John Cranko war von 1961 bis bis zu seinem Tod am 26. Juni 1973 Direktor des Stuttgarter Balletts.
In diesen Jahren transformierte er ein Provinzensemble zu einer international anerkannte und bewunderten Compagnie. Sie revolutionierten das Ballett.
In seinem dritten Spielfilm erzählt Joachim A. Lang, mit Sam Riley in der Hauptrolle und Mitgliedern des Ensembles des Stuttgarter Balletts, Crankos Geschichte in Stuttgart nach. Dabei bedient er sich dem aus seinen beiden vorherigen Filmen „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ und „Führer und Verführer“ bekanntem Prinzip, nur verbürgte Aussagen zu einer Collage zusammenzufügen. In „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ war das Ergebnis grandios. In „Führer und Verführer“ enttäuschte es. In „Cranko“ überzeugt es wieder; – auch wenn Lang sich dieses Mal offensichtliche Freiheiten nimmt.
Er verbindet, sehr gelungen, Crankos Biographie mit Tanzsequenzen, die sich teilweise in Crankos Kopf abspielen und seinen Denkprozess verdeutlichen. Er erzählt von Crankos Problemen als Künstler bei der Verwirklichung seiner Vision und seinem chaotischem Privatleben. So nahm der am 15. August 1927 in Rustenburg, Südafrika, geborene Cranko die Stelle in Stuttgart nur an, weil er in London an einem absoluten Tiefpunkt angelangt war. Dort durfte er wegen seiner Homosexualität nicht mehr arbeiten. Auch in Stuttgart lebte der Künstler offen schwul, hatte zahlreiche Liebschaften und pflegte einen in jeder Beziehung unkonventionellen Lebens- und Arbeitsstil. So lehnte er, damals noch unerhörter als heute, ein eigenes Büro ab und machte die Kantine zu seinem Büro.
„Cranko“ ist ein auch für Nicht-Ballettfans sehenswerter Film, der einen auf unterhaltsame Weise klüger macht.
Cranko (Deutschland 2024)
Regie: Joachim A. Lang
Drehbuch: Joachim A. Lang
mit Sam Riley, Max Schimmelpfennig, Hanns Zischler, Lucas Gregorowicz, Louis Nitsche, Marcus Calvin, Sascha Göppel, Stefan Weinert, Elisa Badenes, Jason Reilly, Marti Paixà, Rocio Aleman, Friedemann Vogel, Henrick Erikson
Als der Ethnololgie-Doktorand Alexander Hoffmann 1896 im Rahmen der Völkerschau bemerkt, dass die Herero nicht so dumm sind, wie sie es nach der herrschenden Rassentheorie sein sollten, macht er sich, getrieben von wissenschaftlicher Neugier, auf den Weg in die deutsche Kolonie in Südwestafrika. Dort gerät er in den Krieg zwischen der deutschen Kolonialmacht und den Hereros und Nama.
TV-Premiere. Packendes Drama über ein immer noch weitgehend ignoriertes unrühmliches Kapitel der deutschen Geschichte.
mit Leonard Scheicher, Girley Charlene Jazama, Peter Simonischek, Corinna Kirchhoff, Anton Paulus, Leo Meier, Sven Schelker, Max Koch, Ludger Bökelmann, Alexander Radszun, Michael Schenk, Tilo Werner
Wiederholung: ZDF, Montag, 7. Oktober, 20.15 Uhr (mit der 45-minütigen Doku „Der vermessene Mensch – Die Dokumentation“ im Anschluss um 22.00 Uhr)
Vor fünf Jahren war „Joker“ ein überraschend erfolgreicher Film. Er wurde von der Kritik und dem Publikum abgefeiert, erhielt in Venedig den Goldenen Löwen und spielte weltweit über eine Milliarde US-Dollar ein. Das war angesichts seines R-Rating (also „nicht jugendfrei“) ein sensationelles Ergebnis. Und weil „Joker“ mit einem Budget von irgendetwas zwischen 55 und 70 Millionen US-Dollar äußerst günstig war, war eine Fortsetzung schnell beschlossen. Diese soll jetzt erstaunliche 190 bis 200 Millionen Dollar gekostet haben. Dabei spielt die Geschichte fast ausschließlich an drei Orten: einem Gefängnis, einem Gerichtssaal und, für die zahlreichen Musik-Nummern, die aus dem Film ein Musical machen, einer stilisierten Bühne.
