Volver – Zurückkehren (Spanien 2006, Regie: Pedro Almodóvar)
Drehbuch: Pedro Almodóvar
Eigentlich kann man einen Almodóvar-Film nicht in wenigen Worten nacherzählen – und das ist gut so. Jedenfalls geht es hier um Frauen aus drei Generationen einer Familie, es gibt einen ermordeten Stiefvater (er hatte es verdient) und eine tote Mutter, deren Geist zurückkehrt.
„Die Hommage an die pragmatische Lebensweisheit der Frauen überzeugt durch die souveräne Kombination widersprüchlicher Elemente, wobei vor allem der gelassene Umgang mit dem Tod angenehm überrascht.“ (Lexikon des internationalen Films)
Und danach, um 22.10 Uhr, gibt es die fünfzigminütige Doku „Pedro Almodóvar und die Frauen“ (Frankreich/Spanien 2015).
mit Penélope Cruz, Carmen Maura, Lola Duenas, Blanca Portillo, Chus Lampreave
Drehbuch: Dominik Graf, Bernd Schwamm, Michael Hatry
Möbelfabrikant Hencken wird vor Schimanskis Stammhotel „Ideal“ erschossen. Für Schimanski, der die Intrigen zweier verfeindeter Familien aufklären muss, der Auftakt zu einem wirklich schwarzen Wochenende. Und das alles ohne seine geliebte Jacke.
Damals war Dominik Grafs „Tatort“ bei der Kritik ziemlich schlecht weggekommen, heute wird er – zu Recht – als einer der düsteren Klassiker gefeiert. Einer der Höhepunkte des Films ist eine halbstündige Verhörsequenz. Heute undenkbar.
Eine Zwangsheirat ist es nicht. Denn Hedi ist schon Mitte Zwanzig, arbeitet als Autoverkäufer und lebt noch zu Hause. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. Die Heirat, in die er von seiner Mutter hineingestoßen wird, ist vor allem ein finanzielles Arrangement, bei dem Liebe noch nicht einmal zweitrangig ist. Trotzdem ist seine Zukünftige wirklich nett und Hedi kann sich gut ein Leben mit ihr vorstellen. Die ungefähr gleichaltrige Khedija hat auch Verständnis dafür, dass die Flitterwochen erst einmal ausfallen müssen, weil Hedi keinen Urlaub erhält. Auch dass er in den Tagen vor der Hochzeit nicht da ist, versteht sie. Er wurde von seinem Chef nach Mahdia geschickt, um dort Autos an Firmenkunden zu verkaufen.
Außerdem hat Hedis Mutter die Hochzeitsvorbereitungen im Griff. Sie arrangiert und organisiert alles. Hedi muss nur noch „ja“ sagen.
In Mahdia trifft der erfolglose Verkäufer Hedi in seinem Hotel die Animateurin Rim. Sie ist das Gegenteil von Khedija ist. Rim arbeitet, reist dabei rund um den Globus von Hotel zu Hotel und sie ist unabhängig von den traditionellen Bindungen. Hedi verliebt sich in sie. Aber soll er für diese Wochenendliebe Khedija und sein ebenso langweiliges, wie geordnetes Leben hinter sich lassen? Will er das überhaupt?
Man muss nicht wissen, dass „Hedis Hochzeit“ von den Dardenne-Brüdern („Zwei Tage, eine Nacht“) mitproduziert wurde und auch über Tunesien, das ist das nordafrikanische Land zwischen Algerien und Libyen, muss man nichts genaues wissen, um „Hedis Hochzeit“ auch als bewusste und gewollte Allegorie auf das dortige Leben und die Veränderungen der letzten Jahre zu begreifen.
„Mein Land ist verkatert. Es ist nicht länger geknebelt, aber es liegt in den letzten Zügen einer tiefen sozialen, religiösen und ökonomischen Krise. Ich weiß, das ist eine zynische Beurteilung, aber das ist die Wahrheit, die wir nicht ignorieren können. In den letzten fünf Jahren wurde ein Hotel nach dem anderen geschlossen. Städte, die wegen des Tourismus florierten, sind plötzlich zu Geisterstädten geworden. Meine Figuren bewegen sich in diesen von Unheil betroffenen Landschaften, und verkörpern das Mäandern einer ganzen Gesellschaft. Ich versuchte, dieses Gefühl herauszukristallisieren durch verlassene Autoparks, Firmen, die ihre Produktion runtergeschraubt haben, verlassene Strände und Schwimmbäder und Hotels, die ihr Personal entlassen. Hedi verkörpert das – mehr als nur eine Figur. Er zuckt vor und zurück.“ (Mohamed Ben Attia)
Vor dieser Folie wird dann auch verständlich, warum Mohamed Ben Attia in seinem Langfilmdebüt, teilweise so zäh erzählt, warum vieles nur angedeutet wird und warum gerade die Hauptpersonen – der introvertierte Hedi, seine künftige Ehefrau Khedija und seine Kurzzeitgeliebte Rim – so passiv bleiben, während Hedis Mutter energisch die Hochzeit vorbereitet und über ihre beiden Kinder so sehr dominiert, dass Hedis älterer Bruder, der vor ihr nach Frankreich flüchtete, ihr und ihrer Mutterliebe nicht entkommen kann.
Aber auch vor dieser Interpretationsfolie erzählt Mohamed Ben Attia seine Geschichte zögerlicher als nötig und das Ende wird im Film zu wenig vorbereitet. Es ist mehr eine Deus ex machina als eine aus Hedis Charakter heraus schlüssige Entwicklung.
Davor zeigt Attia allerdings sehr genau, welche Bedeutung und Macht die Tradition über die Menschen hat und wie schwer es ist, aus ihnen auszubrechen. Er zeigt auch in tristen Bildern ein gelähmtes und ökonomisch desolates Land, das auf eine Veränderung, einen Aufbruch, wartet.
Auf der Berlinale wurde „Hedis Hochzeit“ als bester Erstlingsfilm ausgezeichnet und Hauptdarsteller Majd Mastoura erhielt einen Silbernen Bären als bester Darsteller.
Wie eine Begegnung mit Außerirdischen abgeht, wissen wir aus dem Kino: sie kommen, sie wollen uns töten und nach einer großen Schlacht gewinnen wir. Das haben wir schon tausendmal gesehen. Ein, zweimal haben wir auch gesehen, dass die Außerirdischen nicht als Invasoren kommen, die uns töten wollen.
Aber was würde wirklich geschehen, wenn ein Ufo landen würde?
