Der aus Syrien geflüchtete Hamid gehört zu einem Untergrundnetzwerk aus Zivilisten, die syrische Kriegsverbrecher verfolgen, enttarnen und der Justiz übergeben.
2016 sucht er im Auftrag der Gruppe in Straßburg den Kriegsverbrecher Sami Hanna. Er soll an der Universität unter falschem Namen studieren. Aber ist der im Verdacht stehende scheinbar harmlose Student der untergetauchte Kriegsverbrecher, der in Syrien als „Der Chemiker“ ein skrupelloser Folterer war?
Hamid hat ihn zwar noch nie gesehen, aber er würde seinen Folterer am Geruch und seiner Stimme erkennen.
Jonathan Millet konzentriert sich in seinem auf wahren Ereignissen basierendem Spielfilmdebüt „Die Schattenjäger“ auf diese Frage und die damit verbundenen Diskussionen innerhalb des Untergrundnetzwerks. Dieses trifft sich nur anonym in einem Ego-Shooter-Kriegsspiel und diskutiert dort über ihre Pläne.
Millet erzählt die Geschichte der Jagd auf diesen einen Kriegsverbrecher als Slow-Burn-Thriller mit minimaler Story und viel Atmosphäre. Vieles wird nur angedeutet und bleibt entsprechend nebulös. Anderes wird nur sehr langsam enthüllt. Und, wie es sich für einen Agententhriller gehört, wird mit unbewegter Mine viel gelogen.
Die Schattenjäger(Les Fantômes, Frankreich/Belgien/Deutschland 2024
Regie: Jonathan Millet
Drehbuch: Jonathan Millet, Florence Rochat
mit Adam Bessa, Tawfeek Barhom, Julia Franz Richter, Hala Rajab, Safiqa El Till
Zugegeben, die Konkurrenz für „Für immer hier“ bei den diesjährigen Oscars in der Kategorie „Bester internationaler Film“ war stark, aber auch etwas schräg. „Flow“ (gleichzeitig als bester Animationsfilm nominiert) und „Emilia Pérez“ (gleichzeitig als bester Film nominiert) hätten zweimal eine Bester-Film-Trophäe erhalten könnnen. Auch „Für immer hier“ war als bester Film nominiert und er hätte, wie 2020 „Parasite“, zweimal Bester Film werden können. Diese doppelte Gewinnchance halte ich gegenüber den anderen Filmen für etwas unfair.
Bei den beiden weiteren als Bester Internationaler Film nominierten Filmen, nämlich „Das Mädchen mit der Nadel“ und, als deutscher Beitrag, „Die Saat des heiligen Feigenbaums“, gab es dann keinen eindeutigen Favouriten.
Denn keiner der Filme ist vollkommen schlecht, aber jeder Film hat seine spezifischen Vorzüge und Probleme. So erzählt Walter Salles die Geschichte einer Entführung aus einer ungewohnten Perspektive. Dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, wird erst am Ende gesagt. Das erklärt nachträglich auch einige der auf den ersten Blick seltsamen Reaktionen der Figuren, die es so in einer erfundenen Geschichte wahrscheinlich nicht gäbe. Und es erklärt den arg langen, sich über mehrere Jahre, fast bis zur Gegenwart, erstreckenden fast halbstündigen Epilog, der auch unter „was danach geschah“ firmieren kann und auf den ersten Blick der Hauptgeschichte nichts beifügt. Es macht nur aus einem schlanken Film, der seine Geschichte in deutlich unter zwei Stunden erzählt ein fast 140-minütiges, sich am Ende wie Kaugummi ziehendes Werk.
„Für immer hier“ spielt hauptsächlich in den frühen siebziger Jahren in Brasilien. Das sudamerikanische Land war von 1964 bis 1985 eine Militärdiktatur. Damals verschwanden unzählige Menschen, die mehr oder weniger gegen die Regierung waren, spurlos. Was genau mit ihnen geschah, ist bis heute oft nicht geklärt. Meistens wurden sie gefoltert, ermordet und irgendwo vergraben.
Am 20. Januar 1971 verschwindet, nachdem er von Männern, die sich als Mitglieder der Luftstreitkräfte ausgaben und ihn mitnahmen, der in Rio de Janeiro lebende Rubens Paiva. Er war Bauingenieur, von 1962 bis zu ihrer Auflösung 1965 Mitglied der Partido Trabalhista Brasileiro (Brazilian Labour Party, PTB) und ein zum linken Flügel der Partei gehörender Kongressabgeordneter. Nach dem Staatsstreich des Militärs ging er nach Europa ins Exil. Er kehrte nach einigen Monaten zurück zu seiner Familie und half Menschen, die von der Militärdiktatur verfolgt wurden, während er nach außen ein normales bürgerliches Leben lebte. Außerdem ist er verheiratet und Vater von fünf Kindern.
Im folgenden schildert Walter Salles („Die Reise des jungen Che“, „On the Road – Unterwegs“), wie Hans-Christian Schmid in seinem Drama „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ über die Entführung von Jan Philipp Reemtsma, die Leiden der Familie. Sie warten auf Nachrichten. Sie müssen sich mit der Situation und dem möglichen Tod des Verschwundenen zu arrangieren. Ins Zentrum rückt in „Für immer hier“ Rubens zunächst politisch desinteressierte Ehefrau Eunice (fantastisch gespielt von Fernanda Torres). Sie versucht, die Familie zusammen zu halten und auf das Schicksal ihres vermutlich schon toten Mannes aufmerksam zu machen.
Als Inspiration für seinen Film diente Salles seine Bekanntschaft mit der Familie Paiva als Jugendlicher und Marcelo Rubens Paivas Buch über seine Mutter, seinen verschwundenen Vater und seine Familie. Salles und seine Drehbuchautoren Murilo Hauser und Heitor Lorega rückten dann die Mutter und ihre Geschichte in den Mittelpunkt des Films.
Der Ansatz, die Geschichte eines Entführten aus der Geschichte der Zurückgebliebenen zu erzählen, ist durchaus interessant. Es geht um die Ungewissheit, was mit dem Entführten geschehen ist und, in diesem Fall, um das Leben in einer Diktatur. Wie bei unzähligen anderen Verschwundenen, wurde nie vollständig geklärt, was mit Rubens Paiva geschah. 1996 wird er für Tod erklärt. Seine Leiche wurde bis jetzt nicht gefunden.
