Neu im Kino/Filmkritik: Mit „Tschick“ in die Walachei

September 16, 2016

Wo warst du in den Ferien?“

Der vierzehnjährige Maik Klingenberg hat seine Sommerferien nicht mit seinen Eltern verbracht. Seine Mutter, eine Alkoholikerin, war auf Entziehungskur und sein Vater mit seiner Assistentin auf Geschäftsreise. Maik hatte das ganze Haus in Marzahn für sich, aber sein neuer Klassenkamerad Andreij ‚Tschick‘ Tschichatschow, ein russischer Spätaussiedler mit extrem uncoolen Klamotten, kommt bei ihm mit einem ausgeliehenen Lada (jaja, geklaut) vorbei. Gemeinsam beschließen die beiden Outsider, die nicht zur Geburtstagsfeier der Klassenschönheit eingeladen wurden, Ostberlin in Richtung Walachei, wo auch immer das ist, zu verlassen.

Als vor sechs Jahren Wolfgang Herrndorfs Jugendbuch „Tschick“ erschien, war es ein Überraschungserfolg, der in Deutschland über 2,2 Millionen mal verkauft wurde, etliche Preise erhielt, in über 25 Ländern veröffentlicht wurde und die Grundlage für ein Theaterstück war. In der Theatersaison 2014/15 war es das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Da war, auch weil Herrndorf ein großer Filmfan war (er starb 2013) und „Tschick“ sehr filmisch geschrieben ist, eine Verfilmung nur eine Frage der Zeit.

Fatih Akin, der das Buch schon länger verfilmen wollte, übernahm kurzfristig, nachdem der ursprüngliche Regisseur David Wnendt absagen musste, die Regie. Mit Lars Hubrich, der mit Herrndorf befreundet war und dessen Wunschdrehbuchautor war, überarbeitete er Hubrichs ursprüngliche Fassung. Hark Bohm, der in den Siebzigern mit „Nordsee ist Mordsee“ und „Moritz, lieber Moritz“ zwei der unumstrittenen Klassiker des Jugendfilms inszenierte, wurde als Koautor hinzugezogen. Akin hatte sogar die Idee, dass Bohm den Film inszenieren sollte. Herrndorf erwähnte in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ öfter „Nordsee ist Mordsee“ und der Einfluss des heute viel zu unbekannten Films über zwei Hamburger Jungs, einer Deutscher, einer Asiate, die in Wilhelmsburg leben, ein kaum fahrtüchtiges Boot bauen und Richtung Nordsee fahren, ist schon im Roman offensichtlich.

Wobei bei „Tschick“ nicht die Vorbereitung der Fahrt, sondern die Erlebnisse von Maik und Tschick bei ihrer Fahrt durch Ostdeutschland im Mittelpunkt stehen.

Akin erzählt das dann auf Augenhöhe mit den jugendlichen Protagonisten, die beim Dreh dreizehn Jahre alt waren. Als Coming-of-Age-Film steht „Tschick“ dabei in der Tradition von realistischen Jugendfilmen, wie beispielsweise die Stephen-King-Verfilmung „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“. Es ist, obwohl er in der Gegenwart spielt, ein nostalgischer Film, der sich erkennbar auf diese älteren Filme bezieht und der nichts mit den derzeit erfolgreichen Young-Adult-Dystopien zu tun hat. Entsprechend zurückhaltend und auch konservativ, auf altmodische Erzähltugenden achtend, erzählt Akin die Geschichte.

Außerdem gelingt es Fatih Akin, Richard Claydermans ziemlich unerträgliche „Ballade pour Adeline“ im Film mehrmals, ausführlich so einzusetzen, dass sie nicht nur erträglich, sondern sogar passend und berührend ist.

Tschick“ ist allerdings auch ein Film, der immer wie der gut ausgeleuchtete, fein austarierte, pädagogisch wertvolle Fernsehfilm der Woche wirkt und nie das Gefühl des Aufbruchs, wie „Easy Rider“, oder der Flucht aus beengten Verhältnissen, wie „Nordsee ist Mordsee“, vermittelt. Maik und Tschick, über den wir fast nichts erfahren, sind zwei Mittelstandsjungs, die einfach einen längeren Ausflug unternehmen. Sie protestieren nicht gegen ihre Eltern oder die Gesellschaft. Sie finden sie eigentlich ziemlich in Ordnung. Sogar die Ungewissheiten der Pubertät, die Teenage Angst, die wir aus US-Filmen kennen, und Maiks unerwiderte Liebe in eine Klassenkameradin werden ohne große Gefühlsausbrüche behandelt. Ein Verharren in gut- und kleinbürgerlichen Verhältnissen, aus denen man nicht flüchten will, weil man sich eigentlich schon ganz gut in ihnen eingerichtet hat, bestimmt den Film. Insofern hat Akins Jugendfilm „Tschick“ schon etwas von einem Alterswerk, während sein „Gegen die Wand“ von jugendlicher Energie vibrierte.

Aber vielleicht sehen Jugendliche das anders. Vielleicht sind sie von „Tschick“ so begeistert, wie ich es als Jugendlicher von „Nordsee ist Mordsee“, „Moritz, lieber Moritz“ und „Easy Rider“ war.

P. S.: Trivia: Uwe Bohm, der in „Tschick“ den Vater von Maik spielt, war in „Nordsee ist Mordsee“ einer der beiden jugendlichen Ausreißer.

tschick-plakat

Tschick (Deutschland 2016)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm (Koautor)

LV: Wolfgang Herrndorf: Tschick, 2010

mit Tristan Göbel, Anan Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading, Alexander Scheer, Marc Hosemann, Friederike Kempter

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

zum Filmstart mit einem neuen Cover und einem Anhang zum Film. Auf 18 Seiten gibt es Bilder, Statements von Fatih Akin und Michael Töteberg schreibt über Wolfgang Herrndorf im Kino.

herrndorf-tschick-movie-tie-in-4

Wolfgang Herrndorf: Tschick

rororo, 2016

272 Seiten

9,99 Euro

Das Drehbuch

selten, sehr selten wird auch das Drehbuch veröffentlicht. In diesem Fall sogar mit einem kurzen, aber informativen Interview mit Fatih Akin

hubrich-tschick-drehbuch-4

Lars Hubrich: Tschick – Das Drehbuch

Rowohlt E-Book

60 Seiten (Verlagsangabe, mein E-Book-Reader sagt 112 Seiten und den Rest regelt das individuelle Größenbedürfnis)

2,99 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Tschick“

Moviepilot über „Tschick“

Wikipedia über „Tschick“

Perlentaucher über Wolfgang Herrndorf und „Tschick“

Meine Besprechung von Fatih Akins „Müll im Garten Eden“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Fatih Akins „The Cut“ (Deutschland/Frankreich 2014)


TV-Tipp für den 16. September: Mord in Louisiana

September 16, 2016

3sat, 22.35

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski

LV: James Lee Burke: In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993 (Im Schatten der Mangroven)

Polizeichef Dave Robicheaux will den Mord an einer neunzehnjährigen Prostituierten aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen trifft er auch auf eine Filmcrew, die einen historischen Film dreht, den lokalen Paten, seinen alten Freund Julie ‘Baby Feet’ Balboni, dessen Geld auch in dem Film steckt und den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Grandios besetzte, sehr atmosphärische und sehr gelungene Verfilmung eines Robicheaux-Krimis. Feiner Stoff für Krimifans.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

Wiederholung: Sonntag, 18. September, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Film-Zeit über „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul“

Meine Besprechung von Bertrant Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Musikdokumentation „The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble“

September 15, 2016

2000 gründete der Cellist Yo-Yo Ma das „Silk Road Ensemble“, das aus einem zwei Jahre vorher gestartetem Projekt entstand. Es war eine weitere gelungene Grenzüberschreitung des international gefeierten klassischen Musiker, der davor auch schon an mehreren Filmsoundtracks beteiligt war und mit dem Jazzsänger Bobby McFerrin eine hochgelobte CD aufnahm. Entsprechend offen ging er sein neues Projekt an: ausgehend von der Idee der Seidenstraße, die als Handelsstraße vor Jahrhunderten den Mittelmeerraum mit Indien, Persien und China verband, brachte er Musiker unterschiedlicher Kulturen zusammen, um mit ihnen zu spielen, sich musikalisch auszutauschen, voneinander zu lernen, die unterschiedlichen musikalischen Traditionen zu ehren und in etwas neues zu transformieren.

