Arte, 20.15 Die letzte Versuchung Christi(USA/Kanada 1988, Regie: Martin Scorsese)
Drehbuch: Paul Schrader
LV: Nikos Kazantzakis: O Teleutaios Peirasmos, 1951 (Die letzte Versuchung)
Als der Film damals in die Kinos kam, schämten die konservativen Christen – und übersahen dabei geflissentlich (falls sie den Film überhaupt gesehen haben), dass Martin Scorsese und Paul Schrader nicht die Bibel sondern einen Roman (der 1954 in das „Index der verbotenen Bücher“ der katholischen Kirche aufgenommen wurde) über das Leben von Jesus verfilmten – und obwohl der Film 160 Minuten lang ist, habe ich mich damals im Kino nicht gelangweilt. Als ich eben die Filmlänge sah, war ich erstaunt. Denn ich hatte ihn gar nicht als so lang in Erinnerung. Und dabei bin ich wahrlich kein Freund von Bibelschinken.
„’The last Temptation of Christ‘ ist ein Film der herausfordernden Ideen und nicht der aufreizenden Provokationen. Er bietet eine kraftvolle und sehr moderne Neuinterpretation Jesu als eines Mannes, den Ängste und Zweifel angesichts der ihm zugewiesenen Rolle plagen.“ (Variety)
Die Musik ist von Peter Gabriel.
Von Paul Schrader gibt es demnächst den Nicolas-Cage-Thriller „Dying of the Light“, für den er das Drehbuch schrieb und Regie führte, aber ihm der Endschnitt aus der Hand genommen wurde. Der jetzt veröffentlichte Trailer sieht wie der Trailer für einen 08/15-Thriller, den man sich nicht ansehen muss, aus.
mit Willem Dafoe, Harvey Keitel, Barbara Hershey, Verna Bloom, David Bowie, Paul Greco, Steven Shill, Harry Dean Stanton, Irvin Kershner, John Lurie
Hinweise Rotten Tomatoes über „Die letzte Versuchung Christi“
Wikipedia über „Die letzte Versuchung Christi“ (deutsch, englisch)
Die Scheidung von Richard (Pierce Brosnan) und Kate (Emma Thompson) liegt schon acht Jahre zurück und, abgesehen von kleinen Sticheleien, verstehen sie sich gut. Außerdem haben sie zwei Kinder,zu denen sie eine gute Beziehung haben und die inzwischen, studienbedingt, flügge sind.
Richard hat jetzt seine Firma verkauft und er sieht entspannt seinem Ruhestand entgegen, bis er erfährt, dass der Käufer seiner Firma eine Heuschrecke ist. Sein Vermögen, das seiner Angestellten und auch Kates Altersvorsorge sind weg.
In Paris wollen sie mit diesem betrügerischem Finanzmanager Vincent Kruger (Laurent Lafitte) ein ernstes Wort reden und an seine edlen Gefühle und Versprechen, die er beim Firmenkauf abgab, appellieren. Selbstverständlich haben sie keinen Erfolg, aber nachdem sie erfahren, dass Kruger demnächst in Cannes heiratet und seiner Künftigen eine wertvolle Halskette als Hochzeitsgeschenk umhängen will, beschließen sie, zusammen mit ihren Uralt-Freunden Jerry (Timothy Spall, demnächst „Mr. Turner“) und Pen (Celia Imrie), die Kette zu klauen.
Dafür müssen sie nur auf die Hochzeitsfeier in einem Schloss, das natürlich bestens gesichert ist, gelangen. Auf der einen Seite gibt es Wachleute mit Fingerabdruck-Scannern, auf der anderen Seite eine wirklich atemberaubende Klippe.
„Wie in alten Zeiten“ von Joel Hopkins („Liebe auf den zweiten Blick“) ist eine Romantic Comedy für die Generation 50+, in der das Klauen der Kette nur das Wiedervereinigungsprogramm für Richard und Kate ist. Denn selbstverständlich erwachen während des Abenteuers ihre alten Gefühle füreinander wieder.
Der Diebstahl ist allerdings erstaunlich schlampig vorbereitet und ohne unglaublich viele glückliche Umstände, hätten Richard, Kate, Jerry und Pen noch nicht einmal die Hochzeitsgesellschaft beehren können. Dabei hat Jerry zum Erstaunen seiner Frau, die ihn bislang nur als Biedermann kannte, sehr interessante und sehr halbseidene Freunde, die er aus seiner ihr unbekannten Zeit bei der Fremdenlegion und der Marine kennt. Da war er wohl so eine Art James Bond. In dem Film gibt es auch einige Anspielungen auf den Geheimagenten Ihrer Majestät, der für die in „Wie in alten Zeiten“ geplante Aktion allerdings ein schlechter Ratgeber ist. Besser hätte Richard sich vorher einige Folgen „Remington Steele“ angesehen. Dann hätte er keinen Plan ersonnen, der nur dank absurder Zufälle funktioniert, sondern er hätte einen perfekten Plan, der an der Realität scheitert.
Hopkins‘ Film ist, dank der gut aufgelegten Schauspieler, die man immer wieder gerne sieht, eine nette Caper-Komödie, die natürlich den Klassikern des Genres Tribut zollt und deutlich besser als „Gambit – Der Masterplan“ ist.
Wie in alten Zeiten (The Love Punch, Frankreich/USA 2013)
Regie: Joel Hopkins
Drehbuch: Joel Hopkins
mit Pierce Brosnan, Emma Thompson, Timothy Spall, Celia Imrie, Louise Bourgoin, Laurent Lafitte
Länge: 95 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
– Hinweise Englische Facebook-Seite zum Film Deutsche Facebook-Seite zum Film
LV: Stephen Hunter: Point of Impact, 1993 (Im Fadenkreuz der Angst; Shooter)
Actionhaltiger Thriller über den desillusionierten Ex-Marine-Scharfschützen Bob Lee Swagger, der als Strohmann für einen Anschlag auf ein Staatsoberhaupt herhalten soll. Er kann vor seiner Verhaftung flüchten und beginnt die wahren Täter zu jagen.
Viele tolle Actionszenen, grandiose Landschaftsaufnahmen (ein Treffen auf einem schneeweißen Berggipfel sieht schon toll aus) und eine Story, die ziemlich vorhersehbar den Konventionen des Verschwörungssthrillers folgt, machen „Shooter“ zu einem Thriller, bei dem man nicht vollkommen auf das Denken verzichten muss. Am Ende gibt es dann einige unnötige Twists.
mit Mark Wahlberg, Michael Peña, Danny Glover, Kate Mara, Elias Koteas, Rhona Mitra, Rade Sherbedgia, Ned Beatty
Das ist, wenn ich mich jetzt nicht sehr irre, der einzige Film, der im Fernsehen zum dreißigsten Todestag von Francois Truffaut (21. Oktober) gezeigt wird.