In Brasilien war der Film ein Kassenhit, der Diskussionen über diesen Teil der brasilianischen Geschichte anstieß.
Für immer hier (Ainda Estou Aqui, Brasilien 2024)
Regie: Walter Salles
Drehbuch: Murilo Hauser, Heitor Lorega
LV: Marcelo Rubens Paiva: Ainda Estou Aqui, 2015
Musik: Warren Ellis
mit Fernanda Torres, Fernanda Montenegro, Selton Mello, Valentina Herszage, Luiza Kozovski, Maria Manoella, Marjorie Estiano, Bárbara Luz, Cora Mora, Gabriela Carneiro da Cunha, Olivia Torres, Guilherme Silveira, Antonio Saboia
Ein Gauner & Gentleman (The old man & the gun, USA 2018)
Regie: David Lowery
Drehbuch: David Lowery
LV: David Grann: The Old Man and the Gun (Reportage, The New Yorker, 27. Januar 2003)
Wunderschön entspannte Schnurre über den Berufsverbrecher Forrest Tucker (Robert Redford), der 1981 nach eine Banküberfall Jewel (Sissy Spacek) trifft. Er beginnt mit der nichtsahnenden Witwe eine Beziehung, während er mit seinen Kumpels schon den nächsten Banküberfall plant.
David Lowery erzählt seine äußerst gelungene Mischung aus Liebes- und Gangsterfilm mit viel Retro-Charme als nostalgische, tiefenentspannte Abschiedsvorstellung, die noch einmal die gute alte Zeit feiert, als schlitzohrige Berufsverbrecher auch Gentleman sein konnten. Ein Film für große und kleine Lagerfeuer.
Von mindestens zwei Seiten, nämlich der der Organisatorin und der des Künstlers, nähert Ido Fluk sich in seinem Film „Köln 75“ einem Konzert, das später als Doppel-LP veröffentlicht wurde.
Die siebzehnjährige Vera Brandes (Mala Emde) lebt in den siebziger Jahren in Köln und geht aufs Gymnasium. Ihr Vater ist Zahnarzt und ein Tyrann. Sie ist musikverrückt. Aber sie liebt nicht die Rock- und Popmusik, die Gleichaltrige hören, sondern Jazz. Neben der Schule organisiert sie Konzerte. Als sie in Berlin bei den Jazztagen Keith Jarrett erlebt, ist sie begeistert. Sie will eines seiner Solo-Konzerte in Köln präsentieren. Diese vollkommen frei improvisierten Konzerte spielt Jarrett seit 1972. Seit 1971 veröffentlicht Manfred Eicher, der Gründer des legendären Jazzlabels ECM, bis heute fast alle Aufnahmen von Jarrett in teils umfangreichen Boxsets, die ganze Konzerte und Reihen dokumentieren. Jarretts erste ECM-LP war die 1971 aufgenommene, 1972 veröffentlichte Solo-Piano-LP „Facing You“, die gleichzeitig Jarretts erste Solo-LP war.
Und damit wären wir, wenn wir den Film als klassische LP betrachten, bei der ersten und zweiten Seite von Ido Fluks „Köln 75“. Der süffige Musikfilm beginnt während des fünfzigsten Geburtstag von Vera Brandes. Immer wieder meldet sich der fiktive Jazzkritiker Michael Watts (Michael Chernus) zu Wort. Er vermittelt kurzweilig Hintergrundwissen über verpatzte Anfänge bei Aufnahmen und die Musikgeschichte.
Als während der Geburtstagsfeier die Ansprache von Vera Brandes‘ Vater (Ulrich Tukur) in einem Eklat endet, erinnert Brandes sich an ihre Anfänge als Konzertveranstalterin. Diese Erinnerungen bilden den ersten Teil des Films. Als Sechzehnjährige organisiert sie eine Tour für den Jazzsaxophonisten Ronnie Scott. Weitere von ihr organisierte Konzerte mit anderen Künstlern folgen.
Der zweite Teil des Films konzentriert sich dann auf Keith Jarrett (John Magaro). Er gibt in Lausanne ein Solokonzert. Zusammen mit Manfred Eicher (Alexander Scheer) als Fahrer und Watts, der Jarrett interviewen möchte, fahren sie in einer klapprigen Kiste nach Köln. In diesem Teil geht es um die künstlerischen Vorstellungen und Marotten von Jarrett. Eicher toleriert Jarretts Eigenheiten, weil er den Pianisten für ein Jahrhundertgenie hält, dessen musikalisches Geschenk an die Menschheit alles andere aufwiegt.
Im dritten Teil, bzw. der dritten LP-Seite, treffen dann Vera Brandes und Keith Jarrett aufeinander. Sie hat das Konzert am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper organisiert und sich dafür mit 10.000 DM, was damals sehr viel Geld war, verschuldet. Am Nachmittag stellt sie in der menschenleeren Kölner Oper erschrocken fest, dass auf der Bühne der falsche Flügel steht und Jarrett sich weigert, auf ihm zu spielen. Zusammen mit ihren treuen Freunden, dicken Telefonbüchern, geduldigen Klavierstimmern und viel Lauferei versucht sie das geplante Konzert zu retten. Und auch wenn wir wissen, wie die Geschichte endet, fiebern wir mit.
