TV-Tipp für den 4. Oktober: Sorry we missed you

Oktober 3, 2025

3sat, 23.10

Sorry we missed you (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty

Im Mittelpunkt des Dramas steht Ricky, der versucht als selbstständiger Paketbote zu überleben. Ein ziemlich unmögliches Unterfangen.

Gewohnt überzeugender Film von Ken Loach und Paul Laverty.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Kris Hitchen, Debbie Honeywood, Rhys Stone, Katie Proctor, Ross Brewster, Charlie Richmond, Julian Ions

Hinweise

Moviepilot über „Sorry we missed you“

Metacritic über „Sorry we missed you“

Rotten Tomatoes über „Sorry we missed you“

Wikipedia über „Sorry we missed you“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Jimmy’s Hall“ (Jimmy’s Hall, Großbritannien/Irland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Ich, Daniel Blake“ (I, Daniel Blake, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2016)

Meine Besprechung von Ken Loachs „Sorry, we missed you“ (Sorry we missed you, Großbritannien/Frankreich/Belgien 2019)

Meine Besprechung von Ken Loachs „The Old Oak“ (The Old Oak, Großbritannien 2023)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuen Verfilmung von Michael Endes „Momo“

Oktober 3, 2025

Nachdem ich in meinen Besprechungen langsam die ungute Tendenz bemerke, Filmen vorzuwerfen, dass sie unlogisch und unrealistisch seien, kann ich jetzt mit Fug und Recht und großer Geste einen Tsunami an Empörung über Unlogik und Unrealismus entfachen. Oder einfach darauf hinweisen, dass es immer um Logik und Realismus innerhalb der Geschichte und der in ihr gesetzten Grenzen geht. Wenn in „Momo“ behauptet wird, dass es zigarrenrauchende Zeit stehlende graue Herren gibt, dann bin ich durchaus bereit zu akzeptieren, dass es diese Zeit-Diebe und die Zeit-Spar-Kasse gibt.

Michael Ende, der Erfinder von Jim Knopf und Erzähler der „unendlichen Geschichte“ erfand diese Männer und erzählte in dem 1973 erschienenem Kinderbuch „Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte – Ein Märchen-Roman“ ihre Geschichte. Die Zeit-Diebe sind die Bösewichter. Die Heldin ist Momo, ein aus dem Nichts aufgetauchtes Waisenmädchen, das allein in einem Amphitheater lebt und gut zuhören kann. Sie hat Zeit und schenkt anderen Menschen ihre Zeit. Niemand hat viel Geld. Aber alle sind glücklich und zufrieden. In dieser Welt tauchen die Zeit-Diebe auf. Die grauen Herren bequatschen die Menschen, ihnen ihre Zeit zu geben. Sie würden sie später mit Zinsen zurückerhalten. Wenn die Menschen einmal in den Fängen der Zeit-Diebe sind, haben sie keine Zeit mehr. Immer mehr Menschen unterwerfen sich dem Regime der Zeit-Diebe.

Momo will ihre Freunde und alle Bewohner der Stadt retten. Die Menschen sollen wieder Zeit für sich und andere Menschen haben. Zusammen mit Meister Hora, dem im Nirgend-Haus lebendem Hüter der Zeit (der seinen ersten Auftritt ziemlich genau in der Buchmitte hat), und seiner Schildkröte Kassiopeia nimmt sie den Kampf auf.

Endes Buch wurde ein immer noch erhältlicher Bestseller und ist anscheinend für Viele eine wohlige Kindheitserinnerung. Ich hielt schon als Kind einen wohltuenden Abstand zu Fantasy-Geschichten und gehörte eindeutig zum Winnetou-Edgar-Wallace-James-Bond-Lager (als ob das realistische Geschichten sind). 1986 verfilmte Johannes Schaaf, mit Billigung des Autors den Roman. Ihm gefiel die Verfilmung von seinem Roman „Die unendliche Geschichte“ nicht.

Und jetzt verfilmte Christian Ditter wieder den Roman als internationale Produktion, die mit einer internationalen Besetzung und bekannten Namen auf einen internationalen Markt schielt. Alexa Goodall, eine zwölfjährige englische Schauspielerin in ihrer siebten Rolle, spielt Momo. Kim Bodnia spielt Beppo Straßenkehrer, Martin Freeman Meister Hora und Claes Bang den Anführer der grauen Herren, die im Film Greys heißen und nicht mehr nur aus Männern bestehen. Die Geschichte wurde an einigen weiteren Stellen modernisiert. Aber insgesamt halten die Macher sich an den Roman.

Das Ergebnis ist ein durchaus unterhaltsamer, CGI-lastiger Fantasyfilm für Kinder mit einem sympathischen Ensemble und einem wohligen Retro-Feeling. Die aus der Zeit gefallene Welt, in der „Momo“ spielt, erinnert an das aus Filmen bekannte Italien der fünfziger und sechziger Jahre, mit einigen Insignien der Gegenwart. Die Botschaft ist begrüßenswert und heute, zwischen gnadenloser Zeit-Optimierung im Beruf/Schule und in der Freizeit und sinnfreier Zeitvertrödelei vor dem Computer mit automatisch generierten Listen belangloser Posts, aktueller als damals.

Das Konzept der Zeit-Spar-Kasse und wie Momo die Zeit-Diebe besiegen kann ist, nun, etwas einfach. Sowieso ist der gesamte Film, jedenfalls für Erwachsene, etwas einfach geraten. Kinder dürften das anders sehen. Und für sie wurde der Film gemacht.

Mit neunzig Minuten hat Christian Ditters „Momo“ auch die richtige kindgerechte Länge.

Momo (Deutschland 2025)

Regie: Christian Ditter

Drehbuch: Christian Ditter

LV: Michael Ende, Momo, 1973

mit Alexa Goodall, Martin Freeman, Araloyin Oshunremi, Kim Bodnia, Claes Bang, Laura Haddock, Jennifer Amaka Pettersson, David Schütter, Skylar Blu Copeland, Maxwell Smith

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage (aktuell auch als Filmausgabe mit Fotos aus dem Film erhältlich)

Michael Ende: Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte – Ein Märchen-Roman

Thienemann, 2025

288 Seiten

15 Euro

Erstausgabe

Thienemann, 1973

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Momo“

Moviepilot über „Momo“

Wiikipedia über „Momo“ (Film 2025, Roman: deutsch, englisch)

Homepage von Michael Ende

Thienemann über Michael Ende

Meine Besprechung von Dennis Gansels Michael-Ende-Verfilmung „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (Deutschland 2018)


TV-Tipp für den 3. Oktober: Oppenheimer

Oktober 2, 2025

Pro7, 20.15 

Oppenheimer (Oppenheimer, USA 2023)

Regie: Christopher Nolan

Drehbuch: Christopher Nolan

LV: Kai Bird/Martin J. Sherwin: American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer, 2005 (J. Robert Oppenheimer – Die Biographie)

TV-Premiere. Christopher Nolans überzeugendes Biopic über den Physiker J. Robert Oppenheimer, den „Vater der Atombombe“. Keine leichte Kost.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Robert Downey Jr., Florence Pugh, Josh Hartnett, Kenneth Branagh, Benny Safdie, Dylan Arnold, Gustaf Skarsgård, David Krumholtz, Matthew Modine, David Dastmalchian, Tom Conti, Casey Affleck, Rami Malek, Jason Clarke, Alden Ehrenreich, Dane DeHaan, Gary Oldman, James Remar, James D’Arcy, Matthias Schweighöfer