In „Joker“ bringt der erfolglose, nicht witzige Comedian Arthur Fleck sechs Menschen um. Die Morde an drei Yuppies in der U-Bahn und an TV-Talkmaster Murray Franklin vor laufender Kamera machen den zunehmend geistig verwirrten Fleck berühmt. Er wird immer mehr zum Joker, einem Chaos stiftendem Bösen Clown und Erzfeind von Batman, der im ersten „Joker“-Film und auch in der Fortsetzung nicht auftaucht.
Der in Gotham City (aka New York) spielende Film war eine unübersehbare Liebeserklärung an Martin Scorseses „Taxi Driver“ und, noch mehr, „King of Comedy“. Todd Phillips Gotham sieht wie New York in den siebziger Jahren aus. Wirklich gepackt hat mich diese von sich und ihrer eigenen Bedeutung masslos überzeugte Origin-Story nie.
„Joker: Folie à Deux“ erzählt die Geschichte von Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) nahtlos weiter. Seit ungefähr zwei Jahren sitzt er in der psychiatrischen Anstalt Arkham, die schon in den fünfziger Jahren eine hoffnungslos heruntergekommene, versiffte Gefängnisklinik gewesen wäre. Er ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Seine Anwältin versucht ihn auf den anstehenden Gerichtsprozess vorzubereiten. Sie möchte auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren.
Zur gleichen Zeit lernt Fleck in der Anstalt während eines Chorsingens ‚Harley Quinn‘ Lee Quinzel (Lady Gaga) kennen. Sie behauptet, sein größter Fan zu sein. Sie verlieben sich ineinander.
Während der Gerichtsverhandlung, die fast die gesamte zweite Hälfte des Films einnimmt, feuert Fleck seine Anwältin und übernimmt seine Verteidigung – in der Maske des Jokers.
Das klingt doch ganz gut. Aber „Folie à deux“ ist mehr die Idee von einem Film als ein echter Film.
Todd Phillips erzählt Flecks Geschichte als Musical. Die meisten Gesangsnummern, die einen großen Teil des Films einnehmen, spielen sich in seinem Kopf ab. Sie kommentieren die Ereignisse und imaginieren gemeinsame Auftritte von ihm mit Harley Quinn als singendes Liebespaar mit mörderischen Tendenzen. Sie singen bekannte Songs, die sich nicht von vor sechzig, siebzig Jahren aufgenommenem klassischen Big-Band-Jazz unterscheiden.
Während „Folie à deux“ einerseits Flecks Geschichte weitererzählt, wiederholt er die Struktur des ersten „Joker“-Films erstaunlich genau. Allerdings verzichten die Macher dieses Mal auf die offensichtlichen politischen Anspielungen und die damit verbundene krude politische Botschaft. In „Folie à deux“ dreht sich alles um Flecks Leiden in Arkham, sein Auftreten vor Gericht, wo er stolz den der Anklage bislang unbekannten Mord an seiner Mutter gesteht, und seine Beziehung zu Lee Quinzel, die sein größter Fan ist. Vor Gericht treten dann auch einige aus dem ersten Film bekannte Figuren als Zeugen der Anklage wieder auf.
Eine irgendwie eine packende Geschichte ergibt sich aus diesen hübsch hintereinander drapierten Szenen nicht. Eigentlich wiederholen sie nur den ersten Film noch einmal. Mit kleinen Variationen in einer anderen Umgebung und einem etwas anderem Ende.
Arthur Fleck ist, auch wenn „Joker“ seine Origin-Story erzählte und er jetzt der Joker sein sollte, immer noch nicht der Joker, sondern Arthur Fleck, ein Geisteskranker mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Er ist ein leidender Mann, der von allen herumgestoßen wird. Nur in wenigen Momenten des Films, vor allem wenn er sich vor Gericht in eigener Sache verteidigt und dabei alles tut, um eine möglichst hohe Strafe zu erhalten, ist Fleck der Joker. Also, er trägt die Maske des Jokers.
Das Ende ist dann ‚mutig‘ oder ‚konsequent‘; ich kann jedenfalls sehr gut mit diesem Ende leben. Wenn nur der Weg dorthin unterhaltsamer (und kürzer) gewesen wäre.
