Der Kuss vor dem Tode (USA 1991, Regie: James Dearden)
Drehbuch: James Dearden
LV: Ira Levin: A kiss before dying, 1953 (Kuss vor dem Tode)
Student Jonathan hat wenig Geld, aber den unbedingten Willen zu Macht und Reichtum. Dafür geht er über Leichen. Nur die schöne Zwillingsschwester Ellen ahnt etwas.
Nettes Remake.
Mit Matt Dillon, Sean Young, Max von Sydow, James Russo
Felix van Groeningens vorheriger Film „The Broken Circle“ wurde mit Preisen überhäuft; vom Berlinale Publikumspreis (Lokalpatriotismus) über den César als bester ausländischer Film und Nominierungen für den Europäischen Filmpreis bis zur Oscar-Nominierung als bester ausländischer Film. Und im Kino lief er auch ganz gut.
Sein neuester Film „Café Belgica“ ist keine stupide Wiederholung des Erfolgs von „The Broken Circle“, aber auch nicht der komplette Gegenentwurf. Im Zentrum des Films steht das titelgebende „Café Belgica“, eine versifft-gemütliche Kneipe mit viel Musik, auch live, netten Bedienungen und einem netten Publikum, wie es sich für eine ultimative links-alternative Studentenkneipe gehört. Betrieben wird sie von dem Mittzwanziger Jo (Stef Aerts), der nur auf einem Auge sehen kann, etwas schüchtern und vernünftig ist.
Eines Tages taucht sein älterer Bruder Frank (Tom Vermeir, das Leinwanddebüt des Sängers und Gitarristen der Indie-Band „A Brand“) auf. Sie haben sich seit Ewigkeiten nicht gesehen hat. Frank ist verheiratet, Vater, notorisch begeistert und unvernünftig. Er hat gleich große Pläne für das Café Belgica. Jo lässt sich mitreisen und gemeinsam wollen sie aus der kleinen Kneipe, in der jeder willkommen ist, etwas größeres machen.
Das gelingt ihnen, aber der introvertierte Jo und der extrovertierte Frank, die das Kneipenabenteuer als gleichberechtigte Partner beginnen, sind nicht Yin und Yang. Sie ergänzen sich nicht, weil Frank auch ein notorischer Chaot ist, der große Pläne hat, begeistern kann, aber auch die Verantwortung scheut, die er als Geschäftsführer und bald zweimaliger Vater hat. Vor diesen Vaterpflichten und dem bürgerlichen Leben flüchtet er in das Café Belgica und das Nachtleben.
Gleichzeitig wird das Café immer größer und die Brüder bekommen die Probleme, die zum Nachtleben dazu gehören, bis die Ursprungsidee (die man mühelos als Metapher für die gesamte Gesellschaft sehen kann), einen Ort zu schaffen, an dem jeder willkommen ist, zunehmend in den Hintergrund gerät. Jedenfalls für Frank.
Das Café Belgica hat mit dem Café Charlatan ein reales Vorbild. Der Vater des Regisseurs Felix van Groeningen betrieb das im historischen Zentrum der Studentenstadt Gent liegende Café von 1989 bis 2000. Van Groeningen jobbte in ihm und viele Geschichten, die sich in und um das Café zutrugen, flossen in das Drehbuch für „Café Belgica“ ein. Die Filmmusik ist von Soulwax, die auch gleich noch einige Bands erfanden, die im Film auftreten. Und der Film fängt diese Atmosphäre der Geborgenheit in einer Musikkneipe, der durchgemachten Nächte und der erlebten Sonnenaufgänge gut ein.
Im Mittelpunkt stehen allerdings nicht die Gäste des Café Belgica, sondern die beiden Betreiber, ihr Privatleben, ihre problematische Beziehung und ihr gemeinsames Projekt, das von Anfang an den Keim des Scheiterns in sich trägt. Das regt, im Gegensatz zu „The Broken Circle“, in dem es um ein Bluegrass singendes Paar und ihren Krebstod ging, nicht zum Zücken der Taschentücher ein.
„Café Belgica“ ist nämlich Rock’n’Roll mit einem illusionslosem Blick auf die Beschissenheit der Dinge.
Die Braut will sich an ihrem Ex-Boss Bill und ihren alten Arbeitskolleginnen, einer Bande Auftragskiller, die sie umbringen wollten, rächen. Leichter gesagt, als getan – und Quentin Tarantino durfte in seinem vierten Spielfilm, der als Zweiteiler in die Kinos kam, kräftig im Blut baden. Im ersten Teil eher in Richtung Eastern, im zweiten Teil in Richtung Italowestern; weshalb die Teilung des Films auch Sinn macht.
mit Uma Thurman, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Daryl Hannah, David Carradine, Michael Madsen, Sonny Chiba, Michael Parks
Schöne Menschen, schöne Bilder, schöne Musik, schön langweilig ist im Fall von „The Neon Demon“ das Ergebnis. In seinem neuen Film erzählt Nicolas Winding Refn von der jungen Jesse (Elle Fanning) die nach Los Angeles kommt. Die Sechzehnjährige (behauptet sie) aus Georgia will ein Model werden und gerät in eine albtraumhaft-surreale Welt.
Das erste, was in einem Alptraum ignoriert wird, ist die Logik. Das nächste eine stringent aufgebaute Geschichte. Auch in „The Neon Demon“ reihen sich die Episoden beliebig aneinander, lose aufgehängt an Jesses Geschichte von ihrem ersten Shooting zum nächsten Shooting. Es ist eine Welt, in der sich alles um Schönheit dreht und die Verfallszeit von Schönheit enorm kurz ist, wie ihr einige etwas ältere Models verraten.