Seitdem wuchs das Silk Road Ensemble, eher eine lose, ständig wachsende und sich ständig im Austausch befindende Gruppe unterschiedlicher Künstler als ein festes Ensemble, veröffentlichte mehrere CDs, spielte auch mit dem Chicago Symphony Orchestra zusammen und tourte rund um den Globus.

Wir haben damit begonnen, eine Gruppe von Musikern zusammenzubringen um zu sehen, was wohl passiert, wenn Fremde sich treffen. Wenn ich jetzt mit ihnen zusammen bin, spüre ich eine Menge Kreativität und Vertrauen. Ich bin von ihrer Arbeit getragen, inspiriert und angeregt. Ich glaube, ich bin ein vollständigerer Mensch durch die Erfahrung, sie zu kennen und mit ihnen zu arbeiten.“ (Yo-Yo Ma)

Morgan Neville, der Regisseur des Oscar-Gewinners „20 Feet from Stardom“, begleitet in seiner Dokumentation „The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble“ das Ensemble bei den Proben und Konzerten, zeigt Archivaufnahmen und unterhält sich mit einigen Ensemblemitgliedern. Neben Yo-Yo Ma sind das Wu Man (Pipa), Kinan Azmeh (Klarinette), Kayhan Kalhor (Kamantsche) und Cristina Pato (Gaita). So entsteht das Porträt eines Ensembles, das viel Spaß beim Musizieren hat und, jedenfalls in den gezeigten Konzertausschnitten, eine mitreisende, sehr tanzbare, traditionsverhaftete Multikulti-Musik spielt.

Das macht Spaß und gefällt. Allerdings stört die durchgehend kritiklose Haltung zu dem Silk Road Ensemble. Nie wird die Arbeit des Ensembles in die Musikgeschichte eingeordnet. Nie wird gesagt, was deren Musik von der Musik anderer multikultureller Ensembles unterscheidet. Nie wird gesagt, warum das Ensemble so großartig ist. Stattdessen wird immer wieder betont, wie einzigartig es ist. Das ist natürlich Quatsch. Schon vorher gab es grenzüberschreitende Musik, Künstlerkollektive und Fusionen zwischen Tradition und Moderne. Jeder Musikfan kann sofort Dutzende solcher Ensembles nennen.

Deshalb ist „The Music of Strangers“ nur ein Werbevideo für Yo-Yo Ma und das Silk Road Ensemble. Aber ein sehr gelungenes, das wirklich Lust auf das Ensemble macht und zeigt, wie wichtig Musik, Neugierde und Aufgeschlossenheit sind.

Jede Tradition ist das Ergebnis einer erfolgreichen Erfindung. Die Grundidee von Kultur ist nicht so sehr, Traditionen zu konservieren, sondern sie lebendig zu halten und weiterzuentwickeln. Menschen wachsen an ihrer Neugier und Aufnahmefähigkeit für das, was um sie herum existiert. Viele Menschen haben Angst vor dem Wandel, und manchmal gibt es Gründe für diese Furcht. Wenn man aber den Wandel begrüßen kann, ist das ein fruchtbarer Boden, um sich weiterzuentwickeln.“ (Yo-Yo Ma)

the-music-of-strangers-plakat

The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble (The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble, USA 2015)

Regie: Morgan Neville

Drehbuch: Morgan Neville

mit Yo-Yo Ma, Wu Man, Kinan Azmeh, Kayhan Kalhor, Cristina Pato

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Berlinale über „The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble“

Moviepilot über „The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble“

Metacritic über „The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble“

Rotten Tomatoes über „The Music of Strangers: Yo-Yo Ma & The Silk Road Ensemble“

Wikipedia über Yo-Yo Ma (deutsch, englisch)  und das Silk Road Ensemble

AllMusic über Yo-Yo Ma und das Silk Road Ensemble

Das Ensemble auf der Berlinale 2016


Neu im Kino/Filmkritik: „The Purge: Election Year“ jetzt wird gewählt

September 15, 2016

Es ist wieder Purge-Nacht und Leo Barnes ist zurück. In dem zweiten „The Purge“-Film „Anarchy“ hieß der von Frank Grillo kongenial verkörperte Kämpfer nur Sergeant und, obwohl er die Nacht eigentlich für eine private Rachemission benutzen wollte, beschützte er eine erkleckliche Zahl von Menschen. Denn in der von James DeMonaco erfundenen Welt, einer grellen Satire auf die USA und die religiös erweckte Tea-Party-Bewegung und rechtslastige Waffenlobby, haben die New Founding Fathers of America (NFFA) als Regierung eine friedliche Welt erschaffen, in der die Bürger einmal im Jahr, in einer Nacht, der Purge-Nacht, alles das Tun können, was sonst unter Strafe steht. Die Purge-Nacht ist also ein Aufruf, eine Nacht lang zu rauben, morden und marodieren. Als Katharsis für die reuigen Sünder. als Programm, um die Kriminalität zu reduzieren und als Karneval des Tötens.

Politisch subtil war das in den beiden vorherigen „The Purge“-Filmen „The Purge“ (ein Home-Invasion-Thriller) und „The Purge: Anarchy“ (ein Quasi-Western im John-Carpenter-Modus) nicht, aber unmissverständlich und mit viel grimmigem Humor effektiv erzählt.

In „The Purge: Election Year“ spielt die actionhaltige Geschichte, wie der Titel schon andeutet, während eines Wahlkampfs und damit steht die Politik im Mittelpunkt der Geschichte.

Barnes arbeitet als Bodyguard für Senator Charlie Roan, die die Purge-Nacht abschaffen will. Die beliebte Politikerin könnte die Wahl gewinnen und damit das Regime der NFFA brechen. Deshalb verändern die Herrschenden die Regeln: in dieser Purge-Nacht wird die Immunität für Politiker aufgehoben. Jetzt können alle Menschen straffrei getötet werden.

Noch vor Sonnenuntergang schicken sie ein Killerteam los, das Roan in ihrer gut gesicherten Privatwohnung töten soll.

Barnes kann das verhindern und sie sind in Washington, D. C., auf der Flucht vor dem Killerteam und mehr oder weniger allen anderen mordlustigen Bewohnern der Hauptstadt.

Diesen Thrillerplot, den DeMonaco mit einem Verschwörungsthriller mixt, erzählt er gewohnt effektiv als gradliniges B-Movie. Dabei wird die Kritik an der Gewalt der Purge-Nacht zunehmend durch eine Faszination an der Gewalt und einer sensationsgierigen Inszenierung von ihr überlagert.

Das war schon in den vorherigen „The Purge“-Filmen eine Gratwanderung, die den Thrillern immer auch ein soziales und politisches Gewissen verpasste und, auch weil die Idee der Purge-Nacht so absurd, einfach und menschenverachtend ist, für Diskussionen sorgte und zum Nachdenken anregte. Immerhin wurde in „Anarchy“ gesagt und gezeigt, dass die Oberklasse von der Purge-Nacht profitiert, sie schon lange zu einem Spektakel wurde, bei dem man seine Mordgelüste straffrei befriedigen konnte und, weil die normale Bevölkerung nicht genug Menschen umbrachte, die NFFA eigene Killerkommandos losschickte, die schnell einige Obdachlose und Afroamerikaner tötete. Es ging, ganz platt aus der Sicht der NFFA, um die Auslöschung von lebensunwertem Leben und Festigung ihrer Macht gegen jegliche Opposition.

In „Election Year“ wird diese Diskussion in den Film getragen. Es wird über die Idee der Purge-Nacht und die Ideologie der NFFA gestritten. Zwei politische Parteien und konträre Gesellschaftsbilder stehen sich gegenüber. Und die schon aus den vorherigen Filmen bekannten Revolutionäre wollen jetzt die Nacht für einen Anschlag gegen die NFFA-Führer benutzen. Es geht also auch um die Art und Mittel des Kampfes gegen ein verbrecherisches Regime.

Trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deswegen, ist „Election Year“ der unpolitischste Film der Trilogie, die natürlich eine Trilogie aus vier, fünf oder mehr Teilen werden kann. Das liegt einerseits daran, dass in „Election Year“ die Politik eher pflichtschuldig präsentiert wird, während viel mehr Energie auf das spekulative Zeigen der Purge-Nacht verwendet wird. Andererseits, und das ist das viel größere Problem von „Election Year“, wirkt der Film wie eine beliebige Dystopie, die nichts mit dem gesellschaftlichen Klima der USA zu tun hat. Der Wahlkampf zwischen Donald Trump und Hillary Clinton wird nicht thematisiert. Die NFFA-Führer sind ein Kreis honoriger alter Männer. Der von Kyle Secor gespielte Minister Edwidge Owens, der Hauptbösewicht des Films, ist ein typischer christlich erweckter Tea-Party-Konservativer fernab jeglicher populistischer Anwandlungen eines Donald Trump.

