TV-Tipp für den 10. Februar: A beautiful Day

Februar 9, 2025

Arte, 22.00

A beautiful Day (You were never really here, Großbritannien 2017)

Regie Lynne Ramsay

Drehbuch: Lynne Ramsay

LV: Jonathan Ames: You were never really here, 2013

Brachial-Problemlöser Joe (Joaquin Phoenix) soll in New York die minderjährige Tochter eines US-Senators aus einem Bordell befreien.

TV-Premiere. Lynne Ramsay erzählt ihre sattsam bekannte, arg minimalistische Geschichte als einen assoziativen Albtraum in dem die Erklärungen nur aus den bekannten Genretopoi bestehen, die in Halbsätzen und Bildfetzen als Interpretationshilfen angeboten werden. Ob sie wirklich zusammenpassen ist egal. Das Ergebnis ist ein extrem düsterer, pessimistischer, todernst erzählter, brutaler Noir, der von der Kritik abgefeiert wurde und in Cannes zwei Preise (Drehbuch, Schauspiel) erhielt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung (mit der Cannes-Pressekonferenz und Interviews mit Lynne Ramsay und Jonathan Ames).

mit Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Judith Roberts, John Doman, Alex Manette, Alesssandro Nivola, Frank Pando, Vinicius Damasceno

Wiederholung: Donnerstag, 13. Februar, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Moviepilot über „A beautiful Day“

Metacritic über „A beautiful Day“

Rotten Tomatoes über „A beautiful Day“

Wikipedia über „A beautiful Day“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lynne Ramsays „A beautiful Day“ (You were never really here, Großbritannien 2017)


TV-Tipp für den 9. Februar: Der Krieg des Charlie Wilson

Februar 8, 2025

Arte, 20.15

Der Krieg des Charlie Wilson (Charlie Wilson’s War, USA 2007)

Regie: Michael Nichols

Drehbuch: Aaron Sorkin

LV: George Crile: Charlie Wilson’s War: The Extraordinary Story of the Largest Covert Operation in History, 2003 (Der Krieg des Charlie Wilson)

Auf Tatsachen basierende, von der Kritik abgefeierte und für viele Preise nominierte Polit-Komödie über den liberal-demokratischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, der in den Achtzigern half den afghanischen Widerstand gegen die Sowjets finanziell und mit Waffen zu unterstützten.

Die Folgen – nun, heute kennen wir die weitere Geschichte von Afghanistan, den Taliban und von Al-Qaida.

Mit Tom Hanks, Julia Roberts, Philip Seymour Hoffmann, Amy Adams, Ned Beatty, Emily Blunt, Michael Spellman

Wiederholung: Freitag, 14. Februar, 14.00 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Der Krieg des Charlie Wilson”

Wikipedia über “Der Krieg des Charlie Wilson” (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 8. Februar: Werk ohne Autor

Februar 7, 2025

One, 21.45

Werk ohne Autor (Deutschland 2018)

Regie: Florian Henckel von Donnersmarck

Drehbuch: Florian Henckel von Donnersmarck

Dreistündiges Biopic über den Künstler Kurt Barnert von seiner Kindheit 1937 bis zu seinem Durchbruch 1966 in Wuppertal.

Das ist nicht wirklich schlecht, trotz der Länge unterhaltsam und auch kurzweilig, aber letztendlich nur bildungsbürgerliches Erbauungskino, das brav den Nationalsozialismus, die DDR und die frühen Jahre der BRD an der Biographie des Künstlers Kurt Barnert abhandelt.

Das reale Vorbild für Barnert war Gerhard Richter. Der war von dem Film, nachdem er den Trailer (!) gesehen hatte, nicht begeistert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci, Hanno Koffler, Cai Cohrs, Jörg Schüttauf, Jeanette Hain, Ina Weise, Lars Eidinger, Jonas Dassler, Ben Becker, Hinnerk Schönemann

Wiederholung: Montag, 10. Februar, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Das Buch zum Film

Florian Henckel von Donnersmarck: Werk ohne Autor

Suhrkamp, 2018

200 Seiten

18 Euro

Hinweise

Filmportal über „Werk ohne Autor“

Moviepilot über „Werk ohne Autor“

Rotten Tomatoes über „Werk ohne Autor“

Wikipedia über „Werk ohne Autor“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ (Deutschland 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: Berliner Klänge, dokumentarisch aufbereitet: „Im Schatten der Träume“ und „Mutiny in Heaven – Nick Caves frühe Jahre“

Februar 7, 2025

Michael Jary, Bruno Balz und Nick Cave lebten in Berlin. Und während Cave allgemein bekannt ist (jedenfalls wenn man sich für Rockmusik interessiert), dürften die Namen Jary und Balz kaum jemand etwas sagen. Dabei komponierten sie unzählige Schlager, die von einem Millionenpublikum gehört wurden. Gassenhauer eben. Aber die Namen der Texter und Komponisten von Schlagern kennen nur die wenigen Menschen, die auch das Kleingedruckte auf der Plattenhülle oder der Schallplatte lesen. Dabei sind die Lieder von Komponist Michael Jary (24. September 1906, Laurahütte – 12. Juli 1988, München) und der offen homosexuelle Texter Bruno Balz (6. Oktober 1902, Berlin – 14. März 1988, Bad Wiessee) heute immer noch bekannt. Teils durch die Interpretationen von Zarah Leander, für die sie mehrere Lieder schrieben. Zu ihren gemeinsamen Werken gehören „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“, „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“, „Davon geht die Welt nicht unter“, „Das machen nur die Beine von Dolores“ und „Wir wollen niemals auseinandergehn“. Ihre Lieder sind in ungefähr 250 Kinofilmen zu hören.

Ihre Karriere begann, getrennt voneinander, in den zwanziger Jahren. Ab 1937 arbeiteten sie zusammen. In Berlin bezogen sie in der Fasanenstraße 60 zwei Wohnungen. So konnten sie einfacher zu jeder Tages- und Nachtzeit zusammen arbeiten. In den sechziger Jahren endete ihre jahrzehntelange Zusammenarbeit. Sie wandten sich auch vom musikalisch zunehmend uninteressantester werdendem Schlagergeschäft ab.

In seinem Dokumentarfilm „Im Schatten der Träume“ lässt Martin Witz das Leben von Komponist Michael Jary und Texter Bruno Balz Revue passieren in einer konventionellen Mischung aus sprechenden Köpfen (u. a. unser allerliebster Unterhaltungsmusiksänger Götz Alsmann und Rainer Rother, langjähriger kundiger Leiter der Kinemathek des Deutschen Historischen Museums [Berlin]), historischen Aufnahmen und Film- und Konzertausschnitten, in denen verschiedene Künstler ihre Lieder singen. Dabei entsteht auch ein Bild von Deutschland während der Weimarer Repulik, als Jary und Balz ihre Karriere begannen, dem Nationalsozialismus, als sie erfolgreich Lieder für UFA-Filme komponierten, und dem Wirtschaftswunder-Deutschland, als sie immer noch erfolgreich waren.

Insgesamt bleibt der Film deskriptiv an der Oberfläche und er ist überschaubar informativ, aber die alten Lieder funktionieren noch immer. Und deshalb gefällt der dann doch ziemlich kurzweilige Film.