Dokumentarfilmer und Künstler Michael Madsen (nicht der Tarantino-Schauspieler, sondern ein 1971 geborener dänischer Konzeptkünstler, der in „Into Eternity: A Film for the Future“ das erste nukleare Endlager und für „Kathedralen der Kultur“ das Halden Gefängnis porträtierte) stellte sich diese Frage und er fragte Menschen, die dann mit dieser Situation umgehen müssten. Jacques Arnould (Theologe, Ethikberater der französischen Raumfahrtagentur CNES), Paul Beaver (Oberst i. R., Militär- und Öffentlichkeitsberater), Dr. Sheryl Bishop (Sozialpsychologin, Professorin, University of Texas Medical Branch at Galveston), Michael Boyce (Ehemaliger Generalstabschef der britischen Armee), Dr. Ernst Fasan (Jurist, Experte für Weltraumrecht und Metarecht), Niklas Hedman (Politik- und Rechtssektion, Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen), Chistopher McKay (Astrobiologe, NASA Ames Research Center), Mazlan Othman (PhD, Astrophysikerin, Direktorin des Büro der Vereinten Nationen für Weltraumfragen), John Rummel (Vorsitzender, Cospar Gremium zum planetaren Schutz), Vickie Sheriff (ehemalige Regierungssprecherin des Vereinigten Königreiches), Janos Tisovsky (Direktor Informationsdienst der Vereinten Nationen, UNIS), Doug Vakoch (Leiter Interstellare Nachrichtenerstellung, SETI Institute) und Chris Welch (Weltraum-Ingenieur, Professor, International Space University) antworteten ihm.
Die Namen werden niemandem etwas sagen, aber schon der Blick auf die von ihnen repräsentierten Institutionen ist interessant. Bei einigen möchte man wissen, weshalb sie gegründet wurden und was sie genau machen. In ihren Statements sagen sie alle erhellendes über den Umgang mit intelligentem, außerirdischem Leben.
Madsen kreierte für die Gespräche allerdings eine besondere Situation, die sie zu überraschenden Statements zwang. Die Experten erklären nicht Madsen, was sie tun würden, wenn Außerirdische kämen, sondern sie antworten dem oder den fiktiven außerirdischen Besuchern. Sie versuchen ihm zu erklären, wer wir Menschen sind und welche Hoffnungen und Befürchtungen wir aufgrund dieser Begegnung haben. Denn warum sollten Außerirdische zu uns kommen? Was wollen sie von uns? Sind sie intelligent und zugänglich für rationale Überlegungen?
Durch diese Idee, die Experten in eine konkrete Situation hineinzuversetzen, in denen sie etwas tun müssen, verfolgt man gespannt ihre Antworten. Man gewinnt auch einen Einblick in deren Denken, und wie sie versuchen würden, mit dem Unbekannten umzugehen.
Dazwischen schneidet Madsen durchgehend fein komponierte Bilder von einer militärischen Übung in Österreich, die zeigt, was das Militär während der Gespräche zwischen Mensch und E. T. tun würde, und, oft in Zeitlupe, musikalisch unterlegt, von Menschen, die sich durch Städte bewegen.
Die Außerirdischen und ihre Raumschiffe sehen wir nie und ihre letzte Tat ist vielleicht das Schlimmste, was sie uns in der Realität antun könnten.
The Visit – Eine außerirdische Begegnung (The Visit, Dänemark/Irland/Österreich/Finnland/Norwegen 2015)
Regie: Michael Madsen
Drehbuch: Michael Madsen
mit Jacques Arnould, Paul Beaver, Sheryl Bishop, Michael Boyce, Ernst Fasan, Niklas Hedman, Chistopher McKay, Mazlan Othman, John Rummel, Vickie Sheriff, Janos Tisovsky, Doug Vakoch, Chris Welch
Düsterer Cop-Krimi über Gangkriminalität und ihre Bekämpfung in Los Angeles: Alonzo Harris zeigt Jake Hoyt am ersten Arbeitstag wie die Arbeit eines Undercover-Cop gegen Drogen- und Gangkriminalität abläuft. Dummerweise ist Harris selbst ein Gangster mit Dienstmarke, der nach dem Motto „Nur wenn du selbst wie ein Wolf bist, kannst du einen Wolf fangen“ arbeitet.
„Ein rasant und konsequent inszenierter Film voll Gewalt und Brutalität. Konsumierbar einerseits als zynisches Actionspektakel, das bloß altbekannte Genretypen weiterentwickelt, aber auch verstehbar als Spiegelung und Reflexion aktueller Debatten über Polizeimethoden, moralische Dilemmata und die Durchsetzbarkeit demokratischer Spielregeln gegenüber Clannormen, die sich freilich potenziellen Missverständnissen aussetzt.“ (Multimedia, 13. Dezember 2001)
Denzel Washington erhielt für seine Rolle als Cop Harris den Oscar für die beste Hauptrolle und einige weitere Preise. David Ayer schrieb danach den ähnlich gelagerten Cop-Thriller „Dark Blue“.
Die in „Training Day“ und „Dark Blue“ angesprochenen Themen werden in der grandiosen Cop-Serie „The Shield“ noch konsequenter und pessimistischer durchbuchstabiert.
Mit Denzel Washington, Ethan Hawke, Scott Glenn, Cliff Curtis, Dr. Dre, Snoop Dogg, Tom Berenger, Eva Mendes, Macy Gray
Einige Tage vor der Pressevorführung von Antoine Fuquas „Die glorreichen Sieben“ habe ich mir noch einmal das Original, also den Westernklassiker von John Sturges, angesehen. Schließlich wollte ich kundig das Original mit dem Remake vergleichen, auf die kleinsten Unterschiede hinweisen (zum Beispiel wenn aus einem Links- ein Rechtshänder wird) und, vielleicht, über die großen Unterschiede jammern.
Außerdem wollte ich mein ursprüngliches Urteil überprüfen. Damals, als Jugendlicher, empfand ich Sturges‘ „Die glorreichen Sieben“ als einen unglaublich langweiligen, prätentiösen und steifen Film, der zu sehr von seiner eigenen Bedeutung überzeugt ist. Die zweite Sichtung bestätigte meinen ersten Eindruck – und damit gehöre ich zu der Minderheit, die den Film nicht mag.