Und so ist „The Purge: Election Year“ nicht das erwartete politische Statement zur Lage der Nation, sondern eine in ihrer politischen Zuspitzung arg gedämpfte Version von „The Purge: Anarchy“, die sich mehr auf das Darstellen von Gewalt und die Beziehungen der Charaktere untereinander konzentriert. Letztendlich kämpft eine extrem multikulturelle, grundehrliche Truppe gegen Anzugträger, Kapitalisten und Nazis.

PG3_4L1SHT_K.eps

The Purge: Election Year (The Purge: Election Year, USA/Frankreich 2016)

Regie: James DeMonaco

Drehbuch: James DeMonaco

mit Frank Grillo, Elizabeth Mitchell, Edwin Hodge, Betty Gabriel, Joseph Julian Soria, Mykelti Williamson, Kyle Secor, Terry Serpico

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Purge: Election Year“

Metacritic über „The Purge: Election Year“

Rotten Tomatoes über „The Purge: Election Year“

Wikipedia über „The Purge: Election Year“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James DeMonacos „The Purge: Die Säuberung“ (The Purge, USA 2013)

Meine Besprechung von James DeMonacos „The Purge: Anarchy“ (The Purge: Anarchy, USA 2014)


TV-Tipp für den 15. September: Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula

September 15, 2016

Arte, 00.05

Vampyros Lesbos – Die Erbin des Dracula (Spanien/Deutschland 1971, Regie: Jess Franco [als Franco Manera])

Drehbuch: Jaime Chávarri, Franco Manera, Anne Settimó (nach einer Geschichte von Jaime Chávarri)

Türkei: auf einer einsamen Insel trifft Anwältin Linda während einer Geschäftsreise auf eine verführerische Gräfin, die behauptet, die Erbin von Graf Dracula zu sein. Anstatt abzuhauen, will sie Sex mit der Frau ihrer Träume haben.

Lange auf dem Index und heute Nacht erstmals im TV: Jess Francos psychedelischer Vampirhorrorfilm, garniert mit einem kultigen Soundtrack und nackter Haut.

Mit Bram Stokers „Dracula“-Geschichte hat das nicht mehr viel zu tun.

mit Susann Korda, Dennis Price, Paul Muller, Ewa Stroemberg, Heidrun Kussin, J. Martinez Blanco, Michael Berling, Viktor Feldmann, Jesús Franco

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Vampyros Lesbos“

Wikipedia über „Vampyros Lesbos“ (deutsch, englisch) und über Jess Franco (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Mein Nachruf auf Jess Franco

Meine Besprechung von Jess Francos „Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London“ (Jack, the Ripper, Deutschland/Schweiz 1976)

Meine Besprechung von Jess Francos „Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt“ (Schweiz 1975)

Meine Besprechung von Jess Francos „Voodoo Passion – Ruf der blonden Göttin“ (Schweiz 1977)

Meine Besprechung von Jess Francos „Frauen für Zellenblock 9“ (Schweiz 1977)

Meine Besprechung von Jess Francos „Ilsa – The Mad Butcher“ (Schweiz/Deutschland/USA 1977)

Meine Besprechung von Jess Francos „Die teuflischen Schwestern – Sexy Sisters“ (Schweiz 1977)

Meine Besprechung von Jess Francos „Wicked Women – Das Haus der mannstollen Frauen“ (Schweiz 1977)


Blu-ray/DVD-Kritik: „The Punisher“ – Dolph Lundgren tötet und tötet und tötet…und tötet

September 14, 2016

Schon 1989 für den deutschen Kinostart wurde Mark Goldblatts Actionfilm „The Punisher“ um mehrere Minuten gekürzt. Auf Videokassette und später DVD erging es ihm nicht besser. Seit 1990 war der Film dann indiziert und vom Markt verschwunden. Abgesehen von verschiedenen mehr oder noch mehr gekürzten Fassungen, die aus Fansicht indiskutabel sind. Im Juni 2015 wurde die Comicverfilmung vom Index gestrichen.

Jetzt veröffentlichte Koch Media den Film als „2 Disc Uncut Special Edition“ in einer DVD/Blu-ray-Steelbook-Edition ungekürzt, mit einer entsprechend ordentlichen Portion Bonusmaterial (u. a. einem Audiokommentar von Goldblatt und dem Workprint) und, nach einer Neuprüfung, einer FSK-Freigabe ab 16 Jahren. Diese Neuveröffentlichung ist dann auch eine gute Gelegenheit, die damalige Kritik zu überprüfen:

Hirnlose, gewaltverherrlichende Aneinanderreihung von Tötungsdelikten.“ (Fischer Film Almanach 1990)

Äußerst brutaler Actionfilm nach einem amerikanischen Comicstrip, der Spannung mit pausenlosen Tötungsorgien gleichsetzt; ein ebenso blutrünstiges wie langweiliges Machwerk. – Wir raten ab.“ (Lexikon des internationalen Films)

und bei Rotten Tomatoes hat er unter den professionellen Filmkritikern einen Frischegrad von 28 Prozent.

In der Verfilmung rächt Ex-Polizist Frank Castle als „The Punisher“ den Tod seiner Frau und seiner beiden Tochter. Dafür bringt er der Reihe nach die Mitglieder der Franco-Familie um, die mehr oder weniger für den Tod seiner über alles geliebten Familie verantwortlich sind.

Diese Geschichte orientiert sich rudimentär an der bekannten Origin-Story von Frank Castle, der als Marvel-Comicheld seit 1974 (mit Unterbrechungen) das Verbrechen bekämpft und dabei Leichen stapelt, wie andere Brennholz für einen langen, kalten Winter stapeln. Und weil die Comics sehr beliebt sind, hat Hollywood mehrmals versucht, den Punisher für die große Leinwand zu adaptieren. Mit überschaubarem Erfolg, denn Punisher-Geschichten sind oft äußerst brutal.

Goldblatts Verfilmung war die erste „Punisher“-Verfilmung.

2004 versuchte Jonathan Hensleigh mit Thomas Jane als „The Punisher“ sein Glück. Auch dieser Film kam bei der Kritik nicht gut an und der geneigte Fan darf sich durch verschiedene Schnittfassungen kämpfen.

2008 versuchte Lexi Alexander mit Ray Stevenson als Frank Castle in „Punisher: War Zone“ ihr Glück und es wiederholte sich das bekannte Spiel.

Als nächstes ist eine TV-Serie mit Jon Bernthal als Frank Castle geplant. Sie startet im November in den USA bei Netflix und sie könnte, wie andere TV-Serien, die auf Comiccharakteren basieren, erfolgreich sein.

Bis dahin kann man sich den 1989er-“Punisher“ wieder ansehen. Es ist allerdings ein ziemlich schlechter Film, der durchgehend das Reservoir des damaligen Action-Thrillers plündert. Vor allem natürlich der Cop-Thriller in der Nachfolge von „Dirty Harry“ und „Leathal Weapon“ (Zwei stahlharte Profis), die ideenlos und schlecht abgekupfert werden. Exzessive Gewalt, die durchgehend humorfrei präsentiert wird, bestimmt den Film, dessen Geschichte eine Aneinanderreihung von statisch inszenierten Action-Szenen, meistens Schießereien und Explosionen, ist, die ab und an von Bildern unterbrochen werden, in denen Castle mit starrem Blick auf seinem Motorrad durch die Kanalisation von Manhattan fährt.

Dolph Lundgren spielt den totgeglaubten Rächer. Er war damals als KGB-Agent aus „James Bond: Im Angesicht des Todes“ (sein Leinwanddebüt) und hochgestählter Boxgegner von Rocky Balboa in „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ bekannt. „The Punisher“ war sicher geplant als Vehikel, um ihn als Star einer eigenen Filmserie zu etablieren. Aber seine schauspielerischen Fähigkeiten und sein Charisma waren zu begrenzt, um in diesem Film auch nur ansatzweise zu überzeugen. Danach wurde er ein fester Lieferant für Direkt-to-Video/Direct-to-DVD-Filme. Wenige Ausnahmen, wie Roland Emmerichs Hollywood-Einstand „Universal Soldier“, John Woos langweiliger TV-Thriller „Blackjack – Der Bodyguard“ oder die spaßigen „The Expendables“-Filme änderten daran nichts.