Wiederholung: Samstag, 4. Oktober, 01.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „Oppenheimer“

Metacritic über „Oppenheimer“

Rotten Tomatoes über „Oppenheimer“

Wikipedia über „Oppenheimer“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Interstellar“ (Interstellar, USA/Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Dunkirk“ (Dunkirk, USA/Frankreich/Großbritannien 2017)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Tenet“ (Tenet, USA 2020)

Meine Besprechung von Christopher Nolans „Oppenheimer“ (Oppenheimer, USA 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: „Karla“, 12 Jahre, klagt ihren Vater als Vergewaltiger an

Oktober 2, 2025

Wenige Minuten vor seinem Feierabend taucht Karla (Elise Kripes) bei Richter Lamy (Rainer Bock) auf. Das zwölfjährige Mädchen behauptet, dass ihr Vater sie seit Jahren vergewaltige. Sie will, dass er dafür bestraft wird. Damals – der Film spielt 1962 in Bayern – wurde über so etwas nicht gesprochen, geschweige denn angeklagt und verurteilt. Was in der Familie geschah, blieb in der Familie.

Lamy beginnt mit der Befragung. Er glaubt der intelligenten und selbstbewusst auftretenden Karla und er beginnt für sie Partei zu ergreifen. Weil sie über die Taten ihres Vaters nicht reden will, gibt Lamy, ganz verständnisvoller Sozialarbeiter des 21. Jahrhunderts, ihr eine Stimmgabel. Sie ist zwischen ihnen fortan das Zeichen für ‚unzüchtige Handlung‘. Über die Handlung muss sie dann nichts mehr sagen.

Diese Gespräche inszeniert die 1992 geborene Christina Tournatzẽs in ihrem Debütspielfilm als intimes, zurückhaltend und trocken inszeniertes Kammerspiel mit einem Gespür für Pausen und Zwischentöne. Im Mittelpunkt stehen Karla, Richter Lamy und seine Sekretärin. Zusätzliche Glaubwürdigkeit gewinnt das psychologische Drama „Karla“ auf den ersten Blick durch den Hinweis, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Allerdings führen die Macher das nicht genauer aus. Sie belassen es bei dem allgemeinen und entsprechend nichtssagendem Hinweis. Insofern betrachtet man „Karla“ wohl besser als eine hundertprozentig fiktionale Geschichte, die Mut machen soll und die in einer repressive Zeit spielt, in der Kinder noch nicht als vollwertige Menschen wahrgenommen wurden.

Irgendwann hat Lamy sich lange genug mit Karla unterhalten. Er formuliert eine Anklage gegen ihren Vater. Die Gerichtsverhandlung ist dann nur noch ein todernst inszenierter schlechter SNL-Sketch. Lamy, der vorher die anscheinend nur aus Gesprächen mit Karla bestehenden Ermittlungen durchführte und die entsprechend luftige Anklage formulierte, ist jetzt auch der vorsitzende Richter. Er leitet das Verfahren so, dass es nur ein Ergebnis geben kann: einen Schuldspruch. Das Verfahren manipuliert er entsprechend. Beweise sind egal. Die Behauptung eines Kindes und ihr Wunsch, nach einer Verurteilung, reichen aus für eine Verurteilung. Solche Verfahren kennen wir sonst nur aus Diktaturen. Im Film wird diese Travestie einer Gerichtsverhandlung als ein gerechtfertigtes und auch begrüßenswertes Verfahren gesehen.

Ob so eine Klage eines Kindes gegen seinen Vater 1962 überhaupt möglich gewesen wäre, steht auf einem anderen Blatt. Die große Diskussion über sexuelle Gewalt in der Familie gegenüber Ehefrauen und Kindern begann erst viele Jahre später. Vergewaltigung in der Ehe wurde in Deutschland erst im Mai 1997 strafbar.

Und so ist „Karla“ ein Film mit guten Absichten, der an den entscheidenden Stellen ärgerlich unglaubwürdig ist.

Karla (Deutschland 2025)

Regie: Christina Tournatzẽs

Drehbuch: Yvonne Görlach

mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge, Torben Liebrecht, Katharina Schüttler, Robert Hunger-Bühler

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Karla“

Moviepilot über „Karla“

Wikipedia über „Karla“


Neu im Kino/Filmkritik: Willst du auf „A big bold beautiful Journey“ mitkommen?

Oktober 2, 2025

Selbstverständlich wissen wir, was passiert, wenn David (Colin Farrell) und Sarah (Margot Robbie) sich auf der Hochzeit eines Freundes begegnen. Eigentlich wissen wir das schon beim Ansehen des Plakats. „A big bold beautiful Journey“ ist eine romantische Liebesgeschichte, möglicherweise auch eine RomCom.

Und so ist es. Als die beiden Singles sich nach der Hochzeit auf den Heimweg begeben, begegnen sie sich kurz darauf in einem Diner. Das ist die erste Station der titelgebenden „big bold beautiful Journey“, die von dem betont altmodischem GPS, das sich in ihren schon etwas älterem Leihwagen befindet, organisiert wird. Und weil David und Sarah, ohne davon zu wissen, dem Vorschlag des GPS zustimmten, sitzen sie jetzt in dem Diner und reden miteinander. Das GPS hat auch magisch organisiert, dass sie fortan gemeinsam weiterfahren müssen in Davids gemietetem 1994 Saturn SL. Das GPS leitet sie zu weiteren Stationen, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass mitten in der Natur Türen stehen. Sobald sie sie öffnen, betreten sie eine andere Welt. Mal geht es in Davids Vergangenheit, mal in Sarahs Vergangenheit. Zwischen den Besuchen in ihrer Vergangenheit unterhalten sie sich auf der Fahrt zurück in die heimatliche Großstadt über ihre Vergangenheit und ihr Leben.

Kogonadas neuer Film, sein dritter Spielfilm und der erste, den er nach einem fremden Drehbuch realisierte, erzählt eine fantastisch angehauchte Liebesgeschichte, in der ihr fantastisches Element (die Türen) schnell zu einem immer weniger beachteten, das Auge erfreundem Gimmick wird. Denn sie finden immer weniger Türen. Hinter den Türen ist nur ein kurzer Blick in die Vergangenheit von David oder Sarah. Nur einmal greifen sie mit ihrem heutigen Wissen in die Vergangenheit ein. Es hat keine Folgen; auch weil natürlch niemand einem Teenager glaubt, wenn er seiner Highschoolliebe sagt, sie werde den falschen Mann wählen.

Zwischen den Blicken hinter Türen, die in ihre Vergangenheit führen, sitzen sie im Auto und unterhalten sich über die Dinge, über die man mit einer fremden Person spricht. Es sind weitgehend banale, nicht besonders in Erinnerung bleibende Plaudereien mit der Tendenz zum Monolog. Dabei hat Seth Reiss, der Drehbuchautor von „The Menu“ und langjähriger Autor bei „Late Night with Seth Meyers“ und „The Onion“, sie geschrieben.

