Der Staat schweigt (Frankreich 2012, R.: Frédéric Berthe)
Drehbuch: Raphaëlle Bacqué, Nicolas Kieffer
Im Élysée-Palast erschießt sich der Gesundheitsminister. Der Präsident engagiert eine Beraterin, die den Skandal begrenzen soll. Schnell ist sie mit widersprüchlichen Gerüchten über das Motiv des Suizids konfrontiert und ein Journalist vermutet sogar, dass der Minister ermordet wurde.
Alois Nebel ist der ältere, allein lebende Fahrdienstleiter an dem kleinen Bahnhof Bílý Potok im Nirgendwo der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, der seine Arbeit liebt, alte Fahrpläne sammelt und unbeeindruckt von den weltpolitischen Umbrüchen des Jahres 1989 ist. Wenn es neblig wird, erinnert er sich an die Vergangenheit: vor allem die Deportationen der Juden, die anschließende Vertreibung der Deutschen, die er als Kind miterlebte, und die sowjetische Besatzung. Während seine Alpträume immer schlimmer werden, er auch in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird, blüht der grenznahe Schmuggel von Waren und Menschen – und ein geheimnisvoller Mann, nur „Der Stumme“ genannt, taucht auf. Er will sich für die Nachkriegsgräuel rächen.
„Alois Nebel“ ist die mit einigen Preisen, wie dem Europäischen Filmpreis als bester Animationsfilm, ausgezeichnete Verfilmung mehrerer Comics von Autor Jaroslav Rudis und Zeichner Jaromir 99, in der in einem großen Bogen anhand einiger Charaktere die Geschichte des Sudetenlandes, von weltpolitischen Veränderungen, die sich im alltäglichen Leben spiegeln und von Schuld und Sühne erzählt wird. Aber was im Comic funktioniert, führt im Film schnell zu einem Übermaß an Exposition und einem erzählerischem Stillstand. So ziehen sich die knapp neunzig Minuten des Trickfilms schnell wie Kaugummi; auch weil die Geschichte, die eher eine essayistische Collage von mehreren miteinander verknüpften Episoden mit schweigsam-introvertierten Charakteren ist, sehr reizarm erzählt wird. So spiegelt sich, wenn gegen Ende die Handlung actionlastiger wird und auch ein blutiger Mord geschieht, die Bilder nicht im Ton wieder. Davor gibt es lange Aufnahmen, von vor sich hin brütenden Menschen.
Tomás Lunák drehte den Film im Rotoskopie-Verfahren, in dem Realbilder auf eine Mattglasscheibe projiziert und abgezeichnet werden. So schwanken die faszinierenden Schwarz-Weiß-Bilder auch immer wieder zwischen einer sehr realistischen und einer abstrakten Wiedergabe der Ereignisse. In Richard Linklaters Philip-K.-Dick-Verfilmung „A Scanner Darkly – Der dunkle Schirm“ führte das Rotoskopie-Verfahren zu einem überzeugenden Ergebnis. In Christian Volckmans Science-Fiction-Noir „Renaissance“, der ebenfalls mit extrem stilisierten Schwarz-Weiß-Bildern (hier sogar unter dem Verzicht auf jegliche Grautöne) arbeitete, war das Ergebnis ein stilistisch beeindruckender, erzählerisch unbeeindruckendes Werk.
Auch „Alois Nebel“ beeindruckt nur als Stilübung, bei der die einzelnen Filmbilder und der Trailer interessanter als der Film sind.
Die Tolkien-, „Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“-Fans haben sicher schon ihre Kinokarte für „Der Hobbit – Smaugs Einöde“ gelöst und nichts, was ich sage, wird sie von einem Besuch abhalten.
Die überzeugten Verächter von J. R. R. Tolkien, „Herr der Ringe“, „Der Hobbit“ und allem, wo „Fantasy“ draufsteht, werden sich auch den Mittelteil von Peter Jacksons dreiteiliger „Der Hobbit“-Verfilmung nicht ansehen.
Aber wie sieht es für die Anderen aus?
Nun, „Smaugs Einöde“ erzählt die Geschichte des ersten „Der Hobbit“-Films „Eine unerwartete Reise“ weiter und in einem Jahr gibt es mit „Hin und zurück“ den wieder gut dreistündigen Abschluss von Peter Jacksons episch langer Verfilmung eines ziemlich dünnen Buches. Eigentlich hat man das Kinderbuch schneller gelesen als gesehen.
Jedenfalls sind jetzt Bilbo Beutlin, Thorin Eichenschild, ihre zwölf Zwergenfreunde und der Zauberer Gandalf auf dem Weg. Sie wollen das Zwergenreich Erebor befreien. In „Smaugs Einöde“ müssen sie durch den Düsterwald, kämpfen gegen riesige Spinnen, werden von den Waldelben gefangen genommen, können dank Bilbo und des ihn unsichtbar machenden Rings flüchten, indem sie sich in Weinfässern durch einen reißenden Fluss treiben lassen, werden vom Fährmann Bard über den See nach Seestadt gefahren und gehen in den Einsamen Berg, um dort den Arkenstein zu holen. Dabei müssen sie gegen den titelgebenden Drachen Smaug, der in dem Berg in einer riesigen, gut gefüllten Schatzkammer lebt, kämpfen.
Das ist so ungefähr die den Tolkien-Fans bekannte Geschichte des gut dreistündigen Films, der im wesentlichen eine Abfolge von Action-Setpieces ist, die einerseits atemberaubend anzusehen sind, andererseits aber auch mit der Zeit langweilen. Denn sie dehnen sich endlos. Es gibt zuerst eine, dann zwei, dann eine gefühlte Hundertschaft riesiger Spinnen, die von den kampferprobten Elben Tauriel und Legolas getötet werden. Es gibt dann noch eine und noch eine und noch eine weitere Flussmündung. Es tauchen Hundertschaften von Orks auf, die Bilbo und seine Freunde umbringen wollen und von den kampferprobten Elben Tauriel und Legolas getötet werden. Gern auch mal enthauptet, aber immer unblutig. Und im Einsamen Berg dauert der Kampf zwischen Smaug und Bilbo verdammt lang. Dann kommen die anderen Zwerge hinzu und es dauert noch länger und der halbe Berg wird zerstört, ehe der Film mit einem Cliffhanger endet, der ganz klar auf ein Publikum zielt, das den ersten Teil kennt und den dritten Teil sehen will.
Denn als Einzelwerk ist „Smaugs Einöde“ nur ein Showcase für die Tricktechniker und für die Qualität von 3D, auch wenn der 3D-Effekt in den ersten Minuten, wenn Gandalf und Thorin Eichenschild sich in einer Gaststätte unterhalten, eher an einen Scherenschnitt erinnern. Aber später entfalten die Bilder auf der großen Leinwand ihre ganze Pracht und, auch wenn sie immer an bekannte Bildwelten anknüpfen, überwältigen sie.
Auch der im ersten Teil kritisierte Eindruck, dass der mit 48 Einzelbildern pro Sekunde aufgenommene Film immer wieder wie eine billige Nachmittags-TV-Sendung wirke, ist nicht vorhanden. Die echten und die am Computer entstandenen Sets wirken atemberaubend realistisch.
