Neu im Kino/Filmkritik: Steven Soderberghs „Liberace“ ist wundervoll, geschmacklos und schwul

Oktober 4, 2013

 

Nach „Side Effects“ sagte Steven Soderbergh, dass er keine weiteren Spielfilme drehen möchte. Und schon einige Monate später ist sein nächster Film im Kino. Allerdings ist das grandiose Biopic „Liberace“ ein TV-Film, produziert von HBO, der in den USA auch erfolgreich im Fernsehen lief und kürzlich elf Emmys erhielt. Unter anderem als bester Film, Michael Douglas als bester Hauptdarsteller, Steven Soderbergh für die Regie und den Schnitt und Ellen Mirojnick und Robert Q. Mathews für die Kostüme, die in diesem Film wirklich eine besondere Rolle spielen. Nominiert waren auch Richard LaGravenese für sein Drehbuch und Matt Damon als bester Hauptdarsteller.

Dieser Emmy-Preisregen kann als Entschädigung für die entgangenen Oscars angesehen werden. Denn Soderberghs Film gehört ins Kino. Die schwelgerische Ausstattung, der überbordende Kitsch des enorm populären Las-Vegas-Musikers Liberace, ist einfach zu viel für den kleinen Bildschirm. Liberace war seit den Fünfzigern, als er mit einer TV-Show bekannt wurde und in den kommenden Jahren seinen opulenten Bühnenauftritt perfektionierte, ein sehr gut verdienender Frauenschwarm, der stockschwul war, aber jeden verklagte, der das behauptete. Damals hätte das nämlich das Ende seiner Karriere bedeutet. Auch nach seinem Tod 1987 wurde peinlich verschwiegen, dass er an AIDS starb.

Soderberghs Sittengemälde und Biopic beginnt 1977. Damals war Scott Thorson (Matt Damon) ein junger Tiertrainer für Tiere, die in Hollywood-Filmen mitspielten, und schwul. Eines Tages nimmt ihn sein Freund, der Choreograph Bob Black zu einem Wochenendtrip nach Las Vegas mit. Sie besuchen ein Konzert von Liberace und Thorson entschlüsselt sofort die schwulen Codes des Pianisten. Das überwiegend ältere, weibliche Publikum nicht. Später, im Backstage-Bereich, findet der eitle Pfau Liberace sofort gefallen an dem unschuldigen Waisenjungen und ernennt ihn zu seinem persönlichen Sekretär, den er hinten und vorne in seinem Kitschpalast verwöhnt. Ihm sogar eine teure Schönheitsoperationen bezahlt, die ihn immer mehr zu seinem jüngeren Ebenbild machen. Thorson sitzt jetzt im goldenen Käfig, aus dem er nicht ausbrechen möchte. Jedenfalls noch nicht. Dummerweise ist Liberace leicht paranoid und sehr sprunghaft in der Wahl seiner Lustknaben.

Soderbergh erzählt pointiert, mit einem scharfen Blick auf die damalige Bigotterie und die Schauwerte, die Liebesgeschichte zwischen den beiden Männern, in der der ältere Mann den anderen verführt, ausnutzt und letztendlich verstößt. Es ist auch ein Blick auf die Schattenseiten des Showgeschäfts, in denen ein Star wie ein kleiner König herrschen kann.

Das ist ganz großes Kino, wundervoll gespielt von Michael Douglas und Matt Damon, die wirklich jeden Preis verdient haben und, unter der glitzernden Oberfläche, eine zutiefst deprimierende Studie eines einsamen Mannes.

Ach ja: derzeit arbeitet Soderbergh an der Mini-Serie „The Knick“.

Liberace - Plakat

Liberace – Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra, USA 2013)

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Richard LaGravenese

LV: Scott Thorson, Alex Thorleifson: Behind the Candelabra, 1988

mit Michael Douglas, Matt Damon, Scott Bakula, Dan Akroyd, Debbie Reynolds

Länge: 119 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liberace“

Moviepilot über „Liberace“

Metacritic über „Liberace“

Rotten Tomatoes über „Liberace“

Wikipedia über „Liberace“ 

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Girlfriend Experience – Aus dem Leben eines Luxus-Callgirls” (The Girlfriend Experience, USA 2009)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Contagion“ (Contagion, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Haywire” (Haywire, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs “Magic Mike” (Magic Mike, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Soderberghs „Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“ (Side Effects, USA 2013)

Steven Soderbergh in der Kriminalakte

 

 

 

 

 


TV-Tipp für den 10. September: Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind

September 10, 2013

 

Sixx, 22.00

Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind (USA 2002, R.: George Clooney)

Drehbuch: Charlie Kaufman

LV: Chuck Barris: Confessions of a Dangerous Mind: An Unauthorized Autobiography, 1984

Fulminantes Regiedebüt von George Clooney über Chuck Barris, einen in den USA legendären TV-Produzenten (u. a. The Dating Game/Herzblatt), der in seiner Biographie behauptete, dass er in den Sechzigern und Siebzigern auch ein Auftragskiller für die CIA war.

