LV: Mark Millar/John S. Romita Jr.: Kick-Ass, 2008 – 2010 (Comic)
Dave, ein Junge ohne besondere Fähigkeiten, will zu einem Superhelden werden. Seine ersten Taten sorgen auf YouTube für grandiose Klickzahlen und noch mehr Gelächter. Da trifft er Hit Girl und Big Daddy – und er ist in einem veritablen Kampf zwischen Gut und Böse verwickelt.
Köstliche, ziemlich brutale und vollkommen respektlose Parodie auf das Superheldentum in Comics und Filmen.
Am kommenden Donnerstag, den 6. Juli, zeigt Vox um 22.30 Uhr (Wdh. um 02.30 Uhr) „Kick-Ass 2“.
mit Aaron Johnson, Chloe Moretz, Christopher Mintz-Plasse, Mark Strong, Nicholas Cage
Als zweiter Band der Mark Millar Collection ist „Wolverine: Staatsfeind“ erschienen. Die Erstausgabe erschien 2003 in den USA. In der Geschichte erhält Wolverine von einem mythischen Ninja-Clan eine Gehirnwäsche. Danach beginnt er gegen seine alten Freunde zu kämpfen.
In dem Weltraum-Abenteuer „Empress“, im Original zwischen Juni 2016 und Januar 2017 in sieben Heften erschienen, flieht die Königin Emporia mit ihren Kindern vor ihrem Ehemann König Morax. Der Tyrann verfolgt sie und wir lernen einige neue Welten kennen.
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Mark Millar/Stuart Immonen: Empress
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini Comics, 2017
200 Seiten
19,99 Euro
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Mark Millar/John Romita Jr.: Wolverine: Staatsfeind (Mark Millar Collection 2)
LV: José Saramago: O Homen Duplicado, 2002 (Der Doppelgänger)
Uniprofessor Adam Bell entdeckt in einem Spielfilm einen Statisten, der sein Doppelgänger sein könnte. Er beginnt ihn zu suchen, trifft ihn – und es wird immer undeutlicher, was real ist, was nicht und was das alles miteinander zu tun hat.
Herrlicher Mindfuck von Denis Villeneuve, der gerade „Blade Runner 2049“ dreht.
Genrefans kennen Iko Uwais vor allem aus den beiden „The Raid“-Filmen, in denen er sich zuerst durch ein Hochhaus und später durch die Stadt kämpfte. Die von Gareth Evans inszenierten Filme waren ein Fest für Fans von Actionfilmen, die endlich wieder überzeugende Martial-Arts-Kämpfen und Actionszenen, in denen die Schnitte nichts verbergen, sehen wollten, in einem Film, bei dem man sein Gehirn nicht vollkommen abschalten musste.
Auch in seinem neuesten Film „Headshot“ kämpft er sich durch den Film – und die Kamera beobachtet ihn dabei.
Die Filmstory, so eine Art „Jason Bourne im Gangstermilieu“, erreicht allerdings niemals die Qualität der „The Raid“-Geschichten. Die Regisseure Kimo Stamboel und Timo Tjahjanto (auch Drehbuch) erzählen eine ziemlich abstruse Geschichte, die nur dazu dient, die Kämpfe zweckdienlich miteinander zu verbinden.
Uwais spielt einen Mann ohne Gedächtnis, der schwer verletzt an das Ufer eine Insel gespült wird. Die Medizinstudentin Ailin nennt ihn Ishmael.
Schnell bemerkt er, dass einige Männer ihn umbringen wollen und er über außergewöhnlich gute Reflexe verfügt. Er beginnt die Männer zu suchen, die ihn umbringen wollen. Und er will wissen, warum.
Der Weg dorthin ist mit vielen Schlägereien gepflastert, in denen die Kampfsportler in langen, wenig geschnittenen Kämpfen gegeneinander antreten. Das ist gut gemacht, hat in manchen Momente auch die tänzerische Eleganz eines Jackie-Chan-Films, allerdings ohne deren Humor. Das macht „Headshot“ zu einem sehr grimmigen Nonstop-Actionfilm.
Insofern richtet sich der indonesische Actionfilm vor allem an Genrefans, die sich vor allem für die von Iko Uwais grandios choregraphierten Martial-Arts-Kämpfe interessieren und die dafür auf eine ausgefeilte Story verzichten können.
Das Bonusmaterial besteht aus drei Werbe-Featurettes.
Headshot(Headshot, Indonesien 2016)
Regie: Kimo Stamboel, Timo Tjahjanto
Drehbuch: Timo Tjahjanto
mit Iko Uwais, Julie Estelle, David Hendrawan, Chelsea Islan, Zack Lee
Da dürften sich einige „Tatort“-Fans freuen: Der RBB zeigt bis Ende September jeden Montag um 22.15 Uhr einen alten, oft schon seit Jahren (Jahrzehnten?) nicht mehr gezeigten Berlin-„Tatort“ und das in brandneu restaurierten Fassungen. Sie könnten also besser als bei der Erstausstrahlung aussehen und wir können prüfen, ob die damaligen Urteile heute immer noch stimmen. Denn nicht jeder „Tatort“ aus Berlin wurde euphorisch abgefeiert.