Als Nick Cave und seine damalige Band „The Birthday Party“ 1982 nach Berlin kamen, lebten Jary und Balz noch und ein imaginiertes Treffen zwischen ihnen wäre sicher interessant geworden. Aber wahrscheinlich hätten sie sich nichts zu sagen gehabt. Während die Schlagerkomponisten Jary und Balz ihr Publikum nach einem anstrengenden Arbeitstag mit leichten Melodien erfreuen wollten, waren damals die Konzerte der „Birthday Party“ Nahkämpfe zwischen Publikum und Band und die Musiker waren wütend wütend wütend.

In seinem Dokumentarfilm „Mutiny in Heaven – Nick Caves frühe Jahre“ zeichnet Ian White die Geschichte von „The Birthday Party“ nach. Die kurzlebige und inzwischen legendäre Band ging aus der Punk/Wave-Band „The Boys next Door“ hervor. Als Nick Cave (voc), Mick Harvey (git, key, sax), Phill Calvert (dr), Tracy Pew (b) und Rowland S. Howard (git) 1980 von Melbourne (Australien) nach London umzogen und die LP „The Birthday Party“ veröffentlichten, änderten sie auch ihren Namen und ihren Stil. Fortan spielten sie lauten, aggressiven, kakophonischen Post-Punk/Noise-Rock. Die Kritik lobte den Krach, aber der große finanzielle Erfolg blieb aus. 1983 lösten sie sich auf. Nick Cave gründete die Bad Seeds.

Ian White montiert in seinem Dokumentarfilm über die Band Fotos, andere Dokumente aus der Bandgeschichte, viele bislang unbekannte Konzertmitschnitte und eigens für den Film erstellte animierte Sequenzen dicht und schnell aneinander. Die Menge der dokumentarischen Aufnahmen, die Ian White gefunden hat, ist beeindruckend. Die Bildqualität der Amateueraufnahmen oft historisch. Die Animationen basieren auf Originalzeichnungen von Reinhard Kleist. Von ihm sind auch die hochgelobten Comics „Nick Cave – Mercy on me“, „Nick Cave and The Bad Seeds: Ein Artbook“ und „Starman – David Bowie’s Ziggy Stardust Years“. Bei seiner durchdachten Montage des Materials arbeitet White mit Bildfehlern und akustischen und optischen Störungen. Die so entstandene Punk-Noise-DIY-Collage fordert Augen und Ohren heraus.

Darüber legt er die Stimmen der Bandmitglieder, die auf ihre Zeit in „The Birthday Party“ zurückblicken. Wie Asif Kapadia in seiner Amy-Winehouse-Doku „Amy“ verzichtet White so, obwohl er es doch ein-, zweimal tut, auf die in Dokumentarfilmen übliche Abfolge sprechender Köpfe. Allerdings können die einzelnen Sprecher nicht immer eindeutig identifiziert werden. Und natürlich ist ein solches Vorgehen nicht im Ansatz kritisch oder analytisch. Es ist Oral History und schwelgen in Erinnerungen.

Mutiny in Heaven – Nick Caves frühe Jahre“ ist ein Film für die Fans von Nick Cave, die mehr über die teuflisch wütenden Anfäge des zunehmend pastoralen Sängers wissen wollen, und für Musikfans die mehr über eine legendäre Noise-Band und die frühen achtziger Jahre erfahren wollen. Alle anderen sollten einen großen Bogen um dieses Werk machen.

Im Schatten der Träume (Schweiz/Deutschland 2024)

Regie: Martin Witz

Drehbuch: Martin Witz

mit Götz Alsmann, Manfred Herzer, Micaela Jary, Claudio Maniscalco, Rainer Rother, Klaudia Wick, Bibi Johns, Carol Schuler

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Im Schatten der Träume“

Moviepilot über „Im Schatten der Träume“

Wikipedia über „Im Schatten der Träume“, Michael Jary (deutsch, englisch) und Bruno Balz (deutsch, englisch)

Mutiny in Heaven – Nick Caves frühe Jahre (Mutiny in Heaven: The Birthday Party, Australlien 2023)

Regie: Ian White

Drehbuch: Ian White

mit Nick Cave, Rowland S. Howard, Mick Harvey, Tracy Pew, Phill Calvert

Länge: 98 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Movieportal über „Mutiny in Heaven“

Metacritic über „Mutiny in Heaven“

Rotten Tomatoes über „Mutiny in Heaven“

Wikipedia über „The Birthday Pary“ (deutsch, englisch) und Nick Cave (deutsch, englisch)

AllMusik über „The Birthday Party“ und Nick Cave


Neu im Kino/Filmkritik: „Companion – Die perfekte Begleitung“ und die beiden glücklichsten Tage in ihrem Leben

Februar 7, 2025

Hier setzte ich die Spoilerwarnung vor die gelungenen Trailer, weil in dem einem Trailer mehr, in dem anderen Trailer weniger der große Twist des Films, der im Film nach ungefähr einem Drittel verraten wird, eigentlich verraten wird.

Am Filmanfang sagt Iris, es gebe zwei glückliche Tage in ihrem Leben. Der erste war, als sie ihren Mann Josh kennen lernte. Der zweite, als sie ihn umbrachte. Zwischen diesen beiden Tagen verging nicht viel Zeit.

Die im Umgang mit anderen Menschen etwas seltsame Iris (Sophie Thatcher) verbringt mit ihrem sie beschützenden Freund Josh (Jack Quaid) und einigen seiner Freunde ein Wochenende in dem großen, einsam an einem See gelegenem Anwesen von Sergey. Als Sergey sich ihr unsittlich nähert, wehrt sie sich und Sergey verblutet am See. Josh und seine Freunde reagieren etwas seltsam auf die Tat – und schon beginnt in der Hütte und im Wald ein blutiges Spiel von jagen, gejagt werden und sterben. Meistens brutal, blutig und schwarzhumorig.

In Drew Hancocks schwarzhumorigem Spielfilmdebüt „Companion – Die perfekte Begletung“, einer gelungenen Mischung aus Noir, Kriminal-, Science-Fiction- und Horrorfilm, ist die kurze Laufzeit ein Vorteil. Sie ist mit neunzig Minuten lang genug für etliche Verwicklungen und Wendungen, aber kurz genug, um beim Anschauen lästige Nachfragen zur Logik der Geschichte zu vermeiden.

Und weil jedes weitere Wort zu viel von dieser Geschichte verraten würde, sage ich einfach nur, dass es nicht perfekte, aber spaßige neunzig Minuten sind. Einige Wendungen ergeben sich weniger aus der Geschichte und mehr aus dem Wunsch des Drehbuchautors nach der nächsten überraschenden Wendung und Pointe. Blut spritzt in rauen Mengen. Es wird gerne fotogen über die Kleidung verteilt. Die in Großaufnahmen gezeigten Wunden sind oft grotesk groß. Und wer tot ist, ist wirklich tot.

Oh, und ich hoffe, dass die Szene, in der Iris in der Originalfassung mit einem Provinzpolizisten deutsch redet, in eine andere Sprache synchronisiert wurde. Die Szene ist nämlich köstlich.