Colin Farrell und Margot Robbie spielen in diesen Momenten betont unterkühlt; als ob Kogonada sie anwies, möglichst wenig zu spielen und möglichst keine Emotion zu zeigen. Auch die Bilder, die Kogonadas Kameramann Benjamin Loeb („Sick of myself“, „Dream Scenario“ und auch Kogonadas „After Yang“) in diesem Moment findet, sind vollkommen beliebig. Ganz im Gegensatz zu den wunderschönen, plakatwürdigen Bildern von den in der Landschaft stehenden Türen und den überlegten Bildkompositionen außerhalb des Autos. Beispielsweise während der Hochzeit oder in der Autovermietung, die sich in einer riesigen, leer stehenden Halle befindet.

Eine besondere Erwähnung verdienen Phoebe Waller-Bridge und Kevin Kline, die die beiden Autovermieter spielen und sich sehr seltsam verhalten. Bei ihnen entfalten, wenn sie dem Affen ordentlich Zucker geben, die betont künstlichen Dialoge ein ungeahntes komisches Potential. Sie sollten eine eigene TV-Serie bekommen, in der sie jede Woche versuchen, Paare zusammen zu bringen und die Welt zu einem besseren Platz machen wollen.

A big bold beautiful Journey“ ist ein sehr minimalistischer, unterkühlter, sich auf seine Dialoge vertrauender Liebesfilm, der in seiner betont unaufgeregten Machart an Celine Songs RomCom „Was ist Liebe wert – Materialists“ erinnert und frustriert. Denn für jede gute Entscheidung, die Kogonada in seinem Film getroffen hat, gibt es mindestens eine falsche Entscheidung.

A big bold beautiful Journey (A big bold beautiful Journey, USA 2025)

Regie: Kogonada

Drehbuch: Seth Reiss

mit Colin Farrell, Margot Robbie, Kevin Kline, Phoebe Waller-Bridge, Lily Rabe, Hamish Linklater, Jennifer Grant, Jodie Turner-Smith (GPS-Stimme im Original)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „A big bold beautiful Journey“

Metacritic über „A big bold beautiful Journey“

Rotten Tomatoes über „A big bold beautiful Journey“

Wikipedia über „A big bold beautiful Journey“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Dwayne Johnson ist „The Smashing Machine“ Mark Kerr

Oktober 2, 2025

Während des diesjährigen Wettbewerbs bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, wo „The Smashing Machine“ seine Premiere hatte, wurde sogar gemunkelt, dass Dwayne Johnson den Preis als bester Schauspieler erhalten könnte. Das geschah nicht. Dafür erhielt Benny Safdie den Preis als bester Regisseur für sein Sportlerbiopic.

In dem Biopic erzählt Safdie einige wichtige Jahre in dem Leben von MMA-Kämpfer und UFC-Champion Mark Kerr (Dwayne Johnson). MMA steht für Mixed Martial Arts oder, jedenfalls in den Anfangstagen, Schlagen ohne Regeln.

Der Film beginnt 1997 mit Kerrs erstem MMA-Kampf. Ohne zu Zögern greift er mit maximaler Wucht an. Nach zwei Minuten liegt sein Gegner auf dem Boden.

Nach diesem Auftakt konzentriert der restliche Film sich auf die Jahre 1999 und 2000. Er endet am 1. Mai 2000 mit dem Finalkampf des Pride Grand Prix in Tokio. Das ist eine kurze Spanne im Leben eines Menschen. Es ist also möglich, in die Tiefe zu gehen und einen bestimmten Punkt im Leben der porträtierten Person oder ein Ziel, das sie unbedingt erreichen möchte, genau zu beleuchten.

Dieses Ziel ist, ist in „The Smashing Machine“ über weite Strecken eher unklar. Vieles wird in den zwei Kinostunden angesprochen, aber nur wenig wird konsequent fortgeführt. Es werden viele Kämpfe gezeigt. Ob sie für bestimmte Qualifizierungen wichtig sind, bleibt eher unklar. Meistens gewinnt Kerr. Selten verliert er und das gefällt ihm nicht. Er nimmt Schmerzmittel und wird abhängig von ihnen. Der Sport professionalisiert sich. Es gibt mehr Geld. Die Kampforte werden glamouröser. Es gibt immer mehr Regeln für die Kämpfe. Hinter den Kulissen ändert sich wenig. Hinterzimmer und Gänge, die normalerweise nur vom Personal benutzt werden, bleiben Gänge, die nur vom Personal benutzt werden. Kerr ist befreundet mit MMA-Kämpfer Mark Coleman (Ryan Bader), der auch sein Trainer wird. Kerr heiratet. Wenn er sich mit seiner Freundin Dawn Staples (Emily Blunt) streitet, zertrümmert er eine Tür. Und hat danach ein schlechtes Gewissen.

Bei diesen Kämpfen lernt Kerr, der als strahlender Gewinner eingeführt wird, dann mit Verlusten umzugehen. So ist der erste Kampf, den er verliert, für ihn ein welterschütternder Schock. Es ist etwas eingetreten, was er bis dahin nicht kannte. Und das ist dann auch ungefähr das, was Kerr lernen muss: zu verlieren und damit umzugehen.

Dwayne Johnson spielt Mark Kerr als eine Art übergroßen Teddybär, der im Ring einen brutalen Sport ausübt. Abseits des Rings ist er ein hart trainierender Perfektionist und netter Mensch. Er geht Streit aus dem Weg. Wenn er dann doch mal explodiert, schlägt er nicht seine Freundin, sondern zerstört eine billige Tür und zergeht danach in Selbstmitleid. Das unterscheidet sich nicht so wahnsinnig von Johnsons schauspielerischen Leistungen in anderen Filmen und auch nicht von seinen öffentlichen Auftritten. Außer dass Kerr wie eine mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellte Version von Johnson wirkt.

Regisseur und Drehbuchautor Benny Safdie drehte mit seinem Bruder Josh „Good Time“ und „Der schwarze Diamant“ (Uncut Gems). In seinem stark inszeniertem Solo-Regiedebüt bleibt er dem aus seinen vorherigen Filmen bekannten realistisch-dokumentarischem Stil treu. „The Smashing Machine“ ist durchgehend deutlich näher an New-Hollywood-Dramen und Darren Aronofskys interessanterem „The Wrestler“ als an den gängigen, mit einem strahlenden Sieg des Helden endenden Hollywood-Biopics. Er ist aber auch gleichzeitig überaus konventionell erzählt als Abfolge von Schnappschüssen aus einem Jahr aus dem Leben eines Sportlers.

Für MMA-Fans ist „The Smashing Machine“ ein Rückblick in die Zeit, als der Sport noch nicht das heutige Riesengeschäft war. Alle anderen werden sich fragen, warum über Kerr ein Biopic gemacht wurde; also was seine besondere Leistung für den Sport und darüberhinaus war. Für sie bleibt am Ende nur ein betont freundliches Porträt eines überaus netten Menschen.