Goldblatt drehte vor „The Punisher“ „Dead Heat“ und inszenierte danach nur noch eine TV-Episode für „Eerie, Indiana“. Er konzentrierte sich seitdem wieder auf seine Arbeit als Editor, u. a. erhielt er für „Terminator 2“ eine Oscar-Nominierung.

Für Boaz Yakin war es der Einstand in Hollywood. Der Clint-Eastwood-Film „Rookie – Der Anfänger“ war sein zweites verfilmtes Drehbuch. „Rookie“ gehört zu Eastwoods schlechten Filmen. Erst in diesem Jahrzehnt mit „Prince of Persia: Der Sand der Zeit“, „Safe – Todsicher“, „Die Unfassbaren – Now you see me“ und „Max“ schrieb und inszenierte (bei „Safe“ und „Max“) er deutlich gelungenere Filme.

The Punisher“ ist, auch durch die nostalgische Brille betrachtet, kein guter Film, sondern ein grundehrliches, keine Rücksicht nehmendes Achtziger-Jahre-B-Picture. 

the-punisher-blu-ray-dvd-cover

The Punisher (The Punisher, USA/Australien 1989)

Regie: Mark Goldblatt

Drehbuch: Boaz Yakin, Robert Mark Kamen (Produzent des Films, dessen Name beim Filmstart als Autor genannt wurde. In der IMDb wird er, weil sein Anteil am Drehbuch zu gering war, nicht mehr genannt.)

mit Dolph Lundgren, Louis Gossett jr., Jeroen Krabbé, Kim Miyori, Bryan Marshall, Barry Otto, Nancy Everhard

DVD/Blu-ray

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DVD: Dolby Digital; Blu-ray: DTS HD-Master Audio 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Workprint, Audiokommentar mit Mark Goldblatt, Gag Reel, Bildergalerie

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Punisher“

Rotten Tomatoes über „The Punisher“

Wikipedia über „The Punisher“ (deutsch, englisch)

Schnittberichte über „The Punisher“ (Hinweise zu den verschiedenen Fassungen und detaillierte Schnittberichte)

Meine Besprechung von Louis Letteriers „Die Unfassbaren – Now you see me“ (Now you see me, USA 2013) und der DVD (entstand nach einem Drehbuch von Boaz Yakin)

Meine Besprechung von Boaz Yakins „Todsicher“ (Safe, USA 2012)

Meine Besprechung von Boaz Yakins „Max“ (Max, USA 2015)

Wikipedia über “The Punisher” Frank Castle (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandezs “The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8″ (Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), 2006/2007)

Meine Besprechung von Jason Aaron (Autor)/Steve Dillons (Zeichner) “PunisherMax: Kingpin (Max 40)” (PunisherMax: Kingpin, Part 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 9“

Meine Besprechung von Garth Ennis‘ „The Punisher – Garth-Ennis-Collection 10“

Meine Besprechung von Jason Aaron/Steve Dillons „The Punisher (MAX) 48: Frank“ (PunisherMax: Frank, 2011)

Meine Besprechung von Jason Aaron/Steve Dillons „The Punisher (MAX) 49: Der letzte Weg“ (PunisherMax: Homeless, 2011/2012)

Meine Besprechung von Greg Rucka (Autor)/Marco Checcetto (Zeichner)/Max Fiumaras (Zeichner) „Punisher 1: Ermittlungen“

Meine Besprechung von Charlie Huston/Andy Diggle/Kyle Hotz‘ „PunisherMAX: Hässliche kleine Welt“

Meine Besprechung von Scott M. Gimple (Autor)/Mark Texeiras (Zeichner) „100 % Marvel 72 – Punisher: Nightmare“ (Punisher: Nightmare # 1 – 5, 2013)


TV-Tipp für den 14. September: A Serious Man

September 14, 2016

Eins Plus, 22.15

A Serious Man (USA 2009, Regie: Joel Coen, Ethan Coen)

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

USA, Mittlerer Westen, 1967: Über einen biederen, jüdischen Physikprofessor bricht das Unheil herein und er fragt sich „Warum ich?“.

Die Kritik war begeistert von dem Film der Coen-Brüder, den ich etwas zäh fand. Aber bibelfeste Zuschauer können einiges entdecken.

mit Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolf, Jessica McManus

Wiederholung: Donnerstag, 15. September, 03.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über “A Serious Man”

Metacritic über “A Serious Man”

Rotten Tomatoes über “A Serious Man”

Wikipedia über die Coen-Brüder (deutsch, englisch)

Drehbuch “Blood Simple” von Joel und Ethan Coen

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans „Gambit – Der Masterplan“ (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Meine Besprechung ces Coen-Films „Hail, Caesar! (Hail, Caesar!, USA/Großbritannien 2016)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte


Cover der Woche

September 13, 2016

leonard-out-of-sight


TV-Tipp für den 13. September: Grand Budapest Hotel

September 13, 2016

ARD, 22.45

The Grand Budapest Hotel (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)

Regie: Wes Anderson

Drehbuch: Wes Anderson (nach einer Geschichte von Wes Anderson und Hugo Guiness)

1932: Monsieur Gustave H., der Chefconcierge des Grand Budapest Hotels, erbt von Madame D. ein wertvolles Gemälde und weil der Sohn der Verstorbenen dem Concierge das Gemälde nicht gönnt, gerät Gustave H. in Teufels Küche.

The Grand Budapest Hotel“ ist ein sehr kurzweiliger, temporeicher, starbesetzter Spaß voller Zitate, Witze und Überraschungen. Eine wahre cineastische Wundertüte, die man auch einfach als spritzige Komödie genießen kann.

mit Ralph Fiennes, Tony Revolori, F. Murray Abraham, Mathieu Amalric, Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Harvey Keitel, Jude Law, Bill Murray, Edward Norton, Saoirse Ronan, Jason Schwartzman, Léa Seydoux, Tilda Swinton, Tom Wilkinson, Owen Wilson, Florian Lukas, Bob Balaban, Lisa Kreuzer

Wiederholung: Mittwoch, 14. September, 02.10 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Homepage der Akademie Zubrowka

Film-Zeit über „The Grand Budapest Hotel“

Moviepilot über „The Grand Budapest Hotel“

Metacritic über „The Grand Budapest Hotel“

Rotten Tomatoes über „The Grand Budapest Hotel“

Wikipedia über „The Grand Budapest Hotel“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Wes Andersons „The Grand Budapest Hotel“ (The Grand Budapest Hotel, USA/Deutschland 2014)


TV-Tipp für den 12. September: Der große Coup

September 12, 2016

Arte, 21.55

Der große Coup (USA 1973, Regie: Don Siegel)

Drehbuch: Dean Riesner, Howard Rodman

LV: John Reese: The Looters, 1968 (später wegen des Films “Charley Varrick”)

Zufällig klaut Charley Varrick bei einem Überfall auf eine Provinzbank eine dreiviertel Million Dollar. Dummerweise gehört das Geld der Mafia – und die versteht keinen Spaß.

Herrlich amoralischer Gangsterfilm, bei dem ein Einzelner einen scheinbar hoffnungslosen Kampf gegen eine große, skrupellose Organisation aufnimmt.

„In diesem besten von Siegels späten Filmen wird nicht nur mit dem Genre gespielt, bis ein Westernmuster in einem Mafiafilm aufscheint, sondern sein Drehbuch ist auch derart ausgefeilt, dass es seine Wahrheit erst im letzten Moment offenbart.“ (Kevin Gough-Yates, in Frank Arnold/Michael Esser [Hrsg.]: Dirty Harry – Don Siegel und seine Filme)

John Reese schrieb in erster Linie Western.

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte den Don-Siegel-Film „Betrogen“ mit Clint Eastwood als verwundeter Yankee-Korporal, der in einem Mädchenheim von den Bewohnerinnen gepflegt wird.

Mit Walter Matthau, Joe Don Baker, John Vernon, Felicia Farr, Don Siegel (als Tischtennisspieler)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der große Coup“

Wikipedia über „Der große Coup“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der Tod eines Killers“ (The Killers, USA 1964 – Ronald Reagans letzter Film)

Meine Besprechung von Don Siegels „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976 – John Waynes letzter Film)

Kriminalakte über Don Siegel


TV-Tipp für den 11. September: Die Unbestechlichen

September 11, 2016

Arte, 20.15

Die Unbestechlichen – The Untouchables (USA 1987, Regie: Brian De Palma)

Drehbuch: David Mamet

Grandioser Gangsterfilm über den Kampf von Eliot Ness und seiner unbestechlichen Mitstreiter gegen Al Capone.