Die Episoden aus Jesses Leben könnten auch, wie Szenen in einer Kunstinstallation, in irgendeiner anderen Reihenfolge gesehen werden. Sie bleiben abstrakte Stimmungsbilder, die ständig Signale aussenden, die im Film nicht weiterverfolgt werden. Die Modewelt! Hollywood! Die dunkle Seite von Hollywood, die in zahlreichen Krimis porträtiert wurde. Es ist die Welt, die David Lynch in „Mulholland Drive“ und „Lost Highway“ oder David Cronenberg in „Maps to the Stars“ ungleich pointierter, gelungener, stringenter, mitreisender, vielschichtiger, ambivalenter, abstrakter und dennoch konkreter zeigen.
Bei Refn ist sie nur eine Welt von zusammenhanglosen Zeichen, Signalen für beliebige Interpretationen und Szenen, die mal mehr, mal weniger als Tableau angeordnet sind, die ihr Leben eher auf einer Doppelseite eines Modemagazins entfalten. Es ist eine tote Welt. Hinter der Oberfläche lauert hier einfach nur die von keinem tieferem Gedanken getrübte Leere. Denn die Erkenntnis, dass die Modewelt oberflächlich ist, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Falls das überhaupt die Erkenntnis ist, die Refn uns mitgeben will.
Denn am Ende von „The Neon Deom“ bleibt nur das Gefühl, dass Refn einem etwas wirklich wichtiges mitteilen wollte. Aber er will seine Botschaft – sofern er überhaupt irgendeine hat – nicht mehr in eine Geschichte packen. So sagt er im Presseheft, er habe einen Film über die Schönheit machen wollen. Er habe einen Horrorfilm machen wollen, in dem alle wichtigen Horrorfilmelemente enthalten seien, aber nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge. Er habe sich gefragt, ob es möglich sei, einen Horrorfilm ohne den Horror zu machen.
Nun, letzteres ist ihm gelungen; wobei sich natürlich die Frage stellt, warum man einen Horrorfilm ohne Horror machen will oder man Horrorfilmelemente in der falschen Reihenfolge präsentieren will.
„The Neon Demon“ ist als Symphonie von Bildern und Tönen, die man an sich vorbeiziehen lässt, nicht ohne Reiz. Wenn man sich nicht darauf einlassen will oder kann, wenn man versucht über das Werk nachzudenken, ist es prätentiöser, Wichtigkeit behauptender Quark, optisch gelungen präsentiert.
The Neon Demon (The Neon Demon, USA/Frankreich/Dänemark 2016)
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Nicolas Winding Refn, Mary Laws, Polly Stenham (nach einer Geschichte von Nicolas Winding Refn)
mit Elle Fanning, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Karl Glusman, Chrstina Hendricks, Keanu Reeves, Allessandro Nivola
Auf den ersten Blick – ein Amerikaner sorgt in Paris mit viel Action für Recht und Ordnung – sieht „Bastille Day“ wie der nächste Film aus der Luc-Besson-Fabrik aus. Dass Idris Elba der Held ist, ändert daran nichts. Immerhin tritt er in die Fußstapfen von Liam Neeson, John Travolta und Kevin Costner und, auch wenn die Kinokasse mal mehr, mal weniger laut klingelte, war die künstlerische Qualität ihrer Paris-Besuche überschaubar.
Auf den zweiten Blick wird es dann schon interessanter. Einmal weil Luc Bessons EuropaCorp, die auch gute Filme produziert, nichts damit zu tun hat. Einmal weil mehrere Drehbücher von Andrew Baldwin auf der Black Liste, der jährlichen Liste der besten nicht produzierten Drehbücher, landeten. Auch „Bastille Day“ wurde dort erwähnt. Aber das sind Informationen, die für die meisten Menschen denkbar uninteressant sind.
Interessanter ist da schon der Name des Regisseurs: James Watkins. Er inszenierte vorher die gelungenen und sehr unterschiedlichen Horrorfilme „Eden Lake“ und „Die Frau in Schwarz“. Jetzt drehte er einen in Paris spielenden Action-Thriller über einen drohenden Anschlag am titelgebendem „Bastille Day“, dem französischen Nationalfeiertag am 14. Juli.
Kurz vor dem Feiertag explodiert auf einem Platz eine Bombe und der US-Amerikaner Michael Mason (Richard Madden), ein Taschendieb, gerät in Verdacht. CIA-Agent Sean Briar (Idris Elba) soll ihn finden, aber nicht auf eigene Faust ermitteln. Weil seine Methoden etwas unorthodox sind und er Befehle notorisch ignoriert, begibt er sich mit Mason, den er zur Zusammenarbeit zwingt, auf die Jagd nach den Bombenlegern, die keine Islamisten oder links-revolutionäre Weltverbesserer, sondern Polizisten einer Spezialeinheit sind. Sie wollen die Terroranschläge, Proteste und Straßenschlachten am Nationalfeiertag orchestrieren, um so von ihrem großen Coup abzulenken. Im Film (und im Trailer) wird deren Identität schon früh verraten und ein bewährter Topos des französischen Kriminalfilms bedient. Damit entgeht „Bastille Day“ auch elegant der Falle, stereotype Vorurteile und reaktionäre Ressentiments einfach zu bedienen. Das macht ihn intelligenter und sympathischer als, zum Beispiel, „London has fallen“.
Watkins hat dagegen einen angenehm altmodischer Action-Thriller mit Polit-Touch gedreht, wie es ihn in den Siebzigern öfter gab und die, auch wenn sie politisch nicht besonders tiefschürend waren, durchaus zum Nachdenken anregen konnten. Die Action in „Bastille Day“ ist handgemacht, was einem besonders bei der Verfolgungsjagd über die Dächer von Paris gefällt und Erinnerungen an die Kletterei von Jean-Paul Belmondo in „Angst über der Stadt“ wachruft. Die Geschichte ist insgesamt durchdacht und, im gesetzten Actionfilm-Rahmen, komplex geraten. Die Schauspieler sind engagiert dabei und es gibt etliche Einzeiler, die sich aus der Handlung ergeben.
