Geschichte, die in der Wirklichkeit untrennbar mit Generalstaatsanwalt Fritz Bauer verbunden ist, erzählt Giulio Ricciarelli in „Im Labyrinth des Schweigens“ in einer stimmigen Balance zwischen Fakten und Fiktion, wobei der größte Schritt weg von der Realität der erfundene Protagonist Johann Radmann (Alexander Fehling) ist. Er ist ein junger Jurist, der sich gerade seine ersten Sporen als Staatsanwalt verdient, indem er engagiert, aber unterfordert Verkehrdelikte zur Anklage bringt, an das Recht glaubt und der noch nie etwas von den Verbrechen, die in Auschwitz geschahen, gehört hat, weil man fünfzehn Jahre nach Kriegsende nicht darüber sprach. Damals wollte man nur vergessen. Radmann soll, nachdem er Bauer, einige vielversprechende Ermittlungsansätze vorgelegt hat, die Beweise für eine Anklage sammeln. Dabei werden, auch weil er erfährt, dass sein im Krieg verschollener Vater ein NSDAP-Mitglied war, seine Überzeugungen auf eine harte Probe gestellt. Angetrieben wird er bei seiner Suche von dem „Frankfurter Rundschau“-Journalisten Thomas Gnielka (den es ebenfalls gab) und dessen Dokumente die Initialzündung für den Auschwitz-Prozess waren. Behindert wird er von Kollegen, Polizisten und einer Gesellschaft, die nicht über die zwölfjährige Nazi-Diktatur reden, sondern diese Jahre aus ihrer Erinnerung streichen wollen.
Ricciarellis Debütspielfilm gehört zu den seltenen Glücksfällen im deutschen Kino, bei denen alles stimmt. Die dicht erzählte Geschichte ist spannend. Sie zeichnet, auch dank der gelungenen Kameraarbeit, ein genaues Bild der damaligen bleiernen Zeit. Die historischen Gebäude wecken Erinnerungen und weil an den historischen Orten gedreht wurde, wirkt die Filmgeschichte noch authentischer. Die Ausstattung ist ebenso authentisch. Nie hat man den Eindruck, dass in einer sorgfältig ausgestatteten Kulisse gedreht wurde. Die Dialoge klingen immer natürlich und sie umschiffen die Fallen des Stoffes, die zu didaktischen Dialogen und Monologen einladen. Sie zeichnen auch nebenbei ein Bild der damaligen Gesellschaft, in der es genau austarierte Hierarchien gab.
Das einzige, was man dem Film vorwerfen kann, ist dass Fritz Bauer zu einem grumpy old man wird, der in seinem Büro sitzt und Aufträge vergibt. Dabei hat er das Team von jungen Staatsanwälten, die damals die Beweise suchten, für ihr Leben beeinflusst und Bauer war einer der liberalen Denker, der das Gespräch mit Jüngeren suchte und ein besseres Deutschland wollte. Dieser Teil seines Charakters wird in dem Drama nicht beleuchtet. Dennoch, oder wahrscheinlich genau sogar deshalb, könnte Bauer, der nicht sich selbst, sondern die Sache in den Vordergrund stellte, der Film gefallen.
Denn „Im Labyrinth des Schweigens“ ist ein spannender Polit-Thriller, der gelungen die Genre-Muster vom Kampf des Einzelnen gegen die Gesellschaft bedient, ein Gefühl der damaligen Zeit vermittelt, informativ und aufklärerisch ist, neugierig auf die Vergangenheit und die damaligen Ereignisse macht und intelligent unterhält. Damit steht er gelungen in der Tradition von Filmen wie „Die Unbestechlichen“ (All the President’s Men).

Im Labyrinth des Schweigens - Plakat

Im Labyrinth des Schweigens (Deutschland 2014)
Regie: Giulio Ricciarelli
Drehbuch: Elisabeth Bartel, Giulio Ricciarelli
mit Alexander Fehling, André Szymanski, Friederike Becht, Gert Voss, Johannes Krisch, Hansi Jochmann, Johann von Bülow, Robert Hunger-Bühler, Lukas Miko, Lisa Martinek
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Im Labyrinth des Schweigens“
Film-Zeit über „Im Labyrinth des Schweigens“
Moviepilot über „Im Labyrinth des Schweigens“
Wikipedia über „Im Labyrinth des Schweigens“ (deutsch, englisch)
taz: Interview mit Ex-Staatsanwalt Gerhard Wiese (einer der Ankläger im Auschwitz-Prozess und eines der Vorbilder für Johann Radmann) über die historischen Hintergründe (6. November 2014)

Vorankündigung
Vor dem Filmstart unterhielt ich mich mit Regisseur Giulio Ricciarelli über den Film und die historischen Hintergründe. Das Interview erscheint in der nächsten Ausgabe der „vorgänge – Zeitschrift für Bürgerrechte und Gesellschaftpolitik“.


Neu im Kino/Filmkritik: Ein Gespräch mit „Citizenfour“ Edward Snowden in Hongkong

November 6, 2014

Wenn ich „Citizenfour“, die Dokumentation von Laura Poitras über Edward Snowden, politisch beurteile, kann ich sie nicht genug loben. Poitras hat in den vergangenen Jahren die bei uns unbekannte Dokumentationen „My Country, my Country“ und „The Oath“ über den US-amerikanischen „war on terror“ gedreht, der auch ein höchst erfolgreicher Vernichtungsfeldzug gegen Bürgerrechte war. Eigentlich war er in diesem Bereich erfolgreicher als im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus. Auch wenn Osama Bin Laden tot ist, viele seiner engsten Verbündeten ebenfalls tot oder inhaftiert sind und Al Kaida als terroristische Bedrohung wohl keine große Rolle mehr spielt. Dafür gibt es zahlreiche Nachfolger.
Zur gleichen Zeit bekamen die Sicherheitsbehörden neue Befugnisse und die NSA begann die gesamte elektronische Kommunikation zu überwachen und zu speichern.
Edward Snowden, ein NSA-Mitarbeiter, wollte, dass die Öffentlichkeit davon erfährt. Er nahm als „Citizenfour“ Kontakt zu einigen Journalisten auf, die er aufgrund ihrer Arbeit für vertrauenswürdig erachtete. Laura Poitras gehörte dazu. Glenn Greenwald, ein Jurist und „The Guardian“-Kolumnist, ebenso.
Am 3. Juni 2013 trafen Poitras und Greenwald zum ersten Mal Edward Snowden. In einem Hotelzimmer in Hongkong erzählte Snowden ihnen an acht Tagen, was er wusste und erklärte Dateien, die er kopiert hatte. Unmittelbar danach veröffentlichte Poitras ein kurzes Interview mit Snowden. Jetzt legt sie mit der Dokumentation „Citizenfour“, die sich um diese Tage in Hongkong im Juni 2013 dreht, nach.
Greenwald veröffentlichte noch in Hongkong die erste Geschichte, die auf dem Material von Edward Snowden basierte. Die Identität von Snowden wurde, vor allem auf seinen Wunsch, enthüllt. Anschließend wollte er in einem sicheren Land in Südamerika untertauchen. Er wollte, dass die Enthüllungen und nicht seine Person im Mittelpunkt der Debatte stehen. Weil die US-amerikanische Regierung seinen Pass für ungültig erklärte, strandete er auf dem Moskauer Flugplatz. Seit dem 12. Juli 2013 hat er in Russland Asyl.
In ihrem Dokumentarfilm erzählt Poitras diese Geschichte, die mit der Information endet, dass es einen zweiten Whistleblower im Geheimdienst gibt. Im Zentrum des Films steht dabei die Tage in dem Hotelzimmer, die Poitras (die sich als Regisseurin vollkommen zurückhält), Greenwald und sein „The Guardian“-Kollege Ewen MacAskill mit Snowden verbrachten. Es zeigt auch einen Wendepunkt in unserem Wissen über die Überwachung und die Verletzung der Grundrechte durch westliche Geheimdienste. Optisch ist das allerdings nicht besonders aufregend. Wir sehen drei Männer und eine Frau, die sich in einem Hotelzimmer miteinander unterhalten. Die Informationen über die Überwachungsapparate der NSA, des britischen Geheimdienstes GCHQ und ihrer Verbündeten sind inzwischen bekannt, auch wenn man einiges, wie dass die gesamte Kommunikation für Drohneneinsätze über Ramstein läuft, fast schon wieder vergessen hat.
Angereichert wird diese lange Woche im Hotelzimmer durch einige Interviews, Befragungen und Vorträge von Geheimdienstkritikern und Bürgerrechtlern, wie Jacob Appelbaum und William Binney, der im Oktober 2001 die NSA verließ, weil er Bedenken gegen die Ausspionierung von US-Bürgern hatte.
Das ist alles sehr konventionell gefilmt und auch nicht besonders informativ. Jedenfalls als aufklärerische Dokumentation über gesellschaftliche und politische Strukturen. „Citizenfour“ ist aber weit entfernt von der analytischen Schärfe und intellektuellen Tiefe einer Dokumentation von Alex Gibney (Taxi to the dark side, We steal secrets) oder Adam Curtis (The power of nightmares, The trap). Laura Poitras konzentriert sich auf Snowden, der hier als Mensch fassbar wird. Sie zeigt ihn in den letzten Tagen seines Lebens als Jedermann, der ruhig erklärt, warum er die Geheimnisse der NSA veröffentlichen will. In diesen Momenten wird für Menschen, die nur die Schlagzeilen lesen, einiges in die richtige Perspektive gerückt.