Joker: Folie à Deux (Joker: Folie à Deux, USA 2024)
Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Scott Silver, Todd Phillips (basierend auf der DC-Comics-Figur)
mit Joaquin Phoenix, Lady Gaga, Brendan Gleeson, Catherine Keener, Zazie Beetz, Steve Coogan, Harry Lawtey, Leigh Gill, Ken Leung, Jacob Lofland, Bill Smitrovich
Drehbuch: Kit Hopkins, Thilo Röscheisen, Michael Bully Herbig
Durchaus spannender Thriller über die Flucht der Familien Strelzyk und Wetzel in einem selbstgebauten Ballon am 16. September 1979 aus der DDR in den Westen.
mit Friedrich Mücke, Karoline Schuch, David Kross, Alicia von Rittberg, Thomas Kretschmann, Jonas Holdenrieder, Tilman Döbler, Ronald Kukulies, Emily Kusche, Till Patz, Ben Teichmann, Christian Näthe, Sebastian Hülk, Gernot Kunert, Ulirch Friedrich Brandhoff
Killerin Vos erledigt für eine geheimnisumwitterte Firma unmögliche Aufträge. Mittels einer von der Firma erfundenen Technik kann sie in andere Körper schlüpfen und in ihnen die Morde durchführen. Mit der Zeit führt das auch zu Problemen in ihrem Kopf.
TV-Premiere. Wie der Vater so der Sohn: formidabler Body-Horror aus dem Haus Cronenberg. Tolle Bilder, eine beunruhigende Prämisse und, leider, eine schwache Auflösung. Trotzdem ein lohnenswerter Trip.
USA, achtziger Jahre: die achtzehnjährige Maren reist auf der Suche nach ihrer vor Jahren verschwundenen Mutter quer durch die US-amerikanische Provinz. Begleitet wird sie auf ihrer Reise von Lee. Er ist wie sie ein Eater, also ein Mensch, der hungrig auf Menschenfleisch ist.
TV-Premiere. Düsterer Hybrid aus Horror-, Liebes- und Roadmovie.
Im August 2023 spielte Element of Crime in Berlin fünf Konzerte für den Konzert-/Dokumentarfilm „Element of Crime in Wenn es dunkel und kalt wird in Berln“. Die Konzerte erzählen einen Aspekt der Geschichte der Band, nämlich den steigenden Zuspruch des Publikums, nach. Das erste Konzert des Films ist im Privatclub, einer kleinen Location für 200 Gäste. An den folgenden Tagen traten sie in immer größeren Locations auf. Das fünfte und letzte Konzert ist ein ausverkauftes Open-Air-Konzert in der Zitadelle Spandau vor 9000 Fans.
Für seinen Dokumentarfilm „Element of Crime in Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ ergänzte Schauspieler Charly Hübner die Live-Aufnahmen um Interviews mit den Bandmitgliedern und einige Bilder von den Anfängen der Band in den achtziger Jahren in kleinen Berliner Clubs. Damals sangen sie noch auf Englisch. Der Erfolg blieb aus. Das änderte sich 1991 mit „Damals hinterm Mond“, ihrer ersten LP mit deutschen Texten und dem richtigen Beginn der Geschichte von „Element of Crime“. Seitdem ist ihre Musik eine melancholisch-filigrane Nachtmusik zwischen Chanson, Independent und ruhiger Rockmusik. Sie haben keine großen Hits, aber einen unverkennbaren Stil, den sie seit über dreißig Jahren perfektionieren.
„Element of Crime in Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin“ ist eine ordentliche Musikdoku, die in bewährter Manier ausführlich dokumentierte Live-Auftritte und knappe, eher anekdotische Statements der Musiker unaufgeregt miteinander verbindet. Hübners Doku ist primär der Film eines Fans der Band für die Fans der Band.
P. S.: Zum Film ist eine Soundtrack-CD erschienen. Aber vielleicht gibt es auch irgendwann eine CD-Box mit allen auf dieser Berlin-Tour gespielten Konzerten. Das wäre, vielleicht nächste Jahr zum vierzigjährigem Bandjubiläum, eine sehr gute Ergänzung zu den wenigen offiziell erhältlichen Live-Mitschnitten.
Element of Crime in Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin(Deutschland 2024)
Regie: Charly Hübner
Drehbuch: Charly Hübner
mit Sven Regener, Jakob Ilja, Richard Pappik, Markus Runzheimer, Rainer Theobald, Ekki Busch
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 0 Jahre
–
Kinostart: Dienstag, 1. Oktober, als bundesweiter Event-Start
Die Polizistin und die Sprache des Todes (Deutschland 2024)
Regie: Lars Becker
Drehbuch: Lars Becker
TV-Premiere. Gut, die Prämisse klingt jetzt ziemlich vertraut – eine BKA-Sonderermittlerin wird in die Provinz geschickt, weil dort wahrscheinlich das vierte Opfer eines Serienmörders gefunden wurde – aber der Film ist von „Nachtschicht“-Macher Lars Becker und da dürfte es einige Überraschungen geben.