In der Originalfassung gibt es sogar noch einen Bonuspunkt: während des gesamten Films wird, je nach Situation, Englisch oder Französisch gesprochen. So reden die Franzosen untereinander durchgängig französisch. Die Amerikaner englisch. In gemeinsamen Szenen wird dann je nach Situation entschieden. Allein dadurch wird die Filmgeschichte glaubwürdiger.
Mit seinem dritten Spielfilm hat James Watkins einen kurzweiligen Retro-Action-Thriller abgeliefert, der niemals wirklich neues Terrain betritt. Dafür ist alles einfach zu vertraut. Aber im Vergleich zu den eingangs erwähnten Besson-Filmen ist „Bastille Day“ ein überraschend gelungenes und sehr unterhaltsames Werk.
Bastille Day (Bastille Day, USA/Frankreich/Großbritannien 2016)
Regie: James Watkins
Drehbuch: Andrew Baldwin
mit Idris Elba, Richard Madden, Charlotte Le Bon, Kelly Reilly, José Garcia, Thierry Godard, Vincent Londez, Arieh Worthalter
Die Braut will sich an ihrem Ex-Boss Bill und ihren alten Arbeitskolleginnen, einer Bande Auftragskiller, die sie umbringen wollten, rächen. Leichter gesagt, als getan – und Quentin Tarantino durfte in seinem vierten Spielfilm, der als Zweiteiler in die Kinos kam, kräftig im Blut baden. Im ersten Teil eher in Richtung Eastern, im zweiten Teil in Richtung Italowestern; weshalb die Teilung des Films auch Sinn macht.
3sat zeigt am Freitag um 22.55 Uhr den zweiten Teil.
mit Uma Thurman, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Daryl Hannah, David Carradine, Michael Madsen, Sonny Chiba, Michael Parks
Die Hochzeit wird geplant und Karen plant schon das erste Kind. Neal Carey, der während seines Studiums (ach ja, seine Arbeit über „Tobias Smollett: Literarischer Außenseiter im England des achtzehnten Jahrhunderts“ ist fast fertig) immer wieder für die inoffizielle Abteilung Friends of the Family einer noblen Privatbank gefährliche, mehr oder weniger illegale Aufträge übernehmen musste, könnte also endlich ein normales Leben führen, wenn Karen ihn, der seinen leiblichen Vater nie kannte, nicht mit ihrem Kinderwunsch schockieren würde. Da freut er sich über den Anruf von Joe Graham, seinem „Dad“, dem Mann, der ihn groß zog und der für die Bank arbeitet. Für die Bank – und das hört sich nach einem wirklich leichten Auftrag an – soll Neal Nathan Silverstein, besser bekannt als Natty Silver, von Las Vegas nach Palm Desert fahren. Seine stinkreiche Nichte sorgt sich um ihn.
Natty ist ein mehr als lebenslustiger, ungefähr 85-jähriger Komiker, bei dem unklar ist, an was er sich noch erinnert und der starrsinniger als ein starrsinniges Kind sein kann. Deshalb fliegen Neal und Natty nicht nach Palm Desert, sondern benutzen das Auto – und sie werden, was Neal allerdings erst viel später erfährt, von zwei mordgierigen Männern verfolgt. Denn Natty ist der Zeuge eines Verbrechens.
„Palm Desert“ ist der fünfte, letzte und kürzeste Neal-Carey-Roman, dessen Geschichte natürlich eine typische Buddy-Geschichte ist, die – wenn man so will – von „Midnight Run – Fünf Tage bis Mitternacht“ (USA 1988) inspiriert ist. Immerhin spielen die Carey-Romane in den siebziger und achtziger Jahren, es gibt immer etliche zeitgeschichtliche Anspielungen und auch formal bezieht Don Winslow sich immer wieder auf damals in Romanen und Filmen beliebte Grundplots, Situationen und Themen, die er eigenständig und mit viel Humor bearbeitete. Weil die Bank in „Palm Desert“ nur eine Nebenrolle als austauschbarer Auftraggeber für einen austauschbaren Auftrag fungiert, ist Neal Careys letzter Fall auch etwas austauschbar in seiner zeitlichen Verortung. Denn er könnte, wenn nicht einmal erwähnt würde, dass Ronald Reagan Präsident ist, auch zu fast jedem anderen Jahrzehnt spielen.
Davon abgesehen sind alle anderen Elemente, die man von einem Neal-Carey-Roman erwartet, auch in „Palm Desert“ enthalten und weil ein ständig quasselnder Komiker im Mittelpunkt steht, gibt es auch einiges zu Lachen. Auch die in der zweiten Hälfte des Romans eingefügte Korrespondenz zwischen Anwälten und der Leiterin der Schadenabteilung der Western States Versicherungsgesellschaft, die einige wichtige Hintergründe erklären, ist pure Comedy im Korsett des offiziellen Schriftverkehrs. Die in der zweiten Hälfte zunehmend grotesk werdenden Verwicklungen und Dialoge zwischen den involvierten Parteien sorgen für weitere Lacher. Denn selbstverständlich ist der einfache Auftrag kein einfacher Auftrag.
„Palm Desert“ ist eine flotte, schnelle, gewohnt witzige Lektüre, die wegen der Kürze allerdings eher wie ein Zwischenspiel, das keine Fortsetzung fand, wirkt. Und selbstverständlich eignet sich „Palm Desert“ auch als Einstieg in die Welt von Neal Carey.
mit Hannah Herzsprung, Florian Stetter, Henriette Confurius, Claudia Messner, Ronald Zehrfeld, Maja Maranow, Anne Schäfer, Andreas Pietschmann, Michael Wittenborn
Drehbuch: Michael Meredith, Wim Wenders (nach einer Geschichte von Wim Wenders und Scott Derrickson)
Los Angeles: Ein paranoider Vietnam-Veteran und seine zwanzigjährige, idealistische Nichte machen sich, um ein Verbrechen aufzuklären, auf den Weg nach Osten.