The Smashing Machine (The Smashing Machine, USA/Japan/Kanada 2025)

Regie: Benny Safdie

Drehbuch: Benny Safdie

mit Dwayne Johnson, Emily Blunt, Ryan Bader, Bas Rutten, Oleksandr Usyk, Lyndsey Gavin

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Smashing Machine“

Metacritic über „The Smashing Machine“

Rotten Tomatoes über „The Smashing Machine“

Wikipedia über „The Smashing Machine“ (deutsch, englisch) und Mark Kerr (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ben und Joshua Safdies „Good Time – Wettlauf gegen die Zeit“ (Good Time, USA 2017)


TV-Tipp für den 2. Oktober: Midsommar

Oktober 1, 2025

ZDF, 02.35 Uhr

Midsommar (Midsommar, USA 2019)

Regie: Ari Aster

Drehbuch: Ari Aster

Der in den USA studierende Pelle lädt seine Mitstudierenden ein, an dem nur alle neunzig Jahre stattfindendem Mittsommerfest seiner Gemeinde teilzunehmen. Sie begeben sich in die schwedische Einöde und erleben dort freundliche Eingeborene, drogengeschwängerten Freigeist und mittelalterliche Mystik. Dass es sich dabei um ein Opferritual handelt, ignorieren sie.

Extrem langsam, in wunderschönen Bildern erzählter Mix aus Folk Horror und Ingmar Bergman. Das ist, in der richtigen Stimmung genossen, ein beeindruckender Horrorfilm der anderen Art. In der falschen Stimmung ist dann sogar das Beobachten trocknender Farben spannender.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Florence Pugh, Jack Reynor, William Jackson Harper, Will Poulter, Vilhelm Blomgren, Gunnel Fred, Ellora Torchia, Archie Madekwe

Hinweise

Moviepilot über „Midsommar“

Metacritic über „Midsommar“

Rotten Tomatoes über „Midsommar“

Wikipedia über „Midsommar“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ari Asters „Hereditary – Das Vermächtnis“ (Hereditary, USA 2018)

Meine Besprechung von Ari Asters „Midsommar“ (Midsommar, USA 2019)

Meine Besprechung von Ari Asters „Beau is afraid“ (Beau is afraid, USA 2023)

 


Über „Blade Runner 2039: Luv (Band 1)“ und „Blade Runner 2039: Upgrade (Band 2)“

Oktober 1, 2025

1968 schrieb Philip K. Dick einen Science-Fiction-Roman, der heute längst vergessen wäre, wenn Ridley Scott den Roman nicht 1982 verfilmt hätte. Seine Verfilmung wurde schnell zu einem Kultfilm und Klassiker. Und der Grundstein für ein seitdem expandierendes Franchise mit bislang nur einer (überflüssigen) Filmfortsetzung, Computerspielen, Romanen und Comics, die sich an Scotts Film orientieren. Hauptautor der aktuell erscheinenden „Blade Runner“-Comics ist Mike Johnson.

Sein neuestes Werk ist die Miniserie „Blade Runner 2039“. „Luv“, der erste Sammelband, und „Upgrade“, der zweite Sammelband, sind kürzlich erschienen. Der dritte Band „Ash“ ist für den 16. Dezember angekündigt.

Vor zwanzig Jahren half die Replikantenjägerin Aahna „Ash“ Ashina dem Kind Cleo Selwyn und ihrer Replikanten-Ersatzmutter Isobel Selwyn bei ihrer Flucht auf den Kolonialplaneten Arcadia. Dort waren sie sicher vor Cleos Vater, dem Wirtschaftmagnaten Alexander Selwyn. Und dort sollten sie auch bleiben.

Aber jetzt ist Isobel verschwunden. Cleo glaubt, dass sie auf Befehl von Konzernchef Niander Wallace entführt wurde. Er hat die Tyrell Corporation, die für ihre Replikanten-Produktion bekannt war, übernommen und führt die Produktion mit neuen Modellen fort.

Cleo glaubt, dass die Entführer ihre Mutter zur Erde brachten. Sie folgt diesem Verdacht. Auf der Erde benötigt sie für die Suche Hilfe von Ash, die seit zehn Jahren untergetaucht ist.

Verfolgt werden sie von Luv. Sie gehört zu den neuen von Wallace erschaffenen Replikanten, die sich durch blinden Gehorsam auszeichnen. Sie ist ein Prototyp, der von der vom LAPD im Dienst erprobt wird, und die erste Blade-Runner-Replikantin. Sie soll Cleo finden. Wallace glaubt, dass sie den Schlüssel zur Fruchtbarkeit der Replikanten besitzt.

Die von Autor Mike Johnson, Zeichner Andrés Guinaldo und Kolorist Marco Lesko erfundene Geschichte spielt zwanzig Jahre nach Scotts Film. Die damalige Noir-Welt ist immer noch gut erkennbar. Aber mit einem Ausflug in das gefährliche, an einen Rural Noir erinnernde Hinterland und die noch gefährlichere Stadtruine San Francisco erweitern sie diese Welt klug. Ash vermutet, dass sie dort Isobel finden wird.

Johnson, Guinaldo und Lesko erzählen ihre Geschichte mit wenig Text, knackigen Actionszenen, einem prägnanten Ensemble verschiedener Figuren und zwischen mehreren Handlungssträngen wechselnd. So zeigen sie anfangs Luv bei der Arbeit, ehe die Suche nach Cleos Mutter wichtig wird und der Plan von Niander Wallace immer deutlicher wird.

Wie die Geschichte endet, erfahren wir Mitte Dezember.

Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Lesko: Blade Runner 2039 – Luv (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2025

112 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2039 vol. 1: Luv

Titan Publishing, 2025

Mike Johnson/Andrés Guinaldo/Marco Lesko: Blade Runner 2039 – Upgrade (Band 2)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2025

112 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2039 vol. 2: Upgrade

Titan Publising, 2025

Hinweise

Wikipedia über „Blade Runner“ (deutsch, englisch) und das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)“ (Blade Runner 2019 # 5 – 8, 2020)

Meine Besprechung von Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2029 – Alte Bekannte (Band 1)“ (Blade Runner 2029 # 1 – 4, 2020/2021)


TV-Tipp für den 1. Oktober: Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen!

September 30, 2025

3sat, 20.15

Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen! (Deutschland 2024)

Regie: Torsten Körner

Drehbuch: Torsten Körner

TV-Premiere. Sehenswerter spielfilmlanger Dokumentarfilm über Frauen in der DDR. Auf dem Papier waren dort die Frauen gleichberechtigt. Die Realität sah anders aus. Mit historischen Aufnahmen und aktuellen Interviews.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Amrei Bauer, Kerstin Bienert, Anke Feuchtenberger, Marina Grasse, Brunhilde Hanke, Katja Lange-Müller, Annette Leo, Solveig Leo, Barbara Mädler, Ulrike Poppe, Tina Powileit, Katrin Sass, Katrin Seyfarth, Gabriele Stötzer, Doris Ziegler

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Unbeugsamen 2“

Moviepilot über „Die Unbeugsamen 2“

Wikipedia über „Die Unbeugsamen 2″

Meine Besprechung von Torsten Körners „Die Unbeugsamen“ (Deutschland 2020)

Meine Besprechung von Torsten Körners „Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen, ihr Schönen!“ (Deutschland 2024)


Cover der Woche

September 30, 2025


TV-Tipp für den 30. September: Tatort: Vorstadtballade

September 29, 2025

BR, 20.15

TATORT: Vorstadtballade (Deutschland 2004)

Regie: Martin Enlen

Drehbuch: Rorbert Hültner

In einer Kneipe im Münchner Schlachthofviertel geschieht ein Mord. Die Kommissare Batic und Leitmayr mischen sich unter die Stammtischler.

