Über Michael Kraskes „Der Riss – Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört“

April 2, 2020

Nach der Wende machte Michael Kraske sich von Iserlohn auf den Weg nach Osten. In Leipzig studierte er Politikwissenschaft und begann als Journalist zu arbeiten. In den vergangenen Jahren schrieb er für die Zeit, Spiegel Online und Reader’s Digest unzählige Reportagen über den Osten und wie er sich veränderte.

In „Der Riss – Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört“ schreibt er jetzt ein ganzes Buch darüber. Er schreibt eindrücklich über seine Begegnungen mit Menschen, die im Osten leben. Viele von ihnen engagieren sich, oft gegen große Widerstände, in Demokratieprojekten. Andere, die zu Pegida-Aufmärschen gehen oder die AfD wählen, wollen nicht reden. Er schreibt über die bekannten Ost-Personen, deren Positionen entsprechend bekannt sind. Mit einigen traf er beim Schreiben von Reportagen zusammen, mit anderen saß er auf dem Podium.

So entsteht ein durchaus facettenreiches Bild des Ostens, das für den informierten Zeitungsleser nicht frei von Déjà-Vu-Erlebnissen ist.

Michael Kraske: Der Riss – Wie die Radikalisierung im Osten unser Zusammenleben zerstört

Ullstein, 2020

352 Seiten

19,99 Euro

Hinweise

Michael Kraske beim Mediendienst Ost

Michael Kraske twittert

Ullstein über Michael Kraske


TV-Tipp für den 2. April: James Bond 007 – Man lebt nur zweimal

April 1, 2020

Vox, 22.50

JAMES BOND: Man lebt nur zweimal (You only live twice, Großbritannien 1967)

Regie: Lewis Gilbert

Drehbuch: Roald Dahl

LV: Ian Fleming: You only live twice, 1964 (Man lebt nur zweimal)

Blofeld kapert Raumkapseln. James Bond wird losgeschickt dem schändlichen Treiben ein Ende zu bereiten. In Blofelds Zentrale, einem erloschenen Vulkan, treffen beide aufeinander.

Die erste Begegnung zwischen den Herren Bond und Blofeld (im Film – in den Büchern war die Reihenfolge etwas anders). Der Film ist eine ziemlich ermüdende Materialschlacht mit einem als Japaner verkleideten Bond.

„You only live twice“ ist das vorletzte Bond-Buch von Ian Fleming. Für den Film wurde eine vollkommen neue Story entworfen. Nur der Gegner (Blofeld) und der Ort der Handlung (Japan) sind gleich.

Ein interessanten Blick auf den damaligen Presserummel findet sich in Erich Kocians Buch „Die James Bond Filme“ (Heyne Filmbibliothek, Auflage egal). Kocian berichtete damals aus Japan über die Dreharbeiten unter ständiger Belagerung von Reportern und Fans.

Mit Sean Connery, Karin Dor, Donald Pleasence, Akiko Wakabayashi, Bernard Lee, Lois Maxwell, Desmond Llewelyn, Charles Gray

Die Vorlage

Ian Fleming: James Bond 007 – Man lebt nur zweimal

(neu übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)

Cross Cult, 2013

288 Seiten

12,80 Euro

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Man lebt nur zweimal”

Wikipedia über „James Bond: Man lebt nur zweimal” (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


„Im Namen der Lüge“ lassen wir die RAF auferstehen

April 1, 2020

Melia Khalid ist Referatsleiterin für Linksextremismus beim Verfassungsschutz und, wie ihr Name verrät, ist sie migrantischstämmig. Das macht sie schon auf den ersten Blick zu einer ungewöhnlichen Beamtin. Vor allem weil der Verfassungsschutz, wie Horst Eckert in seinem neuen Polit-Thriller „Im Namen der Lüge“ mehrmals betont, eine Männerbastion ist und die Mitarbeiter in ihren politischen und gesellschaftlichen Einstellungen alle etwas konservativ sind. Die Gefahr für den Staat kommt für sich notorisch von links. Daher schrillen bei ihnen auch die Alarmglocken, als ein Pamphlet auftaucht, das von einer neuen RAF faselt und zum bewaffneten Kampf aufruft.

Khalid, die von dem Papier erst durch einen Kollegen erfährt, soll herausfinden, ob das Papier echt ist. Also ob sich wirklich, unterstützt von der linksradikalen Szene, eine neue RAF-Generation im Untergrund formiert. Und sie soll Jens Nickel wieder als V-Mann anheuern. Er ist in Düsseldorf inzwischen Inhaber einer finanziell notleidenden linken Buchhandlung. Nickel behauptet, sie mit wertvollen Informationen versorgen zu können. Khalid glaubt das nicht und als sie mehr über Nickels Vergangenheit als Linksradikaler und Spitzel erfahren will, stellt sie fest, dass genau diese über zwanzig Jahre alten Akten verschwunden sind. Ihre Bedenken hindern sie nicht daran, Nickels Buchhandlung als linkes Zentrum aufzubauen und Konflikte zu schüren, die die neue RAF zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung machen.

Zur gleichen Zeit ermittelt Vincent Veih, den langjährige Horst-Eckert-Fans bereits aus mehreren Romanen kennen, in einem neuen Mordfall. Dieses Mal wurde ein Journalist, der undercover in der rechten Prepper- und Reichsbürgerszene ermittelte, ermordet. Veih glaubt nicht, dass es sich um eine Beziehungstat handelt.