Nach dem doch arg verkünstelten „Am Ende der Gewalt“ und „The Million Dollar Hotel“ und etlichen sehenswerten Dokumentarfilmen kehrte Wenders mit „Land of Plenty“ zum quasi frei improvisiertem Film mit geringem Budget und großer Neugierde auf Land und Leute zurück zum Spielfilm. „Land of Plenty“ ist eine Bestandsaufnahme der Post-9/11-USA.
„Sein subtiles, in angemessen spröden Bilder fotografiertes Road Movie ist voller leiser Trauer über den Verlust von Werten, den Wandel von Gerechtigkeit in Selbstgerechtigkeit, die Verlorenheit von Menschen in einem komplexen System.“ (Lexikon des Internationalen Films)
Davor, um 20.15 Uhr, und danach, um 23.55 Uhr, läuft sein wunderschön musikalischer Dokumentarfilm „Buena Vista Social Club“.
Mit John Diehl, Michelle Williams, Richard Edson, Wendell Pierce, Shaun Toub, Burt Young
„Magische Momente“ und die neueste Ausgabe des Lexikons des Internationalen Films gehören zu den Filmbüchern, die man nicht in einem Zug durchliest, die keine akademischen, teils schwer verständlichen, fremdwortgesättigten Analysen sind, sondern die man immer wieder in die Hand nimmt, um etwas nachzuschlagen.
In dem Sammelband „Magische Momente – 75 Meisterwerke der Filmkunst“ sind 75 kurze Texte von Rainer Gansera enthalten, die er für den Filmdienst schrieb und jetzt geringfügig überarbeitete. Im Filmdienst erschienen die „cineastischen Vignetten“ (Gansera) als Kolumne, die filmische Meisterwerke neu vergegenwärtigen und Lust auf eine wiederholte oder erstmalige Sichtung des Films machen sollen. Dafür gibt es spärliche Informationen zum Film, aber viel (im Rahmen eines zweiseitigen, bebilderten Textes) zu einem bestimmten, erinnerungswürdigem und/oder legendärem Moment in dem Film.
Der älteste vorgestellte Film ist „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, der neueste „Barbara“ und die Filme dazwischen sind weitgehend gut abgehangene Klassiker, die wirklich in keiner realen oder mentalen Filmsammlung fehlen sollten, wie „Der blaue Engel“, „Das Fenster zum Hof“, „…denn sie wissen nicht, was sie tun“, „Das süße Leben“, „Easy Rider“, „Taxi Driver“, Stranger than Paradise“, „Lola rennt“ und „Hunger“ und einige Überraschungen, wie „Der verrückte Professor“, „Batmans Rückkehr“ und „Vicky Christina Barcelona“, den man sich, so Gansera, am Besten in Spanien mit einem einheimischen Publikum ansieht.
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Die Veränderungen bei der neuesten Ausgabe des rundum verdienstvollen „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2015“ zu den vorherigen Ausgaben liegen im Detail. Es wird immer noch herausgeben von der Zeitschrift „Filmdienst“ und er Katholischen Filmkommission für Deutschland.
In der aktuellen Ausgabe wurde die Liste der besten Kinofilme des Jahres, die Liste der mit „Sehenswert“ im Filmdienst bewerten Filme und der Kinotipp der katholischen Filmkritik an den Anfang des Buches gestellt und damit vor die zentrale alphabetische Auflistung aller in Deutschland 2015 im Kino aufgeführten, auf DVD und Blu-ray veröffentlichten, über Streaming-Dienste und im Fernsehen gezeigten 2137 Filmpremieren. Die Filme werden gewohnt kurz, kundig und treffend besprochen.
Die größte Änderung in dem Filmlexikon ist, dass nachdem schon in den vergangenen Jahren schon etliche TV-Filme, teilweise auch TV-Spielfilmserien, wie „Die Brücke“, „Inspector Barnaby“, „Unter Verdacht“ und „Wilsberg“, besprochen wurden, jetzt auch der „Tatort“ (dessen Fehlen schon in den vergangenen Jahren nur mit historischer Gewohnheit erklärt werden konnte) besprochen wird und noch mehr, mehr oder weniger lange TV-Serien (wie „Better Call Saul – Staffel1“, „Boardwalk Empire“ und „Fargo – Season 1“, aber nicht „The Walking Dead“) besprochen werden.
Es gibt den gewohnt informativen Rückblick auf das vergangene Kinojahr und der Schwerpunkt besteht aus 25 bereits im Filmdienst erschienene Porträts junger deutscher Schauspielerinnen und Schauspieler, wie Alexander Fehling, Julia Hummer, David Kross, Alina Levshin, Tom Schilling, Nora von Waldstätten und Ronald Zehrfeld, der ja schon ziemlich lange dabei ist.
Ebenso selbstverständlich ist auch die neueste Ausgabe des Lexikons des Internationalen Films ein wunderschönes Buch zum Blättern und Entdecken von Filmen.
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Rainer Gansera: Magische Momente – 75 Meisterwerke der Filmkunst
Schüren, 2016
160 Seiten
19,90 Euro
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Filmdienst/Katholische Filmkommission für Deutschland (Redaktion: Horst Peter Koll): Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2015
Nach „Tanz der Teufel“ und lange vor „Spider Man“ drehte Sam Raimi „Die Killer-Akademie“ und die Coen-Brüder, ebenfalls am Anfang ihrer Karriere, schrieben das Drehbuch über den Pechvogel Victor Ajax. Der soll nämlich in wenigen Minuten als Massenmörder auf dem elektrischen Stuhl landen. Kurz vor seiner Hinrichtung will er den Wachen erklären, wie es wirklich war und dass er vollkommen unschuldig ist. Gleichzeitig sind mehrere Nonnen, die ihn retten wollen, auf dem Weg zum Gefängnis.
