Cover der Woche

September 6, 2016

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TV-Tipp für den 6. September: Liebe

September 6, 2016

WDR, 22.10
Liebe (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise.
Warum ich den Film so gut finde, obwohl er nicht unproblematisch ist, habe ich hier erklärt.
mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liebe“

Metacritic über „Liebe“

Rotten Tomatoes über „Liebe“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Michael Haneke in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Liebe“ (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)


Die KrimiZeit-Bestenliste September 2016

September 4, 2016

Die Tage werden kürzer, aber die neue Bestenliste der KrimiZeit-Jury von Zeit und Nordwestradio empfiehlt wieder nur zehn Kriminalromane:

1 (10) Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel

2 (-) Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: Die Nacht von Rom

3 (3) James Grady: Die letzten Tage des Condor

4 (7) Patricia Melo: Trügerisches Licht

5 (1) Max Annas: Die Mauer

6 (-) Friedrich Ani: Nackter Mann, der brennt

7 (-) Eoin McNamee: Blau ist die Nacht

8 (6) Jesper Stein: Bedrängnis

9 (-) Iain Levison: Gedankenjäger

10 (2) Denise Mina: Die tote Stunde

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.


TV-Tipp für den 5. September: Im Schatten des Zweifels

September 4, 2016

Arte, 21.55

Im Schatten des Zweifels (USA 1943, Regie: Alfred Hitchcock)

Drehbuch: Thornton Wilder, Alma Reville, Sally Benson (nach einer Story von Gordon McDonnell)

Die junge Charlie ist begeistert: Ihr Lieblingsonkel kommt zu Besuch in die verschlafene Kleinstadt. Aber dann fragt sie sich, ob ihr Onkel ein mehrfacher Frauenmörder ist.

Suspense – und das gelungene Porträt einer US-amerikanischen Kleinstadt. Einer von Hitchcocks Lieblingsfilmen.

mit Joseph Cotten, Teresa Wright, MacDonald Carey, Patricia Collins, Hume Cronyn

Wiederholung: Freitag, 16. September, 14.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Im Schatten des Zweifels“

Wikipedia über „Im Schatten des Zweifels“ (deutsch, englisch) https://en.wikipedia.org/wiki/Shadow_of_a_Doubt


TV-Tipp für den 4. September: Bill McKay – Der Kandidat

September 3, 2016

Arte, 22.10

Bill McKay (USA 1972, Regie: Michael Ritchie)

Drehbuch: Jeremy Larner

Quasi-dokumentarisches, heute immer noch relevantes Politdrama über den Wahlkampf des jungen, idealistischen Anwalts Bill McKay, der für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien kandidiert.

‚The Candidate‘ wurde ein sehr realistischer Film. Redford hatte monatelang recherchiert, der Regisseur hatte selbst einmal an einer Kampagne teilgenommen und wusste über die Hintergründe Bescheid, und Experten wie Jeremy Larner, der Reden für Humphrey geschrieben hatte, wurden als Berater verpflichtet. Der Film wurde so lebensnah, dass einige Kritiker sogar vermuteten, er basiere auf der Kampagne eines echten Kandidaten.“ (Thomas Jeier: Robert Redford)

Davor, um 20.15 Uhr, zeigt Arte „Der elektrische Reiter“; ebenfalls mit Robert Redford.

mit Robert Redford, Peter Boyle, Don Porter, Karen Carlson, Melvyn Douglas, Quinn Redeker, Michael Lerner

Wiederholung: Montag, 5. September, 14.05 Uhr

Hinweise

Moviepilot über „Bill McKay“

Rotten Tomatoes über „Bill McKay“

Wikipedia über „Bill McKay“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Mahana – Eine Maori-Saga“ mit Western-Anklängen

September 3, 2016

Neuseeland, die Ostküste in den frühen sechziger Jahre: Tamihana Mahana herrscht mit eiserner Hand über seine große Familie, einen traditionellen Maori-Clan, der mit Schafen sein Geld verdient. Seit Ewigkeiten sind die Mahanas mit dem Poeta-Clan verfeindet.

Diese Feindschaft zeigt Lee Tamahoris in den ersten Minuten seines neuen Films „Mahana – Eine Maori-Saga“ in einem rasanten, gefährlichen und auch leicht-humoristisch-absurden Autorennen. Auf dem Weg zu einer Beerdigung versucht jeder Clan so schnell wie möglich zu einer Brücke und damit als erster zur Beerdigung zu kommen. Die Mahanas gewinnen das Rennen und Tamihana Mahana kann mit den Erben des Verstorbenen über einen neuen, wirtschaftlich bedeutenden Scher-Vertrag für Schafe verhandeln.

Diese ersten Minuten von „Mahana“, die ihr kurzes Vorspiel in dem Einsteigen der Mahanas in ihre Autos und der Tadel des Oberhaupts über eine kurze Verspätung haben, präsentieren elegant die wichtigsten Charaktere, reißen schon einmal die wichtigsten Konflikte des Films an und bereiten auf die kommende Geschichte vor.

Im Mittelpunkt steht der vierzehnjährige Simeon. Seine Talente liegen weniger in der praktischen Arbeit. Er hinterfragt Dinge und er widerspricht Großvater Tamihana, der das nicht gewohnt ist und auch nicht duldet. Dass Simeon sich dann auch noch in seine schöne Klassenkameradin Poppy Poeta verguckt, trägt nicht zum Frieden im Mahana-Clan bei.

Während eines Abendessens, bei dem, wie üblich, der gesamte Clan anwesend ist (für den Film wurde er verkleinert), kommt es zum Eklat zwischen Tamihana und Simeon, der auf seiner eigenen Meinung beharrt. Tamihana verbannt Simeons Familie aus seinem Haus und enterbt sie.

Zum Glück schenkt Tamihanas Frau Ramona ihnen ihr Land und ihr altes Haus. Die mittellose Familie zieht in die Bruchbude ein – und neben dem Streit zwischen dem Mahana- und Poeta-Clan gibt es jetzt auch Streit im Mahana-Clan.

Mit „Mahana – Eine Maori-Saga“ kehrt „James Bond: Stirb an einem anderen Tag“-Regisseur Lee Tamahori nach über zwanzig Jahren wieder zurück nach Neuseeland und er knüpft an sein weltweit erfolgreiches Kinodebüt „Die letzte Kriegerin“ (Once were Warriors) an. Damals erzählte er vom Leben der Maori in der Gegenwart in der Stadt und wie der Traum von der Flucht aus der Enge familiärer Clan-Strukturen fehlschlug. Jetzt erzählt er quasi die Vorgeschichte. Durch die Brille eigener Erlebnisse und Erinnerungen. Denn Tamahori ist Maori. Wie Witi Ihimaera, der Autor der Vorlage für diesen Film. Er schrieb auch die Romanvorlagen für „Whale Rider“ und „White Lies“.