CitizenFour - Plakat 4

Citizenfour (Citizenfour, USA/Deutschland 2014)
Regie: Laura Poitras
Drehbuch: Laura Poitras
mit Edward Snowden, Glenn Greenwald, Laura Poitras, William Binney, Jacob Appelbaum, Ewen MacAskill, Jeremy Scahill
Länge: 114 Minuten
FSK: ?

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Citizenfour“
Moviepilot über „Citizenfour“
Metacritic über „Citizenfour“
Rotten Tomatoes über „Citizenfour“
Wikipedia über „Citizenfour“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ (No place to hide, 2014)

Das Q&A mit Laura Poitras beim diesjährigen NYFF.

Ein weiteres Q&A mit Laura Poitras. Der Sound ist ziemlich gruselig.

Ein ZDF-Interview (aspekte) mit Laura Poitras. Mit deutschem Ton.

Das erste Video von Laura Poitras über Edward Snowden.


Neu im Kino/Filmkritik: „Interstellar“ – oder Planetenhopping mit Christopher Nolan

November 6, 2014

Mit seiner „Batman“-Trilogie und „Inception“ zeigte Christopher Nolan, dass Blockbuster nicht hirnentleerter Lärm sein müssen. Etwas Nachdenken ist durchaus erlaubt. Auch sein neuester Film „Interstellar“, ein gut dreistündiger Science-Fiction-Film, der eine wichtige Botschaft hat (wir zerstören unsere Umwelt), eine Utopie formuliert (die Rettung liegt in den Sternen, ähm, auf einem anderen Planeten in einer anderen Galaxie) und ein Ende hat, das in vielen Kritiken sicher unzählige Vergleiche mit Stanley Kubricks Meisterwerk „2001: Odyssee im Weltraum“, dem Science-Fiction-Klassiker schlechthin, provoziert und die Fallhöhe anzeigt.
Nolans Film beginnt im US-amerikanischem Getreidegürtel, wo die Farmer gegen die Widrigkeiten der Umwelt kämpfen und, wie wir erst etwas später erfahren, die Menschheit sich inzwischen vollkommen von der Raumfahrt verabschiedete. Diesen Luxus kann man sich nicht leisten, wenn gerade jede Gehirnzelle für den konventionellen Anbau von Nahrungsmitteln gebraucht wird. Die Farmer produzieren so viele Lebensmittel wie möglich, um das Überleben der Menschheit zu garantieren. Allerdings werden durch Umweltkatastrophen auch viele Ernten zerstört. Und eine andere Methode, um die Menschheit zu Ernähren (zum Beispiel Astronautennahrung), gibt es nicht.
Es ist irgendwie eine apokalyptische Welt, in der die wenigen Menschen, die wir kennen lernen, im Korngürtel einfach noch so leben, als habe sich die letzten fünfzig Jahre nichts verändert. Es gibt auch keine TV-Nachrichten von anderen Gebieten, sondern nur willkürlich eingeblendete Erzählungen von alten Menschen, die von dieser Umweltkatastrophe, die sie vor Jahrzehnten erlebten, erzählen. In diesen Momenten findet Nolan eindrücklich-apokalyptische Bilder von Stürmen, Staub und Dreck, der sich innerhalb weniger Sekunden überall in der Wohnung ablagert. Wir erfahren auch nicht, wie der Staat organisiert ist. Sowieso verschwenden die Nolan-Brüder, abgesehen von lauschigen Sonnenuntergängen über Kornfeldern, keinen Gedanken an eine differenzierte Utopie und daran, wie eine Welt aussieht, in der es zu einer Klimakatastrophe kommt und die Welt zunehmend unbewohnbarer wird.
Im Mittelpunkt des Films steht Cooper (Matthew McConaughey), der früher Raumfahrer war und jetzt mit seinem Vater (John Lithgow) und seinen beiden Kindern Farmer ist. Aber in seinem Herzen ist er immer noch ein Bastler und Forscher. Er ist die vernünftige Ausgabe von Mark Wahlberg in „Transformers: Ära des Untergangs“.
Coopers Tochter Murph (Mackenzie Foy) glaubt, dass ein Geist ihr in ihrem Zimmer Zeichen gibt. Als sich die Zeichen in einer bestimmten Form anordnen, können Cooper und Murph sie entschlüsseln. Die Spur führt sie zu einer geheimen, unterirdischen Station der NASA, wo er seinen alten Freund Professor Brand (Michael Caine) trifft, der ihm ein Angebot macht, das er nicht ablehnen kann (auch weil dann der Film bereits nach ungefähr 45 Minuten zu Ende gewesen wäre). Cooper soll der Pilot einer Raumfahrtmission durch ein Wurmloch, das zufälligerweise am Rand unseres Sonnensystems aufgetaucht ist, sein. Brand hat schon einmal einige Raumfahrer durch das Loch geschickt und ihre rudimentären Signale lassen darauf schließen, dass es auf der anderen Seite des Wurmlochs für Menschen bewohnbare Planeten gibt. Brand glaubt auch, dass dieses Wurmloch nicht zufällig aufgetaucht ist, sondern dass es ein Signal von einer anderen, uns freundlich gesonnenen Spezies ist, die uns helfen wollen. Warum die Aliens dann nur ein Wurmloch im Weltall platzieren, das leicht übersehen oder falsch interpretiert werden kann und warum die Aliens uns nicht gleich helfen, beantworten die Nolans nicht. Aber sie sagen uns, dass die Zeit auf der anderen Seite des Wurmlochs langsamer vergeht, sie daher ihre Familie wahrscheinlich nie wieder sehen werden und, falls doch, ihre Kinder viel älter sind.
Jedenfalls könnte das, wenn sie schnell genug einen bewohnbaren Planeten finden, die Rettung der Menschheit sein. Cooper fliegt mit Amelia (Anne Hathaway), Romily (David Gyasi), Doyle (Wes Bentley) und einem sprechendem Roboter (kein Kommentar) los – und mehr will ich jetzt nicht verraten. Außer dass bis dahin ungefähr eine Stunde nicht sonderlich spannende Filmzeit vorbei ist (Nolan muss einfach nicht mehr ökonomisch erzählen), und er später zwischen den Erlebnissen von Cooper auf verschiedenen Planeten auf der einen Seite des Wurmlochs und seinen Hinterbliebenen auf der Erde hin und herspringt. Dabei sind die Erlebnisse von Jessica Chastain (als seine erwachsene Tochter Murph) und Casey Affleck (als sein erwachsener Sohn Tom) eher banal und die Auflösung, irgendwo zwischen irrationalen Zeitsprüngen, Wurmlöchern und Reisen durch Dimensionen nicht besonders überzeugend.
Denn während Stanley Kubrik und Arthur C. Clarke sich in „2001“ überhaupt nicht bemühten, das Ende zu erklären (obwohl Clarke später mehrmals in die „2001“-Welt zurückkehrte und die Geschichte weiter erzählte), wirkt das Ende von „Interstellar“ als ob Jonathan und Christopher Nolan zuerst alles detailliert und schlüssig auflösen wollten, aber ziemlich schnell, wie kleine Kinder, die ihr Zimmer aufräumen sollen, die Lust verloren. So endet „Interstellar“ halbherzig zwischen rationaler Aufklärung und fantastischem Ende, das so wenig überzeugt, wie der gesamte Film, der zu lang, zu zerfasert und zu konfus ist, um als Science-Fiction-Film zu überzeugen. Als Familiendrama zwischen Cooper und seinen beiden Kindern überzeugt er auch nicht.
Die Charaktere bleiben blass – und so auch die Schauspieler. Sie sind gefangen in einer Geschichte, in der Beziehungen, falls es sie überhaupt gibt, nur behauptet sind. Nur Coopers Beziehung zu seiner Tochter ist glaubwürdig. Jedenfalls am Anfang, wenn er als Vater seiner Tochter die Welt zeigt und sie lehrt, rational an Phänomene heranzugehen. Aber schon in diesen Momenten ist er der unbändige Forscher, der unbedingt neue Welten erforschen will; wenn er nicht gerade Computer für seine Traktoren und eine Drohne programmiert. Wenn er später, im Raumschiff, nur noch Videobotschaften von ihr, die inzwischen erwachsen ist, empfängt, wird sie zunehmend ein hölzerner Hinweis darauf, dass die Raumfahrer eine wichtige Mission haben und sich beeilen müssen, um die Welt zu retten.
Die Tricks sind, für eine Produktion, die 165 Millionen Dollar gekostet haben soll, erschreckend schlecht und die Musik von Hans Zimmer ist so laut, dass ich mich beim Ansehen fragte, ob IMAX-Filme einfach immer infernalisch laut sein müssen. Es gibt nämlich auch von „Interstellar“ eine IMAX-Fassung (größeres, fast quadratisches Bild), die in Deutschland in zwei Kinos läuft.