Die Schauspieler sind gut. Dafür sind die Dialoge eher lausig. Halt der übliche Schwurbel, den man aus Mittelalter- und Fantasy-Filmen kennt.
Und damit kommen wir zur Eingangsfrage zurück: Lohnt sich „Smaugs Einöde“ für Menschen, die einfach nur einen guten Film sehen wollen?
Nein, denn unter dem Actionfeuerwerk geht jede Charakterentwicklung zugrunde. Wir erfahren in den Actionszenen auch eigentlich nichts über die Charaktere (denn: Action ist Handlung! Handlungen enthüllen den Charakter!), ihre Motivation und was das Ziel der Reise ist. Hier gibt es nur bunt zusammengewürfelte Reiseerlebnisse.
Auch das große Finale im dritten „Der Hobbit“-Film wird nicht vorbereitet. So bleibt unklar, warum die Orks Bilbo und seine Gefährten so hartnäckig verfolgen; warum die beiden Elben sich als unbeteiligte Gruppe so sehr in den Kampf zwischen den Zwergen und den Orks einmischen; welche Rolle Bard im dritten „Der Hobbit“-Film haben könnte. Über ihn erfahren wir nur, dass er ein Seemann und Vater ist und Ärger mit dem Bürgermeister hat. Wir wissen auch nicht wo Gandalf, der Bilbo und seine Schar am Filmanfang für eine andere, wichtige Aufgabe verließ, gefangen gehalten wird und ob und wie seine Gefangenschaft die Ereignisse im dritten Teil beeinflussen könnte.
Das sind natürlich alles Fragen, auf die die „Hobbit“-Fans die Antwort kennen, aber in einem Film sollte die Vorlage filmgerecht aufbereitet werden und natürlich sollten auch Späteinsteiger die nötigen Informationen im Film erhalten (was leidlich funktioniert) und es sollten im zweiten Akt alle nötigen Informationen für den Höhepunkt gegeben werden. Denn die Aufgabe von „Smaugs Einöde“ ist nur, „Hin und zurück“ vorzubereiten.
„Der Hobbit – Smaugs Einöde“ ist ein Film für die zahlreichen „Der Hobbit“-/“Herr der Ringe“-Fans, die den ersten Film gesehen haben und den dritten Film sehen werden.
Der Hobbit – Smaugs Einöde (The Hobbit: The Desolation of Smaug, USA 2013)
Regie: Peter Jackson
Drehbuch: Fran Walsh, Philippa Boyens, Peter Jackson, Guillermo del Toro
LV: J. R. R. Tolkien: The Hobbit, 1937 (Kleiner Hobbit und der große Zauberer, Der kleine Hobbit, Der Hobbit oder Hin und zurück)
mit Martin Freeman, Ian McKellen, Richard Armitage, Benedict Cumberbatch, Evangeline Lilly, Lee Pace, Luke Evans, Ken Stott, James Nesbitt, Orlando Bloom, Stephen Fry, Mikael Perbrandt
Vor fast dreißig Jahren, als „Straßen in Flammen“, der neue Film von Walter Hill nach seinem Hit „Nur 48 Stunden“, in den Kinos anlief, war er kein großer Hit. Inzwischen ist „Straßen in Flammen“ ein in Japan schon immer geliebter Kultfilm, der bislang auf DVD praktisch ohne Bonusmaterial (naja, immerhin gab es den Trailer) und im falschen Bildformat (Vollbild statt 1,85:1) erhältlich war. Jetzt erschien Hills Film erstmals auf Blu-ray, es gibt gut zwei Stunden informatives und kurzweiliges Bonusmaterial und einen guten Grund, sich den Film wieder anzusehen.
Der Film
Die Story ist ein luftiges Nichts: Gang-Boss Raven Shaddock entführt während eines Konzertes die Sängerin Ellen Aim. Ihr Ex Tom Cody kommt zurück, rettet sie aus dem Club des Bösen, bringt sie zurück und trifft sich mit Raven zum abschließenden Kampf.
Aber die Story ist Walter Hill auch ziemlich egal. Ihm geht es in seiner Rockfantasie „Straßen in Flammen“ um die amerikanische Populärkultur: Neon, Rockmusik, Fünfziger-Jahre-Filme, Western, Gangsterfilme, Actionfilme und Comics. Denn „Straßen in Flammen“ spielt in einer zeitlosen Gegenwelt, in der alles nach den Fünfzigern, mit einem Schuss dreißiger und vierziger Jahre, aussieht, die Waffen und die Musik aber aus den Achtzigern sind. Ähnlich zeitlos sind die später entstandenen „Spiderman“-Filme von Sam Raimi oder die von Frank Miller ebenfalls später erfundene Noir-Stadt „Sin City“; – eigentlich könnte „Straßen in Flammen“ auch eine „Sin City“-Geschichte sein. In diesen Straßen einer nicht genannten Großstadt (Wer denkt bei den Brücken und Schluchten nicht an New York in einer seiner zahlreichen Inkarnationen?) wird noch einmal der Kampf zwischen Motorradgangs und Polizei inszeniert. Psychologisiert wird dabei nichts. Alles ist reine Oberfläche. Cody ist dabei natürlich der direkt aus einem Western entsprungene aus der Fremde kommende Heilsbringer. Als Ex-Soldat, der früher in dem Viertel wohnte, verdient er jetzt sein Geld als einsilbiger Söldner. Der Manager der Sängerin denkt nur an seine Investition. Die Frauen sind schmückendes Beiwerk. Der Bösewicht ist vor allem böse. Die Rocksongs wummern ordentlich. Ry Cooder füllt den Rest mit einem geschmackvollen Höllenritt durch die amerikanische Musikgeschichte. Andrew Laszlo fand die passenden, nach einer großen Leinwand schreienden Bilder. Die Szenenübergänge sind wie bei einem Comic gestaltet. Die Schauspieler präsentieren die Dialoge, die direkt aus einem Comic stammen könnten, mit dem nötigen Ernst. Dabei sind die Nebendarsteller glaubwürdiger, als der blasse Cody-Darsteller Michael Paré. Ein besonders Highlight ist Amy Madigan als Codys Kampfgefährtin McCoy. Sie ist – als Frau – der härteste Kerl auf den Straßen dieser Rock-City und sie nimmt, obwohl sie ihre Rolle in den Dialogen eher kumpelhaft anlegt und kaum Action-Szenen hat (immerhin ist sie nur der Sidekick), einige der starken Frauen der vergangenen Jahre vorweg.
Sowieso ist die Besetzung verdammt gut. Neben Michael Paré, der damals am Anfang seiner Filmkarriere stand, und Amy Madigan spielen Willem Dafoe als Bösewicht, Diane Lane als entführte Sängerin, Rick Moranis als ihr Manager und Bill Paxton, die heute in Hollywood immer noch gut beschäftigt sind, mit.
„Straßen in Flammen“ ist ein 80er-Jahre Actionfilm, der bemerkenswert gut gealtert ist. Damals war er als überlanger Videoclip seiner Zeit weit voraus. Heute ist der Genrehybrid auf der Höhe der Zeit, wenn auch, in Zeiten von Wackelkamera und Sekundenschnitten, angenehm altmodisch inszeniert. Damals war Walter Hill einer der heißesten und besten Regisseure von intelligenten Actionfilmen.