Im Kino stellte ich dann fest, dass ich mir das Original nicht hätte ansehen müssen. Fuqua drehte kein mehr oder weniger werkgetreues Remake von „Die glorreichen Sieben“ (1960). Seine „glorreichen Sieben“ sind bestenfalls eine sehr freie Neuinterpretation, die weiter von dem Original entfernt ist, als einige der unzähligen Fortsetzungen und Rip-Offs, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden. Bis auf einige fast schon willkürlich eingestreute Zitate, die man erkennt, wenn man kurz vorher das Original gesehen hat, und Elmer Bernsteins klassisches Filmthema, das erstmals während des Abspanns erklingt, hat Fuquas Film nichts mit Sturges‘ Film zu tun. Sein Film ist ein wie ein Großstadtthriller inszenierter Western mit viel Action und einer ordentlichen Portion Robert B. Parker, der mit seinen auch verfilmten Virgil-Cole-und-Everett-Hitch-Romanen ja einige Western schrieb, in denen zwei Gesetzeshüter ordentlich in gesetzlosen Orten aufräumen (und der echte Parker-Fan hat vielleicht auch „Potshot“, die noch nicht übersetzte Spenser-Version der glorreichen Sieben, gelesen).
Die Filmgeschichte – sieben Gesetzlose helfen einem Dorf gegen einen übermächtigen Bösewicht – wurde, wenn man sie auf einen Satz verkürzt, übernommen. Außerdem klaute Sturges die Geschichte von Akira Kurosawa. Er erzählte sie in „Die sieben Samurai“, einem grandiosen Film, der seinen Klassikerstatus zu recht hat und immer noch beeindruckt. Vor allem wenn man den Film auf der großen Leinwand sehen kann.
Anführer der siebenköpfigen Gruppe ist in Fuquas Ensemblefilm Sam Chisolm (Denzel Washington). Er ist ein Gesetzeshüter, der immer wieder betont, dass er „a duty sworn warrant officer from Wichita, Kansas and a licensed peace officer in Arkansas,Indian Territory, Nebraska, and seven other states“ ist. Als er 1879 von der Witwe Emma Cullen (Haley Bennett) gebeten wird, in Rose Creek gegen Barholomew Bogue (Peters Sarsgaard) vorzugehen, ist er einverstanden. Bogue ist der Besitzer der örtlichen Mine, er unterdrückt die Bevölkerung, seine Minenarbeiter und die ehrlichen Bauern, und er ermordete Cullens gottesfürchtigen Mann auf offener Straße.
Chisolm sucht sich eine Gruppe tapferer, mehr oder weniger gesetzloser Revolvermänner zusammen, die er teilweise von früher kennt und die alle ziemlich eindrucksvolle Charaktere sind: Josh Farraday (Chris Pratt), Goodnight Robicheaux (Ethan Hawke), Jack Horne (Vincent D’Onofrio, kaum erkennbar und mit bärigem Kampfstil), Billy Rocks (Byung-Hun Lee), Vasquez (Manuel Garcia-Rulfo) und der Komantsche Red Harvest (Martin Sensmeier).
Nachdem die extrem multikulturelle Männertruppe in Rose Creek eintrifft, kommt es kurz darauf zur epischen Schlacht zwischen ihnen und Bogue, auf die wir Zuschauer von Anfang an gewartet haben. Und wir werden nicht enttäuscht.
Jedenfalls wenn wir einen ordentlichen Western wollen. Gerne mit einigen nie besonders vertieften Bezügen zur Gegenwart.
Und jetzt will ich mir mal wieder Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ ansehen. Den fand ich schon beim ersten Ansehen grandios.
Die glorreichen Sieben (The Magnificent Seven, USA 2016)
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Richard Wenk, Nic Pizzolatto (basierend auf dem Drehbuch von Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto und Hideo Oguni)
mit Denzel Washington, Chris Pratt, Ethan Hawke, Vincent D’Onofrio, Byung-hun Lee, Manuel Garcia-Rulfo, Martin Sensmeier, Haley Bennett, Peter Sarsgaard, Luke Grimes, Matt Bomer
Bei uns ist Edward Snowden ein Held, der die globale Überwachung der NSA öffentlich machte. Seitdem versucht ein Untersuchungsausschuss des Bundestages herauszufinden, wie sehr die NSA Deutsche überwacht und wie sehr der Bundesnachrichtendienst darin verwickelt ist.
In den USA ist dagegen die Meinung über ihn tief gespalten zwischen tapferer Whistleblower und feigem Landesverräter. Die Geheimdienste versuchen immer wieder ihn zu diskreditieren. Die Regierung und Konservative würden ihn am liebsten bis ans Ende der Welt in einen Kerker werfen; wenn sie nicht gerade behaupten, Snowden habe nichts verraten, was die nationale Sicherheit gefährde oder ihn gleich zu einem russischen Spion erklären.
Denn seit dem 23. Juni 2013 lebt Edward Snowden in Moskau. Nicht weil er es so plante, sondern weil sein Pass auf der Flugreise nach Südamerika von der USA für ungültig erklärt wurde. Seitdem verhandelt er, mit der Hilfe mehrerer Anwälte, über seine Rückkehr in die USA, die derzeit immer noch utopisch erscheint. Im besten Fall droht ihm eine unglaublich lange Haftstrafe. Die Todesstrafe ist auch möglich. Ein fairer Prozess sehr unwahrscheinlich.
In dieses Klima, während in den USA bekannte Bürgerrechtsorganisationen und Bürgerrechtler die an Präsident Barack Obama gerichtete Begnadigungskampagne „Pardon Snowden“, startet Oliver Stones neuer Film „Snowden“ dort und hier in den Kinos. Er erzählt im wesentlichen einfach noch einmal die bereits aus Büchern und Laura Poitras‘ Dokumentarfilm „Citizenfour“ bekannte Geschichte noch einmal. Allerdings erstaunlich konventionell. Der Film wirkt fast so, als habe Stone ein mildes Alterswerk und keine weitere, von Wut getriebene Abrechnung und Anklage der USA inszenieren wollen. „Snowden“ ist das Gegenteil zu dem aus „Natural Born Killers“ bekanntem visuellen und akustischen Overkill. Es ist ein Film, der die Konservativen und die Gegner und Feinde von Edward Snowden überzeugen will, dass der Geheimnisverräter aus lauteren Motiven handelte, dass er ein Patriot ist, der für die US-amerikanischen Werte kämpft und mit seiner Tat eine Diskussion über den Wert der Privatsphäre und die Macht der Regierung anstoßen wollte.