Servus TV, 22.20 Die Braut trug Schwarz (Frankreich/Italien 1967, Regie: Francois Truffaut)
Drehbuch: Francois Truffaut, Jean-Louis Richard
LV: William Irish (Pseudonym von Cornell Woolrich): The Bride wore black, 1940 (Die Braut trägt Schwarz)
Wenige Sekunden vor der Hochzeit wird der Mann von Julie Kohler erschossen. Sie beschließt, seine Mörder umzubringen.
Truffauts Hommage an Alfred Hitchcock und eine fast schon chabrolhafte Abrechnung mit der Bourgeoisie.
„Truffaut auf einem ersten Höhepunkt seines Könnens“ schreibt Willi Winkler in „Die Filme von Francois Truffaut“ über „Die Braut trug Schwarz“. Davor drehte Truffaut „Sie küssten und sie schlugen ihn“, „Schießen Sie auf den Pianisten“, „Jules und Jim“, „Die süße Haut“ und „Fahrenheit 451“.
Mit Jeanne Moreau, Claude Rich, Jean-Claude Brialy, Michel Bouquet, Michel Lonsdale, Charles Denner
Wer sich Fatih Akins neuen Film „The Cut“ ansieht, weil er etwas über den Völkermord an dem Armeniern erfahren will, wird enttäuscht werden. Auch wer eine Neuauflage von „Gegen die Wand“ mit seinen hochschwappenden Emotionen erwartet, wird mit „The Cut“ wenig anfangen können. Denn „The Cut“ ist in erster Linie ein ruhig und mit überschaubarer emotionaler Wucht erzähltes Epos über die jahrelange Suche eines Vaters nach seinen beiden Töchtern, das vor gut hundert Jahren spielt. Es ist ein Fest für das Auge, das ein breites Publikum ansprechen soll. Auf der ganzen Welt. Deshalb wurde der Film auf Englisch gedreht, was auch die Suche nach den richtigen Darstellern erleichterte. Obwohl der von Tahar Rahim (Ein Prophet, Black Gold, Le Passé – Das Vergangene) gespielte Protagonist Nazaret Mannoogian, nach einem Mordversuch, die meiste Zeit stumm ist.
Der Film beginnt 1915 in Mesopotamien in Mardin, als der junge, nette Schmied Nazaret von seiner Familie getrennt wird. Die türkische Gendarmerie treibt alle armenischen Männer zusammen. Fortan müssen sie in der Wüste Frondienste leisten. Die meisten sterben. Nazaret überlebt. Allerdings hört er, dass alle Bewohner seiner Heimatstadt tot sind. Erst später erfährt er, dass seine beiden Töchter die Massaker doch überlebten. Er beginnt, sie zu suchen. Seine Reise, die den Hauptteil des Filmes ausmacht, führt ihn immer weiter nach Westen, bis er, via Havanna, in den USA, in North Dakota, ankommt, wo er – das dürfte jetzt wirklich niemand überraschen – nach einer fast zehnjährigen Suche seine Töchter findet.
Akin erzählt, basierend auf einem von ihm und Mardik Martin („Hexenkessel“, „New York, New York“, „Wie ein wilder Stier“) geschriebenem Drehbuch, eine private Geschichte vor einem historischen Hintergrund, der immer nur die austauschbare Kulisse für die Filmgeschichte bleibt. Akins Film ist eine episodische Reiseerzählung mit vielen gelungenen Episoden, Die verzweifelte Suche von Nazaret nach seinen Kindern erinnert an die manische Suche von Ethan Edwards (John Wayne) nach seiner Nichte in John Fords „Der schwarze Falke“. Auch optisch ist „The Cut“ vom Western inspiriert. Immerhin spielen große Teile des Films in der Wüste, in menschenleeren Landschaften, an und auf Eisenbahngleisen (in den USA ist Nazareth auch Gleisbauarbeiter und er hilft einer Indianerin) und die Cinemascope-Aufnahmen erinnern natürlich an die klassischen Westernbilder.
Es ist auch ein Film, der Akins direkte emotionale Betroffenheit vermissen lässt. „The Cut“ ist kein kleiner, persönlicher Film. Er will es auch in keiner Sekunde sein. Er will ein breites Publikum ansprechen und dafür bedient er sich gelungen der Erzähltopoi und Erzählmechanismen des klassischen Hollywood-Kinos, wie es zuletzt Philipp Stölz mit „Der Medicus“ tat.
„The Cut“ ist gelungenes Unterhaltungskino. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Während Konservative gerade ihre Vorstellungen zur Prostitution in Gesetzesform gießen, dabei entschieden gegen Zwangsprostitution (Wie erkenne ich eine Zwangsprostitutierte?), Flatrate-Bordelle (Hm?), Gangbang-Partys (Uh, ist das nicht ein freiwilliges Vergnügen von Erwachsenen?) und minderjährige Prostituierte (also: unter 21 Jahren geht käuflicher Sex gar nicht, aber morden für’s Vaterland ist okay) vorgehen will, gerne auch mit einer Anmeldepflicht für Sexarbeiterinnen (weil nur eine angemeldete Prostituierte keine Zwangsprostitutierte ist), ist ein Buch wie Melissa Gira Grants „Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit“ notwendig und wichtig, auch wenn Grant, die selbst Sexarbeiterin war, teilweise arg akademisch schreibt und sie Fakten (die sie kaum belegt und die daher nicht überprüft werden können) mit ihrer Meinung vermischt. Weil „Hure spielen“ allerdings ein Pamphlet ist, das sich in einem aktuellen Diskurs eindeutig positioniert und Grant vor allem Denkanstöße vermitteln will, ist das akzeptabel. Auch wenn wahrscheinlich genau die Menschen, die ihre Meinung zur Sexarbeit überprüfen sollten, „Hure spielen“ nicht lesen werden.
Außerdem konzentriert die Amerikanerin sich auf die Verhältnisse in ihrem Heimatland. Das ist zwar verständlich, mindert aber den Wert des Buches für uns beträchtlich. Denn viele Kämpfe und Probleme für US-Sexarbeiterinnen, vor allem dort grassierende Bigotterie, gibt es so in Deutschland nicht, obwohl es auch hier entschiedene Prostitutionsgegnerinnen (die gerne mit Fantasiezahlen operieren), massive Probleme mit der Polizei und Ämtern (wie mir einige Berliner Sexarbeiterinnen kürzlich erzählten) und einen Diskurs über Betroffene gibt, bei dem die Betroffenen nicht gefragt werden. So als seinen Huren Menschen, die zu dumm sind, um ihre Lage richtig einzuschätzen. Was in Deutschland besonders für die Zwangsprostitutierten gilt, die natürlich alle aus Osteuropa kommen und hier, zu ihrer eigenen Überraschung, in Bordellen unterdrückt werden. Es muss sich um unglaubliche Zahlen handeln. Denn die eher geringen Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatististik werden von konservativen Politikern nicht genannt. 2013 waren es 542 Opfer von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. In den vergangenen Jahren sank die Zahl auf den niedrigsten Stand seit 2006.