Companion – Die perfekte Begleitung (Companion, USA 2025)

Regie: Drew Hancock

Drehbuch: Drew Hancock

mit Sophie Thatcher, Jack Quaid, Lukas Gage, Megan Suri, Harvey Guillén, Rupert Friend

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Companion“

Metacritic über „Companion“

Rotten Tomatoes über „Companion“

Wikipedia über „Companion“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 7. Februar: James Bond 007: Sag niemals nie

Februar 6, 2025

Vox, 22.15

James Bond 007: Sag niemals nie (Never say never again, USA 1983)

Regie: Irvin Kershner

Drehbuch: Lorenzo Semple jr.

LV: Ian Fleming: Thunderball, 1961 (Feuerball)

James Bond bei seiner Lieblingsbeschäftigung: Welt retten. Aktuelle Einsatzorte: Bahamas, Südfrankreich und Nordafrika. Dort kämpft er gegen den Schurken Largo, der zwei Atombomben klauen will.

Nach einer langen Pause (und bei einer anderen Produktionsfirma) spielte Sean Connery wieder Bond; Klaus Maria Brandauer den Bösewicht, Kim Basinger das ´love interest´ der beiden Männer. Außerdem sind Barbara Carrera, Max von Sydow, Edward Fox, Bernie Casey und Rowan Atkinson dabei.

„Sag niemals nie“ konnte entstehen, weil Ian Fleming zusammen mit Kevin McClory und Jack Whittingham für einen Film die Geschichte „Longitude 78 West“ entwarf. Fleming verarbeitete sie später in dem Bond-Roman „Feuerball“. McClory, der bei „Feuerball“ Co-Produzent war, hatte die Rechte für weitere Verfilmungen dieser Geschichte. Die Auflage war, dass er sich möglichst eng an das gemeinsam entworfene Story-Gerüst halten müsse. Die juristischen Streitigkeiten und der Konkurrenzkampf zwischen dem Ur-Bond Connery und dessen Nachfolger Roger Moore waren ein gefundenes Fressen für die damalige Presse. Denn „Octopussy“ (mit Moore) startete fast zeitgleich in den Kinos. An der Kinokasse war der Moore-Bond etwas erfolgreicher, bei der Kritik war es – zu Recht – umgekehrt.

mit Sean Connery, Klaus Maria Brandauer, Kim Basinger, Barbara Carrera, Max von Sydow, Edward Fox, Bernie Casey, Rowan Atkinson, Alec McCowen

Die Vorlage

Ian Fleming: Feuerball

(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)

Cross-Cult, 2013

384 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Thunderball, 1961

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Sag niemals nie“

Wikipedia über „James Bond: Sag niemals nie“ (deutsch, englisch)

zu James-Bond-Romanen

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond: Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond: Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond: GoldenEye“ (GoldenEye, 1995)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond: KALT“ (COLD, 1996)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond: Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond: Mit der Absicht zu töten“ (James Bond – With a mind to kill, 2022)

Meine Besprechung von Kim Sherwoods „Doppelt oder nichts“ (Double or nothing, 2022) (ein Spionageroman aus der Welt von James Bond)

zu James-Bond-Filmen

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

Meine Besprechung von Cary Joji Fukunaga James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (No time to die, Großbritannien 2021)

zu anderem James-Bond-Zeug

Meine Besprechung von Danny Morgensterns „Unnützes James Bond Wissen“ (2020)

Kriminalakte: Mein Gespräch mit Danny Morgenstern über „Keine Zeit zu sterben“ und sein Buch „Das ultimative James-Bond-Quizbuch“ (1. Oktober 2021) (Sehbefehl?)

Meine Besprechung von cinemas (Hrsg.) „Inside James Bond“ (2022)

Meine Besprechung von Mark Salisbury: Being Bond: Daniel Craig – Ein Rückblick (Being Bond: A Daniel Craig Retrospective, 2024)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Maria“ Callas, gesehen durch die Augen von Pablo Larraín

Februar 6, 2025

Maria“ ist der dritte Film in Pablo Larraíns Trilogie über bedeutende Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie begann gelungen mit „Jackie“ und ging furios mit „Spencer“ weiter. „Jackie“ schildert die Stunden und Tage nach der Ermordung von John F. Kennedy und wie seine Witwe Jackie Kennedy (gespielt von Natalie Portman) damit umgeht. „Spencer“ schildert ein Weihnachten am englischen Königshaus, als die Ehe von Prinz Charles und Prinzessin Diana, bzw. Lady Diana, geborene Diana Spencer (gespielt von Kristen Stewart) schon am Ende war. „Maria“ schildert die letzte Woche im Leben der heute immer noch bekannten Opernsängerin Maria Callas. Gespielt wird sie von Angelina Jolie, die sich in den vergangenen Jahren als Schauspielerin rar machte, für diesen Film singen lernte und niemals hinter der Rolle verschwindet. Sie bleibt immer Angelina Jolie, die Maria Callas spielt.

Maria Callas wurde am 2. Dezember 1923 in New York City geboren. Sie starb in Paris am 16. September 1977. Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in Paris in einer von ihr prunkvoll eingerichteten Wohnung. Ihr Kammerdiener Ferruccio (Pierfrancesco Favino) und ihre Köchin Bruna (Alba Rohrwacher) kümmern sich um sie und erfüllen jeden ihrer Wünsche. Meist noch, bevor sie ihn äußert. Ein junger, möglicherweise nur in ihrer Fantasie existierender TV-Reporter interviewt sie zu ihrem Leben. Sie streift allein durch Paris. Sie probt in der Oper wieder für einen großen öffentlichen Auftritt. Der Pianist, der sie bei den Proben unterstützt, geht ebenfalls auf jeden ihrer Wünsche ein. Die tablettensüchtige Diva selbst hat sich in dem Moment schon in eine Scheinwelt geflüchtet, die Larraín in seinem Film zeigt. Schließlich spielt „Maria“, bis auf wenige Momente, im Kopf von Maria Callas. In dieser Welt kämpft die alternde Opernsängerin gegen Widerstände, Selbstzweifel und Dämonen, die es in der realen Welt nicht gibt. Sie fühlt sich fremd in ihrem Leben.

Damit führt Larraín Überlegungen aus „Jackie“ und „Spencer“ fort, verändert sie aber an einem entscheidenden Punkt. Jackie und Spencer mussten auch gegen äußere Widerstände kämpfen. In beiden Filmen versuchen mächtige Institutionen der Frau ihren Willen aufzuzwingen. Sie soll passiv tun, was die primör von Männern geleiteten Institutionen von ihr verlangen. In „Jackie“ ist es der politische Apparat, genaugenommen die Politiker und hohen Beamten, die für John F. Kennedy arbeiteten und jetzt überlegen, wie sie mit der Ermordung des Präsidenten der USA umgehen, und die Öffentlichkeit, die ein bestimmtes Bild von einer trauernden Witwe verlangt. In „Spencer“ ist es das Königshaus, das mit klinischer Präzision das königliche Protokoll eines Weihnachtsfestes durchzieht, das Spencer die Luft zum Atmen nimmt. In dem Landsitz Sandringham House kämpft sie um kleinste Freiheiten. Da wird, weil auf Anordnung der Königin schon bei der Ankunft das Gewicht gemessen wird, sogar der Griff nach einer Süßigkeit zu einem Akt des Widerstandes. Auch Prinzessin Diana kämpft gegen eine Öffentlichkeit, die von der Frau eines künftigen Königs ein bestimmtes Verhalten erwartet.