Interstellar - Hauptplakat

Interstellar (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
mit Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Casey Affleck, David Gyasi, John Lithgow, Bill Irwin, Ellen Burstyn, Michael Caine, Matt Damon, Wes Bentley, Mackenzie Foy, Topher Grace, David Oyelowo, William Devane
Länge: 169 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Interstellar“
Moviepilot über „Interstellar“
Metacritic über „Interstellar“
Rotten Tomatoes über „Interstellar“
Wikipedia über „Interstellar“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 6. November: Wie wir sterben

November 6, 2014

3sat, 20.15
Wie wir sterben (Deutschland 2014, Regie: Daniela Hoyer, Judith Schneider)
Drehbuch: Daniela Hoyer, Judith Schneider
In der 45-minütige Doku wird erklärt, wie der Sterbeprozess abläuft. Biologisch gesehen.
Mehr Infos.


DVD-Kritik: „Fleming“ – mehr Bond-Metafilm als Biopic

November 5, 2014

Manchmal muss man dem Geheimhaltungsbedürfnis des Militärs wirklich dankbar sein. Es ist schon lange bekannt, dass James-Bond-Erfinder Ian Fleming im Zweiten Weltkrieg persönlicher Assistent von Konteradmiral John H. Godrey, dem Chef des Marinegeheimdienstes, war, er gegen die Deutschen kämpfte und später in seinen James-Bond-Romanen auch Erlebnisse aus dieser Zeit verarbeitete. Aber was er genau tat und wie er in welche Missionen involviert war, wissen wir nicht. Als Schriftsteller musste er sich nicht um Fakten kümmern und die Bond-Romane spielen auch nicht während des Zweiten Weltkriegs, sondern danach und so kann man der Behauptung der Serienmacher, dass die Bond-Romane auf seinen damaligen Erlebnissen basieren glauben. Oder auch nicht. Jedenfalls ist es eine gute Story, die sich nicht sonderlich um die Fakten kümmern muss und bislang wurden Flemings Kriegserlebnisse filmisch und literarisch kaum ausgeschlachtet.
Jetzt, nach zwei ziemlich vergessenen TV-Filmen aus den späten Achtzigern, die anscheinend auch grottenschlecht waren, gibt es einen weiteren Versuch, Flemings Erlebnisse während des Krieges als die Blaupause für seine James-Bond-Romane und Filme, die ja seit Ewigkeiten nur noch sehr lose auf den Romanen und Kurzgeschichten von Fleming basieren, zu nehmen.
In der dreistündigen TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ erzählen die Macher die Geschichte von Flemings Jahren beim Militär.
Dabei besteht ein großer Teil des Spaßes beim Ansehen der vier Episoden am Enträtseln der filmischen und literarischen Vorbilder. Denn die TV-Miniserie ist ein James-Bond-Film im Kleinstformat mit Admiral John Godfrey als M, Second Officer Monday als Miss Moneypeney (Tendenz: die aktuelle Ausgabe, die auch mal im Feld arbeitet) und Ian Fleming als James Bond, der zu seinem Missvergnügen an dem Schreibtisch verbannt wird und der zahlreiche Sex-Affären hat. Diese Affären und seine sexuellen Vorlieben nehmen dann auch die meiste Erzählzeit ein, während die Missionen eher kurz gestreift werden, was auch daran liegt, dass Fleming viele unorthodoxe Ideen hatte (die er teilweise direkt aus Spionageromanen klaute), aber nicht im Feld arbeiten durfte, weil er, wie wir in einigen Übungen sehen können, einfach kein Soldat war. Ein kaltblütiger Killer war er auch nicht. Wenn er in der vierten Episode, die während der letzten Kriegstage spielt, doch nach Deutschland darf und hinter die feindlichen Linien gelangt, macht er nicht unbedingt die beste Figur. Aber er erzählt nachher, wie auch Admiral Godrey meint, eine verdammt gute Geschichte, für die es leider keine Beweise gibt.
Obwohl „Fleming“ eine aus vier Episoden bestehende Miniserie ist, spannen die Macher keinen großen erzählerischen Bogen. Sie erzählen strickt im 45-Minuten-Format, immer in einem anderen Kriegsjahr, von Affären und Geheimdienstaktionen, die, so sollen wir glauben fast unverändert in die James-Bond-Geschichten, in denen James Bond alles richtig macht, was Ian Fleming falsch macht, eingeflossen sind. Die Tricks sind mau, aber die Ausstattung – es wurde hauptsächlich in Innenräumen gedreht – gefällt, weil es etwas vom Charme eines Vierziger-Jahre-Films verspürt. Und Ian-Fleming-Schauspieler Dominic Cooper macht auch keine schlechte Figur als spionagebegeisterter Frauenheld und Spieler.

Fleming - DVD-Cover 4

Fleming – Der Mann, der Bond wurde (Großbritannien 2014)
Regie: Mat Whitecross
Drehbuch: John Brownlow, Don MacPherson
mit Dominic Cooper, Lara Pulver, Samuel West, Anna Chancellor, Rupert Evans, Lesley Manville, Pip Torrens, Camilla Rutherford
auch bekannt als „Mein Name ist Fleming, Ian Fleming“ (TV-Titel)

DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: –
Länge: 180 Minuten (4 x 45 Minuten)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

BBC America über „Fleming“

Rotten Tomatoes über „Fleming“

Metacritic über „Fleming“

Wikipedia über „Fleming“

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 5. November: Dead Man Walking

November 5, 2014

Tele 5, 20.15
Dead Man Walking (USA 1995, Regie: Tim Robbins)
Drehbuch: Tim Robbins
LV: Sister Helen Prejean: Dead Man Walking, 1993 (Dead Man Walking – Sein letzter Gang)
Die Nonne Helen Prejean lernt den Verbrecher Matthew Poncelet, der in der Todeszelle sitzt, kennen. Eine Freundschaft entwickelt sich, die mit seinem Tod endet.
Starkes, auf Tatsachen basierendes Drama über die Todesstrafe und das US-amerikanische Justizsystem. Susan Sarandan erhielt für ihre Darstellung einen Oscar.
„Der Regie und den Hauptdarstellern ist es gelungen, einen aufwühlenden Film über die Todesstrafe zu machen, ohne in ein Rührstück zu verfallen (…) ein in jeder Hinsicht anspruchs- und gehaltvolles Werk.“ (Fischer Film Almanach 1997)
mit Susan Sarandon, Sean Penn, Robert Prosky, Ramond J. Barry, R. Lee Ermey
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Dead Man Walking“
Wikipedia über „Dead Man Walking“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 4. November: Honeymoon Killers

November 4, 2014

ZDFkultur, 22.00

Honeymoon Killers (USA 1970, Regie: Leonard Kastle)

Drehbuch: Leonard Kastle

Leonard Kastles einziger Spielfilm. Dabei wurde beim Kinostart der auf dem „Lonely Hearts Killers“-Fall basierende Film des Opernkomponisten und Musikprofessors von der Kritik gelobt. Regisseur Francois Truffaut nannte ihn seinen liebsten US-Film. Inzwischen ist die schwarze Satire auf den American Way of Life ein Kultfilm, der nichts von seiner subversiven Kraft verloren hat. Das liegt auch an dem Liebespaar, das im Mittelpunkt des Films steht: die dicke, eifersüchtige Krankenschwester Martha Beck (Shirley Stoler, Filmdebüt) verliebt sich in den Gigolo und Heiratsschwindler Ray Fernandez (Tony Lo Bianco) – und er in sie. Gemeinsam suchen sie per Anzeige reiche, alleinstehende Frauen und ermorden sie.

1949 wurden sie zum Tode verurteilt und 1951 wurde die Todesstrafe vollzogen.

mit Shirley Stoler, Tony Lo Bianco, Mary Jane Higby, Doris Roberts, Kip McArdle, Marilyn Chris, Dortha Duckworth

Wiederholung: Mittwoch, 5. November, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Honeymoon Killers”

Turner Classic Movies über “Honeymoon Killers”

Wikipedia über „Honeymoon Killers“ (deutsch, englisch)