Gezeigt werden „Der Boss“ (heute), „Rattennest“ (mit Götz George, am 3. Juli), „Transit ins Jenseits“ (mit Götz George und Marius Müller-Westernhagen, am 10. Juli), „Feuerzauber“ (am 17. Juli), „Sterne für den Orient“ (am 24. Juli), „Gefährliche Träume“ (am 31. Juli), „Beweisaufnahme“ (am 7. August), „Katz und Mäuse“ (am 15. August), „Sterben und sterben lassen“ (am 22. August), „Fluppys Masche“ (am 29. August), „Freiwild“ (Wolfgang Staudtes letzter Film, am 4. September), „Blutwurstwalzer“ (ein Klassiker, von Wolfgang Becker, mit Jürgen Vogel, am 11. September), „Berlin – Beste Lage“ (von Matti Geschonneck, am 18. September) und „Die Sache Baryschna“ (ebenfalls von Matti Geschonneck und, wie die vorherigen beiden „Tatorte“, mit Günter Lamprecht, am 25. September).
In „Der Boss“, dem ersten „Tatort“ des RBB (damals Sender Freies Berlin [SFB]), geht es um eine Bande von Pelzdieben. Als deren Boss an der Zonengrenze ermordet aufgefunden wird, sucht Kommissar Kasulke (Paul Esser) den Mörder; – wobei es damals noch möglich war, den „Tatort“ als Gangsterkrimi zu erzählen und den Ermittler zum Nebendarsteller zu machen. Es war auch möglich, die Geschichte innerhalb einer Stunde zu erzählen.
Der zweite und letzte Kasulke-Fall wird am kommenden Montag gezeigt.
mit Paul Esser, Hugo Panczak, Heribert Sasse, Elke Aberle, Günther Dockerill, Gustl Bayrhammer (Gastkommissar)
„I’m not real. I’m just like you. You don’t exist in this society. If you did, your people wouldn’t be seeking equal rights. You’re not real. If you were, you’d have some status among the nations of the world. So we’re both myths. I do not come to you as a reality. I come to you as the myth, because that’s what black people are. Myths. I came from a dream that the black man dreamed a long time ago. I’m actually a presence sent to you by your ancestors.“ (Sun Ra)
Lexika behaupten, dass Sun Ra bürgerlich Herman ‚Sonny‘ Blount hieß, am 22. Mai 1914 in Birmingham, Alabama, geboren und am 30. Mai 1993 in Birmingham, Alabama, starb.
Nun ja. Das kann man so sehen. Muss man aber nicht. Denn Sun Ra ist ein göttliches Wesen aus dem Weltall und mit seinem Arkestra landete er auf der Erde um seine befreiende Musik und Botschaft für die Menschheit zu spielen.
In John Coneys „Space is the Place“ wird erzählt, wie Sun Ra nach einer jahrelangen Reise durch Raum und Zeit mit seinem Raumschiff auf die Erde zurückkehrt. In Kalifornien sucht er schwarze Brüder, die er in seinem Raumschiff mitnehmen will. Die Erde selbst ist im Wahn von Rassismus und Repression dem Untergang geweiht. An einer Ausfallstraße in Oakland gründet er eine Agentur für Zeitarbeit, in der sich ein bunter Querschnitt von der Gesellschaft Ausgestoßener vorstellt, wenn Sun Ra nicht gerade einen Jugendclub besucht und dort seine revolutionäre Botschaft der Liebe verkündet.
Aber nicht jeder ist von Sun Ras Mission begeistert. Die NASA und der mysteriöse Overseer kämpfen gegen ihn und man braucht nicht viel Fantasie, um sie in den damaligen politischen Kämpfen zu verorten; wenn man sich nicht noch tiefer in die afroamerikanische Mythologie begeben will.
Das liest sich jetzt wie die Inhaltsbeschreibung eines halbwegs konventionellen B-Pictures, das etwas Subtext für die Intellektuellen hat und den damaligen revolutionären Zeitgeist der frühen siebziger Jahre widerspiegelt.
Nichts könnte falscher sein. „Space is the Place“ ist eine vom Blaxploitation-Kino beeinflusste afrofuturistische Collage mit dokumentarischen Einschüben, die mehr eine Jazzimprovisation (und ein großer Spaß) als ein auch nur halbwegs normaler Film ist. Es gibt wiederkehrende Themen und Motiven, viele kurzen Episoden, die manchmal wieder aufgenommen werden, manchmal nicht, Improvisationen, viele Anspielungen auf die Popkultur, die aktuelle Politik (wir reden von den frühen Siebzigern), abgedrehten Dialoge und einem Sun Ra im Mittelpunkt, der dem Begriff Deadpan-Schauspiel eine neue Dimensionen verleiht. Sun Ra verzieht keine Mine und ist dabei gleichzeitig umwerfend komisch und todernst, geerdet und abgespact und er lässt keinen Zweifel an seiner friedlichen Mission aufkommen.
„Space is the Place“ ist in jedem Fall kultiger Film, den Rapid Eye Movies hier ausgegraben, Bild für Bild restauriert und digitalisiert hat. Von der letzten noch existierenden 35-mm-Kopie, die im Keller des Produzenten Jim Newman gefunden wurde und in einem erbärmlichen Zustand war. Das zeigt sich immer wieder an Verschmutzungen im Bild, die man sonst nur von alten Filmkopien kennt. Das gilt auch für den Ton, die Farbgebung und das Bildformat. „Space is the Place“ wird wieder im ursprünglichen Academy-Format (1:1,33) gezeigt. Insgesamt verleiht das dem Film einen sehr angenehmen Retro-Charme.
Schade ist nur, dass man in dem Film wenig von Sun Ra und seinem Arkestra hört. Denn sie spielten einen sehr zugänglichen und witzigen Big-Band-Free-Jazz. Im Film gibt es nur einige kurze, experimentell-freejazzigen Konzertausschnitte.
Da muss man dann doch einmal auf YouTube herumstöbern.