Ido Fluk („The Ticket“) erzählt in seinem neuen Film „Köln 75“ mitreißend eine Hintergrundgeschichte, die interessant ist, bislang aber auch Jazzfans nicht so wahnsinnig interessierte. Normalerweise ist bei einzelnen Konzerten und sogar bei Festivals nichts über die teils chaotische Organisation des Konzertes bekannt. Schließlich steht das Geschehen auf der Bühne, – die Künstler und ihre Konzerte -, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Etwas seltsam ist, dass in einem Film, in dem es um Jazz, Keith Jarrett und das „Köln Concert“ geht, sehr wenig Jazz und überhaupt nichts von Keith Jarrett und dem „Köln Concert“ zu hören ist. Sie durften die Musik nicht verwenden. Fluk sagt dazu: „Die Wirkung dieser Musik würde sich in einem Film niemals entfalten können. Man könnte bestenfalls einen kleinen Ausschnitt wiedergeben. Und der würde nichts aussagen. Es ist das ganze Werk oder nichts. Das Köln-Konzert ist kein Popsong. Es ist ein langes, ambitioniertes, auch forderndes Stück Jazzmusik, das man am besten in Ruhe in Gänze anhört. Ich vermute, selbst Keith Jarrett würde mir zustimmen. Es ist eher so, dass man sich den Film ansieht und deshalb Lust bekommt, sich das Konzert zuhause anzuhören. Man geht heim und legt die Platte auf. Unabhängig vom Film. Denn in ‚Köln 75‘ geht es nicht um das Konzert. Es geht um Vera Brandes.“
Und Vera Brandes ist nicht einfach nur ein Mädchen, das einmal ein Konzert organisierte und später Hausfrau wurde. Wer zu den wenigen Menschen gehört, die sich bei Schallplatten und CDs auch für das Kleingedruckte interessieren, und wer zu den noch weniger Menschen gehört, die sich dafür interessieren, wer Tourneen und Konzerte organisiert, las öfter den Namen Vera Brandes. Sie organisierte Konzerte von Oregon, Pork Pie, Dave Liebman und Gary Burton; alles legendäre Jazzmusiker und Jazzgruppen. Sie gründete die Labels CMP, VeraBra und Intuition und veröffentlichte über 350 Alben, unter anderem von Nucleus, Charlie Mariano, Theo Jörgensmann, Mikis Theodorakis, Barbara Thompson, Andreas Vollenweider und den Lounge Lizards.
Der am 8. Mai 1945 in Allentown, Pennsylvania (USA), geborene Keith Jarrett ist heute einer der bekanntesten und wichtigsten Jazzpianisten. Sein „Köln Concert“, von Eicher 1975 als Doppel-LP in der normal-spartanischen ECM-Ausstattung veröffentlicht, wurde zum Bestseller. Es ist die meistverkaufte Jazz-Soloplatte, die meistverkaufte Klavier-Soloplatte und Jarretts meistverkaufte und bekannteste Veröffentlichung. Es ist die Jazz-Platte, die auch Nicht-Jazzfans in ihrem Plattenschrank stehen haben.
Die Hintergründe des Konzerts waren lange unbekannt. Später wurde einiges darüber geschrieben, aber im Mittelpunkt der Rezeption der Aufnahme steht immer noch die Aufnahme und nicht die Umstände der Aufnahme. In Ido Fluks Film „Köln 75“ erfahren wir jetzt mehr über diese Umstände.
Fluks kurzweiliger und sehr stimmiger Rückblick in die Bundesrepublik Deutschland Mitte der siebziger Jahre ist eine Liebeserklärung an den Jazz als Musik und als Lebenshaltung und den jugendlichen Aufbruchsgeist, der ohne helfende Hände in mittleren Katastrophen enden kann. Denn ohne ihre Freunde und andere Helfer hätte Vera Brandes, die treibende Kraft bei der Organisation und der Werbung für das Konzert in der ausverkauften Oper, das Konzert nicht veranstalten können.
Und ohne Martin Wieland gäbe es keine Aufnahme von dem Konzert.
Köln 75 (Deutschland/Belgien/Polen 2025)
Regie: Ido Fluk
Drehbuch: Ido Fluk
mit Mala Emde, John Magaro, Michael Chernus, Shirin Eissa, Enno Trebs, Leo Meier, Leon Blohm, Ulrich Tukur, Jördis Triebel, Susanne Wolff, Daniel Betts, Alexander Scheer
LV: Ernest Cline: Ready Player One, 2011 (Ready Player One)
2045: Der zwanzigjährige Wade lebt in Columbus, Ohio, im Armenviertel. Die meiste Zeit verbringt er allerdings, wie viele andere Menschen, in der virtuellen Welt der OASIS. Als OASIS-Erfinder James Halliday stirbt, beginnt die Jagd auf sein Erbe. Dafür müssen in der OASIS drei Aufgaben gelöst und ein Easter Egg gefunden werden. Der Gewinner erhält die Kontrolle über die OASIS und viel Geld.
Spielbergs äußerst kurzweiliger Science-Fiction-Abenteuerfilm ist, wie Ernest Clines erfolgreicher Roman, eine Liebeserklärung an die Pop-Kultur der achtziger Jahre, die Spielberg mit seinen Filmen und seiner Firma entscheidend prägte.
Das Piano (The Piano, Australien/Neuseeland/Frankreich 1993)
Regie: Jane Campion
Drehbuch: Jane Campion
Um 1850 herum wird die stumme Ada nach Neuseeland zwangsverheiratet. Ihr ihr vollkommen unbekannter Ehemann, der Plantagenbesitzer Stewart, nimmt sie und Adas neunjährige Tochter Flora auf. Adas heißgeliebtes Piano lässt er als unnötigen Ballast am Strand zurück. Stewarts Nachbar Baines holt das Piano in sein Haus. Er bietet Ada eine Möglichkeit an, wie sie wieder an ihr Piano kommen könnte.
Jane Campions Durchbruch beim globalen Kinopublikum und immer noch ihr bekanntester Film.
mit Holly Hunter, Harvey Keitel, Sam Neill, Anna Paquin, Kerry Walker
Für Maurice Ravel war es eine Auftragskomposition und eine technische Übung, die er zwischen Juli und Oktober 1928 für die Tänzerin und Choreographin Ida Rubinstein schrieb.
Das für ein Ballett geschriebene Orchesterwerk wurde schnell populär. Heute ist der „Bolero“ Ravels bekanntestes Stück. Immer noch, fast hundert Jahre nach der Premiere, ist es, so steht es im Presseheft, weltweit alle fünfzehn Minuten irgendwo zu hören. Oder anders gesagt: das Stück ist auf der Erde ununterbrochen zu hören.
Ravel hätte das vielleicht gefallen. Schließlich betrachtete er die Auftragskomposition als extremes und einseitiges Experiment, in dem ein Thema ohne jede Entwicklung wiederholt wird und allmählich einer Klimax zugeführt wird. Er meinte, es sei sein einziges Meisterwerk und ergänzte: „Leider hat es aber nichts mit Musik zu tun.“
Und diese Nicht-Musik wird jetzt ständig gespielt. Ohne eine Variation und ohne jemals zu enden.
