Georg Seidler will aus Europa nach Mexiko flüchten. In Marseille wartet er auf das rettende Transitvisum und trifft auf die Frau des Mannes, dessen Identität er angenommen hat.
TV-Premiere. Christian Petzold verlegt Anna Seghers während des Zweiten Weltkriegs spielenden Roman in die Gegenwart. Mit einem sehr überzeugendem Ergebnis.
mit Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, Barbara Auer, Matthias Brandt, Sebastian Hülk, Antoine Oppenheim, Ronald Kukulies, Justus von Dohnányi, Alex Brendemühl, Trystan Pütter
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Die lesenswerte Vorlage
ist in verschiedenen Ausgaben erhältlich, u. a.
Anna Seghers: Transit
Aufbau Taschenbuch, 2018
416 Seiten
12 Euro
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Der Roman erschien zuerst 1944 in den USA auf englisch, anschließend in Mexiko auf spanisch und 1947 auf deutsch als Fortsetzungsroman in der Berliner Zeitung.
Spätere deutsche Veröffentlichungen bearbeiteten den Text.
Erst 2001 erschien im Rahmen der Werkausgabe die erste authentische deutsche Buchausgabe.
Seit einigen Tagen kann Christian Petzolds neuer Film „Undine“ online bei den einschlägigen Plattformen gekauft werden. Am 19. November veröffentlicht Piffl Medien/good!movies den Film als Stream, DVD- und Blu-ray.
Der Titel „Unnützes James Bond Wissen“ ist eine glatte, hundertfünfzigprozentige Lüge. Es gibt kein unnützes Bond-Wissen. Das sage ich als moderater Bond-Fan, der jetzt nicht erklären möchte, wie viele Regalmeter mit James Bond gefüllt sind.
Bei Danny Morgenstern, dem Autor von „Unnützes James Bond Wissen“ und einiger Bücher über James-Bond-Filme, dürften es deutlich mehr Regalmeter sein.
Im Mittelpunkt von seinem neuen Buch stehen, wenig überraschend, die James-Bond-Filme. Sie werden chronologisch von „Casino Royale“ (dem TV-Film von 1954, der lange als verschollen galt) bis zu dem für nächstes Jahr angekündigtem, neuen Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (der letzte mit Daniel Craig) behandelt. Neben den offiziellen Bond-Filmen sind auch „Casino Royale“ (1967) und „Sag niemals nie“ (1983) enthalten. In den einzelnen Kapiteln gibt es keine langen Texte, sondern unzählige, wenige Zeilen umfassende Notizen mit wichtigen, um nicht zu sagen lebenswichtigen Informationen, wie dass am Drehbuch zu „Sag niemals nie“ unter anderem Francis Ford Coppola, Ian La Frenais, Dick Clement und Len Deighton mitarbeiteten oder bei den Dreharbeiten für „Sag niemals nie“ (der letzte Auftritt von Sean Connery als James Bond) echte Haie eingesetzt wurden.
Die Bond-Romane von Ian Fleming und, nach seinem Tod, von Kingsley Amis (als Robert Markham), John Gardner, Raymond Benson, Sebastian Faulks, Jeffery Deaver, William Boyd und Anthony Horowitz werden auf wenigen Seiten abgehandelt. Sie haben hier wieder das ihnen aus anderen Büchern über James Bond bekannte Schicksal: sie werden pflichtschuldig erwähnt.
Für Bond-Fans ist Morgensterns Buch mit unnützem Bond-Wissen eine gut gefüllte Fundgrube mehr oder weniger trivialer Informationen über den Geheimagenten ihrer Majestät und seine weltrettenden Missionen rund um den Globus.
Zum Abschluss noch ein Bond-Fakt, der es nicht in Morgensterns Buch geschafft; vielleicht weil er nicht unnütz genug ist: Donald Westlake (aka Richard Stark) wurde vor dem Kinostart von „GoldenEye“ für Ideen für den nächsten Bond-Film gefragt. Westlake schrieb zwei Treatments, die nicht hundertprozentig den Erwartungen der Produzenten entsprachen und weil Westlakes Arbeitsweise (ausgehend von einer Idee einfach drauflos schreiben) mit den Erfordernissen für eine Großproduktion (bei der wenigstens ein grobes Handlungsgerüst mit den notwendigen Schauplätzen feststehen muss) kollidierte, wurde aus dem gemeinsamen Bond-Film nichts. Westlake verarbeitete seine Ideen in dem Roman „Forever and a Death“, der posthum 2017 bei Hard Case Crime erschien. Übersetzt wurde der Thriller noch nicht und das wird sich wahrscheinlich nicht ändern.