In ihrem Vorwort erwähnt Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal auch die vierzigtausend Frauen, die 2006 zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Deutschland kommen sollten, um die Fußballfans sexuell zu befriedigen. Zusätzlich zu den bereits in Deutschland lebenden Sexarbeiterinnen. Es gab, wie man im „Bundeslagebild Menschenhandel 2006“ des Bundeskriminalamtes erfährt, 5 (in Worten: Fünf!) Fälle.
In ihrem Buch versucht Melissa Gira Grant einige der Mythen, die sich um die Sexarbeit ranken, zu entmystifizieren. Außerdem betont sie immer wieder die Vielfältigkeit der Sexarbeit zwischen Straßenstrich, Escort, Clubs in all ihren Schattierungen bis hin zum Pornofilmgeschäft. Sie geht auch auf die Repression durch Polizei und Politik ein. Und immer wieder wendet sie sich gegen die selbsternannten Retter von Prostituierten, deren falsche Argumente und wie sie gegen Hurenorganisationen arbeiten.
Bei mir rennt Melissa Gira Grant offene Scheunentore ein, weshalb „Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit“ mich lediglich in meinen Ansichten bestätigte. Pieke Biermanns Interviewbuch „’Wir sind Frauen wie andere auch!‘ – Prostituierte und ihre Kämpfe“ (Argument Verlag, 2014) fand ich da interessanter.
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Melissa Gira Grant: Hure spielen – Die Arbeit der Sexarbeit (Nautilus Flugschrift) (übersetzt von Georg Felix Harsch) Edition Nautilus, 2014 192 Seiten
14,90 Euro
– Originalausgabe
Playing the Whore – The Work of Sex Work
Verso, London/New York 2014
– Melissa Gira Grant besucht Deutschland
Berlin: Freitag, 17. Oktober – 19 Uhr im Salon der Rosa-Luxemburg-Stiftung, (Franz-Mehring-Platz 1), Moderation: PG Macioti
Hamburg: Samstag, 18. Oktober – 20 Uhr im GOLEM (Große Elbstraße 14), Moderation: Mithu M. Sanyal
Köln: Montag, 20. Oktober – 19 Uhr im Odonien (Hornstraße 85), Moderation: Susanne Kleinfeld
Bonn: Dienstag, 21. Oktober – 20 Uhr im Buchladen Le Sabot (Breite Straße 76), Moderation: Susanne Kleinfeld
Die Tour findet in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung statt.
– Hinweise
Stilsicherer, an das Kino der Siebziger erinnernder, 1988 in New York spielender Polizeithriller über zwei Brüder: der eine folgt der Familientradition und wird Polizist; der andere Discobesitzer und Verbrecher. Jetzt steht der Discobesitzer vor der Frage, ob er vollständig mit seiner Familie brechen soll.
„Helden der Nacht hat alle Ingredienzien eines Genrethrillers. Mehr noch, Gray scheint einigen dieser Klassiker seine Reverenz erweisen wollen. In seinen besten Momenten ruft Helden der Nacht Erinnerungen an die Korruptionsthriller Sidney Lumets oder die dreckigen kleinen Nachtfilme Scorseses wach.“ (epd Film 2/2008)
Mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Tony Musante
Die letzten Jahre war Robert Downey Jr. vor allem als Iron Man (aka Tony Stark) im Marvel-Universum unterwegs. Da konnte man fast vergessen, dass er seine Karriere als Charakterdarsteller begann und für seine Darstellung von Charlie Chaplin in „Chaplin“ eine Oscar- und Golden-Globe-Nominierung als bester Hauptdarsteller erhielt.
Sein neuer, von ihm mitproduzierter Film „Der Richter – Recht oder Ehre“, inszeniert von David Dobkin (Die Hochzeits-Crasher), nach einem Drehbuch von Nick Schenk (Gran Torino) und Bill Dubuque, ist eine Rückkehr zum Drama, das von den Schauspielern getragen wird. Obwohl Robert Downeys Charakter auf den ersten Blick Tony Stark ohne Rüstung ist. Denn Großstadtanwalt Hank Palmer ist ein arrogantes Arschloch, das bedenkenlos auf den Gefühlen seiner Mitmenschen herumtrampelt, solange er damit für seine normalerweise schuldigen, immer vermögenden Mandanten ein gutes Gerichtsurteil erreichen kann. Er kommt zwar aus einer Kleinstadt, aber er will unter keinen Umständen zurück. Seine Familie besuchte er schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Mit seinem Vater, einem Kleinstadtrichter seit 42 Jahren, ist er zerstritten.
Als seine Mutter stirbt, muss er für einige Stunden zurück nach Carlinville, Indiana. Er will nach der Beerdigung das Dorf so schnell wie möglich verlassen. Als er seinen Rückflug antreten will, erfährt er, dass sein mit Gedächtnislücken kämpfender, prinzipientreuer Vater angeklagt ist, einen Mann überfahren zu haben. Die Anklage plädiert auf kaltblütigen Mord. Palmer entschließt sich, zu bleiben und seinem Vater zu helfen. Der lehnt diese Hilfe vor Gericht allerdings zunächst ab.
„Der Richter“ verknüpft Gerichtsdrama (Ist Joseph Palmer schuldig? Kann Hank einen Freispruch erwirken?) mit Familiendrama (Können Vater und Sohn ihre Differenzen überwinden?) mit Liebesdrama (Wird Hank bei seiner Jugendliebe Samantha bleiben?) auf dem Niveau eines guten TV-Zweiteilers: die einzelnen Plots sind lehrbuchhaft austariert, die Geschichten bewegen sich zügig voran, die Schauspieler sind gut, die Optik ist gediegen. Aber jeder Plot bewegt sich absolut vorhersehbar auf sein Ende zu.
Einige Subplots, vor allem die Liebesgeschichte zwischen Hank und Samantha (Vera Farmiga) hätte man problemlos streichen können. Und das sage ich als Vera-Farmiga-Fan, der ich jede Minute Screentime gönne. In dem Vater-Sohn-Drama ist sie allerdings vollkommen verschenkt als Jugendliebe, die über zwei Jahrzehnte auf die Rückkehr ihrer High-School-Romanze wartet.
Mit 141 Minuten ist „Der Richter“ für einen Spielfilm auch extrem lang geraten, was auch daran liegt, dass als weiterer Subplot noch Hanks Beziehung zu seiner siebenjährigen Tochter, die ihn in Carlinville besucht, angesprochen wird. Auch hier hätte man Hanks Tochter durch irgendein Nachbarkind ersetzen können. Denn eigentlich wollen die Macher nur zeigen, dass Hanks biestiger Vater ein liebevoller Großvater ist. Immerhin wird Hanks gerade laufende Scheidung nicht weiter thematisiert. Das ist dann Stoff für den Extended-DVD-Cut, der dann wirklich alles aus dem Kleinstadtleben der Familie Palmer erzählt.