Anne Fontaine („Coco Chanel – Der Beginn einer Leidenschaft“) erzählt in ihrem Biopic „Bolero“ jetzt, sich Freiheiten nehmend, Maurice Ravels Leben nach. Im Zentrum steht das titelgebende Stück. Sie konzentriert sich auf drei Abschnitte in Ravels Leben. Nämlich als er sich Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts fünfmal, immer erfolglos, um den renommierten Prix de Rome bewarb, auf das Schreiben des Orchesterstückes „Bolero“ 1927/1928 und auf seine letzten Tage, als eine schwere neurologische Erkrankung sein Leben bestimmte. Der am 7. März 1875 in Ciboure geborene Ravel starb am 28. Dezember 1937 in Paris.
Fontaine erzählt Ravels Leben nicht als verfilmten Wikipedia-Artikel. Das ist erfreulich, aber schon während des Sehens drängt sich der Eindruck auf, dass das Ansehen einer guten Dokumentation über Ravel die mit großem Abstand und in jeder Beziehung bessere Wahl gewesen wäre.
Bolero (Bolero, Frankreich/Belgien 2024)
Regie: Anne Fontaine
Drehbuch: Anne Fontaine, Claire Barré, Pierre Trividic (Mitarbeit), Jacques Fieschi (Mitarbeit), Jean-Pierre Longeat (Mitarbeit)
LV: Marcel Marnat: Maurice Ravel, 1986
mit Raphaël Personnaz, Doria Tillier, Jeanne Balibar, Vincent Perez, Emmanuelle Devos, Sophie Guillemin, Anne Alvaro, Marie Denarnaud
Eine gigantische Flutwelle vertreibt eine kleine schwarze Katze aus ihrer Heimat in eine unbekannte Welt. Sie kann sich auf ein Segelboot retten. Dort trifft sie auf einen diebischen Affen, eine gutmütigen Labrador, ein schläfriges Wasserschwein und einen stolzen Sekretärvogel. Sie lernen sich kennen, vertrauen und helfen einander. In ihrer Arche Noah begeben sie sich auf dem Fluss auf eine angenehm vor sich hin mäandernde Reise durch eine menschenleere Gegend mit unbekanntem Ziel
Nach der Premiere in Cannes begann der Siegeszug von Gints Zilbalodis‘ neuem Film „Flow“. Es ist ein Animationsfilm, der ohne Worte auskommt, auch wenn die Tiere manchmal vermenschlicht wirken. „Flow“ erhielt in den vergangenen Monaten den Europäischen Filmpreis und den Golden Globe. Letzte Woche erhielt der lettische Film den Oscar als bester Animationsfilm. Eine gute Wahl.
Zilbalodis lässt die Geschichte, die offen für verschiedene Interpretationen ist, in einer Fantasiewelt spielen, in der die Ruinen, durch die die Tiere fahren, von vergangenen zeitlich und räumlich nicht genau definierten Kulturen zeugen. Der Zeichenstil bewegt sich gelungen zwischen detailfreudigem Ghibli-Realismus und Pixar-Abstraktheit.
Fünf Neueinsteiger, drei Suhrkamp-Bücher, fünf Übersetzungen aus dem Englischen, eine aus dem Spanischen und, auf den Plätzen sechs bis neun, vier Krimis von deutschsprachigen Autoren,
Drei Krimis wurden von Frauen geschrieben. Sie belegen die ersten drei Plätze.
Oh, und nur zwei Bücher haben über vierhundert Seiten. Drei haben weniger als dreihundert Seiten, sind also von angenehmer Kürze.
Das waren jetzt einige unsortierte Anmerkungen, ehe ich mit der Lektüre von Nicole Eicks für den Glauser nominierten Krimi „Wenn der Engel kommt“ fortfahre. Ich bin jetzt auf Seite 124 und es gibt schon, auch wenn das nichts über die Qualität des Werkes aussagt, viele, sehr viele Leichen. In den kommenden Tagen will ich weitere für den Glauser nominierte Krimi lesen und abfeiern. Ich hoffe auf eine weitgehend spannende Lektüre.
Hausfrau Thelma und ihre Freundin, die Kellnerin Louise, brechen zu einem Wochenende ohne Männer auf. In einer Bar wird ein Mann zudringlich. In Notwehr erschießt Louise ihn. Weil ihnen das aber niemand glaubt, fliehen Thelma und Louise nach Mexiko. Verfolgt von der Polizei.
Ein feministisches Roadmovie, ein Kassen- und Kritikererfolg und inzwischen ein Klassiker.
Callie Khouri erhielt für ihr Drehbuch unter anderem den Oscar, einen Golden Globe und den Preis der Writers Guild of America. In ihren späteren Werken konnte sie an diesen Erfolg nicht anknüpfen.
Anschließend, um 22.20 zeigt Arte die brandneue fünfzigminütige Doku „Thelma & Louise: Ein feministischer Western“ (Frankreich 2024).
mit Susan Sarandon, Geena Davis, Harvey Keitel, Michael Madsen, Brad Pitt, Stephen Tobolowsky
Drehbuch: Rebecca Lenkiewicz (basierend auf der „New York Times“-Recherche von Jodi Kantor, Megan Twohey und Rebecca Corbett und dem Buch „She Said“ von Jodi Kantor und Megan Twohey)
LV: Jodi Kantor/Megan Twohey: She said, 2019 (#MeToo; zum Filmstart als „She said“ veröffentlicht)
TV-Premiere. Spielfilmversion der Recherche der „New York Times“-Reporterinnen Jodi Kantor und Megan Twohey gegen den Filmogul Harvey Weinstein wegen jahrzehntelanger sexueller Belästigung. Sehenswert.
2022 veröffentlichte Edward Ashton „Mickey 7“. In ihm erzählt er die Geschichte von Mickey Barnes, der als Expendable auf der Kolonie Niflheim, einem Eisplaneten, lebt. Er führt gefährliche Missionen aus und wird als Versuchskaninchen eingesetzt. Wenn er dabei stirbt – und das ist eine beabsichtigte Nebenwirkung seiner Einsätze – wird wenige Minuten später eine neue Version von ihm ausgedruckt.