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Ein Wort zum Video: Ab der 13. Minute packt Danny Morgenstern „Unnützes James Bond Wissen“ aus und erzählt einiges zum Buch. Danach kündigt er einige Veranstaltungen an, die wegen des Lockdowns nicht stattfinden.
Das Warten auf den neuen James-Bond-Film hat noch lange kein Ende. Bis dahin
RTL, 20.15
James Bond: Spectre (Spectre, USA/Großbritannien 2015)
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade, Jez Butterworth
LV: Charakter von Ian Fleming
James Bond will die geheimnisvolle Verbrecherorganisation Spectre zerstören. Sein Gegner ist dabei Franz Oberhauser. Sie haben sich schon als Kinder gekannt.
Nach dem grandiosen „Skyfall“ enttäuschte „Spectre“, der sich mehr um einen überflüssigen Bohei um den Namen des Bösewichts als um ein schlüssiges Drehbuch kümmert. Am Ende ist „Spectre“ der halbherzige Versuch, einen klassischen James-Bond-Film zu inszenieren.
mit Daniel Craig, Christoph Waltz, Léa Seydoux, Ben Whishaw, Naomie Harris, Dave Bautista, Monica Bellucci, Ralph Fiennes, Andrew Scott, Rory Kinnear, Jesper Christensen, Stephanie Sigman
TV-Premiere des sehenswerten Biopics über Viktor Zoi (1962 – 1990), der mit seinen regimekritischen Texten zu einem Idol der sowjetischen Jugend wurde.
Juan Santos darf zur Kommunion seiner Tochter Estrella das Gefängnis verlassen. Auf dem Heimweg werden sie, in der Nähe ihrer Wohnung, von einem anderen Auto gerammt. Juans Tochter stirbt bei dem Unfall. Der Fahrer des Unfallwagens kann entkommen.
Aber es gibt eine Spur. In der Nähe wurde nämlich ein Kokainlabor überfallen und mehrere Rumänen ermordet.
Und schon sind wir in einem veritablen Gangsterkrieg. Santos gehört nämlich zur Santos-Familie. Sie sind mit den Fortunas, die sie aus ihrem alten Revier geworfen haben, verfeindet. Die Polizei versucht zwar den Fall aufzuklären, aber so klar ist ihre Rolle und damit die Fronten nicht.
„Adiós – Die Clans von Sevilla“ ist ein spannender Neo-Noir-Thriller, der deutlich von ähnlichen französischen Noirs der letzten Jahre (naja, inzwischen fast schon Jahrzehnte) inspiriert ist. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Die Beziehungen der Figuren untereinander sind komplex, aber in ihren Grundzügen klar. Das führt dazu, dass die Handlung, bei allen Überraschungen, immer nachvollziehbar bleibt. Es gibt einige ausgedehnte, ausgezeichnet choreographierte Actionszenen.
Paco Cabezas inszenierte „Tokarev – Die Vergangenheit stirbt niemals“, „Mr. Right“ und mehrere Folgen für „Penny Dreadful“, „The Alienist – Die Einkreisung“, „Into the Badlands“, „Fear the Walking Dead“ und „American Gods“.
Adiós – Die Clans von Sevilla (Adiós, Spanien 2019)
Regie: Paco Cabezas
Drehbuch: José Rodríguez, Carmen Jimenez
mit Mario Casas, Natalia de Moina, Ruth Díaz, Carlos Bardem, Vicente Romero, Paulina Fenoy, Mauricio Morales, Sebastián Haro
LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005
Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.
Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde.
Streamingdienste bedrohen aufgrund ihres Geschäftsmodells unsere Demokratie. Das ist in einem Satz Marcus S. Kleiners These in seinem Buch „Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen“. Kleiner ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin Universitiy of Applied Sciences.