„The earth cannot move without music. The earth moves in a certain rhythm, a certain sound, a certain note. When the music stops the earth will stop and everything upon it will die.“ (Sun Ra)
Die Weltpremiere der restaurierten Fassung ist am Montag, den 26. Juni, um 20.00 Uhr im Babylon Kino. Mit Jim Newman, dem Produzenten des Films, und einem Auftritt des Sun Ra Arkestra, das die Botschaft Sun Ras immer noch in die Welt hinausträgt.
Einen Tag später, am Dienstag, den 27. Juni, gibt es um 20.00 Uhr im Festsaal Kreuzberg ein Konzert des Arkestra.
Und danach will Rapid Eye Movies den Film – „eine Ode an die Kraft von Musik und Kunst, sozialen Wandel voranzutreiben und sich von politischen Zwängen nicht beeindrucken zu lassen“ (Rapid Eye Movies) – an möglichst vielen Orten zeigen.
Space is the Place (Space is the place, USA 1974)
Regie: John Coney
Drehbuch: Joshua Smith, Sun Ra
mit Sun Ra, Raymond Johnson, Barbara Deloney, Erika Leder, Christopher Brooks, Clarence Brewer, John Gilmore, Marshall Allen, Danny Davis, Eloe Omoe, Kwame Hadi, Danny Thompson, Tommy Hunter, Ken Moshesh, Lex Humphries
LV: Joseph D. Pistone, Richard Woodley: Donnie Brasco: My Undercover Life in the Mafia, 1990
FBI-Agent Joe Pistone arbeitete von 1975 bis 1981 als Undercover-Agent in New York gegen den Bonanno Clan. Dabei befreundete er sich mit dem Kleingangster Lefty Ruggiero.
Intensives Porträt über Mafiosi am unteren Ende der Futterleiter, den persönlichen Folgen gefährlicher Einsätze, über Beziehungen, Freundschaft und Verrat.
Mit Al Pacino, Johnny Depp, Michael Madsen, James Russo, Anne Heche
Lachsfischen im Jemen (Salmon Fishing in the Yemen, Großbritannien 2011)
Regie: Lasse Hallström
Drehbuch: Simon Beaufoy
LV: Paul Torday: Salmon Fishing in the Yemen, 2006 (Lachsfischen im Jemen)
Dr. Alfred Jones, Lachsexperte und Angestellter des englischen Fischereiministeriums, hält die Idee des Scheichs, Lachse im Jemen heimisch zu machen, für absolut hirnverbrannt. Aber viel Geld und der eiserne Wille der Politik, eine dringend benötige positive anglo-amerikanische Geschichte zu produzieren, zwingen Jones dazu, sich dem idiotischen Projekt zu widmen. Außerdem ist der Scheich sehr sympathisch und die Projektleiterin äußerst liebenswert.
Ein normaler Tag im Leben einer in einer Großstadt in einem Mietshaus lebenden Familie. Was soll daran besonderes sein?
Nun, das Apartment ist in Syrien in Damaskus, mitten im Kriegsgebiet. Um Scharfschützen kein Ziel zu bieten, sind die Vorhänge zugezogen. Die Wohnungstür ist, um sich vor Plünderern zu schützen, verbarrikadiert.
Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist ein Kampf ums Überleben. Auch wenn Oum Yazan mit einem mütterlich strengem Regiment die Ordnung aufrecht erhält und dafür sorgt, dass die Abläufe zwischen Aufstehen, regelmäßigen Mahlzeiten und Zähne putzen so normal wie möglich sind. Auch wenn sie einige ungeplante Dauergäste, wie ihren Schwiegervater, der die meiste Zeit passiv schweigend am Tisch sitzt, ihre Nachbarin Halima, eine junge Mutter, und Halimas Freund Samir beherbergt.
Oum und ihre Mitbewohner haben sich so gut es geht, mit der Situation ihres selbst auferlegten Hausarrests arrangiert. Sie geben nicht auf. Auch wenn sie nicht wissen, was passiert und, immerhin kennen wir aus den Nachrichten die Lage in Syrien, es keinen Hoffnungsschimmer auf eine kurzfristige Lösung gibt.
Aber heute ist kein normaler Tag. Denn Samir wird auf dem Weg zu seinem Fluchthelfer im Hinterhof von einem Scharfschützen niedergestreckt. Oums Hausmädchen Delhani hat die Tat beobachtet. Sie erzählt Oum von ihrer Beobachtung. Oum will Halima erst zu einem geeigneten Zeitpunkt davon erzählen. Nur: wann sagt man einer Mutter, dass sie eine Witwe ist?
Und schaffen sie es, den Plünderern, die an die Tür klopfen, den Zutritt zu verwehren?
„Innen Leben“ hatte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale und erhielt den Panorama Publikumspreis. Philippe Van Leeuw erzählt in seinem zweiten Spielfilm ganz konkret von einer bestimmten Situation an einem bestimmten Ort. Dabei interessieren ihn nicht die Motive der verschiedenen Kriegsparteien, sondern die Auswirkungen des Krieges und der Gewalt auf eine normale, bürgerlich-gebildete Familie, die einfach nur, möglichst unbehelligt von den Wirren des Krieges, überleben möchte. Er beobachtet mit dem geduldigen Blick des langjährigen Dokumentarfilmers die in der Wohnung lebenden Menschen und ihre Handlungen, ohne über sie zu urteilen. Das müssen wir Zuschauer machen.
Und, weil man keine große Fantasie benötigt, um „Innen Leben“ als Metapher zu verstehen, erzählt an Leeuw sehr universell vom Leben.