Mahana“ ist ein bittersüßer Film, der geduldig sein reichhaltiges Personal entfaltet und einen guten Eindruck von dem damaligen Leben in Neuseeland in der Provinz in festgefügten Familienstrukturen vermittelt. Es ist aber auch ein Film, der letztendlich keinen zentralen Konflikt, sondern viele kleine und große, mehr oder weniger wichtige Konflikte hat und wie ein Puzzle Erinnerungen zusammenfügt. Das funktioniert in einem Roman dann besser als in einem Film.

Tamahori inszeniertes dieses Puzzle kleiner Episoden wie ein großes, archaisches Hollywooddrama, wie beispielsweise „Giganten“, oder einen klassischen Western, in dem Söhne sich gegen ihre patriarchalischen Väter auflehnen. Die Western-Inspiration, die eigentlich in jedem Bild und jedem Konflikt erkennbar ist, wird besonders deutlich, wenn Simeon sich mit Poppy in einem Kinobesuch „Zähl bis drei und bete“ (3:10 to Yuma, USA 1956) ansieht und ein Mitglied des Poeta-Clans auf einem Pferd die Vorstellung des Westerns unterbricht. Diese Episode, die wie eine für den Film erfundene Episode wirkt, ist in Ihimaeras Roman nicht zu finden. Sie basiert auf einem wahren Erlebnis von Lee Tamhori, der seinen Film als eine Hommage an den Western versteht.

Mahana“ ist ein guter und in jeder Beziehung sehenswerter Film, der ein noch besserer Film hätte werden können.

Mahana - Plakat

Mahana – Eine Maori-Saga (Mahana, Neuseeland/Australien 2016)

Regie: Lee Tamahori

Drehbuch: John Collee

LV: Witi Ihimaera: Bulibasha: King of the Gypsies, 1994

mit Temuera Morrison, Akuhata Keefe, Nancy Brunning, Jim Moriarty, Regan Taylor, Maria Walker, Yvonne Porter

Länge: 103 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Berlinale über „Mahana“

Moviepilot über „Mahana“

Rotten Tomatoes über „Mahana“

Wikipedia über „Mahana“ 

und zwei Gespräche mit Lee Tamahori – und weiteren am Film beteiligten Personen

 


TV-Tipp für den 3. September: Es war einmal in Amerika

September 2, 2016

Sat.1 Gold, 22.05

Es war einmal in Amerika (USA/Italien 1984, Regie: Sergio Leone)

Drehbuch: Leonardo Benvenuti, Piero De Bernardi, Enrico Medioli, Franco Arcalli, Franco Ferrini, Sergio Leone, Stuart Kaminsky (zusätzliche Dialoge), Ernesto Gastaldi (ungenannt)

LV: Harry Grey: The Hoods, 1952

Buch zum Film: Lee Hays: Once Upon a Time in America, 1984 (Es war einmal in Amerika)

Kamera: Tonino Delli Colli

Musik: Ennio Morricone

Ein grandioses Gangsterdrama: die Geschichte von Freundschaft und Verrat – erzählt in wunderschönen Bildern und in einer komplexen Struktur, die lose auf dem autobiographischen Buch von Harry Grey basiert. Leone meinte, im Drehbuch seien nur zehn bis zwanzig Prozent des Buches geblieben.

Mit Robert de Niro, James Woods, Joe Pesci, Treat Williams, Burt Young, Elizabeth McGovern

Antiquarischer Buchtipp: Zum Filmstart erschien im Bastei-Lübbe-Verlag das Buch zum Film mit Hays’ Roman, vielen Filmbildern (SW und Farbe), einem Sergio-Leone-Porträt von Andreas Kern und einem Text von Leone über den Film. So machen „Bücher zum Film“ Spaß.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Es war einmal in Amerika“

Wikipedia über “Es war einmal in Amerika” (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Once upon a time in America”

Fanseite zum Film

Sternstunde der Filmgeschichte über “Es war einmal in Amerika”


Neu im Kino/Filmkritik: „Zero Days“ – Alex Gibney über Stuxnet und die Folgen

September 2, 2016

Ich könnte meine Besprechung von „Zero Days“ natürlich mit einem aktuellen Aufhänger beginnen. Zum Beispiel ExtraBacon, eine NSA-Software um in fremde Infrastrukturen einzudringen, die Mitte August von einer anonymen Hackergruppe veröffentlicht wurde. Oder Pegasus, eine Spionagesoftware für iPhones ab dem vor drei Jahren eingeführten iOS 7, die umfangreich Daten abgreifen und Anrufe mitschneiden kann und vermutlich von einer israelischen Firma, die einem US-Finanzinvestor gehört, programmiert wurde. Oder dem aktuellen Bericht der Berliner Datenschutzbeauftragten über den Einsatz der Stillen SMS, die in der Hauptstadt bedenkenlos angewandt wird.

Vor ein, zwei Wochen hätte ich die aktuellen Pläne der CDU-Innenminister in ihrer „Berliner Erklärung“ oder die neuen Überwachungsphantasien von Innenminister Thomas de Maizière genannt.

Aber das alles wäre nur ein billiger, mehr oder weniger forcierter Aufhänger für Alex Gibneys neuen Dokumentarfilm „Zero Days“ in dem er die Geschichte von Stuxnet, soweit sie bekannt ist, nacherzählt. Stuxnet ist ein Computerwurm, der sich eigenständig und unkontrolliert verbreitet und seine Spuren verwischt. Für die genaueren Details lest euch zum Einstieg den Wikipedia-Artikel durch und sucht dann die entsprechenden Expertenseiten auf. Die können das alles viel besser als ich erklären.

Zuerst entdeckt wurde Stuxnet im Juni 2010 in iranischen Anlagen. Kurz darauf auch in anderen Ländern, aber der Iran blieb das Hauptangriffsziel. Vor allem sein Atomprogramm. Unter anderem in die streng gesicherte, 21 Meter unter der Erde befinde Nuklearanlage in Natans, die wahrscheinlich das Ziel der Attacke war.

Es war die erste große Cyberattacke, die weltweit durch die Medien ging. Der Computerwurm war erstaunlich professionell programmiert und schnell gerieten US-amerikanische und israelische Geheimdienste in den Verdacht, Stuxnet programmiert zu haben, um das iranische Atomprogramm anzugreifen. Aber niemand redete darüber.

Dokumentarfilmer Alex Gibney drehte jetzt mit „Zero Days“ seine Dokumentation über Stuxnet, die weit über den Einzelfall hinausgeht. Programmierer sagen ‚zero days‘ zu vom Hersteller unentdeckte Sicherheitslücken, die von Angreifern ausgenutzt werden können, ohne dass der Hersteller Zeit für Gegenmaßnahmen hat. Gibney benutzt dieses Fachwort auch als Metapher für unseren Umgang mit staatlich programmierten Computerwürmern. Das Militär und Geheimdienste starteten den Angriff, die Gesellschaft hat noch keine Zeit gehabt, über Gegenmaßnahmen zu diskutieren.