Zuletzt kehrte er, nach einer langen Kinopause, in der er hochgelobte TV-Western inszenierte, mit dem Sylvester-Stallone-Actionfilm „Shootout – Keine Gnade“ (Bullet to the Head, USA 2013) in die Kinos zurück mit einem souveränem und sympathisch anachronistischem Alterswerk, in dem Hill noch einmal seine bekannten Themen anspricht und einer neuen Betrachtung unterzieht. Die meisten Kritiker waren enttäuscht und auch das Publikum blieb aus.
Das Bonusmaterial
Wow! Nachdem es auf der DVD nur den Kinotrailer gab, wurde jetzt ordentlich investiert und auch im Archiv gegraben. Es gibt die brandneue, spielfilmlange, sehr informative Dokumentation „Rumble in the Lot“ von Robert Fischer. Er unterhielt sich unter anderem mit Walter Hill, Michael Paré und Amy Madigan. Außerdem gibt es ein zeitgenössisches „Making of“, das mit vielen Aufnahmen von den Dreharbeiten und einem herrlich altmodisch autoritativem Sprechertonfall entzückt, eine animierte zwölfminütige Bildergalerie, den deutschen und den Originaltrailer und die Musikvideos „Tonight is what it means to be young“ und „Nowhere Fast“ von Fire INC. und „I can dram about you“ von Dan Hartman. Das alte Bildmaterial liegt in einer ziemlich lausigen Qualität vor (wahrscheinlich ging es nicht besser, hat dafür aber etwas VHS-historisches), die neue Dokumentation wird zu hell und daher mit einem extrem milchigem Bild präsentiert.
Aber das Bild des Films ist schwer in Ordnung und, verglichen mit der alten DVD, um Lichtjahre besser. Endlich strahlt die Neonwelt des Films mit dem regennassen Asphalt in seiner ganzen Noir-Pracht.
Straßen in Flammen (Streets of Fire, USA 1984)
Regie: Walter Hill
Drehbuch: Walter Hill, Larry Gross
Mit Michael Paré, Diane Lane, Rick Moranis, Amy Madigan, Willem Dafoe, Deborah Van Valkenburgh, Richard Lawson, Rick Rossovich, Bill Paxton
Bonusmaterial: Making of, Rumble in the Lot (Dokumentation von Robert Fischer, 2013), selbstablaufende Bildergalerie, 3 Musikvideos, Deutscher und amerikanischer Kinotrailer, Wendecover
Die US-Kritiker waren mit dem Film so unzufrieden, dass Hauptdarsteller Johnny Depp, Regisseur Gore Verbinski und Produzent Jerry Bruckheimer in einem Interview die schlechten Kritiken und die negativen Meldungen, die es teilweise schon während der sich ewig hinziehenden Vorproduktion und der Dreharbeiten gab, für den finanziellen Misserfolg des Films verantwortlich machten. Das schmeichelte sicher dem Ego der US-Kritiker, aber wenn ich einen Blick auf andere, von der Kritik negativ besprochenen Filme und die Einspielergebnisse werfe, sehe ich keinen so einfachen Zusammenhang. Immerhin wurden Verbinskis zweiter und dritter „Piraten der Karibik“-Film auch nicht überwältigend besprochen und die kommerziell überaus erfolgreichen Blockbuster von Michael Bay werden regelmäßig verrissen.
Es kann daher auch sein, dass niemand den Film sehen will, weil er schlecht ist.
Die erstaunlich lieblose DVD-Veröffentlichung (Es sind nur zwei zusätzliche, weitgehend animierte Szenen und einige Pannen beim Dreh vorhanden. Sogar auf den Trailer wurde verzichtet.) bietet die Möglichkeit, das mit etwas Abstand zu überprüfen. Denn, immerhin meinte Bruckheimer, dass „Lone Ranger“ wie „Der Zauberer von Oz“ „Ist das Leben nicht schön?“, „2001: Odyssee im Weltraum“ und „Blade Runner“ mit der Zeit gewinnen und als Meisterwerk anerkannt werde.
Nun, das glaube ich nicht. Dafür ist „Lone Ranger“ einfach zu schlecht, aber es könnte einer dieser Feiertagsfilme werden, die man sich immer wieder, wenn auch nur bis zur nächsten Werbepause, ansieht, weil die gesamte Filmgeschichte zwar keinen Sinn macht, es aber einige eher müde Witze und, am Ende, eine ziemlich spektakuläre, slaptstickhafte Actionszene gibt, die deutlich von Stummfilmen, wie Buster Keatons „Der General“, inspiriert ist. Nur dass Verbinski die Action auf zwei Züge und mehr oder weniger nebeneinander verlaufenden Gleisen verlegte. Das ist dann so beeindruckend wie sinnfrei.
Davor gibt es eine chaotische Geschichte über einen Eisenbahnbauer, der im Indianergebiet illegal Gold abbauen will und der dafür, illegal und unbemerkt, gleich Gleise ins Indianergebiet verlegte. Seine skrupellosen Handlanger bringen in einem Hinterhalt John Reids Bruder und weitere Gesetzeshüter um. Nur John Reid (Armie Hammer), der sich jetzt „The Lone Ranger“ nennt, überlebt den Hinterhalt und gemeinsam mit dem Indianer Tonto (Johnny Depp) beginnen sie die Bösewichter zu jagen.
Dieses Chaos wird, in einer 1933 in San Francisco spielenden Rahmenhandlung, von Tonto erzählt und jede Unlogik kann natürlich damit erklärt werden, dass Tonto ein chronisch unzuverlässiger Erzähler ist, der sich immer wieder in den Mittelpunkt rückt. Denn in den ursprünglichen „Lone Ranger“-Geschichten ist Tonto nur der Gehilfe des edlen Lone Rangers.
Der Lone Ranger ist ein legendärer, von Fran Striker erfundener Charakter, der zuerst in den Dreißigern im Radio Bösewichter jagte. Bis September 1954 entstanden dreitausend „Lone Ranger“-Radioepisoden. Später trat der „Lone Ranger“ auch, ebenfalls äußerst erfolgreich, im Kino, im Fernsehen, in Romanen und in Comics auf. Die Geschichten waren für ein jugendliches Publikum geschrieben. Deshalb musste der „Lone Ranger“ sich auch immer gut benehmen, wie man aus den von Fran Striker und Radioproduzent George Trendle formulierten Statuten erfährt: „Der Ranger ist ein Mann, der allen Widrigkeiten trotzt und niemals aufhört zu kämpfen, sich aber auch die Zeit nimmt, einem Vogel mit einem verletzten Flügel zu helfen. (…) Der Ranger spricht immer klar und deutlich, ohne Dialekt- oder Slangbegriffe. (…) Der Ranger schießt nie, um zu töten. (…) Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gegenüber Kindern ist wichtig. Das Einhalten von Gesetzen und der Respekt gegenüber der Polizei ebenso.“
Tja, ein ziemlich naiver Held für ein sehr junges Publikum.
Mit dem originalen Lone Ranger hat diese viel zu teuer geratene Verfilmung, außer einigen Accessoires – die Maske des Lone Rangers, die Verkleidung des Lone Rangers, die Augenbinde des Lone Rangers – und einer extremen Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere, nichts mehr zu tun. Auch der naive Charme der alten, für ein Taschengeld produzierten Serials fehlt.