Crime Library: Mark Gado über den Fall


DVD-Kritik: Die „Invasion vom Mars“ in den Achtzigern

November 3, 2014

Als Tobe Hoopers Science-Fiction-Film „Invasion vom Mars“ 1986 in die Kinos kam, hielt sich die Begeisterung der Kritiker in überschauberen Grenzen und so einen richtigen Kultstatus entwickelte er seitdem auch nicht, was nicht daran liegt, dass der Film schlecht ist, sondern dass er ein sehr originalgetreues Remake des gleichnamigen Science-Fiction-Films von William Cameron Menzies ist, der auch kein großartiger Film, aber inzwischen ein kleiner Semi-Klassiker ist. Außerdem war das Original der erste in Farbe gedrehte Alien-Invasions-Film. Auf 3D wurde, entgegen der ersten Pläne, verzichtet.
Hooper und die Drehbuchautoren Dan O’Bannon („Dark Star“, „Alien“, „Total Recall“) und Don Jakoby, die bereits bei „Lifeforce“ (ein ziemlich durchgeknallter Science-Fiction-Invasionsfilm) zusammenarbeiteten, nahmen den alten Film und transportierten ihn, ohne nennenswerte Änderungen, in die Gegenwart.
Entsprechend bekannt ist die Geschichte, die schon 1953 nicht besonders originell war: Als der Kleinstadtjunge David (Hunter Carson, „Paris, Texas“) eines Nachts aufwacht, sieht er ein Ufo hinter dem Hügel landen. Niemand glaubt ihm, aber schon bald bemerkt er, wie sich seine Eltern, Lehrer und Klassenkameraden verändern. In Linda Magnusson (Karen Black) findet er dann doch eine Verbündete und die beiden entdecken die Invasoren, die in einem unterirdischen Raumschiff-/Höhlensystem sind.
Klingt bekannt?
Aus heutiger Sicht ist „Invasion vom Mars“ als alptraumhafter Gegenentwurf zu „E. T.“ gar nicht so schlecht. Die Atmosphäre des aus Davids Sicht erzählten Films ist ziemlich gruselig, vor allem wenn Louise Fletcher (die Oberschwester aus „Einer flog über das Kuckucksnest“) den kleinen David als Inkarnation der bösen Lehrerin, die schon damals sehr altmodisch gekleidet war, gehässig durch die Schule und die Kleinstadt verfolgt und auch mal einen lebenden Frosch verspeist. Die Invasoren sehen gruselig lächerlich aus. Die Effekte machen Spaß; – vor allem weil sie handgemacht sind.
Am Ende gibt es ein großes Finale, bei dem das Militär mal wieder alles auffährt, was es hat, um die Marsianer in die nächste Galaxie zu schicken.
Für den Filmfan hat die Besetzung einiges zu bieten. Neben den schon erwähnten Schauspielern sind Bud Cort (Harold aus „Harold und Maude“), Timothy Bottoms (der mit „Johnny zieht in den Krieg“ und „Die letzte Vorstellung“ einen grandiosen Einstand in Hollywood hatte) und Jimmy Hunt (der im Original David war und hier, nach einer jahrzehntelangen Leindwandpause, den Polizeichef spielte) dabei.
Nur die Story war schon in den Fünfzigern schwach und dreißig Jahre später hatte die „Invasion vom Mars“ gegen zeitgleich im Kino gezeigte Science-Fiction-Filme wie „Aliens – Die Rückkehr“, „Die Fliege“ (noch ein Remake) und „Nummer 5 lebt!“ keine Chance. Was ist schon etwas Teenage Angst in einer typischen All-American-Kleinstadt gegen einen echen Body Horror?
Das Bonusmaterial fällt insgesamt überzeugend aus. Es gibt zusätzlich zum originalen Ende das Ende der damaligen deutschen Kinofassung (damals wurde uns, wie schon beim Original, die Schlusspointe vorenthalten) und zwei Featurettes, die einen Blick hinter die Kulissen werfen und zum damaligen Filmstart entstanden. Wie üblich bei Koch-Media gibt es den Trailer (deutsch und englisch) und eine Bildergalerie.
Über das Bild und den Ton kann auch nicht gemeckert werden.

Die zweite Meinung
„Dieser Film ist ein teures, unnötiges Remake von William Cameron Menzies‘ Klassiker aus dem Jahr 1953, überladen mit – ugegebenermaßen – exzellenten Special Effects und sehr schleppend in seiner Hartnäckigkeit, dem Original treubleiben zu wollen.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science-Fiction-Filmenzyklopädie, 1998)

Invasion vom Mars - DVD-Cover

Invasion vom Mars (Invaders from Mars, USA 1986)
Regie: Tobe Hopper
Drehbuch: Dan O’Bannon, Don Jakoby (nach dem Drehbuch von Richard Blake)
mit Hunter Carson, Karen Black, Louise Fletcher, Timothy Bottoms, Laraine Newman, James Karen, Bud Cort

DVD
Koch Media
Bild: 2,35:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bonusmaterial: Deutscher und Englischer Kinotrailer, Deutscher Vorspann, Alternatives Ende der deutschen Fassung, Making-of-Featurette (ca. 15 Minuten), Promotion-Featurette (ca. 8 Minuten), Bildergalerie, Wendecover
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Invasion vom Mars“
Wikipedia über „Invasion vom Mars“ (deutsch, englisch)
Meine Besprechung von Tobe Hoopers „Blutgericht in Texas“ (The Texas Chainsaw Massacre, USA 1974)

Okay, hier ist das Original. Zuerst der Trailer, dann der Film. Zuerst die Original-, dann die deutsche Fassung

 


DVD-Kritik: „Zulu“ – Orlando Bloom in Südafrika im Hobbit-Urlaub auf Verbrecherjagd

November 3, 2014

Als der Polit-Thriller „Zulu“ vor einem halben Jahr in einigen Kinos gezeigt wurde, dachte ich, dass der Verleih schnell die DVD hinterherschiebt und so von den Erinnerungen der breiten Massen an die Filmbesprechungen zum Kinostart noch profitieren kann. Jetzt hat es doch länger als erwartet, gedauert. Aber sehenswert ist der in Südafrika spielende Film mit Forest Whitaker (demnächst „96 Hours – Taken 3“) und Orlando Bloom (bald „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“) immer noch.
Zum Kinostart schrieb ich ziemlich begeistert:
Schon in seinen beiden „Largo Winch“-Filmen reiste Regisseur Jérôme Salle um die halbe Welt. Aber das waren bunte Abenteuerfilme, so eine Art französischer James Bond im eigenen Auftrag. Sein neuester Film „Zulu“ ist dagegen ein knallharter Polit-Thriller, der in Südafrika spielt und ohne die Apartheid und deren Nachwirkungen nicht denkbar wäre.
In Kapstadt wird im botanischen Garten die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau der Kapstadt-High-Society gefunden. Die Polizisten Ali Sokhela (Forest Whitaker), Brian Epkeen (Orlando Bloom) und Dan Fletcher (Conrad Kemp) übernehmen die Ermittlungen. Ali ist ein in den Townships aufgewachsener Zulu, der heute ein ruhiger, analystischer Ermittler ist, der keine Familie hat und der immer noch an den Nachwirkungen eines Polizeieinsatzes von 1978, den er als Kind erlebte, leidet. Dennoch versucht er, wie Nelson Mandela und Desmond Tutu, den früheren Peinigern zu vergeben. Seine beiden Kollegen sind Weiße. Brian ist ein geschiedener Alkoholiker, der keinen Kontakt zu seinem Sohn hat und der nur von Ali wegen seiner Fähigkeiten als Ermittler im Team gehalten werden kann. Dan ist glücklich verheiratet. Allerdings ist seine Frau unheilbar an Krebs erkrankt. Und alle Drei werden unterschiedlich von den Ermittlungen beeinflusst.
Denn sie finden heraus, dass die Tote an einer synthetischen Droge starb, die, wie bei ihr, in hoher Dosierung zu mörderschen Aggressionen führt. Ursprünglich wurde die Designerdroge von Dr. Oppermann während der Apartheid im Rahmen des „Project Coast“ (das es wirklich gab) entwickelt, um sie an die in den Townships lebenden Schwarzen zu verteilen. Mit dem Ende der Apartheid wurde auch das „Project Coast“ beendet.
Jetzt scheint die Droge in einem gigantischen Feldversuch in den Townships verteilt zu werden. Denn Ali findet sie auch bei Straßenkids.
Salle und sein Drehbuchautor Julien Rappenau, mit dem er schon die beiden „Largo Winch“-Geschichten schrieb, beweisen wieder einmal ihr Händchen für behutsame Genreinovationen. Denn „Zulu“ steht knietief im Siebziger-Jahre-Polit-Thriller mit seinem ungeschönten Blick auf die Realität und seinem schonungslosem Umgang mit den Charakteren. So hat jeder der drei Polizisten seine Fehler und persönlichen Probleme. Zum klassischen Helden taugt keiner. Und ihre Überlebensaussichten sind höchst ungewiss. Aber das kennen wir auch aus den Siebziger-Jahre-Polit-Thrillern und spätestens seit dem Neo-Noir „L. A. Confidential“ kennen wir das auch aus dem Polizei-Thriller. Salle verbringt mit den privaten Problemen seiner Ermittler so viel Zeit, dass der sowieso etwas austauschbare Krimiplot öfter vernachlässigt wird.
Dennoch ist „Zulu“ ein straff erzählter, grimmiger Polizei-Thriller, der dank seiner guten Schauspieler, dem Drehbuch (dem es letztendlich gelingt, die verschiedenen Erzählstränge souverän zusammenzuhalten), seinem Schauplatz und der Geschichte Südafrikas, die immer im Hintergrund präsent ist, viel gewinnt und ihn zu einem sehenswerten Thriller vor exotischer Kulisse macht.

Bonusmaterial ist kaum vorhanden. Es gibt ein vierminütiges Featurette über den Film, in dem vor allem Regisseur Jérôme Salle zu Wort kommt, und ein knapp zehnminütiges Interview mit Orlando Bloom.
Dabei wären doch gerade Informationen über den Realitätsgehalt des Thrillers interessant gewesen.