Die Inspiration für seinen Film war ein Gespräch im Dezember 2012 mit einer Freundin aus Damaskus, die ihm erzählte, dass ihr Vater ohne Telefon oder eine andere Kommunikationsmöglichkeit drei Wochen in seiner Wohnung in Aleppo eingesperrt war. Aus diesem Bild von einem in seiner Wohnung eingesperrten Mann wurde eine Familie, die mit einigen Bekannte in einer Wohnung eingesperrt ist, während in der Stadt Krieg herrscht.
Aufgrund mehrere Arbeitsaufenthalte Van Leeuws im Libanon und Gesprächen mit befreundeten syrischen Filmemachern konnte der Belgier die Geschichte an die Situation in Syrien anpassen. Er besetzte alle Rollen, bis auf „Die syrische Braut“ Hiam Abbas (Oum Yazan), Diamand Bou Abboud (Halima) und Juliette Navis (Delhani), mit syrischen Flüchtlingen, die natürlich Teile ihrer Biographie in die Filmgeschichte einbrachten.
„Das Aufbegehren des syrischen Volkes begann vor sechs Jahren und der Krieg wütet seit über fünf Jahren. Und der Rest der Welt hat nichts getan, um ihn zu stoppen. Die Syrer, die gerade in Europa Zuflucht suchen, hatten keine andere Wahl, als ihre Häuser und ihr Land zu verlassen. Sie alle entflohen einem Leben, zu dem uns die Bilder fehlen. Unabhängig von der Katastrophe in Syrien und anderswo, ob heute oder in vergangenen Zeiten, möchte ich den Blick auf die Würde der zivilen Bevölkerung richten, die in modernen Kriegen mehr und mehr die Leidtragende ist.“ (Philippe Van Leeuw)
Innen Leben (InSyriated, Belgien/Frankreich/Libanon 2017)
Regie: Philippe Van Leeuw
Drehbuch: Philippe Van Leeuw
mit Hiam Abbass, Diamand Abou Abboud, Juliette Navis, Mohsen Abbas, Moustapha Al Kar, Alissar Kaghadou, Ninar Halabi, Mohammad Jihad Sleik, Elias Khatter
Vittoria ist die neue Staatsanwältin in Kalabrien. Die süditalienische Region wird seit Ewigkeiten von der ‚Ndrangheta, der dortigen Version der Mafia beherrscht. Alle halten zusammen und schweigen gegenüber der Polizei. Die Kinder der Verbrecher werden früh zu einem Leben als Verbrecher erzogen; falls sie nicht in jungen Jahren ermordet werden. Oft von anderen Verbrechern. Die Frauen werden zwangsverheiratet und sie halten zu ihren Männern. Bis der Tod sie scheidet. Es ist ein gut abgeschottetes verbrecherisches System, das gegen Angriffe von außen gut geschützt ist.
Vittoria will die ‚Ndrangheta bekämpfen und sie hat eine Idee, wie sie an die teilweise untergetauchten Bosse herankommen kann. Sie will die Ehefrauen der Verbrecher zu Aussagen bewegen.
Weil dies nicht mit moralischen Appellen funktioniert, nimmt sie ihnen die minderjährigen Söhne weg und stellt sie unter staatliche Aufsicht. So zeigt sie, was in „Das Land der Heiligen“ nicht weiter vertieft wird, den Kindern der Verbrecher erstmals, dass es ein Leben außerhalb des Clans gibt. Ihr Ziel sind allerdings deren Mütter, die ihre Kinder über alles lieben und die ihre Kinder wieder sehen können, wenn sie gegen ihre Männer aussagen. Sie hofft, mit dieser Erpressung das Schweigekartell zu brechen. Besonders zwei Frauen stehen im Zentrum ihres Interesses: Caterina, die Frau des untergetauchten ‚Ndrangheta-Bosses Alfredo, und ihre jüngere, 35-jährige Schwester Assunta, die zwei Kinder hat, kürzlich Witwe wurde und schon wieder mit einem Verbrecher, den sie abgrundtief hasst, zwangsverheiratet wurde.
Trotzdem sind, als Vittoria ihnen ihre Söhne per Gerichtsbeschluss wegnimmt, die Mütter erbost und die ‚Ndrangheta überlegt, was sie gegen die junge Staatsanwältin tun können.
Indem Regisseur Fernando Muraca in seinem Spielfilmdebüt „Das Land der Heiligen“ die Mütter und ihre Beziehung zu ihren Söhnen in den Mittelpunkt rückt, verschafft er seinem Mafiathriller eine neue Perspektive. Gleichzeitig zeigt er, in welchem totalitären System die Ehefrauen der Mafiosi leben. Sie erziehen ihre Söhne zu Verbrechern, anstatt ihnen einen Weg zu einem anderen Leben aufzuzeigen. Um ihre Familie und den Clan zu schützen, lassen sie lieber ihre Kinder sterben, als sie vor dem Tod zu beschützen.
Dieser Einblick in das Leben der ‚Ndrangheta-Frauen und das soziale Gefüge der Verbrecher gelingt Muraca gut. Allerdings bleibt er über weite Strecken des Films bei einer analytischen Situationsbeschreibung. Das und weil die Geschichte ohne große Wendungen oder Überraschungen auf ihr offensichtliches Ende zusteuert, wirkt „Das Land der Heiligen“ trotzt seiner kurzen Laufzeit arg zäh.
Insofern ist „Das Land der Heiligen“ durchaus interessant, aber eher für einen TV-Abend geeignet.