Als Spielfilm setzt Verbinskis Werk sich, weil nie eine erzählerische Haltung erkennbar ist, als „Piraten der Karibik“-im-Wilden-Westen-Übung zwischen die Stühle. Einerseits soll die Klamauk-Ebene bedient werden, andererseits soll die Pracht des Wilden Westens wie in einem klassischen Western auf der Leinwand erstrahlen. Dabei durchkreuzt der eine erzählerische Ansatz immer wieder den anderen, nichts funktioniert und am Ende hat der „Lone Ranger“ höchstens die Faszination eines missglückten Experiments: die Zutaten stimmen, das Ergebnis nicht.
Dabei hat es nicht am Geld gelegen. Immerhin kostete der „Lone Ranger“ ungefähr 215 Millionen Dollar. „Django Unchained“ kostete 100 Millionen, „True Grit“ 38 Millionen, „Appaloosa“ 20 Millionen, „Todeszug nach Yuma“ 55 Millionen, „Open Range“ 22 Millionen und „Erbarmungslos“ 14,4 Millionen. Alle diese Western sind deutlich gelungener und sie fanden ihr Publikum, weil sie das hatten, was dem „Lone Ranger“ fehlt: eine Geschichte.
Lone Ranger (The Lone Ranger, USA 2013)
Regie: Gore Verbinski
Drehbuch: Ted Elliott, Terry Rossio, Justin Haythe
mit Johnny Depp, Armie Hammer, Tom Wilkinson, Ruth Wilson, William Fichtner, Barry Pepper, James Badge Dale, Helena Bonham Carter
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DVD
Disney
Bild: 2,40:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch, Türkisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Türkisch
Bonusmaterial: Zusätzliche Szenen, Pannen beim Dreh
Sightseers (Großbritannien 2012, R.: Ben Wheatley)
Drehbuch: Alice Lowe, Steve Oram
Tina und ihr Freund Chris machen sich auf dem Weg zu einem Trip zu den Sehenswürdigkeiten von Yorkshire – und Chris bringt alle um, die ihnen die Urlaubsfreude verderben könnten.
Sebastian Bergman ist ein richtiger Stinkstiefel, der gleich in den ersten Minuten von „Der Mann, der kein Mörder war“ in einem Hörsaal eine Reihe Polizisten und Polizeischüler kräftig beleidigt und die Lektüre seiner Bücher empfiehlt. Der angekündigte Vortrag entfällt.
Kurz darauf mischt er sich mit der Energie des Verzweifelten – er verlor während des Tsunamis 2004 in Thailand Frau und Kind – in polizeiliche Ermittlungen ein und bedrängt den ihm von früher bekannten Ermittlungsleiter Torkel Höglund, ihn als Profiler bei den Ermittlungen an einem Schülermord hinzuzuziehen. Denn – wir vermuten es schon nach dem Titel – der Tatverdächtige ist nicht der Mörder.
Sebastian Bergman ist eine Erfindung der Krimiautoren Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt, die auch die Drehbücher für die Verfilmungen schrieben, die ungefähr zeitgleich mit den ersten beiden Romanen entstanden, die jetzt auf DVD vorliegen und bei deren Entwicklung Bergman-Darsteller Rolf Lassgård (auch bekannt als Kommissar Wallander) mithalf. Der dritte Bergman-Roman ist bereits verfilmt, der vierte wird gerade verfilmt und beide Verfilmungen sollen nächstes Jahr im ZDF gezeigt werden.
Die deutschen Ausgaben der dicken Romane „Der Mann, der kein Mörder war“, „Die Frauen, die er kannte“ und „Die Toten, die niemand vermisst“ erschienen bei Rowohlt Polaris.
Im zweiten Bergman-Krimi „Die Frauen, die er kannte“ steht Sebastian Bergmans Leben stärker im Mittelpunkt. Denn ein Frauenmörder kopiert die Morde von Edward, einem gut abgesichert in der Psychiatrie sitzendem Serienmörder, den Bergman überführte und über den er zwei Bestseller schrieb. Aber es kommt noch schlimmer: der Nachahmungstäter bringt Bergmans letztes Bettabenteuer um und auch bei den anderen Opfern gibt es Verbindungen zu den Frauen, die Bergman kannte. Bergman ist, wie Stieg Larssons Mikael Blomkvist, ein echter Womanizer, der mehr Affären als ein Playboy hat und der James Bond als ziemlichen Kostverächter erscheinen lässt. Und, weil der Mörder erstens viel über Bergman weiß und zweitens weitermorden wird, erstellt Bergman schon einmal eine Liste der möglichen Opfer, auf die auch seine beiden Arbeitskolleginnen gehören. Die eine, weil er mit ihr im Bett war. Die andere, weil sie – ohne es zu wissen – seine Tochter ist.
Beide TV-Filme sind okaye Krimiunterhaltung, ohne besonders eigenständig zu sein. Dafür ist Sebastian Bergman zu sehr eine „Cracker“-Kopie für Arme. Ein Vergleich, der sich schon bei seinem Auftritt in einem Hörsaal aufdrängt. Während Bergman wie ein Betrunkener vor sich hin faselt, schleudert Eddie ‚Fitz‘ Fitzgerald (Robbie Coltrane) die Werke von philosophische Größen durch die Luft. Das war und ist ein denkwürdiger erster Auftritt eines Filmcharakters. Dagegen ist Bergman nur ein langweiliger Misantroph aus dem Krimibaukasten für Antihelden.
Während „Der Mann, der kein Mörder war“ ein klassischer Rätselkrimi ist, geht „Die Frauen, die er kannte“ in Richtung Thriller und erinnert dabei immer wieder an die vielen Vorbilder. Vor allem natürlich Hannibal Lector.
Aber dafür ist der Film von Michael Hjorth ruhiger aufgenommen als „Der Mann, der kein Mörder war“. In dem Krimi lässt Daniel Espinosa, wie in seinem Hollywood-Debüt „Safe House“, die Kamera pseudodokumentarisch wackeln, als gäbe es kein Morgen und es wird geschnitten, als sollte eine Konfettiparade vorbereitet werden. Das lenkt dann ziemlich erfolgreich von der gar nicht so schlechten Geschichte ab.
Sebastian Bergman – Spuren des Todes I (Schweden/Deutschland 2010)
mit Rolf Lassgård (Sebastian Bergman), Gunnel Fred (Ursula Andersson), Tomas Laustiola (Torkel Höglund), Moa Silén (Vanja Lithner), Christopher Wagelin (Billy Rosén)
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Die ersten Spurenanalysen
Der Mann, der kein Mörder war (Den fördömde 1)
Regie: Daniel Espinosa
Drehbuch: Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt
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Die Frauen, die er kannte (Den fördömde 2)
Regie: Michael Hjorth
Drehbuch: Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt
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DVD
Edel
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: –
Bonusmaterial: –
Länge: 175 Minuten (2 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre
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Der dritte gewohnt seitenstarke Sebastian-Bergman-Fall erschien kürzlich
Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt: Die Toten, die niemand vermisst
Einer mit Herz (USA 1981, R.: Francis Ford Coppola)
Drehbuch: Armyan Bernstein, Francis Ford Coppola (nach einer Geschichte von Armyan Bernstein)
Anscheinend lief Francis Ford Coppolas Totalflop, eine sehr banale, in Las Vegas spielende Liebesgeschichte, seit zwanzig Jahren nicht mehr im TV.