„‚Crimewave‘ ist so seltsam, dass weder die Raimi-Fans ihm folgen, noch die Coen-Fans die Wurzeln ihrer Idole darin entdecken wollen. Denn was in diesem Film geschieht, ist die Auflösung der verlässlichen Beziehung von Ursachen und Wirkungen, eine Art von cineastischem Unfug, der, anders als die späteren Filme der Coens, nicht zu immer neuen Rätseln und Beziehungen führt, sondern konsequent an der Oberfläche bleibt (was ganz und gar nicht als Kritik gemeint ist).“ (Georg Seeßlen: Crimewave in Peter Körten/Georg Seeßlen, Hrsg.: Joel & Ethan Coen, 1998)
Eine extrem selten gezeigte Noir-Parodie mit vielen Insider-Witzen
mit Louise Lasser, Brion James, Sheree J. Wilson, Ed Pressman, Paul Smith, Reed Birney, Bruce Campbell
Die Unbestechlichen – The Untouchables (USA 1987, Regie: Brian De Palma)
Drehbuch: David Mamet
Grandioser Gangsterfilm über den Kampf von Eliot Ness und seiner unbestechlichen Mitstreiter gegen Al Capone.
„Mit der ihm eigenen formalen Brillanz hat Brian De Palma diesen authentischen Fall inszeniert. Seine Liebe zum Detail, ausgeklügelte Kamerafahrten und Einstellungen, Ennio Morricones emotionaler Soundtrack und die lakonisch-präzise Charakterisierung der Personen machen den Film zu einem Augen- und Ohrenschmaus.“ (Fischer Film Almanach 1988)
Sean Connery gewann den Oscar als bester Nebendarsteller.
Mit Kevin Costner, Robert de Niro, Sean Connery, Charles Martin Smith, Andy Garcia, Jack Kehoe
Schon Takeshi Kitanos ultrabrutales Yakuza-Epos „Outrage“ erlebte seine Premiere bei uns nur auf DVD und bis die Fortsetzung „Outrage Beyond“ bei uns erschien, dauerte es vier Jahre. Denn Kitano drehte die fünf Jahre nach den Ereignissen von „Outrage“ spielende Fortsetzung bereits 2012 und viele bekannte Gesichter sind wieder dabei. Sofern sie das Blutbad des ersten Teils überlebten. Die Fortsetzung kann daher vollkommen unabhängig von „Outrage“ gesehen werden.
Gangsterboss Kato will, mit seiner rechten Hand Ishihara, das Sanno-kai-Syndikat, das inzwischen zum mächtigsten Yakuza-Clan wurde, mehr in Richtung legaler Geschäfte lenken und auch die Politik beeinflussen. Da gibt es Gerüchte, dass Kato unehrenhaft an die Macht kam. Einige ihm untergebene Yakuza wollen die Macht im Clan übernehmen.
Und der korrupte Polizist Kataoka, der in „Outrage“ eine Nebenfigur war, spielt, wenn nötig alle Dienstvorschriften ignorierend, die einzelnen Yakuzas und Yakuza-Clans gegeneinander aus.
Er beschützte auch seinen Jugendfreund Otomo (Takeshi Kitano), der das Ende von „Outrage“ doch überlebte und seitdem gut geschützt und unerkannt inhaftiert war. Jetzt wird Otomo wird vorzeitig entlassen und eigentlich erwarten alle, dass er sich jetzt in einem blutigen Rachefeldzug an allen, die ihn damals ins Gefängnis brachten, rächen wird. Aber Otomo will zunächst nur seine Ruhe haben.
Nachdem Kitano am Anfang von „Outrage Beyond“ zeigt, wie Organisiertes Verbrechen und legale Wirtschaft miteinander verschmelzen, wird der Gangsterfilm nach der Wiederauferstehung von Otomo zunehmend zu einem blutigen Racheepos, in dem die Yakuza-Clans sich äußerst bleihaltig bekämpfen und Loyalität gerade bis zur nächsten Kugel reicht.
Sehenswert! Wie auch die anderen Yakuza-Filme von Kitano.
Mit „Casbah – Verbotene Gassen“ von John Berry und „Der gläserne Schlüssel“ von Stuart Heisler setzt Koch Media seine in jeder Beziehung lobenswerte „Film Noir Collection“ fort.
„Casbah – Verbotene Gassen“ ist dabei eine kleine Entdeckung, ein Remake, ein interessanter Gangsterfilm und Noir, der allerdings nicht das Niveau der erste Verfilmung erreicht und mit seinen zahlreichen Gesangseinlagen – auch von dem Gangster Pepe Le Moko – nervt.
Pepe Le Moko (Tony Martin) ist ein aus Frankreich nach Algiers geflohener Juwelendieb, der sich in den Gassen der titelgebenden Casbah versteckt, von den Einheimischen beschützt wird und Raubzüge orchestriert. Die Polizei kann ihn in der Casbah nicht schnappen. Aber der schlaue Inspektor Slimane (Peter Lorre – gewohnt großartig) kann warten. Als die schöne Gaby (Marta Toren), die als Touristin auf der Durchreise ist, auftaucht, wittert Slimane seine Chance. Kaltblütig stellt er eine Falle auf, in die der Juwelendieb tappen soll.
John Berry inszeniert die Gassen der Casbah hübsch verwinkelt, die Frauen sind schön und sexy, die Verbrecher und Spitzel ein schönes Typenarsenal der Verschlagenheit, es gibt etwas Humor und viel zu viel Gesang.
„Casbah – Verbotene Gassen“ ist ein Remake von „Pépé le Moko – Im Dunkel von Algier“ (Pépé le Moko, Frankreich 1937, Regie: Julien Duvivier, mit Jean Gabin), der in jeder Beziehung der bessere Film ist und auch das konsequentere Noir-Ende hat.