Zulu - DVD-Cover

Zulu (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013)
Regie: Jérôme Salle
Drehbuch: Julien Rappeneau, Jérôme Salle
LV: Caryl Férey: Zulu, 2008 (Zulu)
mit Forest Whitaker, Orlando Bloom, Conrad Kemp, Tanya van Graan, Patrick Lyster, Tinary van Wyk Loots, Iman Isaacs

DVD
Studio Hamburg
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Featurette, Interview mit Orlando Bloom, Deutscher Kinotrailer
Länge: 111 Minuten
FSK: ab 18 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Zulu“
Moviepilot über „Zulu“
Rotten Tomatoes über „Zulu“

AlloCine über “Zulu”
Wikipedia über „Zulu“ (englisch, französisch)

Meine Besprechung von „Largo Winch – Tödliches Erbe“ (Largo Winch, Frankreich 2008)

Meine Besprechung von „Largo Winch II – Die Burma-Verschwörung“ (Largo Winch II, Frankreich/Belgien/Deutschland 2011)

Meine Besprechung von Jérôme Salles „Zulu“ (Zulu, Frankreich/Südafrika 2013)


TV-Tipp für den 3. November: Sie küßten und sie schlugen ihn

November 3, 2014

Arte, 20.15
Sie küßten und sie schlugen ihn (Frankreich 1959, Regie: Francois Truffaut)
Drehbuch: Francois Truffaut, Marcel Moussy
1959 erhielt der siebenundzwanzigjährige Francois Truffaut für seinen ersten Spielfilm, „Sie küssten und sie schlugen ihn“ (Les quatre cents coups), den Großen Preis von Cannes für die Regie. In dem Film begann er den von ihm formulierten Anspruch für einen neuen Spielfilm in die Tat umzusetzen. Denn die Geschichte von Antoine Doinel (verkörpert von dem Dreizehnjährigen Jean-Pierre Léaud) weist etliche Gemeinsamkeiten mit seiner Biographie auf. In dem Film erzählt Truffaut von Antoine, der in einer dysfunktionalen Familie aufwächst. Seine Mutter geht fremd. Sein Stiefvater flüchtet sich in sein Hobby und Antoine Doinel, der nach einem Vorbild sucht, flüchtet in die Welt des Kinos und der Bücher. Er beginnt zu stehlen, wird erwischt und landet in einem Erziehungsheim, aus dem er wieder flüchtet. Ein Klassiker der Nouvelle Vague – und der erste Antoine-Doinel-Film (die ich hier ausführlich besprochen habe).
mit Jean-Pierre Léaud, Albert Rémy, Claire Maurier, Patrick Auffay

Wiederholung: Mittwoch, 5. November, 13.45 Uhr

Hinweise

Arte über Francois Truffaut

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Arte über Francois Truffaut

Erster Teil meines Francois-Truffaut-Porträts (mit einer Besprechung von Emmanuel Laurents “Godard trifft Truffaut”)

Zweiter Teil meines Francois-Truffaut-Porträts: Die Antoine-Doinel-Filme

Kriminalakte über Francois Truffaut


TV-Tipp für den 2. November: Inspector Banks: Eine seltsame Affäre

November 2, 2014

ZDF, 22.00
Inspector Banks: Eine seltsame Affäre (Großbritannien 2012, Regie: Tim Fywell)
Drehbuch: Robert Murphy
LV: Peter Robinson: Strange Affair, 2005 (Eine seltsame Affäre)
Als DCI Alan Banks von seinem Bruder Roy einen Anruf erhält, in dem er sagt, dass er in Schwierigkeiten stecke, beginnt Banks seinen spurlos verschwundenen Bruder zu suchen. Deshalb erfährt er auch erst viel später, dass sein Bruder in einen Mordfall verwickelt ist und seine neue Kollegin DI Helen Morton (die Schwangerschaftsvertretung für DS Annie Cabbot) ihn als Tatverdächtigen sucht.
„Eine seltsame Affäre“ ist der Auftakt der neuen „DCI Banks“-Staffel, die in England bereits vor zwei Jahren lief und als düster grundierte Polizeifilme gut unterhalten. Auch wenn „Eine seltsame Affäre“, weil es sich um einen persönlichen Fall handelt und wir die gesamte Familie Banks kennen lernen, ein eher schwacher Auftakt ist.
Die nächsten beiden Fälle „Die letzte Rechnung“ und „Der unschuldige Engel“ folgen am 16. und 23. November zur gewohnten Sonntagabendkrimizeit.
In England wurden Anfang des Jahres drei weitere „DCI Banks“-Fälle gezeigt.
mit Stephen Tompkinson, Andrea Lowe, Caroline Catz, Lorraine Burroughs, Jack Deam, Nick Sidi, Keith Barron, David Westhead, Eve Matheson, Alan Park
Wiederholung: Montag, 3. November, 00.50 Uhr (Taggenau!)
Hinweise

Crime Time Preview über “DCI Banks”

Homepage von Peter Robinson

Krimi-Couch über Peter Robinson

Wikipedia über Peter Robinson (deutsch, englisch) und “DCI Banks”

Meine Besprechung von “Inspector Banks: Mord in Yorkshire”


TV-Tipp für den 1. November: Der letzte Scharfschütze

November 1, 2014

RBB, 23.05

Der letzte Scharfschütze (USA 1976, Regie: Don Siegel)

Drehbuch: Scott Hale, Miles Hood Swarthout

LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)

Revolverheld Books will seine letzten vom Krebs gekennzeichneten Tage in Ruhe verbringen. Aber so einfach ist das nicht.

Einer der besten Spätwestern – und John Waynes letzter Film.

„Don Siegel unterzog in ‚The Shootist – Der Scharfschütze’ den Mythos einer distanzierten Würdigung, die noch einmal dem Western zurückgab, was ihm in den letzten Jahren abhanden gekommen war: Ruhe. Und vielleicht exakt diese Botschaft ist es, die endgültig dem Genre ein friedvolles Ende bescheren hätte können: nämlich, die, dass der Western tot, die Grenze erschlossen, die Gesellschaft korrupt ist und dass man sich darüber nicht besonders aufregen muss.“ (Georg Seesslen: Western)

Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.

Mit John Wayne, Lauren Bacall, James Stewart, Ron Howard, Richard Boone, John Carradine

Auch “The Shootist – Der Scharfschütze”

Hinweise

Homepage von Glendon Swarthout

Meine Besprechung von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ (The Killers, USA 1964 – Ronald Reagans letzter Film)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976 – John Waynes letzter Film)

Kriminalakte über Don Siegel


Neu im Kino/Filmkritik: „Pioneer“ oder Tiefseetauchen und Sterben für Öl und Norwegen

Oktober 31, 2014

„Pioneer“ ist der neue Film von Erik Skjoldbjærg, dessen Spielfilmdebüt „Todesschlaf“ (Insomnia, 1997) fünf Jahre später von Christopher Nolan ein Hollywood-Remake erhielt, das dem Original nichts Wesentliches hinzufügte. Auch für „Pioneer“ hat Hollywood sich schon die Remake-Rechte gesichert. George Clooney ist als Produzent im Gespräch.
„Pioneer“ basiert, wie „Pride“, auf wahren Ereignissen, die sich in den frühen Achtzigern ereigneten. Aber es ist kein Feelgood-Movie, sondern ein altmodischer Paranoia-Thriller.
Mitte der Siebziger, kurz nach der Ölkrise, die uns in Deutschland autofreie Sonntage bescherte, wurden auch vor Norwegen in der Nordsee riesige Öl- und Gasvorkommen entdeckt. Norwegen will diesen neuen Reichtum bergen. Dummerweise liegt das Öl so weit unter der Meeresoberfläche, dass die Förderung extrem schwierig ist, weil es keine Erfahrungen mit Tauchgängen in diesen Tiefen gibt und die Anlagen vor Ort montiert und zusammengeschweist werden müssen. Auch heute, gut vierzig Jahre später, liegen die Rekorde beim Tiefseetauchen bei 332 Meter im Gerätetauchen und, seit 2006, bei 610 Metern beim Tauchen mit einem Panzertauchanzug.
Diese gefährliche Arbeit wird von Tiefseetauchern, wie Petter (Aksel Hennie) und seinem Bruder Knut (André Eriksen) erledigt, denen wir zum ersten Mal bei einem simuliertem Tauchgang bis 500 Meter Tiefe in einer Dekompressionskammer begegnen. Dabei soll getestet werden, ob und wie Menschen in dieser Tiefe überleben können und wie sich ihre Wahrnehmung verändert. Schon bei diesen simulierten Tauchgängen arbeitet die norwegische Regierung, die das Nordseeöl fördern will, mit der US-amerikanischen Firma Deep Sea Diving zusammen, die den Tauchern eine spezielle Sauerstoffmischung gab, die sie wie den Heiligen Gral hütete.
Als Petter und Knut drei Monate später den ersten Tauchgang des Projekts auf offener See unternehmen, geschieht in 320 Meter Tiefe ein Unfall, bei dem Knut stirbt. Ferris (Stephen Lang), der Leiter des US-Unternehmens, und seine norwegischen Kollegen versuchen Petter, der sich für den Tod seines Bruders verantwortlich fühlt, zu beruhigen. Unfälle passieren halt. Niemand ist dafür verantwortlich.
Aber Petter stellt Fragen. Denn er glaubt, dass es kein bedauerlicher Unfall war, sondern dass Knuts Tod vermeidbar gewesen wäre.
„Pioneer“ steht gelungen in der Tradition des US-Polit-Thrillers der siebziger Jahre. Erik Skjoldbjærg nennt als Inspiration „Der Dialog“, „Chinatown“ und „Die Unbestechlichen“. Er hätte auch noch „Zeuge einer Verschwörung“ und „Die heiße Spur“ nennen können und wie viele dieser Filme zieht er einen beträchtlichen Teil seiner Spannung aus dem Nichtwissen um die Hintergründe und der Paranoia des Protagonisten. Bis zum Schluss läßt uns Skjoldbjærg nämlich im Ungewissen darüber, ob Petter wirklich einer großen Verschwörung auf der Spur ist oder ob er einfach nur von Schuldgefühlen geplagt ist und diese auf Ferris und die anderen US-Amerikaner lenkt. Es ist auch unklar, wie sehr seiner Wahrnehmung vertraut werden kann. Also ob er nicht nur paranoid ist, sondern Halluzinationen hat.
Und wenn am Filmende das ganze Ausmaß der Verschwörung deutlich wird, wirft Erik Skjoldbjærg elegant die vorherigen Gewissheiten über Bord.
Heute verdankt Norwegen seinen Reichtum dem Nordseeöl. 2013 stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass es mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen bei Tauchgängen gab, die zum Tod von Tauchern führten.