Gibney rekonstruiert zuerst die Geschichte von Stuxnet, soweit sie bekannt ist und soweit seine Gesprächspartner darüber reden wollten. Oft sagten sie auch lächelnd: „Kein Kommentar.“ Dabei begibt er sich bei der Rekonstruktion des Angriffs und der weltpolitischen Gemengegelage im Nahen Osten so tief in das Geflecht der internationalen Politik, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Das sollte allerdings nicht als Aufgabe in einfache Verschwörungstheorien, sondern als Ansporn für eine zweite Sichtung des Films oder zur vertiefenden Lektüre benutzt werden. Dann klärt sich das Bild auf. Nicht vollständig, weil Gibney hier, wie auch in anderen Filmen, bei notorisch schweigsamen Institutionen nur einen eingeschränkten Zugriff auf Informationen hatte und einiges nur plausible Vermutungen sind.

Allerdings verliert auch Gibney sich selbst etwas in diesem durchaus faszinierendem Geflecht der internationalen Politik, der Zusammenarbeit der Geheimdienste und unterschiedlicher Interessen. Erst am Ende wird deutlich, dass es Gibney weniger um Stuxnet, sondern um den durch den Wurm eingeleiteten Paradigmenwechsel bei zwischenstaatlichen Auseinandersetzungen geht. In der Öffentlichkeit wird nicht über die Gefahren des Cyberkriegs für sensible Infrastrukturen und wie Staaten sich dagegen wehren können, gesprochen., Die dafür verantwortlichen Personen schweigen. Computerviren und -würmer wie Stuxnet werden im Geheimen entwickelt. Die Urheber eines Angriffs sind oft nicht ermittelbar.

Dieses Schweigen wird im Film von einer Geheimagentin, deren Gesicht kaum verfremdet wurde, gebrochen. Sie ist, wie erst am Ende des Films enthüllt wird, eine Komposition aus mehreren NSA- und CIA-Informanten, die nur unter der Zusicherung strikter Anonymität mit Gibney sprachen. Dieser Kunstgriff, der nötig war, ist allerdings auch ein Schwachpunkt des Films. Denn während der ganzen Zeit hören sich ihre Aussagen wie ein abgelesenes Script an und sie sind auch nie so überprüfbar, wie man es als Journalist (oder Forscher) gerne hätte. Es sind Aussagen aus der Schattenwelt der Geheimdienste, die aber eine Besorgnis über die nicht stattfindende öffentliche Diskussion über diese neue Form des Krieges artikulieren.

Wie in seinem mit dem Oscar ausgezeichnetem Film „Taxi zur Hölle“, in dem es um Folter im Rahmen des „war on terror“ geht, will eine Diskussion über das Thema des Films anstoßen. Dafür liefert er unaufgeregt Fakten und er fordert am Ende von „Zero Days“ eine weltweite Ächtung solcher Waffen. Wie es auch mit A-, B- und C-Waffen gemacht wurde.

Denn nach seinen Recherchen ist Stuxnet eine Gemeinschaftsentwicklung von amerikanischen und israelischen Geheimdiensten, die anschließend jeder Dienst selbstständig anpassen kann. Der Mossad programmierte dann eine aggressivere Version des Wurms, setzte ihn gegen den Iran ein und dann verbreitete er sich über den gesamten Globus. Stuxnet ist also ein vollkommen aus dem Ruder gelaufenes Geheimprojekt, bei dem niemand sich Gedanken über die möglichen Folgen machte.

Zero Days - Plakat

Zero Days (Zero Days, USA 2016)

Regie: Alex Gibney

Drehbuch: Alex Gibney

mit Colonel Gary D. Brown, Erich Chien, Richard A. Clarke, General Michael Hayden, Olli Heinonen, Chris Inglis, Vitaly Kamluk, Eugene Kaspersky, Emad Kiyaei, Ralph Langner, Rolf Mowatt-Larssen, Seán Paul McGurk, Yossi Melman, Liam O’Murchu

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Läuft in einigen Kinos (hier in Berlin in 2 Kinos) und ist ab dem 6. September digital erhältlich.

Hinweise

 

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Zero Days“

Metacritic über „Zero Days“

Rotten Tomatoes über „Zero Days“

Wikipedia über „Zero Days“ und Stuxnet (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alex Gibneys „We steal Secrets: Die Wikileaks-Geschichte“ (We steal Secrets: The Story of Wikileaks, USA 2013)

Alex Gibney spricht über den Film

Einige Ausschnitte aus der Berlinale Pressekonferenz


TV-Tipp für den 2. September: Duell

September 2, 2016

3sat, 22.35

Duell (USA 1971, Regie: Steven Spielberg)

Drehbuch: Richard Matheson

LV: Richard Matheson: Duel (Kurzgeschichte, Playboy, April 1971)

Auf einem Highway irgendwo im Nirgendwo überholt Handelsvertreter David Mann einen Truck. Der König der Landstraße beginnt Mann zu verfolgen.

Steven Spielbergs erster Kinofilm. Naja, fast. Denn „Duell“ war zuerst ein in zwei Wochen gedrehter ABC-TV-Film (es werden mal 12, mal 13, mal 16 Drehtage genannt, wobei anscheinend nur 10 Drehtage geplant waren), der für die Kinoauswertung um einige Szenen erweitert wurde.

„Duell“ ist ein kleiner, knackiger Highway-Thriller, bei dem die Geschichte auf das Gerüst reduziert wurde. Mit einer guten Idee und einem guten Drehbuch, beides von Richard Matheson.

„Offen gesagt ist der Film voll technischer Spielereien und logischer Brüche. Aber am Ende der neunzig Minuten scheint kaum Zeit vergangen.“ (Fob, Variety)

mit Dennis Weaver, Eddie Firestone, Charles Seel, Lucille Benson

Wiederholung: Sonntag, 4. September, 02.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Duell“

Wikipedia über „Duell“ (deutsch, englisch)

Fanseite zum Film

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Steven Spielberg in der Kriminalakte

Kriminalakte: Ein episch langes Interview mit Richard Matheson

Meine Besprechung der Richard-Matheson-Verfilmung „Real Steel” (Real Steel, USA 2011)

Meine Besprechung der Richard-Matheson-Verfilmung “Tanz der Totenköpfe” (The Legend of Hell House, GB 1973)

Meine Besprechung der Comic-Version der Richard-Matheson-Kurzgeschichte “Duell”

Mein Nachruf auf Richard Matheson


Neu im Kino/Filmkritik: „Ben Hur“ – neue Version, selbstverständlich wieder mit einem Wagenrennen

September 1, 2016

Die Blaupause für jede neue Verfilmung von General Lew Wallaces Roman „Ben Hur: Eine Erzählung aus der Zeit Christi“ ist das gut vierstündige Epos von 1959 mit Charlton Heston als Judah Ben Hur. Aus heutiger Sicht ist der mit elf Oscars ausgezeichnete Film, unter anderem als Bester Film des Jahres, erstaunlich holprig und oft langatmig erzählt. Und mit so viel Pathos getränkt, dass wir den Film inzwischen nur noch durch die Brille von „Das Leben des Brian“ sehen können. Berühmt ist das heute wahrscheinlich kaum noch gesehene Epos wegen des entsprechend epischen Wagenrennens, das es schon in de Stummfilmverfilmung des Romans gab.