Mit 576 Seiten ist Horst Eckerts neuer Polit-Thriller „Im Namen der Lüge“ sein seitenstärkstes Buch. Weil seine früheren Bücher ein anderes Layout haben, ist ein schneller direkter Vergleich nicht möglich. Und auch nicht nötig. Denn ob jetzt dieses oder jenes Buch etwas dicker ist, ist egal. Wichtiger ist der Inhalt. Und der stimmt auch dieses Mal. Gewohnt nah an den Schlagzeilen entwickelt Eckert seinen Thriller, in dem schnell die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Zur Freude langjähriger Eckert-Fans tauchen auch einige aus seinen früheren Romanen bekannte Figuren wieder auf. Die meisten, wie der Boulevardreporter Alex Vogel, haben dabei nur einen kurzen Auftritt. Vincent Veih hat dieses Mal nur die zweite Hauptrolle. Eckert schrieb mehrere Romane mit ihm als Protagonisten und seine ebenso farbenfrohe, wie problematische Biographie wurde zunehmend zu einem Problem. Denn jeder Vincent-Veih-Krimi war auch um diese Biographie herumgestrickt. Jedes Mal ging es um die Beziehung zu seinem Nazi-Großvater, der ihn erzog, und zu seiner Mutter, die als linke Terroristin gegen das System kämpfte, niemals ihre Kameraden verriet, jetzt als Künstlerin Erfolg hat und immer noch viele Freunde aus ihrer Zeit als Terroristin hat. Sie alle tauchen mehr oder weniger ausführlich in jedem Veih-Roman auf. Auch in der zweiten Hälfte von „Im Namen der Lüge“ wird dies wichtig. Denn selbstverständlich gerät sie als ehemalige Terroristin in den Fokus der Ermittlungen. Und ebenso selbstverständlich helfen Veihs Mutter und ihre Kampfgefährten ihren im Untergrund lebenden RAF-Freunden, die sich mit Überfällen auf Geldtransporter über Wasser halten. Als ein Mitglied der RAF-Rentnergang tot im Kofferraum eines Autos gefunden wird, wird diese Ehemaligenhilfe zu einem Fall für Veih.

Wie immer – und das ist die gute Nachricht – verknüpft Eckert gekonnt die verschiedenen Erzählstränge und enthüllt langsam das schon im Klappentext angedeutete Komplott von Rechts. Angesichts der realen Arbeit des Verfassungsschutzes – ich sage nur NSU und Hans-Georg Maaßen – wirkt das von Eckert entworfene Komplott gar nicht so wahnsinnig fiktiv. Eckert benutzt dabei, wie die grandiosen Siebziger-Jahre-Politthriller, Verschwörungstheorien um über Missstände und Fehlentwicklungen aufzuklären. Und das tut er gewohnt spannend.

Horst Eckert: Im Namen der Lüge

Heyne, 2020

576 Seiten

12,99 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“ (2005)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“ (2007)

Meine Besprechung von Horst Eckerts “Sprengkraft” (2009)

Kriminalakte: Interview mit Horst Eckert über „Sprengkraft“

Meine Besprechung von „Niederrhein-Blues und andere Geschichten“ (2010)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzer Schwan“ (2011)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schwarzlicht“ (2013)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Schattenboxer“ (2015)

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Wolfsspinne“ (2016)


TV-Tipp für den 1. April: Das Mädchen Wadjda

März 31, 2020

Arte, 20.15

Das Mädchen Wadjda (Wadjda, Saudi-Arabien/Deutschland 2012)

Regie: Haifaa Al-Mansour

Drehbuch: Haifaa Al-Mansour

Das in Riad lebende Mädchen Wadjda will einen Nachbarjungen zum Radrennen herausfordern. Aber sie hat kein Fahrrad und in Saudi-Arabien dürfen Frauen noch nicht einmal ein Fahrrad besteigen.

Eine Frau inszenierte den ersten Spielfilm aus Saudi-Arabien und dieser war gleich ein weltweiter mit viel Kritikerlob und Preisen bedachter Erfolg.

„Der unterhaltsame und durchaus auch spannende Film fesselt zugleich als kritisches Gesellschaftsporträt, das dafür plädiert, mit erstarrten misogynen Traditionen zu brechen.“ (Lexikon des internationalen Films)

mit Waad Mohammed, Reem Abdullah, Abdullrahman Al Gohani, Ahd, Sultan Al Assaf

Wiederholung: Sonntag, 5. April, 09.30 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Das Mädchen Wadjda“

Wikipedia über „Das Mädchen Wadjda“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Haifaa Al-Mansours „Mary Shelley“ (Mary Shelley, Großbritannien/Irland/Luxemburg 2017)


Cover der Woche

März 31, 2020


TV-Tipp für den 31. März: Drei Männer und ein Baby

März 30, 2020

Servus TV, 22.00

Drei Männer und ein Baby (Trois hommes et un couffin, Frankreich 1985)

Regie: Coline Serreau

Drehbuch: Coline Serreau

Drei eingefleischte Junggesellen leben glücklich in Paris in einer Wohngemeinschaft, in der Frauen nur als One-Night-Stand akzeptiert sind. Eines Tages finden sie vor ihrer Tür in einem Korb ein Baby; das Ergebnis einer Affäre von Jacques, das die Mutter dort einfach abgestellt hat. Und jetzt müssen die drei Chauvis sich um das Baby kümmern.

Ein Kassenhit, der natürlich ein US-Remake erhielt. Aber das Original ist natürlich – – – französischer.

charmante Slapstickkomödie“ (Fischer Film Almanach 1987)

Mit André Dussolier, Roland Giraud, Michel Boujenah, Philippine Leroy-Beaulieu, Dominique Lavanant

Wiederholung: Mittwoch, 1. April, 01.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Drei Männer und ein Baby“

Wikipedia über „Drei Männer und ein Baby“ (deutsch, englisch, französisch)


Böse Frauen (?): In Jodorowsky/Ladrönns „Die Söhne von El Topo: Abel“ trifft Lilith

März 30, 2020

Eine richtig böse Frau ist Lilith in Alejandro Jodorowskys „Die Söhne von El Topo: Abel“ nicht. Sie ist zwar ziemlich böse, herrisch und geldgierig, aber vor allem ist sie eine meist spärlich bis unbekleidete vollbusige Männerphantasie. Und damit passt sie perfekt in die mit christlichen Motiven vollgestopfte Welt einer in einer vulgären Italo-Western-Fantasiewelt spielenden Geschichte, die die Geschichte von „El Topo“ weitererzählt.

In den frühen Siebzigern hatte Alejandro Jodorowsky mit seinem psychedelischen Western „El Topo“ einen weltweiten Erfolg. Vor allem in den sogenannten Mitternachtskinos erfreute er sich großer Beliebtheit. Jodorowsky lieferte einfach die perfekten Bilder zum Trip. Schon damals wollte er eine Fortsetzung von seinem Kultfilm drehen. Im Lauf der Jahre zerschlugen sich alle Pläne. Auch die von ihm lange geplante Comicversion von „Die Söhne von El Topo“ kam erst 2016 zustande, als er José Ladrönn traf.