Das fehlt in „Maria“. Maria Callas kämpft nur gegen innere Widerstände. Äußere Widerstände sind im Rahmen der Filmgeschichte, die sich auf ihre letzten Tage konzentriert, nicht vorhanden.

Eben diese Konstruktion, in der auf den äußeren Konflikt verzichtet wird, beraubt den Film eines großen Teils der Spannung, die „Jackie“ und „Spencer“ haben. In dem Geisterfilm „Maria“ gibt es nur noch einen inneren Konflikt. Larraíns Biopic ist dann nur noch das Porträt einer etwas anstrengenden, tablettensüchtigen Diva (ja, das ist fast schon der berühmte ‚weiße Schimmel‘), die an einem Herzinfarkt stirbt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: „Maria“ ist kein schlechter Film, aber es ist mit Abstand der schwächste Film der Trilogie.

Grandios ist, wieder einmal, Pierfrancesco Favino als Kammerdiener. Während des gesamten Films muss er nur, mit ausdrucksloser Miene, dienstbeflissen anwesend sein und seiner launenhaften Arbeitgeberin jeden Wunsch erfüllen. Und dabei sagt er, ohne etwas zu sagen, unglaublich viel.

Maria (Maria, Deutschland/Italien/USA 2024)

Regie: Pablo Larraín

Drehbuch: Steven Knight

mit Angelina Jolie, Pierfrancesco Favino, Alba Rohrwacher, Haluk Bilginer, Kodi Smit-McPhee, Valeria Golino, Vincent Macaigne, Aggelina Papadopoulou, Jörg Westphal

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Maria“

Moviepilot über „Maria“

Metacritic über „Maria“

Rotten Tomatoes über „Maria“

Wikipedia über „Maria“ (deutsch, englisch) und Maria Callas (deutsch, englisch)

AllMusic über Maria Callas

Meine Besprechung von Pablo Larrains „El Club“ (El Club, Chile 2015)

Meine Besprechung von Pablo Larraíns „Jackie: Die First Lady“ (Jackie, USA 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrains „Neruda“ (Neruda, Chile/Argentinien/Frankreich/Spanien 2016)

Meine Besprechung von Pablo Larrins „Spencer“ (Spencer, Deutschland/Großbritannien 2021)


TV-Tipp für den 6. Februar: L’Immensità – Meine fantastische Mutter

Februar 5, 2025

ZDF, 00.45

L’Immensità – Meine fantastische Mutter (L’Immensità, Italien/Frankreich 2022)

Regie: Emanuele Crialese

Drehbuch: Emanuele Crialese, Francesca Manieri, Vittorio Moroni

TV-Premiere zu einer unmöglichen Uhrzeit. Porträt einer dysfunktionalen, zur gehobenen römischen Mittelschicht gehörenden Familie in den siebziger Jahren, das trotzt guter Momente in seine Einzelteile zerfällt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Penélope Cruz, Luana Giuliani, Vincenzo Amato, Patrizio Francioni, Maria Chiara Goretti, Penelope Nieto Conti

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „ L’Immensità – Meine fantastische Mutter“

AlloCiné über „ L’Immensità – Meine fantastische Mutter“

Metacritic über „ L’Immensità – Meine fantastische Mutter“

Rotten Tomatoes über „ L’Immensità – Meine fantastische Mutter“

Wikipedia über „ L’Immensità – Meine fantastische Mutter“ (deutsch, englisch, französisch, italienisch)

Meine Besprechung von Emanuele Crialeses „L’Immensità – Meine fantastische Mutter“ (L’Immensità, Italien/Frankreich 2022)


„Die Schatten von Prag“, gejagt in Egon Erwin Kischs erstem Fall

Februar 5, 2025

Der Klappentext verspricht den Auftakt einer 1910 in Prag spielenden furiosen Krimi-Serie mit Egon Erwin Kisch, den es wirklich gab, und Lenka Weißbach, eine Erfindung des Autorenduos Martin Beck/Tabea Soergel, als Protagonisten. Das klingt doch verheißungsvoll. Kisch lebte von 1885 bis 1948. Er ist ein legendärer Reporter, der auch ‚der rasende Reporter‘ genannt wurde. Der renommierte Egon-Erwin-Kisch-Preis, der jedes Jahr die beste deutschsprachige Reportage auszeichnet, ist nach ihm benannt.

Dass er als Protagonist einer mehr oder weniger erfundenen Krimiserie fungiert, ist auch nicht schlecht. Diese Verbindung von Fact und Fiction gibt es ja öfters. Mal näher an den Fakten und tatsächlichen Ereignissen, mal weiter weg von der Realität. Und die Jahre, in denen Kisch als Reporter arbeitete, waren politisch so unruhig, dass genug Material für spannende Geschichten vorhanden ist.

Auch der Anfang – eine stimmungsvolle Nachtszene auf der Franzens-Brücke in Prag und dem Hinweis auf das vermeintlich drohende Unheil durch die Ankunft des Halleyschen Kometen – liest sich gut. Vor allem weil das erste Kapitel nach sechs Seiten mit der ersten Leiche, einem Mann, der mit entsetzt aufgerissenen Augen in den Sternenhimmel starrt, endet.

Auf den nächsten Seiten führen Martin Becker und Tabea Soergel in ihrem Roman „Die Schatten von Prag“ die beiden Protagonisten ein. Zuerst Lenka Weißbach. Sie ist eine junge Frau, die aus Berlin nach Prag zu ihrer zunehmend pflegebedürftigen Mutter zurückkehrt. Auf der Hinfahrt im Zug trifft sie die Frau, die für die bald in Prag stattfindenden Morde verantwortlich ist. Das wird auch im Roman schon so früh enthüllt, dass der gestandene Krimileser eine falsche Fährte vermutet.

In Prag trifft Lenka kurz darauf wieder auf Egon Erwin Kisch. Er ist ein nimmermüder Journalist, der für Tageszeitung „Bohemia“ über Verbrechen und das Leben in Prag schreibt. Er bietet ihr eine Stelle in der Redaktion an. Sie akzeptiert und schnell recherchieren sie in einer Mordserie, in der der Mörder seine Morde als Suizide tarnt.

Ungefähr in diesem Moment, irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Mord, begibt der Roman sich in die falsche Richtung. „Die Schatten von Prag“ ist kein historischer Kriminalroman. Dafür ist die Kriminalgeschichte viel zu nebensächlich. Immer wieder, über Dutzende von Seiten wird er nicht beachtet. Über die Opfer erfahren wir nichts. Es werden keine Spuren zum Täter verfolgt und es gibt auch keine Verdächtigen. Es gibt nichts, was zu einer Kriminalgeschichte gehört.

Auch auf den letzten Seiten, wenn die Geschichte eigentlich zum Höhepunkt, zur Enttarnung des Täters, schreiten sollte, ist Zeit für längliche Abschweifungen, die die dreihundertseitige Kriminalgeschichte in keinster Weise voranbringen. Stattdessen dürfen wir auf den Seiten 241 bis 256 lesen, wie Lenka den Tag und den Abend mit ihrer Freundin verbringt. Davor verbringt Kisch mit Brodersen mehrere Seiten beim lockeren Gespräch über Banalitäten in einem Lokal.