Pioneer - Plakat

Pioneer (Pioneer, Norwegen/Deutschland/Schweden/Frankreich/Finnland 2013)
Regie: Erik Skjoldbjærg
Drehbuch: Hans Gunnarson, Kathrina Valen Zeiner, Cathinka Nicolaysen, Nikolaj Frobenius, Erik Skjoldbjærg
mit Aksel Hennie, Wes Bentley, Stephen Lang, Stephanie Sigman, Jorgen Langhelle, Ane Dahl Torp, Jonathan LaPaglia
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Pioneer“
Moviepilot über „Pioneer“
Metacritic über „Pioneer“
Rotten Tomatoes über „Pioneer“
Wikipedia über „Pioneer“


Neu im Kino/Filmkritik: Auf „Pride“ kann jeder Stolz sein

Oktober 31, 2014

Großbritannien, 1984: Premierministerin Margaret Thatcher regiert mit harter Hand das Land. Die streikenden Berg- und Minenarbeiter, die gegen zahlreiche Zechenstilllegungen und Entlassungen von über 20.000 Arbeitern protestierten, werden von der Polizei zusammengeknüppelt und die konservativen Medien schlagen verbal auf die Arbeiter ein.
In London bemerkt der junge Aktivist Mark Ashton Parallelen zwischen der Situation der auf dem Land lebenden Arbeiter und seinem Leben als Homosexueller. Auch er kennt, wie alle Schwulen, die Anfeindungen der Konservativen und die Schläge der Polizei. Also entschließt er sich, ihnen zu helfen und er versucht, zunächst erfolglos, seine schwulen Freunde zu überzeugen, Geld für die Arbeiter zu sammeln. Mit einigen Freunden gründet er die LGSM (Lesbians and Gays Support the Miners). Sie sammeln, wenn sie nicht zusammengeschlagen werden, Geld, das die Gewerkschaft nicht annehmen will. Denn ihre Situation ist nicht und wird niemals schlecht genug sein, um sich von den Perversen aus der Großstadt helfen zu lassen.
Per Zufallsprinzip wählen Mark und seine Freunde, die das gesammelte Geld unbedingt spenden wollen, den kleinen Walisischen Ort Onllwyn aus, der irgendwo im Nirgendwo ist. Die dort lebenden Menschen können jeden Cent gut gebrauchen. Denn sie haben, wie die anderen Streikenden, kein Einkommen, erhalten keine Unterstützung von der Regierung, Strom und Gas wurden abgestellt und die Kinder von der Schulspeisung ausgeschlossen. Der Gemeindevorstand Dai, der den Namen am Telefon nicht richtig versteht, fährt nach London, um das Geld abzuholen. Es ist immerhin die größte Einzelspende, die sie bislang erhielten.
In London kann Dai seinen ersten Schock nur mühsam verbergen. Aber er ist dankbar für das Geld, durchaus offen und er hält es für selbstverständlich, die LGSM nach Onllwyn einzuladen, was für Probleme, neue Einsichten und, auf lange Sicht, zu überraschenden Bündnissen führt.
Denn bis dahin lebten die Arbeiter und die Schwulen in verschiedenen Welten, die nichts miteinander zu tun hatten, außer ihrer tiefen Abneigung gegen die rückständigen Arbeiter (aus Schwulensicht) und die perversen Schwulen, die man ungestraft beleidigen und schlagen durfte (aus Arbeitersicht).
Das unglaublichste an der Geschichte von „Pride“, die sich wie die Geschichte eines auf die Tränendrüse drückenden Feelgood-Movies liest, ist, dass er auf Tatsachen basiert und den historischen Ereignissen auch, abgesehen von kleinen Änderungen, genau folgt.
Die LGSM, die letztendlich elf Abteilungen in Großbritannien hatte, war eine der zahlreichen Unterstützergruppen für die Streikenden, die es damals gab. Sie warb am lautesten für die Solidarität mit den Streikenden und die Londoner Gruppe, die auch das erfolgreiche Benefiz-Konzert „Pits and Perverts“ mit Bronski Beat und anderen Band organisierte, sammelte für die Streikenden mehr Geld als jede andere Gruppierung. Über 20.000 Pfund sammelte sie, was damals ungefähr 80.000 Deutsche Mark waren. Den heutigen Euro-Wert könnt ihr selbst ausrechnen.
Drehbuchautor Stephen Beresford und Regisseur Matthew Warchus, beides vor allem Theatermänner, entfalten in ihrem Film ein großes Ensemble unterschiedlicher Charaktere, von denen jeder, auch dank der guten Schauspieler, schnell zu einem dreidimensionalem Charakter mit nachvollziehbaren Wünschen und Problemen wird. Sie erzählen, kurzweilig und pointiert, immer witzig, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck und ohne Beschönigungen, viele kleine Episoden aus dem Kampf der Arbeiter und der LGSM, welche gegenseitigen Vorurteile sie überwinden mussten und wie sie zu Verbündeten und Freunden wurden. Dabei zerfasert „Pride“ nie und bricht auch nicht unter der Last seiner vielen Charaktere und Plots zusammen. Denn in jeder Sekunde geht es um das titelgebende Thema „Stolz“ beziehungsweise Selbstbewusstsein geht. Jede Handlung hat damit zu tun. Jeder Charakter muss für sich und in seinem Verhältnis zu den anderen klären, was für ein Mensch er sein will und wie stolz er auf sich und seine Fähigkeiten ist.
„Pride“ ist einer der schönsten Filme des Jahres. Erzählt in einem rauhen, unsentimentalem, aber auch humorvollem Tonfall, der das Herz wärmt und zeigt, wie Veränderungen geschehen können. So ist das Schlussbild, wenn die Bergarbeiter im gespendeten LGSM-Bus nach London kommen und bei dem Gay-Pride-Marsch mitdemonstrieren ein schönes Schlussbild. Der Schlusstext erwähnt dann noch weitere Veränderungen, die durch die LGSM angestoßen wurden.

Pride - Plakat 4

Pride (Pride, Großbritannien 2014)
Regie: Matthew Warchus
Drehbuch: Stephen Beresford
mit Ben Schnetzer, George Mackay, Dominic West, Andrew Scott, Bill Nighy, Imelda Staunton, Paddy Considine, Jessica Gunning, Paye Marsay
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Pride“
Moviepilot über „Pride“
Metacritic über „Pride“
Rotten Tomatoes über „Pride“
Wikipedia über „Pride“ (deutsch, englisch)
The Guardian über „Pride“ und die historischen Hintergründe (18. September 2014) (es wird ein „A -“ für die historische Genauigkeit vergeben)
The Guardian über „Pride“: Ausführliche Reportage und Interviews über die historischen Hintergründe des Films (31. August 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: „Zwei Tage, eine Nacht“, eine Frage, ein Ziel

Oktober 31, 2014

Es ist eine unschöne Entscheidung, die der Chef an seine Angestellten weiterleitete und, beeinflusst durch den sanften Druck des Vorarbeiters, entschieden die Angestellten einer kleinen Firma sich dafür, dass ihre Kollegin Sandra entlassen wird und sie eine Bonuszahlung erhalten. Sandra war die letzten Monate sowieso nicht da, weil sie eine Depression auskurierte.
Aber beeinflusst durch eine Arbeitskollegin und ihren Mann entschließt Sandra sich, nachdem der Chef am Freitag, nach Feierabend, sich einverstanden erklärt, am Montag noch einmal abstimmen zu lassen, an dem Wochenende um ihren Job zu kämpfen. Sie hat die titelgebenden „Zwei Tage, eine Nacht“, in der sie ihre Arbeitskollegen, die sie bislang fast alle nur von der Arbeit kannte, zu Hause besucht, Einblicke in deren Leben erhält und immer wieder sieht, wie dringend viele den Bonus brauchen. Aber sie braucht die Arbeit für sich und ihre Familie.
„Zwei Tage, eine Nacht“ von Jean-Pierre und Luc Dardenne („Der Junge mit dem Fahrrad“, „Das Kind“) ist eine konsequent zugespitzte Versuchsanordnung, die glasklar eine Frage formuliert: Sandra oder Bonus?
Denn welcher Chef lässt nicht gerne seine Angestellten mitbestimmen, wenn er sich so um eine unbequeme Entscheidung drücken oder sich eines Problemes elegant entledigen kann? Dass in dem Moment die Angestellten mit einer Frage konfrontiert werden, die sie eigentlich nicht entscheiden sollten, die nach ihrer Menschlichkeit fragt und die Solidarität der Arbeiter untereinander auf die Probe stellt, ist dem Chef egal oder vielleicht sogar gewünscht. Denn solange die Arbeiter miteinander beschäftigt sind, solidarisieren sie sich nicht.
Und so ist „Zwei Tage, eine Nacht“ mit einer grandiosen Marion Cotillard als zerbrechliche Sandra eine präzise Bestandsaufnahme des Kapitalismus und wie er funktioniert. Der Film stellt Fragen, verurteilt nicht und regt zum Nachdenken an. Es ist auch ein spannendes Drama, weil Sandra die Mehrheit ihrer Kollegen überzeugen muss. Was ihr manchmal gelingt, manchmal nicht; während wir Einblicke in das Leben der Arbeiter und ihrer Nöte erhalten, die niemals gekünstelt wirken. Sowieso ist „Zwei Tage, eine Nacht“ wahrhaftiger als es eine Dokumentation jemals sein könnte.