Im ersten „Die Söne von El Topo“-Comic „Kain“ konzentrierte er sich auf den titelgebende Kain, der als Kind von seinem Vater zurückgelassen wurde und sich als Erwachsener dafür rächen wollte.

Im zweiten Band erzählt Jodorowsky eine überraschend stringente Reisegeschichte, in der die beiden Brüder Kain und Abel zur Heiligen Insel reisen wollen. Abel will dort, am Grab seines Vaters, seine Mutter, eine Heilige, beerdigen. Kain, der böse Bruder, will dagegen die Goldenen Menhire. Und Lilith soll ihm dabei helfen.

Wenn sie die gefahrvolle Reise überleben.

Fortsetzung erbeten.

Alejandro Jodorowsky/José Ladrönn: Die Söhne von El Topo: Abel (Band 2)

(übersetzt von Monja Reichert)

Panini, 2020

72 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Glénat Editions, 2019

Hinweise

Homepage von José Ladrönn

Wikipedia über Alejandro Jodorowsky (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alejandro Jodorowskys „Die Söhne von El Topo: Kain (Band 1)“ (2017)

Meine Besprechung von Alejandro Jodorowskys „Endless Poetry“ (Poesía sin fin, Frankreich/Chile 2016)


TV-Tipp für den 30. März: Arizona Junior

März 29, 2020

Mit „Arizona Junior“ beginnt ein laanger Abend des guten Films bei Arte. Um 21.45 Uhr geht es mit „Down by Law“ (USA 1986, Regie: Jim Jarmusch) kultig weiter und um 23.25 Uhr gibt es, als TV-Premiere, in der restaurierten Fassung den Stummfilm „Das Grabmal einer großen Liebe“ (Shiraz, Indien/Großbritannien/Deutschland 1928, Regie: Franz Osten, Musik: Anoushka Shankar). Also dranbleiben nach

Arte, 20.15

Arizona Junior (Rising Arizona, USA 1987)

Regie: Joel Coen

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

Ganove H. I. McDunnogh und Polizistin Ed lernen sich auf der Polizeistation kennen, weil H. I. ein ziemlich glückloser Gewohnheitsverbrecher ist und entsprechend oft bei ihr im Gefängnis landet. Sie verlieben sich. Sie wollen ein Kind. Aber sie ist unfruchtbar. H. I. hat einen genialen Plan: er entführt einfach einen von den Fünflingen des Möbelmoguls Nathan Arizona. Der Verlust wird ihm schon nicht auffallen. Denkt sich der Gauner. Aber Arizona versteht keinen Spaß. Ein gnadenloser Kopfgeldjäger verfolgt das junge Glück. Und dann sind da noch die Kumpels von H. I..

In dem Frühwerk nehmen die Coen-Brüder sich das US-Bild der heilen Familie vor und ertränken es in schwarzem Humor und absurdem Slapstick. Ein köstlicher Spaß.

mit Nicolas Cage, Holly Hunter, Trey Wilson, John Goodman, William Forsythe, Frances McDormand, M. Emmet Walsh

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Arizona Junior“

Wikipedia über „Arizona Junior“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung des Coen-Films „Blood Simple – Director’s Cut“ (Blood Simple, USA 1984/2000)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung des Coen-Films „Hail, Caesar!“ (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 29. März: Der zweite Atem

März 28, 2020

Arte, 20.15

Der zweite Atem (Le deuxième souffle, Frankreich 1966)

Regie: Jean-Pierre Melville

Drehbuch: Jean-Pierre Melville

LV: José Giovanni: Un règlement de comptes, 1958 (später “Le deuxième souffle”, deutsch “Der zweite Atem”)

Der gerade aus dem Knast ausgebrochene Gu beteiligt sich an einem ausgeklügelten Raub. Aber danach laufen die Dinge, vor allem wegen falsch verstandener Ehrbegriffe, aus dem Ruder.

Ein weiteres Meisterwerk von Jean-Pierre Melville.

“Der beste Gangsterfilm der letzten Jahre entstand nicht in Hollywood, sondern in den Straßen von Paris.” (Sigrid Schmitt, Süddeutsche Zeitung)

“Le deuxième souffle ist Melvilles La règle du jeu. Hatte Renoir in seiner Satire eine Gesellschaft, die nur nach bestimmten Spielregeln funktionieren kann, als hohl entlarvt, weil sie sich auch dann noch an diese Regeln klammert, wenn sie sinnlos geworden sind, so führt Melville in seinem nach einem Roman von José Giovanni entstandenen Film diese Konventionen zu ihrer letzten Konsequenz. Der Mikrokosmos der Gangster, wie Renoirs Adlige und Diener Signifikat für die Gesamtgesellschaft, ist determiniert von Regeln, die notwendig zu Untergang und Tod führen.” (Hans Gerhold in Peter W. Jansen/Wolfram Schütte, Hrsg.: Jean-Pierre Melville)

Damals war es eine beliebte Übung der deutschen Verleiher, bei Melville-Filmen beherzt zur Schere zu greifen. Auch “Der zweite Atem” blieb davon nicht verschont. Über eine halbe Stunde wurde für den deutschen Kinostart 1968 aus dem Film entfernt. Arte zeigt natürlich die ungekürzte Version – und danach, um 22.40 Uhr, die einstündige Doku „Der Virtuose des Gangsterfilms – Jean-Pierre Melvill“ (Frankreich 2019).

mit Lino Ventura, Paul Meurisse, Raymond Pellegrin, Christine Fabrega, Michel Constantin, Marcel Bozzufi

Wiederholung: Mittwoch, 1. April, 13.45 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der zweite Atem“

Wikipedia über Jean-Pierre Melville (deutsch, englisch, französisch)

Senses of Cinema (Adrian Danks) über Jean-Pierre Melville (September 2002)

Guardian: Peter Lennon über Jean-Pierre Melville (27. Juni 2003)

Jean-Pierre Melville in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 28. März: Zoomania

März 27, 2020

Sat.1, 20.15

Zoomania (Zootopia, USA 2016)

Regie: Byron Howard, Rich Moore, Jared Bush (Ko-Regisseur)

Drehbuch: Jared Bush, Phil Johnston, Dan Fogelman (zusätzliches Material) (Nach einer Geschichte von Byron Howard, Jared Bush, Rich Moore, Phil Johnston, Jennifer Lee, Josie Trinidad und Jim Reardon)

Als Jung-Polizistin und Karnickel Judy Hopps mit dem verbrecherischen Fuchs Nick Wilde (Hey, er ist ein Fuchs!) den spurlos verschwundenen Mr. Otterton sucht, entdecken sie ein riesiges, Zoomania bedrohendes Komplott.

