Irinas dreizehnjähriger Sohn Igor liegt schwer verletzt und nicht ansprechbar im Krankenhaus einer tschechischen Kleinstadt. Er wurde in dem anonymen Mietshaus in dem Irina und Igor wohnen, überfallen. Wer den aus der Ukrainie stammenden Teenager zusammengeschlagen hat, ist unklar. Es ist auch unklar, was genau geschah. Aber schnell wird die Körperverletzung zu einem Ereignis, das immer weitere Kreise zieht. Auch weil ein rassistischer Hintergrund vermutet wird. Die Polizei ermittelt. Die Medien sehen in dem Überfall eine gute Boulevard-Story. Die Bürgermeisterin spricht ihr Beileid aus und möchte, nicht ganz uneigennützig, Irina und Igor helfen. So erhält Irina eine größere Wohnung. Ein früherer Profisportler, der jetzt als Rechtsradikaler Politik macht, will ihnen ebenfalls helfen und dabei fremdenfeindliche Ressentiments bedienen. Denn die Tatverdächtigen sind einige im gleichen Haus lebende Roma-Jungen.
Und Irina hofft, dass der Überfall sich positiv auf ihren wiederholten Antrag auf die tschechische Staatsbürgerschaft und ihre Pläne, sich mit einem Friseursalon selbstständig zu machen, auswirkt. Auch wenn sie dafür lügen muss.
Schnell verschwimmen in Michal Blaškos bevorzugt in langen Einstellungen gedrehtem Spielfilmdebüt die Grenzen zwischen Gut und Böse. Das erzählt er etwas zu reduziert und zu didaktisch, um wirklich zu begeistern.
Trotzdem ist „Victim“ insgesamt ein zum Nachdenken und Diskutieren anregendes Drama mit einer sehr ironischen Schlußpointe.
Victim (Slowakei/Tschechien/Deutschland 2022)
Regie: Michal Blaško
Drehbuch: Jakub Medvecký
mit Vita Smachelyuk, Gleb Kuchuk, Igor Chmela, Viktor Zavadil, Inna Zhulina, Alena Mihulová, Veronika Weinhold, Gabriela Míčová, Claudia Dudová
Das Leben des Brian (Monty Pythons Life of Brian, Großbritannien 1979)
Regie: Terry Jones
Drehbuch: Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin
Das Leben von Brian, das erstaunliche Parallelen zu dem von Jesus Christus hat, und hier von Monty Python kräftig durch den Kakao gezogen wird.
Kult. Und wahrscheinlich schon tausendmal gesehen.
Der deutsche Kinostart war am 15. August 1980
mit Graham Chapman, John Cleese, Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin, Terence Bayler, Carol Cleveland, Kenneth Colley, Neil Innes, Charles McKeown
Wiederholung: Montag, 10. April, 01.25 Uhr (Taggenau!)
Gut, für den österlichen Geschenkekorb kommt die monatliche Krimibestenliste, präsentiert von Deutschlandfunk Kultur, etwas spät. Jedenfalls für alle, die gedruckte Bücher bevorzugen.
Aus dem Englischen von Karen Gerwig und Angelika Müller
Pulp Master, 416 Seiten, 16 Euro
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6 (9) Riku Onda: Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen
Aus dem Japanischen von Nora Bartels
Atrium, 240 Seiten, 22 Euro
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7 (–) David Hewson: Garten der Engel
Aus den Englischen von Birgit Salzmann
Folio, 387 Seiten, 27 Euro
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8 (–) Jérôme Leroy: Die letzten Tage der Raubtiere
Aus dem Französischen von Cornelia Wend
Edition Nautilus, 396 Seiten, 24 Euro
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9 (–) Hayley Scrivenor: Dinge, die wir brennen sahen
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Eichborn, 368 Seiten, 22 Euro
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10 (8) Melissa Ginsburg: Sunset City
Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeldt
Polar, 214 Seiten, 17 Euro
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In ( ) ist die Position vom Vormonat.
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Da ist doch einiges dabei. Zum Beispiel James Kestrels „Fünf Winter“, im Original erschienen bei Hard Case Crime und 2022 mit dem Edgar als bester Roman ausgezeichnet. Das sind schon zwei gute Gründe für eine Lektüre des Romans.
Aktuell beschäftige ich mich wegen anstehender Lesungen und möglicher Interviews vor allem mit dem Werk von Ben Aaronovitch, Christopher Golden und Marc Raabe.
Und am 12. April erscheint „Die Macht der Wölfe“, der neue Roman von Horst Eckert.
Hm, so gesehen kann das Wetter so schlecht bleiben.
M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Deutschland 1931)
Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang
Polizei und Verbrecher suchen einen Kindermörder.
Ein Filmklassiker, der keine Patina angesetzt hat und jeder Film- und Krimifan unbedingt gesehen haben muss. Mustergültig setzt Lang in seinem ersten Tonfilm Bild und Ton ein. Angeregt wurde „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ durch Zeitungsartikel über mehrere brutale Morde, unter anderem über den Fall Kürten.