Das ist ehrenwert und „Snowden“ ist auch ein sehenswerter Film, der ausgehend von dem Treffen in dem Hotel in Hongkong im Juni 2013, wo Dokumentarfilmerin Laura Poitras (gespielt von Melissa Leo, die älter als Poitras ist und auf noch älter geschminkt wurde) und „The Guardian“-Kolumnist Glenn Greenwald (Zachary Quinto, verblüffend ähnlich) Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt, dito) treffen und er ihnen sein Leben erzählt und die Beweise für die globale NSA-Überwachung übergibt.
Dieses zehntägige Gespräch, das wir aus „Citizenfour“ kennen, liefert den Rahmen für die Rückblenden, in denen Snowden sein Leben erzählt und so langsam in die globale Überwachungsmaschine des US-Geheimdienstes nach 9/11 einführt.
Vor allem in der ersten Hälfte wird diese Welt und Snowdens immer stärker werdende Gewissenskonflikte lehrbuchhaft geschildert. Es beginnt mit seinen wenigen Tagen beim Militär. Nach einer Verletzung während der Ausbildung wird der brillentragende Bürohengst als dienstunfähig ausgemustert. Snowden, der ebenso glühende, wie naive Patriot, ist, weil er seinem Land nicht mehr dienen kann, verzweifelt. Da erhält er das Angebot, beim Geheimdienst an der vordersten Front der Landesverteidigung mitzumachen. Wegen seiner überragenden Computerkenntnisse fördert ihn sein Mentor Corbin O’Brian (Rhys Ifans), er trifft Hank Forrester (Nicolas Cage in einer seiner zahlreichen Kleinstrollen), der als im Ausbildungslager kaltgestelltes Computergenie eine ältere Version von Snowden ist. Und Snowden verliebt sich in Lindsay Mills (Shailene Woodley) eine Linke, die ihn auf eine Antikriegsdemo mitnimmt.
Diese Beziehung rückt in der zweiten Hälfte des Films, wenn Snowden in Tokio, Maryland und Hawaii arbeitet, immer mehr in den Mittelpunkt, ohne die Geschichte wirklich voran zu bringen. Im Gegenteil: Lindsay wird immer mehr zum typischen Heimchen am Herd mit Anwandlungen von Weinerlichkeit und einem Gottvertrauen in die US-Regierung, das sie bei ihrer ersten Begegnung mit Snowden nicht hatte.
Neben ihr hat Snowden, außer einigen austauschbaren Arbeitsbeziehungen, keine Freunde und keine Bekannten. Auch seine Eltern und seine ältere Schwester tauchen in „Snowden“ nicht auf. Snowden, der in die Produktion involviert und das Drehbuch vor dem Dreh las, bleibt in dem über zweistündigem Film ein Mensch ohne eine Familie und ohne soziale Beziehungen. Er ist der Mensch, den wir in „Citizenfour“ kennen lernten und der seitdem als öffentliche Person seine Auftritte in den Medien (und in „Snowden“) hat. Dabei hätte gerade ein Blick auf seine Familie einen neuen Blick auf ihn eröffnen können. Auch ein Blick auf seine Zeit in Moskau und der öffentlich ausgetragene Kampf um die Interpretation der von ihm veröffentlichten Dokumente hätten einen neuen Blick auf Snwoden eröffnen können.
So ist „Snowden“ für alle, die „Citizenfour“ kennen, nur ein Reenactment des mit dem Dokumentarfilmoscar ausgezeichneten und sehr sehenswerten Films. Stones Film endet allerdings, abgesehen von dem Epilog, in Hongkong. Poitras erzählte in „Citizenfour“ die Geschichte noch etwas weiter.
Obwohl Stone der bekannten Geschichte keine neuen Aspekte abgewinnt (und auch nicht abgewinnen will), ist „Snowden“ dank der Besetzung und der guten Kameraarbeit (eigentlich sehen wir nur sprechende Köpfe in Innenräumen) sehenswert. In einigen Jahren wird „Snowden“ als Film, der den Moment, in dem sich die Diskussion über die globale Überwachung radikal änderte, sogar noch wichtiger werden. Denn selbstverständlich wird der Spielfilm öfter und zu besseren Zeiten im Fernsehen gezeigt werden als der Dokumentarfilm.
Für den Moment liefert Oliver Stone gut gemachtes politisches Aufklärungskino mit leicht angezogener Handbremse, das vor allem zu einer Rehabilitierung und Begnadigung von Edward Snowden in den USA führen soll.
Snowden (Snowden, USA/Deutschland 2016)
Regie: Oliver Stone
Drehbuch: Oliver Stone, Kieran Fitzgerald
LV: Anatoli Kutscherena: Time of the Octopus, ?; Luke Harding: The Snowden Files: The Inside Story of the World’s Most Wanted Man, 2014 (Edward Snowden: Geschichte einer Weltaffäre)
mit Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Nicolas Cage, Zachary Quinto, Tom Wilkinson, Rhys Ifans, Scott Eastwood, Joely Richardson, Timothy Olyphant, Ben Schnetzer
Wenn 1958 nicht ein Affe ins All geschossen worden wäre, wären Frank Corvin und sein Team die ersten Lebewesen im All gewesen. Jetzt droht ein russischer Satellit (ausgestattet mit geklauter Ami-Technik) abzustürzen und nur Corvin und seine Jungs kennen noch die alte Technik. Sie sollen nun die jungen Spunde beraten, aber das hindert Corvin und die anderen nicht daran, mit allen Mitteln zu versuchen, endlich ihren Jugendtraum vom Weltraumflug zu verwirklichen.
Köstlich entspannte Komödie von Clint Eastwood mit einer All-Star-Besetzung,
mit Clint Eastwood, Tommy Lee Jones, James Garner, Donald Sutherland, James Cromwell, Marcia Gay Harden, William Devane, Courtney B. Vance, Rade Serbedzija, Jay Leno (als er selbst)
Mit zwei weiteren „Western Legenden“ erfreut Koch Media das Herz des Western-Fans, auch wenn „Auf verlorenem Posten“ (USA 1953) und „California“ (USA 1946) weitgehend unauffällige, aber gut gemachte und unterhaltsame Standardwestern sind.
„California“ beginnt wie ein klassischer „Der große Treck“-Western, ehe er über den Goldrausch in Kalifornien in politischen Gewässern landet, indem er den Wahlkampf über die Frage, ob Kalifornien ein Teil der Vereinigten Staaten von Amerika werden soll, in den Mittelpunkt stellt. Wenn Kalifornien ein Teil der USA würde, würde der herrlich gesetzlose Zustand enden, der auch seine Verfechter hat.