Äußerst gelungener Disney-Film mit sympathischer Botschaft und unzähligen Anspielungen, die jüngere Zuschauer übersehen werden. Aber die sollten um diese Uhrzeit auch im Bett sein.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit vielen Tieren und vielen Sprechern

Wiederholung: Sonntag, 29. März, 15.30 Uhr

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Zoomania“
Metacritic über „Zoomania“
Rotten Tomatoes über „Zoomania“
Wikipedia über „Zoomania“ (englisch)

Meine Besprechung von Byron Howard/Rich Moore/Jared Bushs „Zoomania“ (Zootopia, USA 2016)


„Die Welt braucht den Westen“, braucht sie auch „Neue linke Mehrheiten“?

März 27, 2020

Wie einige Wochen alles verändern können. Katja Kippings „Neue linke Mehrheiten“ erschien vor einigen Tagen. Thomas Kleine-Brockhoffs „Die Welt braucht den Westen“ bereits im Herbst. Die Links zu den zitierten Texten wurden zuletzt am 12. Juli 2019 geprüft. Doch mitten in der Coronavirus-Pandemie scheinen beide Werke Antworten auf Fragen zu geben, die heute niemand mehr interessieren. Das trifft natürlich nur insofern zu, dass gerade ein anderes Problem ganz oben auf der politischen Tagesordnung steht und für die nächsten Wochen die alten Konflikte verdrängt. Dabei können (und sind) die Antworten, die Kipping und Kleine-Brockhoff geben, auch für die unmittelbare Gegenwart wichtig und insgesamt richtig. Es geht um mehr Kooperation, um soziale Absicherung und einen realistischen Blick auf die Welt.

Katja Kipping ist Vorsitzende der Linken, Bundestagsabgeordnete und steht der Emanzipatorischen Linken nah. Ihr Büchlein – es hat nur 96 Seiten und das Format eines Reclam-Buches – nennt sie selbst eine „Flugschrift“. Auf dem Cover wird es, ähnlich bescheiden, „Eine Einladung“ genannt. Es soll eine Einladung für linke parlamentarische Mehrheiten sein, also für das Projekt Rot-Rot-Grün. Diese Koalition von SPD, Linke und Bündnis 90/Die Grünen soll natürlich mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.

Kippings Analyse bewegt sich dabei in dem von der Linkspartei vertrautem Raster, in dem vor allem der Kapitalismus der Gegner ist. Bekämpft wird er mit den Instrumenten eines ausgebauten Sozialstaats, wie soziale Garantien, bezahlbare Mieten, Arbeitszeitverkürzungen, ein gerechtes Bildungssystem und Steuererhöhungen für die Reichen. Bürgerrechte, Umweltschutz und auch die Veränderungen durch die Digitalisierung erwähnt sie dagegen kaum.

So ist Kippings Aufruf für neue linke Mehrheiten vor allem im alltäglichen politischen Kleinklein verhaftet und deutlich weniger zupackend optimistisch visionär in die Zukunft gerichtet, als es für einen Aufbruch in eine andere Gesellschaft nötig wäre. Es gibt auch kaum eindrückliche, positive Bilder die diese neuen linken Mehrheiten zu einer wünschenswerten Utopie machen.

Die im Moment bekannten Protestgruppen, wie „Fridays for Future“, werden genannt, schon etwas ältere, wie „Occupy Wall Street“, werden dagegen vergessen. Es fehlen selbstverständlich nicht die Spitzen gegen SPD und Grüne. Und die Berliner Rot-Rot-Grüne-Regierung wird gelobt, aus einem Details übersehendem Adlerblick.

Das macht „Neue linke Mehrheiten“ dann weniger zu einer Einladung für neue linke Mehrheiten, sondern mehr zu einer längeren Parteitagsrede, die zu sehr in der Gegenwart (bzw. im Moment in der Vergangenheit) verhaftet ist. Die Zukunft, die sie erreichen möchte, wird dagegen kaum skizziert.

Und, ironischerweise, ist die aktuelle Antwort der Bundes- und Landesregierungen sehr nah an Kippings Forderungen. Am Ende der Coronavirus-Krise könnte, auch befeuert durch Forderungen aus der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft, genau diese Gesellschaft stehen, in der Menschen weniger arbeiten, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen und der Sozialstaat ausgebaut wird. Es kann auch einen Schub für den Umweltschutz geben. Denn was gibt es schöneres, als an einem lauen Frühlingsabend mit seinem Fahrrad über eine breite Straße zu radeln ohne Angst vor gehirnamputierten Autofahrern zu haben?

Während Kipping die ’neuen linken Mehrheiten‘ primär im Nationalstaat sucht und daher kaum etwas über die Europäische Union und die internationale Politik schreibt, ist das das Thema von Thomas Kleine-Brockhoffs etwas umfangreicherem „Die Welt braucht den Westen“.

Thomas Kleine-Brockhoff, früher lange Jahre Journalist bei der „Zeit“, heute Vizepräsident und Berliner Büroleiter des German Marshall Fund of the United States, knüpft an die populäre Diagnose an, dass die Zeit des Liberalismus und der liberalen Weltordnung vorbei sei. Festgemacht wird diese Diagnose normalerweise an dem Aufstieg Chinas, wo ein steigendes Einkommen nicht zu einer liberaler-demokratischen Gesellschaft führte, und dem Aufstieg nationalistischer Populisten, die ein Zurück zum alten Nationalstaatsmodell predigen. Ihre politische Agenda ist geprägt von Nationalismus, Rassismus, Fremdenhass, dem Abbau von Bürgerrechten, dem Bestreiten universeller Menschenrechte und einer Verachtung internationaler Institutionen und damit verbundener länderübergreifender Regel. Prominentester Vertreter dieser Denkrichtung ist Donald J. Trump. Er ist mit seiner „America first“-Politik auch der emsigste Totengräber der US-amerikanischen Hegemonie.