Nach den beiden „Der Pate“-Filmen und „Apocalypse Now“ war er der König der Welt. Er investierte sein Geld, mit hochfliegenden Plänen, in die Zoetrope Studios. „Einer mit Herz“ sollte der erste Film des Studios werden: eine kleine, günstig hergestellte Liebesgeschichte, die er vollständig im Studio drehte. Nun: es wurde viel teurer als geplant, die Kritiken waren verheerend, im Kino wollte den Film niemand sehen und Coppola konzentrierte sich in den nächsten Jahren auf kleiner Projekte und Auftragsarbeiten.
Tom Waits schrieb die nicht sonderlich beeindruckende Musik.
mit Frederic Forrest, Teri Garr, Raul Julia, Nastassja Kinski, Harry Dean Stanton, Jeff Hamlin
Köstliches Hommage an Sherlock Holmes und Doktor Watson. Damals ein ziemlicher Flop an der Kasse, heute ein Klassiker.
Billy Wilder zum Film: „In meinem Film habe ich mich bemüht, Holmes und Watson mit Respekt, aber ohne Ehrfurcht zu zeichnen. Die Geschichten enthalten viel Humorvolles, doch unsere tiefere Absicht war, die Beziehungen und die Freundschaft zwischen den beiden Männern in ihren früheren Jahren zu verdeutlichen…Holmes ist ein zivilisierter Mensch, ein Gentleman, der seine Fälle löst ohne solche fragwürdigen Methoden wie James Bond. Wenn Sie wollen, so mache ich hier einen ausgesprochenen Anti-Bond-Film.“
Mit Robert Stephens, Colin Blakely, Christopher Lee, Geneviève Page
Joel und Ethan Coen setzen ihre filmische Geschichtsstunde fort. Nach, zuletzt, dem Wilden Westen („True Grit“) und der Vorstadt-Provinz in den Sechzigern („A Serious Man“) verschlägt es sie jetzt in die frühen sechziger Jahre nach Greenwich Village, New York, in die dortige Folkszene, die durch Bob Dylan weltweit bekannt wurde. Und Llewyn Davis, der Protagonist von „Inside Llewyn Davis“, erinnert natürlich sofort an Bob Dylan. Nur dass er unbekannt und chronisch erfolglos ist.
Aber der naheliegende Bob-Dylan-Vergleich führt auf die falsche Fährte. Denn die Coens inszenierten nicht die Geschichte des erfolglosen Bruders von Dylan, wie Woody Allen es 1999 in „Sweet and Lowdown“ tat, als Sean Penn Emmet Ray, den besten Jazzgitarristen nach Django Reinhardt spielte und eine vergnügliche Chronik der dreißiger Jahre entwarf. „Inside Llewyn Davis“ ist eine sehr detailgetreue Chronik der Greenwich-Village-Folkszene, bevor sie zum Geschäft wurde und bevor Bob Dylan dort 1961 eintraf. Seine ersten Konzerte gab er erst nach dem Ende des Films. Damals bemühten die Folksänger sich, die Originale möglichst genau nachzuspielen. Sie waren eine verschworene Gemeinschaft, die den Kommerz verachtete und sich selbst genügte. Auch Llewyn Davis (Oscar Isaac) predigt die reine Lehre, ist chronisch pleite, schläft sich deswegen durch die Wohnungen seiner Freunde und Bekannten und ist trotzdem irgendwie zufrieden. Immerhin kann er die Musik spielen, die er liebt und er schlägt sich mehr schlecht als recht durch.
Am Filmanfang wird er im Winter 1961 nach einem Konzert in der Gasse hinter dem Gaslight Café von einem rauchendem Unbekannten, von dem wir nur die Silhouette erkennen, zusammengeschlagen und seine Odyssee, in der es für ihn immer schlimmer wird, beginnt. Zuerst entkommt die heißgeliebte Katze der Gorfeins, zwei schöngeistige Akademiker, bei denen er die Nacht auf der Couch verbrachte, aus deren Wohnung. Er findet sie zwar, muss sie aber den halben Film als unnützen Ballast mitnehmen. Sein Plattenproduzent schenkt ihm einen Karton mit seinen unverkäuflichen LPs. Mit Jim (Justin Timberlake) und Al (Adam Driver) kann er den Song „Please, Mr. Kennedy“ aufnehmen. Davis hält ihn zwar für einen kitschigen Polit-Song, aber das Publikum liebt ihn. Von dem Erfolg hat er allerdings nichts, weil er gleich nach der Aufnahme zugunsten eines festen Honorars auf eine Beteiligung an zukünftigen Tantiemen verzichtete. Seine Schwester und seine Freundin fordern ihn auf, sein Leben zu ändern. Also macht er sich auf den Weg nach Chicago zu dem einflussreichen Musikproduzenten Bud Grossman (F. Murray Abraham). Auf der Hinfahrt – er beteiligt sich an einer Fahrgemeinschaft – wird er von dem Autobesitzer Roland Turner (John Goodman) ohne Unterlass herabgesetzt. Denn für einen echten Jazzmusiker ist Folk keine Musik.
Formal ist „Inside Llewyn Davis“ wie ein Folksong strukturiert. Es gibt die erste Strophe, in den nächsten Strophen wird alles immer schlimmer für den Protagonisten und am Ende wird die erste Strophe wiederholt. So ist auch Davis am Filmende wieder im Gaslight Café, singt seine Lieder und wird in der Gasse wieder von dem unbekannten Mann, der uns natürlich an den Teufel (bzw. den Mann, mit dem Bluesmusiker Robert Johnson seinen legendären Pakt schloss) erinnert, vermöbelt. Den Film können wir jetzt als Alptraum von Llewyn Davis sehen. Oder als einen selbstironischen Song von ihm über sein Leben. In jedem Fall ist er ein sehr genaues Porträt der Greenwich-Village-Folkszene in der Prä-Bob-Dylan-Ära und eine Liebeserklärung an die Folkmusik. Denn die Coens lassen die Schauspieler, die die Songs auch alle sangen, die Songs vollständig spielen und sie zeigen immer die gesamte Performance des Liedes.
Am Ende, bevor Llewyn Davis dem Mann in der Gasse begegnet, zeichnet sich dann unscharf im Bildhintergrund die Zukunft ab, wenn ein Folksänger sich näselnd über seine Gitarre beugt und lossingt.
Kurz gesagt: „Inside Llewyn Davis“ ist das neue Meisterwerk der Coen-Brüder und eine Liebeserklärung an die Folk-Music. Ein herzerwärmender Film, auch wenn Llewyn Davis für den kalten New Yorker Winter viel zu dünn gekleidet ist.
Inside Llewyn Davis (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich 2013)
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, John Goodman, Garrett Hedlund, Justin Timberlake, Adam Driver, Max Casella, F. Murray Abraham
Schnelles Geld und schneller Sex beherrschen das triste und ziemlich verkorkste Leben von Victor. Da verliebt er sich in eine Ärztin…
Flotte, schwarzhumorige Groteske nach einem Roman von Chuck Palahniuk („Fight Club“) mit einem grandiosen Sam Rockwell über Abhängigkeiten und die Sucht danach, anderen Menschen zu gefallen. Denn hier spielt jeder Charakter den anderen etwas vor und alle Beziehungen sind gestört.