Als die Turtles 1990 zum ersten Mal die deutschen Kinos eroberten, begeisterten sie vor allem Kinder irgendwo zwischen Kindergarten und erster Klasse. Die waren auch begeistert von den Turtles-Gummibärchen, die sie an die nächste Wand werfen konnten, wo sie, bis sie gegessen wurden, kleben blieben.
Jetzt dürfte es ähnlich sein. Denn „Teenage Mutant Ninja Turtles“ ist vor allem kindisch auf eine uncharmant-nervtötende Weise. Außerdem beweist „Zorn der Titanen“-Regisseur Jonathan Liebesman in seinem neuesten Film, dass man für einen waschechten Michael-Bay-Film nicht unbedingt Michael Bay als Regisseur braucht. Produktion reicht auch. Denn „Teenage Mutant Ninja Turtles“ ist „Transformers“ mit mutierten Schildkröten. Sogar Megan Fox darf wieder mitspielen. Also mit einem möglichst intelligentem Gesichtsausdruck durch das Bild laufen, ihren Kollegenfreund Will Arnett becircen (wegen Fahrgelegenheit und Filmkamera) und sich von Whoopi Goldberg die Leviten lesen lassen. Die Story ist eine lieblose Aneinanderreihung von Szenen, die man kaum Story nennen kann und die die Origin-Story der mutierten Schildkröten „erzählt“.
Also: New York leidet unter einer Kriminalitätswelle für die Shredder und seine Leute verantwortlich sind. Der Unternehmer Eric Sacks (William Fichtner) erklärt sich bereit, die Polizei finanziell und mit seinen Produkten zu unterstützen. Gleichzeitig entdeckt die junge, ambitionierte TV-Reporterin April O’Neil (Megan Fox) bei einem ihrer nächtlichen Ausflüge eine Gruppe Maskierter, die einige Bösewichter verkloppen. Irgendwie sehen sie wie Schildkröten aus und sie hinterlassen rätselhafte Zeichen. Boulevard-Journalistin April weiß, dass sie gerade ihre große Story entdeckt hat.
Als sie ihrer cholerisch-scharfzüngige Chefredakteurin (Whoopi Goldberg) diese Gaga-Story über Krimininalitätsbekämpfer in Schildkrötenkostümen erzählt, wird sie von ihr vor versammelter Mannschaft abgebügelt. Natürlich sucht April weiter nach den Schildkröten, die sie auch schnell entdeckt: es sind mutierte Tiere, die seit Jahren zusammen mit ihrem Lehrer Master Splinter, einer mutierten Ratte, in der Kanalisation überleben, nachdem das Forschungslabor, in dem sie gezüchtet wurden, abbrannte. Es war – Überraschung! – ein Labor, das von Sacks und Aprils Vater betrieben wurde und in dem April als Kind die Tiere pflegte, wofür die Turtles ihr noch heute dankbar sind. Bei dem Feuer starb Aprils Vater. Oh, und das Feuer wurde von Sacks gelegt. Denn, das ist jetzt aber keine Überraschung, Sacks ist der Bösewicht, der mit Shredder auch hinter der Verbrechenswelle steckt. Sein Angebot, der Polizei zu helfen, ist dabei nur der perfide Plan, um die Herrschaft über die Stadt zu erlangen.
Und den Rest könnt ihr euch jetzt wahrscheinlich denken. Jedenfalls rumpelt die Story lärmig in lieblos zusammengepappten Szenen zum finalen Showdown. Es gibt infantile Sprüche der vier titelgebenden „Teenage Mutant Ninja Turtles“. Es gibt hoffnungslos konfuse, schnell vergessene Action-Szenen und irgendwann zwischen zwei Bildern verschwindet dann auch die oberste Gehilfin des Bösewichts (Minae Noji). Früher hatten wichtige Bösewichter noch einen eindrucksvollen Abgang.
Sowieso wirkt „Teenage Mutant Ninja Turtles“ wie eine lieblose Aneinanderreihung von nicht erinnerungswürdigen Set Pieces, die ohne ein Drehbuch aneinandergereiht wurden. Liebesmans Werk markiert, neben Michael Bays „Transformers: Ära des Untergangs“, den absoluten Tiefpunkt des diesjährigen, weitgehend gelungenen Blockbuster-Sommers.
3sat, 21.00 scobel: Sex gegen Geld – Prostitution in Deutschland
Gert Scobel diskutiert mit Mechthild Eickel (Sozialarbeiter, Leiterin der Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen „Madonna“), Norbert Brockmeyer (Mediziner) und Udo Gerheim (Soziologe) über die Sexarbeit – und auch über die Vorschläge der Bundesregierung zur Reform des Prostitutionsgesetzes. Mehr Infos hier.
Ältere Fans von Ulf Miehe und Philip K. Dick und passionierte Antiquariate-Besucher dürften diese Werke schon in ihrem Regal stehen haben. Obwohl ich die Werke von Philip K. Dick (1928 – 1982) und Ulf Miehe (1940 – 1989) eher selten in Antiquariaten entdecke. Anscheinend behalten die Menschen, die deren Werke gekauft haben, sie. Was für die Qualität ihrer Bücher und für eine Neuauflage spricht. Denn niemand sollte der Zugang zu guten Büchern verwehrt werden.
Von Ulf Miehe, dessen grandioser Gangsterthriller „Puma“ in den vergangenen Jahren mehrmals mit verschiedenem Bonusmaterial erschien, erschien jetzt bei Rotbuch sein dritter Kriminalroman „Lilli Berlin“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Rick Jankowski, der als Mörder gesucht wird und weil der Roman in Berlin um 1980 spielt, dürfte er auch mit Vorwende-Lokalkolorit gesättigt sein.
In der aktuellen Ausgabe von „Lilli Berlin“ sind auch ein neues Nachwort von Rainer Weiss, seinem damaligem Lektor, eine Bio- und Bibliographie und einige Gedanken von Ulf Miehe über den deutschen Kriminalroman enthalten.
Jetzt fehlt nur noch Miehes erster Kriminalroman „Ich hab noch einen Toten in Berlin“, der erstmals 1973 erschien und derzeit nur antiquarisch erhältlich ist. Falls überhaupt.
Philip K. Dick, der Mann, der die Vorlage für „Blade Runner“ schrieb, ist einer der legendären Science-Fiction-Autoren, dessen Hauptwerk in den vergangenen Jahren gut erhältlich war. Einige Bücher, wie das mit dem Hugo Award ausgezeichnete „Das Orakel vom Berge“ (in dem die Nazis und die Japaner den zweiten Weltkrieg gewannen), erschien in mehreren Übersetzungen, zuletzt im Heyne-Verlag, der sich liebevoll um sein Werk kümmert.