Dagegen ist das Ende von Pepe Le Moko in „Casbah“ höchstens lustlos erfüllter Dienst nach Vorschrift.
Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, USA 1948)
Regie: John Berry
Drehbuch: L. Bush-Fekete, Arnold Manoff
LV: Henri La Barthe (als Détective Ashelbé): Pépé le Moko, 1931
mit Yvonne DeCarlo, Tony Martin, Peter Lorre, Marta Toren, Hugo Haas, Thomas Gomez, Douglas Dick
Ein Klassiker ist „Der gläserne Schlüssel“ und jetzt liegt die bekannteste der wenigen Verfilmungen von Dashiell Hammetts Klassiker auf DVD vor. Es ist auch einer der wenigen explizit politischen Noirs.
Paul Madvig, ein eher dubioser Geschäftsmann, giert nach gesellschaftlicher Anerkennung. Deshalb engagiert er sich im Wahlkampf für die Wiederwahl von Senator Henry. Außerdem ist er in dessen Tochter Janet, die er heiraten will, verliebt. Die findet allerdings Madvigs rechte Hand, Ed Beaumont, attraktiv.
Als Beaumont die Leiche von Taylor, dem Sohn des Senators entdeckt, befürchtet er, dass sein Boss und Freund verdächtigt werden könnte. Denn Madvigs Schwester ist in Taylor verliebt und Taylor und Madvig stritten sich vorher. Wenn das bekannt wird, kann Madvig seine politischen Ambitionen vergessen. Also sucht Beaumont den Mörder.
Seine Suche nach dem Mörder gestaltet sich wegen konkurrierender Gangsterbanden, der innigen Verflechtung von legaler und illegaler Wirtschaft, dem Wahlkampf und den damit verbundenen politischen Interessen und einer letztendlich die gesamte Stadt beherrschenden und akzeptierten Korruption schwierig. Mit diesem düsteren Bild der kommunalen Politik schuf Hammett die Blaupause für die Beschreibung US-amerikanischer Politik im Thrillerformat, die noch heute in Romane und Filmen nachwirkt.
In dem Film wurde dann die Liebesgeschichte zwischen Beaumont und Janet stärker betont. Denn Alan Ladd und Veronica Lake hatten kurz vorher in „Die Narbenhand“ (This Gun for hire, 1942) ihre Leinwandchemie als Noir-Traumpaar bewiesen.
Jonathan Latimer, der auch einige hochgelobte Kriminalromane schrieb, schrieb das Drehbuch und Stuart Heisler, unter anderem „Des Teufels Pilot“ (mit Humphrey Bogart), inszenierte straff und einfallsreich die überaus komplexe Geschichte in unter neunzig Minuten.
Neben dem üblichen Bonusmaterial der „Noir Collection“ gibt es dieses Mal auch drei kurze, aber sehr informative Featurettes über den Film (genaugenommen eine Einführung in eine US-Noir-Collection) und Noir-Experte Eddie Muller redet über Dashiell Hammetts „The Glass Key“ und das Filmpaar Alan Ladd/Veronica Lake.
„Im Stil der Pulp Fiction, der Groschenromane und B-Pictures aus den 30er und 40er Jahren, komprimiert Quentin Tarantino eine Handvoll Typen und Storys zu einem hochtourigen Film noir (…) Ein ausgezeichnetes Darsteller-Ensemble, eine intelligente Inszenierung und ein gutes Timung durch flotte Schnitte tragen dazu bei, dass Blutorgien mit Slapstick und bitterer Zynismus mit leichter Ironie so raffiniert ineinander übergehen oder aufeinander folgen, dass die Brüche und Übergänge nicht stören.“ (Fischer Film Almanach 1995)
Tarantino erzählt von zwei Profikillern, die zuerst Glück und dann Pech bei ihrer Arbeit haben, einem Boxer, der entgegen der Absprache einen Boxkampf gewinnt und sich dann wegen einer Uhr in Lebensgefahr begibt, einem Gangsterpärchen, das ein Schnellrestaurant überfällt, einem Killer, der die Frau seines Chefs ausführen soll und in Teufels Küche gerät, einer Gangsterbraut, die eine Überdosis nimmt, einem Killer, der zum Christ wird und von einem Tanzwettbewerb.
Kurz: wir haben mit einem Haufen unsympathischer Leute eine verdammt gute Zeit.
Der Kassenknüller erhielt zahlreiche Preise, aber für Krimifans zählt natürlich nur der gewonnene Edgar.
Mit Tim Roth, Harvey Keitel, Uma Thurman, Amanda Plummer, John Travolta, Samuel L. Jackson, Bruce Willis, Rosanna Arquette, Ving Rhames, Eric Stoltz, Christoper Walken, Quentin Tarantino, Steve Buscemi
Nur eine Sekunde und das Leben von Davis Mitchell (Jake Gyllenhaal), glücklich verheiratet, kinderlos, erfolgreicher Investmentbanker in der Firma seines Schwiegervaters, ist zerstört durch einen Autounfall, den er unverletzt überlebt. Aber seine Frau ist tot.
Noch in der Nacht, im Krankenhaus, schreibt Mitchell, der mit dieser Situation nicht umgehen kann und sich ablenken will, einen Beschwerdebrief an die Firma, die dort einen nicht funktionierenden Verkaufsautomat aufgestellt hat. In dem Brief, auch weil er nicht annimmt, dass er wirklich gelesen wird, versucht er seine Situation und seine Beweggründe zu erklären.
Es ist der erste Brief, den er an die Firma schreibt und die, zu seiner Überraschung, von der Kundendienst-Mitarbeiterin Karen (Naomi Watts) gelesen werden. Die allein lebende Mutter eines 14-jährigen Sohnes antwortet ihm, spricht ihn an und gibt ihm auch ein zu Hause, während er versucht, mit seinem Verlust umzugehen.