Liberalismus ist für Kleine-Brockhoff in seinem Buch das Synonym für „liberale Demokratie“, also für eine Regierungsform und einen damit verbundenen Wertekanon, wozu die Rede-, Versammlungs-, Religions- und Pressefreiheit, Minderheitenschutz, freie und geheime Parlamentswahlen, die Gewaltenteilung und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit, vulgo eine unabhängige Justiz, gehören. Als ‚liberale internationale Ordnung‘ bezeichnet er das Gefüge internationaler Zusammenarbeit, die sich seit dem Zweiten Weltkrieg etablierte und die internationalen Beziehungen zunehmend verrechtlichte. Staaten gaben Souveränität (die es in der Realität nie gab) zugunsten von Rechtssicherheit ab. Es war eine Abkehr vom ‚Recht des Stärkeren‘.

In den vergangenen Jahren, eigentlich seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Kriegs trat diese Ordnungsvorstellung einen Siegeszug an. Die Annahme war, dass der Liberalismus sich weltweit durchsetzt.

Das geschah nicht. Stattdessen kam es in den vergangenen Jahren zu einer Renaissance eines populistisch geprägten Nationalismus, der dieses Modell entschieden ablehnt. Und China entwickelte sich, entgegen den Erwartungen, in den vergangenen Jahren nicht zu einer Demokratie.

In dieser Situation fordert Thomas Kleine-Brockhoff einen „robusten Liberalismus“: „Es denkt den Westen neu, indem es sehr wohl auf den Prinzipien der Freiheitlichkeit besteht, zugleich aber die liberale Überdehnung beendet und den demokratischen Bekehrungseifer einhegt. Robuster Liberalismus setzt auf einen Universalismus, der weniger verspricht und mehr hält. Er zieht gerade aus der Selbstbegrenzung sein Selbstbewusstsein und seine Überzeugungskraft. In einem zunehmend spannungsgeladenen Umfeld stattet er sich mit stabilen Institutionen, soliden Regeln und Instrumenten zur Selbstverteidigung aus.“

Dieser robuste Liberalismus soll mit einem realistischen Blick auf Gegenkräfte und die eigenen Möglichkeiten versuchen liberale Werte durchzusetzen. Es ist ein sowohl-als-auch-Denken mit einem realistischen Blick auf die Durchsetzbarkeit. Also auf die ökonomische, militärische und kulturelle Macht, die ein Staat hat. Und da hat ein Zusammenschluss von Staaten, wie die Europäische Union, ziemlich viel Macht, die sie jetzt einsetzen muss.

Inwiefern diese Macht zur Durchsetzung von Menschenrechten genutzt wird, ist eine andere Frage. Auch hier, also beim Flüchtlingsschutz und bei militärischen Interventionen, die in den vergangenen Jahrzehnten auch an die Durchsetzung von Menschenrechten gekoppelt waren beziehungsweise zur Beendigung von Menschenrechtsverletzungen gefordert wurden, empfiehlt Kleine-Brockhoff seinen robusten Liberalismus. D. h. einen engen Flüchtlingsbegriff und weniger militärische Interventionen. Es geht ihm, wie er auch im Umgang mit der Wirtschaftsmacht China ausführt, darum, liberale und kollektiv verbindliche Regeln gegen Trittbrettfahrer zu schützen und zu verteidigen.

Inwiefern das jetzt geschieht, wird man in einigen Monaten wissen. Aber immerhin gibt es nach ersten, panisch-egoistischen Aktionen von Nationalstaaten (und der aktuellen Verhinderung einer gemeinsamen Erklärung zur Coronavirus-Pandemie durch die USA, weil sie den Virus unbedingt „Wuhan-Virus“ nennen wollte), positive Anzeichen. Die Wissenschaft zeigt, dass ein Gegenmittel nur in internationaler Zusammenarbeit und größtmöglicher Transparenz von Forschungsergebnissen gewonnen werden kann. Staaten, Bundesländer und Städte helfen sich gegenseitig. Auch über Landesgrenzen hinweg. Und die Grenzschließungen für Pendler und Saisonarbeiter werden in der EU kritisiert.

Katja Kipping: Neue linke Mehrheiten – Eine Einladung

Argument, 2020

96 Seiten

8 Euro

Thomas Kleine-Brockhoff: Die Welt braucht den Westen – Neustart für eine liberale Ordnung

Edition Körber, 2019

208 Seiten

18 Euro

Hinweise

Homepage von Katja Kipping

Perlentaucher über „Neue linke Mehrheiten“ und „Die Welt braucht den Westen“

Wikipedia über Katja Kipping und Thomas Kleine-Brockhoff


TV-Tipp für den 27. März: Der letzte Wagen

März 26, 2020

BR, 22.45

Der letzte Wagen (The last wagon, USA 1956)

Regie: Delmer Daves

Drehbuch: James Edward Grant, Delmer Daves, Gwen Bagni Gielgud (nach ihrer Geschichte)

Comanche Todd (Richard Widmark) ist ein Halbblut, das zuletzt mehrere Weiße tötete. Sheriff Harper verhaftete ihn und will ihn, als Teil eines Siedlertrecks, nach Tucson bringen. Auf dem Weg werden sie von Indianern überfallen. Die Überlebenden hoffen jetzt, dass Todd sie lebendig aus dem feindlichen Indianerland führt.

Toller, seltenst gezeigter Western, der den Status eines unbekannten Klassikers hat.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Richard Widmark, Felicia Farr, Susan Kohner, Tommy Rettig, Stephanie Griffin, Ray Stricklyn

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der letzte Wagen“

Wikipedia über „Der letzte Wagen“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Der letzte Wagen“

Mein Besprechung von Delmer Daves‘ „Der letzte Wagen“ (The last wagon, USA 1956)


TV-Tipp für den 26. März: James Bond 007 – Feuerball

März 25, 2020

Vox, 22.30

JAMES BOND: Feuerball (Thunderball, Großbritannien 1965)

Regie: Terence Young

Drehbuch: Richard Maibaum, John Hopkins, Jack Whittingham

LV: Ian Fleming: Thunderball, 1961 (Feuerball)

Emilio Largo, Blofelds bester Mann, erpresst die britische Regierung mit der Drohung zwei Atomraketen auf westliche Großstädte abzufeuern. Anstatt zu bezahlen schickt die Regierung James Bond los – die Welt zu retten.