mit Thelma Buabeng, Artjom Gilz, Nicholas Ofczarek, Thomas Schubert, Farba Dieng, Jane Chirwa, Enno Trebs, Sina Tkotsch, Doris Kunstmann
Korntal ist ein kleiner Ort in Baden-Württemberg in der Region Stuttgart. Korntal ist auch der Ort, an dem einer der größten Missbrauchsskandale der Evangelischen Kirche in Deutschland stattfand. Beginnend in den fünfziger Jahren wurden in den Heimen der pietistischen Brüdergemeinde Korntal unzählige Kinder missbraucht, gezüchtigt und Opfer sexualisierter Gewalt. 2013 wurde der Skandal öffentlich. 2018 erschien ein Abschlussbericht. Bis heute haben sich über 150 Heimkinder gemeldet und über 80 Täter konnten ermittelt werden. Und natürlich ist der Skandal mit der Vorstellung eines Abschlussberichts und der Zahlung von erbärmlich niedrigen Entschädigungen von höchstens 20.000 Euro pro Opfer nicht erledigt.
Allein diese Dimension des Skandals rechtfertigt einen Kinodokumentarfilm darüber.
Aber Betroffenheit, Empörung und guter Wille reichen nicht. Wie auch bei anderen Filmen über den Missbrauch von Kindern in der Kirche und anderen Institutionen, wie Internaten und Kinderheimen, stellt sich die Frage, wie darüber berichtet wird.
Julia Charakter wählt in ihrem Film „Die Kinder aus Korntal“ den Weg, sich auf die Seite der Opfer zu stellen und sich auf sie und ihre Berichte über ihre Jahrzehnte zurückliegende Zeit in Korntal zu konzentrieren. Sie hinterfragt nicht. Sie ordnet deren Statements nicht ein. Sie analysiert nicht. Sie lässt einfach die Betroffenen reden. Deutlich kürzere Statements gibt es von einigen Bewohner von Korntal und Mitgliedern der religiösen Gemeinde. Sie verzichtet auch auf ein Voice-Over. Leider. Denn so muss man sich als Zuschauer entweder vor dem Film über den Skandal informieren oder während des Films mühsam die Informationskrümel zusammensuchen.
Am Ende bleibt nur das Gefühl, dass es schlimm war und Mitleid mit den Opfern. Das ist zu wenig.
LV: Forrest Carter: The Rebel Outlaw: Josey Wales, 1973 (Gone to Texas; The Outlaw Josey Wales; Josey Wales)
Missouri, während des Bürgerkriegs: Marodierende Nordstaatler bringen die Familie von Farmer Josey Wales um. Er schwört Rache, schließt sich den Südstaatlern an, ergibt sich nicht am Ende des Bürgerkrieges, wird als Outlaw gejagt und will irgendwann nur noch seine Ruhe haben. Aber langsam hat er eine Ersatzfamilie im Schlepptau.
Ein feiner Western
mit Clint Eastwood, Chief Dan George, Sondra Locke, Bill McKinney, John Vernon, Paula Trueman, Sam Bottoms
Nachdem sein Yakuza-Boss offiziell seine Bande aufgelöst hat, ist „Phoenix“ Tetsu Watari arbeitslos. Aber die anderen Yakuza-Banden glauben nicht an die Auflösung von Kuratas Bande und von Tetsus Ruhestand. Sie versuchen ihn umzubringen. Eine Odyssee durch Japan und in die verschneiten Berge beginnt, in der Regisseur Seijun Suzuki eindeutig Stil über Story stellt. Diese besteht vor allem aus schon damals gut abgehangenen Gangsterfilmklischees. Die Kämpfe sind im damaligen, heute amateurhaft anmutendem Stil choreografiert. Das geringe Budget wird mit Ideenreichtum und teils extremen Stilisierungen ausgeglichen.
In seinem nächsten Film „Branded to Kill“ (1967; deutsche Premiere war 1994 als „Beruf Mörder“ in West 3) trieb er den Bruch mit Konventionen noch weiter und verlor seinen Job bei Nikkatsu. Bis zu seinem nächsten Spielfilm vergingen zehn Jahre.