Das Land der Heiligen – La terra dei santi(La terra dei santi, Italien 2015)
Regie: Fernando Muraca
Drehbuch: Fernando Muraca, Monica Zapelli
mit Valeria Solarino, Lorenza Indovina, Antonia Daniela Marra, Ninni Bruschetta, Francesco Colella, Marco Aiello, Tommaso Ragno, Piero Calabrese
Am Wochenende ist es wieder soweit: das inzwischen schon 7. Frauenkrimifestival ist am Samstag, den 24. Juni, und Sonntag, den 25. Juni, im Frauengefängnis SOEHT7 (Söhtstraße 7, 12203 Berlin Lichterfelde). Organisiert wird es von den „Mörderischen Schwestern“, der deutschsprachigen Vereinigung von Krimischriftstellerinnen, Leserinnen und Bücherfrauen, die nur eine Mission haben: kreativ töten. Männer sind willkommen als…
Das umfangreiche Programm (20 Autorinnen, 40 Lesungen) besteht hauptsächlich aus Lesungen von Kurzkrimis, was den Vorteil hat, dass die Mordsgeschichte nicht mit einem mörderischen Cliffhanger endet.
Ein plötzliches Ende ist am Sonntag ab 19.00 Uhr bei den Lesungen der Abschlussveranstaltung, der Ladies Crime Night, vorprogrammiert. Denn nach genau sieben Minuten müssen Ulrike Bliefert, Ute Christensen, Ulrike Blatter (von ihr liegt noch ihr letzter Roman „Vor dem Erben kommt das Sterben“ [Lindemann] bei mir herum), Gisela Witte, Connie Roters, Cordula Hamann, Heidi Ramlow, Barbara Ahrens und Regine Röder-Ensikat mit dem Lesen aufhören. Zum Trost gibt es eine Tombola, bei der es sicher auch einige Bücher zu gewinnen gibt.
Am Samstag gibt es, ebenfalls ab 19.00 Uhr, einen „Ladies Crime Slam“. Autorinnen lesen vierminütige Texte vor und am Ende bestimmt das Publikum die beste Geschichte.
Es werden auch, wie man es von normalen Lesungen kennt, Kriminalromane vorgestellt: Ulrike Blatter stellt ihren Kriminalroman „Vor dem Erben kommt das Sterben“ am Samstag um 15.00 Uhr vor, Kathrin Lange zweimal ihren dritten Kommissar-Faris-Iskander-Berlin-Thriller „Ohne Ausweg“ (Blanvalet) am Samstag um 14.00 Uhr und um 16.00 Uhr. Bettina Kerwien ihren brandneuen Berlin-Krimi „Mitternachtsnotar“ (Jaron) am Samstag um 14.00 Uhr. Und Connie Roters liest am Sonntag um 17.00 Uhr aus „Das Grab im Schnee“ (Berlin Verlag). Der Krimi verkaufte sich in der Krimibuchhandlung Hammett gut genug für den ersten Platz ihrer Top-Ten-Berlinkrimiliste.
Neben den Lesungen gibt es auch den Workshop „Drei Frauen teilen sich eine Leiche – Von der Kunst, gemeinsam Krimis zu schreiben“ ohne sich umzubringen. Da dürfte es allerdings ohne weibliche List und Heimtücke keine freien Plätze mehr geben.
Der neueste Transformers-Film „Transformers: The Last Knight“ ist kein typischer Michael-Bay-Film. In zwei Punkten. Es gibt eigentlich kein Product Placement. Keine übergroßen, sinnlos im Bild herumstehenden Werbetafeln für Damenunterwäsche. Das liegt auch daran, dass der Film zu großen Teilen an Orten spielt, die naturgegeben werbefrei sind. Wobei Michael Bay schon immer eine herzliche Ignoranz gegenüber der Logik hatte.
Es gibt nur zwei größere Frauenrollen im Film. Die eine ist ein vierzehnjähriges Mädchen, das wie eine jüngere Version der Heldinnen der letzten beiden „Star Wars“-Filme aussieht. Die andere ist eine super gebildete Wissenschaftlerin, die schon vor einigen Jahren ihren zwanzigsten Geburtstag hatte. Beide kriegen zwar ein, zwei Michael-Bay-Shoots, aber sie sind mehr Pflicht als Kür.
In allen anderen Punkten ist der fünfte Transformers-Film ein typischer Michael-Bay-Film. Allerdings erschreckend lustlos inszeniert.
Es gibt wieder eine Story zum Haare ausraufen. Im Endeffekt geht es um ein wichtiges Artefakt, das von den Transformers (äh, das sind Roboter-Wesen von einem anderen Planeten, die sich in Autos verwandeln können) zu König Artus Zeiten auf die Erde gebracht wurde. Später wurde es über den Globus verstreut. Jetzt wollen die bösen Transformers und ein gehirngewaschener Optimus Prime (eigentlich einer der Guten) das Artefakt wieder zusammenfügen und die Erde vernichten. Die guten Transformers kämpfen dagegen. Und Cade Yeager (Mark Wahlberg, der schon durch den vorherigen Transformers-Film stolperte) ist der titelgebende letzte Ritter, der die Katasrophe verhindern kann.
Begleitet wird er von der Waisen Izabella (Isabelle Moner), der Historikerin Vivian Wembley (Laura Haddock [Fun Fact: sie ist älter als Megan Fox]), Lord Edmund Burton (Anthony Hopkins) und seinem putzigen Droiden. Gejagt und später begleitet werden sie von einer Trupp unerschrockener Kanonenfutter-Soldaten.