„Mit der ihm eigenen formalen Brillanz hat Brian De Palma diesen authentischen Fall inszeniert. Seine Liebe zum Detail, ausgeklügelte Kamerafahrten und Einstellungen, Ennio Morricones emotionaler Soundtrack und die lakonisch-präzise Charakterisierung der Personen machen den Film zu einem Augen- und Ohrenschmaus.“ (Fischer Film Almanach 1988)

Sean Connery gewann den Oscar als bester Nebendarsteller.

Danach, um 22.05 Uhr, zeigt Arte die einstündige Doku „Al Capone – Eine Gangsterlegende“ (USA 2014).

Mit Kevin Costner, Robert de Niro, Sean Connery, Charles Martin Smith, Andy Garcia, Jack Kehoe

Wiederholung: Samstag, 17. September, 01.30 Uhr (VPS 00.55) (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „ Die Unbestechlichen“

Wikipedia über „Die Unbestechlichen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Mamets „Bambi vs. Godzilla – Über Wesen, Zweck und Praxis des Filmbusiness“ (Bambi vs. Godzilla – On the Nature, Purpose, and Practice of the Movie Business, 2007)

David Mamet in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 10. September: El Dorado

September 10, 2016

Sat.1 Gold, 22.05

El Dorado (USA 1966, Regie: Howard Hawks)

Drehbuch: Leigh Brackett

LV: Harry Brown: The Stars in their Courses, 1960

Ein versoffener Sheriff, ein behinderter Gunfighter und ein junger Messerwerfer legen sich mit der Bande eines skrupellosen Viehbarons an. Ihre Chancen den Kampf zu überlegen tendieren gegen Null.

Als Howard Hawks „Rio Bravo“ drehte, hatten sie beim Dreh viele gute Ideen, die allerdings nicht in diesen Film passten. Mit Leigh Brackett schrieb er dann, mit diesen Ideen, „El Dorado“; einen weiteren Western-Klassiker. Der dieses Mal sogar sehr witzig ist.

„‘El Dorado’ ist ein Film gegen ‘Rio Bravo’, wie ‘Rio Bravo’ ein Film gegen ‘High Noon’ war. (…) [‚El Dorado‘ ist] die radikale Entglorifizierung des Westernhelden.“ (Enno Patalas, Filmkritik 10/1967)

mit John Wayne, Robert Mitchum, James Caan, Charlene Holt, Michele Carey, Arthur Hunnicutt, R. G. Armstrong, Edward Asner

Hinweise

Rotten Tomatoes über „El Dorado“

Wikipedia über „El Dorado“ (deutsch, englisch)

Combustible Celluloid über “El Dorado”


John Scalzi schickt uns auf eine „Galaktische Mission“

September 9, 2016

Galaktische Mission von John Scalzi

Die Menschen haben ferne Planeten und fremde Welten besiedelt – unter den misstrauischen Augen der Aliens und unter dem Schutz der Kolonialen Union. Wenn diese nun wie geplant aufgelöst wird, wären die menschlichen Kolonien den feindlich gesinnten Aliens hilflos ausgeliefert. Ausgerechnet in dieser prekären Lage taucht ein neuer Feind auf, der Menschen und Aliens gegeneinander ausspielt. Für Lieutenant Harry Wilson beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, denn sollte er nicht herausfinden, wer hinter dem intergalaktischen Intrigenspiel steckt, sind Menschen und Aliens gleichermaßen dem Untergang geweiht …

Dieser Teasertext für John Scalzis neuestem Science-Fiction-Roman „Galaktische Mission“ ist einerseits hundertprozentig zutreffend, andererseits hundertprozentig irreführend.

Denn das Buch besteht aus vier Novellen, die in den USA zuerst einzeln innerhalb eines Monats erschienen und kurz darauf in „Galaktische Mission“ (The End of all Things) zusammengefasst wurden. Deshalb können die Novellen, obwohl sie aufeinander aufbauen, auch unabhängig voneinander gelesen werden. Das liegt daran, dass Scalzi jede Geschichte von einem anderen Ich-Erzähler erzählen lässt und sie, auch wenn sie chronologisch hintereinander spielen, vollkommen verschiedene Aspekte der titelgebenden „Galaktischen Mission“ betrachten und damit dem Roman einen sehr eigenen Touch geben.

In „Das Leben des Geistes“ erzählt Rafe Daquin wie er Pilot eines Handelsschiffes war, das mit Staatssekretär Ocampo als Passagier in die Hände der Rraey fiel. Die Rraey sind eine Alienrasse, die auch den leisesten Widerspruch mit einem Kopfschuss beantworten. Sie gehören zum Equilibrium. So nennt sich eine geheimnisvolle Organisation, die die Koloniale Union gegen die Erde und gegen die Konklave, einem Zusammenschluss hunderter Alienzivilisationen, ausspielen will. Dafür soll Rafe, der von den Rraey entleibt und zu einem Gehirn in einem Tank wurde, als Gehirn das Frachtschiff an einen unbekannten Ort fliegen. Rafe versucht das zu verhindern.

In „Das ausgehöhlte Bündnis“ erzählt Hafte Sorvalh, die engste Beraterin von General Tarsem Gau, dem Anführer der Konklave, von den Vorbereitungen für ein Treffen mit der Kolonialen Union und der Erde, in der über verschiedene Angriffe gegen sie gesprochen werden soll. Gleichzeitig versucht sie die Position von Gau zu festigen. Nach dem von ihm geleiteten Aufbau der Konklave ist jetzt seine Position gefährdet.

In „Was Bestand haben kann“ geht es auf ein Raumschiff der Kolonialen Verteidigungsarmee und Lieutenant Heather Lee erzählt von ihren gefährlichen Einsätzen, in denen sie nur noch verschiedene Formen von Aufstand gegen die Koloniale Union niederschlagen müssen.

In „Siegen oder Untergehen“ betritt dann endlich der schon auf dem Buchcover erwähnte Lieutenant Harry Wilson, der vorher ein-, zweimal durchs Bild huschte, die Bühne. Er versucht den drohenden Untergang der Kolonialen Union zu verhindern und er hat dabei einen Plan, für den die Koloniale Union, die Konklave und die Erde miteinander kooperieren müssen. Es gibt nur ein Problem: sie alle sind in herzliche Feindschaft und Misstrauen miteinander verbunden.

Am Ende von „Galaktische Mission“, und hier stimmt dann der inflationär gebrauchte Satz, dass am Ende der Geschichte nichts mehr ist, wie es vorher war, endlich einmal.

Stilistisch unterscheiden sich die vier Geschichten erheblich. Während in der zweiten und vierten Geschichte die Politik und damit Verhandlungen zwischen den verschiedenen Koalitionen und Gruppen im Mittelpunkt stehen, ist die Dritte eher klassische Military-SF und die Erste erzählt vor allem die tragische Geschichte eines Mann, der zu einem Gehirn im Tank wird. Sie ist die – und Scalzi ist für seinen Humor bekannt – witzigste Geschichte des Buches. Auch bei „Was Bestand haben kann“ kann gelacht werden, wenn die Soldaten sich über den Essensplan und Musik austauschen und ihre Missionen ausführen.

So ist „Galaktische Mission“ weniger ein Roman im klassischen Sinn, sondern vier Geschichten, die sich einem Ereignis aus verschiedenen Perspektiven nähern. Damit hat John Scalzi eine interessante Lösung für seine Geschichte gefunden.

Angehängt hat Scalzi eine frühere Version von „Das Leben des Geistes“, in der er die Geschichte traditioneller beginnt.

John Scalzi: Galaktische Mission

(übersetzt von Bernhard Kempen)

Heyne, 2016

496 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The End of all Things

Tor, 2015

Mehr aus dieser Galaxie

Krieg der Klone - Die Trilogie von John Scalzi

Parallel zu „Galaktische Mission“ veröffentlichte Heyne John Scalzis erste drei Romane über die Koloniale Union in einem Sammelband und betitelte das gut tausendseitige Buch etwas unglücklich mit „Krieg der Klone – Die Trilogie“ (auf dem Buchrücken fehlt dann „Die Trilogie“). Der Sammelband enthält die auch einzeln erhältlichen Romane „Krieg der Klone“ (Old Man’s War, 2005), „Geisterbrigaden“ (The Ghost Brigades, 2006) und „Die letzte Kolonie“ (The last Colony, 2007).