Bond auf den Bahamas und mit gaaaanz vielen Tauchern. Die Story zu „Feuerball“ basierte auf einem zusammen mit Kevin McClory entworfenem Filmtreatment. Nach einem Rechtsstreit durfte McClory 1983 ein Remake machen. Es hieß „Sag niemals nie“ (ebenfalls mit Connery und am Ende wieder mit gaaaanz vielen Taucher, – wegen des Copyrights)

Mit Sean Connery, Adolfo Celi, Claudine Auger, Luciana Paluzzi, Ric Van Nutter, Bernhard Lee, Martine Beswick, Desmond Llewlyn, Lois Maxwell

Der Roman

Ian Fleming: Feuerball

(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)

Cross-Cult, 2013

384 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Thunderball, 1961

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Feuerball“

Wikipedia über „Feuerball“ (deutsch, englisch)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Böse Frauen: „Young God“ von Katherine Faw

März 25, 2020

Das also ist der erste Band der Taschenbuchreihe des Polar-Verlags, die unter dem Motto „Dark Places“ steht. Das Motto und die Erklärung dafür (‚an die äußeren und inneren dunklen Orte führen‘, ‚an die finsteren Plätze in uns, die über Gut und Böse entscheiden‘, ‚Einblicke in das soziale, moralische und politische Klima der Zeit gewähren‘) trifft auch auf die anderen, durchgehend lesenswerten Bücher des Polar-Verlags zu.

Das erste was bei dem Reihenauftakt, Katherine Faws „Young God“, auffällt, ist das im Vergleich zu den anderen Polar-Büchern lieblos-austauschbare Cover. Es ist ein Cover, das mich an einen BoD-Verlag erinnert, der einen Regiokrimi in der örtlichen Buchhandlung verkaufen will. Dabei ist das Cover von Britta Kuhlmann gestaltet, die auch für die anderen, durchweg gelungenen und einprägsamen Polar-Covers zuständig ist.

Das Buch selbst ist dagegen alles andere als austauschbar und definitiv kein Krimi für Regiokrimifans. Katherine Faw erzählt in ihrem Debütroman die Geschichte der dreizehnjährigen, in North Carolina lebenden Nikki.

Als ihre Mutter bei einem Badeunfall stirbt, flüchtet Nikki zu ihrem Vater Coy Hawkins. Er war der größte Koksdealer im County. Jetzt, nach einer verbüßten Haftstrafe, lebt er auf einem abgelegenen Hof in einem Trailer. Er ist nur noch ein Schatten seines früheren Ichs. Gerade so hält er sich finanziell über Wasser, indem er den Zuhälter für die minderjährige Angel spielt. Besonders toll ist dieses Leben nicht, aber für Nikki ist es ein bedeutend besseres Leben als in einem Jugendheim.

Schnell überlegt sie, wie sie ihr Leben verbessern kann. Als erstes schlägt sie ihrem Vater vor, der Zuhälter von mehreren Mädchen zu sein. Als das nicht wie geplant funktioniert, will sie, zusammen mit ihrem Vater, einen Drogendealer ausrauben.

Young God“ ist ein Country-Noir, der natürlich sofort an Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006) erinnert. In dem, auch erfolgreich verfilmten Roman sucht die sechzehnjährige Ree ihren untergetauchten, wahrscheinlich toten Vater, der ihr Haus für seine Kaution verpfändete. In „Der Tod von Sweet Mister“ (The Death of Sweet Mister, 2001) erzählte er die Geschichte eines dreizehnjährigen, in den Ozarks lebenden Jungen, der von seinem Vater zu Einbrüchen angestiftet wird. Beide Bücher sind natürlich unbedingte Leseempfehlungen.

Neben dem jugendlichen Protagonisten, dem Handlungsort (das US-amerikanische Hinterland) und dem White-Trash-Milieu gibt es noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Woodrell und Katherine Faw. Beide schreiben extrem kurze Bücher. Bei Faw entstand dies aus einer enormen Verknappung. Die erste Fassung von „Young God“ hatte über hunderttausend Worte. Sie war allerdings nicht zufrieden damit und begann alles, was irgendwie unwichtig war, zu streichen. Am Ende blieben, im Original, zweiundzwanzigtausend Worte übrig. Die Sprache ist nüchtern. Lakonisch. Manchmal stehen nur wenige Worte auf einer Seite. Die transportieren dann alle wichtigen Informationen, während der Leser den Rest mühelos ergänzen kann.

Außerdem führt diese Kondensierung dazu, dass Faw Nikkis Geschichte unerbittlich und mit rasender Geschwindigkeit voran treibt. Von der Lesegeschwindigkeit ist „Young God“ ein richtiger Pageturner.

Am Ende der Geschichte hat Nikki eine Zukunft, die keine Zukunft ist.

Kirsten Reimers hat ein lesenswertes Nachwort geschrieben, das allerdings erst nach der Lektüre des schmalen Noirs gelesen werden sollte. Denn sie verrät darin die gesamte Geschichte.

Der zweite Band der „Dark Places“-Reihe, „Preisregen“ von Ron Corbett, ist bereits erschienen. Für den Herbst sind „Eiskalter Abschied“ von Marcello Fois, „Stoneburner“ von William Gay und „Tin Men“ von Mike Knowles angekündigt.

Katherine Faw: Young God

(übersetzt von Alf Mayer)

Polar, 2020

232 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Young God

Farrar, Straus and Giroux, New York, 2014

Hinweise

Wikipedia über Katherine Faw

Polar: Interview mit Katherine Faw (Vorsicht. Es wird auch über das Ende geredet)


Böse Frauen: „Die Alte“ von Hannelore Cayre

März 25, 2020

Patience Portefeux ist eine Übersetzerin bei der Polizei. Für Arabisch. Normalerweise übersetzt sie die Telefonate von Drogenhändlern mit ihren Freunden und Familien. Vom Leben ist sie ziemlich angepisst. Früher hatte sie viel Geld. Ihre Eltern verdienten es unter großzügiger Missachtung aller Gesetze. Steuern wurden nicht bezahlt und im Sozialsystem wurde sich nicht angemeldet. Inzwischen ist das Geld weg. Patiences beiden Töchter sind aus dem Haus, das nur noch eine kleine Mietwohnung ist. Patiences Mutter ist in einem Altersheim, für das Patience ihr sauer verdientes Geld ausgibt. Kurz: ihr gesamtes Leben ist beschissen und es gibt keine Möglichkeit, das in absehbarer Zeit zu ändern.