„Seijun Suzuki’s sense-defying spectacle is 81 minutes of colour-saturated delirium“ (Lloyd Hughes: The Rough Guide to Gangster Movies, 2005)
„Grellbunte Farben, eine ausgefeilte Lichtsymbolik, gespreizte Dialoge und sentimentale Lieder machen aus der elegischen Krimi-Ballade eine Art japanischen Großstadtwestern mit parodistischem Touch“ (Fischer Film Almanach 1991)
Aus heutiger Sicht kann „Tokyo Drifter“ als eine Mischung aus Jean-Piere Melvilles hochgradig stilisierten Gangsterfilmen, in diesem Fall vor allem „Der eiskalte Engel“, und Quentin Tarantinos „Kill Bill“ (vor allem natürlich der Ausflug der Braut nach Japan) beschrieben werden. Dazu gibt es wild hineinkopierte Musiknummern.
Seine deutsche Premiere hatte Suzukis Film 1990 als „Tokyo Drifter – Der Mann aus Tokio“ im Kino. 1995 strahlte das ZDF unter dem Titel „Abrechnung in Tokio“ eine synchronisierte Fassung aus.
Jetzt bringt der Filmverleih Rapid Eye Movies im Rahmen seiner monatlichen Zeitlos-Reihe, die sich obskuren, unbekannten und vergessenen, aber dennoch sehenswerten Werken widmet, den Gangsterfilm wieder ins Kino. Und das ist gut so.
Drehbuch: Ali Abbasi, Isabella Eklöf, John Ajvide Lindqvist (nach der Erzählung „Gräns“ von John Ajvide Lindqvist)
Zollbeamtin Tina kann Gefühle erschnüffeln. Bei der Jagd auf Verbrecher ist dieses Talent ein Vorteil. Als sie bei einer Zollkontrolle Vore trifft, versagt ihr Geruchssinn. Aber sie weiß, dass er etwas verbirgt und dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt.
Zu Recht hochgelobtes genreüberschreitendes Drama. „Das grandiose Drama verwebt sozialen Realismus, Fantasy und skandinavische Mythologie zu einem zwitterhaften Werk, in dem aktuelle gesellschaftliche Debatten um Identitat, Ausgrenzung und Rassismus anklingen. Ein im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitender Ausnahmefilm.“ (Lexikon des internationalen Films; dort auch in der Liste der 20 besten Kinofilme des Jahres 2019)
In einer post-apokalyptischen Welt – dass „Never let go – Lass niemals los“ nicht in der Vergangenheit spielt, ahnen wir anhand der Kleidung und wissen wir aufgrund der vorhandenen Smartphones – leben eine Mutter (Halle Berry) und ihre beiden Kinder Samuel (Anthony B. Jenkins) und Nolan (Percy Daggs IV) im Süden von Tennessee im Wald. Ihr Bewegungsradios wird eingeschränkt durch die dicken Seile, die sie sich umbinden, sobald sie das Haus verlassen. Die mit dem Haus verbundenen Seile beschützten sie vor den im Wald lebenden bösen Geistern. Das behauptet jedenfalls ihre Mutter.
Als Samuel und Nolan älter werden, fragen sie sich, ob ihre Mutter ihnen die Wahrheit über die Monster im Wald und die Welt hinter dem Ende des Seils erzählt.
Horrorfilm-Regisseur Alexandre Aja („High Tension“, „The Hills have eyes“, „Crawl“) malt diese Situation in dichten Bildern und mit einem kleinem Ensemble aus. Die Geschichte selbst ist so abstrakt, dass sie für verschiedene, sich teils diametral gegenüberstehende Interpretationen offen ist. Also konkret: beschützt Momma ihre Kinder oder hält sie sie gefangen? Gibt es die im Wald lebenden Monster oder sind sie ein Fantasiegebilde der Mutter? Für welche Bedrohung stehen die Monster?
Es gibt nur wenige Andeutungen, wie es dazu kam, dass Momma und ihre beiden Kinder im Wald vom Wald leben und Angst vor den im Wald lebenden Monstern haben. Diese sehen, wenn sie auftauchen, wie gut erhaltene Zombies oder Wasserleichen aus. Es wird überhaupt nicht erklärt, wie die drei über zehn Jahre in dem Haus im Wald überleben konnten.
Nach dem Set-up entwickelt sich die Geschichte, mit einigen überraschenden Wendungen, in vertrauten Bahnen zu einem Ende, das mich nicht überraschte. Auch wenn Aja mit seiner Schlusspointe ein eindeutiges Ende vermeidet. Der Weg dorthin gestaltet sich trotzdem, dank der Schauspieler, der atmosphärischen Inszenierung und der Offenheit für verschiedene Interpretationen, ziemlich unterhaltsam.