Das Wagenrennen gibt es auch in Timur Bekmambetows flüssiger erzähltem Remake. Er beginnt sogar damit – und springt dann gut zehn Jahre zurück in die Vergangenheit. Damals waren Judah Ben Hur (Jack Huston) und Messala Severus (Toby Kebbell) beste Freunde und Brüder. Messala verlässt Judäa, um als römischer Soldat zu Ruhm und Ehre zu gelangen.

Nach Jahren kehrt er zurück nach Judäa, das er befrieden will. Also von den aufständischen Juden, die gegen die römische Besatzung kämpfen, bereinigen will. Ben Hur, der sich eigentlich aus der Politik heraushält, will seine jüdischen Brüder nicht verraten und in den Tod schicken. Damit beginnt der Konflikt zwischen Ben Hur und Messala.

Als bei der Ankunft des neuen Statthalters in Jerusalem ein Aufständischer von Ben Hurs Anwesen einen Pfeil auf ihn abschießt (das ist eine der zahlreichen Änderungen zu William Wylers Film), verhaftet Messala Ben Hur und seine Familie. Ben Hur wird Galeerensklave. Die allesamt überaus ansehnlichen Frauen des Patrizierhauses Ben Hur wandern in den Kerker.

Nach Jahren, wenige Tage vor dem Tod von Jesus (der hier auch mehrmals auftritt) kehrt Ben Hur zurück. Er will sich an Messala rächen. Während eines Wagenrennens.

Timur Bekmambetow, der die Geschichte in zwei Stunden erzählt, beschreitet in seiner Verfilmung bis zum Ende durchaus eigene Wege, die mal mehr, mal weniger gelungen sind. So war es in Wylers Film ein herabfallender Ziegel, der Pontius Pilatus bei seinem Einzug in die Stadt verletzte. Es war ein Unfall. In Bekmambetows Film ist es ein von einem Aufständischen abgeschossener Pfeil. Es ist ein Attentat und Ben Hur deckt den Täter. Diese Änderung hätte die gesamte Geschichte auf jeder Ebene beeinflussen können. Aber sie bleibt letztendlich folgenlos.

Auch später gibt es immer wieder Unterschiede. So kommt Ben Hur in der aktuellen Version niemals nach Rom. Und das bei Wyler aus heutiger Sicht unerträgliche Pathos und der religiöse Kitsch sind bei Bekmambetow nicht vorhanden. Es gibt bis auf einige kurze Auftritte von Jesus Christus und der Kreuzigung keine religiösen Symbolismen und wenig christliches Pathos. Daher erstaunt die in den USA gemachte Werbekampagne für die christlichen Filmbesucher, die aus kommerzieller Perspektive ein wichtiger Faktor sind und die eine, nun, sehr spezielle Art von Filmen lieben, in denen der rechte Glaube der einzige Qualitätsmaßstab ist.

Diese Änderungen verschieben dann Akzente in der Geschichte und den Motivationen der Charaktere und lassen Bekmambetows „Ben Hur“ zu einer durchaus eigenständigen Verfilmung werden. Allerdings keiner gelungen. So werden all die auf der Hand liegenden politischen Anspielungen nicht weiter ausgeführt. Der Konflikt zwischen Ben Hur und Messala erscheint forciert. Dabei entzündet sich der Konflikt an dem fehlgeschlagenem Anschlag auf Pontius Pilatus. Ben Hur, der den Täter beschützt, nennt seinem Freund nicht den Namen. Damit paktiert er mit den Aufständischen, vulgo Terroristen. Aber die in diesem Moment angelegte Frage nach den Formen des Widerstandes gegen ein Regime, werden nicht weiter verfolgt. Auch das Thema der Freundschaft wird nicht weiter verfolgt. So bleiben die immer wieder eingestreuten politischen und gesellschaftlichen Anspielungen in der Luft hängen.

Die Nebenfiguren sind schön aussehende Staffage und Morgan Freeman ist Morgan Freeman; mit einer „Battefield Earth“-Gedächtnisfrisur. Und, ja, das ist eine wenig subtile Anspielung auf das Niveau dieses bierernsten Sandalenfilms, der höchstens in einigen Momenten einen unfreiwilligen Humor verströmt.

Zum Schluss kommen wir, wie der Film, wieder zum Wagenrennen, das auch in dieser „Ben Hur“-Verfilmung das große Action-Set-Piece ist. Es ist lang, es ist blutig, es ist langweilig, weil die Action zwischen Schnitten und CGI-Effekten so konfus ist, dass man kurz nach dem Start den Überblick verliert. Da ist man von Timur Bekmambetow, dem Regisseur von „Wächter der Nacht“, „Wächter des Tages“ und „Wanted“, aber auch „Abraham Lincoln, Vampirjäger“, besseres gewohnt.

Er sagt dazu: „Wir haben die Actionszenen so gefilmt, wie man das heute mit seinen privaten Handy-Kameras machen würde.“

John Ridley, der für „12 Years a Slave“ einen Oscar erhielt, wird wohl nur aufgrund irgendwelcher vertraglicher Verpflichtungen als einer der Drehbuchautoren genannt. Ridley ist der Autor von „12 Years a Slave“, „Three Kings“ (nur Story-Credit), „U-Turn“ und einiger leider nicht übersetzter Romane und der Erfinder der hochgelobten TV-Serie „American Crime“. In seinen Werken setzte er sich immer kritisch mit der US-amerikanischen Geschichte und oft auch der Geschichte der Afroamerikaner auseinander. Dass er ein so unpolitisches und in jeder Hinsicht unentschlossenes Drehbuch abliefert, will ich nicht glauben.

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Ben Hur (Ben-Hur, USA 2016)

Regie: Timur Bekmambetow

Drehbuch: Keith Clarke, John Ridley

LV: General Lew Wallace: Ben-Hur: A tale of the Christ, 1880 (Ben Hur: Eine Erzählung aus der Zeit Christi)

mit Jack Huston, Toby Kebbell, Rodrigo Santoro, Nazanin Boniadi, Morgan Freeman, Sofia Black D’Elia, Ayelet Zurer, Moises Arias, Pilou Asbaek

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Ben Hur“

Metacritic über „Ben Hur“

Rotten Tomatoes über „Ben Hur“

Wikipedia über „Ben Hur“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Timur Bekmambetows „Abraham Lincoln, Vampirjäger (Abraham Lincoln: Vampire Hunter, USA 2012)

Ein sehr kurzes Featurette über den Dreh des Wagenrennens

Und hier Charlton Heston als Ben Hur in der Arena. Die beiden Ausschnitte vermitteln einen guten Eindruck von der Szene. Eine komplette Version habe ich nicht gefunden.