Im Mittelpunkt dieser eher lose zusammengeknüpften Geschichte stehen Johnny Trumbo (Ray Milland), ein Deserteur, der den Siedlertreck in Richtung Kalifornien führen sollte, Michael Fabian (Barry Fitzgerald), der schon während des Trecks der weiße alte Mann war und danach zunächst widerwillig für den Anschluss Kaliforniens an die USA kämpft, Pharaoh Coffin (George Coulouris), der Bösewicht des Films, der sein gesetzloses Imperium gerne weiter aufrecht erhalten möchte, und Lily Bishop (Barbara Stanwyck), eine professionelle Pokerspielerin und Dame aus dem Vergnügungsmilieu, in die Trumbo und Coffin verliebt sind. Insofern ist die eher mühsam mitgeschleppte Liebesgeschichte der rote Faden des bunten Western, der, abgesehen von Indianern, von allem etwas bietet. John Farrow („Spiel mit dem Tode“, „Man nennt mich Hondo“) inszenierte ihn, abgesehen von einigen Einstellungen, ohne große Ambitionen, aber gerade am Anfang, wenn man den großen Siedlertreck langsam durch das Bild ziehen sieht, freut man sich über den betriebenen Aufwand.
„Auf verlorenem Posten“ von George Sherman („Gegen alle Flaggen“, „Big Jake“) ist eine schamlose „Mein großer Freund Shane“-Kopie für Kinder, erzählt aus der Sicht von Joshua (Jimmy Hunt), dem Sohn von Zachary Hallock (Joel McCrea), der als Farmer nach Timberline kommt. Die Gegend wird seit Längerem von den Varden-Brüdern terrorisiert und alle Pinkerton-Detektive, die etwas dagegen tun wollten, wurden schnell erschossen.
Hallock will sich nicht einmischen, sondern nur seinen gerade erworbenen Acker bestellen und für Joshua ein guter Vater sein. Aber die Zeiten sind nicht so. Die Ersparnisse sind schnell aufgebraucht und Zachary will die schöne Nachbarin Sarah (Barbara Hale) heiraten. Allerdings erst, wenn er genug Geld für den Unterhalt hat. Also nimmt er das Angebot der Varden-Brüder an, bei einem Überfall mitzumachen. Weil Shane das niemals getan hätte und Zachary über das ehrlose Treiben seines Vaters todunglücklich ist, sorgt dieser plötzliche Wandel des edlen Vaters zum gemeinen Verbrecher für kurzzeitige Irritationen.
Nach dem Überfall hat Zachary zwar viel Geld, aber den großen, im Hintergrund agierenden Planer der Überfälle kennt er nicht.
Als schmissig erzählter Kinderfilm mit einem Hund (niedlich), einem Kind (niedlich), Pferden (weil Western) und ohne einen tiefer gehenden Anspruch unterhält „Auf verlorenem Posten“ gut über seine kurze Laufzeit von 76 Minuten. Denn man muss wirklich kein Genie sein, um die beiden großen Enttarnungen am Filmende zu erahnen.
Und James Arness, der kurz darauf als Marshal Matt Dillon in der äußerst langlebigen TV-Serie „Rauchende Colts“ (1955 – 1975; und danach noch einige TV-Specials) weltbekannt wurde, spielt hier beeindruckend einen der Varden-Brüder.
California (California, USA 1946)
Regie: John Farrow
Drehbuch: Frank Butler, Theodore Strauss (nach einer Geschichte von Boris Ingster)
mit Ray Milland, Barbara Stanwyck, Barry Fitzgerald, George Coulouris, Albert Dekker, Anthony Quinn
GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia (USA 1990, Regie: Martin Scorsese)
Drehbuch: Martin Scorsese, Nicholas Pileggi
LV: Nicholas Pileggi: Wiseguy, 1985 (Der Mob von innen)
Preisgekrönter und mitreisender Gangsterfilm über das Leben des Mafia-Aussteigers Henry Hill zwischen 1955 und 1980 in New York.
Bei Scorsese sind Gangster die Kehrseite des amerikanischen Traums und die Mafia keine ehrenwerte Gesellschaft, sondern eine Ansammlung von Killern, Schlägern und Betrügern.
mit Robert De Niro, Joe Pesci (Oscar als bester Nebendarsteller), Ray Liotta, Lorraine Bracco, Paul Sorvino
Tatort: A gmahde Wiesn (Deutschland 2007, Regie: Martin Enlen)
Drehbuch: Friedrich Ani
Buch zum Film: Martin Schüller: A gmahde Wiesen, 2009
Kurz vor dem Oktoberfest wird der einflussreiche Stadtrat Hubert Serner umgebracht. Die Kommissare Leitmayr, Batic und Menzinger können sich vor Verdächtigen kaum retten. Denn ohne Serner ging nichts bei der Vergabe der Wies’n-Standplätze und die Zahl seiner Ehemaligen ist immens.
Guter Tatort mit dem zuverlässigen Münchner Team, das uns dieses Mal in die schmutzigen Hinterhöfe des Oktoberfestes entführt.
Mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Michael Fitz, Monika Baumgartner, Franziska Schlattner
Kate O’Hare und Nick Fox sind zurück. Dieses Mal sollen sie einen skrupellosen Geldwäscher überführen. Allerdings ist Fox kein Polizist, sondern ein international gesuchter Trickbetrüger, der vom FBI erpresst wird, Verbrecher zu jagen, weil bestimmte Aufgaben besser außerhalb der normalen Dienstvorschriften erledigt werden können. Sein Aufpasser ist Kate O’Hare, eine FBI-Agentin, die ihn jahrelang fanatisch verfolgte und daher entsprechend gut kennt.
Gut, diese Figurenkonstellation ist nicht unbedingt neu. Die TV-Serie „Ihr Auftritt, Al Mundy!“ ist die Blaupause für die von Janet Evanovich und Lee Goldberg geschriebene Serie. „Remington Steele“ wilderte in ähnlichen Gewässern. Denn selbstverständlich verlieben sich Kate und Nick ineinander und Janet Evanovich, die Erfinderin von Stephanie Plum, und Lee Goldberg, der Autor der „Monk“-Romane, schlagen bei ihren gemeinsamen Erzählungen einen leichten und humorvollen Ton an, der an die genannten TV-Serien (und einige andere) erinnert. „Schüsse, die von Herzen kommen“ ist, neben zwei kürzeren Erzählungen, ihr vierter gemeinsamer O’Hare/Fox-Roman, der sich nicht wesentlich von den vorherigen Romanen unterscheidet.