Der Fischer-Verlag legte jetzt in seiner Klassik-Reihe den zweiten Schwung von Philip-K.-Dick-Reprints vor. Es sind „Marsianischer Zeitsturz“, „Ubik“ und „Der dunkle Schirm“. Immer in den gut erhältlichen Heyne-Übersetzungen, allerdings nicht immer mit den Nachworten, die es bei den neueren Heyne-Ausgaben gab.
In „Marsianischer Zeitsturz“ ist der Mars besiedelt, das Leben dort ähnelt dem auf der Erde und Arnie Kott, der mächtigste Mann auf dem Mars, will noch mächtiger werden. Dabei soll ihm ein geistesgestörter Junge, der durch die Zeit reisen und sie nach seinen Vorstellungen verändern kann, helfen. Paul Williams schrieb über den Roman: „’Marsianischer Zeitsturz‘ repräsentiert (…) auf einzigartige Weise Dicks Gesamtwerk und seine Genialität.“
In „Ubik“ ist der Mond besiedelt, die Erde zerfällt, Dinge reisen in ihre Zeit zurück und wir fragen uns, was Realität ist.
In „Der dunkle Schirm“ (2006 von Richard Linklater verfilmt) nimmt ein Undercover-Polizist eine neue Droge und plötzlich beginnen seine Identitäten gegeneinander zu kämpfen.
Christian Gasser schreibt in seinem Nachwort über den zwischen 1972 und 1975 geschriebenen, 1977 veröffentlichten Roman: „einer der großen amerikanischen Romane über das Ende der Utopien der Sechziger und die Entzauberung der Drogenmythologie, (…) würde schon lange in einem Atemzug mit den Werken von William S. Burroughs‘ und Thomas Pynchons genannt werden“ wenn er damals nicht als Science-Fiction-Roman erschienen wäre.
Tja, nun: Kaufbefehl. Kaufbefehl. Kaufbefehl. Kaufbefehl.
Oh, und bei „A scanner darkly – Der dunkle Schirm“ gibt es noch einen Sehbefehl. Allein schon die Schauspieler. Und dann noch die Optik.
– Ulf Miehe: Lilli Berlin Rotbuch 2014 224 Seiten
14,95 Euro
– Erstausgabe
Piper, 1981
– Philip K. Dick: Marsianischer Zeitsturz (übersetzt von Michael Nagula) Fischer Klassik, 2014 288 Seiten
9,99 Euro
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Reprint der Heyne-Übersetzung.
– Originalausgabe
Martian Time-Slip
Ballantine Books, 1964
– Philip K. Dick: Ubik (übersetzt von Renate Laux) Fischer Klassik, 2014 224 Seiten
9,99 Euro
–
Reprint der Heyne-Übersetzung.
– Originalausgabe
Ubik
Doubleday & Company, 1969
– Philip K. Dick: Der dunkle Schirm (übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf, durchgesehen und überarbeitet von Alexander Martin) (mit einem Nachwort von Christian Gasser [2003]) Fischer Klassik, 2014 336 Seiten
9,99 Euro
–
Reprint der Heyne-Übersetzung.
– Originalausgabe
A scanner darkly
Doubleday & Company, 1977
– Hinweise
Mit „Die Nacht der lebenden Toten“ fing es 1968 an. Weil in der Hölle kein Platz mehr frei war, kehrten die Toten auf die Erde zurück und als seelenlos vor sich hin stolpernde Wesen mit unstillbarem Menschenfleischhunger bevölkerten sie die Erde und die Popkultur. Nur mit einem Kopfschuss oder einer Enthauptung konnten die Zombies getötet werden; – was immer hübsch blutige, garantiert nicht-jugendfreie Bilder garantierte.
In den nächsten Jahrzehnten versuchte „Die Nacht der lebenden Toten“-Regisseur George A. Romero sich auch in anderen Genres, aber letztendlich kehrte er immer wieder zu den Zombies zurück. Denn seine anderen Filme, meistens Horrorfilme („Crazies“ [sollte man sich wegen Ebola wieder ansehen], „Der Affe im Menschen“, „Stephen Kings Stark“), waren nicht unbedingt erfolgreich und auch nie so einflussreich wie seine Zombies.
In den vergangenen Jahren erlebten Zombies (ich sage nur „The Walking Dead“) und Vampire (ich sage nur „Twilight“ und „True Blood“) eine Renaissance, weshalb in George A. Romeros Comic „Empire of the Dead“ auch Vampire mitspielen.
Jetzt erschien, als „Erster Akt“, eine Zusammenstellung der ersten fünf „Empire of the Dead“-Hefte, die wenig über die gesamte Geschichte verraten, aber Lust auf mehr machen. Eigentlich werden wir nur in die Zombie-Welt eingeführt, lernen die Hauptcharaktere und einige Konflikte kennen.
Die Geschichte spielt in Manhattan, das hermetisch abgeriegelt ist; was schon etwas an Romeros „Land of the Dead“ erinnert. Es gibt eine Klassengesellschaft. Bürgermeister Chandrake veranstaltet im Circus Maximus für die Massen Zombieshows, in denen er Zombies aufeinander loslässt. Oh, und dieser Diktator, sein Neffe Bill und sein Gefolge sind Vampire. Das wissen die Menschen aber nicht.
Die junge Ärztin Penny Jones von der Columbia University glaubt, dass die Zombies noch Erinnerungen an ihr früheres Leben haben, zu Gefühlen fähig sind und sie auch erzogen werden können. Sie sagt gegenüber dem Bürgermeister: „Ich suche einen Weg, mit diesen Kreaturen zu leben. Auf diesem Planeten ist nicht genug Platz für zwei Spezies, die sich gegenseitig ausrotten möchten.“
Als sie Frances Xavier, einen SWAT-Officer, der vor zwei Wochen spurlos verschwand und jetzt ein Zombie ist, entdeckt, darf sie die Polizistin, mit der Erlaubnis des Bürgermeisters, studieren und erziehen. Denn Xavier wurde geschnappt, als sie versuchte einen Dieb zu verhaften. Sie scheint lernfähig und zu Gefühlen fähig zu sein.
Der Serienauftakt „Empire of the Dead: Erster Akt“ macht neugierig auf die weitere Geschichte, die in insgesamt fünfzehn Heften erzählt werden soll.
Auf den ersten Blick erzählt Romero eine weitere Geschichte aus seiner Zombie-Welt; wobei diese Zombies intelligenter als die bisher bekannten Romero-Zombies sind. Sie sind auch intelligenter als die „Land of the Dead“-Zombies.
Mit den Vampiren infiziert er diese Welt mit neuem Blut und es ist schon interessant, herauszufinden, wie sich die Konflikte zwischen drei Spezies, die sich gegenseitig ausrotten möchten und misstrauen, eskalieren und gelöst werden. Denn die Menschen in Manhattan wissen noch nicht, dass sie von einem Vampir regiert werden.
Und weil George A. Romero seine Untoten-Filme auch immer für wenig subtile, aber ätzende Gesellschaftskritik nutzte, dürfte in „The Empire of the Dead“ in dieser Hinsicht noch einiges kommen. Nur ein Circus Maximus nach römischem Vorbild wäre als Gesellschaftskritik doch etwas wenig.