Schon vor der Veröffentlichung des Romans erhielt Bong Joon Ho eine frühere Fassung des Romans. Er fand die Prämisse interessant und schrieb „Mickey 17“. Die Änderung der Nummer von 7 auf 17 erklärt Joon Ho so: er wollte zeigen, was Mickey durchleidet und dafür müsse er öfter als im Roman sterben. Und so wurde aus dem siebten Klon der siebzehnte Klon. Gedreht wurde an 87 Tagen von August bis Dezember 2022 in London und vor Ort. Ihre Premiere hatte die SF-Satire auf der Berlinale und jetzt kommt sie in die Kinos.
Weil Mickey Barnes (Robert Pattinson) auf seinem Heimatplaneten Ärger hat, ergreift er die einzige Chance zur Flucht, die er hat: er verpflichtet sich als Expendable. Dieser Job ist auf Expeditionen und Kolonisierungen unbekannter Planeten wichtig, weil es bestimmte Dinge gibt, die nur Menschen tun können und sein wiederholter Tod wertvolle Erkenntnisse über den Planeten bringen kann. Mickey bekommt den Job, den niemand machen will, und er darf mit nach Niflheim fliegen.
Auf der Reise verliebt er sich in Nasha Barridge (Naomi Ackie). Auf dem Planeten trifft er im Eis auf die Creepers. Das sind wurmähnliche Wesen unterschiedlicher Größe. Ob sie den Menschen gegenüber feindlich gesinnt sind, ist unklar. Aber Kenneth Marshall (Mark Ruffalo), der missionarisch beseelte, rechtskonservative Leiter der Expedition, und seine im Hintergrund intrigierende Frau Ylfa (Toni Collette) gehen davon aus.
Als Mickey 17 in ein Eisloch stürzt, erklärt ihm sein Freund Timo (Steven Yeun), dass er ihn leider nicht retten könne. Aber in einigen Stunden werde eh ein neuer Klon von ihm aus dem Menschendrucker gedruckt werden. Mickey 17 beschließt allerdings, nicht auf dem Felsvorsprung zu sterben. Er geht in ein verzweigtes unterirdisches Höhlensystem, trifft auf die Creepers und wird von ihnen bis kurz vor die Station der Kolonisatoren gebracht.
Dummerweise hat Timo ihn bereits als verstorben gemeldet. In seinem Bett trifft Mickey 17 auf Mickey 18. Sie sind Multiple. Und Multiple sind in diesem Universum noch unbeliebter als Expendables. Wenn Marshall das erfährt, wird er mindestens einen von ihnen töten.
Während Mickey 17 und Mickey 18 versuchen, mit der Situation zurecht zu kommen, versammeln sich die Creepers vor der Station.
Bong Joon Ho übernahm in seinem von ihm verfilmten Drehbuch die Grundidee des Romans und auch weitgehend die Geschichte. Aber er veränderte etliche Details, die die Geschichte durchaus verbessern und er veränderte den Humor. Edward Ashton erzählt in seinem Roman Mickeys Geschichte aus Mickeys Sicht mehr witzig sarkastisch mit vielen Rückblenden zu Mickeys vorherigen Leben, einigen Überlegungen zum Klonen von Wegwerfmenschen und, immerhin ist der Buch-Mickey ein Historiker, Informationen zu anderen, meist fehlgeschlagenen Kolonisierungsprojekten. Das Ende ist bei ihm weniger bombig als im Film.
Bong erzählt Mickeys Geschichte mit viel Schwarzem Humor, viel kapitalismuskritischer und eindeutig satirisch. Vor allem das Politikerpaar Marshall, grandios übertrieben gespielt von Mark Ruffalo und Toni Collette, sorgen in ihrer allumfassenden Doppelzüngigkeit und Gemeinheit für etliche Lacher. Im Roman ist der Expeditionsleiter Commander Marshall letztendlich nur ein gewöhnlicher Arschloch-Vorgesetzter.
Mit deutlich über zwei Stunden – „Mickey 17“ dauert insgesamt 137 Minuten – ist der Science-Fiction-Film für eine Satire auch arg lang geraten. Er ist tonal uneinheitlich, zerfasert immer wieder und ist immer wieder zu lang. Das macht „Mickey 17“ noch nicht zu einem schlechten Film, – wahrscheinlich werde ich ihn mir sogar noch einmal ansehen -, aber zu einem enttäuschenden Werk. Dass Bong nicht an die Qualität von seinem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetem und überall abgefeierten vorherigem Film „Parasite“ herankommt, war zu erwarten. Meisterwerke fallen nicht von Himmel. „Mickey 17“ erreicht allerdings auch nicht die Qualität von „Snowpiercer“ und „Okja“. Beide Satiren erzählen ihre Geschichte deutlich fokussierter.
Mickey 17 (Mickey 17, USA 2025)
Regie: Bong Joon Ho
Drehbuch: Bong Joon Ho
LV: Edward Ashton: Mickey 7, 2022 (Mickey 7 – Der letzte Klon)
mit Robert Pattinson, Naomi Ackie, Toni Collette, Mark Ruffalo, Steven Yeun, Holliday Grainger, Anamaria Vartolomei, Cameron Britton
TV-Premiere. Irma Gräfin von Sztáray (Sandra Hüller) wird Hofdame von Kaiserin Elisabeth von Österreich, bekannter als Sisi (Susanne Wolff) – und Frauke Finsterwalder erzählt die Geschichte der beiden Frauen beherzt faktenfrei und mit einem rein weiblichen Soundtrack. Schade, dass die zweite Hälfte des Dramas nicht die Qualität der ersten Hälfte hat.
Anschließend, um 22.15 Uhr, zeigt Arte die 55-minütige brandneue Doku „Sandra Hüllers Geheimnis“ (Deutschland 2024).
mit Sandra Hüller, Susanne Wolff, Stefan Kurt, Georg Friedrich, Sophie Hutter, Maresi Riegner, Johanna Wokalek, Sibylle Canonica, Angela Winkler, Markus Schleinzer, Anne Müller, Anthony Calf, Tom Rhys Harries, Annette Badland
„Es lebten einmal in einem großen Wald eine arme Holzfällersfrau und ein armer Holzfäller.