Es gibt auch einige wiederkehrende Charaktere, wie Kates Vater Jake, der, als Ex-CIA-Agent mit Kampferfahrung an den entlegendsten Orten, nichts gegen den Einsatz von Schusswaffen und Sprengstoff hat, Kates Schwester und Schauspieler und Verbrecher, die Kate und Nick gerne helfen. Gegen Honorar, aber auch wegen der Freundschaft und des Spaßes, den sie bei den gemeinsam durchgeführten Betrügereien haben.
Auch bei ihrem Einsatz gegen den Casino-Magnaten Evan Trace brauchen sie Hilfe, um ihren groß angelegten Schwindel durchzuziehen. Trace, der mehrere Spielcasinos besitzt, betreibt vor allem sein Casino in Macau als Geldwäsche-Dienstleistungsunternehmen für Verbrecherbanden, internationale Terroristen und sonstige Bösewichter.
„Schüsse, die von Herzen kommen“ ist wie die vorherigen Romane flott erzählt und es gibt zahlreiche Anspielungen auf Hollywood, das Filmbusiness und James Bond. So empfiehlt sich Trace schon mit seinem Büro in Las Vegas und Macau (gleiche Ausstattung, regional angepasste Gemälde), in dem es ein Becken mit Piranhas und eine darüber führenden Brücke gibt, als Bond-Schurke. Diese Anspielungen rechne ich, weil ich ein größerer Lee-Goldberg- als Janet-Evanovich-Fan bin, Goldberg zu. Er ist auch Hollywood-Drehbuchautor und bekennender James-Bond-Fan.
Das rundum gelungene Vergnügen wird nur durch das Ende getrübt. Denn „Schüsse, die von Herzen kommen“ endet mit einem dieser Cliffhanger, die es inzwischen in jeder TV-Serie gibt und die uns zum Einschalten der nächsten Folge (seltener) oder nächsten Staffel (öfter) animieren soll.
Dabei würde ich das nächste Abenteuer von Kate und Nick auch ohne diesen Cliffhanger lesen wollen.
P. S.: Einige der durchweg lesenswerten fünfzehn „Monk“-Romane von Lee Goldberg, in denen er eigenständige und brandneue Fälle mit Detektiv Adrian Monk erzählte und ihn auch in Deutschland ermitteln ließ, wurden ins Deutsche übersetzt. Inzwischen sind sie nicht mehr erhältlich, aber im Gegensatz zu den meisten gebrauchten Büchern, die bei Amazon für einen symbolischen Cent angeboten werden, werden die „Monk“-Romane dort zu bemerkenswert hohen Preisen von gut vier Euro bis gut dreißig Euro angeboten. Da scheint eine Nachfrage vorhanden zu sein.
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Janet Evanovich/Lee Goldberg: Schüsse, die von Herzen kommen – Ein Fall für Kate O’Hare
Kapstadt: im Botanischen Garten wird die bestialisch zugerichtete Leiche einer jungen, zur oberen Gesellschaftsschicht gehörenden Frau gefunden. Polizeichef Ali Sokhela und seine Mitarbeiter stoßen bei ihren Ermittlungen auf ein Komplott, das bis in die Zeit der Apartheid zurückreicht.
Toller, von wahren Ereignissen inspirierter Polit-Thriller, grandios besetzt, vor Ort gedreht und von „Largo Winch“-Regisseur Jérôme Salle straff erzählt.
Schach im Fernsehen? Heute gibt es so etwas vielleicht in irgendeinem Sportkanal, der halt sein Programm füllen muss. Früher war Schach auch nicht das Material für die samstägliche Sportschau. Aber 1972 gab es das Schachduell zwischen Bobby Fischer und Boris Spassky, das auch im Fernsehen übertragen wurde und eine weltweite Schachbegeisterung auslöste.
„Bauernopfer – Spiel der Könige“ von Edward Zwick („Blood Diamond“), nach einem straffen Drehbuch von Steven Knight („Eastern Promises“, „Madama Mallory und der Duft von Curry“), erzählt jetzt, nah an den Fakten, die Geschichte von diesem Schachduell, das auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, auch ein Kampf der Systeme war. Und es ist ein Biopic über Bobby Fischer (1943 – 2008), das sich auf die 1972er Schach-Weltmeisterschaft in Reykjavik, Island, und die Jahre davor konzentriert. Das spätere Leben von Bobby Fischer, das, höflich formuliert, nicht unproblematisch war, wird dann in einigen Texttafeln abgehandelt, während wir Bobby Fischer auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn verlassen.
Bis dahin erleben wir einen spannenden Film über einen hochintelligenten Menschen, der schon früh ein erfolgreicher Schachspieler war und der sein ganzes Leben auf das Spiel konzentrierte, weshalb er auch gegen jede Ablenkung, egal ob echt oder nur gefühlt, harsch vorging. Schon in den Sechzigern war er in den USA als Schachgenie bekannt. Seine Anti-Establishment-Haltung half. Er wird, nachdem seine Mutter als Teil der jüdisch-kommunistischen Gemeinschaft in Brooklyn in den Fünfzigern vom FBI überwacht wurde, zunehmend paranoid. Er fühlt sich ständig beobachtet. Er fühlt sich von Kameras, die damals lauter als heute waren, und dem Publikum in seiner Konzentration gestört und er setzte bei den Turnieren seine Wünsche nach Ruhe und einer entsprechenden Gestaltung der Räume gnadenlos durch.
Gleichzeitig wird das Spiel und die 1972er Schach-Weltmeister zu einem Duell der Systeme hochgejazzt. So als könnte der Kalte Krieg am Schachbrett besiegt werden (Sylvester Stallone tat es einige Jahre später in „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“ im Boxring). Damals war Fischer gut genug, um die jahrzehntelange Dominanz der Sowjetunion im Schach brechen zu können. Außerdem waren, nach einem erzürnten Artikel von Fischer, die Regeln, die von der Sowjetunion zu ihrem Vorteil ausgelegt wurden, geändert worden. Jetzt hatte Fischer eine Chance, den Titel zu gewinnen.
Edward Zwick inszenierte diese Geschichte als Schauspielerkino, das sich auf das Drehbuch und sein Ensemble verlässt. „Spider Man“ Tobey Maguire überzeugt als zunehmend paranoides Schachgenie Bobby Fischer. Liev Schreiber als von der Sowjetunion geförderter Schachspieler Boris Spassky, der am Schachbrett die Überlegenheit des Kommunismus demonstrieren soll, ist ein ebenbürtiger Gegner, der fast während des gesamten Film nichts sagt. Gerade dadurch wirkt er noch bedrohlicher.