Der Weg zur großen Endschlacht im und unter Wasser, in der Luft, in Raumschiffen und bei Stonehenge (liegt in Bay-Welt alles direkt nebeneinander) ist mit epischen Kämpfen, Frotzeleien, Logiklöchern und Anschlussfehlern gepflastert, die von einem erschreckenden Desinteresse an der Geschichte und dem Publikum zeugen. Da liegt eine Metropole neben einem Wüstenkaff. Da hat Yeager sein Artus-Schwert in der Hand. Sekunden später ist es verschwunden. Und man hat immer die passenden Kleider dabei.
Die Story selbst, soweit sie überhaupt erkennbar ist, wirkt wie eine Resteverwertung aus den letzten „Star Wars“-Filmen (die Story, das Finale, Burtons Hausroboter, Izabellas Roboterfreund,…), gekreuzt mit der Artus-Sage. In der Version von Guy Ritchies vor wenigen Wochen gestartetem „King Arthur: Legend of the Sword“. Da werden einfach Bilder, Szenen und Dialoge hintereinander geklatscht, ohne dass jemals darauf geachtet wird, wie das alles miteinander zusammenhängt und man sich schon fast einen Extended Cut zum Stopfen der schlimmsten Drehbuchlöcher wünscht; – nein, nur ein Witz.
Unter den Schauspielern finden sich einige aus den vorherigen Filmen bekannte Namen und einige prominente Neuzugänge; und wenn man deren Name nicht kennt, kennt man ihr Gesicht. Sie alle haben nur kurze, teilweise nur knapp über der Cameo-Länge liegende Auftritte und sie alle sind nur wegen des Geldes dabei. Es sind Mark Wahlberg, Josh Duhamel (ein „Transformers“-Veteran), Stanley Tucci (kurz, sehr kurz), John Turturro (dito), Anthony Hopkins, Glenn Morshower (als, reden wir über kreative Namenswahl, General Morshower) und die schon erwähnten Bay-Babes Isabelle Moner und Laura Haddock. In der Originalfassung werden die Roboter, unter anderem, von Peter Cullen (wieder als Optimus Prime), John Goodman, Ken Watanabe, Jim Carter (von „Downtown Abbey“) und Omar Sy gesprochen; falls jemand ihre Stimmen erkennt.
Wie die vier vorherigen, kommerziell sehr erfolgreichen „Transformers“-Filme ist „The Last Knight“ ein Film für Kinder. Mit hundertfünfzig Minuten ist er für sie allerdings zu lang geraten. Und auch sie verdienen gute Filme. Davon ist „Transformers: The Last Knight“ meilenweit entfernt.
Wirklich ärgerlich an dem Film ist die durchgehende Abwesenheit einer auch nur irgendwie erkennbaren Bemühung zu unterhalten. Michael Bays neueste CGI-Actionplotte ist das filmische Äquivalent zu einem Überfall, bei dem der Räuber, weil er weiß, dass er seine Beute erhalten wird, jegliches Engagement vermissen lässt.
In Interviews bekundeten Michael Bay und Mark Wahlberg, dass sie beim nächsten „Transformers“-Film nicht dabei sein wollen.
Aber auch ohne sie – wobei Michael Bay als Produzent involviert ist – wird es mit den Transformers weitergehen. Die nächsten Filme sind schon angekündigt.
Transformers: The Last Knight (Transformers: The Last Knight, USA 2017)
Regie: Michael Bay
Drehbuch: Matt Holloway, Art Marcum, Ken Nolan (nach einer Geschichte von Akiva Goldsman, Art Marcum, Matt Holloway und Ken Nolan)
mit Mark Wahlberg, Anthony Hopkins, Stanley Tucci, John Turturro, Josh Duhamel, Laura Haddock, Isabela Moner, Santiago Cabrera, Jerod Carmichael, Peter Cullen (Stimme), Frank Welker (Stimme), John Goodman (Stimme), Ken Watanabe (Stimme), Jim Carter (Stimme), Omar Sy (Stimme)
Biopic über den Aufstieg und Fall des Drogenbarons Frank Lucas in Harlem in den frühen Siebzigern.
Das Zeitkolorit ist toll, weniger toll ist, dass Denzel Washington als Drogenhändler Frank Lucas und Russell Crowe als den ihn jagenden Detective Richie Roberts erst am Ende eine gemeinsame Szene haben. Davor bekommen wir zwei Filme präsentiert: einen tollen Gangsterfilm (so als Best-of-Gangsterfilm), einen weniger tollen Polizeifilm und insgesamt einen doch ziemlich durchschnittlichen Film, der sich nie entscheiden kann welche Geschichte er erzählen soll und er deshalb in deutlich über zwei Stunden (Hey, früher gab’s für die Spielzeit auch zwei Filme) beide Geschichten erzählt. Das kommt dabei heraus, wenn man zwei Stars hat, die auf ihrer Filmzeit bestehen. Vielleicht hätte Ridley Scott Val Kilmer für die Rolle des Polizisten anfragen sollen.
mit Denzel Washington, Russell Crowe, Cuba Gooding jr., Josh Brolin, RZA, John Ortiz, Ted Levine, Chiwetel Eliofor, Armand Assante, Carla Gugino
Am Ende von „TaxiBar“ stand Kristof Kryszinski auf einem Parkplatz in den Dünen der Atlantikküste zwischen Polizisten und Verbrechern, die ihn alle umbringen wollten.
Das hätte das Ende des von Jörg Juretzka erfundenen Ruhrpott-Hardboiled-Privatdetektivs und zuletzt Barbetreibers sein können.
Aber die Geschichte geht weiter. In „TrailerPark“ erzählt Kryszinski, wie er entkommen konnte. Ganz einfach: er springt einfach in das nächste Auto und rast los über die Düne auf die Straße in den Wald und dann, auf Schleichwegen, raus aus Frankreich.