Diese These ist interessant. Aber ist sie auch plausibel? Immerhin sind Streamingdienste Unterhaltungsplattformen, die mehr oder weniger gelungene Serien und Filme zeigen. Meistens fiktionale Filme, seltener Dokumentarfilme. Nachrichten und politische Meinung gehören nicht zu ihrem Geschäftsmodell. Auf dem deutschen Markt, über den Kleiner schreibt, gibt es solche tagespolitischen Formate nicht; – jedenfalls soweit ich diesen Markt überblicke. Außerdem erwähnt Kleiner auch kein entsprechendes Format. Tagespolitik läuft in Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, im Radio, in den Printmedien und inzwischen auch auf verschiedenen YouTube-Kanälen und Podcasts. Warum sollten also Streamingdienste mit ihrem Unterhaltungsprogramm unsere Demokratie und den demokratischen Diskurs über wichtige gesellschaftliche Themen bedrohen?
Das liegt nach Kleiner nicht an dem Angebot der Streamtingdienste, sondern wie sie Filme empfehlen: „Wer die Fähigkeit verliert, selbst zu entscheiden, ist nur noch sehr eingeschränkt ein/e mündige/r Bürger*in. Wir werden entmündigt, wenn unsere Urteilskraft zunehmend durch Programmcodes ersetzt wird. Und wir entmündigen uns permanent selbst, wenn wir das zulassen. Wir tragen damit selbst zur Abschaffung unserer Demokratie bei, denn wir reagieren nur noch, klicken auf Felder, die ein Algorithmus für uns vorbereitet hat. Damit ist aber ein Kennzeichen unserer Demokratie verloren, weil diese voraussetzt, dass wir autonome, selbstständige, bewusst urteilende und uns frei entscheidende Individuen sind.“
Streamingdienste sind, so Kleiner, nicht an Aufklärung und einem kritischen Diskurs (also, salopp gesagt, der Demokratie) interessiert. Sie wollen ihre Kunden unterhalten und sie wollen sie möglichst lang auf ihrer Plattform behalten. Und jede Minute, die man mit Unterhaltung verbringt, verbringt man nicht mit anderen Dingen.
Kleiner stellt dann das bundesdeutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen den Streamingdiensten gegenüber. Das ÖR-Fernsehen hat einen Neutralitäts- und Bildungsauftrag. Es muss also Informationssendungen zum politischen Geschehen bringen, verschiedene Meinungen neutral präsentieren und Fakten und Ereignisse einordnen.
Ein Streamingdienst hat diese Verpflichtung nicht
Konkret gesagt: ein Streamingdienst wird sich über eine absurde Theorie oder Sensationsreportage freuen, wenn er damit neue Kunden gewinnt. Ein ÖR-Sender wird die absurde Theorie als absurd einordnen; – falls er überhaupt darüber berichtet.
Das ist der einleuchtende Kern von Kleiners These, die er in „Streamland“ allerdings kaum begründet. Anstatt empirischer Beweise, beschränkt er sich auf das Anekdotische. Statt Zahlen von Streamingdiensten, verweist er auf das Geschäftsmodell von Facebook und YouTube, die wollen, dass ihre Kunden möglichst lange bei ihnen bleiben. Das geht am besten mit Sensationsmeldungen, Polemik und extremen Zuspitzungen. Gleichzeitig werden Empfehlungen von Algorithmen aufgrund vorherigen Verhaltens generiert. Wer also – und das könnt ihr auf YouTube einfach ausprobieren – eine Stunde einen Schlager nach dem nächsten anhört, bekommt weitere Schlager vorgeschlagen. Auch wenn er normalerweise Punk hört.
Ein weiteres Problem von Kleiners Argumentation ist, dass er sich ausschließlich auf die deutschen Verhältnisse konzentriert. Diese sind allerdings nicht auf umstandslos auf andere Länder übertragbar.
Er kann auch nicht schlüssig erklären, warum Netflix eine größere Bedrohung für die Demokratie ist, als Facebook und Twitter. Oder warum ein Mediensystem wie in den USA, wo es kein ÖR-Fernsehen gibt und FoxNews als rechter Propagandasender und Lautsprecher für jede noch so absurde Verschwörungstheorie fungiert, die Demokratie weniger bedrohen soll als ein Portal, das vor allem Unterhaltung anbietet.