Mit Peter Lorre, Gustaf Gründgens, Otto Wernicke, Paul Kemp, Theo Lingen
Kurz nach Adams Ankunft an der Azhar-Universität in Kairo stirbt der Großiman. Die Universität ist das Epizentrum der Macht in der islamischen Welt; der Großiman das Oberhaupt der Universität. In ihr und durch ihn wird die für Muslime entscheidende Auslegung des Korans formuliert. Für den sunnitischen Islam ist er die oberste Autorität. Wie der Papst für Katholiken die oberste Autorität ist. Bei neuen Gesetzen berücksichtigt die äyptische Regierung seine Empfehlungen. Entsprechend wichtig ist das Amt des Großimans.
Während der mit harten Bandagen, Mord und Intrigen geführte Kampf um die Nachfolge tobt, gerät Adam, Sohn eines einfachen Fischer, der ein Stipendium für die Universität erhalten hat, in der Universität zwischen die Fronten der verschiedenen Gruppen, die eines ihrer Mitglieder zum Nachfolger ernennen wollen. Gleichzeitig versucht der zwiespältige Regierungsbeamte Ibrahim ihn anzuwerben. Ibrahim hofft so, einen tieferen Einblick in die verschlossene Welt der Universität zu erhalten und über Adam das Geschehen in der Universtität beeinflussen zu können.
Nach dem 08/15-Thriller „The Contractor“ kehrt Tarik Saleh, ein gebürtiger Schwede mit einem ägyptischen Vater, nach Ägypten zurück. Dort spielte sein überaus gelungener Politthriller „Die Nile Hilton Affäre“, der gelungen an die Erzählmustern westlicher Polit-Thriller, mit einer mehr als ordentlichen Portion französischer 70er-Jahre Polit- und Paranoia-Thriller anknüpft.
Seit den Dreharbeiten für diesen Thriller darf er nicht mehr nach Ägypten einreisen. Deshalb drehte er „Die Kairo-Verschwörung“ in der Türkei. Die in Istanbul stehende Süleymanye-Moschee wurde im Film zur Azhar-Universität.
Wie „Die Nile Hilton Affäre“ ist „Die Kairo-Verschwörung“ ein Polit-Thriller. Aber dieses Mal interessiert sich Tarik Saleh nicht sonderlich für den Thrill. Dafür sind die Machtkämpfe zu bräsig erzählt. Sein neuester Film ist eher ein Drama und eine Coming-of-Age-Geschichte, das sich den etablierten Erzählmustern des Verschwörungsthrillers bedient. Und es ist ein intensiver Blick in das Innenleben und die Strukturen einer von der Außenwelt abgeschotteten Welt.
Die Kairo-Verschwörung (Boy from Heaven, Schweden/Frankreich/Finnland 2022)
Regie: Tarik Saleh
Drehbuch: Tarik Saleh
mit Tawfeek Barhom, Fares Fares, Mohammad Bakri, Makram J. Khoury, Sherwan Haji, Mehdi Dehbi
Fabian oder Der Gang vor die Hunde (Deutschland 2021)
Regie: Dominik Graf
Drehbuch: Constantin Lieb, Dominik Graf
LV: Erich Kästner: Fabian oder Der Gang vor die Hunde, 1931/2013
TV-Premiere. Dominik Grafs grandiose Verfilmung von Erich Kästners Roman über Jakob Fabian, einem Schriftsteller, der als Werbetexter Geld verdient und durch das nächtliche Berlin der Goldenen Zwanziger driftet.
mit Tom Schilling, Albrecht Schuch, Saskia Rosendahl, Michael Wittenborn, Petra Kalkutschke, Elmar Gutmann, Aljoscha Stadelmann, Anne Bennent, Meret Becker
Hätte mir vor wenigen Tagen jemand gesagt, dass ich mich für einen Film über einen Turnschuh und einen Werbevertrag interessieren könnte, hätte ich gesagt „Quatsch. Es gibt nichts, was mich weniger interessiert.“.
Nach dem fabelhaftem Trailer war ich dann gespannt auf den Film über Nike und Michael Jordan. „Air – Der große Wurf“ ist auch der neue Spielfilm von Ben Affleck. Der Schauspieler hat als Regisseur mit „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (2007), „The Town – Stadt ohne Gnade“ (2010), „Argo“ (2012) und „Live by Night“ (2016) eine makellose Filmographie. Da hätte mich sein neuer Film, das gebe ich unumwunden zu, in jedem Fall interessiert.
Sein Drama „Air – Der große Wurf“ erfüllt die Erwartungen, die der Trailer und sein Name wecken. Er erzählt die Vorgeschichte zu dem Vertrag zwischen Nike und Michael Jordan, aus der Sicht von dem Mann, der bei Nike den Vertrag einfädelte.
Nike befindet sich 1984 in einer finanziell unbefriedigenden Situation. Das Geschäft mit der Verpflichtung von Sportlern, bei Wettkämpfen und Spielen ihre Schuhe zu tragen und so Schuhe zu verkaufen, läuft schlecht. Trotzdem will Nike in der kommenden Saison wieder Sponsoring-Verträge mit mehreren Sportlern abschließen. Das Risiko wird gestreut. Aber Spitzensportler und Stars können so nicht eingekauft werden. Nike bedient sich an der Resterampe.