Das Buch liegt zwar etwas schwer in der Hand und es passt auch nur in XXL-Hosentaschen, aber lesenswert ist es trotzdem.

John Scalzi: Krieg der Klone – Die Trilogie

(übersetzt von Bernhard Kempen)

Heyne, 2016

976 Seiten

16,99 Euro

Hinweise

Homepage von John Scalzi

Blog von John Scalzi

Phantastik-Couch über John Scalzi

Wikipedia über John Scalzi (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Scalzis (Hrsg.) „Metatropolis“ (METAtropolis, 2009)


TV-Tipp für den 9. September: Driver

September 8, 2016

3sat, 22.35

Driver (USA 1979, Regie: Walter Hill)

Drehbuch: Walter Hill

Die einfache Story des Neo-Noirs: Ein Polizist will einen Fluchtwagenfahrer schnappen. Dabei scheut er auch nicht vor illegalen Methoden zurück.

„The Driver is the ultimate urban thriller.“ (Philip French, Radio Times)

Hill lässt seine existenzialistische Geschichte hauptsächlich im nächtlichen Los Angeles spielen, die Charaktere haben keine Namen, reden wenig und die Action-Szenen (natürlich vor allem in zu schnell fahrenden Autos) beanspruchen einen großen Teil von Walter Hills zweitem Film. Nach „Driver“, „Die Warriors“, „Long Riders“ und „Die letzten Amerikaner“ wurde er als wichtigster Action-Regisseur der achtziger Jahre gehandelt. Und dann kam „Nur 48 Stunden“.

Mit Ryan O’Neal, Bruce Dern, Isabelle Adjani, Ronee Blakley

Wiederholung: Sonntag, 11. September, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Driver“

IGN über Walter Hill

Wikipedia über „Driver“ (deutsch, englisch) und  Walter Hill (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Walter Hills “Straßen in Flammen” (Streets on Fire, USA 1984)

Meine Besprechung von Walter Hills “Shoutout – Keine Gnade” (Bullet to the Head, USA 2013)

Walter Hill in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über Derek Cianfrances „The Light between Oceans“

September 8, 2016

Australien, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs: der Kriegsveteran Tom Sherbourne (Michael Fassbender) nimmt eine Stelle als Leuchtturmwärter auf Janus Rock an. Er genießt die Einsamkeit, verliebt sich in Isabel Graysmark (Alicia Vikander) und heiratet sie. Sie zieht zu ihm auf die Insel, hat mehrere Fehlgeburten, eine, sehr symbolisch, in einer sturmumtosten Nacht, und – inzwischen läuft der Film schon eine Stunde – eines Tages wird ein Boot mit einem Toten und einem Baby an die Insel gespült. Tom will das Ereignis melden. Isabel überzeugt ihn, das Baby als ihr Kind auszugeben.

Jahre später, ihre Tochter ist inzwischen ein lebenslustiges Kind, entdeckt Tom, dass Hannah Roeennfeldt, die Mutter des Kindes (Rachel Weisz), auf dem Festland lebt und immer noch um ihr Kind trauert.

Bis es soweit ist, läuft „The Light between Oceans“ schon über neunzig Minuten und all das wird auch im offiziellen Kurzinhalt verraten. Im Trailer wird noch mehr verraten. Das wäre kein Problem. Ein langes Vorspiel kann die Vorbereitung für ein großes Finale sein. Dafür müssen die Ereignisse, die dorthin führen, nur interessant genug sein. Auch bei Derek Cianfrances Bestsellerverfilmung sind die emotionalen Konflikte und Trauma, mit denen Tom und Isabel und später Hannah sich auseinandersetzen müssen, groß genug, um locker ein halbes Dutzend Filme zu füllen.

Allerdings können wir sie in diesem Film nur intellektuell erfassen, während Michael Fassbender unbewegt aufs Meer blickt und die Treppe zum Leuchtturm hinauf- und hinabschreitet. Mal schneller, mal langsamer, mal mit aufgehender, mal mit untergehender Sonne. Das sieht zwar schön aus, wie alles in dem Film schön aussieht mit schönen Menschen in einer schönen Landschaft, aber es berührt emotional nicht. Es interessiert nicht. Das Drama, die Gefühle, die Sehnsüchte, die Ängste und Gewissenskonflikte entfalten sich sich nur im Kopf des Zuschauers, der sich dann auch noch sagen muss, ob er jetzt betroffen sein soll. Oder nicht.

Und wir erfahren über die Charaktere auch nicht mehr als nötig. So wissen wir über Tom nur, dass er Kriegsveteran ist. Über seine Kriegserlebnisse schweigt er sich aus. Auch ob sie ihn irgendwie berührten. Über sein früheres Leben erfahren wir auch nichts. Er könnte also schon immer ein introvertierter, verantwortungsbewusster, etwas steifer Einzelgänger gewesen sein. Auch über Isabel und Hannah erfahren wir nicht viel mehr. Das ist, weil wirklich nicht alles psychologisiert werden muss und nicht alles mit irgendwelchen Kindheitserlebnissen erklärt werden muss, nicht schlecht. So erfahren wir alles, was wir über Tom, Isabel und Hannah wissen müssen, aus ihren Taten.

Dummerweise tun sie während der gesamten Geschichte erschreckend wenig und zwischen den wichtigen Ereignissen – Heirat, Aufnahme des Findelkindes, zufällige Entdeckung der echten Mutter, die Entscheidung, ob die Mutter über den Aufenthaltsort ihres Kindes informiert werden soll und die Folgen dieser Entscheidung –, die ungefähr im Halbstundentakt passieren, passiert auch nichts, was wir nicht schon nach zwei Minuten wissen. Derek Cianfrance dehnt das dann auf halbe Stunden. Sein neuer Film, nach „Blue Valentine“ und „The Place beyond the Pines“, ist das filmische Äquivalent zum elend langen, schweigsamen Warten auf den nächsten Gang in einem Nobelrestaurant.

The Light between Oceans“ ist langweiliger, todernster, tieftrauriger, von seiner eigenen Bedeutsamkeit eingenommener Kitsch mit einem entsprechend kitschigem Ende, das auch Nicholas Sparks so hinbekommen hätte. Wobei die Sparks-Verfilmungen nie behaupten, wirklich gute und wichtige Filme zu sein, und so einen gewissen Unterhaltungswert haben, den ich hier nie entdeckte.

the-light-between-oceans-plakat

The Light between Oceans (The Light between Oceans, USA 2016)

Regie: Derek Cianfrance

Drehbuch: Derek Cianfrance

LV: M. L. Stedman: The Light between Oceans, 2012 (Das Licht zwischen den Meeren)

mit Michael Fassbender, Alicia Vikander, Rachel Weisz, Bryan Brown, Jack Thompson, Leon Ford

Länge: 134 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Light between Oceans“

Metacritic über „The Light between Oceans“

Rotten Tomatoes über „The Light between Oceans“

Wikipedia über „The Light between Oceans“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Derek Cianfrances „The Place beyond Pines“ (The Place beyond the Pines, USA 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Don’t Breathe“, sonst hört dich der blinde Mann

September 8, 2016

Das wird einfach werden, denken sich Rocky, Alex und Money. Die drei Jung-Erwachsenen brechen schon seit einiger Zeit in Häuser ein und klauen Wertgegenstände. Geld stehlen sie nicht, weil das, wenn sie geschnappt werden, vor Gericht, ihre Strafe erhöhen würde.

Da erzählt Money ihnen von einem blinden Golfkriegs-Veteran, der in Detroit in einer inzwischen menschenverlassenen Gegend lebt. Nach dem Tod seines Kindes bei einem Autounfall erhielt er eine fürstliche Entschädigung, die irgendwo in seinem Haus ist. Mit den 300.000 Dollar könnten die drei Einbrecher ihr bisheriges Leben und Detroit hinter sich lassen.

Mitten in der Nacht (weil in solchen Filmen Einbrüche immer nach Einbruch der Dunkelheit durchgeführt werden) betäuben sie den Rottweiler des Blinden, brechen ein und beginnen das Haus zu durchsuchen.

Als der Blinde durch ein von ihnen verursachtes Geräusch erwacht, müssen sie plötzlich um ihr Leben kämpfen. Denn der Blinde verteidigt sein Haus, in dem er sich perfekt auskennt, gnadenlos. Außerdem hat er in seinem Keller etwas versteckt, was niemand entdecken darf.