So liest sich „Streamland“ wie eine dieser alarmistischen konservativen Medienkritiken, in denen das Neue verteufelt und die Vergangenheit verklärt wird. Hier sind es Kleiners Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in den achtziger Jahren mit drei Programmen, einem Sendeschluss, die Welt erklärenden und halt gebenden Moderatoren („Stefanie Tücking hat mich als Moderatorin der ARD-Musikvideosendung ‚Formel Eins‘ […] im Sturm erobert.“), tollen Serien (jedenfalls aus der Erinnerung) und einem Sendeschluss.
Den gibt es bei Netflix nicht.
Wer sich aber seines eigenen Verstandes bedient, kann jederzeit ausschalten und die Freiheit eigener Entscheidungen erfahren.
Marcus S. Kleiner: Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen
The House that Jack built(The House that Jack built, Dänemark/Schweden/Frankreich/Deutschland 2018)
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Ein Serienmörder erzählt Episoden aus seinem Leben.
TV-Premiere. Und, ja, die Sendezeit geht in Ordnung. Denn der Film ist „frei ab 18 Jahre“ und diese Freigabe hat er sich redlich verdient.
Von Triers bitterböser Humor, die Metaebenen und auch die Interpretationsmöglichkeiten machen aus „The House that Jack built“ einen interessanten und sehenswerten Film. Es ist allerdings auch ein Kunstwerk, das auf die moralische Kategorien verzichtet und das mit hundertfünfzig Minuten länger als nötig ist. Wahrscheinlich kein Film, den man sich öfter ansehen will, aber doch mindestens einmal ansehen sollte.
No Country for Old Men (No Country for Old Men, USA 2007)
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen
LV: Cormac McCarthy: No Country for Old Men, 2005 (Kein Land für alte Männer)
Lewellyn Moss findet in der texanischen Wüste die Überreste eines gescheiterten Drogendeals: Leichen, Heroin und zwei Millionen Dollar. Er schnappt sich die Kohle und steht auf der Abschussliste eines gnadenlosen Killers.
Feine McCarthy-Verfilmung der Coen-Brüder, die, neben vielen anderen Preisen, auch den Oscar als bester Film des Jahres gewann und für den Edgar nominiert war (aber das war auch mit dem Gewinner “Michael Clayton”, “Tödliche Versprechen”, “Zodiac – Die Spur des Verbrechers” und “Die Regeln der Gewalt” ein starkes Jahr für Krimifreunde).
Mit Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson, Kelly Macdonald
ZDF, 20.15 (unterbrochen von der „Anstalt“ und „Markus Lanz“)
3sat, 22.00
RTL, 20.15
Arte, 20.15 (mit den spielfilmlangen Dokus „U$A“ [Luxemburg/Frankreich 2020] um 20.15 Uhr, „Aus der Traum – Die Amerikaner im Wahljahr“ [Deutschland 2020; genaugenommen der vierte und fünfte Teil einer fünfteiligen Dokureihe] um 21.45 Uhr und „America“ [Frankreich 2017] um 23.35 Uhr setzt Arte gewohnt souverän eigene Duftmarken zur Wahlnacht. Alle Dokus sind TV-Premieren.)
Heute wird in den USA gewählt und die TV-Sender berichten ausführlich darüber.
Auch wenn das endgültige Wahlergebnis erst in einigen Tagen feststehen wird, ist zu Hoffen, dass Joe Biden mit einem deutlichen Vorsprung gewinnt und die Demokraten die Mehrheit im Senat bekomment und im Repräsentantenhaus ihre Mehrheit halten und ausbauen können. Danach können sie beginnen, den Saustall, den Trump und die Republikaner hinterlassen haben, aufzuräumen.
Sehen wir das Positive: Jetzt ist viel Zeit zum lesen guter Bücher. Eine Entscheidungshilfe bei der Wahl guter Krimis bietet die monatliche Krimibestenliste der Frankfurter Allgemeine und Deutschlandfunk Kultur. Aktuell empfiehlt sie:
1. Denise Mina – Götter und Tiere (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englisch von Karin Gerwig, Ariadne im Argument Verlag, 352 Seiten, 21 Euro..