Für diesen Tatort mit dem vorzüglichen Münchner Team schrieb der Glauser- und Deutschen-Krimi-Preisträger Hültner das Buch. Das Ergebnis ist ein angenehm altmodischer Tatort, der sich viel Zeit für seine intensive Milieuzeichnung nimmt. Denn das Ende ist sehr vorhersehbar.

Mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Michael Fitz, Franz Buchriesner, Anna Brüggemann, Ernst Stankovski, Johann von Bülow

Hinweise

Wikipedia über „Tatort: Vorstadtballade“ und Robert Hültner

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Robert Hültner

Meine Besprechung von Robert Hültners „Ende der Ermittlungen“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Hültners „Am Ende des Tages“ (2013)


TV-Tipp für den 29. September: Summer of Sam

September 28, 2025

Arte, 22.00

Summer of Sam (Summer of Sam, USA 1999)

Regie: Spike Lee

Drehbuch: Victor Colicchio, Michael Imperioli, Spike Lee

New York, 1977 im Hitzesommer: ein Serienkiller, der sich Son of Sam nennt, geht um. In der Bronx jagen einige Italiener den Killer und verdächtigen jeden, den sie nicht mögen. Dazwischen tobt der normale Wahnsinn einer multikulturellen Großstadt.

Seltenst gezeigter, guter Spike-Lee-Film. „ein großes, furioses und auch differenziertes New York-Epos“ (Hans Schifferle, SZ, 1. 6. 2000) „eine Serienkiller-Fantasie der dritten Art“ (Norbert Grob: Summer of Sam, in Gunnar Landsgesell/Andreas Ungerböck, Hrsg.: Spike Lee, 2006)

mit John Leguizamo, Mira Sorvino, Jennifer Esposito, Adrien Brody, Michael Rispoli, Bebe Neuwirth, Ben Gazzara, Michael Badalucco, Anthony LaPaglia, John Savage, Jimmy Breslin, Spike Lee

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Summer of Sam“

Wikipedia über „Summer of Sam“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Spike Lees „Buffalo Solders ’44 – Das Wunder von St. Anna“ (Miracle at St. Anna, USA/Italien 2008)

Meine Besprechung von Spike Lees “Oldboy” (Oldboy, USA 2013)

Meine Besprechung von Spike Lees „BlacKkKlansman“ (BlacKkKlansman, USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“

September 28, 2025

Ältere Semester, also ungefähr jeder, der um die vierzig Jahre oder älter ist, wird sich noch an den Brandanschlag von Mölln erinnern. Am 23. November 1992 warfen zwei Rechtsextremisten in Mölln Molotowcocktails in zwei Häuser. Aus dem Haus in der Ratzeburger Straße 13 konnten sich alle Bewohner retten. In dem dreistöckigem Backsteinhaus in der Mühlenstraße 9 breitete sich das Feuer rasend schnell aus. Die zehnjährige Yeliz Arslan, die 14-jährige Ayşe Yilmaz und die 51-jährige Bahide Arslan starben.

Ältere Semester werden sich auch an die deutschlandweite Erschütterung, die Mahnwachen und Lichterketten erinnern.

Über dreißig Jahre später ist der Anschlag für die Betroffenen immer noch sehr präsent. Marina Priessner zeigt das eindrücklich in ihrem Dokumentarfilm „Die Möllner Briefe“.

Im Mittelpunkt des Films steht Ibrahim Arslan. Er überlebte als Siebenjähriger den Anschlag. Heute kümmert er sich um eine für die Betroffenen angemessene Form des Gedenkens. Er ist empört und erschüttert darüber, dass ihnen damals die titelgebenden Briefe nicht ausgehändigt wurden. Es sind um die tausend Briefe, die damals von Deutschen geschrieben wurden, die erschüttert von dem Anschlag waren, ihre Solidarität bekundeten und versicherten, dass Deutschland anders sei. Viele gingen an eine Teestube, wurden von dort an das Ordnungs- und Sozialamt weitergeleitet und später von der Stadt archiviert. Sie waren seitdem öffentlich zugänglich. Sie wurden auch in der Bildungsarbeit verwendet, aber es wurde nicht weiter kommuniziert, dass sie vorhanden seien. Die Familie Arslan, an die die Briefe gerichtet waren, wurden nicht über die Briefe informiert oder, was das einzig Richtige gewesen wäre, an sie weitergeleitet. Warum das nicht geschah ist unklar. Im Film wird die Erklärung forciert, dass es sich um instutionellen Rassismus handelt.

Aus eigener Erfahrung würde ich sagen, dass Blödigkeit und verwaltungsinterne Blindheit, festgelegt in Verfahren, ebenfalls, falls nicht sogar entscheidend, dazu beitrugen. D. h. die Verwaltung hätte in jedem Fall so reagiert.

Erst vor wenigen Jahren erfuhren die Arslans von den Briefen. Eine Studentin las im Rahmen einer Arbeit die Briefe und sprach Ibrahim Arslan auf sie an. Lange Verhandlungen und Gespräche mit der Stadt Mölln über den Umgang mit den Briefen, die in „Die Möllner Briefe“ gezeigt werden, folgten. Inzwischen sind die Briefe im 1990 unter einem anderen Namen gegründetem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) archiviert und zugänglich.

Außerdem begleitet Priessner Ibrahim Arslan zu Treffen mit drei der damaligen Briefeschreiberinnen, die von ihren damaligen Gefühlen erzählen. Priessner unterhält sich auch mit Ibrahim Arslans Geschwistern, seiner Mutter und weiteren Überlebenden des Anschlags und wie sie versuchen, die Horrornacht zu verarbeiten.

Die Möllner Briefe“ sind ein parteiischer Dokumentarfilm, der die damaligen öffentlichen Reaktionen fast vollständig ignoriert. Das verleiht der sehenswerten und auch erschütternden Dokumentation eine eigentümliche und auch vollkommen überflüssige Schlagseite.

Die Möllner Briefe (Deutschland 2025)

Regie: Marina Priessner

Drehbuch: Marina Priessner

mit Ibrahim Arslan, Namık Arslan, Hava Arslan, Yeliz Burhan

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Die Möllner Briefe“

Moviepilot über „Die Möllner Briefe“

Wikipedia über „Die Möllner Briefe“ und den Brandanschlag von Mölln

Berlinale über „Die Möllner Briefe“


TV-Tipp für den 28. September: True Grit

September 27, 2025

Arte, 20.15

True Grit (True Grit, USA 2010)

Regie: Joel Coen, Ethan Coen

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

LV: Charles Portis: True Grit, 1968 (Die mutige Mattie; True Grit)

Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.

Inzwischen wohl kein zukünftiger Western-Klassiker mehr, sondern schon ein Western-Klassiker.