 


Neu im Kino/Filmkritik: „Mike and Dave need Wedding Dates“ für die nächste Hochzeit

September 1, 2016

US-Zoten, nächste Runde. Dieses Mal nennt sich das Werk „Mike and Dave need Wedding Dates“.

Mike und Dave sind Brüder und dieses Mal möchte ihr Vater, dass sie die Hochzeit ihrer Schwester nicht in das übliche Chaos verwandeln. Sie sollen also Anstandsdamen mitbringen.

Mike und Dave wollen zuerst nicht, weil sie doch für gute Stimmung sorgen.

Ihre während des Gesprächs neben ihrem Vater sitzende Schwester sagt: „Bitte!“

Mike und Dave sagen: „Für dich tun wir alles. Wir wollen doch, dass du glücklich bist.“

Und damit könnte der Film nach fünf Minuten zu Ende sein. Denn in den folgenden neunzig Minuten wird eben dieses Gespräch mit viel Leerlauf und dem untauglichen Versuch, auch ernste Themen anzusprechen, auf Spielfilmlänge ausgewalzt.

Aus europäischer Sicht gibt es immerhin zwei bemerkenswerte Punkte.

Erstens wird dieses Mal auf den zu US-Vulgärhumorzoten gehörenden Gag mit den an verschiedenen peinlichen Orten aufgemalten Penissen, die oft panisch abgerubbelt werden, verzichtet. Das muss man wohl Fortschritt nennen.

Zweitens sehen wir nackte Frauen. Von hinten und von vorne. Ausgiebig können wir ihre Hintern und Brüste bewundern. Für eine US-Zote ist das ein gewaltiger Fortschritt.

Für uns Europäer ist es nichts, was uns irgendwie aufregt.

Mike and Dave need Wedding Dates - Plakat

Mike and Dave need Wedding Dates (Mike and Dave need Wedding Dates, USA 2016)

Regie: Jake Szymanski

Drehbuch: Andrew Jay Cohen, Brendan O’Brien

mit Zac Efron, Anna Kendrick, Adam Devine, Aubrey Plaza, Sugar Lyn Beard, Alice Wetterlund, Mary Holland, Stephanie Faracy, Stephen Root

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

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Moviepilot über „Mike and Dave need Wedding Dates“

Metacritic über „Mike and Dave need Wedding Dates“

Rotten Tomatoes über „Mike and Dave need Wedding Dates“

Wikipedia über „Mike and Dave need Wedding Dates“


TV-Tipp für den 1. September: Winter’s Bone

September 1, 2016

3sat, 22.25 (VPS 22.24)

Winter’s Bone (Winter’s Bone, USA 2010)
Regie: Debra Granik
Drehbuch: Debra Granik, Anne Rosellini
LV: Daniel Woodrell: Winter’s Bone, 2007 (Winters Knochen)
Die Ozarks: die siebzehnjährige Ree Dolly sucht ihren verschwundenen Vater. Nicht etwa, weil sie ihn so sehr liebt, sondern weil sie ihr Haus verlieren, wenn er nicht vor Gericht auftaucht. Aber alle, die ihr helfen könnten, raten ihr, nicht weiter nach dem Verschwundenen zu suchen.
Debra Graniks grandioser, allseits abgefeierter und vielfach ausgezeichneter Film folgt Daniel Woodrells Roman bis in die Dialoge. Sie drehte vor Ort in Missouri mit vielen unverbrauchten Gesichtern, die erstmals vor der Kamera standen, und, sagen wir mal, ungeschminkten Hollywood-Schauspielern (die sich eher in Serien und Independent-Filmen tummeln; also nicht die ganz großen Namen sind, aber an deren Gesichter man sich erinnert). All das trägt zum dokumentarischen New-Hollywood-Feeling, wie wir es aus den siebziger Jahren kennen, bei.
Und hier zeigt sich der größte Unterschied zwischen Buch und Film. Während in Woodrells Roman die Armut immer noch ein poetisches Anlitz hat, sehen wir im Film eine deprimierend ärmliche Landschaft, die eher an ein Dritte-Welt-Land erinnert. Auf den Höfen und in den Wohnungen stapelt sich Müll, der vergessen wurde, endgültig zu entsorgen. Die Menschen verdienen ihr Geld mit kriminellen Aktivitäten. Heute Meth und andere Drogen; während der Prohibition als Schnapsbrenner. Sie halten immer noch den alten Frontier-Mythos hoch. Aber es zeigt sich, auch, wo die Cowboy-Ideologie des Wilden Westens endete. Insofern ist die gelungene Verfilmung eines fantastischen Buches düsterer und am Ende sogar hoffnungsloser als die noirische Vorlage.
mit Jennifer Lawrence, Isaiah Stone, Ashlee Thompson, Valerie Richards, Shelley Waggener, Garret Dillahunt, William White, Ramona Blair

Hinweise

Kaliber.38 über Daniel Woodrell

Mordlust über Daniel Woodrell

Wikipedia über Daniel Woodrell

The Independent: John Williams über Daniel Woodrell (16. Juni 2006)

The Southeast Review interviewt Daniel Woodrell (1. April 2009)

River Cities’ Reader über Daniel Woodrell (8. April 2010)

The Wall Street Journal/Speakeasy (Steven Kurutz) unterhält sich mit Daniel Woodrell über “Winter’s Bone” (27. Februar 2011)

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Winter’s Bone“

Rotten Tomatoes über “Winter’s Bone”

Daniel Woodrell bei Mulholland Books

Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “Der Tod von Sweet Mister” (The Death of Sweet Mister, 2001)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “Im Süden – Die Bayou-Trilogie” (The Bayou Trilogy, 2011)

Meine Besprechung von Daniel Woodrells “In Almas Augen” (The Maid’s Version, 2013)

Daniel Woodrell in der Kriminalakte

Die Vorlage (Lesebefehl!)

Woodrell - Winters Knochen

Daniel Woodrell: Winters Knochen

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2011

224 Seiten

18,90 Euro

Originalausgabe

Winter’s Bone

Little, Brown and Company, New York, 2006


Kurzkritik: Max Annas: Die Mauer

August 31, 2016

Annas - Die Mauer

Mit 224 Seiten ist auch der zweite Thriller von Max Annas sympathisch kurz geraten. Wie schon seit Debüt „Die Farm“ spielt auch „Die Mauer“ in Südafrika.

An einem heißen Nachmittag verreckt das Auto des jungen Schwarzen Moses in der Nähe der Gated Community „The Pines“. Dort war der Student einmal bei einem Studienkollegen und jetzt hofft er, dass dieser ihm hilft. Allerdings findet Moses, weil alle Häuser gleich aussehen, das Haus nicht. Stattdessen wird er vom Sicherheitsdienst entdeckt. Moses, der keine Lust auf eine Tracht Prügel hat (wenn er Glück hat), flüchtet.