2. Garry Disher – Hope Hill Drive (Plazierung im Vormonat: 1)
Aus dem Englischen von Peter Torberg. Unionsverlag, 334 Seiten, 22 Euro..
3. Un-Su Kim – Heißes Blut (Plazierung im Vormonat: 9)
Aus dem Französischen von Sabine Schwenk. Europaverlag, 582 Seiten, 24 Euro.
4. Joachim B. Schmidt – Kalmann (Plazierung im Vormonat: 5)
Diogenes, 352 Seiten, 22 Euro.
5. Sara Sligar – Alles, was zu ihr gehört (Plazierung im Vormonat: 3)
Aus dem Englischen von Ulrike Brauns. Hanserblau, 432 Seiten, 16 Euro.
6. Robert Brack – Dammbruch (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Englischen von Jonas Jakob. Ariadne im Argument Verlag, 238 Seiten, 13 Euro.
8. Max Annas – Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Plazierung im Vormonat: 4)
Rowohlt, 336 Seiten, 20 Euro.
9. Steph Cha – Brandsätze (Plazierung im Vormonat: 2)
Aus dem Englischen von Karen Witthuhn. Ars Vivendi, 336 Seiten, 22 Euro.
10. Éric Plamondon – Taqawan (Plazierung im Vormonat: /)
Aus dem Französischen von Anne Thomas. Lenos, 208 Seiten, 22 Euro.
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Und dann gibt es noch James Ellroys gut tausendseitiges Epos „Jener Sturm“ (This Storm, 2019) (Ullstein, 35 Euro), das letzten Monat ein kurzes Gastspiel auf der Liste gab.
Mitten in einer kalten und nebligen Herbstnacht wird auf der Landstraße vor dem einsam gelegenem Haus von Tobias Kern, einem LKW-Fahrer mit bunter Vergangenheit, Sami Haddad erschossen. Für die Polizei ist es ein merkwürdiger Mord. Der 34-jährige Kleingangster Haddad wurde nämlich mit seiner eigenen Pistole erschossen. Alles sieht nach einer geplanten Tat aus oder dass er wenigstens den Täter kannte. Aber die Umstände sprechen dagegen. Und warum fuhr der in München lebende Haddad in der Nacht durch die Provinz?
Was die Polizei nicht weiß, ist, dass Haddad fast eine halbe Million Euro in seinem Auto hatte. Als die Polizei am Tatort eintrifft, ist das Geld weg.
Dieses spurlos verschwundene Geld wollen jetzt seine Kumpels aus München, vor denen er floh, und einige andere mehr oder weniger skrupellose Menschen mit einer mehr oder weniger langen Strafakte haben.
Vier Jahre nach seinem letzten in Traunstein und im Landkreis Altötting spielendem Krimi „Ein Dorf in Angst“ hat Wolfgang Schweiger einen neuen Altötting-Krimi geschrieben, der nur deshalb als „Heimatkrimi“ gelabelt wird, weil das ein verkaufsförderndes Label ist. Denn Schweigers Romane haben, außer dem Handlungsort, nichts mit den handelsüblichen, bei Kritikern normalerweise verhassten Regio-/Provinz-/Heimatkrimis zu tun. Es sind an US-amerikanischen Hardboiled-Vorbildern geschulte Kriminalromane, die diese Themen und Motive gelungen nach Deutschland übertragen. Es sind Romane, wie sie früher Elmore Leonard schrieb oder wie sie heute im Polar Verlag veröffentlicht werden und die hundertprozentig nicht der etablierten Krimiformel von Mord, Sozialkritik und anschließender Aufklärung durch die mit privaten Problemen belasteten Ermittler folgen.
Im „Land der bösen Dinge“ bewegt die Story sich sogar stark in Richtung Western. Die Geschichte spielt fast ausschließlich auf einsam gelegenen Bauernhöfen. Konflikte werden ohne die Polizei gelöst und zitiert immer wieder bekannte Western-Topoi. Auch wenn Kerns Lieblingswaffe eine Machete ist.
In dieser Welt hat die Polizei nur eine Nebenrolle. Da fällt es kaum auf, dass Schweiger mit Simone Gerber eine neue Kommissarin ermitteln lässt und das aus seinen vorherigen Romanen bekannte Ermittlerduo Gruber/Bischoff nicht auftaucht.