Eine Methode ist dabei, den Ratschlag von seinem Stiefvater Phil (Chris Cooper), man müsse gewisse Dinge, um sie zu verstehen, komplett auseinandernehmen und wieder zusammen setzen, wortwörtlich zu nehmen. Beginnend mit dem tropfenden Kühlschrank. Weil Mitchells handwerkliches Geschick gegen Null tendiert, steht er anschließend vor den Trümmern des Kühlschranks. Aber das hindert ihn nicht daran, weitere Gegenstände auseinanderzunehmen.
Dabei ist dieses Zerstörungsinteresse natürlich nur ein sehr deutliches Bild für den seelischen Zustand von Mitchell, dessen Leben bislang in den vorgezeichneten Bahnen verlief und der sich letztendlich in die Firma einheiratete. Auch seine Beziehung zu Karen und ihrem pubertierendem Sohn, für den eher zu einer Art schrägem Vater wird (wie Maude für Harold; – falls noch jemand „Harold und Maude“ kennt.), ist ein unbewusster Versuch den Tod seiner Frau zu überwinden, während er die archetypischen Stufen der Trauer durchlebt. Und wer diese Stufen kennt, kennt auch den Plot des Films, der die Trauer immer wieder mit schwarzem Humor und absurden Szenen durchbricht.
Demolition – Lieben und Leben (Demolition, USA 2015)
Regie: Jean-Marc Vallée
Drehbuch: Bryan Sipe
mit Jake Gyllenhaal, Naomi Watts, Chris Cooper, Judah Lewis
1977 in einem typischen englischen Reihenhaus im Norden Londons geschehen unheimliche Dinge. Anscheinend treibt Bill Wilkins, der Geist des Vorbesitzers, ein alter grummeliger Mann, die Familie Hodgson, eine allein erziehenden Mutter mit vier Kindern, zwei Mädchen, zwei Jungen, in den Wahnsinn. Vor allem die elfjährige Janet ist von dem Poltergeist besessen.
Das Ed und Lorraine Warren werden von der katholischen Kirche beauftragt, herauszufinden, ob es sich bei den Ereignissen in Enfield wirklich um einen Geist oder nur einen Betrug handelt.
Natürlich kennen Horrorfilmfans, mit anderen Namen und an anderen Orten, die Geschichte von „Conjuring 2“ in und auswendig. Und natürlich erzählt „Conjuring 2“ einfach die Geschichte von „Conjuring“ noch einmal. Damals war ein einsam in Harrisville, Rhode Island, gelegenes Farmhaus der Ort des Geschehens und die Geisterjäger mussten der Familie Perron helfen. Dieses Mal ist es eines dieser kleinen englischen Häuser, die es nur auf der Insel gibt. Und natürlich wird im Film wieder darauf hingewiesen, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt. Immerhin sind Ed und Lorraine Warren in den USA bekannte Dämonologen und mit einem besonders fiesen Dämonen müssen sie sich auch dieses Mal herumschlagen.
Und trotzdem ist „Conjuring 2“, wie „Conjuring“, ein in seinen selbst gesteckten Grenzen, ein enorm spannender Geisterhorrorfilm. Regisseur James Wan ist ein Genrefan, der gekonnt an der Spannungsschraube dreht, dabei die üblichen und erwartbaren Schocks liefert. Aber in der gelungenen Variante. Gleichzeitig schafft er durch seine Inszenierung und die Sets eine latent klaustrophobische Stimmung. So ist das Haus der Hodgsons grauer als es in Wirklichkeit wäre; als ob es seit den Fünfzigern musealisiert wurde und nicht als ob eine Frau mit vier Kindern in ihm leben würde. Auch die Poster der damaligen Stars in dem Mädchenzimmer wirken vergilbt. Das Haus ist immer einen Tick zu groß für ein beengtes englisches Reihenhaus und der Keller des Hauses ist riesig und düster. Ein Moloch, aber kein Keller, der, trotz der Waschmaschine, irgendeine Funktion für die Hodgsons hat. Die Ausstattung ist liebevoll in ihrer genauen Rekonstruktion der siebziger Jahre, die hier betont unglamourös daherkommen.
Die Schauspieler, wieder spielen Patrick Wilson und Vera Farmiga das Ehepaar Warren, sind gut. Sie heben den Film allein schon durch ihre Anwesenheit auf ein höheres Level.
Die Geschichte selbst folgt, wie gesagt, der bekannten Formel. Aber das klug konstruierte Drehbuch setzt die Visionen und Erscheinungen des Dämonen punktgenau und entwickelt die Geschichte konsequent hin zur finalen Konfrontation. Auf dem Weg dorthin gibt es genug überraschende Details und Suspense-Momente, um einem mit der Familie Hodgson und den Warrens mitfiebern zu lassen. Denn Lorraine befürchtet, dass ihrem Mann etwas zustoßen könnte.
„Conjuring 2“ ist gelungenes Horrorkino mit viel Zeitkolorit, wobei – und das ist eine der selbstgesteckten Grenzen – es keine Verbindung zwischen der damaligen politischen und ökonomischen Situation in Großbritannien und den Ereignissen im Haus der Hodgsons gibt.
Am Ende, nach dem Abspann, gibt es bei dem Blick auf die Uhr eine echte Überraschung: der Film dauerte über hundertdreißig Minuten. Das ist für einen Horrorfilm eine mehr als epische Länge. Trotzdem fühlte er sich während des Ansehens kürzer an und ein größeres Kompliment kann man einem in jeder Sekunde vorhersehbarem Horrorfilm nicht machen.