Don’t Breathe“, der zweite Spielfilm von Fede Alvarez, dem Regisseur des angemessen unappetitlichem „Evil Dead“-Remakes, ist in den USA ein Überraschungserfolg. Bereits in der zweiten Woche ist er auf dem ersten Platz der Kinocharts, seine Kosten hat er damit längst eingespielt und die Kritiken sind überaus gut. Dabei ist „Don’t Breathe“ ein klassisches B-Picture, das seine Geschichte in unter neunzig Minuten mit bekannten Genre-Versatzstücken, die neu angeordnet werden, ohne Subplots und ohne eine pompös aufgeblasene gesellschaftliche Botschaft erzählt.

Und das ist gut so.

Jedenfalls wenn man einen kleinen, spannenden Thriller sehen will, in dem Alvarez immer wieder nervenzerfetzende Suspense-Szenen gelingen. Vor allem wenn die unbewaffneten Einbrecher und ihr bewaffnetes Opfer sich schweigend in einem dunklen Zimmer gegenüber stehen. Dazwischen versuchen die Einbrecher zu flüchten und, wie es sich für das Genre gehört, beweisen eine überragendes Talent, Verletzungen und Stürze zu überleben. Aber da hilft wahrscheinlich die Todesangst.

Die vier Hauptcharaktere haben dabei genug Eigenschaften, um als spartanisch gezeichnete, zwischen Gut und Böse stehende, dreidimensionale Charaktere zu überzeugen.

Und Stephen Lang („Avatar“) als blinder, sehr schweigsamer Mann ist furchterregender als irgendwelche computergenerierten Monster, die mindestens eine Großstadt vernichten müssen, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

dont-breathe-plakat

Don’t Breathe (Don’t Breathe, USA 2016)

Regie: Fede Alvarez

Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues

mit Stephen Lang, Jane Levy, Dylan Minnette, Daniel Zovatto, Emma Bercovici, Franciska Töröcsik

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Don’t Breathe“

Metacritic über „Don’t Breathe“

Rotten Tomatoes über „Don’t Breathe“

Wikipedia über „Don’t Breathe“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Nerve“ – Guckst du noch oder spielst du schon mit?

September 8, 2016

Mutproben. Früher musste man sie tun, um Teil einer Clique zu werden. Heute, so erfahren wir in „Nerve“, sagt einem nicht mehr der Anführer einer Clique, sondern ein anonymes Computerprogramm, was man tun soll und ein weltweites Publikum sieht zu. Dabei teilen sich die Teilnehmer von „Nerve“ in Watcher und Player. Nur die Player sind cool. Und die Mutproben sind von kindisch – sein Hinterteil entblößen, einen Fremden küssen – über sehr gefährlich bis tödlich.

Und alle an der Schule reden über das illegale Online-Spiel, das die Player auch zu Straftaten animiert, das anscheinend jeder kennt und das die Polizei, auch nach mehreren tödlichen Unfällen, nicht interessiert. Dass das, höflich gesagt, etwas abstrus ist, interessiert die Macher nicht weiter.

Vee (Emma Roberts), die in Staten Island kurz vor ihrem Highschool-Abschluss steht, hat eigentlich kein Interesse an dem kindischen Spiel. Aber nachdem ihre beste Freundin (also Beste Schulfreundin) sie vor ihrem Schwarm bloßstellt, entschließt sie sich, bei „Nerve“ mitzuspielen und so endlich cool zu werden. Dafür muss sie dem Spiel nur den Zugriff auf alle ihre Apps und persönlichen Daten gewähren.

Als erste Mutprobe, im Spiel Challenge genannt, soll sie einen Fremden küssen. Wenn sie es tut, wird Geld auf ihr Konto eingezahlt. In einem Diner entdeckt sie Ian (Dave Franco) und küsst ihn. Das für die Challenge versprochene Geld wird auf ihr Bankkonto gezahlt und „Nerve“ fordert sie zu weiteren Mutproben auf, mit denen sie noch mehr Geld verdienen kann.

Dafür soll sie sich mit Ian, der ebenfalls „Nerve“-Spieler ist, zusammen tun. Denn den „Nerve“-Zuschauern, die mit ihrer Stimme das Spiel beeinflussen können, gefällt das Paar. Sie sollen nach Manhattan fahren. Dort werden die Mutproben immer gefährlicher. Teilweise erfordern sie eine umfangreiche Planung und sie werden für das Netz immer aus verschiedenen Blickwinkeln dokumentiert. Weil das so im Drehbuch steht, funktioniert das auch alles problemlos.

Als Vee aussteigen will, erfährt sie, dass das nicht geht.

Aber zum Glück hat sie einen nerdigen Schulfreund, eine taffe Mutter und Ian hat ihr auch nicht alles über sich verraten.

Nerve“ basiert auf Jeanne Ryans Jugendbuch „Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen“ und der deutsche Titel gibt natürlich einen Hinweis auf das Spielende. Der Film von Henry Joost und Ariel Schulman, die den dritten und vierten „Paranormal Activity“-Film inszenierten, richtet sich dann auch primär an ein jugendliches Publikum, für die Juliette Lewis, die unberechenbare Femme Fatale aus „Kap der Angst“, „Natural Born Killers“, „Strange Days“ und „From Dusk till Dawn“, schon eine alte Frau ist, die problemlos Vees Mutter spielen kann.

Die werden dann wahrscheinlich „Nerve“ nicht mit den zahlreichen besseren und kapitalismuskritischeren und auch brutaleren Filmen vergleichen, in denen einer pervertierten, sensationslüsternen Gesellschaft, die eine Menschenjagd, Mord und Totschlag als Spiel begreifen, ein Spiegel vorgehalten wird. Zum Beispiel „Das zehnte Opfer“ (Italien 1965), „Das Millionenspiel“ (Deutschland 1970), „Kopfjagd – Preis der Angst“ (Frankreich 1983) und „Running Man“ (USA 1987), in denen die Menschenjagd als Spiel im Fernsehen übertragen wurde. In „Nerve“ wird das Spiel im Internet übertragen, die Zuschauer können mehr oder weniger stark mitbestimmen und es gibt keinen Moderator mehr. Es gibt auch keine Person mehr, die man zur Verantwortung ziehen kann. Das Spiel „Nerve“ wird von anonymen Kräften programmiert und durchgeführt. Der Gegner erhält nie ein Gesicht. Stattdessen ist er überall und nirgends – und er kann, außer wir sagen, dass „die Gesellschaft“ oder „alle ‚Nerve‘-Spieler“ verantwortlich sind, nicht zur Verantwortung gezogen werden. Entsprechend schwach fällt dann auch der große moralische Appell am Filmende aus.

Nerve“ hat eine interessante Prämisse, sympathische Schauspieler, einen schönen Look und eine oft wie ein Musikstück fließenden Rhythmus, der mehr auf Optik, als auf Logik achtet. Das sabotiert dann auch die kritisch und aufrüttelnd gemeinte Botschaft am Ende des Films. Joost/Schulmans Oberflächenkino ist Eskapismus, abgeschmeckt mit etwas milder Gesellschaftskritik und einem Appell an die individuelle Moral, die letztendlich niemandem weh tut.

Aber vielleicht ist „Nerve“ für das jugendliche Zielpublikum ein Anstoß, über das eigene Medienverhalten nachzudenken. Nach einer Runde „Pokémon Go“.

nerve-plakat

Nerve (Nerve, USA 2016)

Regie: Henry Joost, Ariel Schulman

Drehbuch: Jessica Sharzer

LV: Jeanne Ryan: Nerve, 2012 (Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen; Nerve – Das Spiel ist aus, wenn wir es sagen)

mit Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Miles Heizer, Colson Baker

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Nerve“

Metacritic über „Nerve“

Rotten Tomatoes über „Nerve“

Wikipedia über „Nerve“ (deutsch, englisch)

 


TV-Tipp für den 8. September: Veronica Mars

September 8, 2016

Pro7, 20.15

Veronica Mars (Veronica Mars, USA 2014)

Regie: Rob Thomas

Drehbuch: Rob Thomas, Diane Ruggiero (nach einer Geschichte von Rob Thomas)

Veronica Mars kehrt nach Neptune, Kalifornien, zurück. Nicht wegen des zehnjährigen Klassentreffens, sondern um ihrer Highschoolliebe zu helfen. Logan soll seine Freundin ermordet haben. Veronica, die kurz vor einer Karriere als Anwältin in einer großen Kanzlei in New York steht, beginnt wieder, während sie ihre alten Freunde trifft, als Privatdetektivin zu arbeiten.