Nein, nein, nein, ganz gewiss handelt es sich hier nicht um den Däumling. (…) Wo oder wann hat es denn schon so etwas gegeben, dass Eltern ihre Kinder ausgesetzt haben, weil sie sie nicht ernähren konnten?“
Mit diesem Worten beginnt Jean-Claude Grumbachs „Das kostbarste aller Güter“, ein schmales Buch von 136 Seiten, das als Märchen, als Fabel und als Jugendbuch bezeichnet wird und das sich kunstvoll zwischen alle Stühle setzt. Jetzt wurde die Geschichte von „The Artist“-Regisseur Michel Hazanavicius, nach einem zusammen von ihm und Grumberg geschriebenem Drehbuch, als Animationsfilm verfilmt. In der Originalfassung ist Jean-Louis Trintignant, in der deutschen Fassung Jürgen Prochnow der Erzähler der Geschichte von dem Holzfällerpaar.
Diese spielt Anfang 1943 in Polen, wenige Kilometer vom Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Im Buch wird das auf den ersten Seiten verraten. Im Film wird erst im letzten Drittel wirklich deutlich, wann und wo die Geschichte spielt. Bei den Zuggleisen findet die arme alte Holzfällerfrau im Schnee ein Baby. Es wurde von seinem Vater aus dem Zug geworfen. Sie nimmt es mit nach Hause und beginnt es, gegen den anfänglichen Widerstand ihres Mannes, zu pflegen.
Während sie von Anfang an in dem Mädchen ein Geschenk Gottes sieht und es ohne Vorbehalte akzeptiert, lehnt er es anfangs ab. Er hält es für ein Wesen ohne Herz, das zu dem Stamm gehört, der Gott getötet hat. Aber er überprüft seine Vorurteile und verteidigt die Herzlosen vor seinen Arbeitskollegen.
Jean-Claude Grumberg, der 1939 in Paris geborene Autor der Buchvorlage, ist ein bekannter Theater- und Drehbuchautor. Immer wieder beschäftigt er sich mit seiner traumatischen Kindheit während des Zweiten Weltkriegs, der Nazi-Diktatur und dem Antisemitismus. Sein Vater, ein rumänischer Jude, wurde in Auschwitz ermordet. Zu Grumbergs Drehbüchern gehören „Die letzte Metro“ (Le Dernier Métro, 1980), „Die kleine Apokalypse“ (La petite apocalypse, 1992; seine erste Zusammenarbeit mit Costa-Gavras), „Der Stellvertreter“ (Amen, 2002) und „Die Axt“ (Le couperet, 2005).
Für die Verfilmung seines Märchens „Das kostbarste aller Güter“ veränderte er in dem zusammen mit Hazanavicius geschriebenem Drehbuch einige Details. Dummerweise sind die ursprünglich gewählten Lösungen besser. So ist im Film bis zum letzten Drittel unklar, wann und wo genau die Geschichte spielt. Mit den ersten Worten „Es lebten einmal in einem großen Wald eine arme Holzfällersfrau und ein armer Holzfäller.“ wird die Geschichte in das Reich der Märchen und Fabeln verwiesen. Alles verbleibt in einer zeitlich und örtlich nicht genau definierten Welt, die auch eine Fantasiewelt sein kann. Im Buch wird nach dem ersten Satz sehr schnell mehr über den Handlungsort und die -zeit gesagt. Es ist klar, dass die Züge zu einem Konzentrationslager fahren.
Auch das Ende ist im Buch dank seiner Kürze gelungener. Im Film verliert die Fabel mit dem Kriegsende ihren dramatischen Fokus. Das hindert Hazanavicius nicht daran, noch mehrere Minuten weiter zu erzählen, was in den Tagen und Jahren nach der Befreiung geschieht. Dabei dauert der Film ohne Abspann keine achtzig Minuten. Mit den drastischen Bilder aus und vor dem Konzentrationslager wird „Das kostbarste aller Güter“ in dem Moment zu einem Film, der eher ein erwachsenes Publikum anspricht.
Überzeugend ist im Buch und im Film die Darstellung des Lebens des Holzfällerpaares, wie sie sich um das von den ‚Göttern des Zuges‘ erhaltene Geschenk kümmert und wie er seine Haltung zu dem Baby verändert.
Das kostbarste aller Güter (La plus précieuse des marchandises, Frankreich 2024)
Regie: Michel Hazanavicius
Drehbuch: Jean-Claude Grumberg, Michel Hazanavicius
LV: Jean-Claude Grumberg: La plus précieuse des marchandises, 2019 (Das kostbarste aller Güter)
Länge: 81 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Die Vorlage
(nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2021 in der Kategorie „Nominierungen der Jugendjury“)
Jean-Claude Grumberg: Das kostbarste aller Güter – Ein Märchen
(übersetzt von Edmund Jacoby, mit Zeichnungen von Ulrike Möltgen)
Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2020
136 Seiten
16 Euro
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Originalausgabe
La plus précieuse des marchandises. Un conte
Éditions du Seuil/Librairie du XXle siècle, Paris 2019
In einer postapokalyptischen „Mad Max“-Welt (für Jüngere: „Borderlands“), in der die Zivilisation, wie wir sie kennen, zusammengebrochen ist, es wieder Hexen, Zauberei und alles was dazu gehört, gibt und Herrschaft wieder über irgendwelche monarchistischen Thronfolgen und Intrigen geregelt wird, erfüllt die Hexe Gray Alys (Milla Jovovich) Wünsche. Allerdings werde das Ergebnis, warnt sie die Bittsteller immer, nicht unbedingt so sein, wie der Wünschende es sich wünscht. In den gefährlichen Lost Lands kann sie Dinge und Wesen finden, die sonst niemand finden kann.
Jetzt soll die Hexe Gray Alys für eine liebestrunkene Königin einen Werwolf. Er soll sich in den Lost Lands am Skull River aufhalten soll. Bei der Suche hilft ihr der immer einen Cowboyhut tragende Jäger Boyce (Dave Bautist). Er ist auch so etwas wie der Erzähler des Films.
Zu zweit machen sie sich auf den Weg – und schnell fliegen Pixelwolken, die Blut symbolisieren sollen, über die Leinwand.