Da schlägt Sonny Vaccaro (Matt Damon), der Basketballexperte von Nike, einen neuen Ansatz vor: das gesamte Budget wird für einen Sportler ausgegeben. Michael Jordan, der damals am Anfang seiner Karriere stand, soll das sein. Vaccaro denkt, dass Jordan ein riesiges Potential hat.
Es gibt nur zwei Probleme: zuerst muss Vaccaro seine Vorgesetzten von seiner Idee überzeugen. Die sind davon nicht begeistert. Denn wenn Vaccaro sich irrt, wird das ein kostspieliger, die Firma gefährdender Irrtum sein.
Und Michael Jordan muss überzeugt werden. Sein Agent bereitet gerade Vertragsverhandlungen mit Adidas und Puma vor. Beide Firmen würden Jordan eine Summe zahlen, die über dem bei Nike verfügbarem Budget liegt. Außerdemn hat Jordan bereits öffentlich gesagt, er werde niemals bei Nike unterschreiben.
Affleck orientiert sich in seinem neuen Film an an neueren, auf wahren Ereignissen beruhenden Hollywood-Filmen, wie „The Big Short“, „Vice – Der zweite Mann“ und „Bombshell – Das Ende des Schweigens“. Im Gegensatz zu diesen Filmen, die über gesellschaftliche Missstände aufklären, geht es in „Air – Der große Wurf“ letztendlich um nichts. Denn ein Sponsoring-Vertrag zwischen einem Sportler und einer Firma, von dem beide profitieren, ist kein Skandal und nichts, was verändert werden muss. Denn Jordan schloss einen für sich sehr vorteilhaften Vertrag ab, der sich fundamental von den Verträgen unterschied, die andere Sportler vor ihm abschlossen.
Affleck erzählt diese Vertragsverhandlungen äußerst kurzweilig und satirisch zugespitzt aus der Sicht von Sonny Vaccaro und Nike. Michael Jordan, den in den USA jedes Kind kennt, tritt im Film nicht auf. Seine Mutter Deloris Jordan (Viola Davis), das Oberhaupt der Familie Jordan, führt die Verhandlungen. Das Erzähltempo ist hoch. Die Dialoge pointiert. Die hochkarätigen Schauspieler – neben Matt Damon und Viola Davis sind Ben Affleck, Jason Bateman, Chris Tucker und Chris Messina dabei – sind spielfreudig. Das Zeitkolorit ist stimmig. Alles sieht wie ein Dokumentarfilm aus den achtziger Jahren aus. Es gibt Bilder aus Nachrichtensendungen und Ausschnitte aus Videoclips, die nostalgische Gefühle wecken. Der Soundtrack besteht aus den damaligen Hits.
Da macht dann ein vollkommen kritiklos präsentiertes Stück Firmengeschichte über einen Sportler, einen Schuh und wie die profitable Partnerschaft zwischen Nike und Jordan begann, Spaß.
„Air – Der große Wurf“ ist ein kurzweiliger Werbefilm für Nike und eine Zeitreise in eine Zeit, als Telefone nur Telefone waren.
Air – Der große Wurf(Air, USA 2023)
Regie: Ben Affleck
Drehbuch: Alex Convery
mit Matt Damon, Ben Affleck, Jason Bateman, Chris Tucker, Viola Davis, Chris Messina, Marlon Wayans, Matthew Maher, Julius Tennon
Pater Gabriele Amorth ist nicht irgendein Exorzist, sondern „The Pope’s Exorcist“; also der Exorzist des Papstes. Er war, im Gegensatz zu den normalen Film-Exorzisten, ein wirklicher Exorzist, der Yoga und das Lesen der Harry-Potter-Bücher für satanisch hielt.
Der Norditaliener lebte von 1925 bis 2016. Seit 1986 war er der Exorzist der Diözese Rom. Später war er mehrere Jahre der Präsident der Internationalen Vereinigung der Exorzisten. Nach eigenen Angaben führte er 50.000 (das sagt er 2000), 70.000 (das sagte er 2010) oder 160.000 (das sagte er 2013) erfolgreiche Teufelsaustreibungen durch. Oder, anders gesagt: ungefähr zu jeder Mahlzeit praktizierte er mindestens einen Exorzismus.
Und er schrieb darüber erfolgreiche Bücher. Wie Ed und Lorraine Warren, die als Geisterjäger und -austreiber in den USA vor allem in den Siebzigern ihre bekanntesten Fälle hatten. Seit 2013 wurden ihre Fälle in den gelungenen, sich an ihre Aufzeichnungen haltenden bislang drei „The Conjuring“-Filmen nacherzählt.
Diesen Weg, nämlich einen ‚wahren‘ Fall stilbewusst zu erzählen, wählten die Macher von „The Pope’s Exorcist“ nicht. Regisseur Julius Avery und die Drehbuchautoren Michael Petroni und Evan Spiliotopoulos erzählen eine erfundene Geschichte, die um ein, zwei Fakten und Statements aus Pater Gabriele Amorths Leben ergänzt wird. Jedenfalls wirkt Amroths Hauptfall mit seiner Erklärung über das Wesen des Dämons wie die Erfindung eines Drehbuchautoren, der sich von einem trashigen Verschwörungsthriller über die katholische Kirche und deren teuflisches Treiben durch die Jahrhunderte inspirieren ließ.