Sommerferien sind die Hölle. Vor allem wenn man, wie der 14-jährige Duncan (Liam James) schon auf dem Weg zum Ferienhaus von dem neuen Freund der Mutter verbal zusammengestaucht wird. Denn Trent (Steve Carell) fragt Duncan nach seiner Selbsteinschätzung auf einer Skala von eins bis zehn und korrigiert Duncans schon sehr vorsichtige Einschätzung gnadenlos nach unten. Seine Mutter Pam (Toni Colette) überhört es und auch im Ferienhaus wird es nicht besser. Denn anstatt sich um die Kinder zu kümmern, feiern die Erwachsenen in Cape Cod am Strand ihre Version des Spring Break: Sex, Trinken und Drogen bis zum Umfallen.
Die Kinder bleiben sich selbst überlassen und weil Duncan ein schüchterner Einzelgänger ist, beginnt er allein die Gegend zu erkunden. Dabei trifft er auf Owen (Sam Rockwell), einen lustig-lässigen, in den Tag hinein lebenden Sprücheklopfer, der ihn wie einen Erwachsenen behandelt.
Kurz darauf entdeckt er den Wasser-Freizeitpark „Water Wizz“, in dem Owen arbeitet und der ihn sofort einstellt. Duncan hat in dieser Ersatzfamilie seinen Spaß, während er nach Feierabend die Eskapaden seiner Mutter und ihrer Freunde beobachtet.
Mit ihrem Regiedebüt „Ganz weit hinten“ knüpfen Nat Faxon und Jim Rash, obwohl das jetzt verfilmte Drehbuch schon länger in Hollywood herumgereicht wurde und 2007 auf der Black List (einer Liste der besten nicht verfilmten Drehbücher) landete, an ihren vorherigen Erfolg „The Descendants – Familie und andere Angelegenheiten“ an. Ihr Buch wurde von Alexander Payne mit George Clooney verfilmt und erhielt den Oscar als bester Film und für das beste Drehbuch. Auch in „Ganz weit hinten“ geht es um Familienangelegenheiten und wieder entscheiden sie sich nicht für eine stringent nach Lehrbuch durcherzählte Geschichte, sondern für ein Kaleidoskop verschiedener Geschichten, die immer wieder Zeit lassen für Abwege, und einen humanistischen Tonfall. Denn auch wenn alle Charaktere ihre Probleme und schlechten Angewohnheiten haben, betrachten sie sie mit großer Sympathie.
Allerdings plätschert der Film so auch immer wieder vor sich hin und immer wieder hatte ich den Eindruck, dass Nat Faxon und Jim Rash die Coming-of-Age-Geschichte von Duncan vernachlässigen zugunsten der höchstens mäßig interessanten Beziehungsprobleme der Erwachsenen. Auch sind die beiden Ersatzväter von Duncan, Trent und Owen, zu ähnlich angelegt. Beide sind auf den ersten Blick egozentrische Großmäuler, die sich für den Mittelpunkt des Geschehens halten. Nur traut Trent Duncan nichts zu und er putzt ihn deshalb immer wieder grundlos herunter. Owen traut ihm dagegen etwas zu, übergibt ihm Verantwortung (manchmal auch nur, um seinen Spaß zu haben) und behandelt ihn, wie er alle anderen Menschen behandelt.
„Ganz weit hinten“ ist ein Feelgood-Movie mit rauer Grundierung, das seine Charaktere, vor allem die Jugendlichen, ernst nimmt und unspektakulär die Geschichte eines Sommerurlaubs erzählt: er plätschert, wie ein Urlaub, entspannt vor sich hin, es gibt etwas Streit, ein absehbares Ende, in dem Duncan sich den Respekt seiner Eltern verdient, und in dem Moment fragt man sich, warum die Zeit, die vorher endlos erschien, so schnell vorbeiging.
Ganz weit hinten (The Way Way Back, USA 2013)
Regie: Nat Faxon, Jim Rash
Drehbuch: Nat Faxon, Jim Rash
mit Liam James, Steve Carell, Toni Colette, Allison Janney, Annasophia Robb, Sam Rockwell, Maya Rudolph, Rob Corddry, Amanda Peet, Nat Faxon, Jim Rash (beide gehören zum Personal von „Water Wizz“)
In dem Café, in dem Bepi und seine Bekannten sich seit Ewigkeiten treffen, hat sich ungefähr genausolange nichts geändert. Auch in Chioggia, einem vom Tourismus verschonten Fischerort in der Lagune von Venedig, änderte sich die letzten Jahrzehnte eigentlich nichts. Entsprechend erstaunt reagieren die Stammgäste auch, als ihr Café von Chinesen gekauft wird und Shun Li sie bedienen soll. Was sie nicht wissen, ist, dass Shun Li mit der Hilfe von Menschenschleppern aus China flüchtete, ihren Sohn zurücklassen musste und jetzt ihre Schulden abbezahlt. Zuerst in einer Näherei, jetzt in dem Café und der Kontakt mit den Einheimischen ist ihr strikt untersagt.
Die Stammgäste wenden sich schnell wieder ihren Gewohnheiten zu: trinken, spielen und reden. Nur Bepi, ein vor dreißig Jahren aus Jugoslawien geflüchteter Fischer und Dichter, redet mit ihr und eine fragile Freundschaft entwickelt sich, die von Bepis Freunden und den Menschenschmugglern misstrauisch beäugt wird.
Allerdings wird die Gefahr für Shun Li durch die Menschenschmuggler, die sie umstandslos nach China zurückschicken oder an die Polizei verraten könnten, zunehmend unwichtiger und Andrea Segres Spielfilmdebüt „Venezianische Freundschaft“ wird zu einer stillen Beobachtung von Migranten und Venedig abseits der Touristenpfade. Das gibt einige schöne Bilder und das Gefühl des Stillstands, auch weil fast alles in der Schwebe bleibt und die Geschichte zunehmend ziellos auf ihr Ende zusteuert. Denn in „Venezianische Freundschaft“ gibt es letztendlich nichts, was nicht mit Caffè-Corretto vergessen werden kann.
Venezianische Freundschaft (Io sono li, ItalienFrankreich 2011)
Regie: Andrea Segre
Buch: Marco Pettenello, Andrea Segre
mit Zhao Tao, Rade Sherbedgia, Marco Paolini, Roberto Citran, Giuseppe Battiston, Wang Yuan
Kein Mord bleibt ungesühnt (F 2006, R.: Franck Mancuso)
Drehbuch: Franck Mancuso
LV: Lawrence Block: Like a bone in the throat (Kurzgeschichte, abgedruckt in “Enough Rope”)
Ein Sexualstraftäter ermordet die neunjährige Tochter des Polizisten Malinowski. Der kurz darauf als Täter verurteilte Eckman beteuert in Briefen gegenüber Malinowski seine Unschuld. Als Malinowski deshalb auf eigene Faust mit Ermittlungen beginnt, beginnt er immer mehr an Eckmans Unschuld zu glauben.
Regiedebütant Mancuso schrieb vorher unter anderem das Drehbuch für den Noir-Polizeithriller „36 – Tödliche Rivalen“. „Kein Mord bleibt ungesühnt“ erhielt ebenfalls gute Kritiken und (erlebte) ebenfalls seine Deutschlandpremiere auf DVD. Das scheint inzwischen bei französischen Kriminalfilmen so üblich zu sein.