Anatomie eines Mordes (Anatomy of a Murder, USA 1959)
Regie: Otto Preminger
Drehbuch: Wendell Mayes
LV: Robert Traver: Anatomy of a Murder, 1958 (Anatomie eines Mordes)
Provinzanwalt Paul Biegler verteidigt einen Soldaten, der einen Barbesitzer erschossen haben soll.
Der gut dreistündige Film (die deutsche Version wurde um elf Minuten gekürzt) basiert auf dem dicken Roman des ehemaligen Richters John D. Voelker (1903 – 1991), der in dem Justizkrimi einen seiner Fälle fiktionalisiert. Beide Werke schöpfen ihre Spannung aus dem minutiösen Verfolgen der Vorbereitung und dem anschließenden Gerichtsverfahren. Im Buch umfasst die Verhandlung fast zwei Drittel der Geschichte. Der Film war damals wegen seiner Sprache und dem Thema (Vergewaltigung) kontrovers. Die Schauspielerleistungen des Gerichtsdramas wurden einhellig gelobt. James-Stewart-Biograph Howard Thompson nennt es seine beste Leistung. Der Filmrichter wurde von Richter Joseph N. Welch (er verteidigte 1954 die US Army gegen Senator Joseph McCarthy und trug zum Sturz des Senators bei) gespielt. Gedreht wurde vor Ort. Duke Ellington schrieb die Musik.
Mit James Stewart, Lee Remick, Ben Gazzara, Arthur O’Connell, Eve Arden, Kathryn Grant, George C. Scott, Duke Ellington
Schon die Labelnamen geben die Richtung bei den von Scott Snyder geschriebenen und Greg Capullo gezeichneten Batman-Abenteuern „Der Tod der Familie“ und „Der letzte Ritter auf Erden“ an. „Der Tod der Familie“ erschien jetzt in einer Neuauflage in der „Batman Noir“-Reihe; „Der letzte Ritter auf Erden“ im neuen „DC Black Label“. Düster, sogar ziemlich wahnsinnig und verrückt sind beide Geschichten. Nicht nur, aber auch wegen dem Joker, der in beiden Geschichten der Bösewicht ist.
In „Der letzte Ritter auf Erden“ fragt Bruce Wayne sich, ob er verrückt wurde oder nur einen Alptraum hat. Oder gleich mehrere.
Jedenfalls erwacht er gefesselt in einem Krankenbett im Arkham Asylum. Sein Arzt, Doktor Redmund Hudd aka der Joker, behauptet, dass Wayne seit fast zwanzig Jahren von ihm behandelt werde. Sein Diener Alfred Pennyworth behauptet, er habe seine Eltern ermordet. Beide versuchen ihn zu überzeugen, dass seine Existenz als Verbrechensbekämpfer Batman ein Wahngebilde ist. Kein Wunder, dass Wayne aus der Irrenanstalt ausbrechen möchte.
Kurz darauf ist er in einer postapokalyptischen Wüste. Mit dem munter vor sich hin plapperndem Kopf des Jokers in einer Laterne. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg.
„Der letzte Ritter auf Erden“ ist sicher eine der ungewöhnlichsten Batman-Geschichten.
„Der Tod in der Familie“ fällt dagegen wesentlich konventioneller aus. Nach einem Jahr kehrt der Joker nach Gotham zurück. Als erstes besucht der „Clownprinz des Verbrechens“ (Christian Endres im Vorwort) ein Polizeirevier, das danach etwas anders aussieht. Danach kündigt er im Fernsehen den Tod des Bürgermeisters an. Batman erinnert das an die ersten Verbrechen des Jokers in Gotham. Nur: warum spielt der Joker sie jetzt wieder nach?
Diese Geschichte erschien bereits vor sieben Jahren, auch in einer deutschen Übersetzung, und sie war damals natürlich koloriert. In der „Batman Noir“-Reihe hat man jetzt die Farben weggelassen. So soll ein neuer Blick auf das Werk ermöglicht werden. Für mich war beim Lesen bemerkenswert, wie sehr ich die Farben vermisste.