Viel mehr als der Kriminalfall interessieren Becker und Soergel sich für Lenkas Leben und Liebesleben zwischen dementer Mutter, nicht besuchten Vorlesungen an der Universität, Bekanntschaft und vor der Mutter angekündigter Heirat mit ihrem Arbeitskollegen Heinrich Brodesser und ihrer wahren Liebe. Denn Lenka liebt nicht Brodesser, sondern Frauen. Das ist alles nicht so wahnsinnig interessant, füllt aber zuverlässig viele Seiten.

Kisch wird beschrieben als Trinker, der in seinen Reportagen bedenkenlos flunkert und lügt. Als er auf Seite 105, also am Ende des ersten Drittels des Romans, von seinem neuen Chef Gruber für den Rest der Geschichte von seinen Aufgaben als Kriminalreporter entbunden wird, sucht er nicht auf eigene Faust nach dem Täter. Schließlich ist die Suche nach dem Mörder nicht mehr seine Aufgabe. Er ertrinkt im Selbstmitleid und wird zum Vollzeittrinker. Erst kurz vor Schluss beginnt er wieder den oder die Täter zu suchen. Aber in diesem Moment ist bereits jedes Interesse an diesem Nicht-Kriminalroman, der auch über keine anderen Qualitäten verfügt, erloschen.

Für Anfang Oktober ist „Die Feuer von Prag – Kischs zweiter Fall“ angekündigt. Ich bin nicht neugierig.

P. S.: Schönes Cover.

Martin Becker/Tabea Soergel: Die Schatten von Prag – Kischs erster Fall

Kanon Verlag, 2024

312 Seiten

24 Euro

Hinweise

Perlentaucher über „Die Schatten von Prag“

Wikipedia über Egon Erwin Kisch


TV-Tipp für den 5. Februar: Nur eine Frau

Februar 4, 2025

HR, 22.25

Nur eine Frau (Deutschland 2019)

Regie: Sherry Hormann

Drehbuch: Florian Oeller

Beeindruckendes Biopic über die am 7. Februar 2005 in Berlin von ihrem Bruder erschossene Hatun Sürücü. Sie wurde von ihrer Familie ermordet, weil sie ein selbstbestimmtes Leben leben wollte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Almina Bagriacik, Rauand Taleb, Meral Perin, Mürtüz Yolcu, Armin Wahedi, Aram Arami, Merve Aksoy, Mehmet Atesci, Jacob Matschenz, Lara Aylin Winkler, Idil Üner

Wiederholungen

WDR: Donnerstag, 6. Februar, 22.45 Uhr

RBB: Freitag, 7. Februar, 22.00 Uhr

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Nur eine Frau“

Moviepilot über „Nur eine Frau“

Wikipedia über „Nur eine Frau“

Meine Besprechung von Sherry Hormanns „3096 Tage“ (Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Sherry Hormanns „Nur eine Frau“ (Deutschland 2019)


Cover der Woche und Lachtipp: Elizabeth Pich: Fungirl

Februar 4, 2025

Fungirl ist – – – ein in einer Wohngemeinschaft vor sich hin lümmelnder und mit sich spielender weiblicher Slacker. Nur noch verpeilter als die männlichen Vorbilder, wenn sie fröhlich von einer Katastrophe zum nächsten Fettnapf springt und in einem Beerdigungsinstitut anfängt. Tote können sich ja nicht mehr wehren…

Ein großer, absolut respektloser und tabuloser Cartoon-Spaß für die sinnesfreudigen Freunde des guten schlechten Geschmacks.

Dafür gab es eine Nominierung für den Max und Moritz-Preis 2024.

Elizabeth Pich: Fungirl

(aus dem Englischen von Christoph Schuler)

Edition Moderne, 2024

256 Seiten

26 Euro

Hinweise

Edition Moderne über „Fungirl“

Homepage von Elizabeth Pich

Wikipedia über Elizabeth Pich


TV-Tipp für den 4. Februar: Carlito’s Way

Februar 3, 2025

HR, 22.35

Carlito’s Way (Carlito’s Way, USA 1993)

Regie: Brian De Palma

Drehbuch: David Koepp

LV: Edwin Torres: Carlito’s Way, 1975 und After Hours, 1979 (auf Deutsch zum Filmstart als Doppelband „Carlito’s Way“ bei Heyne erschienen)

Drogenhändler Carlito Brigante wird vorzeitig aus der Haft entlassen und will fortan ehrlich bleiben. Aber er hat nicht mit den Umständen und seinem Anwalt gerechnet.

Machen wir es kurz: De Palmas Period-Picture der Siebziger ist ein grandioser Gangsterfilm

mit Al Pacino, Sean Penn, Penelope Ann Miller, John Leguizamo, Luis Guzman, Viggo Mortensen

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Carlito’s Way“

Wikipedia über „Carlito’s Way“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Koepps „Mortdecai – Der Teilzeitgauner“ (Mortdecai, USA 2015)

Meine Besprechung von David Koepps „Cold Storage – Es tötet“ (Cold Storage, 2019)


Über Georges Simenons „Der Passagier der Polarlys“ und die Comicversion von José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux

Februar 3, 2025

Die Polarlys ist ein Dampfer der von Hamburg nach Hammerfest fährt und dabei primär Waren an Orte in Norwegen befördert, die über Land nur schwer oder, mangels Straßen, nicht erreichbar sind. Das Schiff nimmt bei jeder Fahrt auch immer einige Passagiere mit. Dieses Mal sind es fünf Menschen. Einer von ihnen, Polizeirat von Sternberg, wird kurz nach der Abfahrt in seiner Kabine ermordet. Er verfolgte die Polarlys von Hamburg nach Cuxhaven, um noch an Bord zu gelangen. An Bord versteckt er sich in seiner Kabine.

Als Kapitän Petersen die Leiche sieht, weiß er, dass der Täter noch an Bord ist.

Der Passagier der Polarlys“ ist einer der frühesten Romane von Georges Simenon (1903 – 1988). Er schrieb ihn 1930. Veröffentlicht wurde er 1932. Die deutsche Erstausgabe war 1935 unter dem Titel „Flucht nach dem Nordkap“. Im Werk von Simenon bedeutet dieser Roman, zusammen mit den zeitgleich geschriebenen Romanen, wozu auch mehrere Maigrets gehören, den Wandel vom unter 27 Pseudonymen in atemberaubendem Tempo schreibendem Groschenromanautor zum ernsthaften Autor, der eine ähnliche Schreibgeschwindigkeit vorlegte.

Insgesamt veröffentlichte Simenon ab 1931, als sein erster Roman unter seinem Namen erschien, 75 Romane mit Kommissar Maigret, 117 Non-Maigrets und zahlreiche weitere Erzählungen und Reportagen. Im deutschsprachigen Raum werden sie regelmäßig, teils in neuen Übersetzungen, veröffentlicht. Aktuell erscheinen sie, als Kooperation der Verlage ‚Hoffmann und Campe‘ und ‚Kampa‘, im Rahmen der ersten deutschsprachigen Gesamtausgabe von Simenons erzählerischem Werk; – wozu dann auch eigentlich die fast bis vollständig unbekannten Kurzgeschichten gehören.