Denn „Kein Mord bleibt ungesühnt“ ist ein kleiner, feiner Krimi mit einem gelungenen Ende.
Mit Jean Dujardin, Laurent Lucas, Agnès Blanchot, Jean-Pierre Cassel
Auch bekannt als „Counter Investigation – Kein Mord bleibt ungesühnt“
Und noch ein Remake von einem Klassiker, das allein schon deshalb besonders genau seziert wird. Und weil Kimberly Peirce die Geschichte von Carrie White wiedererzählt, muss sie gegen Stephen Kings Roman „Carrie“ und Brian de Palmas legendäre Verfilmung ankämpfen. Denn während unserer Pubertät lasen oder sahen wir erstmals diese Geschichte eines von allen unterdrückten Mädchens und sie jagte uns einen höllischen Schrecken ein. Denn Carrie ist die Außenseiterin an der Schule, die von allen verspottet wird. Vor allem, nachdem sie in der Schuldusche ihre erste Blutung und eine Panikattacke hat. Ihre religiös-fanatische Mutter drangsaliert sie mit Gebetsstunden, ständigen Warnungen vor der bösen Welt, hält sie für vom Teufel besessen und möchte sie am liebsten Tag und Nacht einsperren.
Nach dem Ereignis in der Schuldusche hat eine ihrer Mitschülerinnen Mitleid mit ihr. Sie überredet ihren Freund, Carrie auf den Schulball zu begleiten. Er tut es und mitten während der Feierlichkeiten wird ein Eimer mit Schweineblut über ihr ausgeschüttet. Carrie dreht durch und bringt mit ihren telekinetischen Fähigkeiten alle, die in der Schulaula sind, um. Danach macht sie sich auf den Heimweg – und wir hatten Angst, dass es auch in unserer Klasse eine Carrie gibt.
Diesen Eindruck, den damals De Palmas Film auf uns Teenager machte, macht Peirces Film nicht. Immerhin sind wir keine Teenager mehr. Dabei ist Peirces Film auch im direkten Vergleich gar nicht so schlecht.
Peirce hält sich an die aus Buch und Film bekannte Geschichte und auch an die Struktur von De Palmas Film. Es gibt zwar noch eine 2002er-TV-Verfilmung von David Carson, die der Pilotfilm für eine TV-Serie sein sollte. Aber weil die fast niemand kennt und man auch nichts Gutes über sie hört, können wir sie ignorieren. Julianne Moore als Fanatikerin und Carries Mutter ist grandios. Sie strahlt wirklich diese beängstigende Ruhe von religiös überzeugten Menschen aus, die sich durch nichts in ihrem Irrglauben beirren lassen und jede Bestrafung für angemessen halten. Chloë Grace Moretz ist zwar im richtigen Alter (Sissy Spacek war bereits 27 Jahre alt, als sie Carrie spielte), aber als Hit-Girl hinterließ sie in den beiden „Kick-Ass“-Filmen einen so starken Eindruck, dass ich nie daran zweifelte, dass sie ihren vergnügungssüchtigen Mitschülern kräftig in den Arsch treten wird.
Die Ausstattung, vor allem Carries Wohnhaus, ist zeitlos, hat oft sogar ein Siebziger-Jahre-Retro-Feeling, das den Film, auch weil er insgesamt kaum aktualisiert wurde, etwas aus der Zeit herausgefallen sein lässt. Computer und Handys kommen kaum vor.
Er ist aber deutlich prüder geraten: während bei De Palma in der legendären Duschszene nackte Mädchen durch das Bild laufen und Carrie, als sie von ihren Mitschülern mit Tampons beworfen wird, nackt in einer Ecke der Dusche kauert, verhüllt sie in dem Remake züchtig mit einem weißen Handtuch ihren Körper, während sie von einer Mitschülerin gefilmt und von den anderen mit Tampons beworfen wird.
„Carrie“ hat mich zwar nie wirklich gepackt oder in Angst und Schrecken versetzt. Dafür gab es dann doch zu viele Computereffekte bei Carries Zerstörungsorgie in der Kleinstadt und ich bin schon zu lange aus der Schule. Aber ich habe mich auch nicht, obwohl ich die Geschichte kenne, gelangweilt. Es ist ein ordentlicher, brav gefilmter Horrorfilm, der das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter weniger hysterisch gestaltet als Brian De Palma, aber es nicht wagte, die Geschichte konsequent in die Gegenwart zu übertragen.
Carrie (Carrie, USA 2013)
Regie: Kimberly Peirce
Drehbuch: Lawrence D. Cohen, Roberto Aguirre-Sacasa
LV: Stephen King: Carrie, 1974 (Carrie)
mit Chloë Grace Moretz, Julianne Moore, Gabriella Wilde, Portia Doubleday, Alex Russell, Zoë Belkin, Ansel Elgort, Samantha Weinstein, Karissa Strain, Judy Greer, Katie Strain, Barry Shabaka Henley
Als ich den Trailer sah, fragte auch ich mich, warum Hollywood ein Remake von „Oldboy“, Park Chan-wooks 2004 von der Kritik abgefeiertem Racheepos, macht. Zu sehr sahen die Bilder nach einem überflüssigem Eins-zu-eins-Remake eines Kultfilms aus.
Aber dass Spike Lee, der mit „Inside Man“ ja zeigte, dass er auch Thriller kann, die Regie übernahm, weckte dann schon mein Interesse. Immerhin war auch Martin Scorseses „Departed – Unter Feinden“ kein schlechtes Remake von „Internal Affairs“; – wobei die schwächsten Teile die mehr oder weniger direkten Übernahmen aus dem Original waren.
Nun also Spike Lees Version von „Oldboy“: Josh Brolin spielt Joe Doucett, einen drogensüchtigen, egozentrischen, sich auf dem absteigendem Ast befindendem Werbeprofi, der am 8. Oktober 1993 entführt wird. Er lebt zwanzig Jahre als Gefangener in einem hermetisch abgeschlossenem Hotelzimmer, verfolgt via TV das Weltgeschehen, dass seine Frau ermordet wird und er ihr Mörder sein soll. Er erfährt aber nicht, warum und von wem er gefangen gehalten wird. Eines Tages wird er freigelassen: er erwacht auf einer Wiese in einem Reisekoffer. Doucett will herausfinden wer ihm zwanzig Jahre seines Lebens und seine Existenz raubte – und er will sich dafür rächen.
Spike Lee inszenierte einen kleinen, schlanken Thriller mit einer stimmigeren Auflösung als Park Chan-wook und etlichen Unwahrscheinlichkeiten. So wird die Krankenschwester, der Doucett unmittelbar nach seiner Gefangenschaft begegnet und in die er sich verliebt, später in der Geschichte noch wichtig, weil sie für Doucetts Geiselnehmer eine besondere Bedeutung hat. Aber in diesem Moment baut der Geiselnehmer seinen komplizierten Racheplan auf ein Ereignis auf, das er nicht beeinflussen kann. Das sogar eher zufällig stattfindet. Das ist nicht besonders intelligent.