Amorth wird im Juli 1987 von Rom nach Spanien zur in Kastilien liegenden Abtei St. Sebastian geschickt. Er soll herausfinden, ob der zwölfjährige Henry besessen ist. Der Junge ist mit seiner älteren Schwester und seiner Mutter vor kurzem dort angekommen. Henrys Mutter möchte das Anwesen renovieren und gewinnbringend verkaufen. Es handelt sich dabei um ihre gesamte Erbschaft.
Kaum ist Amorth in der baufälligen Abtei angekommen, stellt er fest, dass er gegen Satan höchstpersönlich kämpfen muss. Dabei soll ihm der junge Gemeindegeistliche Vater Esquibel helfen.
„The Pope’s Exorzist“ ist einfach der vorhersehbare Exorzismus-Film der Saison. So wird aus Pater Gabriele Amorths Leben, das durchaus den Stoff für einen gelungenen Film hergegeben hätte, nichts gemacht. Stattdessen wird einfach noch einmal die sattsam bekannte Exorzismus-Geschichte erzählt, als ginge es um Malen nach Zahlen. Und diese Geschichte kümmert sich erstaunlich wenig um irgendeine Form von Logik. Das ist augenfällig, wenn Amorth mehr über den Dämon und die Geschichte der Abtei herausfindet und wie er dabei vorgeht. Da warnt er zuerst vor Gefahren. Und tut Sekunden später alles, um genau diese Gefahren wieder herauf zu beschwören, während der Dämon alle paar Minuten einen Menschen gegen die nächste Wand schleudert und der von ihm besessene Henry mit teuflischen Stimmen spricht.
„Operation: Overlord“-Regisseur Julius Avery erzählt dies vor allem in dunklen Räumen, mit etwas Sünde (vulgo Sex) und ziemlich viel spritzendem Blut. Er ist dabei mehr an Oberflächenreizen als an etwaigen thematischen Vertiefungen interessiert.
Russell Crowe hatte bei diesem Budenzauber offensichtlich seinen Spaß. Mit großer Geste, dem pathetischen Ernst einer Shakespeare-Aufführung und einem „Ich kann das auch alles nicht glauben“-Blick tritt er mit ausgebreiteten Armen gegen den Teufel an, der nach Amorths Meinung ein humorloser Geselle ist. Deshalb gibt es Witzeleien und lateinische Sprüche.
Dazu gibt es, in der Originalfassung, durchgehend ein für einen US-Film erstaunliches Sprachgemisch aus Italienisch, Spanisch, Englisch und Latein. In den ersten Minuten wird bis auf ein, zwei Sätze nur italienisch gesprochen. Auch Russell Crowe, der als Amorth in Tropea, einem Dorf in Kalabrien, zu einem Exorzismus gerufen wurde, redet italienisch.
Am Ende bleibt nach hundert Minuten Teufelsaustreibung nur der übliche Exorzismus-Quark, mit dem Katholiken sich immer herumschlagen müssen, und Russell Crowe beseelt eine Lambretta Scooter durch Rom und Spanien fahrend.
The Pope’s Exorcist (The Pope’s Exorcist, USA 2023)
Regie: Julius Avery
Drehbuch: Michael Petroni, Evan Spiliotopoulos (nach einer Geschichte von Michael Petronik R. Dean McCreary, Chester Hastings)
LV: Pater Gabriele Amorth: Un esorcista racconta, 1990 (Ein Exorzist erzählt); Nuovi racconti di un esorcista, 1992 (Neue Berichte eines Exorzisten)
mit Russell Crowe, Daniel Zovatto, Alex Essoe, Franco Nero, Peter DeSouza-Feighoney, Laurel Marsden, Cornell John
Ziemlich beste Freunde(Intouchables, Frankreich 2011)
Regie: Eric Toledano, Olivier Nakache
Drehbuch: Eric Toledano, Olivier Nakache
Ein wohlhabender, körperlich schwerbehinderter Franzose engagiert einen jungen, gerade aus dem Gefängnis entlassenen Migranten als Pfleger. Dieser behandelt ihn nämlich ohne falschen Respekt.
Mit fast neun Millionen Besuchern war „Ziemlich beste Freunde“ 2012 der erfolgreichste Film in den deutschen Kinos.
„Charmantes Buddy-Movie (…) Konzipiert als schwungvoller Wohlfühlfilm, mangelt es ihm allerdings an Glaubwürdigkeit, zumal die Konflikte und Probleme recht naiv verharmlost werden.“ (Lexikon des internationalen Films)
Nach zwei Kriminalromanen hat Sven Heuchert jetzt seinen dritten Roman veröffentlicht und es ist, egal was man unter Kriminalliteratur versteht, kein Kriminalroman, sondern ein Roman. Der Verlag nennt ihn einen kraftvollen Roman über Trauer und Neuanfang.
In „Das Gewicht des Ganzen“ geht es um die Freundschaft zwischen dem schön älteren Antiquitätenhändler Russ Graham und der jüngeren Milla Hellstein. Die Deutsche hat nach einem Schicksalsschlag ihre Spedition verkauft und anschließend ihre Heimat verlassen. In der kanadischen Einsamkeit hat sie jetzt ein Haus bezogen. Trotz ihres Altersunterschieds verbringen Milla und Russ, nie viel redend, Zeit miteinander.