Unter falscher Identität lebt er als Nepomuk Blaumanis in Portugal in dem Surferparadies Jerusalé in einem Trailerpark, in dem sich einige Urlauber und viele halbseidene Gestalten, die wenig Geld und viel Ärger mit der Polizei haben, treffen.
„TrailerPark“ ist eine einzige Enttäuschung. Über zweihundert Seiten passiert nichts und dann kommt die große Welle. Denn natürlich will die Chiens du Nord immer noch ihr Geld haben und Blaumanis war (ist?) ein Söldner, der sich bei seiner Arbeit einige Feinde geschaffen hat, die ihn umbringen wollen. Und Kryszinski hat im Trailerpark einige Menschen kennen gelernt, die immer wieder Konflikte mit dem Gesetz haben.
Aber alles plätschert spannungs- und weitgehend ereignislos vor sich hin. Es gibt sogar, im Gegensatz zu allen anderen Büchern von Jörg Juretzka, nichts zu lachen.
„TauchStation“, das unmittelbar an „TrailerPark“ anschließt, ist dann wieder ein Kryszinski-Roman, wie wir ihn lieben.
Kryszinski soll für Europol als „Operativer Mitarbeiter“ (d. h. wenn er stirbt, kennen wir ihn nicht und der Tod ist bei er Mission eine sehr wahrscheinliche Option) Nepomuk Blaumanis aus seiner Geiselhaft bei Islamisten freikaufen. Der Freikauf verläuft etwas anders als geplant. Auf ihrer Flucht wird in Damaskus die gerade mit ihnen gestartete Passagiermaschine von ihren Verfolgern abgeschossen. Als Quasi-Blinde-Passagiere fahren sie in einem Schiff über das Mittelmeer und, streikbedingt, betreten sie nicht in Genua, sondern in Marseille europäischen Boden.
Genau, das Marseille, das von der Chiens du Nord beherrscht wird, die Kryszinski immer noch töten will.
„TauchStation“ wird, weil er hier seinen Kampf gegen die Chiens du Nord beendet, als Abschluss einer Trilogie verkauft. Aber der Roman kann auch unabhängig von den beiden vorherigen Romanen gelesen werden. Einige Hintergründe zu einigen Personen, die auch in „TrailerPark“ dabei sind, muss man sich dann halt zusammenreimen. Es gibt Begegnungen mit vielen alten Bekannte, wie den Kommissaren Hufschmidt und Menden, die Kryszinski wie die Pest hassen (und umgekehrt), Pierfrancesco Scuzzi, der als Nachtwächter immer noch nur an die Arbeit denkt, Computerguru Heckenpennes und den Stormfuckers, einer sich gerade im Ruhestand befindenden Bikergang, die Kryszinski im Kampf gegen die Chiens du Nord helfen, während Kryszinski von der einen Bredouille in die nächste gerät. Immer nach dem Prinzip „kein Plan ist so schlecht, dass er nicht doch gründlich schief gehen kann“. Entsprechend unvorhersehbar ist die Geschichte.
Das ist selbstverständlich ein großer Spaß mit Kristof Kryszinski, seinen uns seit vielen Romanen bekannten Freunden und ein, zwei neuen Freunden.
Und jetzt heißt es wieder: Warten auf die nächsten Ermittlungen des Herrn Kryszinski.
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Jörg Juretzka: TauchStation
Rotbuch, 2017
272 Seiten
18,95 Euro
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Jörg Juretzka: TrailerPark
Rotbuch, 2015
224 Seiten
16,95 Euro
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Die Taschenbuchausgabe erscheint am 18. September für 12,95 Euro im Unionsverlag.
Dort sind auch fast alle früheren Ermittlungen von Kristof Kryszinski erhältlich.
LV/Roman zum Film: Jack Ketchum/Lucky McKee: The Woman, 2011 (Beuterausch)
Kleinstadtanwalt Chris Cleek entdeckt eine im Wald lebende Frau. Er nimmt sie gefangen und sperrt sie im Keller ein. Er will sie, mit der Hilfe seiner Familie, zivilisieren. Er hat allerdings keine Ahnung, wen er gefangen hält.
Düsterer, gewalttätiger, zum Nachdenken anregender Horrorfilm.
Mit „Hacksaw Ridge“ endete für Mel Gibson im Herbst die jahrelange Hollywood-Durststrecke, in der er vor allem mit verschiedenen unappetitlichen Ausfällen Schlagzeilen produzierte und er ab und an, meistens in einer Nebenrolle, in einem Film auftrat. Seine letzte Regiearbeit war vor zehn Jahren „Apocalypto“.
Zum US-Kinostart von „Hacksaw Ridge“ im November 2016 gab es euphorische Kritiken und, in den folgenden Monaten, etliche Preise.
Er erhielt zwei Oscars (Editing, Sound Mixing), war als bester Film des Jahres, für die beste Regie und den besten Schauspieler nominiert.
Bei der IMDB steht er derzeit auf dem 160. Platz der „top rated movies“; – einen Platz vor dem Antikriegsfilmklassiker „Die durch die Hölle gehen“ (The Deer Hunter, USA 1978).
In seinem Kriegsfilm erzählt Gibson die wahre Geschichte von Desmond Doss (1919 – 2006), einem Sieben-Tage-Adventisten, der aufgrund seines Glaubens keine Waffe in die Hand nehmen und keinen Menschen töten wollte. Aber er wollte seinen Teil zur Verteidigung der USA beitragen. Seine Lösung für den Konflikt war, dass er als Sanitäter auf dem Schlachtfeld die verletzten Kameraden versorgt und ihr Leben rettet.