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George A. Romero/Alex Maleev: Empire of the Dead – Erster Akt (übersetzt von Joachim Körber) Panini, 2014 132 Seiten
16,99 Euro
– Originalausgabe
Empire of the Dead – Act One
Marvel, 2014 (# 1 – 5)
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Hinweise
Kabel 1, 22.00 Spiel auf Zeit (USA 1998, Regie: Brian De Palma)
Drehbuch: David Koepp (nach einer Geschichte von Brian De Palma und David Koepp)
Während eines Boxkampfs in einem Casino in Atlantic City wird der Verteidigungsminister erschossen. Kurz darauf stirbt der Attentäter. Rampensau-Cop Rick Santoro (Nicolas Cage) reißt die Ermittlungen an sich und als er sich die Videoaufzeichnungen der Kampfarena ansieht, entdeckt er Unstimmigkeiten.
Der Anfang, eine gut viertelstündige Plansequenz Szene mit Nicolas Cage und dem Tatort im Mittelpunkt, ist grandios und atemberaubend. Danach dekonstruiert De Palma in einem atemberaubendem Tempo diese Sequenz bis kein Bild mehr auf dem anderen bleibt.
„Inhaltlich an klassischen Verschwörungsfilmen orientiert, ist der Parforcerittt vor allem eine gekonnte Studie, wie man mit Film manipulieren und die Wahrnehmung beeinflussen kann.“ (Fischer Film Almanach 1999)
Damals freute man sich noch auf den neuen Film mit Nicolas Cage und den neuen Film von Brian De Palma.
mit Nicolas Cage, Gary Sinise, John Heard, Carla Gugino, Stan Shaw, Kevin Dunn, Lou Logan, Michael Rispoli, Joel Fabiani, Luis Guzmán Wiederholung: Donnerstag, 16. Oktober, 02.10 Uhr (Taggenau!) Hinweise Rotten Tomatoes über „Spiel auf Zeit“
Wikipedia über „Spiel auf Zeit“ (deutsch, englisch) Brian De Palma in der Kriminalakte
„Lay down my sword and shield“ war der erste Roman mit Hack Holland, der 1971 erschien und der das Ende des Frühwerks von James Lee Burke markiert. Die nächsten Jahre veröffentlichte er keine weiteren Bücher. Mit seinem ersten Dave-Robicheaux-Roman „The Neon Rain“, der 1987 erschien, begann dann seine wirkliche Karriere als Autor.
2009 veröffentlichte er mit „Rain Gods“ einen weiteren Roman mit Hack Holland, der am 20. Oktober bei Heyne Hardcore als „Regengötter“ erscheint.
Meine Besprechung erscheint dann. Das Cover sieht so aus
LV: Ken Bruen: Blitz or Brant Hits the Blues, 2002
London: Detective Sergeant Brant jagt einen Polizistenmörder und kümmert sich dabei wenig um Recht und Gesetz.
Harter Copfilm nach einem harten Polizeiroman von Ken Bruen, dem Erfinder von Jack Taylor. Seine sieben „Inspector Brant“-Romane sind bis jetzt noch nicht übersetzt.
mit Jason Statham, Paddy Considine, Aidan Gillen, David Morrisey, Luke Evans
Wiederholung: Mittwoch, 15. Oktober, 00.15 Uhr (Taggenau! – Dann müsste auch die ungekürzte Fassung des FSK-18-Films laufen)
Aidan Bloom ist zwar bereits knapp vierzig, glücklich verheiratet und Vater von zwei netten Kindern, aber eigentlich ist er immer noch ein Kind. Ein Tagträumer. Ein erfolgloser Schauspieler in der „Stadt der Träume“, der wie tausend andere das Filmgeschäft vor allem von der Casting Couch aus sieht. Die jüdische Privatschule für seine zwölfjährige Tochter Grace und seinen sechsjährigen Sohn Tucker wird von seinem Vater Gabe bezahlt, weil Aidan sich eine so gute Schule nicht leisten kann und weil Gabe wert auf eine richtig jüdische Erziehung legt.
Jetzt streicht er allerdings das Schulgeld. Er hat Krebs und benötigt sein Vermögen für eine kostspielige Behandlung.
Aidan, der seine Kinder nicht auf eine der schlimmen staatlichen Schulen schicken will, beginnt sie zu Hause zu unterrichten.
Das könnte jetzt der Anfang von einem Drama oder, immerhin war die erste Inspiration für den Film von Zach (Regie, Drehbuch) und Adam Braff (Drehbuch), die Beobachtung, dass immer mehr ihrer Bekannten ihre Kinder zu Hause unterrichteten, eine furiose Anklage gegen das US-amerikanische Bildungssystem sein, in dem nur noch Reiche sich die Ausbildung ihrer Kinder leisten können.
Aber „Wish I was here“ ist eine US-Independent-Komödie über die Ängste, Nöte und Träume von Vierzigjährigen, die gar nicht versucht, mehr als eine Ansammlung von vielen kleinen Episoden zu sein, die immer auf eine Pointe hin erzählt werden und uns einige Wochen aus dem Leben der Familie Bloom präsentieren. Wochen, die mit der Nachricht von Gabes Krankheit beginnen und mit seinem Tod enden. Dass Aidan am Filmende auch eine kleine Gruppe Amateurschauspieler unterrichtet, kann höchstens von extrem gutwilligen Geistern als entscheidende Veränderung in seinem Leben, als ein entscheidender Schritt von einem Träumer zu einem traditionell-veranwortungsvollem Familienvater, der das Einkommen der Familie bestreitet, gesehen werden. Denn bislang ist Aidans Frau die Hauptverdienerin und sie hat, ein weiterer Subplot, im Film Probleme mit einem Kollegen, der sie verbal sexuell belästigt.
Und weil Braffs Film größtenteils über eine Kickstarter-Kampagne finanziert wurde, gibt es auch einige Episoden, die in einer Fantasiewelt spielen, in der Braff sich als Superhelden sieht, er hat einen Bruder, der als der totale Nerd und Genie vor allem das ultimativen Comic-Con-Köstum basteln will und in einem Besetzungsbüro erzählt Aidan einem Kollegen, wie er die Rolle als Besatzungsmitglied Nummer 5 spielen soll. Dass ein Hollywood-Schauspieler diese Geschichte, die sogar ich schon mehrfach gehört habe, nicht kennt, ist arg unglaubwürdig. Diese Episoden erfüllen primär Fanbedürfnisse, wie auch der gesamte Film sich immer an seine Kickstarter-Unterstützer anbiedert, die vor allem einen Film wollen, der ihnen gefällt. So hat „Wish I was here“, ob gewollt oder ungewollt, nie die Vision eines Films von Woody Allen, Joel und Ethan Coen, Jim Jarmusch oder eines anderen Filmemachers, der letztendlich nur seiner eigenen Vision folgt und auf keine oder nur wenige Investoren hören muss. In Braffs Film ist immer eine Angst, Fehler zu machen spürbar. Diese Angst, die für Vierzigjährige, die „Generation Null Fehler“ (Heinz Bude), kennzeichnend sein soll, durchzieht den gesamten Film. Er verunsichert und irritiert nie, sondern bestätigt seine Charaktere – und die Zuschauer – in ihrem Leben.