Sven Heucherts erster Roman, der Noir „Dunkels Gesetz“, schaffte es zweimal auf die Krimibestenliste und es gab viel Lob für ihn. Auch mir gefiel er mit Einschränkungen und ich war auf seinen nächsten Roman gespannt. Sein zweiter Noir „Alte Erde“ ist deutlich schwächer. Zu nebensächlich ist der Krimiplot, zu episodisch und nebulös die Erzählung. In seinem dritten Roman verzichtet er dann vollständig auf den Krimiteil und eine Story. Es geht nur noch um zwei Menschen, die miteinander die entlaufenen Hühner eines Nachbarn fangen, eine demente Nachbarin suchen, angeln und jagen gehen. Dabei reden sie wenig miteinander und erinnern sich noch weniger an ihre Vergangenheit.
Heuchert schildert das auf knapp zweihundert Seiten sehr sparsam und ohne eine konkreten Plot. Fast immer fehlen konkrete Zeit- und Ortsangaben. So spielt die Geschichte zwar in den frühen neunziger Jahren in Kanada in der Wildnis, aber sie könnte auch in irgendeinem anderen Jahrzehnt oder an irgendeinem anderen Ort spielen, solange es sich um ein ländliches Gebiet mit Ackerbau- und Viehzucht handelt.
Die beiden Hauptfiguren bleiben nebulös. Ihre Erinnerungen gehen nie tiefer als eine sentimentale Erinnerung an einen Schnappschuss. Die Geschichte ist eine Abfolge von unverbundenen Ereignissen und Erinnerungen, die auch in einer anderen Reihenfolge erzählt werden könnten. Vieles ist nur skizziert oder zwischen den Zeilen angedeutet. Nichts davon ist interessant oder bleibt länger im Gedächtnis. „Das Gewicht des Ganzen“ ist ein Buch, das schon beim Lesen dagegen kämpft, vergessen zu werden.
Bis ans Ende der Welt (Deutschland/Frankreich/Italien 1991)
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Peter Carey, Wim Wenders (nach einer Originalidee von Wim Wenders und Solveig Dommartin)
1999 (also damals in der Zukunft): eine nuklearer Satellit verläßt seine Umlaufbahn und er könnte das Ende der Welt bedeuten. Während die Menschheit auf ihr Ende wartet, verfolgt eine Frau einen Mann über den halben Globus bis nach Australien. Er zeichnet mit einer Spezialkamera Bilder auf, die Blinde sehen können.
Das ist etwas für die Nachteulen (und den Recorder): Wim Wenders Epos „Bis ans Ende der Welt“ in der selten gezeigten Langfassung, dem Director’s Cut. Diese lief laut OFDB lief der Film bis jetzt zweimal im Fernsehen. 2005 zeigte EinsFestival diese Fassung des Films. 2015 zeigte ihn das ZDF weit nach Mitternacht. Auch in der kürzeren Kinofassung gehört „Bis ans Ende der Welt“ zu seinen selten gezeigten Werken.
1991 lief im Kino eine dreistündige Fassung, die nicht so gut ankam, die ich aber, bei all ihren Schwächen, faszinierend finde.
„In ‚Bis ans Ende der Welt‘ synthetisiert Wenders zahlreiche traditionelle Filmgenres wie Science-Fiction, Romanze, Abenteuer-, Kriminal- und Musikfilm zu einer Art Gesamtkunstwerk, zu dem prominente Musiker und Bands von Peter Gabriel über Patti Smith und U2 bis zu den Talking Heads Exklusivsongs komponiert haben. Sein Stammkameramann Robby Müller hat dazu wieder brillante Bilder, vor allem von den grandiosen australischen Landschaften, eingefangen. (…) Bei allem Respekt für die enorme Kraftanstrengung bleibt am Ende doch ein zwiespältiger Eindruck, der sich vielleicht durch die Langfassungrevidieren läßt.“ (Fischer Film Almanach 1992)
„Wenders bleibt der Regisseur, der mit jedem neuen Projekt viel wagt. Trotz aller Widersprüche ist ‚Bis ans Ende der Welt‘ ein Film, der sich aus der Kinolandschaft als ein wichtiger Versuch heraushebt, wenn mit ihm auch nicht der erhoffte große Entwurf und Abschluß gelungen ist. Am Ende ist die größte Sensation des Films: daß es ihn tatsächlich gibt.“ (Stefan Kolditz: Bis ans Ende der Welt, in Peter W. Jansen/Wolfram Schütte, Hrsg.: Wim Wenders, 1992)
Immerhin hatte Wenders das Projekt bereits 1977 nach „Der amerikanische Freund“ begonnen. Das Budget betrug 23 Millionen Dollar (sein damals und wahrscheinlich immer noch teuerster Film). Der Film wurde auf vier Kontinenten an 120 Drehtagen gedreht und 600 Menschen waren beteiligt.
Erst zehn Jahre später veröffentlichte Wenders die gut fünfstündige Fassung, die heute gezeigt wird, und die auch die ursprüngliche und schon beim Kinostart angekündigte Fassung ist.