P. S.: Aktuell denken die Macher schon darüber nach, die Geschichte weiter zu erzählen und auch die Vorgeschichte zu erzählen. Ich frage mich, ob das eine gute Idee ist. Denn dann würde vieles, was hier noch offen für sehr verschiedene Interpretationen ist, beantwortet werden.
Never let go – Lass niemals los(Never let go, USA 2024)
Regie: Alexandre Aja
Drehbuch: KC Coughlin, Ryan Grassby
mit Halle Berry, Percy Daggs IV, Anthony B. Jenkins
Kingsman: The Golden Circle(Kingsman: The Golden Circle, USA 2017)
Regie: Matthew Vaughn
Drehbuch: Jane Goldman, Matthew Vaughn
LV: Mark Millar/Dave Gibbons: The Secret Service, 2012/2013 (Secret Service) (naja, eigentlich „Inspiration“)
Nachdem Bösewichter die Zentrale der Kingsman zerstörten, müssen die distinguierten britischen Agenten Eggsy und Merlin sich mit ihrer US-amerikanischen Partnerorganisation, den Statesman, deren Zentrale in Kentucky einer Whiskey-Destillerie ist, zusammentun.
Witzge, mit hundertvierzig Minuten zu lang geratene Agentenkomödie, mit einer chaotischen Story und viel Action, die um 20.15 Uhr wahrscheinlich in einer gekürzten Version gezeigt wird.
mit Taron Egerton, Julianne Moore, Colin Firth, Mark Strong, Channing Tatum, Halle Berry, Jeff Bridges, Pedro Pascal, Edward Holcroft, Elton John, Hanna Alström, Tom Benedict Knight, Michael Gambon, Sophie Cookson, Björn Granath, Lena Endre, Poppy Delevingne, Bruce Greenwood, Emily Watson
Wenn wir ehrlich sind, ist „Megalopolis“ gescheitert, aber sehenswert, wenn auch nicht sehenswert gescheitert. Außerdem ist Francis Ford Coppolas neuer Film – ich hänge mich jetzt weit aus dem Fenster (aber bei der Höhe meines Fensters ist das ein vertretbares Risiko) – auch kein Film, der in zwanzig, dreißig Jahren eine gloriose Wiederauferstehung und Neubeurteilung erfahren wird. Trotzdem ist er sehenswert.
Ich erkläre das jetzt.
„Megalopolis“ könnte der letzte Spielfilm von Francis Ford Coppola sein. Er ist 85 Jahre und steckte in den vergangenen Jahren seine Energie in Restaurierungen und neue Schnittfassungen seiner alten Filme, die dann auch wieder im Kino gezeigt und von der Kritik abgefeiert wurden. In den vergangenen 25 Jahren drehte er drei Filme, die alle eine Ist-mir-egal-Einstellung gegenüber kommerziellen Erwägungen und den Erwartungen des Publikum versprühten. Auch „Megalopolis“ kümmert sich wenig um Publikumserwartungen und das zeitgenössische Kino.
Für Coppola ist „Megalopolis“ die Erfüllung eines lange gehegten, mit eigenem Geld finanzierten Wunsches. Seit über vierzig Jahren ist das Projekt immer wieder im Gespräch. Coppola sammelte Zeitungsausschnitte, machte sich Notizen und schrieb auch, mehr oder weniger präzise ausformulierte Drehbücher. Es gab mehr oder weniger weit fortgeschrittene Vorbereitungen für eine Verfilmung. Immer wieder kam etwas dazwischen und Coppola sammelte weitere Ideen, unterhielt sich über das Projekt und schrieb neue Versionen der Geschichte.
Diese lange Entwicklungszeit ist ein Problem des Films. Es ist in jeder Minute offensichtlich, dass über viele Jahre an dem Film gearbeitet wurde. Da hat sich viel angesammelt und vieles will man dann nicht einfach wegwerfen. So franst der Film in jeder nur erdenklichen Beziehung an allen Ecken und Enden aus. Einige Bilder und Ideen, die damals visionär waren, wirken heute abgeschmackt. Anderes ist immer noch atemberaubend.
Im Gegensatz zu anderen Alterswerken großer Regisseure ist „Megalopolis“ auch nicht – also jedenfalls nicht wirklich – die Zusammenfassung des bisherigen Werkes und eine damit verbundene Rückschau. Es ist ein Werk, das sich viel wagt, das keine Rücksicht nimmt und aus dem Vollen schöpft. Das ist bewundernswert und führt immer wieder zu atemberaubenden Szenen. Ein guter Film ist „Megalopolis“ nicht.