Trotzdem ist „Wish I was here“, nach „Garden State“ der zweite Spielfilm von „Scrubs“-Star Zach Braff unterhaltsam, kurzweilig, witzig, episodisch, aber auch ziellos und oft konventionell in seinen Beschreibungen und Lösungen. Es ist auch ein Film, der im Privaten steckenbleibt, was nicht schlimm wäre – immerhin sind viele Indie-Komödien so gestrickt -, aber gerade wegen der Ausgangsidee doch etwas erstaunt.
The Sentinel – Wem kannst du trauen? (USA 2006, Regie: Clark Johnson)
Drehbuch: George Nolfi
LV: Gerald Petievich: The Sentinel, 2003
Aus den Reihen des Secret Service soll ein Attentat auf den Präsidenten geplant werden. Die Ermittlungen führen David Breckinridge zu seinem ehemaligem Freund Pete Garrison. Doch bevor er ihn verhaften kann, flüchtet Garrison. Garrison will auf eigene Faust den Verräter finden; falls er nicht vorher von Breckinridge erwischt wird.
Unterschätzter Thriller
Mit Michael Douglas, Kiefer Sutherland, Eva Longoria, Kim Basinger, Martin Donovan, David Rasche, Gloria Reuben, Clark Johnson
Ich halte es zwar für eine doofe Idee, aber die Jungs in Hollywood wissen sicher, was sie tun, wenn sie den neuen Tom-Cruise-Film „Edge of Tomorrow“ (so war der Kinotitel) jetzt als „Live.Die.Repeat./Edge of Tomorrow“ veröffentlichen. Jedenfalls findet man den Film jetzt als „Live.Die.Repeat.“, „Live.Die.Repeat/Edge of Tomorrow“, „Live.Die.Repat.: Edge of Tomorrow“ oder „Edge of Tomorrow: Live.Die.Repeat.“ (manchmal auch ohne die Punkte) gelistet. „Live.Die.Repeat.“ war der US-Werbespruch, der in den USA auch prominent herausgestellt wurde.
Auf dem normalen DVD-Cover (es gibt auch ein „Edge of Tomorrow“-Steelbook bei Amazon) jedenfalls ist „Live Die Repeat“ jetzt so groß gedruckt, dass das offensichtlich der offizielle Titel ist, während der Originaltitel und die Stars im Kleingedruckten des beeindruckend lieblosen Covers verschwinden. Denn das Cover sieht nicht aus, als sei es das Cover für einen neuen Tom-Cruise-Film, sondern für einen drittklassigen Rip-Off mit einem Hauptdarsteller der eine entfernte Ähnlichkeit mit Tom Cruise hat und Spontankäufer zu einem Fehlkauf verleiten soll.
Dabei lief der Film im Kino ganz ordentlich und die Kritiken waren positiv. Bei Rotten Tomatoes hat der Film einen Frischegrad von neunzig Prozent bei den Kritikern und den Zuschauern. Auch mir gefiel der Film. Zum Filmstart schrieb ich:
Was ist schlimmer? Ohne Ausbildung bei einem Militäreinsatz als Kanonenfutter innerhalb der ersten Minuten des Angriffs zu sterben oder gleich danach wieder aufzuwachen und die letzten Stunden seines Lebens wieder zu durchleben, wissen, dass man stirbt und nichts dagegen tun können, weil alle anderen einem kein Wort glauben? Major Bill Cage (Tom Cruise) versucht jedenfalls die Geschichte zu verändern. Immerhin hat er einen Vorteil im Kampf gegen die außerirdischen, scheinbar unbesiegbaren Mimics. Er weiß, was geschehen wird, er hat jetzt mehr als einen Versuch und er kann Rita Vrataski (Emily Blunt), eine bekannte Kämpferin, die die Außerirdischen bereits in einem Gefecht besiegte, überzeugen, ihn auszubilden. Und wie „Die Bourne-Identität“-Regisseur Doug Liman dann die Ausbildung und die Siege von Cage und Vrataski inszeniert, ist ein großer Spaß. Denn er wiederholt nur soviel wie nötig von der vorherigen Zeitschleife, was dazu führt, dass Cage (beziehungsweise Tom Cruise) innerhalb einer Minute mehrmals von Vrataski erschossen wird oder er Gespräche führt, die er bereits mehrmals geführt hat, was wir aber erst während des Gesprächs erfahren. Und so bewegt sich der Science-Fiction-Film in schlanken zwei Stunden auf den letzten Kampf zwischen Cage und den Außerirdischen zu. Diese bleiben allerdings vollkommen gesichtslos. Es sind einfach computergenerierte Tentakelwesen ohne irgendeine individuellen Eigenschaften, Ziele oder tiefere Bedeutung. Sie vernichten die Menschen. Das muss als Motivation genügen. Aber gerade wegen der überdeutlichen historischen Anspielungen fällt diese arg spartanische Zeichnung der Invasoren unangenehm auf. Die Schlacht, bei der Cage zum ersten Mal stirbt, ist an einem Strand in der Normandie. Die Außerirdischen haben, wie die Nazis, Europa besetzt. Deren Zentrale vermutet Cage in den Alpen, wo auch Hitlers Alpenfestung gewesen sein sollte. Aber diese offensichtlich politischen Anspielungen verpuffen im Nichts, weil die Außerirdischen keine irgendwie erkennbare metaphorische Bedeutung haben. Weil Regisseur Doug Liman und die Drehbuchautoren Christopher McQuarrie, Jez Butterworth und John-Henry Butterworth bereits für einige explizit politische Thriller, wie „Operation Walküre“ und „Fair Game“, verantwortlich sind, verwundert diese Leerstelle, die dem Film einiges von seiner potentiellen Kraft raubt. Jedenfalls als politischer Kommentar – und gute Science-Fiction ist immer ein Kommentar zur Gegenwart. Der Krieg gegen Nazi-Deutschland ist dagegen schon lange Vergangenheit. Abgesehen von diesen beiden Punkten ist „Edge of Tomorrow“ ein flotter Action-Science-Fiction-Thriller mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors und, im Gegensatz zu „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“, einem klugen Umgang mit den Paradoxien der Zeitreise (was hier eigentlich nur eine kleine Zeitschleife ist), die – wenn man die Erklärung akzeptiert – auch durchaus schlüssig erklärt werden.