Bis Patience bemerkt, dass einer der Drogenhändler, der überwacht wird, der Sohn einer Pflegerin ihrer Mutter ist. Und weil ihr diese Pflegerin sympathisch ist, hilft Patience ihr. Sie gibt Khadidja spontan Informationen, die eine geplante Verhaftung von ihrem Sohn Afid mit der großen Drogenlieferung verhindern.

Kurz darauf sitzt Afid im Gefängnis und Khadidja ist tot. Patience sucht und findet die von Afid versteckten Drogen. Sie lagert sie in ihrem Kellerraum zwischen und beginnt sie zu verkaufen. Dank der von ihr übersetzten Telefonate hat ‚die Alte‘, wie sie von jungen Dealern genannt wird, die Namen von potentiellen Käufern, kennt die Preise und weiß, wie die Polizei arbeitet.

Mit „Die Alte“ kehrt Hannelore Cayre furios auf den deutschen Buchmarkt zurück. Vor über zehn Jahren erschienen im Unionsverlag ihre ersten beiden Romane „Der Lumpenadvokat“ und „Das Meisterstück“ mit dem Winkeladvokaten Christophe Leibowitz, der zu unserem Lesevergnügen eine sehr legere Rechtsauffassung hatte.

Dem Milieu der Strafverfolgung bleibt die frühere Strafverteidigerin Cayre in ihrem neuen Roman treu. Auch wenn ihre Erzählerin Patience Portefeux als schlecht bezahlte Übersetzerin die Strafverfolgung nur von der Seitenlinie aus betrachtet. Und so ein richtiger Kriminalroman ist „Die Alte“ auch nicht. Es ist die Lebensbetrachtung einer Mittfünfzigerin, die mehr durch Zufall, in kriminelle Geschäfte verwickelt wird und, teils chronologisch, teils assoziativ in der Zeit springend, ihr Leben erzählt und dabei mit der ungerechten französischen Gesellschaft abrechnet. Dabei zeichnet sie das Bild einer Gesellschaft, in der sich alles um Geld dreht und niemand die Gesetze mehr als unbedingt nötig beachtet.

Inzwischen wurde Cayres Noir von Jean-Paul Salomé („Arsène Lupin“, „Female Agents – Geheimkommando Phoenix“) verfilmt. Das Drehbuch ist von Hannelore Cayre, Antoine Salomé und Jean-Paul Salomé. Isabelle Huppert übernahm die Hauptrolle. Als aktueller französischer Kinostart wird im Moment der 15. Juli genannt. Ein deutscher Kinostart steht noch in den Sternen. Und der internationale Titel ist, nicht unpassend, „Mama Weed“.

Hannelore Cayre: Die Alte

(übersetzt von Iris Konopik)

Argument Verlag, 2019

208 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

La daronne

Éditions Métailié, Paris 2017

Hinweise

Wikipedia über Hannerlore Cayre

Perlentauche über „Die Alte“

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Der Lumpenadvokat“ (Commis d’office, 2004)

Meine Besprechung von Hannelore Cayres „Das Meisterstück“ (Toiles de maitre, 2005)


TV-Tipp für den 25. März: Fräulein Smillas Gespür für Schnee

März 24, 2020

Arte, 20.15

Fräulein Smillas Gespür für Schnee (Smilla’s Sense of Snow, Deutschland/Dänemark/Schweden 1996)

Regie: Bille August

Drehbuch: Ann Biderman

LV: Peter Høeg: Frøken Smillas fornemmelse for sne, 1992 (Fräulein Smillas Gespür für Schnee)

Für die Polizei ist der Tod des kleinen Jungen ein tragischer Unfall. Für Fräulein Smilla ist es Mord. Die Suche nach dem Mörder führt sie in die Arktis.

Erstklassig besetzte, eher durchschnittliche Literaturverfilmung. Ist halt Qualitätskino ohne Ecken und Kanten.

Mit Julia Ormond, Gabriel Byrne, Richard Harris, Vanessa Redgrave, Robert Loggia, Mario Adorf

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“

Wikipedia über „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ (deutsch, englisch)


Cover der Woche

März 24, 2020

Vor wenigen Tagen erschien im Argument Verlag die Neuauflage des Romans.


TV-Tipp für den 24. März: Kiss Kiss Bang Bang

März 23, 2020

Kabel 1, 20.15

Kiss Kiss Bang Bang (Kiss Kiss Bang Bang, USA 2005)

Regie: Shane Black

Drehbuch: Shane Black

LV: Brett Halliday: Bodies are where you find them, 1941

Zuerst stolpert Einbrecher Harry Lockhart auf seiner Flucht vor der Polizei in einen Vorsprechtermin und erhält prompt eine Filmrolle. Als er über eine Hollywood-Party stolpert, trifft er seine Jugendliebe Harmony Faith Lane und, als er zwecks Rollenstudium, mit einem knallharten PI Gay Perry (schwul) durch die Straßen Hollywoods schlendert, stolpern sie alle in einen undurchsichtigen Komplott, der direkt aus einem Film der Schwarzen Serie stammen könnte.

Köstliche Liebeserklärung an die Pulps, der natürlich nur lose auf dem Mike-Shayne-Roman basiert, aber dafür ausführlich Chandler zitiert (Zwischentitel, Voice-Over,…).