Zur gleichen Zeit brechen, ebenfalls in „The Pines“, Nozipho und Thembi in ein leeres Haus ein. Das schwarze Einbrecherpärchen entdeckt in einer Schublade einen Haufen Geld und in der Tiefkühltruhe die noch warme Leiche der Hausherrin. Gerne würden sie mit ihrer Beute möglichst schnell die Gated Community verlassen. Dummerweise stehen inzwischen die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes vor dem Haus. Von dort koordinieren sie ihre Suche nach dem flüchtigen Moses.

Und dann kommen die Mörder der Hausherrin zurück.

Mit seinen vielen Szenenwechseln – das Buch hat 115 Kapitel – , der kargen Sprache und der kaum vorhandenen Psychologisierung der Charaktere (wir wissen eigentlich nur, was sie gerade tun) liest sich „Die Mauer“ wie ein „Roman zum Film“, bei dem der Autor ein Drehbuch mit wenigen ausschmückenden Sätzen zu einem Roman umformulierte. Das hat unbestritten Pageturner-Qualitäten. Denn die an einem Ort spielende Geschichte entwickelt sich, je nach Lesegeschwindigkeit, in Echtzeit.

Allerdings simulieren die vielen Szenenwechsel eine Dynamik, die in der Geschichte, wenn Moses über die nächste Mauer springt und wieder entdeckt wird, wenn Nozipho und Thembi sich im Schrank verstecken, nicht wirklich vorhanden ist. Insofern ist es auch etwas rätselhaft, warum „Die Mauer“ zweimal hintereinander auf dem ersten Platz der KrimiZeit-Bestenliste stand und in der mir im Moment noch unbekannten September-Liste wieder auf einem der vorderen Plätze stehen wird.

Max Annas gehört zu den wenigen deutschen Autoren, die längere Auslandserfahrung haben und diese literarisch verarbeiten. Der gebürtige Kölner lebt inzwischen in Berlin. Davor lebte er länger in Südafrika und er arbeitet immer noch an einem Forschungsprojekt der University of Fort Hare über die südafrikanische Jazzmusik. Da lernt man, auch wenn es in „Die Farm“ und „Die Mauer“ keine Anspielungen auf den Cape Jazz gibt, Land und Leute kennen.

Max Annas: Die Mauer

rororo, 2016

224 Seiten

12 Euro

Hinweise

Rowohlt über Max Annas

Krimi-Couch über Max Annas

Perlentaucher über Max Annas

Wikipedia über Max Annas

Meine Besprechung von Max Annas „Die Farm“ (2014)

Lesung

Max Annas liest am Freitag, den 9. September, um 20.00 Uhr, im Cafe Brel (Savignyplatz 1, Berlin) aus seinem Roman „Die Mauer“.

Die Lesung findet im Rahmen der „Crime Time“-Veranstaltungsreihe statt.


TV-Tipp für den 31. August: Verlockende Falle

August 31, 2016

Kabel 1, 23.00
Verlockende Falle (USA 1999, Regie: Jon Amiel)
Drehbuch: Ronald Bass, Michael Hertzberg
Versicherungsdetektivin Virginia ‚Gin‘ Baker (Catherine Zeta-Jones) glaubt, dass der vermögende Kunstsammler MacDougal (Sean Connery) ein Dieb ist, der zuletzt ein Rembrandt-Gemälde stahl. MacDougal nimmt die Herausforderung an und das Katz-und-Maus-Spiel kann beginnen.
Einer der letzten Leinwandauftritte von Sean Connery und ein rundum ansehbarer, altmodischer, leichtgewichtiger, eskapstischer Gangsterkrimi mit einer Prise Humor und ohne Gewalt.
mit Sean Connery, Catherine Zeta-Jones, Ving Rhames, Will Patton, Maury Chaykin, Kevin McNally
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Verlockende Falle“
Wikipedia über „Verlockende Falle“ (deutsch, englisch)
Sean Connery in der Kriminalakte


Cover der Woche

August 31, 2016

le Carre - The naive and sentimental lover


DVD-Kritik: „Mekong Rush – Renn um dein Leben“, weil Gefängnis keine Option ist

August 30, 2016

Dr. John Lake (Rossif Sutherland; – ja, ein Sohn von Donald Sutherland) arbeitet ehrenamtlich als Arzt in Laos. Während eines kurzen Erholungsurlaubs auf einer Insel sieht er nach einem Barbesuch eine offensichtlich vergewaltigte junge Frau. Er will ihr helfen und gerät mit ihrem Vergewaltiger in eine Schlägerei. Am Ende ist der Vergewaltiger tot und Lake will nach Thailand flüchten, weil; – nun, weil wir Westler ja wissen, wie schlecht die Gefängnisse in Asien sind, wie korrupt und gewalttätig die Polizisten sind, dass gefoltert wird und dass Gerichtsverhandlungen Scheinprozesse sind. Und weil wir Westler das alles wissen, muss der Film es nicht mehr erwähnen.

Während seiner Flucht erfährt Lake, dass der Tote der Sohn eines australischen Senators ist, was den Jagdeifer der Polizei und, nachdem eine Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt wird, der laotischen Bevölkerung anstachelt.

Mekong Rush – Renn um dein Leben“, der Debütfilm von Jamie M. Dagg, erzählt eine klassische Fluchtgeschichte vor exotischer Kulisse und der Dreh vor Ort in Laos und Thailand trägt zur Qualität des Films bei. Auch das Erzähltempo ist angenehm straff und die Geschichte entwickelt sich mit einigen überraschenden Wendungen, die durchaus realistisch wirken, hin zum Ende.

Allerdings hat „Mekong Rush“ mit zunehmender Laufzeit auch ein Problem: es ist nicht nachvollziehbar, warum Lake flüchtet. Er macht sich damit zunehmend verdächtig. Außerdem hat der gute Samariter die Tat begangen. Juristisch würde sie wohl als irgendetwas zwischen Totschlag im Affekt und Notwehr mit verminderter Schuldfähigkeit behandelt werden. Schließlich war auch Lake betrunken. Mit einem guten Anwalt und etwas internationaler Öffentlichkeit könnte das für ihn ziemlich bis sehr glimpflich ausgehen. Er hätte sich also, auch weil die Polizisten, die im Film auftauchen, vernünftig wirken, gleich stellen können. Er flüchtet und sagt im Film immer nur, dass er nicht ins Gefängnis gehen könne. Warum das so ist, sagt er allerdings nicht. Entsprechend irrational wirkt sein Verhalten mit zunehmender Laufzeit, während wir uns fragen, warum wir für einen Mörder, der sich nicht für seine Tat verantworten möchte, also für einen Feigling, Sympathie empfinden sollen.