Szenarist José-Louis Bocquet und Zeichner Christian Cailleaux nahmen sich jetzt diesen frühen Roman von Simenon für ihre überzeugende, werkgetreue Comic-Adaption vor. Sie veränderten vor allem den Ort, an dem dem Leser ein großer Teil des Motivs enthüllt wird. Im Roman geschieht dies in einer Rückblende. Kapitän Petersen entdeckt bei dem ermordeten von Sternberg eine Pariser Tageszeitung. Er vermutet, dass der Zeitungsbericht über den Tod einer jungen Frau, die in einem Künstleratelier in Montparnasse an einer Überdosis Drogen starb, der Grund für von Sternbergs Tod ist und dass der Mörder der Frau an Bord ist. Der Comic beginnt mit der Schilderung des Todes der jungen Frau.

Im 192-seitigem Roman und im 80-seitigem Comic entwickelt der Plot sich flott vom Beladen des Schiffes in Hamburg, über die Entdeckung der Leiche und die verschiedenen anderen Ereignisse an Bord, die hier nicht verraten werden sollen, bis hin zur Auflösung. Formal folgt er rudimentär den Rätselkrimi-Konventionen mit falschen Fährten und Verdächtigen. Er verlässt sich allerdings nicht auf einen Ermittler und dessen detektivischen Spürsinn. Der ab Stavanger als Beobachter an Bord anwesende Inspektor Jennings ist bestenfalls eine Nebenfigur. Kapitän Petersen ist zwar aktiver, aber mehr ein Beobachter als ein tatkräftig Spuren verfolgender und Befragungen durchführender Ermittler. Simenon verlässt sich in der Geschichte auf Zufälle, überraschende Wendungen und grundlose Geständnisse.

Die Stärke der Geschichte liegt nicht im Rätselplot und der Auflösung, sondern in der intensiven Schilderung des Lebens an Bord und den farbig gezeichneten Passagieren.

Der Comic hat ein sehr informatives Nachwort von José-Louis Bocquet über den Roman, seine Entstehung und seine Stellung im Werk von Georges Simenon.

Georges Simenon: Der Passagier der Polarlys

(übersetzt von Stefanie Weiss, mit einem Nachwort von Hansjörg Schertenleib)

Hoffmann und Campe, 2019

192 Seiten

21,90 Euro

Taschenbuchausgabe

Atlantik, 2024

13 Euro

Neuauflage der Diogenes-Übersetzung von 1986

Frühere deutsche Auflagen, teilweise in anderen Übersetzungen, unter

Flucht nach dem Nordkap

Der Passagier der Polarlys

Originalausgabe

Le passager du Polarlys

Fayard, Paris 1932

José-Louis Bocquet/Christian Cailleaux: Simenon – Der Passagier der Polarlys

(übersetzt von Christoph Haas)

Carlsen, 2025

80 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Simenon – Le Passager du Polarlys

Hors Collection Dargaud, 2023

Hinweise

Carlsen über „Der Passagier der Polarlys“

Hoffman und Campe über Georges Simenon

Homepage von Christian Cailleaux

Wikipedia über Georges Simenon (deutsch, englisch, französisch), den Roman, José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux

Deutsche Georges-Simenon-Fanseite

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers Georges-Simenon-Verfilmung „Der Uhrmacher von St. Paul“ (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Meine Besprechung von Mathieu Amalrics Georges-Simenon-Verfilmung „Das blaue Zimmer“ (La chambre bleue, Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Patrice Lecontes Georges-Simenon-Verfilmung „Maigret“ (Maigret, Frankreich/Belgien 2022)

Meine Besprechung von José-Louis Bocquets „Papas Musik“ (La musique de papa, 2007)


TV-Tipp für den 3. Februar: The Straight Story – Eine wahre Geschichte

Februar 2, 2025

NDR, 23.15

The Straight Story – Eine wahre Geschichte (The Straight Story, USA 1999)

Regie: David Lynch

Drehbuch: John Roach, Mary Sweeney

Kamera: Freddie Francis

Musik: Angelo Badalamenti (Wer sonst?)

Der 73-jährige Alvin Straight will sich nach jahrelangem Schweigen mit seinem Bruder aussöhnen. Dafür nimmt er eine 240 Meilen lange Fahrt auf sich. Auf einem Rasenmäher- Auto darf er nicht mehr fahren und andere Arten der Fortbewegung lehnt er ab.

David Lynchs ungewöhnlichster Film und gleichzeitig einer seiner schönsten Filme: ein die Langsamkeit und die Landschaft und Menschen zelebrierendes Roadmovie mit einem wunderschönen Ende: zwei Männer sitzen auf einer Veranda und blicken in den Nachthimmel.

„Auf eine gewisse Weise ist ‚The Straight Story‘ der extremste Film, den ich je gemacht habe.“ (David Lynch, Interview in Zitty 25/99)

mit Richard Farnsworth, Sissy Spacek, Harry Dean Stanton, John Farley, Everett McGill

auch bekannt als „Eine wahre Geschichte – The Straight Story“

Hinweise

Rotten Tomateos über „The Straight Story“

Wikipedia über „The Straight Story“ (deutsch, englisch)

Homepage von David Lynch

Meine Besprechung von David Lynchs „Der Wüstenplanet“ (Dune, USA 1984) und der gleichnamigen Vorlage von Frank Herbert

Meine Besprechung von David Lynchs „Twin Peaks – Fire walk with me“ (Twin Peaks: Fire walk with me, USA 1992)

Meine Besprechung von David Lynchs „Lost Highway“ (Lost Highway, USA 1997)

Meine Besprechung von David Lynchs „Mulholland Drive – Straße der Finsternis“ (Mulholland Dr., USA/Frankreich 2001)


TV-Tipp für den 2. Februar: Falsches Spiel mit Roger Rabbit

Februar 1, 2025

Disney Channel, 20.15

Falsches Spiel mit Roger Rabbit (Who framed Roger Rabbit?, USA 1988)

Regie: Robert Zemeckis

Drehbuch: Jeffrey Price, Peter S. Seaman

LV: Gary K. Wolf: Who censored Roger Rabbit?, 1981

Roger Rabbit ist eifersüchtig. Also soll Privatdetektiv Eddie Valiant Rabbits sexy Frau beschatten. Valiant stolpert dabei in einen Mordfall und über ein Komplott, das die heile Welt von Toon Town bedroht.

Gut, das klingt jetzt nicht besonders aufregend. Aber Roger Rabbit ist eine Cartoon-Figur. Seine Frau ebenso. Wie viele Toon-Town-Charaktere. Einige sind auch Menschen, wie der Bob Hoskins gespielte Privatdetektiv.

Roger Zemeckis gelang eine köstliche Melange aus Disney Zeichentrickfilmen und Schwarzer Serie, die damals ein echter Hit war und heute schon ein Klassiker ist. Ein köstlicher Spaß mit vielen Zitaten.