Später sucht Doucett den Ort, an dem er gefangen gehalten wurde. Seine einzige Spur sind die asiatischen Mahlzeiten, die er während seiner Gefangenschaft erhielt. Er isst sich also durch die Nudelküchen der anonymen Großstadt, wird fündig und verfolgt einen Mann, der mehrere Mahlzeiten abholt. Nur: woher weiß Doucett, dass er den richtigen Mann verfolgt? Spike Lee erklärt das nie, aber kurz darauf dürfen wir seine Version der legendären „Oldboy“-Szene sehen: bei Park Chan-wook fand der minutenlange, ungeschnittene Kampf zwischen Dae-su und seinen Angreifern in einem Gang statt, auf dem er sie tötete. Bei Spike Lee ist es ein über drei Etagen geführter dreieinhalbminütiger ungeschnittener Kampf, in dem Doucett seine Angreifer vernichtend schlägt. Beide Szenen sind beeindruckend, aber Spike Lees Version gefällt mir besser. Sie ist dynamischer und wirkt realistischer als der nur auf einem Gang stattfindende Kampf.
Auch die Lösung, also warum Doucett zwanzig Jahre gefangen gehalten wurde, ist in Spike Lees Version überzeugender gestaltet.
Während Park Chan-wooks „Oldboy“ ein südkoreanischer Thriller mit erkennbar intellektuellem Anspruch war, den ich okay, aber auch überbewertet fand, ist Spike Lees „Oldboy“ ein sehr amerikanischer, düsterer Thriller mit einem großartigem Josh Brolin, der mich nie wehmütig an das Original, das ich vor einigen Jahren sah, denken ließ. Und das ist viel mehr, als ich über etliche andere Remakes sagen kann.
Oldboy (Oldboy, USA 2013)
Regie: Spike Lee
Drehbuch: Mark Protosevich
mit Josh Brolin, Elizabeth Olsen, Charlto Copley, Michael Imperioli, Linda Emond, James Ransome, Pom Klementieff, Samuel L. Jackson
Ali Samadi Ahadi, ein gebürtiger Iraner, der als Dreizehnjähriger nach Deutschland kam, zeigte schon mit „Salami Aleikum“, dass ein Culture Clash keine trübsinnige Angelegenheit sein muss. Damals ging die Reise des Iraners von Köln in die tiefste ostdeutsche Provinz.
In seinem neuesten Film „45 Minuten bis Ramallah“ spielen nur die ersten Minuten in Hamburg. Dort schuftet Rafik (Karim Saleh), ein Palästinenser aus Ostjerusalem, in einem letztklassigem Restaurant und er will unter keinen Umständen zurück nach Israel zu seiner Familie. Aber nach einem Blick auf sein Bankkonto und einem Streit mit seinem Chef, der ihn umstandslos feuert, klaut er einen gerade gelieferten Anzug und macht sich auf den Heimweg nach Jerusalem zur Hochzeit seines Bruders Jamal (Navid Akhavan). Schon während der Hochzeitsfeier giften die Brüder sich an. Als dann ihr Vater während der Feier plötzlich verstirbt, verspricht Rafik, dass sie den letzten Wunsch ihres Vaters erfüllen: sie werden ihn zur Beerdigung nach Ramallah, seine alte Heimat, bringen. Das ist 45 Minuten Fahrtzeit von ihrem derzeitigen Aufenthaltsort entfernt. Also kein Problem, wenn sie nicht in Jerusalem wären, Ramallah auf der anderen Seite der Grenze in Palästina liegen würde und die beiden Brüder keine Palästinenser mit israelischem Pass wären.
Bislang haben sie sich erfolgreich aus dem Israel-Palästina-Konflikt herausgehalten, aber diesem Kurztrip geraten sie zwischen alle Fronten. Blauäugig und sich immer wieder streitend stolpern die Brüder durch das Kampfgebiet, inclusive Verbrechern, Polizisten, Soldaten, Revolutionären und religiösen Fanatikern. Sowieso scheinen Rafik und Jamal die einzigen normalen Menschen in diesem Irrenhaus zu sein.
Und so wird aus der kurzen Fahrt ein mehrtägiger Abenteuertrip, bei dem für die beiden Brüder und die Leiche ihres Vaters, die sie einfach zu seiner letzten Ruhestätte schmuggeln wollten, alles immer schlimmer wird.
Zugegeben: „45 Minuten bis Ramallah“ erfindet die schwarzhumorige Komödie nicht neu und seit Monty Pythons „Das Leben des Brian“ wurde eigentlich schon alles zu dem Thema gesagt. Aber Israelis und Palästinenser bekämpfen sich immer noch; an eine baldige friedliche Lösung glaubt niemand mehr. Dabei ist die Situation dort längst, wie man auch in vielen Filmen aus Israel sehen kann, ein absurder Stillstand, dem Ali Samadi Ahadi sich humoristisch nähert. Und eine schwarzhumorige Komödie, die einem die Klischees und echten und falschen Befindlichkeiten respektlos um die Ohren haut und vor allem die Fanatiker und gefühlten und echten Machthaber auf beiden Seiten bis zur Kenntlichkeit demaskiert, ist dabei nicht die schlechteste Wahl.
Und so ist „45 Minuten bis Ramallah“ eine kurzweilige Satire, die ihre Vorbilder im angloamerikanischen Raum sucht und erfrischend undeutsch kredenzt.
45 Minuten bis Ramallah (Deutschland 2013)
Regie: Ali Samadi Ahadi
Drehbuch: Gabriel Bornstein, Karl-Dietmar Möller-Naß
Der Mann, der vom Himmel fiel (Großbritannien 1976, R.: Nicolas Roeg)
Drehbuch: Paul Mayersberg
LV: Walter Tevis: The Man who fell to Earth, 1963 (Spion aus dem All; Der Mann, der vom Himmel fiel)
Ein Außerirdischer möchte auf der Erde eine neue Heimat für seine Familie und seine Spezies finden. Aber er verfällt dem menschlichem Lebensstil und Forscher sehen in ihm nur ein Forschungsobjekt.
„Der von Bowie verkörperte außergewöhnliche Charakter, Mayersbergs fragmenthaftes Drehbuch und Roegs mosaikhafte Regie kreieren einen extravaganten Film, dessen Handlungswindungen nur noch dazu beitragen, die verhängnisvolle Verwandlung von Bowie vom Außerirdischen in einen Menschen zu unterstreichen. (…) Ein stilsicherer Film voller hervorragender und komplexer Bilder, in dem Roeg Bowies Abstieg zum Menschen darstellt,der man sich nicht entziehen kann.“ (Phil Hardy, Hrsg.: Die Science-Fiction-Filmenzyklopädie)
Ein herrlich abgedrehter Kultfilm, der für den Hugo nominiert war und bei der damaligen deutschsprachigen Kritik nicht gut ankam: „mangelnden Tiefsinn durch Verhackstückerei von Handlungs- und Bildelementen vortäuscht“ (Ronald M. Hann/Volker Jansen: Lexikon des Science-Fiction-Films), „sinnentleerte Reizüberflutung“ (Filmbeobachter), „ein Werbefilm, der wie sein eigener, überlang-marktschreierischer Trailer aussieht“ (Medium).
Noir-Krimiautor James Sallis nannte die Vorlage „among the finest science fiction novels“.
mit David Bowie, Rip Torn, Candy Clark, Buck Henry, Bernie Casey, Linda Hutton