Anschließend, um 22.00 Uhr zeigt Arte die 55-minütige Doku „Jeff Bridges und ‚The Dude'“ (Frankreich 2025).

mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper

Hinweise

Wikipedia über Charles Portis (deutsch, englisch) und „True Grit

New York Times über Charles Portis (19. Dezember 2010)

Metacritic über “True Grit”

Rotten Tomatoes über “True Grit”

Wikipedia über „True Grit“ (Coen-Version) (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Charles Portis’ Roman „True Grit/Die mutige Mattie“ (True Grit, 1968)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Meine Besprechung von Joel Coens „Macbeth“ (The Tragedy of Macbeth, USA 2021)

Meine Besprechung von Ethan Coens „Drive-Away Dolls“ (Drive-Away Dolls, USA 2024)

Meine Besprechung von Ethan Coens „Honey don’t!“ (Honey don’t!, USA 2025)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über den Slow-Burning-Horrorfilm „Animale“

September 27, 2025

Die 22-jährige Nejma (Oulaya Amamra) will als erste Frau den jährlichen Course Camarguaise gewinnen. In dieser in Südfrankreich ausgeübten Form des Stierkampfs, die zum Immateriellen Kulturerbe Frankreichs gehört, geht es nicht darum, den Stier zu töten, sondern ihn herauszufordern und während des Kampfes unterschiedlich wertvolle Trophäen von den Hörnern des Stiers zu entfernen. Nach dem Kampf wird der Stier zurück auf die Weide geführt. Der Course Camarguaise ist ein traditioneller Sport, ein Wettbewerb zwischen Mensch und Tier und ein gutes Geschäft für die Region.

Die anderen Raseteure akzeptieren Nejma als eine von ihnen. Ausführlich zeigt Emma Benestan in ihrem zweiten Spielfilm das Leben der Raseteure zwischen Training, Pflege und Aufzucht der Tiere auf Höfen. Es ist ein hartes und ärmliches Leben in der Provinz, in der sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig änderte.

Nach einem Wettkampf wird gefeiert und viel Alkohol getrunken. So auch nach Nejmas erstem Kampf in einer Stierkampfarena. In dieser Nacht geschieht etwas. Ab dem nächsten Tag bemerkt Nejma zunehmend Veränderungen an sich. Es ist, als ob sie in der Nacht zu einem anderen Wesen wurde.

Zur gleichen Zeit häufen sich nächtliche Angriffe auf Tiere und Menschen. Ihre Leichen sehen aus, als ob sie von einer Bestie zerfetzt worden wären.

Gestandene Horrorfilmfans ahnen sehr schnell, wer die Bestie ist und auch, was in der Nacht geschah. Benestan macht daraus ein großes Geheimnis, das erst am Ende vollständig enthüllt wird. Sie erzählt in „Animale“ ihre Version der Geschichte des Wolfsmenschen, konnotiert sie feministisch und würzt sie mit etwas Kapitalismuskritik. Denn die tödlichen Angriffe der Bestie auf Menschen werden primär als ein Problem für das Geschäft mit den die Wettkämpfe besuchenden Touristen gesehen. Das folgt den vertrauten Genrekonventionen und deutet dabei die schrecklichen Ereignisse mehr an als sie zu zeigen.

Neu und interessant ist dagegen ihr tiefes Eintauchen in die Welt der Raseteure. Über weite Strecken ist der Slow-Burner „Animale“ mehr ein quasi-dokumentarisches Sozialdrama als ein traditioneller Horrorfilm.

Animale (Animale, Frankreich/Belgien 2024)

Regie: Emma Benestan

Drehbuch: Emma Benestan

mit Oulaya Amamra, Damien Rebattel, Vivien Rodriguez, Claude Chaballier, Elies Morgan Admi-Bensellam, Pierre Roux

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Animale“

AlloCiné über „Animale“

Metacritic über „Animale“

Rotten Tomatoes über „Animale“

Wikipedia über „Animale“ 


TV-Tipp für den 27. September: Ein Gauner & Gentleman

September 26, 2025

wegen Robert Redford

WDR, 00.45

Ein Gauner & Gentleman (The old man & the gun, USA 2018)

Regie: David Lowery

Drehbuch: David Lowery

LV: David Grann: The Old Man and the Gun (Reportage, The New Yorker, 27. Januar 2003)

Wunderschön entspannte Schnurre über den Berufsverbrecher Forrest Tucker (Robert Redford), der 1981 nach eine Banküberfall Jewel (Sissy Spacek) trifft. Er beginnt mit der nichtsahnenden Witwe eine Beziehung, während er mit seinen Kumpels schon den nächsten Banküberfall plant.

David Lowery erzählt seine äußerst gelungene Mischung aus Liebes- und Gangsterfilm mit viel Retro-Charme als nostalgische, tiefenentspannte Abschiedsvorstellung, die noch einmal die gute alte Zeit feiert, als schlitzohrige Berufsverbrecher auch Gentleman sein konnten. Ein Film für große und kleine Lagerfeuer.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Robert Redford, Sissy Spacek, Casey Affleck, Danny Glover, Tom Waits, Tika Sumpter, Keith Carradine, Isiah Whitlock Jr., John David Washington

Hinweise

Moviepilot über „Ein Gauner & Gentleman“

Metacritic über „Ein Gauner & Gentleman

Rotten Tomatoes über „Ein Gauner & Gentleman“

Wikipedia über „Ein Gauner & Gentleman“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Lowerys „Elliot, der Drache“ (Pete’s Dragon, USA 2016)

Meine Besprechung von David Lowerys „A Ghost Story“ (A Ghost Story, USA 2017)

Meine Besprechung von David Lowerys „Ein Gauner & Gentleman“ (The old man & the gun, USA 2018) (mit Q&A-Clips) und der DVD

Meine Besprechung (kurz) von David Lowerys „The Green Knight“ (The Green Knight, USA 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien“ enthüllt

September 26, 2025

Wer ist Maria Reiche und warum ist sie wichtig?

Was sind die Nazca-Linien? Nun, diese Frage kann ich mit einem Bild beantworten:

Die Antwort auf die erste Frage ist etwas schwieriger.

Maria Reiche ist die Frau in dem Bild. Oder, genaugenommen, es ist Devrim Lingnau Islamoğlu, die Maria Reiche spielt.

Maria Reiche wird 15. Mai 1903 in Dresden geboren. Sie studiert Mathematik, Physik und Geografie an der Technischen Hochschule Dresden. 1928 legt sie ihr Staatsexamen ab. 1932 verläßt sie Deutschland in Richtung Südamerika. 1936 besucht sie Deutschland, beschließt aber aufgrund der politischen Situation, wieder nach Peru zurückzukehren. 1937 eröffnet sie in Lima, der Hauptstadt von Peru, eine Sprachschule. Dort lernt sie die US-Amerikanerin Amy Meredith, ihre spätere Lebenspartnerin, kennen.

1941 beauftragt der US-amerikanische Historiker Paul Kosok sie, Messungen an den Nazca-Linien vorzunehmen. Wegen ihrer Größe und weil sie nur aus der Luft richtig erkennbar sind, wurden sie erst wenige Jahre früher entdeckt. 1946 beginnt Reiche allein mit einer systematischen Vermessung der Nazca-Linien. Davor säubert sie die Linien mit einem Reisigbesen (auch im Bild). Sie vermutet, dass die Zeichnungen astronomischen Zwecken dienten und es sich um einen Kalender handelt. Fortan widmet sie ihr Leben der Freilegung, Erforschung und dem Erhalt der Nazca-Linien. Seit 1994 gehören die über 1500 riesigen nur aus der Luft und von Hügeln erkennbaren, zwischen 800 vor Christus und 600 nach Christus entstandenen Scharrbilder zum UNESCO-Welterbe. Reiche starb am 8. Juni 1998 in Lima, Peru.