Geschrieben und inszeniert wurde „In the Lost Lands“ von Paul. W. S. Anderson. Basieren tut der Fantasyfilm auf drei von George R. R. Martin in den siebziger und frühen achtziger Jahren geschriebenen Kurzgeschichten. Ab 1996 veröffentlichte Martin die Fantasy-Saga „Das Lied von Eis und Feuer“ (A Song of Ice and Fire), die als „Game of Thrones“ verfilmt wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.
Bei den beteiligten Personen, u. a. Paul W. S. Anderson und Milla Jovovich (um nur die bekanntesten Namen zu nennen), erwartet niemand ein zum Nachdenken anregendes Arthauswerk. Man erwartet ein trashiges B-Movie-Spektakel im Stil von „Resident Evil“. In der an der Kinokasse erfolgreichen SF-Actionreihe inszenierte Anderson seine Frau Milla Jovovich als schlagkräftige Actionheldin. Das tut er hier wieder. Die Welt ist eine dieser Ramschladen-“Mad Max“-Welten, in der überall Schrott herumliegt, exzessiv mit Farbfiltern gearbeitet wird und die raren Actionszenen in einem Chaos von Schnitte enden. Zum Western wird „In the Lost Lands“ wegen des Sandes, den Pferden und einigen Waffen, die es schon im Wilden Westen gab. Oder die aussehen, als hätte es sie damals gegeben. Die Story bemüht am Ende mit einigen Twist dem vorher gezeigten eine neue Bedeutung zu geben. Aber wen interssiert das in dem Moment noch?
Sogar mit der reduzierten Erwartung, eine „Resident Evil“-Variante mit Western-Touch zu erleben, langweilt „In the Lost Lands“ auf ganzer Linie.
In the Lost Lands (In the Lost Lands, Deutschland/Kanada/USA 2025)
Regie: Paul W. S. Anderson
Drehbuch: Constantin Werner (nach einer Geschichte von Paul W. S. Anderson und Constantin Werner)
LV: George R. R. Martin: The Lonely Songs of Laren Dorr (1976), Bitterblooms (in Cosmos Science Fiction and Fantasy Magazine, November 1977), In the Lost Lands (in Amazons II, DAW Collectors #485, 1982)
mit Milla Jovovich, Dave Bautista, Arly Jover, Amara Okereke, Fraser James
Für seinen zweiten Spielfilm bleibt Ladj Ly in der Pariser Banlieue – und erzählt eine gänzlich andere Geschichte. Am besten betrachtet man „Die Unerwünchten – Les Indésirables“ als gelungene Ergänzung zu seinem Debüt „Die Wütenden – Les Misérables“, das 2020 bei uns im Kino lief.
In ihm erzählt er die Geschichte von drei Zivilpolizisten und, nachdem ein Löwenjunge aus einem Zirkus gestohlen wird, einer etwas aus dem Ruder laufenden Schicht, Dabei entsteht das gelungene Porträt von einem Stadtviertel in Paris, in dem sich die sozialen Probleme ballen und die Stimmung ständig kurz vor dem Siedepunkt ist.
In „Die Unerwünschten – Les Indésirables“ konzentriert er sich auf die städtische Angestellte Haby Keita (Anta Diaw) und den Arzt Pierre Forges (Alexis Manenti). Er wird, nachdem der Amtsinhaber überraschend stirbt, von seiner Partei zum Bürgermeister befördert.
Beide leben in verschiedenen Welten. Sie lebt in Les Grands Bosquets, kennt die Bewohner seit ihrer Kindheit und hilft ihnen. Sie ist eine von ihnen.
Er lebt in seiner noblen Vorstadtvilla und kennt den sozialen Brennpunkit Les Grands Bosquets letztendlich nur aus den Schlagzeilen der Tageszeitung. Politik ist, auch wenn sie hier noch auf lokaler Ebene praktiziert wird und Pierre keine Ahnung von der Politik hat, ein Teil des Lebensstils des etablierten Bürgertums. Es ist keine Notwendigkeit, sondern ein Hobby, bei dem man sein soziales Engagement beweisen kann. Wie dieses Engagement dann mit eigenen Interessen verknüpft ist, zeigt Ladj Ly in „Die Unerwünschten“.
Zwischen den Geschichten von Haby und Pierre herrscht ein Ungleichgewicht, das sich durch den ganzen Film zieht. Sie ergänzen sich nicht, sondern stehen sich im Weg. Ihre Geschichte ist formal ein klassisches Sozialdrama und eine dichte Milieustudie im Ken-Loach-Stil. Seine Geschichte ist dagegen ein Politdrama, die Geschichte eines Mannes, der von der Macht verführt wird. Das ist formal aufklärerisches und die Herrschenden anklagendes Polit-Kino, wie man es aus den siebziger Jahren und von Regisseuren wie Constantin Costa-Gavras kennt.
Dabei ist Pierres Geschichte die eindrucksvollere. Ladj Ly zeigt, wie aus einem politisch unbedarften Arzt ein Menschen verachtendes Monster wird. Von seinen Parteifreunden wird er in den Job gestoßen, um die Zeit bis zur Wahl zu überbrücken. Er ist ein Übergangs- und Verlegenheitskandidat, von dem nur erwartet wird, dass er keine großen Fehler macht. Aber dann will er das Werk seines Vorgängers fortsetzen und das Leben der Menschen in dem Viertel verbessern. Darunter versteht er reaktionäre und ausländerfeindliche Aktionen, die immer noch gerade so legal sind. So lässt er das schon seit Ewigkeiten baufällige Banlieue-Mietshaus in dem arme Einwanderer leben, an Weihnachten räumen, weil der Bau angeblich akut einsturzgefährdet sei. Das ist Quatsch, aber so kann er seine unnötig gemeine Aktion mit Wohltätigkeit und Besorgnis um die Menschen tarnen. Was nach der rücksichtslos durchgeführten Räumung mit den auf der Straße sitzenden Mietern passiert, ist ihm egal. Außerdem ist so der Weg frei für ein schon lange geplantes Bauprojekt. Bislang konnte es nicht verwirklicht werden, weil die Mieter nicht ausziehen wollten.