Zwei Tage Eine Nacht - Plakat 4

Zwei Tage, eine Nacht (Deux Jours, Une Nuit, Belgien/Frankreich/Italien 2014)
Regie: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
Drehbuch: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
mit Marion Cotillard, Fabrizio Rongione, Pili Groyne, Simon Caudry, Catherine Salée, Baptiste Sornin, Alain Eloy
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Zwei Tage, eine Nacht“
Moviepilot über „Zwei Tage, eine Nacht“
Metacritic über „Zwei Tage, eine Nacht“
Rotten Tomatoes über „Zwei Tage, eine Nacht“
Wikipedia über „Zwei Tage, eine Nacht“ (englisch, französisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Wim Wenders‘ Sebastião-Salgado-Dokumentation „Das Salz der Erde“

Oktober 31, 2014

Wenn Wim Wenders einen Dokumentarfilm dreht, will er nicht über Mißstände aufklären (das macht Michael Moore) oder in neue Welten vorstoßen (das macht Werner Herzog), sondern er will von Künstlern und Dingen, die ihm etwas bedeuten, erzählen. Eigentlich sind seine Dokumentation eine Entschuldigung, um Künstlern Nahe zu sein, die er bewundert. So erzählt er in „Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten“ von dem japanischen Modemacher Yohji Yamamoto. „Buena Vista Social Club“ und „Viel passiert – Der BAP-Film“ waren Musikfilme. „Pina – Ein Tanzfilm in 3D“ eine Liebeserklärung an Pina Bausch und ihr Tanztheater. Oft waren diese persönlichen Filmessays an der Kinokasse sogar sehr erfolgreich.
In „Das Salz der Erde“ porträtiert er den Fotografen Sebastião Salgado, dessen Bilder ihn beeindruckten: „Ich kenne Sebastião Salgados Arbeit seit fast 25 Jahren. Ich habe damals zwei Fotoarbeiten von ihm erworben, die mich wirklich tief berührten. Ich habe sie rahmen lassen und seitdem hängen sie über meinem Schreibtisch. Inspiriert von diesen Fotografien, habe ich dann auch die Ausstellung ‚Workers‘ gesehen, die mich ebenfalls sehr beeindruckte. Seitdem habe ich die größte Hochachtung vor Sebastiãos Arbeit.“
Diese aufrichtige Bewunderung für ein Werk und seine Zuneigung zu dem Porträtierten sind für eine kritische Dokumentation natürlich Gift. Wenders ist ein Fanboy und „Das Salz der Erde“ erzählt von seinem Fantum, gewohnt respektvoll und, hauptsächlich, in atemberaubenden Schwarz-Weiß-Bildern, weil Sebastião Salgado ebenfalls in Schwarz-Weiß fotografiert und immer einen sehr kunstvollen Bildaufbau hat.
Wenders inszenierte den Dokumentarfilm zusammen mit Salgados Sohn Juliano Ribeiro, weil Vater und Sohn Salgado für ihr schon länger geplantes Projekt über den fotografierenden Vater einen Blick von Außen haben wollten. Mit Wim Wenders haben sie den richtigen Partner gefunden.
So beeindruckend die Bilder des Films auch sind, so herkömmlich ist die gewählte Struktur, die einfach Salgados Leben chronologisch nacherzählt und auf genauere Nachfragen oder einen kritischeren Blick verzichtet. Denn bei seinen monatelangen Reisen zu den Krisenherden der Welt und in abgelegene Gebiete war Sebastião Salgado für seinen 1974 geborenen Sohn und seine Frau Lélia Wanick, mit der er seit über fünfzig Jahren verheiratet ist und die anscheinend die Geschäfte führt, nicht erreichbar. Aber das wäre ein anderer Film geworden. Ein Film, an dem Wim Wenders, wie in seinen anderen Dokumentationen, kein Interesse hatte. Er wollte die Arbeit von Salgado einem breiten Publikum vorstellen. Dafür erzählt er chronologisch dessen Leben von seiner Kindheit in Brasilien, seiner kurzen Karriere als Ökonom in London, seinen Anfängen als Fotograf ab 1973 und schließlich seine großen, oft in jahrelanger Arbeit erstellten Projekte, die auch zu gefeierten Bildbänden wurden, wie „Other Americans“, „Sahel“, „Workers“, „Exodus“ und „Afrika“ bis hin zu seinem neueste Projekt „Genesis“, das er 2004 begann und in dem er, nachdem er vorher das Elend der Welt in seinen Bildern zeigte, sich der Natur und Gemeinschaften, die im Einklang mit ihren Traditionen leben, widmet. Auch dafür reist er, öfters begleitet von seinem Sohn Juliano Ribeiro Salgado, an entlegene Orte. Gleichzeitig widmet er sich einem Wiederaufforstungsprojekt auf der Familienranch der Salgados in Aimorés. In diesen Momenten stellt sich auch eine gewisse Langeweile ein: noch ein Projekt, noch eine Ausstellung, die buchhalterisch hintereinander von Wenders und Salgado abgehakt werden.

Das Salz der Erde - Plakat
Das Salz der Erde (The Salt of the Earth, Frankreich/Deutschland 2013)
Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado
Drehbuch: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado, David Rosier
mit Sebastião Salgado, Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado, Hugo Barbier, Jacques Barthélémy, Lélia Wanick Salgado
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Das Salz der Erde“
Film-Zeit über „Das Salz der Erde“
Moviepilot über „Das Salz der Erde“
Rotten Tomatoes über „Das Salz der Erde“
Wikipedia über „Das Salz der Erde“ (deutsch, englisch) und Sebastião Salgado

Meine Besprechung von Wim Wenders’ “Hammett” (Hammett, USA 1982)

Wim Wenders in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 31. Oktober: Inside Man

Oktober 31, 2014

ZDFneo, 20.15

Inside Man (USA 2006, Regie: Spike Lee)

Drehbuch: Russell Gewirtz

Dalton Russell überfällt eine Wall-Street-Bank. Schnell wird sie von der Polizei umzingelt und Detective Keith Frazier beginnt mit den Verhandlungen. Spätestens als Madaline White als Unterhändlerin des Bankgründers auftaucht und sich in die Verhandlungen einmischt, weiß er, dass er es nicht mit einem normalen Banküberfall zu tun hat.

„‘Inside Man’ ist ein typischer Spike-Lee-Film, insofern er in jeder Sekunde ein bisschen mehr ist al ein reiner Genrefilm. Er macht böse Witze ebenso über den kulturellen Reichtum New Yorks wie über Post-9/11-Paranoia und War-on-Terror-Vorurteile. Er analysiert die Mechanik der Macht, verbindet sie mit gesellschaftlicher Hierarchie und bricht sie an der Politik der Hautfarben.“ (Alexandra Seitz: Inside Man, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

Ein feiner Thriller

mit Denzel Washington, Clive Owen, Jodie Foster, Willem Dafoe, Chiwetel Ejiofor, Christopher Plummer

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Inside Man“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Inside Man“

Rotten Tomatoes über „Inside Man“

Drehbuch “Inside Man” von Russel Gewirtz (Fassung vom 17. Januar 2005)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/Italien 2008)

Meine Besprechung von Spike Lees „Oldboy“ (Oldboy, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: „5 Zimmer Küche Sarg“ oder das tödliche Leben in einer Vampir-WG