Am Ende der faszinierenden Charakterstudie hat man zwar nichts gelernt, was einem beim nächsten Schachspiel hilft (soweit man überhaupt die Bedeutung der Schachfiguren kennt), aber man hat einen ebenso spannenden, wie lehrreichen Ausflug in die Vergangenheit gemacht, als jeder wusste, wer die Guten und wer die Bösen sind.
Die DVD-Ausgabe enthält, wie die Blu-ray, als Bonusmaterial lediglich ein dreiminütiges 08/15-Werbebeaturette. Für ein Biopic ist das arg wenig. Denn neben dem normalen Making-of zum Film hätte sich natürlich auch eine Doku zu den wahren Hintergründen angeboten.
„Bauernopfer – Spiel der Könige“ ist ein Topfilm.
Bauernopfer – Spiel der Könige(Pawn Sacrifice, USA 2014)
Regie: Edward Zwick
Drehbuch: Steven Knight
mit Tobey Maguire, Liev Schreiber, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg, Edward Zinoviev, Alexandre Gorchkov, Lily Rabe, Robin Weigert, Seamus Davey-Fitzpatrick, Aiden Lovekamp, Sophie Nelisse
Der Mann, der Liberty Valance erschoss (USA 1962, Regie: John Ford)
Drehbuch: James Warner Bellah, Willis Goldbeck
LV: Dorothy M. Johnson: The Man, who shot Liberty Valence, 1953 (Kurzgeschichte, erschienen in „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“)
Als junger Anwalt kam Senator Ransom Stoddard nach Shinbone, einer kleinen Stadt im Wilden Westen, die von Liberty Valance, dem skrupellosen Handlanger der örtlichen Viehzüchter, denen Recht und Gesetz egal ist, beherrscht wird. Stoddard will das ändern.
Western-Klassiker und einer von John Fords schönsten Filmen.
Als Diaphanes vor zwei Jahren in seiner kurzlebigen „Penser Pulp“-Reihe „2/14“ (The Dewey Decimal System, 2011) veröffentlichte, freuten sich die Krimifans über einen ungewöhnlichen Helden, der in einem dystopischen New York als; – ja als was eigentlich? – , arbeitete. Dewey Decimal war Soldat. Vor einiger Zeit, am Valentinstag (bzw. 2/14), gab es eine Katastrophe, die die Bevölkerung New Yorks ziemlich dezimierte und die Welt in irgendein Mittelalter zurückbombte. Seitdem sortiert Dewey Decimal in der New York Public Library die Bücher systematisch. Sein jetziger Name Dewey Decimal basiert auf diesem Sortiersystem. Außerdem desinfiziert er sich alle paar Sekunden die Hände, trägt meistens OP-Handschuhe und einen Mundschutz und wechselt ständig seine Anzüge.
In „2/14“ soll er im Auftrag des nicht gewählten District Attorney von New York, Daniel Rosenblatt, einen ukrainischen Mafiosi töten.
Das bewegte sich noch, auch weil eine Femme Fatale im Spiel ist, im vertrauten Hardboiled-Fahrwasser. In einer dystopischen Welt, über die man mehr erfahren will. Erzählt von einem Ich-Erzähler, dessen mehr oder weniger zuverlässigen Erinnerungen bruchstückhaft, lückenhaft und implantiert sind.
In „Boogie Man“, dem zweiten Band, der noch bei Diaphanes erschien, und „Zero One Dewey“, dem Abschluss der Trilogie, der jetzt bei polar erschien, erzählt Nathan Larson die Geschichte von Dewey Decimal weiter.
In „Boogie Man“ entdeckt Dewey im verwaisten Büro von DA Daniel Rosenblatt eine Akte in der es Beweise für die Involvierung des erzkonservativen, die traditionellen Familienwerte und die Bibel hochhaltenden US-Senators Clarence Howard an dem Mord an einer koreanischen Prostituierten vor zwanzig Jahren gibt. Schnell entwickelt sich eine wilde Hatz, weil mehrere Parteien die Akte über den alten Mordfall haben wollen.
In „Zero One Dewey“ soll Dewey im Auftrag von Senator Howard zwei junge Mitglieder des saudischen Königshauses, Bruder und Schwester, beschützen. Auch hier entwickelt sich schnell eine wilde Hatz. Dieses Mal unter besonderer Beachtung der Kanalisation der entvölkerten Millionenstadt.
Neben diesem Hauptplot erfahren wir auch einige Hintergründe über das Valentinstag-Katastrophe und über Deweys Beteiligung daran. Allerdings gibt es keine groß angelegte, detaillierte Aufklärung darüber, sondern nur Splitter und Teile einer Erklärung, die durch Deweys zunehmenden Gedächtnislücken noch rudimentärer geraten.
Auch der Hauptplot gestaltet sich in „Boogie Man“ und „Zero One Dewey“ zunehmend rudimentärer und auch flacher. Beide Male rennt Dewey durch die Stadt, wird gejagt, zusammengeschlagen und kämpft um sein Überleben, während Erklärungen immer spartanischer ausfallen. So erfahren wir nicht, warum in „Boogie Man“ die Akte über den zwanzig Jahre alten Mord so wichtig ist. In „Zero One Dewey“ warum die beiden Schutzbefohlenen sterben sollen. Daran ändern auch die eingestreuten Erklärungen, die ebenso kompliziert, wie halbherzig und nebulös sind, nichts.
Das mindert das Lesevergnügen ungemein. Am Ende ist die schwarzhumorige Dewey-Decimal-Trilogie eine Trilogie, die nach einem überzeugendem Anfang zunehmend schwächer wird. Das liegt auch an der Idee, die Geschichte von einer Person erzählen zu lassen, die zu einem zunehmend unzuverlässigem Erzähler wird, der niemals auch nur einen kleinen Teil des Spielbrettes und des Spiels, über das man mehr erfahren möchte, überblickt.
Der achte Fall der Kommissare Schimanski und Thanner führt sie in die Welt des Fußballs. Nach einem Spiel wird die Leiche von Antonio im Stadion gefunden. Während Thanner die Stadionbeschäftigten verhört, geht Schimanski undercover in den Fanclub.
Und bei einem der Fußballfans (Dietmar Bär) bewirkte Schimanski wahre Resozialisierungswunder.