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Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Der letzte Ritter auf Erden
(übersetzt von Ralph Kruhm)
Panini, 2020
188 Seiten
20 Euro
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Originalausgabe
Batman: Last Knight on Earth # 1 – 3
DC Black Label, Juli 2019 – Februar 2020
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Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Der Tod der Familie
Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)
Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Paul Dehn
LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)
Millionär Ratchett wird im Orient-Express ermordet. Der Zug bleibt im Schnee stecken und der Mörder muss noch im Zug sein. Hercule Poirot befragt die Passagiere.
Starbesetzer Edelkrimi mit Albert Finney (als Hercule Poirot), Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark (als Leiche). Wolf Donner meinte: „Kulinarisches Kino, angenehm überflüssig und verwirrend nutzlos.“ (Donner in Die Zeit)
Vor ihrem neuesten Batman-Abenteuer „Batman: Damned“ erzählten Autor Brian Azzarello und Zeichner Lee Bermejo ähnlich bildgewaltig und düster bereits mehrere Geschichten mit Figuren aus dem DC-Universum. Eine dieser DC-Geschichten ist „Nach dem Feuer“ mit Batman und Deathblow. 2003 erschien die dreiteilige Geschichte auf Deutsch in schon lange ausverkauften Einzelheften. Jetzt liegt die Geschichte bei uns erstmals in einem Band vor.
Als an einer Mautstation eine abgehakte Hand mit einer Todeskarte auftaucht, will ‚Batman‘ Bruce Wayne mehr darüber erfahren.
Zur gleichen Zeit wird der Regierungsagent Scott Floyd mit schweren Verbrennungen in das Krankenhaus eingeliefert. Es war ein Anschlag auf sein Leben. Im Krankenhaus sagt Floyd Wayne, dass es sich bei der in der Mautstation gefundenen Todeskarte um die Visitenkarte von Deathblow handelt.
Vor zehn Jahren ging Deathblow, so der Kampfname des staatlichen Auftragskillers Michael Cray, in Gotham seinem blutigem Handwerk nach. Oder hatte er Skrupel bekommen?
Jedenfalls ging damals bei seinem Auftrag aufgrund fehlerhafter Informationen etwas schief und er wurde nicht vollständig ausgeführt. Soll dieser Fehler jetzt korrigiert werden?
Wie der Titel schon sagt, treten mit Batman und Deathblow zwei DC-Serienfiguren auf. Während Batman allgemein bekannt ist, ist Deathblow deutlich unbekannter. Bürgerlich heißt er Michael Cray. Der Soldat gehört zum Team 7 des US-Geheimdienst IO (International Operations), der in den USA nichts zu suchen hat. Durch Mutation erhielt er übermenschliche Widerstandskräfte und einen Gehirntumor. Außerdem plagt ihn sein Gewissen. Die Figur wurde 1993 von Jim Lee und Brandon Choi erschaffen und erlebte seitdem mehrere Neudefinitionen. Eine war ab 2006 von Brian Azzarello.
Bereits 2002 beschäftigte er sich mit Deathblow. Und zwar in „Nach dem Feuer“.
Azzarello und Bermejo erzählen ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen, die sich überlagern. Die von Azzarello erfundene und von Bermenjo kongenial gezeichnete Geschichte ist sehr düster mit sehr dunklen Panels, die an die Filme von Hollywoods Schwarzen Serie und „Blade Runner“ ohne Neonoptik erinnern.
„Nach dem Feuer“ ist ein Noir, wie man es von „100 Bullets“-Erfinder Brian Azzarello erwartet. Auch wenn es dieses Mal nicht um verführerische Frauen (Gut, eine ist doch dabei.), sondern um Terrorismus und konkurrierende Geheimdienste geht. Wenn das nicht so zeitlos wäre, könnte man „Nach dem Feuer“ als Kommentar zur US-Politik nach 9/11 lesen.