“first significant neo-noir of the twenty-first century” (Alexander Ballinger/Danny Graydon: The Rough Guide to Film Noir, 2007)

mit Robert Downey Jr., Val Kilmer, Michelle Monaghan, Corbin Bernsen, Rockmond Dunbar

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Kiss Kiss Bang Bang“

Wikipedia über „Kiss Kiss Bang Bang“ (deutsch, englisch)

Spike: Interview mit Shane Black (17. Oktober 2005)

Drehbuch „Kiss, Kiss, Bang, Bang“ von Shane Black (Fassung vom 21. November 2003)

Meine Besprechung von Shane Blacks „Iron Man 3“ (Iron Man 3, USA 2013)

Meine Besprechung von Shane Blacks „The Nice Guys“ (The Nice Guys, USA 2016) und der Blu-ray

Meine Besprechung von Shane Blacks „Predator – Upgrade“ (The Predator, USA 2018)

Wikipedia über Brett Halliday

Kirjasto über Brett Halliday

Mordlust über Brett Halliday

Thrilling Detective über Michael Shayne


TV-Tipp für den 23. März: Nachts, wenn der Teufel kam

März 22, 2020

Arte, 20.15

Nachts, wenn der Teufel kam (Deutschland 1957)

Regie: Robert Siodmak

Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke (nach dem Tatsachenbericht von Will Berthold)

Hamburg, 1944: ein Serienmörder geht um. Kommissar Kersten hält den debilen Bruno Lüdke (Mario Adorf) für den Täter.

Klassiker des deutschen Films und der Durchbruch für Mario Adorf, der danach sicher nicht zum Sonntagsbrunch eingeladen wurde.

Mit Mario Adorf, Claus Holm, Werner Peters, Hannes Messemer

Hinweise

Filmportal über „Nachts, wenn der Teufel kam“

Wikipedia über „Nachts, wenn der Teufel kam“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Zeuge gesucht” (Phantom Lady, USA 1943)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks „Unter Verdacht“ (The Suspect, USA 1944)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks „Rächer der Unterwelt“ (The Killers, 1946)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Der schwarze Spiegel” (The dark mirror, USA 1946)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks „Die Killer“ (The Killers, USA 1946)

Meine Besprechung von Deutsches Historisches Museum (Hrsg.) „Robert Siodmak“ (2015)


TV-Tipp für den 22. März: Star Wars: Die letzten Jedi

März 22, 2020

Pro7, 20.50

Star Wars: Die letzten Jedi (Star Wars: The last Jedi, USA 2017)

Regie: Rian Johnson

Drehbuch: Rian Johnson

Buch zum Film: Jason Fry: Star Wars: The last Jedi, 2018 (Star Wars: Die letzten Jedi)

TV-Premiere des zweiten Teils der dritten „Star Wars“-Trilogie: Bösewicht Kylo Ren will immer noch die Macht haben, Rey will den Eremiten Luke Skywalker überreden, wieder für die Rebellen zu kämpfen und die Rebellen wollen verhindern dass die Bösewichter gewinnen. Im Moment kämpfen sie allerdings vor allem um ihr eigenes Überleben.

Ein ziemliches Weltraumchaos: bunt, laut und mit vielen bekannten Figuren auf der Suche nach seiner Geschichte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (in meiner Besprechung des Filmromans gehe ich ausführlicher auf die Geschichte ein)

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Pro7 die erste Folge der „Star Wars“-Serie „The Mandalorian“. Die weiteren Folgen gibt es dann gegen Geld auf der neuen Streaming-Plattform Disney+“.

mit Mark Hamill, Carrie Fisher, Adam Driver, Daisy Ridley, John Boyega, Oscar Isaac, Lupita Nyong’o, Andy Serkis, Domhnall Gleeson, Anthony Daniels, Gwendoline Christie, Kelly Marie Tran, Laura Dern, Benicio Del Toro , Anthony Daniels, Jimmy Vee, Frank Oz

Wiederholung: Montag, 23. März, 00.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Der galaktische „Krieg der Sterne“-YouTube-Kanal

Moviepilot über „Star Wars: Die letzten Jedi“

Metacritic über „Star Wars: Die letzten Jedi“

Rotten Tomatoes über „Star Wars: Die letzten Jedi“

Wikipedia über „Star Wars: Die letzten Jedi“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. J. Abrams‘ „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ (Star Wars: The Force awakens, USA 2015)

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Star Wars: Die letzten Jedi“ (Star Wars: The last Jedi, USA 2017)

Meine Besprechung von Gareth Edwards‘ „Rogue One: A Star Wars Story“ (Rogue One: A Star Wars Story, USA 2016)

Meine Besprechung von J. J. Abrams‘ „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“ (Star Wars: The Rise of Skywalker, USA 2019)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Imperium in Trümmern (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht) (Star Wars: Shatterd Empire # 1 – 4, Disney/Lucasfilm 2015)

Meine Besprechung von Greg Ruckas „Star Wars: Vor dem Erwachen“ (Star Wars: Before the Awakening, 2015)

Meine Besprechung von Alan Dean Fosters „Star Wars: Das Erwachen der Macht – Der Roman zum Film“ (Star Wars: The Force awakens, 2015)

Meine Besprechung von Michael Kogges „Star Wars: Das Erwachen der Macht – Jugendroman zum Film“ (Star Wars: The Force awakens, 2016)

Meine Besprechung von James Lucenos „Star Wars – Der Auslöser: Ein Rogue One Roman“ (Star Wars: Catalyst: A Rogue One Novel, 2016)

Meine Besprechung von Alexander Freeds „Rogue One – Eine Star Wars Story“ (Rogue One. A Star Wars Story, 2016) (Filmroman)

Meine Besprechung von Jason Frys „Stars Wars: Die letzten Jedi“ (Star Wars: The last Jedi, 2018)

Meine Besprechung von Ron Howards „Solo: A Star Wars Story“ (Solo: A Star Wars Story, USA 2018)

Meine Besprechung von J. J. Abrams’ “Super 8” (Super 8, USA 2011)

Meine Besprechung von J. J. Abrams‘ „Star Trek into Darkness“ (Star Trek into Darkness, USA 2013)

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Looper“ (Looper, USA 2012 – mit weiteren Bildern, Links und einem 35-minütigem Interview mit Rian Johnson und Joseph Gordon-Levitt) und der DVD

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Star Wars: Die letzten Jedi“ (Star Wars: The last Jedi, USA 2017) und des Filmromans

Meine Besprechung von Rian Johnsons „Knives out – Mord ist Familiensache“ (Knives out, USA 2019)