Beim zweiten Ansehen fiel mir noch mehr auf, wie dicht und facettenreich Doug Liman die Geschichte erzählt und was für ein atemberaubendes Tempo er vorlegt. Ohne eine Sekunde zu zögern beginnt er mit der Geschichte, nach acht Minuten ist Major William Cage als einfacher Soldat in der Militärbasis, die Invasion in Frankreich beginnt mit einer epischen Schlacht und nach dreiundzwanzig Minuten erwacht er zum ersten Mal von den Toten. Nach neunundzwanzig Minuten zum zweiten Mal. Außerdem ist der Film durchgehend umwerfend komisch, wenn Tom Cruise verzweifelt durch den Krieg stolpert, im Sekundentakt getötet wird und es herrlich absurde Gespräche gibt, weil Cage dieses Gespräch nicht zum ersten Mal führt.
Die fehlende politische Dimension störte mich jetzt weniger, aber die digitalen Wischmop-Monster gehören immer noch zu den unglaubwürdigsten Alien-Kreaturen. Sie sind zwar, wenn ihre Tentakel durch die Luft schießen, furchterregend, aber auch nicht besonders erinnerungswürdig oder „Alien“-sexy.
Das Bonusmaterial der DVD besteht aus zwei Featurettes, die sich mit dem Kampfanzug (8 Minuten) und den Aliens (5 Minuten) beschäftigen. Sie sind informativ, aber auch arg kurz geraten.
Live.Die.Repeat./Edge of Tomorrow (Edge of Tomorrow, USA 2014)
Regie: Doug Liman
Drehbuch: Christopher McQuarrie, Jez Butterworth, John-Henry Butterworth
LV: Hiroshi Sakurazaka: All you need is Kill, 2004
mit Tom Cruise, Emily Blunt, Bill Paxton, Brendan Gleeson, Jonas Armstorng, Tony Way, Kick Gurry, Franz Drameh, Dragomir Mrsic, Charlotte Riley
– DVD
Warner
Bild: 2.40:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch (5.1)
Untertitel: Französisch, Niederländisch
Untertitel für Hörgeschädigte: Deutsch, Englisch, Italienisch
Bonusmaterial: Waffen der Zukunft, Kreaturen aus einer anderen Welt
Länge: 109 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
–
SWR, 22.32 Tatort: Kennwort Fähre (Deutschland 1972, Regie: Theo Mezger)
Drehbuch: Wolfgang Menge
Edith Reiser fällt nachts von Bord einer Bodensee-Fähre. Ihre Leiche wird nicht gefunden, aber bei seinen Ermittlungen entdeckt Kommissar Lutz Hinweise für einen Mord. Er verdächtigt den Ehemann Robert Reiser. Aber der hat ein Alibi. Er war in Friedrichshafen auf der Bootsmesse.
Das dürfte also einige Bilder vom Bodensee und von Friedrichshafen geben.
„Kennwort Fähre“ ist der zweite Fall von Kommissar Lutz, der von 1971 bis 1968 für den Süddeutschen Rundfunk sechzehn Fälle löste.
Anscheinend lief dieser „Tatort“ zuletzt vor zwanzig Jahren im Fernsehen – und dabei soll er ein spannender Fall sein. Aber wer hätte bei Wolfgang Menge (Stahlnetz, Ein Herz und eine Seele, Smog [der Wolfgang-Petersen-Film könnte auch mal wieder gezeigt werden], Das Millionenspiel) auch etwas anderes erwartet?
mit Werner Schumacher, Wolfgang Hepp, Max Strecker, Siegfried Rauch, Inge Bahr, Ulla Berkewicz, Karin Frey, Renate Heilmeyer Hinweise Tatort-Fundus über Kommissar Lutz Wikipedia über „Tatort: Kennwort Fähre“
Auch wenn in der lauschigen, ehrwürdigen Universitätsstadt Oxford (152.000 Einwohner, 20.000 Studenten), wie wir aus „Inspector Morse“ und „Lewis – Der Oxford Krimi“ wissen, emsig im Universitätsmilieu gemordet wird, zeigt „The Riot Club“ ein Bild der Studentenkultur, das wir so noch nicht gesehen haben.
Der – erfundene – Riot Club ist eine Dining Society, ein elitärer Club, in dem sorgfältig ausgewählte Mitglieder sich zum Jahresabschluss zu einem exklusiven und kostspieligem Abendessen treffen. Mitglied wird man, indem man von anderen Mitgliedern eingeladen wird und die Aufnahmeprüfungen besteht; wobei die Existenz dieser Clubs bekannt, aber ihr Innenleben ein gut gehütetes Geheimnis ist. Jeder hat schon einmal von ihnen gehört, aber niemand spricht darüber. Jeder weiß, dass Premierminister David Cameron und Londons Bürgermeister Boris Johnson zur gleichen Zeit Mitglied im „Bullington Club“ waren, der für seine Exzesse bekannt-berüchtigt ist.
In ihrem Theaterstück „Posh“ poträtiert Laura Wade einen fiktiven Club, der allerdings an den „Bullington Club“ erinnert. Ihr erfolgreiches Theaterstück verarbeitete sie zu einem Drehbuch, das jetzt von Lone Scherfig (Italienisch für Anfänger, An Education) als „The Riot Club“ verfilmt wurde. Der titelgebende Club besteht aus Mitgliedern der englischen Oberschicht, die ein Haufen vergnügungssüchtiger Snobs sind, deren Leben aus Drogenkonsum, Sex und pubertärem Gehabe besteht und die Glauben, sich mit ihrem Geld alles kaufen zu können. Dass diese Elite nicht besonders vorteilhaft wegkommt, wäre untertrieben.
Für das diesjährige Festessen muss, weil der Riot Club aus zehn Mitgliedern besteht, der Clubpräsident zwei neue Mitglieder aufnehmen. Die erste Hälfte des Films zeigt das Leben der Studenten in Oxford und wie der bodenständig-normale Studienanfänger Miles und Alistair, dessen großer Bruder bereits Präsident des Clubs war, Mitglieder des Clubs werden.
In der zweiten Hälfte wird dann mit kühler Präzision die alljährliche Völlerei des Clubs und die ihr innewohnende destruktive Dynamik gezeigt. Denn das Programm des Abends besteht in Essen und Trinken bis zum Umkippen. Die Zerstörung des Inventars ist ein läßlicher Nebenaspekt, der am nächsten Tag ohne mit der Wimper zu zucken finanziell beglichen wird. Spaß haben kostet halt Geld. Und für die Dinge, die nicht sofort mit Geld geregelt werden können, gibt es ja gute Anwälte und Beziehungen, die sie nach diesem Abendessen brauchen werden.
„The Riot Club“ zeigt, trotz satirischer Zuspitzungen und einer wenig subtilen Darstellung der Klassengesellschaft (die edle Arbeiterklasse hier, die dekadenten Reichen da), wie eine Klasse sich an der Macht hält und damit ein marodes System konserviert. Denn das einzig elitäre an dem Riot Club ist der von ihren unhinterfragte Glaube an die eigene Überlegenheit.