Ob das stimmt, wissen wir nicht, aber das ist, jedenfalls für diesen angenehm durchgeknallten Film, auch ziemlich egal.

mit Sam Rockwell, Drew Barrymore, George Clooney, Julia Roberts, Rutger Hauer, Maggie Gyllenhaal, Kristen Wilson, Brad Pitt, Matt Damon

Wiederholung: Mittwoch, 11. September, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Metacritic über „Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind“

Rotten Tomatoes über „Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind“

Wikipedie über „Geständnisse – Confessions of a Dangerous Mind“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Confessions of a Dangerous Mind“ von Charlie Kaufman (Dritte Fassung, 5. Mai 1998)


TV-Tipp für den 22. August: Die Bourne-Verschwörung

August 22, 2013

Vox, 20.15

Die Bourne-Verschwörung (USA/D 2004, R.: Paul Greengrass)

Drehbuch: Tony Gilroy

LV: Robert Ludlum: The Bourne Supremacy, 1986 (Die Borowski-Herrschaft, Das Bourne Imperium)

Jason Bourne ist in Goa untergetaucht. Als ein Anschlag auf ihn verübt wird und er in Berlin ein Attentat verübt haben soll, beginnt Bourne den wirklichen Täter zu jagen.

Überaus erfolgreiche und auch bei der Kritik beliebte Fortsetzung von “Die Bourne-Identität”. Wieder, bis auf die Regie, mit dem bewährten Team und einigen halsbrecherischen Autoverfolungsjagden. Die Story ist ein Aufguss von „Die Bourne Identität“ (Am Anfang kämpft Bourne mit seiner Amnesie. In der Mitte erinnert er sich an seine Vergangenheit. Am Ende kämpft er gegen einen anderen Profikiller. Oh, und etliche Autos werden geschrottet.). Die vielen Berlin-Bilder sind dagegen für Berlin-Freunde ein Fest.

Gilroys Drehbuch war für den Edgar-Allan-Poe-Preis nominiert.

Im Anschluss, um 22.20 Uhr (Wiederholung um 02.35 Uhr), läuft der Thriller „Green Zone“, ebenfalls von Paul Greengrass, wieder mit Matt Damon und selbstverständlich sehenswert

Mit Matt Damon, Franka Potente, Brian Cox, Julia Stiles, Karl Urban, Joan Allen, Michelle Monaghan

Wiederholung: Freitag, 23. August, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Die Bourne-Verschwörung“

Rotten Tomatoes über „Die Bourne-Verschwörung“

Wikipedia über “Die Bourne-Verschwörung” (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Tony Gilroys „Das Bourne-Vermächtnis“ (The Bourne Legacy, USA 2012)


TV-Tipp für den 22. Juli: Der Plan

Juli 22, 2013

ZDF, 22.15

Der Plan (USA 2011, R.: George Nolfi)

Drehbuch: George Nolfi

LV: Philip K. Dick: Adjustment Team, 1954 (Kurzgeschichte)

Politiker David Norris verliebt sich in die Tänzerin Elise. Da tauchen einige seltsame Männer bei ihm auf, die behaupten, von einem Planungsbüro zu kommen und Norris‘ Leben nachzujustieren. Denn nach dem Plan gibt es zwischen David und Elise keine Liebesgeschichte.

Bei Kritik und Publikum ziemlich gut angekommenes Spielfilmdebüt von George Nolfi, dem Drehbuchautor von „Das Bourne Ultimatum“, „The Sentinel – Wem kannst du trauen?“ und „Ocean’s Twelve“, über die Frage, ob wir unser Schicksal selbst in der Hand haben.

mit Matt Damon, Emily Blunt, Anthony Mackie, John Slattery, Michael Kelly, Terence Stamp

Hinweise

Film-Zeit über „Der Plan“

Metacritic über „Der Plan“

Rotten Tomatoes über „Der Plan“

Wikipedia über „Der Plan“ (deutsch, englisch)

Homepage von Philip K. Dick

Philip K. Dick in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 3. Juni: Departed – Unter Feinden

Juni 2, 2013

NDR, 23.15

Departed – Unter Feinden (USA 2006, R.: Martin Scorsese)

Drehbuch: William Monahan

Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.

„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.

Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.

Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres

Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefiel das Buch besser).

Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und, umpf, Keira Knightley) ab.

Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Departed – Unter Feinden“

Metacritic über “Departed – Unter Feinden”

Rotten Tomatoes über “Departed – Unter Feinden”

Wikipedia über “Departed – Unter Feinden” (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Departed“ von William Monahan

Collider: Interview mit William Monahan (Februar 2007)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von William Monahans “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)


TV-Tipp für den 24. Februar: True Grit

Februar 24, 2013

Pro 7, 20.15

True Grit (USA 2010, Regie: Joel Coen, Ethan Coen)

Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen

LV: Charles Portis: True Grit, 1968 (Die mutige Mattie; True Grit)

Die vierzehnjährige Mattie Ross will den Mörder ihres Vaters, den Feigling Tom Chaney, finden. Für die Jagd engagiert sie den versoffenen, aber furchtlosen Marschall Rooster Cogburn.

Ein zukünftiger Western-Klassiker

mit Jeff Bridges, Hailee Steinfeld, Matt Damon, Josh Brolin, Barry Pepper

Hinweise

Wikipedia über Charles Portis (deutsch, englisch) und „True Grit

New York Times über Charles Portis (19. Dezember 2010)

Amerikanische Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Deutsche Homepage zu „True Grit“ (Coen-Version)

Film-Zeit über „True Grit“ (Coen-Version)

Metacritic über „True Grit“

Rotten Tomatoes über „True Grit“

Drehbuch „True Grit“ von Joel und Ethan Coen

Meine Besprechung von Charles Portis‘ Roman „True Grit/Die mutige Mattie“ (True Grit, 1968)