Zwei Jahre vor ihrem Tod lernte Regisseur Damien Dorsaz sie kennen. Er ist fasziniert von ihr, dreht 2006 den Dokumentarfilm „Maria Reiche, la Dame de Nasca“ und arbeitet, mit Unterbrechungen, seit 2007 an einem Spielfilm über sie. In dem Film, der jetzt im Kino anläuft, nimmt er sich, wie er freimütig zugibt, Freiheiten.

Dessen ungeachtet erzählt er in seinem Spielfilmdebüt ruhig und chronologisch die Geschichte einer Frau, die am Filmanfang unsicher über ihren weiteren Lebensweg ist. Nachdem sie aufgrund eines Übersetzungsauftrags zufällig die Nazca-Linien sieht und sich fragt, warum die Einheimischen vor Jahrhunderten diese auf den ersten Blick sinnlosen riesigen Zeichnungen im Wüstenboden anfertigten, hat sie, ohne es in dem Moment zu wissen, den Sinn ihres Lebens entdeckt.

Dorsaz erzählt das überaus konventionell, überzeugend und auch informativ. Nach dem Film ist weiß man eindeutig mehr über die Nazca-Linien und ihre Entdeckerin als vorher.

Und warum haben die Nazca diese riesigen Linien und Bilder in die Wüste bei Nazca und Palpa geritzt?

Erich von Däniken vermutete – und daher dürften einige die Nazca-Linien kennen –, dass es sich um Landeplätze für Außerirdische handelt. Das ist blühender Blödsinn.

Endgültig ist das immer noch nicht geklärt. Für Maria Reiche waren sie ein riesiger astronomischer Kalender. Einige Bilder können auch einen anderen Zweck haben, wie Teil eines Fruchtbarkeitsrituals sein, oder eine Wegmarkierung sein. Seit dem Tod von Maria Reiche wurden weitere Linien gefunden. Die Suche nach Erklärungen für alle dieser Linien hält an.

Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien (Lady Nazca, Frankreich/Deutschland 2025)

Regie: Damien Dorsaz

Drehbuch: Damien Dorsaz, Fadette Drouard, Franck Ferreira Fernandes

mit Devrim Lingnau Islamoğlu, Olivia Ross, Guillaume Gallienne, Javier Valdés, Marina Pumachapi

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien“

Filmportal über „Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien“

Moviepilot über „Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien“

Wikipedia über „Maria Reiche: Das Geheimnis der Nazca-Linien“ (deutsch) und Maria Reiche (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Gewinner des Silbernen Bären 2025: „Das tiefste Blau“

September 26, 2025

In einer Zukunft, die sich kaum von der Gegenwart unterscheidet, werden Menschen ab einem bestimmten Alter in eine einsam gelegene Seniorenkolonie, die wir niemals sehen, abgeschoben. Mit dem Bild von alten Menschen, die in Käfigen sitzen, in denen früher wahrscheinlich Hunde und ähnlich große Tiere transportiert wurden und die auf Ladeflächen von Jeeps befestigt sind, und die geduldig auf ihren Transport in die Seniorenkolonie warten und einer digitalen Bibel schafft Gabriel Mascaro das sparsam gezeichnete, aber dennoch überzeugende Bild einer Dystopie. Die anderen Bilder unterscheiden sich kaum von älteren Filmen mit ausdehnten Bootsfahrten, wie „The African Queen“ und „Apocalypse Now“, die beide nicht in Südamerika spielen.

In dieser Welt lebt die 77-jährige Tereza (Denise Weinberg) in einer kleinen Industriestadt im Amazonasgebiet allein und selbstbestimmt in ihrer Hütte. Sie ist zufrieden mit ihrem Leben. Sie arbeitet und möchte auch weiter arbeiten.

Aber jetzt ist sie in dem Alter, in dem sie ein Anrecht auf einen Platz in der Seniorenkolonie hat.

Bevor sie demnächst dorthin abgeschoben wird, möchte Tereza die Welt kennen lernen und fliegen. Für einen Flug in einem regulären Flugzeug braucht sie wegen ihres Alters eine Einverständniserklärung ihrer Tochter. Die Tochter ist dagegen. Da erfährt Tereza, dass sie in Itacoatiara in einem nicht-kommerziellen Flugzeug mitfliegen kann. Der einzige Weg dorthin ist in einem Boot, das den Amazonas befährt. Zusammen mit Cadu, einem verschuldetem Glücksritter und Besitzers eines kleinen Kutters, macht sie sich auf den verschlungenen und mit Hindernissen gesäumten Weg.

Auf der diesjährigen Berlinale erhielt Gabriel Mascaros „Das tiefste Blau“ den Großen Preis der Jury, auch bekannt als Silberner Bär, den Preis der Ökomenischen Jury und den Preis der Leserjury der Berliner Morgenpost. Entsprechend hoch sind die Erwartungen und es gibt vieles, was für den etwas anderen Science-Fiction-Film spricht.

Wegen seiner Struktur gehört „Das fiefste Blau“ allerdings zu den Filmen, die irgendwann in der Filmmitte von einem spannenden Film zu einem tödlichen Langweiler werden. In dem Moment ist die Geschichte des Films erzählt. Die zweite Hälfte wiederholt dann entweder noch einmal die Geschichte und Aussage des ersten Teils oder es wird eine vollkommen neue, deutlich uninteressantere Geschichte begonnen. In diesem Fall wird Tereza am Ende ihrer Reise und Rückkehr aus Itacoatiara inhaftiert. Jetzt soll die fluchtgeneigte Alte wirklich in die Seniorenkolonie gebracht. Sie flüchtet wieder und in dem Moment könnte „Das tiefste Blau“ enden. Jascaros erzählt ab diesem Moment von einer zweiten Bootsfahrt von Tereza. Dieses Mal fährt sie mit einer Nonne, die digitale Bibeln verkauft. In dieser Hälfte des Films erfahren wir nichts wesentlich Neues über die gewitzte Tereza und ihren unbändigen Freiheitsdrang.

Gegen die so entstehende Langeweile verblassen die gelungenen Punkte das Films, wozu unbedingt die mit sparsamsten Mitteln wunderschön skizzierte Utopie, die atmosphärischen Bildern aus dem Dschungel und die guten Schauspieler gehören.

Das macht „Das tiefste Blau“ zu einem weiteren Film, den man mitten während der Vorführung verlassen sollte. Jedenfalls wenn man einen guten Film sehen will.