Das Bonusmaterial ist mit einer Sammlung Trailer enttäuschend. Dabei wäre gerade wegen der Dreharbeiten in Laos ein Hintergrundbericht sicher interessant gewesen.

Mekong Rush - DVD-Cover ohne FSK

Mekong Rush – Renn um dein Leben (River, Kanada/Laos 2015)

Regie: Jamie M. Dagg

Drehbuch: Jamie M. Dagg

mit Rossif Sutherland, Douangmany Soliphanh, Sara Botsford, Ted Atherton, David Soncin, Aidan Gillett

DVD

Ascot Elite

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Mekong Rush“

Rotten Tomatoes über „Mekong Rush“

Wikipedia über „Mekong Rush“ (deutsch [derzeit umfangreicher], englisch)


TV-Tipp für den 30. August: Fear X

August 30, 2016

ZDFkultur, 20.15

Fear X (USA 2003, Regie: Nicolas Winding Refn)

Drehbuch: Nicolas Winding Refn, Hubert Selby jr.

Der introvertierte Sicherheitsbeamte Harry Caine sucht den Mörder seiner Frau. Er glaubt, dass er den Täter auf den Überwachungsbändern einer Shopping-Mall findet. Da entdeckt er in einen Nachbarhaus einen Hinweis und er macht sich auf den Weg nach Montana.

„Fear X“ ist ein zunehmend surrealer Thriller, der gerade wegen seiner Andersartigkeit gefällt.

Danach zeigt ZDFkultur um 22.00 Uhr „Walhalla Rising“ und um 23.30 Uhr „Bronson“,  zwei weitere Werke von Nicolas Winding Refn.

mit John Turturro, Deborah Kara Unger, James Remar, Stephen McIntyre

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Fear X“

Wikipedia über „Fear X“

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Fear X“ (Fear X, USA 2003)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Drive“ (Drive, USA 2011)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Only God Forgives“ (Only God Forgives, Frankreich/Dänemark 2013)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „The Neon Demon“ (The Neon Demon, USA/Frankreich/Dänemark 2016)

Nicolas Winding Refn in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 29. August: The Night Manager -Teil 1

August 29, 2016

ZDF, 22.15

The Night Manager – Teil 1 (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)

Regie: Susanne Bier

Drehbuch: David Farr

LV: John le Carré: The Night Manager, 1993 (Der Nachtmanager)

Nachtmanager Jonathan Pine will im Auftrag des britischen Geheimdienstes den skrupellosen Waffenhändler Richard Onslow Roper überführen. Dazu muss er erst einmal dessen Vertrauen erlangen.

Gut sechstündige BBC-Verfilmung, die das ZDF als Dreiteiler zeigt. An der Qualität der überaus sehenswerten und gelungenen, inzwischen aber auch etwas überbewerteten John-le-Carré-Verfilmung ändert sich dadurch nichts.

Das ZDF zeigt den zweiten und dritten Teil an den kommenden Montagen.

Mehr dazu in meiner Besprechung der gesamten Miniserie.

mit Tom Hiddleston (Jonathan Pine), Hugh Laurie (Richard Onslow Roper), Olivia Colman (Angela Burr), Tom Hollander (Corcoran), Elizabeth Debicki (Jed Marshall), Michael Nardone (Frisky), Alistair Petrie (Sandy Langbourne), Hovik Keuchkerian (Tabby), Neil Morrissey (Harry Palfrey)

Wiederholung: Mittwoch, 31. August, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Die DVD

The Night Manager - Plakat

The Night Manager (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016)

Concorde Home Entertainment

Bild: 1,78:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews, Featurette: Die Premiere in Berlin

Länge: 338 Minuten (3 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage in der aktuellen Ausgabe

Le Carre - Der Nachtmanager

John le Carré: Der Nachtmanager

(übersetzt von Werner Schmitz)

Ullstein 2016

576 Seiten

9,99 Euro

Die gebundene Ausgabe erschien bei Kiepenheuer & Witsch; Taschenbuchausgaben bei Heyne und List.

Hinweise

ZDF über „The Night Manager“

Amazon Prime über „The Night Manager“ (direkter Link zur Serie)

Deutsche Homepage zur Serie

Moviepilot über „The Night Manager“

Rotten Tomatoes über „The Night Manager“

Wikipedia über „The Night Manager“

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

John le Carré in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Susanne Biers „Serena“ (Serena, USA/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Susanne Biers „Zweite Chance“ (Un chance til, Dänemark 2014)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

Bonushinweis

le Carre - Der Taubentunnel - 4

Am 9. September erscheint „Der Taubentunnel“, die Memoiren von John le Carré, der am 19. Oktober seinen 85. Geburtstag feiert

Über „Die Memoiren eines Jahrhundertautors“ schreibt der Verlag:

Was macht das Leben eines Schriftstellers aus? Mit dem Welterfolg „Der Spion, der aus der Kält kam“ gab es für John le Carré keinen Weg zurück. Er kündigte seine Stelle im diplomatischen Dienst, reiste zu Recherchezwecken um den halben Erdball – Afrika, Russland, Israel, USA, Deutschland –, traf die Mächtigen aus Politik- und Zeitgeschehen und ihre heimlichen Handlanger. John le Carré ist bis heute ein exzellenter und unabhängiger Beobachter, mit untrüglichem Gespür für Macht und Verrat. Aber auch für die komischen Seiten des weltpolitischen Spiels.

In seinen Memoiren blickt er zurück auf sein Leben und sein Schreiben.“

John le Carré: Der Taubentunnel

(aus dem Englischen von Peter Torberg)

Ullstein, 2016

384 Seiten

22,00 Euro


TV-Tipp für den 28. August: Mars Attacks!

August 28, 2016

Arte, 20.15

Mars Attacks (USA 1996, Regie: Tim Burton)

Drehbuch: Jonathan Gems, Tim Burton (ungenannt)

LV: Topps Company: 55-teilige Sammelkartenserie aus den Sechzigern (Neuauflage 1994)

Außerirdische besuchen die Erde. Der Präsident und einige Wissenschaftler glauben an ein friedliches Zusammenleben der Welten, aber die Marsmenschen wollen einfach nur alles kaputtmachen.

Schön schräge, respektlose Satire und Liebeserklärung an die S-F-Filme der Fünfziger. Burtons Werk wurde damals als Gegenentwurf zu dem patriotisch-ironiefreien Roland Emmerich-Werk „Independence Day“ gesehen. Einmal dürfen sie raten, welcher Film der bessere ist. Und einmal, welcher Film das bessere Einspielergebnis hat.

„Eine der kompromisslosesten Demontagen des Hollywood-Kinos.