Mit Bob Hoskins, Christopher Lloyd, Joanna Cassidy, Stubby Kaye, Joel Silver

Wiederholung: Donnerstag, 6. Februar, 22.05 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“

Wikipedia über „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ (deutsch, englisch)

Homepage von Gary K. Wolf

Meine Besprechung von Robert Zemeckis “Flight” (Flight, USA 2012)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „The Walk“ (The Walk, USA 2015)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Allied – Vertraute Fremde“ (Allied, USA 2016)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Willkommen in Marwen“ (Welcome to Marwen, USA 2018)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis Roald-Dahl-Verfilmung „Hexen hexen“ (The Witches, USA 2020)

Meine Besprechung von Robert Zemeckis „Here“ (Here, USA 2024)


TV-Tipp für den 1. Februar: Der Mandant – The Lincoln Lawyer

Januar 31, 2025

RTL II, 20.15

Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Regie: Brad Furman

Drehbuch: John Romano

LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)

Lincoln Lawyer Mickey Haller (Matthew McConaughey) tut alles für seine meist mehr als halbseidenen Mandanten. Als er aber einen Freispruch für den stinkreichen Louis Roulet erwirken soll, packt ihn das Gewissen. Auch weil Roulets Taten mit einem früheren Mandanten von ihm, der seine Unschuld beteuerte und dem er mit einem guten Deal einen Knastaufenthalt verschaffte, zusammen hängen.

Rundum geglückte Michael-Connelly-Verfilmung, die Matthew McConaugheys Karriere einen gewaltigen Schub in Richtung interessanter Projekte gab.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

„Der Mandant“ war Michael Connellys erster Justizthriller. Danach schrieb er noch weitere Romane mit Mickey Haller, der auch Harry Bosch (Connellys ersten Seriencharakter, der inzwischen eine „Fernseh“-Serie hat) trifft.

mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Der Mandant“

Wikipedia über „Der Mandant“ (deutsch, englisch)

Michael Connelly unterhält sich mit Matthew McConaughey über den Film

Meine Besprechung von Brad Furmans Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Meine Besprechung von Brad Furmans „Runner Runner“ (Runner Runner, USA 2013)

Meine Besprechung von Brad Furmans „The Infiltrator“ (The Infiltrator, Großbritannien 2016)

Wikipedia über Michael Connelly (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)und der Neuausgabe (Kampa, 2024)

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung der Filmausgabe von Michael Connellys „Der Mandant“ (The Lincoln Lawyer, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Echo Park” (Echo Park, 2006)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)

Michael Connelly in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik (kurz): „Sechs Richtige – Glück ist nichts für Anfänger“, „Gotteskinder“

Januar 31, 2025

Ein Sechser im Lotto. Traum oder Alptraum? In vier schwarzhumorigen Geschichten spielen Romain Choay und Maxime Govare die Folgen des durch glückliche Umstände schnellen Reichtums durchs. Viele Tote, Gier, Niedertracht, Dummheit und Lacher sind in dieser französischen Version von „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ (Relatos Salvajes, Argentinien/Spanien 2014) garantiert.

Die Episodenkomödie ist eine unbedingte Empfehlung für die Freunde des schwarzen Humors.

Sechs Richtige – Glück ist nichts für Anfänger (Heureux Gagnants, Frankreich 2024)

Regie: Romain Choay, Maxime Govare

Drehbuch: Romain Choay, Maxime Govare

mit Fabrice Eboué, Pauline Clément, Audrey Lamy, Anouk Grinberg, Louise Coldefy, Sami Outalbali, Victor Meutelet, Mathieu Lourdel

internationaler Titel: Lucky Winners

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Sechs Richtige“

Moviepilot über „Sechs Richtige“

Rotten Tomatoes über „Sechs Richtige“

Wikipedia über „Sechs Richtige“ (deutsch, französisch)

Die Schülerin Hannah ist das geachtete Mitglied der von ihrem Vater geführten evangelikalen Freikirche. Als nebenan der gleichaltrige Max einzieht, gerät ihre Welt aus den Fugen. Sie findet ihn sympathisch, ist vielleicht sogar verliebt in ihn und lernt durch ihn die Welt kennen, vor der ihre Gemeinde immer warnt. Immerhin hat sie bereits ein Keuchheitsgelübde abgelegt.

Zur gleichen Zeit hat sich Hannahs Bruder in ein gleichaltriges Gemeindemitglied verliebt. Aber Homosexualität wird in ihrer Glaubensgemeinschaft nicht toleriert.

Frauke Lodders erzählt in „Gotteskinder“ wie sich die Liebesbeziehungen zwischen diesen vier Teenagern entwickelen und ob sie sich aus der sie indoktrinierenden Freikirche befreien können. „Gotteskinder“ ist auch ein Einblick in eine abgeschlossene religiöse Gemeinschaft.

Lodders erzählt das ruhig, ernsthaft und ohne Vorverurteilungen mit glaubwürdigen Figuren und Konflikten. Das Ende dürfte nach dem Film für einige Diskussionen sorgen.

Gotteskinder (Deutschland 2024)

Regie: Frauke Lodders

Drehbuch: Frauke Lodders

mit Flora Li Thiemann, Michelangelo Fortuzzi, Serafin G. Mishiev, Bettina Zimmermann, Mark Waschke

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Gotteskinder“

Moviepilot über „Gotteskinder“

Wikipedia über „Gotteskinder“


Neu im Kino/Filmkritik: „Babygirl“, Sex am Arbeitsplatz, feministisch gewendet mit Nicole Kidman

Januar 31, 2025

Erinnert ihr euch noch an die neunziger Jahre und als im Fahrwasser von „Basic Instinct“ und „Eine verhängnisvolle Affäre“ ein Sexthriller nach dem nächsten in die Kinos kam? Das Erbe von 80er-Jahre-Hochglanzsexfilmen wie „9 ½ Wochen“ wurde im Gewand eines ’spannenden Films‘ fortgeführt und Hollywood-Stars turnten mehr oder weniger nackt durch diese Filme? Die meisten dieser Filme waren schlecht.

Jetzt tritt „Babygirl“ beherzt in diese Fußstapfen. Natürlich mit einigen ‚Veränderungen‘, wie dass eine Frau das Drehbuch schrieb und Regie führte, dass alles mit ‚weiblicher Sensibilität‘ erzählt wird und dass in der Story Rollen vertauscht werden. Jetzt ist der Geschäftsführer eine ältere Frau und die Praktikantin ein deutlich jüngerer Mann. In diesem Fall handelt es sich um die während des Drehs vor einem Jahr 56-jährige Nicole Kidman und den damals 27-jährigen Harris Dickinson. Der Altersunterschied beträgt stattliche 29 Jahre.

Die Story ist ein Wust unausgegorener Ideen, Plotlöcher, seltsamer Handlungen von in sich widersprüchlich-unglaubwürdigen Papierfiguren und vermeidbarer Unklarheiten. So ist beispielsweise unklar, welche Position Romy Miller (Nicole Kidman) genau in der Firma hat und was die Firma mitten in New York in einem Bürohochhaus anbietet. Es wird zwar gesagt, sie sei Gründerin, CEO und Erfinderin. Das Unternehmen sei ein Weltkonzern, starte an der Börse durch und biete Automatisierungen an. Aber das sind nur austauschbare Schlagworte ohne irgendeine Bedeutung für die Geschichte. Deshalb agieren alle Figuren in einem luftleeren Raum. Sie sitzen an Schreibtischen und schlagen die Zeit tot. Es ist nie nachvollziehbar, was Miller in dem sich seltsam fordernd verhaltendem Praktikanten Samuel (Harris Dickinson) erblickt und warum sie, vor allem Angesichts der teils irrational strengen Verhaltensvorschriften in US-amerikanischen Firmen, eine Beziehung mit ihm eingeht . Schon lange vor dem ersten Kuss gefährdet sie ihre Position in der Firma, ihr Vermögen und ihre Ehe. Welche Absicht Samuel verfolgt, ist auch unklar.