Veronica Mars“ ist die Spielfilm-Fortsetzung der gleichnamigen TV-Serie, die vor allem als Fan-Service funktioniert und eben deshalb kurzweilig unterhält.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung; auch zu den Fans und der Finanzierung des Films.

mit Kristen Bell, Jason Dohring, Krysten Ritter, Ryan Hansen, Francis Capra, Percy Daggs III, Chris Lowell, Tina Majorino, Enrico Colantoni, Sam Huntington, Jerry O’Connell, Jamie Lee Curtis, James Franco

Wiederholung: Freitag, 9. September, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Veronica Mars“

Moviepilot über „Veronica Mars“

Metacritic über „Veronica Mars“

Rotten Tomatoes über „Veronica Mars“

Wikipedia über „Veronica Mars“

Thrilling Detective über Veronica Mars

Homepage von Rob Thomas

Facebook-Seite zu den Veronica-Mars-Romanen

Rob Thomas Book Club

Word & Film: Kurzes Interview mit Jennifer Graham (25. März 2014)

PopBytes: Längeres Interview mit Jennifer Graham (31. März 2014)

Wikipedia über Veronica Mars

Thrilling Detective über Veronica Mars

Englische Veronica-Mars-Fanseite

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014)

Meine Besprechung von Rob Thomas’ „Veronica Mars“ (Veronica Mars, USA 2014) (DVD-Besprechung)

Meine Besprechung von Rob Thomas/Jennifer Grahams „Veronica Mars: Zwei Vermisste sind zwei zu viel“ (Veronica Mars: The Thousand Dollar Tan Line, 2014)

Meine Besprechung von Rob Thomas/Jennifer Grahams „Veronica Mars: Mörder bleiben nicht zum Frühstück“ (Mr. Kiss and Tell, 2015)


Fantasy-Filmfest-Sichtungen: Die „Night of the Living Deb“ im „Carnage Park“

September 7, 2016

Das jährliche Fantasy-Filmfest hat Berlin schon vor einigen Tagen verlassen und in meinem virtuellen Notizblock stehen noch die Notizen über zwei Filme, die Tiberius Film demnächst auf DVD veröffentlichen wird.

Beginnen wir mit „Carnage Park“, dem neuen Film von Mickey Keating („POD – Es ist hier…“). Der Film spielt 1978 in Kalifornien in einem einsamen Landstrich. Während eines schief gehenden Banküberfalls nehmen die beiden Räuber die Kundin Vivian als Geisel. Der eine Räuber wird schon während des Überfalls angeschossen und stirbt kurz darauf im Fluchtwagen. Der zweite Räuber wird kurz darauf von Wyatt Moss ermordet. Der betont bieder wirkende Vietnam-Veteran ist ziemlich durchgeknallt. Er lebt allein auf einem riesigen, abgelegenem Wüsten-Grundstück, auf dem sich die Leichen stapeln. Denn er hat ein Hobby: Menschen wie Wild jagen und mit seinem Gewehr erschießen. Jetzt will er Vivian jagen. Aber sie ist nicht so hilflos wie seine vorherigen Opfer.

Mickey Keating lässt seine Geschichte, die auf einem wahren Fall beruhen soll, der für den Film anonymisiert wurde, in den Siebzigern spielen und sie ist deutlich von dem damaligen Horrorfilm inspiriert. So kann, um nur einen Film zu nennen, die Ausstattung und die Musik niemals ihre Inspiration durch „Blutgericht in Texas“ (The Texas Chainsaw Massacre) verleugnen. Exploitation- und Horrorfilmfans können die Liste mit den üblichen Verdächtigen ergänzen.

Die eigentlich einfache Geschichte leidet allerdings unter ihrem Tarantino-Einfluss und den damit verbundenen Zeitsprüngen, die den Erzählfluss immer wieder unnötig unterbrechen und hier eher nerven. Das gleiche gilt für die entsättigten Farben, die dem Film das kränklich-blasses Aussehen einer abgenudelten Filmkopie verleihen.

Und im dritten Akt, wenn Vivian in der prallen Sonne schon ihren Teil an Laufen und Schreien erledigt hat, verliert der Film dann, durch einen ungeschickten Spannungsaufbau, merklich an Tempo.

Carnage Park“ überzeugt vor allem als Stilübung im Grindhouse-Stil.

Kyle Rankin inszenierte 2009 den Horrorfilm „Infestation“, eine spaßige Mutierte-Käfer-Angelegenheit, die damals auch auf dem Fantasy-Filmfest lief. „Night of the Living Deb“ will eine Zombiekomödie sein.

Die schüchterne Deb, die ihre Schüchternheit mit unpassenden Witzen und exaltiertem Gehabe kaschiert, verbringt nach einem Gespräch in einer Bar die Nacht mit dem überaus gutaussehendem Frauenschwarm Ryan. Am nächsten Tag entdecken sie, dass in der Nacht Zombies die Stadt übernommen haben. Nach einigem Kuddelmuddel will Deb Ryan zu seinem Vater, dem das privatisierte Wasserwerk gehört, bringen und dann die Stadt verlassen. Doch dann gibt es weiteren Kuddelmuddel mit Zombies, Ryans Familie und seiner künftigen Ehefrau. Währenddessen verlieben sich Deb und Ryan ineinander.

Die alljährliche Fantasy-Filmfest-Zombiekomödie ist dieses Mal eine laue Angelegenheit, die sich als Abschluss einer langen Videofilmnacht empfiehlt. Das Drehbuch ist unausgegoren. Die Story holpert von Szene zu Szene, ohne auch nur irgendwie auf die Logik zu achten und, wie es sich für ein schlechtes B-Picture (oder eher schon Z-Movie in der Ed-Wood-Tradition) gehört, mit viel zu langen Szenen, in denen die Schauspieler endlos über Gott und die Welt und ihre Befindlichkeiten reden, anstatt sich mit den nahenden Zombies zu beschäftigen. Die Schauspieler chargieren. Das alles ist wohl witzig gemeint, aber wenn man es nüchtern ansieht, nervt es vor allem.

Aber nach dem vierten Bier und wenn man nicht schon wieder „Shaun of the Dead“ oderWarm Bodies“ sehen will, kann „Night of the Living Deb“ eine Funktion erfüllen.

carnage-park-plakat-4

Carnage Park (USA 2016)

Regie:Mickey Keating

Drehbuch: Michael Keating

mit Ashley Bell, Pat Healy, Darby Stanchfield, Larry Fessenden, James Landry Hébert, Michael Villar

Hinweise

Fantasy Filmfest über „Carnage Park“

Rotten Tomatoes über „Carnage Park“

Wikipedia über „Carnage Park“

night-of-the-living-deb-plakat-4

Night of the Living Deb (USA 2015)

Regie: Kyle Rankin

Drehbuch: Kyle Rankin, Andy Selsor

mit Maria Thayer, Michael Cassidy, Ray Wise, Chris Marquette

Hinweise

Fantasy Filmfest über „Night of the Living Deb“

Rotten Tomatoes über „Night of the Living Deb“

Wikipedia über „Night of the Living Deb“ 


TV-Tipp für den 7. September: Der Baader Meinhof Komplex

September 6, 2016

RBB, 22.45

Der Baader Meinhof Komplex (Deutschland 2008, Regie: Uli Edel)

Drehbuch: Bernd Eichinger

LV: Stefan Aust: Der Baader Meinhof Komplex, 1985 (danach mehrere überarbeitete Neuausgaben)

Buch zum Film: Katja Eichinger: Der Baader Meinhof Komplex – Das Buch zum Film, 2008

Von der Länge her epische, vom Tempo her hektische Verfilmung der Geschichte der RAF von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende. Da stimmt die Ausstattung, aber für die Vertiefung der einzelnen Charaktere bleibt wenig Zeit.

Mit Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Johanna Wokalek, Bruno Ganz, Simon Licht, Jan Josef Liefers, Alexandra Maria Lara, Heino Ferch, Nadja Uhl, Hannah Herzsprung, Niels-Bruno Schmidt, Stipe Erceg, Daniel Lommatzsch, Volker Bruch, Bernd Stegemann, Tom Schilling, Katharina Wackernagel, Anna Thalbach, Jasmin Tabatabai, Hans Werner Meyer

Hinweise

Filmportal über „Der Baader Meinhof Komplex“

Film-Zeit über „Der Baader Meinhof Komplex“

Wikipedia über „Der Baader Meinhof Komplex“ (deutsch, englisch)

Hollywood Interview: mit Uli Edel üer den Film