Das tiefste Blau (O Último Azul, Brasilien/Mexiko/Niederlande/Chile 2025)

Regie: Gabriel Mascaro

Drehbuch: Gabriel Mascaro, Tibério Azul (in Zusammenarbeit mit Murilo Hauser und Heitor Lorega)

mit Denise Weinberg, Rodrigo Santoro, Miriam Socarras, Adanilo

Länge: 86 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

internationaler Titel: The Blue Trail

Hinweise

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Metacritic über „Das tiefste Blau“

Rotten Tomatoes über „Das tiefste Blau“

Wikipedia über „Das tiefste Blau“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Das tiefste Blau“


Neu im Kino/Filmkritik: „The Negotiator“, ein Pflichttermin für zur Paranoia neigende Thrillerfans

September 26, 2025

Ash (Riz Ahmed) ist der titelgebende ‚Negotiator‘. Er vermittelt zwischen Whistleblowern, die kalte Füße bekommen und die belastenden Dokumente gerne an ihre Arbeitgeber zurückgeben würden, und den Arbeitgebern, die diese Dokumente gerne wieder hätten. Für die Rückgabe der Dokumente und das damit verbundene Schweigen und Untertauchen des Whistleblowers an einem unbekannten Ort müssen die Firmen etwas Schweigegeld bezahlen. Es ist sicher kein Geschäft, das die Welt besser macht – das wäre, wenn die Informationen des Whistleblowers veröffentlicht und die von ihm geschilderten Missstände abgestellt würden – aber immerhin ein Geschäft, das einen Menschen, der sein Gewissen entdeckte und der jetzt Angst um sein Leben hat, wieder ruhiger schlafen lässt.

Weil diese Verhandlungen sehr gefährlich sind, führt Ash in New York City ein anonymes Leben im Untergrund. Niemand kennt ihn. Meistens ist er allein. In Gruppen schweigt er. Immer wenn eine Kamera ihn aufnehmen könnte, verschwindet er in der Masse. Mittels modernster Technik, seit langem bewährten Methoden und, was sich zum Running Gag des Thrillers entwickelt, eines altmodischen, aber immer noch aktiven Relay-Dienstes wickelt er seine Geschäfte ab.

Die meisten Menschen werden sich jetzt fragen, was ein Relay-Dienst ist. Ein solcher Dienst hilft hör- und sehgeschädigten Menschen beim Telefonieren. Im Film gibt der eine Teilnehmer an dem Gespräch seine Texte auf einer Tastatur ein. Der Relay-Dienst liest dem anderen Teilnehmer dann die Nachricht vor. Diese antwortet, indem sie ihre Antwort eintippt und sie dem anderen Teilnehmer vorlesen lässt. So kennen die Teilnehmer die Stimme des anderen Gesprächsteilnehmers nicht. Das Gespräch kann nicht zurückverfolgt werden. Und der Relay-Dienst ist zu strikter Anonymität verpflichtet. Er gibt keine Auskunft über seine Kunden, wann sie telefonierten und noch weniger über die Gesprächsinhalte. Für Ash ist die Tri-State Relay Station das perfekte Medium zur Kommunikation mit seinen Kunden.

Sein neuester Kunde ist Sarah Grant (Lily James). Sie arbeitet für ein Biotech-Unternehmen, das eine große Schweinerei mit allen Mitteln vertuschen will. Nach einigen seltsamen Ereignissen fürchet Sarah, dass ihr Arbeitgeber sie töten will. Sie hofft, durch die Rückgabe der Dokumente ihr Leben zu retten. Aber sie weiß auch, dass sie eine Lebensversicherung braucht. Dafür engagiert sie Ash.

Ash beginnt mit den Verhandlungen, die aus dem Ruder laufen. Sie wird beobachtet. Das ist nichts ungewöhnliches und damit kann Ash gut umgehen. Ungewöhnlicher ist, dass – wie wir Zuschauer wissen – dieses Beobachterteam ihn unbedingt fangen will. Gleichzeitig entwickelt er für die ängstliche und sich immer wieder etwas ungeschickt verhaltende Sarah Gefühle. Er beginnt die Regeln, die ihm bislang ein Leben in Sicherheit verschafften, zu dehnen und zu brechen.

The Negotiater“ ist ein straffer 70er-Jahre-Paranoiathriller, der nicht im Geheimagentenmilieu, sondern in der Welt der Wirtschaft spielt, in der skrupellose Konzerne ihre Interessen mit allen Mitteln schützen.

Das ist spannend und wird von David Mackenzie, von dem auch der vorzügliche Neo-Western „Hell or high Water“ stammt, glaubwürdig erzählt; – auch wenn die Story, wenn man drüber nachdenkt, blühender Unfug ist. In der Realität dürften solche Verhandlungen, wie in „Michael Clayton“, von anzugtragenden Wirtschaftsanwälten erledigt werden. Oder das Unternehmen startet spätestens nach der Veröffentlichung der Dokumente einfach eine Schmutzkampagne gegen den Whistleblower und macht ihn mit Gerichtsverfahren mundtot.

Aber für die zwei Filmstunden glauben wir, dass es Ash gibt, er für Sarah einen Deal aushandeln will und er von einer von anynomen Konzernen bezahlten Spezialeinheit durch die Häuserschluchten von New York gejagt wird. Es ist die graue Welt der Geheimdienste, in der die Welt keine James-Bond-Actionbonanza, sondern ein Schachspiel ist, in dem geduldig die Figuren über das Spielfeld geschoben und in die richtige Position gebracht werden.

Am Ende gibt es eine gelungene Überraschung und, leider auch, einige Actionklischees und vorhersehbare Wendungen. Diese funktionieren nur, weil Ash von seinen Regeln abweicht. Denn normalerweise wäre er in dem Moment, in dem es für ihn brenzlig wird, wie ein Geheimagent im feindlichen Gebiet, einfach untergetaucht und verschwunden.

Das ist nur ein kleiner Kritikpunkt an einem insgesamt äußerst gelungenem Old-School-Thriller, der sich auf sein Drehbuch, die Locations und die Schauspieler verlässt.

The Negotiator (Relay, USA 2024)

Regie: David Mackenzie

Drehbuch: Justin Piasecki

mit Riz Ahmed, Lily James, Sam Worthington, Willa Fitzgerald, Jared Abrahamson, Victor Garber, Matthew Maher

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Negotiator“

Metacritic über „The Negotiator“

Rotten Tomatoes über „The Negotiator“

Wikipedia über „The Negotiator“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mackenzies „Hell or High Water“ (Hell or High Water, USA 2016) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan)


TV-Tipp für den 26. September: Der Mann, den sie Pferd nannten

September 25, 2025

BR, 22.50

Ein Mann, den sie Pferd nannten (A man called horse, USA 1970)

Regie: Elliot Silverstein

Drehbuch: Jack DeWitt

LV: Dorothy M. Johnson: A man called horse, 1950 (Kurzgeschichte, Erstveröffentlichung in Collier’s, Nachdruck 1953 in dem Sammelband „Indian Country“)

Ein englischer Aristokrat wird von Sioux gefangen genommen. Mit der Zeit erwirbt er sich den Respekt der Indianer.

Enorm erfolgreicher Western, der damals als erster authentischer Indianerfilm beworben wurde. Es gab Input von Experten und im Film wird fast nur Sioux gesprochen (jedenfalls in der Originalfassung), trotzdem warfen die Sioux ihm zahlreiche Verfälschungen und Fehler vor.

mit Richard Harris, Judith Anderson, Jean Gascon, Manu Tupou, Corinna Tsopei

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ein Mann, den sie Pferd nannten“

Wikipedia über „Ein Mann, den sie Pferd nannten“ (deutsch, englisch)