Mit Solveig Dommartin, Chick Ortega, Eddy Mitchell, Ernie Dingo, William Hurt, Sam Neill, Rüdiger Vogler, Elena Smirnowa, Lois Chiles, Jeanne Moreau, Max von Sydow
LV: Deborah E. Lipstadt: History on Trial: My Day in Court with a Holocaust Denier, 2005
Damit hat die Historikerin Deborah E. Lipstadt nicht gerechnet, als sie in ihrem neuesten Buch den Holocaust-Leugner David Irving scharf angreift. 1996 reicht Irving beim höchsten englischen Zivilgericht eine Verleumdungsklage gegen sie ein. Jetzt muss sie vor Gericht beweisen, dass es den Holocaust wirklich gab.
Eine sehr gute, sehr ehrenwerte und in jeder Sekunde honorige, aber auch etwas bieder geratene Geschichtsstunde.
Der gerade aus dem Gefängnis entlassene Kleinganove George (Bob Hoskins) darf als Gnadenbrot die Highclass-Prostituierte Simone (Cathy Tyson) durch das nächtliche London zu ihren kutschieren. Zwischen den Kunden kommen die beiden gegensätzlichen Charaktere sich näher. Und das sorgt für Probleme.
Grandioser, sehr selten gezeigter Neo-Noir-Gangsterfilm.
Lange, sehr lange, ungefähr seit 2013 war ein Reboot von „Dungeons & Dragons“ im Gespräch. Davor war das erfolgreiche Pen-&-Paper-Rollenspiel bereits die Vorlage für drei zwischen 2000 und 2012 entstandene und inzwischen vergessene Spielfilme. Danach wanderte das Projekt durch zahlreiche Hände, bis Jonathan Goldstein und John Francis Daley, die vorher „Vacation – Wir sind die Griswolds“ (Vacation, USA 2015) und „Game Night“ (Game Night, USA 2018) inszenierten, den Zuschlag erhielten. Gedreht wurde „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ von April bis August 2021 in Island und Nordirland. Der angekündigte Starttermin wurde mehrmals verschoben.
Entsprechend groß ist natürlich die Skepsis. Mehrmalige Startterminverschiebungen deuten oft auf Probleme hin. Und dann gibt es noch die Fans des Spiels, die sich schaudernd an die vielen misslungenen Spieleverfilmungen erinner. Auch Filmfans, die das zugrunde liegende Spiel nicht kennen, können mühelos etliche Spieleverfilmungen aufzählen, die einfach schlechte Filme sind. Wie, um ein halbwegs aktuelles Beispiel zu nennen, Justin Kurzel hochkarätig besetztes Desaster „Assassin’s Creed“ (Assassin’s Creed, USA 2016).
Glücklicherweise ist „Dungeons & Dragons“: Ehre unter Dieben“ ein ganz okayer, unterhaltsamer und sich nicht allzu ernst nehmender Film. Ob es eine gute Verfilmung des Spiels ist, kann ich nicht sagen, weil ich das Spiel nicht kenne. Aber bis jetzt gibt es noch kein Wutgeheul von den Fans des Spiels.
Die Helden des Films sind Edgin (Christ Pine), ein Barde und ehemaliges Mitglied einer Geheimorganisation von Friedenshütern, und seine Kampfgefährtin Holga (Michelle Rodriguez), eine kampferprobte und kampffreudige Barbarin. Nach einem gescheiterten Einbruch sitzen sie in einem mittelalterlichen Hochsicherheitsgefängnis – äh, „Dungeons & Dragons“ spielt in einer dieser Fantasy-Welten, in denen alles nach Mittelalter aussieht, es aber einige moderne Dinge und viel Zauberei gibt.
Ihnen gelingt die Flucht aus dem Gefängnis. Von ihrem alten Kumpel Forge (Hugh Grant) wollen sie nun den ihnen zustehenden Teil der Beute haben. Er will ihn ihnen nicht geben. Außerdem konnte er in den vergangenen zwei Jahren Edgins Tochter Kira (Chloe Coleman) überzeugen, dass er ein netter fürsorglicher Onkel und Edgin ein egoistischer, seine Frau und Tochter verachtender Dieb ist. Deshalb möchte Kira bei Forge bleiben. Außerdem ist der Schlawiner Forge inzwischen der Lord von Niewinter.
In wenigen Tagen will Forge ein großes Fest feiern, zu dem auch viele andere Lords kommen. Dieses High Sun Fest mit seinen Kämpfen und Attraktionen in der Arena und der Stadt wollen Edgin und seine Freunde benutzen, um Forges bestens gesichertem Safe auszuräumen. Um ihn öffnen zu können, müssen sie sich zuerst an anderen Orten einige Dinge besorgen, die schwer zu besorgen sind.
Und los geht die Reise durch Fantasy-Land. Edgin und Holga erleben viele Abenteuer beim Zusammensuchen der für ihren Diebstahl wichtigen Utensilien, sie treffen alte Bekannte und lernen neue Kampfgefährten kennen. Dazu gehören Doric (Sophia Lillis), eine Druidin, die mühelos ihre Gestalt verändern kann und auch als Eulenbär kämpft (frag nicht, akzeptier einfach, dass es riesige Mischwesen aus Eule und Bär gibt), der halbtalentierte Magier Simon (Justice Smith) und der erheblich talentiertere Paladin Xenk (Regé-Jean Page).
„Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ erzählt eine sattsam bekannte Abenteuergeschichte durchaus vergnüglich und selbstironisch, aber auch ziemlich holprig. Jede Figur und jeder Charakterzug ist bekannt. Dass Michelle Rodriguez eine kampfstarke Barbarin spielt, ist nur auf den ersten Blick eine Neuerung. Letztendlich spielt sie den treuen, gutgelaunten, für die Witze zuständigen, bulligen Freund des Helden, der sich ohne mit der Wimper zu zucken, in die nächste Schlacht wirft und für den eine zünftige Kneipenschlägerei immer eine willkommene Abwechslung vom Saufen und Fressen ist. Ob Mann, ob Frau ist egal.
Das gleich gilt aüf die anderen Figuren.
Die Story folgt ebenfalls den vertrauten Pfaden, in denen an verschiedenen Orten verschiedene Dinge besorgt werden müssen und die Figuren auf ihrer Reise viele Abenteuer erleben. Sie folgt auch der Dramaturgie eines Spiels, bei dem hinter jeder Karte eine neue Überraschung wartet.
Die in „Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben“ erzählte Geschichte selbst ist dann schlechte Fantasy. Regeln werden immer so benutzt, wie sie gerade passen. Da ist ein Portal zur Hand, wenn es gerade benötigt wird. Da hilft mal ein Zauberspruch, mal hilft er nicht. Und wenn alle Stricke reißen, fällt einer Figur spontan ein neuer Zauberspruch ein. Figuren können sich immer dann unsichtbar machen, wenn der Drehbuchautor es so will. Gesetze und Regeln werden bei Bedarf einfach ignoriert.
Es gibt, natürlich, viel CGI. Vor allem das Finale ist eine einzige CGI-Schlacht. Auch davor gibt es überreichlich im Computer hergestellte Effekte.
Immerhin wurden Teile vor Ort gedreht. Diese Landschaftsaufnahmen verpassen dem Film eine nötige Portion Realismus. Auch dass die spielfreudigen Schauspieler öfter gemeinsam im Bild sind, führt zu Interaktionen, die in Superheldenfilmen, in denen jeder Schauspieler seinen Text ohne die anderen Schauspieler aufsagt, fehlen.
Dungeons & Dragons: Ehre unter Dieben (Dungeons & Dragons: Honor Among Thieves, USA 2023)
Regie: Jonathan Goldstein, John Francis Daley
Drehbuch: Jonathan Goldstein, John Francis Daley, Michael Gilio (nach einer Geschichte von Chris McKay und Michael Gilio, basierend auf Hasbros Dungeons & Dragons)
mit Chris Pine, Michelle Rodriguez, Regé-Jean Page, Justice Smith, Sophia Lillis, Chloe Coleman, Daisy Head, Hugh Grant
Schwierige Entscheidung zwischen den TV-Premieren „Mulan“ (RTL, 20.15), „Free Guy“ (Pro 7, 20.15 Uhr), „Proxima – Die Astronautin“ (Servus TV, 20.15), dem selten gezeigten Klassiker „Wem die Stunde schlägt“ (Arte, 20.15) und dem „Tatort“ (ARD, 20.15). Also nehmen wir das Programm mit den meisten Osterhasen
Pro 7, 20.15
Free Guy (Free Guy, USA 2021)
Regie: Shawn Levy
Drehbuch: Matt Lieberman, Zak Penn (nach einer Geschichte von Matt Lieberman)
Guy führt ein glückliches und zufriedenes Leben als kleiner Bankangestellter in Free City. Als er sich in Molotovgirl verliebt und eine Brille aufsetzt, die er nicht aufsetzen sollte, erfährt er, dass er in einem Online-Multiplayer-Game lebt. Sein im Spiel nicht vorgesehenes erwachendes Bewusstsein gefährdet sein weiteres Leben und die Weiterexistenz des Spiels. Er und alle seine Freunde könnten den Pixeltod sterben.
TV-Premiere. Überaus unterhaltsame in zwei Welten spielende Actionkomödie.
mit Jodie Comer, Ryan Reynolds, Taika Waititi, Camille Kostek, Aaron W Reed, Channing Tatum, Utkarsh Ambudkar, Joe Keery, Kimberly Howe, Matty Cardarople, Lil Rel Howery, Alex Trebek
Zehn Jahre nach ihrem Spielfilmdebüt „Finsterworld“, einer schwarzen Komödie über Deutschland, seziert Frauke Finsterwalder jetzt das Leben von Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, bekannter als Sisi (bzw. seit den Romy-Schneider-Filmen Sissi). Das Drehbuch schrieb sie wieder mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Christian Kracht. Aber während „Finsterworld“ ein Ensemble- und Episodenfilm war, konzentriert sie sich in ihrem neuen Film, wie der Titel „Sisi & Ich“ schon verrät, auf zwei Personen: die Kaiserin Elizabeth (Susanne Wolff) und Irma, Gräfin von Sztáray (Sandra Hüller), ihre neue Hofdame. Irma ist eine mit 42 Jahren schon ältere, immer noch nicht verheiratete Frau, die unter der strengen Fuchtel ihrer Mutter steht und von ihr in diese Anstellung gedrängt wird. Sisis vorherige Hofdame begutachtet sie wie ein Stück Vieh, stellt sie ein und schickt sie sofort nach Korfu. Dort hält sich die Kaiserin mit ihrem Hofstaat auf.