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Brian Azzarello/Lee Bermejo: Batman/Deathblow: Nach dem Feuer
R. i. P. Sir Thomas Sean Connery (25. August 1930 in Fountainbridge bei Edinburgh, Schottland – 31. Oktober 2020 auf den Bahamas)
James Bond ist tot. Das war jedenfalls die Rolle, mit der Sean Connery zum Weltstar wurde. Schon während seiner Zeit als James Bond spielte er auch andere Rollen, beispielsweise in Alfred Hitchcocks „Marnie“ oder Sidney Lumets „Ein Haufen toller Hunde“. Danach wurde er, dank seiner klugen Rollenwahl, zunehmend auch als Schauspieler akzeptiert. Zu seinen wichtigsten Filmen gehören, neben den Bond-Filmen „007 jagt Dr. No“, „Liebesgrüße aus Moskau“, „Goldfinger“, „Feuerball“, „Man lebt nur zweimal“, „Diamantenfieber“ und „Sag niemals nie“, „Der Anderson-Clan“, „Zardoz“, „Mord im Orient-Express“, „Der Wind und der Löwe“, „Der Mann, der König sein wollte“, „Robin und Marian“, „Der erste große Eisenbahnraub“, „Outland – Planet der Verdammten“, „Highlander – Es kann nur einen geben“ (und dann gab es doch einen zweiten Film), „Der Name der Rose“, „The Untouchables – Die Unbestechlichen“, „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, „Das Russland-Haus“ und „Forrester – Gefunden“. Um nur einige Filme zu nennen und dabei die Regisseure und Co-Stars ignorierend. 2003, nach den desaströsen Dreharbeiten für „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, zog er sich vom Filmgeschäft zurück und genoss seinen Ruhestand.
Ausfürhliche Nachrufe wird es überall im Netz geben.
Drehbuch: Adrian Molina, Matthew Aldrich (nach einer Geschichte von Lee Unkrich, Jason Katz, Matthew Aldrich und Adrian Molina)
Der zwölfjährige Miguel würde gerne Musiker werden. Seine Familie ist entschieden dagegen. Am Día de los muertos, dem Tag der Toten, betritt Miguel die Welt der Toten und kann erfahren, warum seine Familie keine Musiker in ihrer Familie haben möchte. Allerdings hat er nur bis zum Sonnenaufgang Zeit, um das Geheimnis zu lösen und wieder in seine Welt zurückzukehren.
TV-Premiere. Gewohnt gelungener Pixar-Film, der einige ernste Themen behandelt.
mit (im Original den Stimmen von) Anthony Gonzalez, Gael García Bernal, Benjamin Bratt, Alanna Ubach, Renée Victor, Jaime Camil, Alfonso Arau, Herbert Siguenza, Ana Ofelia Murguía, Edward James Olmos, Cheech Marin
Das Team von „Stormwatch“ und „The Authority“, Autor Warren Ellis und Zeichner Bryan Hitch, hat sich wieder zusammengetan für die zwölfteilige Batman-Miniserie „Batmans Grab“. Die ersten sechs Hefte sind jetzt in einem Band auf Deutsch erschienen.
Bruce Wayne bekämpft in Gotham City als Batman immer noch das Verbrechen. Mit Hightech, Gewalt und seinem Butler Alfred Pennyworth. Neu ist allerdings, dass Wayne sich in die Opfer von Verbrechen hineinversetzt und er so Hinweise auf den Tathergang und den Täter erhält.
Jetzt entdeckt er in einem billigem Apartment die Leiche eines ehemaligen Mitarbeiters des stellvertretenden Staatsanwalts von Gotham. Über ihn und einige weitere Leichen kommt Batman auf die Spur der Scorn-Armee. Diese geheimnisvolle Organisation ist gut vernetzt und übt einen beträchtlichen Einfluss auf seine Mitglieder aus.
Was sie allerdings wollen ist am Ende des ersten Bands von „Batmans Grab“ noch unklar.
Letztendlich sind die ersten sechs Kapitel dieser Miniserie eine groß angelegte Einführung wichtiger und vermeintlich wichtiger Personen. Erst in den nächsten sechs Kapiteln werden die Geheimnisse gelüftet. Das gelingt Ellis und Hitch gut. Die Story bewegt sich flott voran. Die Actionszenen sind lang und äußerst dynamisch gezeichnet. Die Lesegeschwindigkeit ist entsprechend hoch.
Der zweite Band ist für 2021 angekündigt.
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Warren Ellis/Bryan Hitch: Batmans Grab – Band 1 (von 2)