Oktober 30, 2014

Natürlich könnte man „5 Zimmer Küche Sarg“ schauspielerische und technische Unzulänglichkeiten vorwerfen.
Ebenso natürlich könnten die Macher erwidern, dass das zum Konzept ihrer Pseudo-Dokumentation über Vampire gehört. Sie schildern das Leben einer Fünfer-Wohngemeinschaft von Vampiren in Wellington (Neuseeland), beginnend mit dem Aufstehen (zum Sonnenuntergang) und der WG-Sitzung, die auch bei Vampiren genauso ätzend wie bei Menschen ist. Denn das schmutzige Geschirr stapelt sich seit Ewigkeiten und es gibt Probleme beim Putzen. Danach erfahren wir mehr über die Bewohner der WG, die sich in die Kamera sprechend, leicht unbeholfen, vorstellen und von sich, ihrer Herkunft und ihren Hobbys erzählen. Wir begleiten sie bei ihren Ausflügen in die Stadt, beim Abendessen mit Menschen (deren Überlebensaussichten denkbar gering sind) und dem großen Ereignis der Vampir-Community, dem alljährlichen Maskenball. Wir erfahren auch, dass die Vampire Ärger mit den Werwölfen haben.
Die Regisseure Jemaine Clement und Taika Waititi inszenieren diesen Einblick in das Vampir-WG-Leben wie eine dieser menschelnden, aber auch gähnend langweiligen Privat-TV-Dokumentationen. Aufgrund des Sujets ist „5 Zimmer Küche Sarg“ dann doch ziemlich witzig geraten. Einfach weil vieles genau beobachtet und vollkommen absurd ist.
Dabei wird die satirische Qualität von „Mann beißt Hund“ nie erreicht. In der medien- und gesellschaftkritischen Pseudo-Dokumentation begleitet ein dreiköpfiges Reporterteam einen Auftragskiller und hilft ihm auch bei der Arbeit. Die Reporter in „5 Zimmer Küche Sarg“ greifen dagegen niemals in das Geschehen ein.
Für Horror- und Vampirfilmfans ist „5 Zimmer Küche Sarg“ (nicht „5 Zimmer, Küche, Sarg“) ein kurzweiliges Halloween-Vergnügen, das allerdings nie über einen eher groben Spaß für die Horrorfilmfangemeinde hinausgeht.

5 Zimmer Küche Sarg - Plakat

5 Zimmer Küche Sarg (What we do in the Shadows, Neuseeland 2014)
Regie: Taika Waititi, Jemaine Clement
Drehbuch: Taika Waititi, Jemaine Clement, Emanuel Michael
mit Taika Waititi, Jemaine Clement, Jonathan Brugh, Ben Fransham, Cori Gonzales-Macuer, Stu Rutherford, Jackie van Beek, Rhys Darby
Länge: 82 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „5 Zimmer Küche Sarg“
Moviepilot über „5 Zimmer Küche Sarg“
Rotten Tomatoes über „5 Zimmer Küche Sarg“
Wikipedia über „5 Zimmer Küche Sarg“


TV-Tipp für den 30. Oktober: Erbarmungslos

Oktober 30, 2014

Als Vorbereitung für „The Unforgiven“ (mit Ken Watanabe; Kinostart 4. Dezember 2014) sehen wir uns heute noch einmal „Erbarmungslos“ an, weil schon ein Blick auf den Trailer zeigt, wohin die Reise bei diesem Remake geht.

Also: zuerst „The Unforgiven“ (so der derzeitige deutsche Titel für „Yurusarezaru Mono“)

Und jetzt „Erbarmungslos“

Kabel 1, 20.15

Erbarmungslos (USA 1992, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: David Webb Peoples

Wyoming, 1880: Als der ehemalige Revolverheld William Munny erfährt, dass die Huren von Big Whiskey ein Kopfgeld von 1000 Dollar auf zwei Cowboys aussetzten, die eine von ihnen verstümmelte, schnallt er wieder seinen Colt um. Denn er braucht das Geld für sich und seine beiden Kinder; – auch wenn er es mit zwei Gefährten teilen muss.

„‘Erbarmungslos’ ist offensichtlich ein feinfühlig gemachter und ausbalancierter Film, und, wenn man seine Einsichten in die menschliche Natur bedenkt, so düster, wie ein Genrefilm überhaupt nur sein kann. Aber er präsentiert sich nicht finster, was er teilweise seinen Autoren verdankt. (…) Abgesehen von ‘revisionistisch’ , war das von den Kritikern am häufigsten verwendete Wort ‘Meisterstück’.“ (Richard Schickel: Clint Eastwood – Eine Biographie)

„ein vorzüglicher Spätwestern, der wie seit Peckinpahs ‘The Wild Bunch’ nicht mehr verstört.“ (Fischer Film Almanach 1993)

„Erbarmungslos“ erhielt vier Oscars, unter anderem als bester Film. Clint Eastwood erhielt für seine Regie und sein Spiel zahlreiche Preise und Nominierungen.

Das Drehbuch war für den Edgar, Oscar, Golden Globe und WGA Award nominiert und erhielt von den Western Writers of America den Spur Award als bestes Western-Drehbuch.

Außerdem erhielt „Erbarmungslos“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards.

Bei Rotten Tomatoes liegt der Frischegrad für diesen Western bei 96 Prozent.

Auf einer 2008 veröffentlichten Liste der zehn besten Western setzte das American Film Institute „Erbarmunglos“ auf den vierten Platz.

mit Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman, Richard Harris, Jaimz Woolvett, Saul Rubinek, Francis Fisher, Jeremy Ratchford

Wiederholung: Freitag, 31. Oktober, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Erbarmungslos“

Wikipedia über „Erbarmungslos“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Unforgiven“ von David Webb Peoples (Production Draft Sript, 23. April 1984)

epd Film: Rudolf Worschech über Clint Eastwood (2010)

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ (Hereafter, USA 2010)

Meine Besprechung von Clint Eastwoods „Jersey Boys“ (Jersey Boys, USA 2014)

Clint Eastwood in der Kriminalakte

 


Der Göhre, der „Rocker“, der „Supermarkt“ – eine Lesung in Hamburg am Samstag

Oktober 29, 2014

Eine richtige Lesung, in der der Autor seinen Text herunternuschelt und schüchtern die Fragen des wohlgesonnenen und gesitteten Publikums beantwortet, wird es am Samstag, den 1. November, im Alabama Kino (Jarrestraße 30, 22303 Hamburg) ab 21.00 Uhr nicht geben. Frank Göhre wird zwar seinen neuen Text „Die Härte, der Reichtum und die Weite“ (Culturbooks) vorstellen, aber zwei gut abgehangene, immer noch und immer wieder sehenswerte Filme werden die meiste Zeit beanspruchen. Denn zwischen den Leseteilen gibt es, endlich mal wieder im Kino, „Supermarkt“ (1973) von Roland Klick und „Rocker“ (1972, ursprünglich ein TV-Film) von Klaus Lemke.
Beide Filme spielen in Hamburg in den frühen Siebzigern und Zeigen die Schattenseiten der Großstadt. In „Supermarkt“ will ein kleinkrimineller Achtzehnjähriger einem Mädchen helfen, indem er einen Geldtransporter überfällt. In „Rocker“ rutscht ein Fünfzehnjähriger, nachdem sein älterer Bruder ermordet wird, in die Welt der Rocker und Zuhälter ab.
Frank Göhre, der mit seinen Romanen in den vergangenen Jahrzehnten eine Gegenchronik zu Hamburgs offizieller Stadtgeschichte schrieb, befasste sich in mehreren Essays auch mit anderen Autoren und Filmen, die ebenfalls die verbrecherische Seite Hamburgs zeigen.
In seiner Ankündigung schreibt CulturBooks:
Zu mehreren Hamburg-Filmen hat der Krimi- und Drehbuchautor Frank Göhre zwei eBooks veröffentlicht: „Du fährst nach Hamburg, ich schwör´s dir“ (CulturBooks, Mai 2014) und „Die Härte, der Reichtum und die Weite“ (CulturBooks, November 2014). Er erinnert an Filme, deren großes Thema die Stadt ist, oder besser, das Porträt eines Stadtviertels: Hamburg St. Pauli im Wandel der Zeit. Hier haben so unterschiedliche Regisseure wie Francesco Rosi, Jürgen Roland, Klaus Lemke, Roland Klick und Vadim Glowna ihre Geschichten von Gastarbeitern, Gangstern und anderen Ausgegrenzten erzählt.
Zugleich aber lässt sich in ihnen die Entwicklung der Organisierten Kriminalität verfolgen. Von der „rechten Hand“ des berühmt-berüchtigten Mafiosi Lucky Luciano bis hin zur Etablierung der „Hell´s Angels“ und dem Auftraggeber des St. Pauli Killers Werner Pinzner spannt sich der Bogen dieser „Heimatfilme“.
Frank Göhres Texte eröffnen eine neue Sicht auf sie. Es ist der stadtgeschichtlich erhellende Film aus Worten hinter den Kinofilmen, ein Stück Kultur- und Sittengeschichte der Freien und Hansestadt Hamburg.
Göhre - Du fährst nach Hamburg ich schwör s dir - Ein HeimatfilmGöhre - Die Härte der Reichtum und die Weite - Ein Heimatfilm
Frank Göhre: Du fährst nach Hamburg, ich schwör’s dir
CulturBooks, 2014
65 Seiten
4,99 Euro

Frank Göhre: Die Härte, der Reichtum und die Weite
CulturBooks, 2014
45 Seiten
3,99 Euro

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der Auserwählte“ (2010)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Die Kiez-Trilogie” (2011)

Meine Besprechung von Frank Göhres „I and I – Stories und Reportagen“ (2012)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Geile Meile” (2013)

Frank Göhre in der Kriminalakte