Conjuring 2 (The Conjuring 2, USA 2016)
Regie: James Wan
Drehbuch: Chad Hayes, Carey W. Hayes, James Wan, David Leslie Johnson (nach einer Geschichte von Chad Hayes, Carey W. Hayes und James Wan)
mit Patrick Wilson, Vera Farmiga, Madison Wolfe, Frances O’Connor, Lauren Esposito, Benjamin Haigh, Patric McAuley, Franka Potente, Steve Coulter
Vor zwanzig Jahren war Calvin (Kevin Hart) an der Schule der allseits beliebte Überflieger, dem alle eine glänzende Karriere prophezeiten und Robbie Weirdicht war der übergewichte Watschenmann und Außenseiter.
Jetzt hat Weirdicht einen anderen Namen, dem er alle Ehre macht. Denn er heißt Bob Stone, sieht aus wie Dwayne ‚The Rock‘ Johnson, arbeitet undercover für den Geheimdienst und er braucht die Hilfe von Calvin, der ein langweiliges Leben als Buchhalter führt. Immerhin hat er ein eigenes kleines Büro und muss nicht nebenan im Großraumbüro arbeiten. Dank dieser Buchhalterkenntnisse kann er Bob helfen bei der Jagd nach den von dem geheimnisvollem Black Badger gestohlenen Verschlüsselungscodes für das US-amerikanische Spionage-Satelittensystem (okay, das ist nur der MacGuffin), die in wenigen Stunden meistbietend verkauft werden sollen (und das ist die berühmte Ticking Clock).
Dummerweise wird Bob von seiner Firma, angeführt von CIA-Agent Harris (Amy Ryan, hübsch biestig), als abtrünniger Agent gejagt und sie nehmen dabei Kollateralschäden und Gesetzesübertretungen billigend in Kauf.
„Central Intelligence“ ist eine weitere Buddy-Komödie, die dieser Formel folgt, ohne wirklich eigene Akzente zu setzen. Denn die Story, die in einer Buddy-Komödie sowieso nebensächlich ist, ist hier noch dünner geraten und ohne irgendeinen Funken Plausibilität und frei von Überraschungen, aber mit etlichen unglaubwürdigen Momenten. Das beginnt schon bei der Prämisse.
Die Action, auch wenn man nicht gerade „Lethal Weapon“-Zerstörungsorgien erwartet, ist eher dünn gesät.
Dafür redet Kevin Hart, mal wieder, ohne Punkt und Komma; was allerdings selten witzig, meistens nervig ist. Dwayne Johnson hat dagegen, nachdem er schon vor Jahren in der Elmore-Leonard-Verfilmung „Be Cool“ sein Image persiflierte, seinen Spaß als geistig minderbemittelter, immer optimistischer, supertaffer, unzerstörbarer Geheimagent mit einem Hang zu unpassenden Kleidern. Bei ihm, vor allem nachdem er in einer Szene durchaus glaubwürdig einen Psychiater spielt, hätte man sich eine Entwicklung oder die Enthüllung, dass Bob nur den Trottel spielt, gewünscht.
So ist „Central Intelligence“ nur ein Starvehikel, das gerade so seinen Dienst nach Vorschrift erfüllt. Immerhin sind die meisten Gags oberhalb der Gürtellinie angesiedelt und der Film behauptet auch nie, mehr zu sein als ein harmloser, schnell vergessener Spaß für die ganze Familie.
Central Intelligence (Central Intelligence, USA 2016)
Regie: Rawson Marshall Thurber
Drehbuch: Ike Barinholtz, David Stassen, Rawson Marshall Thurber (nach einer Geschichte von Ike Barinholtz und David Stassen)
mit Kevin Hart, Dwayne Johnson, Danielle Nicolet, Amy Ryan, Jason Bateman, Aaron Paul, Tim Griffin, Ryan Hansen, Timothy John Smith, Thomas Kretschmann, Melissa McCarthy (Cameo)
Drehbuch: Stuart Gordon, Dennis Paoli, William J. Norris
LV: H. P. Lovecraft: Herbert West, the Re-Animator, 1922 (Kurzgeschichte)
Dafür muss man Arte lieben: die TV-Premiere eines Horrorfilmklassiker (okay, das machen auch andere Sender), der in Deutschland indiziert war (okay, das erledigt sich teilweise durch Neuprüfungen und geänderte Sehgewohnheiten), ungekürzt und in der restaurierten „Unrated“-Fassung. Das erfreut dann das Herz des Horrorfilmfans und des Cineasten.
Darum geht es in dem Film: Dr. Carl West forscht an einem Serum, das Tote wieder zum Leben erweckt. Sein Kollege Dan Cain hält das für eine schlechte Idee und er hat, angesichts der wirklich aus dem Ruder laufenden Forschungsergebnisse von Dr. West recht.
„Wir raten ab.“ (Lexikon des internationalen Films)
„nur platte Horroreffekte, die immer drastischer werden – bis zur Unerträglichkeit.“ (Fischer Film Almanach 1989)
„Gordons früher, bedeutungsloser Einstieg ins ‚Splatstick‘-Genre nimmt von Lovecraft nur Namen und einen Hauch von Ehrbarkeit, welche bald von Szenen mit abgeschlagenen Köpfen beim Oralsex und Eingeweiden, die sich um unwillige Opfer schlängeln, vernichtet wird, aber immer noch unterhaltsamer ist als viele Imitationen. (…) Obwohl der Erfolg von ‚Re-Animator‘ hauptsächlich den raffinierten Effekten und der Stimmung eines ‚Anything goes!‘ zuzurechnen ist, färben seine subtileren Schliffe, wie die Kämpe zwischen Megan und West, die um Cains Aufmerksamkeit streiten, sogar abseits der grausigen Exzesse den Film köstlich schwarz.“ (James Marriott/Kim Newman: Horror)
Selbstverständlich war der Film Bumserfolgreich und vier Jahre später gab es die „Bride of Re-Animator“.
mit Jeffrey Combs, Bruce Abbott, Barbara Crampton, David Gale