Es geht um den genialen Architekten und Erfinder Cäsar Catilina (Adam Driver), der die Metropole New Rome radikal umgestalten möchte. Er hat eine visionäre Vision von der Zukunft und wie Menschen in einer Metropole leben können. Der Bürgermeister Franklyn Cicero (Giancarlo Esposito) ist dagegen. Er will den Status Quo von New Rome aufrecht erhalten.
Nachdem Coppola diese Prämisse schnell etabliert hat, vergisst er sie atemberaubend schnell. Er driftet in Richtung Sittengemälde ab mit zahlreichen Anspielungen auf die Geschichte von New York, dem klaren Vorbild für New Rome, und dem eher prüden Feiern altrömischer Dekadenz mit halbnackten Frauen, Wagenrennen und teilweise moderner und zukünftiger Technik. Dazwischen gibt es vollkommen unzusammenhängende Episoden, die für die zu dem Zeitpunkt schon lange im Nirvana verschwundene Hauptgeschichte keinerlei Bedeutung haben. Anscheinend wichtige Figuren verschwinden aus der Filmgeschichte. Manche für immer. Interessante Ideen, wie dass Catilina die Zeit anhalten kann, haben für den Film, nach einer pompösen Einführung, keinerlei Bedeutung. Coppola verirrt sich im Dickicht seiner Ideensammlung für den Film und den verschiedenen Drehbuchskizzen und -versionen, ohne eine klare Vision der Filmgeschichte und des in ihr zu behandelnden Konflikts zu entwickeln. Denn dann hätte er gewusst, welche Ideen und Anspielungen in den Film gehören und welche nicht.
New Rome ist Coppolas Version von Gotham City und „Megalopolis“ ist „geschnittene Szenen aus ‚Batman‘-Filmen“ und Bilder aus dem Leben und Leiden der Architektenkammer von Gotham. Beides ohne Batman und Superbösewichter.
Megalopolis (Megalopolis, USA 2024)
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: Francis Ford Coppola
mit Adam Driver, Giancarlo Esposito, Nathalie Emmanuel, Shia LaBeouf, Aubrey Plaza, Jon Voight, Jason Schwartzman, Laurence Fishburne, Talia Shire, Kathryn Hunter, Grace VanderWaal, Chloe Fineman, James Remar, D.B. Sweeney, Dustin Hoffman, Balthazar Getty
Ziemlich beste Freunde(Intouchables, Frankreich 2011)
Regie: Eric Toledano, Olivier Nakache
Drehbuch: Eric Toledano, Olivier Nakache
Ein wohlhabender, körperlich schwerbehinderter Franzose engagiert einen jungen, gerade aus dem Gefängnis entlassenen Migranten als Pfleger. Dieser behandelt ihn nämlich ohne falschen Respekt.
Mit fast neun Millionen Besuchern war „Ziemlich beste Freunde“ 2012 der erfolgreichste Film in den deutschen Kinos.
„Charmantes Buddy-Movie (…) Konzipiert als schwungvoller Wohlfühlfilm, mangelt es ihm allerdings an Glaubwürdigkeit, zumal die Konflikte und Probleme recht naiv verharmlost werden.“ (Lexikon des internationalen Films)
1936 wurde der 77 Meter hohe Glockenturm für die XI. Olympischen Spiele erbaut. Von dem Turm aus hat man einen Blick auf und in das Olympiastadion, das davor liegende Maifeld, die Waldbühne, Berlin und Teile von Brandenburg.
Liegt es am neuen Verlag, an den Auswirkungen von Corona mit viel freier Zeit zum Schreiben oder dass die Kinder aus dem Haus sind (Hat er welche?) und seine Frau ihn in sein Schreibzimmer schickt, damit sie ihre Ruhe hat? Keine Ahnung, aber seitdem Horst Eckert zu Heyne gegangen ist, veröffentlicht er jedes Jahr einen neuen Polizeithriller. Dieses Jahr heißt das Werk „Nacht der Verräter“ und es ist endlich wieder ein Einzelroman.