Er war der erste Kriegsdienstverweigerer, der im Oktober 1945 von Präsident Harry Truman die ‚Medal of Honor‘, die höchste militärische Auszeichnung der USA, erhielt. Als unbewaffneter Sanitäter hatte Doss unzählige US-Soldaten gerettet. Auf der Insel Okinawa brachte er 75 schwer verwundete Kameraden in Sicherheit.
Diese Schlacht auf Okinawa im Mai 1945 am titelgebenden Hacksaw Ridge bestimmt die zweite Stunde des Films. Auf dem Plateau einer 122 Meter hohen Felswand kämpfen amerikanische gegen japanische Soldaten, die das Gebiet mit ihrem Leben verteidigen und sich in einem riesigen Höhlensystem versteckt, das sie vor Bombeneinschlägen schützt.
Bei diesem Gefecht; – genaugenommen mehrere, von kurzen Pausen unterbrochene Gefechte -; fährt Gibson das ganze Arsenal des Kriegsfilm auf mit Explosionen, spritzendem Blut, herausquellenden Gedärmen und unzähligen Toten und schwer Verletzten, die von Doss gerettet werden, während die Kugeln links und rechts von ihm einschlagen. Das ist technisch perfekt inszeniert und erfüllt in jeder Hinsicht die voyeuristischen Bedürfnisse der Fans von Kriegsfilmen.
In der ersten Stunde stellt Gibson, in ungefähr zwei gleich langen Teilen, Doss im Kreis seiner Familie und mit seiner Freundin Dorothy Schulte, die er noch vor seinem Kriegseinsatz heiratet, und während der Ausbildung vor. Während seiner Ausbildung beim Militär ist Doss‘ Gewissensdilemma, dass er seinem Land dienen will, aber aufgrund seines Glaubens bestimmte Dinge nicht tun kann, wichtig. Weniger als moralische, ethische oder religiöse Frage, sondern als eine Frage der militärischen Struktur, in der einfach alle Männer gleich behandelt werden und da ist das Nicht-Tragen einer Waffe ein esoterischer Sonderwunsch, der die normalen Abläufe stört.
Dafür, dass Doss ein bekennender Sieben-Tage-Adventist war und dass dieser Glaube sein gesamtes Leben bestimmte, ist „Hacksaw Ridge“ erstaunlich desinteressiert an seinem Glauben. So ist bis zum Beginn von Doss‘ Ausbildung beim Militär, zu dem er sich freiwillig meldete, nicht ersichtlich, dass er besonders gläubig ist und einer besonderen Form des christlichen Glaubens angehört. Damit umschifft Gibson durch Auslassung all die Fallen eines Faith-based-Movie.
Auch der Patriotismus von Doss wird nicht weiter, vor allem nicht als Dilemma zwischen Glaube und Patriotismus, thematisiert.
Das macht „Hacksaw Ridge“ zu einem gewöhnlichen und strunzdummen Kriegsfilm, bei dem sich niemals die Frage stellt, ob der Film ein Kriegs- oder ein Antikriegsfilm ist. In „Hacksaw Ridge“ ist Krieg von der ersten bis zur letzten Minute die sinnstiftende, niemals auch nur ansatzweise hinterfragte Schule, die den Mann zum Mann macht. Auch Doss findet den Sinn des Lebens auf dem Schlachtfeld.
Bei dieser Haltung bleibt keine Zeit für Ambivalenzen, theologische Erörterungen, Gewissenskonflikte oder andere Lösungen für Doss‘ Problem, als Gläubiger seinem Land im Krieg dienen zu wollen. Doss hat auch keine Probleme, beim Töten zu helfen. Er will nur keine Waffe in die Hand nehmen und es direkt selbst tun. Er ist ja kein Pazifist.
Das Herzstück des Bonusmaterials auf der DVD (die Blu-ray hat noch mehr Bonusmaterial) ist die 67-minütige sehr informative Doku „The Soul of War: Making Hacksaw Ridge“, die sehr offen auf alle Aspekte des Films eingeht. Außerdem gibt es einige geschnittene Szenen.
Hacksaw Ridge – Die Entscheidung (Hacksaw Ridge, USA/Australien 2016)
Regie: Mel Gibson
Drehbuch: Robert Schenkkan, Andrew Knight
mit Andrew Garfield, Teresa Palmer, Hugo Weawing, Rachel Griffiths, Luke Bracey, Sam Worthington, Vince Vaughan
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DVD
Universum Film
Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)
Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte
Bonusmaterial: The Soul of War: Making Hacksaw Ridge, Deleted Scenes, 3 Trailer
Ein ermordeter Binnenschiffer treibt im Hafenbecken von Duisburg-Ruhrort. Die Kommissare Schimanski und Thanner suchen seinen Mörder.
Der erste Auftritt von Götz George als Horst Schimanski. Damals ein Skandal (Seine Manieren! Seine Sprache! Sein Umgang mit den Dienstvorschriften!), heute ein „Tatort“-Klassiker. Schimanski war schnell der beliebteste „Tatort“-Kommissar, der auch zweimal im Kino ermitteln durfte.
Danach, um 23.40 Uhr, zeigt der WDR einen weiteren „Tatort“-Klassiker: Samuel Fullers Kressin-“Tatort“ „Tote Taube in der Beethovenstraße“ (Deutschland 1973).
mit Götz George, Eberhard Feik, Ulrich Matschoss, Michael Lech, Michael Rastl, Brigitte Janner, Max Volkert Martens, Barbara Focke