In Pierres Geschichte zeigt Ladj Ly, wie Politik funktioniert, wie aus einem halbwegs anständigem Mann ein eiskalter Rechtspopulist wird. Seine Untaten ummäntelt er mit Wohltätigkeit. Dabei entwickelt er ein auch seine Parteikollegen überraschendes politisches Talent und Bosheit beim Durchsetzen seiner Ziele.
Bei einer ihrer Begegnungen entschließt Haby sich spontan, gegen ihn zu kandidieren. Ihre Familie wanderte aus Mali ein. Sie ist in dem Viertel verwurzelt, weil sie dort lebt und arbeitet und alle kennt. Sie ist, auch ohne es zu ahnen, die gute Seele des Viertels. In dem Moment ist es nur eine in ohnmächtiger Wut getanene Ankündigung auf die zunächst keine Taten folgen. Auch später wird ihr Wahlkampf mehr mitgeschleppt als konsequent erzählt. Offensichtlich interessiert Ladj Ly sich nicht für diese eigentlich interessante Geschichte. So bleibt Habys Geschichte vor allem eine nah an den Menschen erzählte Milieustudie.
Beide Geschichten bieten Stoff für einen guten Film. Beide Geschichten könnten auch in einem Film gut erzählt werden, wenn die richtigen Momente ausgewählt würden und die richtige Balance zwischen Haupt- und Nebengeschichte gefunden würde. In „Die Unerwünschten“ stehen sie sich im Weg. Zu vieles wird angerissen und dann nicht richtig weiter erzählt. Das macht „Die Unerwünschten“ nicht zu einem schlechten Film, sondern zu einem Film, der besser hätte sein können. Sehenswert ist er trotzdem und eine gelungene Ergänzung zu seinem Debüt „Die Wütenden“.
Das war jetzt die Empfehlung für ein Double Feature.
Die Unerwünschten – Les Indésirables (Les Indésirables/Bâtiment 5, Frankreich 2023)
In „Love hurts – Liebe tut weh“, dem Debütfilm von Jonathan Eusebio, gibt es reichlich gewalttätige Action. Die schwer malträtierten Männer tauchen nach jedem Kampf, egal wie sehr sie in ihm verletzt wurden und wie oft sie eigentlich tot oder im Krankenhaus sein müssten, in der nächsten Szene wieder auf. Etwas lädiert vielleicht, aber ungebrochen in ihrer Lust auf die nächste Verletzung ihres Körpers. Sie sind Cartoon-Figuren in menschlicher Gestalt.
Das verwundert wenig. Denn „Love hurts – Liebe tut weh“ ist der neue Film der Produzenten von „Nobody“, „Violent Night“ und „The Fall Guy“. Wobei „Nobody“ der passende Referenzfilm ist. „Nobody“ ist auch der bessere Film.
Protagonist von „Love hurts – Liebe tut weh“ ist Marvin Gable, ein überaus dienstbeflissener Immobilienmakler in Milwaukee. Er ist höflich, nett, harmlos. Und ein ehemaliger Auftragskiller. Seinen letzten Auftrag führte er nicht aus. Er ließ das Opfer Rose Carlisle entkommen und begann sein neues, gänzlich andere Leben.
Jetzt kehrt Rose zurück und plötzlich muss Marvin sich mit ihr, seinem verbrecherischen Bruder und ener Bande überaus mordgieriger Killer herumschlagen.
Ke Huy Quan, der vor vierzig Jahren in „Indiana Jones und der Tempel des Todes“ als kleiner Junge und Begleiter des Helden bekannt wurde, später ungefähr zwanzig Jahre als Schauspieler pausierte (er arbeitete hinter und abseits der Kamera weiter im Filmgeschäft) und für seine Rolle in der allseits beliebten SF/Fantasykomödie „Everything Everywhere all at Once“ den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt, übernahm die Hauptrolle. Er spielt Marvin als brutales Update von Jackie Chan.
Die Story selbst ist ziemlich einfach. Aber sie wird denkbar chaotisch präsentiert. Die Action ist selbstverständlich handgemacht und gelungen. Eigentlich ist „Love hurts“ eine Bewerbungsmappe des bereits bekannten und bewährten Stuntteams für ihren nächsten Film, garniert mit plakativem Humor und einigen einfallsreichen Bildern bei den Kämpfen, in denen alle möglichen Geräte und Gegenstände, die sich in einem Haushalt befinden oder gerade in Griffnähe sind, gegen Menschen eingesetzt werden.
Das Ergebnis ist ein kurzweiliger, durchaus derber Spaß irgendwo zwischen Jackie Chan und Hongkong-Actionkino mit, wie der Titel andeutet, etwas Liebe. Und keine Minute zu lang.
Jonathan Eusebio war als Stuntman und Second-Unit-Regisseur unter anderem in „Violent Night“, „The Fall Guy“, die „John Wick“-Filme, etliche Superheldenfilme wie „Birds of Prey: The Emancipation of Harley Quinn“, „Deadpool 2“, „Black Panther“, „Doctor Strange“ und „The Avengers“ und Actionfilme wie „Fast & Furious 8“, „Matrix Resurrections“ und „Haywire“ involviert.
Love hurts – Liebe tut weh (Love Hurts, USA 2025)
Regie: Jonathan Eusebio
Drehbuch: Matthew Murray, Josh Stoddard, Luke Passmore
mit Ke Huy Quan, Ariana DeBose, Daniel Wu, Mustafa Shakir, Lio Tipton, Cam Gigandet, Marshawn „Beastmode“ Lynch, Sean Astin
Der Glanz der Unsichtbaren (Les Invisibles, Frankreich 2018)
Regie: Louis-Julien Petit
Drehbuch: Louis-Julien Petit, Marion Doussot, Claire Lajeunie
LV: Claire Lajeunie: Sur la route des invisibles, femmes dans la rue
Eine Tagesstätte für obdachlose Frauen soll geschlossen werden. Leiterin Manu (Corinne Masiero) und ihr Team erhalten von der Stadtverwaltung eine letzte Frist, die sie mit dem Mut der Verzweifelten nutzen.
Wunderschöne Feelgood-Komödie mit Ken-Loach-Touch und vielen Laienschauspielerinnen, die sich selbst spielen.