Im Gegensatz zu seinen Serienromanen, zuletzt den vier bei Heyne erschienenen Melia-Adan-Vincent-Veih-Romanen, kann Horst Eckert in seinen Einzelromanen mit seinen Figuren skrupelloser umgehen. In seinem nächsten Roman müssen sie nicht wieder mitspielen. Das eröffnet erzählerische Freiräume, die ein Autor bei einer Serienfigur nicht hat. Eine Serienfigur muss am Ende des Romans in einem Zustand sein, der es ihr ermöglicht, weitere Abenteuer zu erleben. Eine Serienfigur kann nur eine begrenzte Menge Leid ertragen, ehe es absurd unglaubwürdig wird. Bei einem Einzelroman muss Eckert sich darüber keine Gedanken machen. Alles ist möglich.
Gleichzeitig schuf Eckert von Anfang an eine Kontinuität zwischen seinen düsteren Polizeiromanen, indem er aus vorherigen Romanen bekannte Figuren als Nebenfiguren immer wieder auftreten ließ. Sie wurden älter und arbeiteten in verschiedenen Positionen in und außerhalb der Düsseldorfer Polizei. In „Nacht der Verräter“ verzichtet Eckert fast vollständig auf solche Kurzauftritte. Das ist für Eckert-Gesamtleser etwas enttäuschend, weil das vertraute Gefühl, bekannte Figuren wieder zu treffen, fehlt, aber angesichts der Geschichte mehr als verschmerzbar.
Im Mittelpunkt von „Nacht der Verräter“ steht Max Bauer. Bei einem Routineeinsatz wurde er schwer verletzt. Seine Kollegin starb. Seitdem arbeitet er im Stab des Polizeipräsidenten am Schreibtisch.
Während eines Urlaubs vor einem Jahr lernte Max seine jetzige Frau Julia und ihre jetzt fast dreijährige Tochter Emilia kennen und lieben. Über Julias Vergangenheit weiß er nichts, aber er weiß, dass er sie liebt und sie ihn. Das Gleiche gilt für Emilia. Sie ist seine Tochter.
Als Julia nach einer Familienfeier spurlos verschwindet, beginnt er sie zu suchen. Aber er hat keine Ahnung, wo er mit seiner Suche beginnen soll.
Zur gleichen Zeit wird Frodo, begnadeter Gitarrist und Aushilfsverkäufer im „Music Point“, ermordet. Amateurgitarrist Max ist oft in dem Geschäft seines Onkels Albert. Vor kurzem hat er für ihn auch zwei Gitarreverstärker in den Niederlande abgeholt.
In dem Musikgeschäft hängen auch seine Brüder ab. Sie sind, wie er, Polizisten und möglicherweise in illegale Geschäfte verwickelt. Das vermuten jedenfalls die internen Ermittler, die Max eines dieser vergifteten Angebote unterbreiten, das er nicht ablehnen kann: entweder er bespitzelt seine Brüder und seinen Onkel oder er wird wegen des Transports von Drogen angeklagt. Denn er beförderte, ohne es zu wissen, vor kurzem keine Gitarrenverstärker, sondern Drogen.
Max versucht also gleichzeitig Julia zu finden (und er erfährt bei dieser Suche einige unschöne Dinge über sie), die Wünsche der internen Ermittler zu befriedigen und seine Familie und Freunde vor einer Bestrafung zu retten. Beides ist zur gleichen Zeit nicht möglich.
Nachdem Eckerts vorherigen Polizeikrimis schon seit Jahren locker auch und teilweise vor allem Polit-Thriller waren, ist „Nacht der Verräter“ wieder ein waschechter Polizeikrimi mit korrupten Polizisten, die in kriminelle Geschäfte verwickelt sind und die in einen Krieg mit Drogenbanden geraten.
Eckert erzählt das gewohnt faktengesättigt und nah an der Wirklichkeit und den aktuellen Schlagzeilen. So muss Max Bauer sich mit der polizeilichen Begleitung von Demonstrationen zum aktuellen Israel-Palästina Konflikt herumschlagen. Die aus den Niederlande kommende Mocro-Mafia ist in die Drogengschäfte von Max Familie verwickelt.
Die Geschichte, die Eckert erzählt, ist ebenfalls gewohnt dicht geplottet. Auch wenn Menschen, die ihren Harlan Coben gelesen haben, schon kurz nach Julias Verschwinden einige gar nicht so falsche Vermutungen über Julias Vergangenheit anstellen werden. Das Ende und der Weg dorthin gestalten sich dann allerdings überraschend und ziemlich verwickelt. Schließlich jongliert Max Bauer, während er sich fragt, wem seine Loyalität gehören soll, gleichzeitig mit mehreren Bedrohungen für sich und seine Familie.
„Nacht der Verräter“ ist eine spannende Lektüre für ein verlängertes Wochenende. Oder eine schlaflose Nacht.