Als Irma nach einer qualvollen Reise auf der Insel ankommt, entdeckt sie eine Welt, die nichts mit dem strengen Hofprotokoll zu tun hat. Graf Berzeviczy ist der einzige Mann auf der Insel. Er ist ein der Kaiserin treu ergebener, am Rand stehender, für flüssige Abläufe sorgender Diener. Das Leben der Frauen auf Korfu ähnelt dem Leben in einer freien, dauerbekifften Frauenkommune mit einem Oberhaupt, das sich wie ein von allen abgöttisch verehrter Popstar verhält. Sisi leidet an Stimmungsschwankungen, benimmt sich wie ein kleines Kind, will immer ihren Spaß haben, vergibt spontan ihre Gunst und entzieht sie genauso schnell. Jetzt schenkt sie ihre Gunst ihrer neuen Hofdame Irma. Und diese erwidert sie. Schnell entsteht eine Freundschaft, in der das Machtgefälle zwischen den beiden Frauen immer präsent ist.
Wie „Corsage“, Marie Kreutzers Sisi-Interpration, die letztes Jahr im Kino lief, interpretiert Frauke Finsterwalder Sisi und den Sisi-Mythos frei für die Gegenwart. Beide Filme konzentrieren sich auf die zweite Hälfte von Sisis Leben und enden mit ihrem Tod. Beide Filme entfernen sich immer wieder von den historisch verbürgten Fakten; wozu auch Sisis Tod gehört. In beiden Filmen gibt es bewusste Brüche. In „Corsage“ sind das moderne Gegenstände und eine auf einer Abendgesellschaft präsentierte Neuinterpretation von „As Time goes by“.
In „Sisi & Ich“ erfolgt die Modernisierung des historischen Stoffes überzeugender, gelungener und weniger störend vor allem über die Haltung der Figuren, das Spiel der Schauspieler, satirische Zuspitzungen und die Musik. Es gibt nämlich achtzehn von Frauen gespielte und gesungene Lieder, die ein gutes Mixtape ergeben. Es sind vor allem in der breitest möglichen Definition Rocksongs, die Frauke Finsterwalder nicht nach ihrer Popularität bei der breiten Masse, sondern nach ihrem Geschmack und der Stimmigkeit für den Film auswählte.
(Einschub: Es beginnt mit „Wandering Star“ von Portishead. Es folgen „Deceptacon“ von Le Tigre, „Meantime“ von Beaumont, „Things That We Do“ von Rose Melberg, „Lady with the Braid“ von Dory Previn, „Life after youth“ von Tess Parks, „Waiting“ von Alice Boman, „Sinks of Gandy“ von The Other Years, „Death a la carte“ von Would-Be-Goods, „Baby alive“ von Nina Hynes, „Angel“ von Seagull Screaming Kiss Her Kiss Her, „Festival of Kings“ von The Mark Wirtz Orchestra and Chorus, „Girlie Pop“ von Pop Tarts, „Shchedryk (Carol of the Bells)“ von Bel Canto Choir Vilnius, „Afraid“ von Nico, „Shining“ von Peace Orchestra, „Cosmic Dancer“ von Sandra Hüller [ursprünglich ein „T. Rex“-Song, aber es sollten nur Frauen singen] und, etwas Klassik muss sein, „Clara Schumann: Piano Sonata G-Minor II Adagio“ von Yoshiko Iwai.)
Nach der auf Korfu spielenden ersten Hälfte der Komödie, begibt Sisi sich auf eine Reise durch ihr Königreich, halb Europa und nach Ägypten. Dabei zeigt sie immer wieder ihr schon von Korfu bekanntes sprunghaftes, triebgesteuertes, mit den Konventionen des Hofprotokolls haderndes manisch-depressives Verhalten. Immer wieder bricht sie kurzzeitig aus dem goldenen Käfig aus. Und kehrt wieder zurück. Das ergibt eine schnell redundant werdende Aneinanderreihung des Immergleichen. Denn zwischen den zweiten und dem zehnten Ausbruchversuch aus dem Hofprotokoll ergeben sich keine neuen Erkenntnisse.
Damit reiht „Sisi & Ich“ sich in die Reihe aktueller Filme ein, die eine sehr gelungene, in sich geschlossene erste Hälfte, in der eigentlich alles gesagt wird, und eine zerfasernde, zunehmend uninteressantester werdende zweite Hälfte haben.
Sisi & Ich(Deutschland/Schweiz/Österreich 2023)
Regie: Frauke Finsterwalder
Drehbuch: Frauke Finsterwalder, Christian Kracht
mit Sandra Hüller, Susanne Wolff, Stefan Kurt, Georg Friedrich, Sophie Hutter, Maresi Riegner, Johanna Wokalek, Sibylle Canonica, Angela Winkler, Markus Schleinzer, Anne Müller, Anthony Calf, Tom Rhys Harries, Annette Badland