Zuerst wären da die Schauspieler zu nennen, eine Crew voller Berühmtheiten, denen nacheinander Schreckliches passiert: Sie alle scheiden in kürzester Zeit dahin, sterben einen wenig ruhmreichen Tod. (…) Mars Attacks! Karikiert nicht nur die patriotische, militaristische Variante des Invasionsfilms, sondern auch die ‚liberale’ Spielart, die den Außerirdischen mit pazifistisch und neuerdings esoterisch motiviertem Wohlwollen begegnet.“ (Helmuth Merschmann: Tim Burton)

Mit Jack Nicholson, Glenn Close, Annette Bening, Pierce Brosnan, Danny DeVito, Martin Short, Sarah Jessica Parker, Michael J. Fox, Rod Steiger, Tom Jones (als er selbst), Lukas Haas, Natalie Portman, Jim Brown, Sylvia Sidney, Pam Grier, Joe Don Baker, Christina Applegate, Jerzy Skolimonkski (Regisseur, als Dr. Zeigler), Barbet Schroeder (Regisseur, als französischer Präsident),

Wiederholung: Dienstag, 30. August, 15.30 Uhr

Hinweise

Die Vorlage für den Film: die Sammelkarten der Topps Company 

Rotten Tomatoes über „Mars Attacks“

Wikipedia über „Mars Attacks“ (deutsch, englisch)

Senses of Cinema-Artikel von Ben Andac über Tim Burton (2003)

Meine Besprechung von Tim Burtons “Frankenweenie” (Frankenweenie, USA 2012, nach einem Drehbuch von John August)

Meine Besprechung von Tim Burtons „Big Eyes“ (Big Eyes, USA 2014)

Tim Burton in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Das milde kapitalismuskritische Märchen „El Olivo – Der Olivenbaum“

August 27, 2016

Ein wichtiges Thema, ein Autor, der schon öfter gelungen komplexe Themen behandelte, eine Regisseurin, die damit ebenfalls darin Erfahrung hat. Viel besser könnten die Umstände nicht sein für diese zwischen Spanien und Deutschland spielende Geschichte, die auch und vor allem ein Kommentar zur spanischen Wirtschaftskrise sein will. In, so die Regisseurin Icíar Bollain, der Form eines Märchens mit einem realen Bezugspunkt.

Das Drehbuch ist von ihrem Lebensgefährten Paul Laverty, der bereits für ihren mit mehreren Goyas ausgezeichneten Film „Und dann der Regen“ das Buch schrieb. Der Ken-Loach-Stammautor weiß, wie man eine scharfe Kritik aus linker Perspektive am Kapitalismus, an herrschenden Institutionen und Strukturen in eine unterhaltsame Geschichte verpackt, die Partei für die kleinen Leute, die Unterdrückten, ergreift und zur Empörung und zum Handeln gegen die herrschenden Verhältnisse auffordert. In „El Olivo“ ist die Gesellschaftskritik dann so unspezifisch, dass alles in einer sentimentalen Wohlfühl-Watte endet.

Im Mittelpunkt von „El Olivo – Der Olivenbaum“ steht die junge, etwas burschikose Spanierin Alma, die in einer Geflügelfarm einer schlecht bezahlten Arbeit nachgeht. Ihre Familie hatte einmal viele Olivenbäume. Für sie und ihren zunehmend dementen Großvater, den sie abgöttisch liebt, ist dabei vor allem ein uralter Olivenbaum besonders wichtig. Viele Erinnerungen und die halbe Familiengeschichte sind mit ihm verbunden. Aber ihre Eltern verkauften den Baum schon vor längerem und steckten das Geld in ein inzwischen bankrottes Restaurant.

Als Alma erfährt, dass der Baum nicht vernichtet wurde, sondern in Düsseldorf im Empfangsbereich eines Öko-Energiekonzerns steht, entschließt sie sich, den Baum zurückzuholen und so ihrem schweigsamen Großvater einen letzten Wunsch zu erfüllen.

Bis Alma mit ihrem Onkel Alcachofa und dem in sie verliebten Arbeitskollegen Rafa, die beide keine Ahnung von ihrem Plan haben, in einem LKW losfährt, vergeht allerdings viel Zeit, in der wir mit vielen Rückblenden zwar einiges über sie, ihr Umfeld und die Familiengeschichte erfahren, aber die ganze Zeit auf den Beginn der Geschichte, – den Aufbruch, die Fahrt nach Deutschland und die Befreiung des Baumes -, warten. Die Fahrt nach Deutschland ist dann nur die Anhäufung einiger eher belangloser Anekdoten und Streitigkeiten in der Fahrerkabine.

In Düsseldorf, das immer der austauschbare Handlungsort für irgendeine Großstadt bleibt, fällt der Film endgültig in sich zusammen. Zwischen Streitigkeiten und Versöhnungen untereinander und campieren vor der Bank, erhält Alma dann auch noch die Hilfe einiger flugs herbeigeeilter, Happening-süchtiger Freizeitkapitalismusgegner, die von einer Frauen-Wohngemeinschaft die nötigen Informationen für ihren Protest erhielten.

Diese studentische WG, die wie ein Befehl der Filmförderung wirkt, redet vorher arg didaktisch auf biederem TV-Niveau über die bösen Banken, den Kapitalismus, den Naturschutz und ob man überhaupt etwas tun solle. Sie initiieren dann doch eine „Free the Tree“-Bewegung, die Alma in Düsseldorf helfen soll, den Olivenbaum zu befreien. Den Anstoß dafür erhielten die WG-Damen durch einen Internet-Post von Almas Freundin und natürlich hätte man hier im Rahmen der Filmgeschichte etwas über die guten Seiten der sozialen Medien bei der Vernetzung und Gemeinschaftsbildung über Ländergrenzen erzählen können. So wie Jon Favreau es in seinem Road-Movie „Kiss the Cook“ in kulinarischem Zusammenhang tat. Bei „El Olivo“ wirkt dieser irgendwann lieblos fallengelassene Handlungsstrang allerdings durchgehend wie ein Fremdkörper, weil die Internetöffentlichkeit für die Baumrettungs-Kampagne nur am Ende, bei einer kindischen Protestaktion, eine realweltliche Entsprechung findet.

Dieser für die Haupthandlung letztendlich erschreckend unerhebliche Handlungsstrang ist wie der gesamte Film zwar gut gemeint, aber mehr als ein milde kapitalismuskritisches Feelgood-Movie mit unantastbar strahlender Heldin und, sicher auch wegen ihres idiotischen „ich gehe in die Bank und hole den Riesenbaum heraus“-Plans, unklarer Stoßrichtung der Kritik kommt dabei nicht heraus.

El Olivo - Plakat

El Olivo – Der Olivenbaum (El Olivo, Spanien/Deutschland 2016)

Regie: Icíar Bollaín

Drehbuch: Paul Laverty

mit Anna Castillo, Javier Gutiérrez, Pep Ambròs, Manuel Cucala, Miguel Angel Aladren, Carme Pla, Ana Isabel Mena, María Romero

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „El Olivo“

Moviepilot über „El Olivo“

Rotten Tomatoes über „El Olivo“

Wikipedia über „El Olivo“ (englisch, spanisch)