Und so begibt sich die Filmgeschichte nie auf irgendwelche Thrillerpfade, sondern erkundet das Terrain des Suchens und Findens von Menschen irgendwo zwischen echter und vermeintlicher Liebe, Begehren und Hotelzimmersex.

Mit etwas Wohlwollen kann „Babygirl“ als missglückte Studie in Abhängigkeit gesehen werde. Aber da war „9 ½ Wochen“ (auch kein guter Film) vor fast vierzig Jahren schon weiter.

P. S.: Antonio Banderas spielt hier den Ehemann von Nicole Kidman. Im ebenfalls diese Woche startendem „Paddington in Peru“ spielt er den Kapitän eines Flussdampfers.

Babygirl (Babygirl, USA 2024)

Regie: Halina Reijn

Drehbuch: Halina Reijn

mit Nicole Kidman, Harris Dickinson, Antonio Banderas, Sophie Wilde

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Babygirl“

Metacritic über „Babygirl“

Rotten Tomatoes über „Babygirl“

Wikipedia über „Babygirl“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Halina Reijns „Bodies Bodies Bodies“ (Bodies Bodies Bodies, USA 2022)


Neu im Kino/Filmkritik: Für den Oscar als Bester Film des Jahres nominiert: „Der Brutalist“

Januar 31, 2025

Alles an „Der Brutalist“ sagt überdeutlich, wie wichtig, groß, grandios und monumental dieser Film aus Sicht seiner Macher ist.

Er dauert 216 Minuten. Im Film gibt es eine fest einprogrammierte 15-minütige Pause, in der eine Uhr rückwärts läuft.

Gedreht wurde er im in den fünfziger Jahren benutztem VistaVision-Format. Bekannte VistaVision-Filme sind „Krieg und Frieden“, „Der Schwarze Falke“, „Die oberen Zehntausend“, „Der unsichtbare Dritte“ und „Der Besessene“.

In den wenigen Kinos, in denen es möglich ist, wird „Der Brutalist“ auch in einer 70-mm-Fassung gezeigt. Nur so kann das VistaVision-Bild seine ganze Pracht entfalten,

Die Geschichte versteht sich von der ersten bis zur letzten Minute als das große, die US-amerikanische Seele und den amerikanischen Traum erkundende und erklärende Nationalepos.

Der Lohn für diese Bemühungen und den selbstgewählten Anspruch sind überschwängliches Kritikerlob, Preise, wie, nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig, der Silberne Löwe für die Beste Regie und zuletzt zehn Oscar-Nominierungen, unter anderem als Bester Film, für die Beste Regie (Brady Corbet), das Beste Drehbuch (Brady Corbet und Mona Fastvold), den Besten Hauptdarsteller (Adrien Brody), den Besten Nebendarsteller (Guy Pearce), die Beste Nebendarstellerin (Felicity Jones), die Beste Kamera (Lol Crawley) und den Besten Schnitt (Dávid Jancsó).

Brady Corbet erzählt die Geschichte des Emgranten László Tóth (Adrien Brody). Der in Europa bekannte Bauhaus-Architekt und titelgebende „Brutalist“ kommt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als mittelloser Einwanderer in die USA. Als er Jahre später den Industriellen Harrison Lee Van Buren Sr. (Guy Pearce) trifft und dieser von seinen Entwürfen fasziniert ist, wendet sich sein Schicksal. Tóth soll zu Ehren von Van Burens verstorbener Mutter ein Institut mit Bibliothek, Sporthalle, Auditorium und Kapelle errichten.

Wer jetzt denkt, dass in „Der Brutalist“ der Bau dieses Mammutprojekts im Mittelpunkt steht, irrt sich. Wer denkt, dass es zwischen dem Architekten und dem Bauherrn einen über den Film tragenden Konflikt gibt, irrt sich. Sicher, es gibt einige kleinere Streitigkeiten zwischen den beiden Männern, aber die sind schnell beigelegt. Van Buren ist von der ersten bis zur letzten Minute ein enthusiastischer Förderer von Tóth und des von ihm in Auftrag gegebenen, selbstverständlich immer teurer werdenden Projekts.

Und wer denkt, dass der Film anhand der fiktiven Biographie eines Architekten schnell zu einer informativen Geschichtsstunde über das Bauhaus und den Brutalismus wird, irrt sich ebenfalls. Diese Architekten verbanden mit ihren Gebäuden auch gesellschaftspolitische Utopien. Im Film ist davon nichts zu hören.

Stattdessen erzählt Brady Corbet, meist in langen Szenen in Nahaufnahmen in karg möblierten Innenräumen, elliptisch die Geschichte eines Einwanderers und seiner Jahre nach ihm in die USA kommenden Familie. Das ist nicht schlecht und hat auch einen weitgehend über die epische Dauer von gut vier Stunden andauernden erzählerischen Schwung. Aber „Der Brutalist“ ist niemals „There will be Blood“. Das liegt an seinem Desinteresse an der gezeigten Architektur und dem abwesenden zentralen Konflikt zwischen dem Künstler und dem Kapitalisten.

Der Brutalist“ ist ein durchaus beeindruckender und gut gemachter Film. Aber er ist auch nicht so gut, wie er gerade hochgejubelt wird. Das Drama ist breitbeiniges, von seiner eigenen Größe hemmungslos überzeugtes Überwältigungskino, das einen geschüttelt, aber nicht berührt zurücklässt.

Der Brutalist (The Brutalist, USA 2024)

Regie: Brady Corbet

Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold

mit Adrien Brody, Felicity Jones, Guy Pearce, Joe Alwyn, Raffey Cassidy, Stacy Martin, Emma Laird, Isaach de Bankolé, Alessandro Nivola

Länge: 216 Minuten (inkl. 15 Minuten Pause)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Der Brutalist“

Metacritic über „Der Brutalist“

Rotten Tomatoes über „Der Brutalist“

Wikipedie über „Der Brutalist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brady Corbets „Vox Lux“ (Vox Lux, USA 2018)


TV-Tipp für den 31. Januar: Black Sea

Januar 30, 2025

RTL II, 22.25

Black Sea (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)

Regie: Kevin Macdonald

Drehbuch: Dennis Kelly

Eine britisch-russische U-Boot-Besatzung sucht im Schwarzen Meer nach einem Nazi-Goldschatz. Schnell müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Angenehm altmodischer Abenteuerfilm für die Fans von Filmen wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“ und „Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft alle als Inspiration genannt werden).

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jude Law, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, David Threlfall, Konstantin Khabenskiy, Sergey Puskepalis, Michael Smiley, Grigory Dobrygin, Sergey Veksler, Sergey Kolesnikov, Bobby Schofield, Michael Smiley, Jodie Whittaker

Hinweise

Moviepilot über „Black Sea“

Metacritic über „Black Sea“

Rotten Tomatoes über „Black Sea“

Wikipedia über „Black Sea“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Kevin Macdonalds „Black Sea“ (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)