Die Musik ist von Spliff.
mit Götz George, Eberhard Feik, Chiem van Houweninge, Ulrich Matschoss, Cerhard Olschweski, Brigitte Janner, Despina Pajanou, Dietmar Bär
Der vierzehnjährige Maik Klingenberg hat seine Sommerferien nicht mit seinen Eltern verbracht. Seine Mutter, eine Alkoholikerin, war auf Entziehungskur und sein Vater mit seiner Assistentin auf Geschäftsreise. Maik hatte das ganze Haus in Marzahn für sich, aber sein neuer Klassenkamerad Andreij ‚Tschick‘ Tschichatschow, ein russischer Spätaussiedler mit extrem uncoolen Klamotten, kommt bei ihm mit einem ausgeliehenen Lada (jaja, geklaut) vorbei. Gemeinsam beschließen die beiden Outsider, die nicht zur Geburtstagsfeier der Klassenschönheit eingeladen wurden, Ostberlin in Richtung Walachei, wo auch immer das ist, zu verlassen.
Als vor sechs Jahren Wolfgang Herrndorfs Jugendbuch „Tschick“ erschien, war es ein Überraschungserfolg, der in Deutschland über 2,2 Millionen mal verkauft wurde, etliche Preise erhielt, in über 25 Ländern veröffentlicht wurde und die Grundlage für ein Theaterstück war. In der Theatersaison 2014/15 war es das meistgespielte Stück auf deutschen Bühnen. Da war, auch weil Herrndorf ein großer Filmfan war (er starb 2013) und „Tschick“ sehr filmisch geschrieben ist, eine Verfilmung nur eine Frage der Zeit.
Fatih Akin, der das Buch schon länger verfilmen wollte, übernahm kurzfristig, nachdem der ursprüngliche Regisseur David Wnendt absagen musste, die Regie. Mit Lars Hubrich, der mit Herrndorf befreundet war und dessen Wunschdrehbuchautor war, überarbeitete er Hubrichs ursprüngliche Fassung. Hark Bohm, der in den Siebzigern mit „Nordsee ist Mordsee“ und „Moritz, lieber Moritz“ zwei der unumstrittenen Klassiker des Jugendfilms inszenierte, wurde als Koautor hinzugezogen. Akin hatte sogar die Idee, dass Bohm den Film inszenieren sollte. Herrndorf erwähnte in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ öfter „Nordsee ist Mordsee“ und der Einfluss des heute viel zu unbekannten Films über zwei Hamburger Jungs, einer Deutscher, einer Asiate, die in Wilhelmsburg leben, ein kaum fahrtüchtiges Boot bauen und Richtung Nordsee fahren, ist schon im Roman offensichtlich.
Wobei bei „Tschick“ nicht die Vorbereitung der Fahrt, sondern die Erlebnisse von Maik und Tschick bei ihrer Fahrt durch Ostdeutschland im Mittelpunkt stehen.
Akin erzählt das dann auf Augenhöhe mit den jugendlichen Protagonisten, die beim Dreh dreizehn Jahre alt waren. Als Coming-of-Age-Film steht „Tschick“ dabei in der Tradition von realistischen Jugendfilmen, wie beispielsweise die Stephen-King-Verfilmung „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“. Es ist, obwohl er in der Gegenwart spielt, ein nostalgischer Film, der sich erkennbar auf diese älteren Filme bezieht und der nichts mit den derzeit erfolgreichen Young-Adult-Dystopien zu tun hat. Entsprechend zurückhaltend und auch konservativ, auf altmodische Erzähltugenden achtend, erzählt Akin die Geschichte.
Außerdem gelingt es Fatih Akin, Richard Claydermans ziemlich unerträgliche „Ballade pour Adeline“ im Film mehrmals, ausführlich so einzusetzen, dass sie nicht nur erträglich, sondern sogar passend und berührend ist.
„Tschick“ ist allerdings auch ein Film, der immer wie der gut ausgeleuchtete, fein austarierte, pädagogisch wertvolle Fernsehfilm der Woche wirkt und nie das Gefühl des Aufbruchs, wie „Easy Rider“, oder der Flucht aus beengten Verhältnissen, wie „Nordsee ist Mordsee“, vermittelt. Maik und Tschick, über den wir fast nichts erfahren, sind zwei Mittelstandsjungs, die einfach einen längeren Ausflug unternehmen. Sie protestieren nicht gegen ihre Eltern oder die Gesellschaft. Sie finden sie eigentlich ziemlich in Ordnung. Sogar die Ungewissheiten der Pubertät, die Teenage Angst, die wir aus US-Filmen kennen, und Maiks unerwiderte Liebe in eine Klassenkameradin werden ohne große Gefühlsausbrüche behandelt. Ein Verharren in gut- und kleinbürgerlichen Verhältnissen, aus denen man nicht flüchten will, weil man sich eigentlich schon ganz gut in ihnen eingerichtet hat, bestimmt den Film. Insofern hat Akins Jugendfilm „Tschick“ schon etwas von einem Alterswerk, während sein „Gegen die Wand“ von jugendlicher Energie vibrierte.
Aber vielleicht sehen Jugendliche das anders. Vielleicht sind sie von „Tschick“ so begeistert, wie ich es als Jugendlicher von „Nordsee ist Mordsee“, „Moritz, lieber Moritz“ und „Easy Rider“ war.
P. S.: Trivia: Uwe Bohm, der in „Tschick“ den Vater von Maik spielt, war in „Nordsee ist Mordsee“ einer der beiden jugendlichen Ausreißer.
Tschick (Deutschland 2016)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm (Koautor)
LV: Wolfgang Herrndorf: Tschick, 2010
mit Tristan Göbel, Anan Batbileg, Mercedes Müller, Anja Schneider, Uwe Bohm, Udo Samel, Claudia Geisler-Bading, Alexander Scheer, Marc Hosemann, Friederike Kempter
Länge: 93 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
zum Filmstart mit einem neuen Cover und einem Anhang zum Film. Auf 18 Seiten gibt es Bilder, Statements von Fatih Akin und Michael Töteberg schreibt über Wolfgang Herrndorf im Kino.
Wolfgang Herrndorf: Tschick
rororo, 2016
272 Seiten
9,99 Euro
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Das Drehbuch
selten, sehr selten wird auch das Drehbuch veröffentlicht. In diesem Fall sogar mit einem kurzen, aber informativen Interview mit Fatih Akin
Lars Hubrich: Tschick – Das Drehbuch
Rowohlt E-Book
60 Seiten(Verlagsangabe, mein E-Book-Reader sagt 112 Seiten und den Rest regelt das individuelle Größenbedürfnis)